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Als Ravensburger E-Book erschienen 2019
Die Print-Ausgabe erscheint im Ravensburger Verlag

© 2019 Ravensburger Verlag

Originaltitel: Alyxa, Book 3: The Sixth Warden Rises
© Working Partners Ltd.

Umschlaggestaltung: Frauke Schneider unter Verwendung von Motiven von depositphotos/yuriy2design und depositphotos/lifeonwhite
Vignetten im Innenteil: Adobe Stock/Alexander Potapov und Adobe Stock/paunovic
Übersetzung: Leo Strohm

Alle Rechte dieses E-Books vorbehalten durch Ravensburger Verlag GmbH, Postfach 2460, D-88194 Ravensburg.

ISBN 978-3-473-47982-5

www.ravensburger.de

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Wie Spinnen krochen die seltsamen Wörter über die Seite.

Finn saß auf seinem Bett, das Buch Morvans aufgeklappt auf dem Schoß, und starrte ratlos auf das Gewimmel und Gezappel vor seinen Augen. Der Text war völlig unverständlich, und er konnte kaum die Buchstaben auseinanderhalten. Es handelte sich um uralte Druidenverse, eine vergessene Sprache aus einer längst vergangenen Zeit.

„Ryngwull …“ Er spürte, wie seine Lippen die seltsamen Laute formten, hatte jedoch nicht die leiseste Vorstellung, was sie bedeuten konnten. „Folm … cuwelan …“

Allein das Gefühl, das diese Worte auf seiner Zunge hinterließen, ließ ihn schaudern und löste seltsame, stechende Kopfschmerzen aus. Während er sie aussprach, verschwammen die Buchstaben vor seinen Augen und verwandelten sich, waren jetzt keine zappelnden Spinnen mehr, sondern nur noch ein willkürliches Durcheinander aus Rissen im Papier. Die Risse wurden breiter, das Papier rollte sich immer weiter zurück und gab den Blick auf die dahinterliegende Dunkelheit frei, eine Dunkelheit, die sich immer weiter ausbreitete. Das, was er da sah, war nicht etwa sein Bettzeug, sondern etwas ganz anderes, ein Ort, mit dem er auf gar keinen Fall etwas zu tun haben wollte. Die Öffnung wurde größer und größer, bis er ein rundes Loch vor sich sah, in dessen Tiefen ein schwaches silbernes Kräuseln zu erkennen war. Wasser. Ein Brunnen, die Wände über und über mit Flechten und Schleim bedeckt. Er beugte sich über den Rand.

Ein lautes Platschen ertönte, dann schoss eine Hand aus dem Wasser hervor, bleich wie ein Fisch. Schwarze Fingernägel suchten Halt an der Wand, krallten sich fest. Eine zweite Hand folgte. Dann zwei weitere. Bald waren es Dutzende, die nach ihm greifen wollten. Wie Spinnenbeine krabbelten die Finger die Wände empor, und auch wenn er keine Körper oder Gesichter erkennen konnte, so hörte er doch ihre schrillen, widerhallenden Stimmen, die alle dasselbe Wort riefen.

BIERN!

Finn schlug das Buch zu und schleuderte es quer über das Bett. Schwer atmend hockte er da, den Rücken an das Kissen gelehnt, die Beine kerzengerade ausgestreckt. Schweißperlen kribbelten an seinem Hals. Er rieb sich die Augen, aber als er die Hände wieder sinken ließ, war das Buch immer noch da. Er stopfte es unter die Matratze. Das war schon besser.

Hände. Dunkelheit.

Er musste an seine Träume denken – Träume, die von Morvan handelten, dem längst verstorbenen Druiden, dessen Buch jetzt unter seiner Matratze pulsierte. Seitdem er hier auf Alyxa war, spürte Finn so etwas wie eine telepathische Verbindung zu Morvans Geist. Das allein war ja schon beängstigend genug, aber in seinen Träumen ging es nicht darum, dass Morvan ihn irgendwie manipulieren wollte. Vielmehr tauchte der Druide jedes Mal mit einem mysteriösen Lächeln auf seinem über und über tätowierten Gesicht aus der Dunkelheit auf, streckte die Hand aus und stieß sie dann tief in Finns Brust, um mit den Fingern Finns pochendes Herz zu umschließen. Dann drückte er zu … und jedes Mal sagte er dabei dasselbe Wort: „Biern.“

Einer der Lehrer hatte ihm erklärt, dass das so etwas wie Samenkorn bedeutete. Doch die andere Bedeutung des Wortes – die, die Finn noch sehr viel mehr fürchtete – war Erbe. Denn welche andere Erklärung konnte es für die Verbindung zwischen ihm und diesem vor über tausend Jahren ermordeten Druiden geben? Durch Finns Adern floss Morvans Blut, daran gab es keinen Zweifel. Deshalb besaß er auch die verblüffenden Kräfte des sechsten Sinns, vor deren Anwendung er sich so fürchtete. Kräfte, die ihn das Leben kosten konnten, falls der Dekan oder dessen erbarmungslose Gesinnungsgenossen aus dem Orden erfuhren, wozu Finn fähig war. Sich in den Geist eines anderen Menschen versetzen zu können, die Kontrolle über dessen Körper zu übernehmen – für sie war das gleichbedeutend mit Schwarzer Magie. Es war verboten. Der Orden hatte sich ganz dem Ziel verschrieben, all das mit Stumpf und Stiel auszurotten.

Im Aufenthaltsraum des Gehörsinnclans schlug eine Uhr. Das Geräusch wurde zwar durch die Zimmertür gedämpft, aber Finn besaß außergewöhnlich scharfe Ohren. Es war 14 Uhr. Eigentlich war er nach dem Mittagessen mit seinem Bruder John verabredet gewesen, doch John hatte sich nicht blicken lassen.

Finn streifte die Winterjacke über seinen blauen Jogginganzug und ging durch den Aufenthaltsraum hinaus auf den Flur. Dabei nickte er Olly, Amaya und Kelly-Anne zu, die, wie alle anderen im Aufenthaltsraum auch, einfach nur herumsaßen und lasen oder Gitarre oder Keyboard spielten, aber lautlos, nur über Kopfhörer. Diese Stille, obwohl so viele Musikinstrumente gespielt wurden, war etwas sehr Eigenartiges. Finn war froh, sich alledem entziehen zu können. Die Schulärztin, Dr. Forrester, hatte ihn zwar dem Gehörsinnclan zugeteilt, aber er kam sich hier immer noch wie ein Schwindler vor. Er wusste genau, dass das für ihn lediglich eine Tarnung war, damit niemand merkte, wo seine wahren Kräfte lagen.

Zuerst ging er hinüber zum Tastsinnclan. Dort waren alle die Schülerinnen und Schüler untergebracht, deren Tastsinn besonders ausgeprägt war. Manche besaßen die Gabe, nur durch Berührung Wasser zum Kochen oder zum Gefrieren zu bringen, andere verfügten über telekinetische Kräfte und konnten mithilfe ihrer Gedanken Gegenstände bewegen. Keine Frage, hier gab es die spektakulärsten Kunststücke zu sehen.

Nur John war nirgendwo zu entdecken. Dann war er wohl im Fitnessstudio. Die Flure waren wie ausgestorben, und Finn kam zügig voran, doch dann musste er feststellen, dass der Raum mit den Laufbändern und Crosstrainern völlig verwaist war. Er stellte sich vor einen der Touchscreen-Monitore und rief seinen Bruder über dessen Identifikationsnummer an.

„Was willst du?“, ließ John sich vernehmen.

„Wir waren doch verabredet“, erwiderte Finn.

„Oh. Tut mir leid. Hör zu, ich bin gerade ziemlich beschäftigt.“

Kräftiger Wind verzerrte Johns Stimme, sodass er nur undeutlich zu verstehen war.

„Ich wollte bloß mit dir reden“, sagte Finn.

„Später vielleicht“, entgegnete John, dann brach die Verbindung ab.

Bei jedem anderen hätte Finn es darauf beruhen lassen, aber John war sein Bruder!

Und Finn war sich ziemlich sicher, dass er wusste, wo er zu finden war.

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Die Oktoberluft war beißend kalt, genau wie erwartet, und Finn war froh, dass er seine Jacke mitgenommen hatte. Mit gesenktem Kopf stemmte er sich gegen den heulenden Wind und stapfte über die mit Schnee bestäubten Wiesen auf die Südspitze der Insel zu.

Als er sich umdrehte, sah die Schule aus, als sei sie in einem winterlichen Zauber erstarrt. Im Inneren des sternförmigen Gebäudes war es zwar still und friedlich gewesen, aber von außen wirkte es wie tot. Eiszapfen hingen von den Dachrinnen und glitzerten im Licht der Sonne, aber die silbernen Wände sahen irgendwie stumpf und leblos aus.

Finn dachte daran, wie sehr Alyxa sich verändert hatte, seit er und John hierhergekommen waren. Mit einem Hubschrauber hatte man sie aus ihrem normalen Leben in London herausgerissen und quer über die Irische See auf diese verborgene Insel mitten im Nirgendwo gebracht. Damals war die Schule von fünf Hütern geleitet worden, für jede Sinneswahrnehmung einer, die alle auf ihre eigene Art sehr exzentrische Charaktere gewesen waren. Finn hätte nicht sagen können, dass er den einen oder die andere besonders gerne gehabt hatte, aber er hatte auch kaum Gelegenheit gehabt, sie näher kennenzulernen, weil sie einer nach dem anderen durch tätliche Angriffe verletzt und manche sogar beinahe getötet worden waren. Für diese schrecklichen Mordanschläge trugen allein Morvan und seine Anhänger die Verantwortung. Jetzt, wo die Hüter nicht mehr hier sein konnten, hatte der Vorsitzende der Alyxa-Stiftung, Sir Eustace Merriman, die Leitung der Schule übernommen. Ach ja, zusammen mit dem Dekan natürlich … ein Alyxa ohne Geraint Kildair mit seinem durchdringenden Blick und seiner erbarmungslosen Disziplin konnte Finn sich beim besten Willen nicht vorstellen. Der Dekan hätte sich garantiert durch nichts von der Insel vertreiben lassen.

Jetzt übertönte ein lautes Knattern das Heulen des Windes. Finn hob den Blick und sah einen Hubschrauber über dem Schulgebäude schweben. Auf dem weiß lackierten Rumpf prangte ein schwarzer fünfzackiger Stern – das Symbol der Sicherheitstruppe, die sich „Der Orden“ nannte. Ihre Aufgabe bestand darin, die Schülerinnen und Schüler zu beschützen und außerdem den sechsten Sinn auszulöschen. Der Hubschrauber war größer als die beiden anderen, die der Schule gehörten, besaß zwei Rotoren und einen geräumigen Rumpf. Gestern hatte er schon einmal einen Schwung neues Sicherheitspersonal hier abgesetzt.

Was hat der Dekan denn vor? Will er eine ganze Armee aufbauen?

Bis zu den Klippen waren es gut anderthalb Kilometer über felsiges, von Sträuchern überwuchertes Gelände. Zum Glück waren die sumpfigeren Abschnitte aufgrund der niedrigen Temperaturen gefroren. Als Finn sich dem Rand der Insel näherte, sah er eine groß gewachsene Gestalt neben einem zerklüfteten Felsvorsprung stehen. Der eisige Wind sorgte dafür, dass Johns T-Shirt und seine kurze Hose sich eng an seinen Körper schmiegten. Dadurch kamen die Muskeln, die er sich im Verlauf der letzten Monate im Fitnessstudio erarbeitet hatte, besonders deutlich zum Vorschein. Finn trug eine gefütterte Jacke und schlang die Arme um den Oberkörper. Wie hielt sein leicht bekleideter Bruder diese Kälte bloß aus? Aber John war schon immer der Stärkere von ihnen beiden gewesen.

„He!“, rief Finn, doch der Wind wehte seine Worte einfach weg. Er rief noch lauter, und dieses Mal drehte sein Bruder sich um, bückte sich, hob einen Stein vom Boden auf und warf ihn abwechselnd von einer Hand in die andere.

„Ich hab doch gesagt, dass ich beschäftigt bin.“

John stand dicht an der Kante, und Finn hielt etliche Schritte Abstand, während sein Bruder den Stein über die Klippenkante schleuderte. Er flog in hohem Bogen davon und war bereits nicht mehr zu sehen, bevor er den langen Weg hinunter ins Meer antrat. John hatte gar nicht besonders kräftig geworfen, aber trotzdem konnte Finn nicht sehen, wo der Stein landete. Johns Tastsinnkräfte waren etwas ganz Besonderes. Sie verliehen ihm nicht nur eine bemerkenswerte Stärke, sondern auch andere Fähigkeiten, die er gerade erst zu entdecken begann.

„Das ist unglaublich“, sagte Finn.

John schnaubte leise, hob noch einen Stein auf, spielte ein wenig damit und ließ ihn wieder fallen. „Was nützen einem all die Kräfte, wenn man den Menschen nicht helfen kann?“

Es ging natürlich um Adriana. Klar, darüber hätten sie schon viel früher sprechen sollen, aber irgendwie war es nie der richtige Zeitpunkt gewesen. In gewisser Weise hatte John sie zweimal verloren. Das erste Mal, als sie in den Ruinen von Morvans Tempel ertrunken war, in den felsigen Tiefen der Klippen hier direkt unter ihren Füßen, und dann noch einmal, als sie ihm genau an dieser Stelle aus den Händen geglitten war. Obwohl … das war nicht Adriana gewesen. Ihr Körper, ja, aber ihr Geist war von Morvan besessen gewesen.

„Dich trifft keine Schuld“, sagte Finn.

„Wo mag sie jetzt wohl sein?“ Der Wind ließ seine langen Haare flattern.

Finn zögerte zunächst, bevor er eine Antwort gab. „Was spielt das für eine Rolle? Sie ist tot, John.“

Aus Johns Blick sprach eine Art verzweifelter Hoffnung. „Das kannst du doch gar nicht wissen.“

„Sie ist abgestürzt. Es war nicht deine Schuld.“

Sein Bruder blieb stumm, und Finn spürte, wie das schlechte Gewissen sich in seinen Eingeweiden ausbreitete. Bei dem entscheidenden Kampf gegen Morvan, genau hier, da hatte er selbst das Kommando über Johns Körper gehabt. Mit den Händen seines Bruders hatte er Adriana von der Klippe gestoßen. Das war die einzige Möglichkeit gewesen. John hatte nur als ahnungslose Schachfigur in einem sehr viel größeren Spiel gedient, in einem tödlichen Spiel, das seit tausend Jahren im Gang war und viele Menschenleben gefordert hatte, darunter auch, wie Finn inzwischen wusste, das ihres Vaters.

„Sie war es ja gar nicht, das ist dir doch klar, oder nicht?“

Wen will ich eigentlich wirklich überzeugen?

„Das sagst du mir ständig.“

„Denk doch mal an Kylie“, fuhr Finn fort. „Alles hat damit angefangen, dass Morvan sie mit seinem Geist in Besitz genommen hat. Dann hat er sie verlassen und sich stattdessen Adriana ausgesucht, hat ihren Körper benutzt. Genau so macht er das – er behandelt Menschen wie Marionetten. Das ist so was von mies.“

Er hielt inne. Wenn er jetzt nicht den Mund hielt, dann dauerte es nicht mehr lang, bis er über den sechsten Sinn sprach. Und dann …

Dann verrate ich John womöglich, dass ich genau dieselben Kräfte habe wie Morvan. Und damit würde ich alles kaputt machen. Er kann damit noch nicht umgehen.

Es war fast nicht zu ertragen, aber Finn war gezwungen, bestimmte Dinge geheim zu halten, und zwar nicht nur vor seinem Bruder. Niemand wusste von seiner Verbindung zum sechsten Sinn, nicht einmal seine besten Freundinnen Lucy und Zoe. Jedes Mal, wenn er sich überlegte, ob er es ihnen sagen sollte, hatte er ihre von Angst und Verwirrung gezeichneten Gesichter sehr deutlich vor Augen.

John hob eine Handvoll Steine auf und warf einen nach dem anderen hinaus aufs Meer. Jeder einzelne flog Hunderte Meter weit. Finn sah zu, wie der Arm seines Bruders hin und her schwang, immer und immer wieder, ganz mechanisch, fast wie bei einer Maschine. Vielleicht hatte er ja schon eine Ahnung. Vielleicht wusste er tief in seinem Innersten bereits, dass er an jenem Abend ein paar Sekunden lang Finns Marionette gewesen war. Finns Bewusstsein war noch nie vom Geist eines anderen Menschen besetzt worden, zumindest nicht voll und ganz, obwohl Morvan es versucht hatte. Er hatte keine Ahnung, wie sich das anfühlte, aber er hatte es zumindest bei anderen schon beobachtet. Und er hatte den Eindruck, als wüssten sie, nachdem alles vorbei war, gar nicht, was da eigentlich los gewesen war – wie nach einer kurzen, vorübergehenden Geistesabwesenheit.

Da summte etwas an seiner Brust. Er machte den Reißverschluss seiner Jacke so weit auf, dass sein fünfzackiges Clanabzeichen zu sehen war. Es vibrierte, und das Symbol – eine Fledermaus im Flug – blinkte orange.

„Es gibt eine Versammlung“, sagte Finn.

Für einen Moment stockte ihm das Herz. Da die Hüter allesamt ausgefallen waren, hatte schon seit mehreren Tagen keine Schulversammlung mehr stattgefunden. Sie befanden sich im Moment alle in einer Art Schwebezustand. Keine Versammlungen, kein Unterricht, keinerlei Mitteilungen. Und wer einen Blick auf den Stundenplan werfen wollte, bekam lediglich folgenden Hinweis zu lesen:

SELBSTSTÄNDIGES LERNEN. BLEIBT IN EUREN CLANUNTERKÜNFTEN. EIN AKTUALISIERTER STUNDENPLAN FOLGT.

Vielleicht erfuhren sie jetzt endlich, was hier eigentlich los war.

„Die ganze Schule?“ John schien den Ehrgeiz zu haben, jeden seiner Würfe mit dem folgenden noch zu übertreffen. Trotz der Kälte liefen ihm Schweißperlen übers Gesicht.

„Ich schätze schon.“ Finn drehte sich um und blickte den grasbewachsenen Hang hinauf. Hinter einer kahlen Baumreihe war gerade noch das Dach des Schulgebäudes zu erkennen. Der Himmel darüber wirkte öde und leer. Der Hubschrauber war nicht noch einmal gestartet. „Kommst du mit?“

„Von mir aus. Gibt ja sonst nichts zu tun. Nicht mehr.“

John ließ die letzten drei Steine fallen und stapfte über die dünne Schneedecke hinweg davon.

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Sie waren fast die Letzten, die im Großen Saal ankamen. Das Dach der fünfseitigen Konstruktion war durch mehrere Herbststürme beschädigt worden (bei einem davon hatte sich ein außer Kontrolle geratener Hubschrauber durch eines der Oberlichter gebohrt), darum standen jetzt überall Gerüste, die die Saaldecke fast vollständig verdeckten. Auf dem Fußboden hatten die Handwerker zahlreiche Eimer aufgestellt, die verirrte Regentropfen auffangen sollten.

Ein großer Teil des Saals wurde von einem Wald aus Stützstreben in Beschlag genommen, darum gab es nicht für alle einen Sitzplatz. Finn und John stellten sich zu einer Gruppe von Mitschülern, die sich am Fuß der großen Bühne in der Mitte des Saals zusammengefunden hatte. In der Menge entdeckten sie zwei bekannte sommersprossige Gesichter. Das waren die beiden Schwestern Kylie und Zoe.

„Hallo, ihr zwei“, sagte Finn, während sie sich bis zu den beiden vordrängten. Dann sah er sich um. „Wisst ihr vielleicht, wo Lucy steckt?“

Zoe tippte sich auf die Gläser ihrer dunklen Brille. Die trug sie, weil ihre Augen zwar außergewöhnlich gut, aber auch sehr lichtempfindlich waren. „Wenn sie irgendwo wäre, dann hätte ich sie bestimmt gesehen.“

„Hallo, John“, brachte Kylie schüchtern hervor.

Finns Bruder nickte nur.

Sosehr Finn sich freute, die beiden Schwestern zu sehen, so groß war seine Sorge um Lucy. Das Chaos, das derzeit auf Alyxa herrschte, hatte sie alle stark verunsichert, aber Lucy musste darüber hinaus auch noch mit der Tatsache fertig werden, dass ihre Mutter – von der sie bisher immer geglaubt hatte, sie hätte die Familie verlassen, als sie selbst noch ein kleines Mädchen gewesen war – in Wirklichkeit eine Dienerin Morvans war und dass sie sich all die Zeit vermutlich ganz in der Nähe aufgehalten hatte. Diese grausame Wahrheit war ihr vor einigen Wochen klar geworden, als Morvans Jünger an der sturmumtosten Küste Alyxas gelandet waren, um Adrianas zerschmetterten Leichnam vom Fuß der Südklippe zu bergen. Kaum hatte Lucy das Gesicht ihrer Mutter unter der Kapuze ihrer Kutte erkannt, da hatte diese, zusammen mit ihren Begleitern, auch schon wieder kehrtgemacht und war zu der Insel zurückgekehrt, von der sie gekommen waren.

Der zweiten Insel. Der geheimen Insel. Der Insel, von der niemand etwas gewusst hatte.

Bis jetzt.

Seit jener schicksalhaften Nacht war Lucy bei jeder Begegnung auf dem Flur oder in der Kantine sehr bedrückt und schweigsam gewesen. Sie verbrachte die meiste Zeit bei ihrem Vater, Dr. Raj, der eine kleine Hütte in der Nähe des Internats bewohnte. Er war der einzige Angestellte auf Alyxa, der keine übersinnlichen Kräfte besaß. Dafür war er ein naturwissenschaftliches Genie, und genau deshalb war er auch eingestellt worden. So hatte er zum Beispiel eine Technologie entwickelt, um die sogenannte „Weiße Wand“ zu errichten – eine Art Nebelschutzschirm, der Alyxa vor neugierigen Satellitenobjektiven ebenso schützte wie vor allen Uneingeweihten, die sich in diesen Teil des Meeres verirrten.

Lucys Mutter hatte sehr starke Tastsinnkräfte besessen, während Lucy zum Geschmackssinnclan gehörte – ein Beweis dafür, dass die außergewöhnlichen Sinneskräfte zwar erblich waren, Eltern und Kinder aber nicht unbedingt über dieselben Kräfte verfügten. Finns und Johns Mutter war eine bekannte Weinkennerin und bereiste die ganze Welt. Wie die meisten Absolventen von Alyxa übte sie einen ganz normalen Beruf aus, in dem sie ihre besonderen Fähigkeiten anwenden konnte. Manche jedoch hatten beschlossen, ihre Kräfte für Größeres zu nutzen …

Jetzt öffneten sich am hinteren Ende des Großen Saals die Türen und zwei Reihen Sicherheitsbeamte marschierten herein. Die schwarze Kampfkleidung des Ordens war in den vergangenen Wochen ein vertrautes Bild auf Alyxa geworden, aber die eleganten weißen Helme, die waren neu. Verspiegelte Visiere verdeckten die Augen der Wachleute. Sie verteilten sich im Saal, nahmen ihre festgelegten Positionen ein und bauten sich in Habtachtstellung auf, wobei sie die Köpfe langsam von einer Seite zur anderen drehten. Finn hatte das Gefühl, als würden sich jedes Mal, wenn eines dieser glänzenden Visiere in seine Richtung starrte, seine Zehennägel aufrollen. Der Orden existierte seit tausend Jahren, seit den Zeiten Morvans. Damals hatte eine Gruppe von Druiden beschlossen, dass dem sechsten Sinn am besten beizukommen war, indem man einfach alle umbrachte, die sich dafür zu interessieren schienen. Und dieses Ziel hatte sich bis heute nicht verändert, auch wenn ihre Waffen sehr viel besser geworden waren. Um es ganz einfach zu formulieren: Sie versuchten den sechsten Sinn auszumerzen, indem sie alle ermordeten, die ihn praktizierten.

Jetzt erklomm ein bärtiger Mann in einem dunklen dreiteiligen Anzug das Podest, das auf der Bühne thronte. Sir Eustace Merriman. Die Bühne wirkte seltsam nackt, weil die fünf Sessel, auf denen normalerweise die fünf Hüter Platz genommen hatten, abgeräumt worden waren. Dieser Anblick war genauso befremdlich wie die Tatsache, dass der halbe Saal von gesichtslosen Soldaten gefüllt war. Die beiden anderen Menschen auf der Bühne – der Dekan und Dr. Audrey Green, die ebenfalls von der Alyxa-Stiftung auf die Insel entsandt worden war – standen neben dem Podest hinter fünf kleinen silbernen Fässchen. Sie sahen alles andere als glücklich aus.

„Ich grüße euch“, sagte Merriman ohne abzuwarten, bis das Gemurmel der Schülerinnen und Schüler verstummt war. Dann herrschte Stille, und er fuhr fort. „Wie ihr alle wisst, sind unsere verehrten Hüter allesamt verhindert. Darum ist mir die Aufgabe übertragen worden, die Verantwortung auf Alyxa zu übernehmen.“

„Verhindert?“, flüsterte Zoe Finn zu. „Sehr freundlich ausgedrückt.“

„Das kannst du laut sagen“, pflichtete Finn ihr bei.

Die fünf Hüter von Alyxa waren allesamt einer von Morvan ausgelösten geistigen Verwirrung zum Opfer gefallen. Zuerst hatte sich Pietr Turminski, der Hüter des Geschmackssinns, beim Herbstbankett der Tagundnachtgleiche Gift in sein eigenes Weinglas geschüttet. Dann war Magnus Gustavsson, der Hüter des Tastsinns, beim Krafttraining im Fitnessstudio unter einer schweren Hantel eingeklemmt worden. Und auch die anderen waren auf tragische Weise ausgefallen – Marissa Blake, die Hüterin des Geruchssinns, Susan Arnott, die Hüterin des Hörens, und sogar Professor Panjaran, den Morvan dazu gebracht hatte, den Falken Radhark – das Maskottchen des Sehsinnclans – zu töten.

„Meine erste Amtshandlung besteht darin“, fuhr Merriman nun fort, „das Clansystem aufzulösen …“

Er redete zwar weiter, doch seine Worte gingen im allgemeinen Tumult unter.

„Was?“, brüllte Jermaine, der ganz in der Nähe stand.

„Das können Sie doch nicht machen!“, rief ein Mädchen von ihrem Sitzplatz aus. Rings um sie herum sprangen die Schüler auf, nur um sich sofort wieder hinzusetzen, als die Wachen des Ordens sich drohend zwischen sie schoben, wobei ihre Hände gefährlich nahe an ihren Gürteln schwebten. Dort hingen weiße kurze Stöcke. Das waren garantiert die neuen, noch leistungsstärkeren Überlaster. Das waren Elektroschocker, deren Stromstöße jedem, der davon getroffen wurde, die Sinne zertrümmerten.

„Er hat gesagt, dass sich einiges verändern wird“, murmelte John, der neben Finn stand. „Sieht so aus, als würde er recht behalten.“

„Es handelt sich um eine vorübergehende Maßnahme“, fuhr Merriman fort, nachdem seine Zuhörerschaft sich endlich wieder beruhigt hatte. „Am Schluss dieser Versammlung legen alle Schüler ihre Abzeichen in den entsprechenden Behälter. Dr. Green führt die Aufsicht.“

Audrey Green war die stellvertretende Vorsitzende der Alyxa-Stiftung, und ihr Sohn Kelvin gehörte wie Finn dem Gehörsinnclan an. Sie zeigte bei Merrimans Worten keinerlei Regung und schon gar keine Zustimmung. War sie mit dem, was hier vor sich ging, einverstanden? Und was war mit dem Dekan?

Wer hat hier eigentlich wirklich das Sagen?, fragte sich Finn.

Da wurde in einer der hinteren Sitzreihen eine Hand in die Höhe gereckt.

„Also, ich habe mich so wahnsinnig angestrengt, um das dritte Level zu erreichen“, sagte eine verärgerte Stimme. Sie gehörte Xander, was Finn nicht weiter erstaunte. „Und jetzt wollen Sie mir das einfach wieder wegnehmen?“

Gemurmel erhob sich, und dieses eine Mal war Finn auf Xanders Seite. Ihm kam das auch ziemlich unfair vor.

Dr. Green machte einen Schritt nach vorne und brachte den Saal mit erhobenen Händen zum Schweigen.

„Alle eure Leistungen bleiben natürlich gespeichert“, sagte sie. „Und ihr könnt auch in euren bisherigen Zimmern wohnen bleiben, zumindest bis auf Weiteres.“

Ihre Worte ließen den Lärm verstummen, doch die Mienen der Schülerinnen und Schüler blieben skeptisch und in manchen Fällen sogar wütend. Ihre Sinneskräfte waren schließlich das, was sie alle hier zusammengebracht hatte, was sie zu etwas Besonderem machte. Dann war es doch ein krasser Widerspruch, das alles über Bord zu werfen, oder nicht?

„Vielen Dank, Dr. Green“, sagte Merriman und zog sein Jackett gerade. „Ich kann verstehen, dass manche von euch das Gefühl haben, wir würden euch etwas wegnehmen. Und darum möchte ich euch jetzt auch etwas geben, etwas, was wir auf Alyxa bisher noch nicht hatten, nämlich einen Schülerrat.“

Wieder senkte sich Stille über den Saal. Das hörte sich zumindest interessant an.

„Der Schülerrat soll als vermittelndes Gremium dienen. Dort sollen Ideen und andere Dinge besprochen werden, die sowohl die gesamte Schülerschaft als auch die Alyxa-Stiftung angehen. Die Türen des Schülerrats stehen jederzeit allen offen. Kein Problem ist zu klein – oder zu groß –, um nicht angesprochen zu werden. Und nun, da die Voraussetzungen klar sind, möchte ich um Freiwillige bitten, die bereit sind, den ersten offiziellen Schülerrat auf Alyxa zu bilden.“

Merriman lächelte gütig bei diesen Worten, doch der Saal reagierte mit vollkommenem Schweigen. Niemand meldete sich. Finn ahnte den Grund dafür.

Schülerrat? Wohl eher ein Spionagerat. Das Ganze roch doch sehr nach dem alten Clanvorstehersystem des Dekans, nur in neuem Gewand. Eine gute Möglichkeit jedenfalls, die Schülerinnen und Schüler genau im Blick zu behalten.

Und wie zum Beweis wurde jetzt, wenn auch zögerlich, eine einzige Hand gehoben, und diese Hand gehörte Ben aus dem Geruchssinnclan. Er hatte sich schon als Clanvorsteher durch besondere Treue gegenüber dem Dekan hervorgetan, und es gab keinen Zweifel, dass er sich, sobald er alt genug war, dem Orden anschließen wollte, um endlich auch auf Menschenjagd gehen zu können. Schon schnellte eine zweite Hand nach oben. Das war Xander … Seit seiner letzten Wortmeldung waren gerade einmal dreißig Sekunden vergangen.

„Sehr gut“, sagte Merriman und nickte den beiden wohlwollend zu. „Da habe ich ja schon zwei Freiwillige. Aber da die Zahl fünf auf Alyxa immer noch eine wichtige Rolle spielt, brauche ich noch drei mehr.“

Er hob die Augenbrauen und ließ den Blick seiner grauen Augen suchend durch den Saal schweifen. Zunächst bekam er keine Reaktion, doch dann hob auch Jermaine den Arm. Finn war verblüfft. Jermaine war zwar auch Clanvorsteher gewesen, hatte aber immer einen einigermaßen sympathischen Eindruck gemacht. Finn drehte sich zu John um und wollte ihm gerade zuraunen, dass das alles ziemlich vorhersehbar war, da erstarrte er. Sein Bruder hatte ebenfalls die Hand gehoben. Und eine Sekunde später tat Kylie es ihm nach.

„Hast du nicht mehr alle Tassen im Schrank?“

John entgegnete achselzuckend: „Irgendjemand muss es schließlich machen.“

„Sehr lobenswert“, sagte Merriman zu den Freiwilligen. „Wenn ihr nach der Versammlung bitte in mein Büro kommen wollt, dann kann ich euch erklären, welches eure Aufgaben sind.“ Er blickte sich im Saal um. „Was mich zu meiner zweiten Bekanntmachung führt, nämlich der Vorstellung des überarbeiteten Stundenplans.“ Er hielt inne. „Ab sofort gibt es keinen Unterricht mehr.“

Dieses Mal brachen die Schüler nach einer kurzen, verdutzten Stille in lauten Jubel aus. Wieder hob Dr. Green die Hand, um die Menge zu beruhigen. Die ersten behelmten Wachen traten einen Schritt nach vorne. Finn sah, wie der Dekan kurz den Kopf schüttelte, und schon zogen sie sich wieder zurück.

„Kein Unterricht bedeutet nicht, dass ihr nichts zu tun habt.“ Dr. Green musste fast brüllen, um überhaupt gehört zu werden. „Wir erwarten, dass alle von euch mindestens zweimal pro Tag meditieren.“

„Es ist unerlässlich, dass sich jeder Einzelne vor den Angriffen des sechsten Sinns schützt“, fügte der Dekan hinzu.

Kaum hatte er seine Stimme erhoben und den sechsten Sinn erwähnt, da wurde es still im Saal.

„Euer Geist ist eine Festung“, fuhr der Dekan fort und starrte Finn eine Sekunde lang direkt in die Augen. „Macht sie widerstandsfähiger. Errichtet Barrikaden. Gut möglich, dass ihr sie brauchen werdet.“

„Sehr gut“, nahm Merriman den Faden nach einer kurzen Pause wieder auf. „Vielen Dank, Herr Dekan. Und auch Ihnen, Dr. Green. Gibt es noch irgendwelche Fragen, bevor wir die Versammlung beenden?“

Kelly-Anne, die in der ersten Reihe des Gehörsinnclans saß, stand auf.

„Müssen wir Angst haben?“, fragte sie mit unsicherer Stimme. Dann fügte sie ein wenig gefasster hinzu: „Ich meine, wenn der sechste Sinn so was Schlimmes ist, sollten wir dann nicht lieber … ich weiß auch nicht … die Insel verlassen?“

Sir Eustace Merriman blickte hinunter zum Dekan, der wiederum Dr. Green ansah, die ihrerseits den Blick hinauf auf die Bühne zu Merriman lenkte. Es sah so aus, als hätten sie genau diese Frage bereits besprochen.

„Wir müssen das tun, was am besten ist“, sagte der Dekan schließlich. „Wir müssen unsere Sinne benutzen, müssen genau hinsehen und unsere Ohren spitzen. Wir müssen versuchen, Störungen zu erschnuppern und die Gefahr zu schmecken, bevor sie uns zu nahe gekommen ist. Wir müssen unseren Tastsinn einsetzen, um eine herannahende Katastrophe rechtzeitig zu erspüren.“

„Ich glaube, was der Dekan damit sagen möchte, ist Folgendes“, übernahm Merriman wieder das Wort. „Wir müssen alle wachsam sein. Und das ist auch der Sinn des Schülerrats. Falls euch irgendetwas Verdächtiges begegnet, dann leitet es bitte an einen eurer Vertreter im Schülerrat weiter.“

„Inwiefern verdächtig?“, wollte ein Junge aus dem Sehsinnclan wissen.

Der Dekan sah ihn mit angespannter Miene an. „Alles, was irgendwie verdächtig ist“, antwortete er eindringlich.

„Die Versammlung ist hiermit beendet“, sagte Merriman jetzt. „Legt eure Abzeichen beim Verlassen des Saals in die vorgesehenen Behälter.“

Die Schülerinnen und Schüler setzten sich in Bewegung, da hob Dr. Green noch ein letztes Mal die Hand.

„Es ist wirklich ganz einfach“, sagte sie. „Wir müssen aufeinander aufpassen. Wir alle sind füreinander verantwortlich.“

Finn ließ den Blick über seine Freunde im Saal schweifen. Er würde alles tun, was in seiner Macht stand, um sie zu beschützen. Alles. Sie brauchten einander jetzt mehr als je zuvor.