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ELLEN SANDBERG

DAS ERBE

ROMAN

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in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

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Dieses Werk wurde vermittelt durch die AVA international GmbH

Autoren- und Verlagsagentur, München. www.ava-international.de

Die Zitate 1, 2 und 3 stammen aus:

William Faulkner, Requiem für eine Nonne;
Johann Wolfgang Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre, Suhrkamp Verlag;

Johann Wolfgang Goethe, Faust. Der Tragödie Erster Teil, Reclam Verlag.

Umschlag: Favoritbüro, München

Umschlagmotiv: © Pawel Wewiorski, Getty Images,
© Franz Marc Frei / Lookphotos, © Shutterstock.com

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-641-23668-7
V002

www.penguin-verlag.de

Die Vergangenheit stirbt nie.
Und sie wird auch niemals vergangen sein.

William Faulkner

Mona

September 2018

Nebel zog in dichten Schleiern über die Fahrbahn und verbarg die Landschaft in milchigem Weiß. Oben und unten lösten sich auf. Was war Himmel? Was Erde? Wo waren die Berge? Wo der See? Sie hörte das gleichmäßige Brummen des Motors und spürte, wie die Straße unter dem Wagen dahinglitt. Blank wie ein Spiegel. Die Räder reagierten nicht auf Lenkbewegungen. In einer lang gezogenen Kurve durchbrach sie mit Bernds gletscherblauem Jeep die Leitplanke. Sie wurde durchgeschüttelt, als der Wagen über den steinigen Ufergürtel holperte und schließlich auf die gefrorene Oberfläche des Sees glitt.

Als sie das Bersten hörte und das Zittern fühlte, mit dem das Eis unter ihr brach, erfasste sie nicht Todesangst, sondern Gelassenheit. Eine dunkle, kühle Tiefe würde sie verschlingen. Nichts lag mehr in ihrer Hand. Das schwere Fahrzeug neigte sich. Sie lehnte sich zurück, schloss die Augen und stellte sich gerade vor, wie es sein würde, im eisigen Wasser zu versinken, als sich ein Finger in ihre Seite bohrte und eine Stimme brummte. »Kannst du aufmachen?«

»Ich gehe unter«, murmelte Mona, noch im Halbschlaf. Ich ertrinke, wollte sie hinzufügen, ließ es aber bleiben, als ihr die Absurdität dieser Aussage bewusst wurde. Niemand ertrank in seinem Bett, es sei denn, es stünde auf der Titanic.

»Du bist ein Schatz.« Bernd drehte sich auf die Seite und zog die Decke über die Schultern. Es klingelte. Offenbar schon zum zweiten Mal. Mona kehrte vollends aus der Traumwelt in die Wirklichkeit zurück. Während sie den Morgenrock anzog, streifte sie die Erinnerung an den Streit des Vorabends, und ein schales Gefühl breitete sich in ihr aus.

Der Briefträger stand vor der Wohnungstür. »Guten Morgen, Frau Lang. Einschreiben für Sie.« Sie quittierte den Empfang. Er reichte ihr ein Kuvert und wünschte noch einen schönen Samstag.

In der Küche schaltete Mona die Kaffeemaschine an und nahm die Brötchen zum Auftauen aus dem Tiefkühlfach. Für sie als Münchnerin waren es eigentlich Semmeln. Ein Ausdruck, den sie sich nach zehn Jahren in Berlin abgewöhnt hatte.

Am Küchenfenster lief der Regen herab. Eine Reihe von Gründerzeithäusern verschwamm dahinter. Auf dem nassen Asphalt der Straße klebten orangerote und gelbe Blätter der Ulmen und Linden. Der Jahrhundertsommer war Vergangenheit. Mona war der Herbst ohnehin lieber.

Seit einiger Zeit lief etwas schief in ihrer Beziehung mit Bernd. Etwas, das sie nicht zu fassen bekam. Eine unterschwellige Gereiztheit, die von ihm ausging und zur Folge hatte, dass sie begann, ihre Worte auf die Goldwaage zu legen. Das gefiel ihr nicht. Kuschen war nicht ihre Art. Doch nichts verabscheute sie mehr als Streit, also versuchte sie, Bernd keinen Anlass dafür zu geben. Gestern war ihr das nicht geglückt. Eine Nichtigkeit hatte genügt, seinem Ärger – worüber auch immer – Luft zu machen.

Hin und wieder kommentierte er ihre Spendierfreudigkeit. Wenn sie einem Bettler Geld gab oder den Musikanten in der U-Bahn, die an einer Station ein- und an der nächsten ausstiegen und dazwischen ein Stück zum Besten gaben. Manche konzertreif, manche stümperhaft. Natürlich warf sie eine Münze in den hingehaltenen Plastikbecher, egal, ob ihr die Musik gefallen hatte. Es war nichts dabei. Ihr ging es gut. Sie hatte mehr als die, die sie um einen Euro baten. Deswegen hatte sie meistens ein paar Münzen in der Jackentasche parat.

So auch gestern, als Bernd und sie nach dem Essen mit einem Bauherrn die U-Bahn nach Hause genommen hatten. Beim Umsteigen am Kottbusser Tor war eine junge Frau auf Mona zugekommen. Pechschwarze Haare, reichlich Piercings, einen zotteligen Mischling im Schlepptau. Der Hund hatte den Kopf schief gelegt und sie treuherzig angesehen, während seine Besitzerin erklärte, er bräuchte Futter, ob sie einen Euro übrig hätte. Mona gab ihr zwei, und Bernd lachte. Nicht fröhlich. Es war ein bitteres Lachen. Beinahe verächtlich, und sie hatte ihn gefragt, weshalb sie ihm gar nichts mehr recht machen konnte. Ihr Gutmenschentum mache ihn manchmal fertig. Das war seine Antwort gewesen. Ob sie denn nicht verstand, dass sie ausgenutzt wurde? Außerdem würde er einen Besen fressen, wenn der Hund Futter bekäme. Sicher würde seine Besitzerin das Geld postwendend in Alkohol oder Drogen umsetzen. »Süchtige muss man weiß Gott nicht unterstützen.«

»Und ich muss niemanden erziehen. Es ist ihre Sache, was sie mit dem Geld macht, und wie eine Süchtige sah sie nicht aus.«

»Dir fehlt es an Menschenkenntnis, Mona. Du bist zu gutmütig.«

Sie hatte beides von sich gewiesen, und so hatte sich der Disput zu einem Streit ausgewachsen. Bernd prophezeite ihr, dass sie eines Tages auf einen waschechten Betrüger hereinfallen würde, denn sie glaube jedem alles. Sie wäre das ideale Opfer. Mona hatte sich ein Lächeln abgerungen und entgegnet, dass sie ja – Gott sei Dank – einen vernünftigen Mann an ihrer Seite habe, der sie davor bewahren würde. Obwohl sie eigentlich ganz gut selbst auf sich aufpassen könne, hatte sie in Gedanken hinzugefügt. Darauf hatte Bernd verhalten reagiert. Eigentlich gar nicht, wurde ihr jetzt klar. Er war mit keinem Wort darauf eingegangen, nur seine Mimik war für einen Moment ganz glatt geworden. Wobei sie ihm kaum Gelegenheit für eine Erwiderung gegeben hatte, denn sie hatte ihm weiter erklärt, dass sie mit ihrem Geld tun und lassen könne, was sie wolle. Daraufhin war die Auseinandersetzung erst richtig losgegangen. Seit zwölf Jahren waren sie ein Paar, und seit zehn Jahren wohnten sie zusammen in Bernds Wohnung in Kreuzberg. Seinetwegen war sie nach zwei Jahren Fernbeziehung von München nach Berlin gezogen. Nie war Geld ein Thema zwischen ihnen gewesen. Doch gestern Abend hatte er ihr unter die Nase gerieben, dass sie sich ihr Gutmenschentum nur leisten könne, weil sie mietfrei bei ihm wohne und er ihr obendrein ein fürstliches Gehalt zahle. Ein fürstlicheres jedenfalls als ihrer Vorgängerin im Büro. Bernd war Architekt mit eigenem Atelier und drei Angestellten. Mona war eine davon und fand ihr Gehalt angemessen, denn sie arbeitete für zwei, als Bauzeichnerin und Büroleiterin. Auch das hatte sie nie thematisiert, es war für sie bisher selbstverständlich gewesen. Sie zogen an einem Strang. Nun sagte sie es und fügte hinzu, dass sie keine Miete zahle, sei zwar richtig, dafür aber die kompletten Nebenkosten, und außerdem fülle sich weder der Kühlschrank noch das Regal mit den teuren spanischen Weinen von selbst. Und so war das weitergegangen, bis sie zu Hause ankamen und Bernd sofort ins Bad ging. Eine schreckliche kleinkarierte Aufrechnerei. Noch nie hatten sie sich derart gestritten. Und weshalb? Eigentlich wegen nichts. Derart unversöhnt wollte Mona nicht schlafen gehen. Sie öffnete eine der teuren Flaschen Rotwein, schenkte zwei Gläser ein und wählte eine Playlist, der Bernd den Titel Sex and Wine and Rock ’n’ Roll gegeben hatte. Der Soundtrack für ihr Liebesleben. Doch als er aus dem Bad kam, sah er nur kurz ins Wohnzimmer, ignorierte den Wein ebenso wie die musikalische Einladung zu Versöhnungssex, wünschte kurz angebunden eine gute Nacht und verschwand im Schlafzimmer.

Mona wandte sich vom Fenster ab. Die Gläser standen noch neben der Spüle. Sie leerte den Inhalt in den Ausguss und nahm sich eine Tasse vom Kaffee, der inzwischen durchgelaufen war. Dabei fiel ihr Blick auf ein Urlaubsfoto, das Bernd an die Magnetwand gehängt hatte. Es zeigte sie während eines Wanderurlaubs im Piemont auf einer Steinmauer sitzend. Wieder einmal stellte Mona fest, dass sie ganz und gar durchschnittlich war. Nichts stach heraus. Weder in ihrem Aussehen noch in ihrer Art. Sie war die Durchschnittsfrau schlechthin. Mittelgroß, mittelblond, mittleres Bildungsniveau, zuverlässig, treu, harmoniebedürftig. Auf Sicherheit bedacht. Sowohl was ihre Beziehung anging – sie hätte gerne geheiratet, doch für Bernd war Heirat nie ein Thema gewesen, was an der Scheidung von seiner Jugendliebe lag – als auch ihre wirtschaftliche Situation. Mona hatte eine Altersvorsorge und sparte obendrein monatlich einen kleinen Betrag. Sicherheit war für sie nun einmal wichtig. Die Angst, jemals arbeitslos zu werden, ließ sie manchmal nachts nicht schlafen. Die typischen Sorgen der meisten. Sie war nun mal ganz und gar durchschnittlich.

Wieder einmal versetzte ihr dieser Gedanke einen kleinen Stich. Wie gerne hätte sie von sich gesagt, dass etwas bemerkenswert an ihr war, und sei es nur eine Kleinigkeit. Prompt gesellte sich der Zwillingsbruder dieses Gedankens dazu, der Verdacht, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Ein Gefühl, das ihr von Kindesbeinen an vertraut und in Fleisch und Blut übergegangen war, sodass sie es kaum mehr wahrnahm. Auch jetzt nicht. Nur das leichte Unbehagen war wieder da. Sie wandte sich vom Fenster ab und setzte sich mit der Tasse Kaffee und dem Brief an die Küchentheke.

Als sie den Absender las, erschrak sie. Amtsgericht München, Abteilung für Nachlasssachen. War etwa ihre Mutter gestorben oder ihr Vater und niemand hatte sie informiert? Einen Moment erschien ihr das möglich. Unsicher öffnete sie den Umschlag und faltete das Schreiben auseinander.

***

»Nachlasssache Klara Benedicte Hacker, geboren 17. 11. 1924 in München, verstorben 25. 07. 2018 in München.«

Es dauerte einen Moment, bis Mona diesem Namen ein Gesicht zuordnen konnte. Eine entfernte Verwandte ihrer Mutter, die in der Familie Tante genannt wurde, obwohl sie eine Art Großcousine war. Tante Klara. Mona hatte sie nur ein paar Mal getroffen. Zuletzt am siebzigsten Geburtstag ihres Vaters vor vier Jahren. Da war Tante Klara schon an die neunzig gewesen. Das Haar silberweiß und so schütter, dass die Kopfhaut durchschimmerte. Eine mädchenhafte Figur und ein energisches Auftreten, das ihrer körperlichen Zartheit widersprach. Wie eine in die Jahre gekommene Primaballerina, dachte Mona nun. Ihr aufrechter Gang, ihre Energie, ihr wacher Geist. Gut gekleidet. Reichlich Schmuck. Dezent geschminkt. Eine Dame. Tante Klara war an Vaters Geburtstag die Einzige gewesen, die sie in Schutz genommen hatte. Und nun war sie gestorben. Vor sechs Wochen schon und niemand aus der Familie hatte es für nötig gehalten, Mona zu informieren.

Wäre sie zur Beisetzung gefahren, wenn sie es gewusst hätte? Tante Klara hatte ihr imponiert. Sie hatten sich an Vaters Geburtstag gut unterhalten, ein wenig über die Familie gelästert, und am Ende des Abends hatten sie beide einen Schwips gehabt. Gut möglich, dass sie an der Trauerfeier teilgenommen hätte. Aber diese Möglichkeit hatte man ihr gar nicht erst gegeben. Ärger stieg in Mona auf und überdeckte den Schmerz, es wieder einmal nicht wert gewesen zu sein. »Sei’s drum«, sagte sie in die Stille der Küche. »Es wird sich nie ändern.« Dieser Zug war abgefahren, und es war nicht mehr wichtig. Sie war erwachsen. Also hatte sie längst einen bitteren Frieden geschlossen mit der kühlen Distanz ihrer Mutter, dem Desinteresse ihres Vaters, der Überheblichkeit ihres älteren Bruders und den Vorwürfen ihrer jüngeren Schwester. Trotzdem tat es weh, übergangen zu werden. Wieder einmal hatten sie ihr gezeigt, wo ihr Platz war.

Mona schenkte sich eine zweite Tasse Kaffee ein und griff nach dem Smartphone. Im Fotoordner fand sie ein Bild von Tante Klara auf der Geburtstagsfeier. Sie saß in einem Polstersessel und blickte direkt in die Kamera. Das Kinn leicht angehoben, ein angedeutetes Lächeln im faltigen Gesicht. Vermutlich war Klara in ihrer Jugend hübsch gewesen. Das dunkle Blau der Augen fiel Mona wieder auf und die leicht hochgezogene Augenbraue, die ihrem Blick Skepsis verlieh. Diesen Blick kannte Mona von sich, und für einen Moment fühlte sie Verbundenheit mit der alten Dame.

Bernd kam herein. Er trug Boxershorts und ein T-Shirt. Die dunklen Haare waren verstrubbelt, und seine Bartstoppeln kratzten, als er sie umarmte und seine Wange an ihre legte. »Guten Morgen. Es roch so gut nach Kaffee.«

»Ist noch ganz frisch.«

»Und wegen gestern … Ich fühle mich ziemlich schäbig. Können wir das einfach vergessen?«

»Das ist wohl das Beste.«

Er drückte ihr einen Kuss aufs Haar, schenkte sich Kaffee ein und bemerkte das Kuvert. »Ach, der Postbote war’s. Ich hab mich schon gefragt, wer so früh klingelt.«

»Es ist halb elf.«

»Vom Amtsgericht? Gibt’s Probleme?«

»Nein. Es geht um eine Erbschaftssache. Tante Klara ist gestorben. Eine entfernte Verwandte meiner Mutter.« Bernd hatte sie vor vier Jahren nicht kennengelernt. Ein Wassereinbruch in einem Rohbau hatte ihn daran gehindert, sie zu begleiten. Mona war alleine in das Hotel am Tegernsee gefahren, in dem die Geburtstagsfeier ihres Vaters stattfand.

»Oh, das tut mir leid.«

»Muss es nicht. Ich hab sie kaum gekannt, und sie ist mit beinahe vierundneunzig gestorben. Ein erfülltes Leben, wie man so sagt. Vermutlich jedenfalls.«

»Und du bist ihre Erbin?«

»Nicht ich, sondern Mama. Klara wird mir eine Erinnerung hinterlassen haben, nehme ich an. Vielleicht ein Schmuckstück.«

»Du hast das Testament noch nicht gelesen?«

»Wollte ich gerade.« Sie griff nach dem Brief, überflog das Anschreiben und blätterte um. Angeheftet war die Kopie des Testaments, das Klara im Herbst vor vier Jahren bei einem Notar gemacht hatte. Kurz und knackig. Eine Seite nur. Verwundert schüttelte Mona den Kopf.

»Was ist?«

Das würde Ärger geben. »Lies selbst.« Sie reichte Bernd das Schreiben.

»Du bist Alleinerbin. Das ist doch toll!«

»Vielleicht hat mir deshalb niemand Bescheid gesagt. Wenn Mama es schon weiß, bin ich jetzt die Erbschleicherin. Dabei hatte ich keine Ahnung.«

»Sie wird Klaras Entscheidung schon akzeptieren. Ich mach uns mal Frühstück. Magst du Rührei?«

Während Bernd mit der Pfanne hantierte, saß Mona wie vor den Kopf geschlagen am Tisch. Der Kontakt zur Familie war seit ihrem Umzug nach Berlin eingeschlafen, aber nie ganz abgebrochen. Man sah sich gelegentlich zu Familienfeiern und ab und zu an Weihnachten oder Ostern. Sie schickte zuverlässig Geburtstagskarten und Geschenke für ihre Eltern und Geschwister, ihre beiden Nichten und den Neffen. Doch jetzt war der Faden offenbar endgültig gerissen. Und damit war der letzte Rest an Hoffnung dahin, irgendwann doch noch eine Erklärung zu erhalten, was mit ihr nicht stimmte. Wobei sie sich das ja nur einbildete. Sie habe eine überspannte Fantasie, mit dieser Phrase hatte Mama ihre Fragen stets abgewimmelt.

Seit sie denken konnte, fühlte Mona sich als Außenseiterin der Familie. Julian, ihr älterer Bruder, war Mamas Liebling, und Heike, die Nachzüglerin, Papas Augenstern. Mona hingegen schien unsichtbar zu sein. Sie fühlte sich ungeliebt. Nicht wahrgenommen, fremd. Sie wusste nicht, woran es lag. Ihre Mutter hatte dieses Gefühl immer als Hirngespinst abgetan. Jedes Mal, wenn Mona es angesprochen hatte, hatte ihre Mutter sie zum Beweis ihrer mütterlichen Liebe in den Arm genommen und geknuddelt. Doch immer hatte es sich wie eine Lüge angefühlt. Während der Pubertät war Mona auf die Idee gekommen, sie könnte adoptiert sein, und hatte in den Unterlagen ihrer Eltern geschnüffelt, aber nie etwas gefunden.

»Was du erbst, steht nicht im Testament. War sie reich?«

»Glaub ich nicht. Sie hat über vierzig Jahre als Sekretärin in einem Ministerium gearbeitet. Da häuft man kein Vermögen an.«

»Vielleicht ihr Mann. War sie verheiratet?«

»Nein. Wie so viele Frauen nach dem Krieg. Klara war gut situiert, wie man so sagt. Sie hat ihr Geld gern für Schmuck ausgegeben.«

»Und mit dem hat deine Mutter gerechnet.«

»Auch. Aber es geht hauptsächlich um ein Gemälde, das Klara von ihrer Mutter geerbt hat. Ein Landschaftsbild von Lovis Corinth.«

Bernd pfiff durch die Zähne. »Ein Corinth. Nicht schlecht. Der muss einiges wert sein.«

»So um die hunderttausend, hat Mama mal gesagt. Sie geht davon aus, dass sie das Bild erbt. Vielleicht sollte ich es ihr geben, bevor es Streit gibt.«

»Ach, Mona. Für hunderttausend kann man schon einen Streit riskieren. Außerdem: Wenn Klara gewollt hätte, dass deine Mutter das Bild bekommt, hätte sie es ihr vermacht und nicht dir.«

»Ja, schon. Aber was soll ich mit einem so wertvollen Gemälde, zu dem ich keinen Bezug habe? Vielleicht gefällt es mir nicht mal.«

»Verkauf es, und dann …« Bernd sprach nicht weiter und wirkte plötzlich abwesend.

»Und dann?«

»Ich meine nur … Du kannst es in eine Auktion geben und dir von dem Erlös was Schönes gönnen.«

Mona hatte die Aufrechnerei der letzten Nacht noch nicht vergessen. »Ich gönne uns etwas. Wie wäre es mit der Islandreise?« Seit Jahren redete Bernd davon. »Na, was sagst du?«

»Das wäre …« Er breitete die Arme aus und wirkte nicht sonderlich begeistert. »Also toll natürlich.«

***

Im Testament stand, Mona solle sich an Oliver Sander wenden, Klaras Steuerberater. Er wäre über alles im Bilde. Sie rief ihn am Montag an und vereinbarte einen Termin für den folgenden Tag. Deshalb setzte Bernd sie am Dienstag auf dem Weg ins Büro um halb sieben am Berliner Hauptbahnhof ab.

Beim Einsteigen in den ICE half Mona einer blinden Frau, ihren reservierten Platz zu finden, denn der Zug war in umgekehrter Wagenreihung eingefahren. Als sie schließlich ihren Platz am anderen Ende des Zugs erreichte, saß dort ein Geschäftsmann und erklärte ihr, eine Reservierung wäre nur fünfzehn Minuten nach Fahrtantritt gültig und die Zeit wäre um. Es wäre jetzt also sein Platz. Pech gehabt. Eine vorbeikommende Schaffnerin bestätigte diese Regelung.

»Ich habe doch nur jemandem geholfen, in sein Abteil zu gelangen, deswegen bin ich zu spät«, sagte Mona und fing den belustigten Blick des Mannes auf. »Tja, dann hätten Sie das besser bleiben lassen. Man kann nicht alles haben. Das Gefühl, ein guter Mensch zu sein, und einen Sitzplatz.«

Mona schluckte ihren Ärger hinunter und landete auf der Suche nach einem Platz im Bordbistro.

»Das hast du nun von deinem Gutmenschentum«, hörte sie Bernd schon sagen, falls sie ihm von dieser Episode erzählen würde. Hätte sie anders gehandelt, wenn sie die Folge gekannt hätte? Vermutlich nicht. So war sie nun einmal: hilfsbereit. Außerdem hatte sie ja noch einen Platz bekommen und musste nicht bis München stehen. Alles war gut.

Vor allem die unerwartete Erbschaft hob ihre Laune, trotz des absehbaren Streits mit ihrer Mutter. Bernd hatte recht. Klara hatte gewollt, dass sie das Bild bekam. Sie würde es verkaufen und mit einem Teil des Geldes die Islandreise finanzieren.

Wobei Bernd auf ihren Vorschlag nicht sehr begeistert reagiert hatte. Dabei sprach er seit Jahren davon. Einmal auf der Ringstraße um Island zu fahren, dazu einen geführten Abstecher ins Hochland und einen Helikopterflug zu einem der Vulkane. Es wäre ein Traum. Aber auch ein teures Vergnügen, das sie sich nicht leisten konnten. Das Architekturbüro trug sich gerade so. Großen Gewinn erwirtschaftete Bernd nicht damit. Vielleicht kratzte es an seinem Ego, sich von seiner Freundin einladen zu lassen.

Diese und ähnliche Gedanken gingen ihr während der Bahnfahrt durch den Kopf, bis eine WhatsApp-Nachricht von ihrer Freundin Steffi kam. Das Café Kosmos hat leider zu. Wie wäre es mit dem Trachtenvogl oder dem neuen Szenetreffpunkt, der Alten Utting?

Mona und Steffi waren seit ihrer Zeit auf dem Gymnasium beste Freundinnen. Sie hatten gemeinsam Abitur gemacht und zusammen den ersten Joint geraucht. Sie waren zeitgleich unglücklich in zwei Brüder verknallt gewesen und hatten im Jahr darauf mit Interrail Europa erkundet. Seit einem Jahr hatten sie sich nicht gesehen, und Mona freute sich auf das Treffen. Alte Utting klingt gut!

Der ICE erreichte pünktlich den Münchner Hauptbahnhof. Mit der U-Bahn fuhr Mona zum Odeonsplatz und ging die Theatinerstraße entlang auf der Suche nach dem Haus, in dem Oliver Sander sein Büro hatte. Über die Adresse hatte sie sich gewundert. Eine der teuersten Ecken Münchens. Exklusive Innenstadtlage in der Nähe der Theatinerkirche und der Feldherrnhalle. Residenz und Oper nur einen Steinwurf entfernt. Es war ein flirrend schöner Septembertag voll südlichen Flairs. Der Himmel so blau und das Licht so klar, wie es das nur in München gab.

Die angegebene Hausnummer entdeckte Mona in einer Passage. Im Durchgang lag ein Obdachloser auf einer Decke und schlief. Unwillkürlich griff sie in die Jackentasche, warf einen Euro in den aufgestellten Becher und trotzig einen zweiten hinterher, als sie an Bernd dachte, den das fertigmachen würde. Sie hatte mehr als dieser alte Mann. Die zwei Euro fehlten ihr nicht wirklich, und ihm halfen sie. »Ich fühle mich einfach besser, wenn ich etwas abgebe.« Das hatte sie während des Streits am Freitag gesagt, und Bernd hatte gelacht. »Damit du dich gut fühlst? Darum geht es also. Egoismus als Selbstlosigkeit getarnt.«

Wie kam er dazu, ihr derart das Wort im Mund zu verdrehen! Mona öffnete die Tür und trat in ein elegantes Treppenhaus. Marmorboden, Kristallleuchter. Warum hatte Bernd neuerdings ständig etwas an ihr auszusetzen? Sie hatte sich nicht verändert. Was nervte ihn so? Und plötzlich stieg ein Verdacht in ihr auf. War es etwa ein schlechtes Gewissen, das ihn dazu trieb? Betrog er sie? Musste er sie runtermachen, um diesen Verrat vor sich zu rechtfertigen?

Die zahlreichen Abende im Büro fielen ihr ein. Fahr du schon mal heim. Ich habe hier noch zu tun. Die Treffen mit Bauherren am Wochenende, die sich in letzter Zeit häuften. Und auch die Wochenendarbeit wegen eines Wettbewerbs, an dem das Architekturbüro teilnahm. War das wirklich nötig? Eine Affäre würde auch erklären, weshalb ihn die Aussicht auf die Islandreise nicht vom Hocker gerissen hatte.

Der Lift kam unten an. Mona stieg ein. Ihr war beinahe übel. Das konnte nicht sein. Bernd mochte Geheimnisse und Betrug nicht. Er würde es ihr sagen, wenn es so wäre. Außerdem war er ein schlechter Lügner. Sie hätte es bemerkt.

Was war heute nur mit ihr los? Keine weitere Sekunde würde sie an diese absurde Idee verschwenden. Sie straffte die Schultern und fuhr mit dem Lift zur Steuerkanzlei in der vierten Etage.

Doppelflügeltür aus Eiche. Messingschild. Als sie klingelte, ertönte ein Summer. Die Tür sprang automatisch auf, und Mona versank beinahe knöcheltief in der Auslegware. Unwillkürlich stellte sie sich die Frage nach Sanders Stundensatz.

»Sie sind sicher Frau Lang. Schön, Sie kennenzulernen.« Eine mollige Frau in Monas Alter kam hinter dem Empfangstresen hervor und begrüßte sie mit einem Lächeln. »Ich bin Patricia Weber und die erste Anlaufstelle für Mandanten. Wenn Sie Fragen haben, einen Termin brauchen oder was auch immer, wenden Sie sich einfach an mich.«

»Ja, gerne.« Mona verstand nicht recht, was Patricia Weber meinte.

»Mein Beileid zu Ihrem Verlust. Frau Hacker war eine sehr interessante Frau, eine Persönlichkeit. Wir haben sie alle sehr geschätzt.«

»Danke. Ja, sie war … bemerkenswert.« Mona konnte ja schlecht erklären, dass sie Klara kaum gekannt hatte.

Patricia Weber klopfte kurz an einer Tür und ließ ihr den Vortritt. »Frau Lang ist da.«

Hinter dem Schreibtisch erhob sich ein gemütlich wirkender Mittvierziger. Bauchansatz, hellblaues Businesshemd, Krawatte, anthrazitgraue Anzughose. Das Haar wurde bereits lichter. Er reichte ihr die Hand. »Grüß Sie. Es freut mich, Sie kennenzulernen.«

»Ganz meinerseits.«

Auch Sander sprach ihr sein Beileid aus, verlor ein paar Worte über die gelungene Trauerfeier, und Mona war es unangenehm, dass sie, die Alleinerbin, nicht daran teilgenommen hatte. Doch sie konnte ihm unmöglich sagen, dass sie nichts davon gewusst hatte. Es wäre zu peinlich, die eigene Familie bloßzustellen.

Eine Kirchturmuhr schlug zwölf. Sander rieb sich die Hände. »Zeit fürs Mittagessen. Ich habe einen Tisch im Alfredos reserviert. Das war das Lieblingslokal Ihrer Tante. Wir haben uns meistens dort getroffen. Ist Ihnen das recht?«

»Ja, natürlich. Das ist eine schöne Idee.«

»Na, dann lassen Sie uns keine Zeit verlieren.« Er nahm das Sakko von der Stuhllehne, hielt die Tür für Mona auf und bat Patricia Weber, ein Taxi zu rufen, denn in Schwabing bekäme man keinen Parkplatz.

Sander nannte dem Fahrer eine Adresse in der Elisabethstraße. In dieser Straße hatte Klara gelebt, das wusste Mona, obwohl sie nie dort gewesen war. Die Fahrt dauerte nur ein paar Minuten. Das Alfredos war ein elegantes italienisches Restaurant. Damast-Tischdecken, Silberbesteck, Kristallgläser. Gedämpfte Musik. Sie wurden von einem Kellner an einen Tisch am Fenster geführt. Kurz darauf hielt Mona ein Glas Prosecco als Aperitif in der Hand und stieß mit Klaras Steuerberater an. Er hob sein Glas auch Richtung Fenster. »Sollen wir auf Frau Hacker anstoßen?«

Mona folgte seinem Blick. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite entdeckte sie ein wunderschönes Jugendstilhaus. Über mehrere Etagen Stuck, geschwungene Formen, florale Elemente, vergoldete Verzierungen und in der Rosette am Giebel ein Schwanenpaar, das die Köpfe Höcker an Höcker legte. Ein beeindruckendes und liebevoll instand gehaltenes Gebäude.

»Ihre Tante hat beinahe ihr ganzes Leben im Schwanenhaus gelebt«, sagte Sander.

Das hatte Mona nicht gewusst. Sie versuchte sich vorzustellen, wie es war, immer im selben Haus zu wohnen. Nie umzuziehen, nie in einer anderen Stadt zu leben oder in einem anderen Land. Leute zogen ein und aus. Ein Kommen und Gehen im Laufe der Jahre und Jahrzehnte. Nur man selbst blieb. Wieso?

Klara

Sommer 1938

Es war ein wunderschöner Sommertag. Ein bunter Tag, wie Klara dachte. Weiß-blau spannte sich der Himmel über München. Rote Hakenkreuzfahnen wehten am Stadtarchiv. Durch das tiefgrüne Laub der Kastanien und Linden davor strich der Wind. Beschwingt bog Klara von der Winzerer- in die Elisabethstraße ein und geriet so in Sichtweite ihrer Mutter. Vielleicht stand sie oben am Fenster und hielt Ausschau nach ihr. Unwillkürlich blieb Klara vor dem Schaufenster des Schuhladens Meyer stehen und prüfte ihre Erscheinung. Mit geübtem Griff zog sie den Lederknoten am schwarzen Halstuch nach oben, streifte einen Fussel von der weißen Bluse und strich den marineblauen Rock ihrer BDM-Uniform glatt. Keine Strähne hatte sich aus dem Zopf gestohlen. Sie sah tadellos aus und ging weiter, so wie ihre Mutter es erwartete. Ordentlich voreinander gesetzte Schritte und nicht breitbeinig nebeneinander, wie ein Bauernmädchen vom Land.

Seit Klara dienstags den Gymnastikunterricht und freitags den Volkstanzkurs des Bunds Deutscher Mädel besuchte, spürte sie, wie ihr Körper sich veränderte. Er wurde beweglicher, geschmeidiger, und sie ging aufrechter. Hoch erhobenen Haupts. Wie sich das für ein deutsches Mädchen geziemte. Sie nahm jede Sehne wahr und jeden Muskel, und es war ein gutes Gefühl, all das zu spüren. Noch besser fühlte es sich an, dass ihr bereits Brüste sprossen. Im November wurde sie vierzehn. Es war also höchste Zeit dafür. Das behauptete jedenfalls ihre Schulfreundin Therese, die es bei vier älteren Schwestern schließlich wissen musste. Nichts sehnte Klara mehr herbei, als vom Mädchen zum Fräulein zu werden. Und irgendwann zu einer eleganten Dame, wie ihre Mutter es war. Deshalb war sie glücklich, seit sie vor zwei Wochen beim samstäglichen Bad die beiden kleinen Wölbungen bemerkt hatte. Im Spiegel hatte sie sich zugelächelt. »Guten Tag, Fräulein Hacker.« Und am Abend hatte sie ihre Mutter gefragt, ob sie zum Kaufhaus Hirschvogl fahren könnten, um einen Büstenhalter zu kaufen. »Dafür ist es noch ein wenig früh«, hatte Mama mit einem Lächeln erklärt. »Und außerdem sollten wir nicht bei Juden kaufen.« Der Büstenhalter musste also noch ein wenig warten.

Klara steuerte auf das Haus mit dem Schwanenrelief im Giebel zu. Vor vier Jahren waren ihre Eltern mit ihr aus drei Zimmern in Milbertshofen in eine elegante Fünfzimmerwohnung im Schwanenhaus gezogen. Ganz oben in der vierten Etage. Die konnten sie sich nur leisten, weil Herr Roth, der Hauseigentümer, Papa mit der Miete entgegengekommen war. Mama meinte, die Größe und Lage wären ihrem Status angemessen, und das Entgegenkommen bei der Miete sei ein wohlüberlegtes Kalkül von Roth. In diesen Zeiten wäre es für einen jüdischen Unternehmer und Hausbesitzer nur von Vorteil, jemanden in der Justiz zu haben, der einem einen Gefallen schuldete.

Mama war eine anspruchsvolle Frau, wie ihr Vater einmal angemerkt hatte, und schwer zufriedenzustellen. Derzeit hatte sie sich eine Köchin in den Kopf gesetzt. Sie habe zu wenig Personal. Neben einem Dienstmädchen gehöre eine Köchin in den Haushalt eines Oberstaatsanwalts. Doch Papas Beförderung stand erst bevor, Mama musste sich gedulden. Mit dem Gehalt eines Staatsanwalts wäre kein großer Staat zu machen. Das sagte sie häufig, und Klara wusste, dass ihr Vater sich darüber ärgerte. Er gab sein Bestes, aber Mutter war das selten genug.

Der Duft von Lavendel, Jasmin und Bergamotte schlug Klara entgegen, als sie die Straße überquerte und die Parfümerie erreichte, die sich im Erdgeschoss des Schwanenhauses befand. Auf dem schwarz grundierten Glasschild über dem Schaufenster stand in schwungvollen goldenen Buchstaben Elisabeth-Parfümerie. Der Text darunter war abgeklebt. Die Zeile Seit 1903 – Inh. Jakob Roth verbarg sich darunter. Monatelang hatte jemand immer wieder die Fenster der Auslagen mit dem Wort JUDE verziert und dem Aufruf, nicht bei ihnen zu kaufen. Seit zwei Wochen hatte die Parfümerie nun einen neuen Eigentümer. Alfons Wagner, den ehemaligen Handelsvertreter der Roths.

Wobei verziert schon eine boshafte Formulierung war, wie Klara sich eingestand. Eigentlich taten ihr Mirjam und ihre Eltern leid. Sie konnten nichts dafür, dass sie Juden waren. Das suchte man sich ja nicht aus. Es war Schicksal. Trotzdem hatte Klara sich mit Mirjam zerstritten, obwohl sie Freundinnen gewesen waren. Es war passiert, als Klara dem BDM beigetreten war. Mirjam konnte und wollte natürlich nicht Mitglied werden und hatte ihr vorgeworfen, sich gegen sie zu stellen. Gegen Juden überhaupt. Böse Worte waren hin und her geflogen. Und schließlich hatte Mirjam Klara eine braune Schnepfe genannt, und seither redeten sie nicht mehr miteinander. Mama war darüber erleichtert. »Dieses jüdische Mädchen ist kein Umgang für dich. Du bist klug, dass du das erkannt hast.« Natürlich war Klara stolz auf dieses Lob aus dem Mund ihrer Mutter. Zur Belohnung hatte sie das Buch Der Trotzkopf geschenkt bekommen und binnen zweier Tage verschlungen. Mittlerweile hatte sie auch die Fortsetzungen gelesen und war entschlossen, in ihrem Leben alles richtig zu machen. So wie Ilse Macket, die Heldin der Romane, die anfangs ein ungestümer und widerspenstiger Trotzkopf gewesen war und am Ende ihren Platz an der Seite eines guten Mannes fand. Eine tugendhafte deutsche Frau.

Klara sah durch die Scheibe. Hinter der Verkaufstheke in der Parfümerie stand die dralle Gerda Wagner mit ihren blond gefärbten Haaren und beriet eine Kundin. Im Schaufenster waren noch immer die Produkte der Kosmetik-Manufaktur Roth ausgestellt. Seifen, Cremes, Parfums und Eau de Toilette, Puder und Lippenstift. Dazwischen stand ein handgemaltes Plakat. Jetzt in deutscher Hand.

Hatte Wagner nicht nur die Parfümerie, sondern auch die Fabrik der Roths übernommen, die sie in Freimann betrieben?

Es war noch nicht lange her, dass Vater beim Abendbrot gesagt hatte, dass es den Roths nass reinginge. Niemand kaufe mehr bei Juden, und der Umsatz von Roths Kosmetikmanufaktur war ins Bodenlose gefallen. Das habe Roth ihm anvertraut. Im April hatten die Juden obendrein ihre gesamten Vermögen melden müssen, und Roth schwante nichts Gutes. Er befürchtete, dass man sie früher oder später enteignen würde, und überlegte, mit seiner Familie Deutschland zu verlassen. Mama hatte gemeint, das wäre wohl das Beste. Nur, dass auch niemand anderer die Juden haben wolle, wie ja die Konferenz von Évian am Genfer See vor wenigen Tagen erst gezeigt hatte. Nicht mal die USA, die diese Konferenz auf den Weg gebracht hatten, waren bereit, ihr Kontingent an Visa für jüdische Flüchtlinge zu erhöhen.

Im Treppenhaus begegnete Klara Mirjam. Sie kam aus der Wohnung der Roths in der ersten Etage und sah aus, als hätte sie geweint. Die Augen waren ganz rot und geschwollen. Sie schlug sie nieder, als sie Klara sah, und lief rasch an ihr vorbei. Einen Moment war Klara versucht, ihr nachzulaufen und sie zu trösten. Sie rang den Impuls nieder, denn sie wollte es sich nicht mit ihrer Mutter verderben, und außerdem war Mirjam an der Reihe. Sie hatte braune Schnepfe gesagt. Erst musste sie sich entschuldigen.

***

Oben in der Wohnung hing Vatis Mantel an der Garderobe, also war er früher vom Gericht nach Hause gekommen. In der Küche rumorte Gertrud, das Dienstmädchen, während Mama im Salon telefonierte. Die Tür von Vaters Studierzimmer war geschlossen. Gab es wieder einmal dicke Luft zwischen ihren Eltern? Klara ging auf Zehenspitzen durch den Flur. Aus dem Salon klang Mamas Stimme. »Ernst-Friedrichs Ernennung zum Oberstaatsanwalt kann nicht mehr lange auf sich warten lassen, und dann werde ich eine Köchin engagieren.«

Durch den Türspalt sah Klara den Schattenriss ihrer Mutter im Gegenlicht vor dem Fenster. Seufzend strich sie sich eine Locke aus dem Gesicht. »Ja, Mutter. Das sehe ich genauso. Dann kann er mir das nicht länger verwehren.« Mama telefonierte also mit Großmutter. Das konnte dauern. Vor allem, wenn sie sich über Papa ärgerte, was sie häufig tat. Ein wenig mehr Ehrgeiz täte ihm gut, fand Mama, die ihn auch insgesamt für zu weich hielt. Klara mochte ihren Vater genauso gerne wie ihre Mutter. Doch in letzter Zeit spürte sie, wie sich ihre Haltung zu ihm veränderte. Vielleicht war er ja wirklich zu schwach, und das in einer Zeit, die entschlossene und starke Männer erforderte, wie ihre Klassenlehrerin stets betonte.

Bis zum Abendbrot erledigte Klara Hausaufgaben. Während des Essens bemerkte sie wieder die Spannung zwischen ihren Eltern. Dieser bemüht höfliche Tonfall und ein Gespräch, das sich um Belanglosigkeiten drehte und nicht um den Grund des Streits, der zwischen ihnen schwelte. Vermutlich ging es um die Köchin, die sie sich nicht leisten konnten. Noch nicht.

Sie waren mit dem Essen noch nicht fertig, als es an der Wohnungstür schellte und kurz darauf Gertrud Herrn Roth anmeldete. Vati entschuldigte sich und verschwand mit Mirjams Vater im Studierzimmer. Mama bat Gertrud, das Essen abzuräumen, und schickte Klara auf ihr Zimmer, das sich neben Vatis befand. Wollten die Roths wirklich auswandern? Nach Amerika vielleicht? Doch dort wollten sie die Juden ja auch nicht, wenn stimmte, was Mama über die Konferenz gesagt hatte. Wieder hatte Klara Mitleid mit Mirjam und deren Eltern. Am liebsten wäre sie zu ihrer Freundin hinuntergelaufen und hätte sie fest in den Arm genommen.

Stattdessen presste Klara das Ohr an die Wand, doch sie konnte nichts verstehen. Vielleicht ging es im Flur besser. Sie öffnete so leise wie möglich die Tür und sah direkt auf den Rücken ihrer Mutter, die an Vatis Studierzimmer lauschte. Lautlos schloss Klara die Tür wieder.

In den folgenden Tagen spitzte sie die Ohren. Mama war einsilbig, und Papa verschwand in seinem Zimmer, sobald er nach Hause kam, und blieb dort bis tief in die Nacht. Manchmal hörte Klara die Schreibmaschine klappern. Als sie am Freitag vom Volkstanzkurs zurückkam, saß Großmutter bei Mama im Salon, in ihrem Sessel direkt unter dem Gemälde von Lovis Corinth, das sie ihrer Tochter als Mitgift gegeben hatte. Großmutter war eine imposante Erscheinung. Sie erinnerte Klara an Brunhilde aus dem Illustrierten Buch Deutscher Sagen. Eine große Frau von kräftiger Statur, die immer noch das Schwarz der Witwen trug, obwohl Opa schon vor fünfzehn Jahren gestorben war. Er hatte sich mit seinem Möbelhaus übernommen und Klara hatte sich als Kind gefragt, wie man daran sterben konnte. Vor Kummer vielleicht? Doch Gertrud hatte ihr gesteckt, dass Großvater während der großen Wirtschaftskrise 1923 Bankrott gemacht und sich erschossen hatte. Ein Mann von Ehre.

Artig begrüßte Klara ihre Großmutter und wurde dann von Mama in die Küche zu Gertrud geschickt. Die solle ihr Tee machen und ein Stück vom Gesundheitskuchen geben. Danach wäre es Zeit, Hausaufgaben zu erledigen. Mama wollte also ungestört mit Oma reden. Doch Klara wollte wissen, was los war. Ob ihre Eltern etwa erwogen, sich scheiden zu lassen. Es wäre die größte Schande, und der Gedanke war so entsetzlich, dass Klara ihn gleich wieder beiseiteschob. Dennoch arbeitete er weiter in ihr, und schließlich ging sie zur Toilette, um vielleicht etwas von der Unterhaltung aufzuschnappen. Die Tür zum Salon stand offen. Als sie daran vorbeiging, verstummte das Gespräch der beiden Frauen für einen Moment und setzte erst wieder ein, als Klara die Badezimmertür öffnete. Sie verließ das Bad gleich wieder, schlich auf Zehenspitzen über den dicken Läufer zurück, blieb neben der Kommode im Flur stehen und spitzte die Ohren. Sie verstand nicht jedes Wort, doch einiges. Es ging nicht um eine Scheidung, wie sie erleichtert feststellte. Vielmehr wollte ihr Vater den Roths das Haus abkaufen. Hinter Mamas Rücken. Aber sie hatte es natürlich herausgefunden. Die Roths würden nach Amerika auswandern, erklärte Mama. Anscheinend hatten sie Beziehungen und einen Bürgen in Chicago. Damit stiegen die Chancen, an die raren Visa zu gelangen. Geld hätten sie außerdem genug, meinte Mama. Denn bestimmt hätten sie nicht alles ordnungsgemäß angemeldet. Außerdem wäre Alfons Wagner sicher nur ein Strohmann. »Der Roth schiebt einen anderen vor und macht weiter. Wenn Ernst-Friedrich davon wüsste, müsste er der Sache vermutlich nachgehen.«

»Warum sagst du es ihm nicht?«, fragte die Großmutter.

»Ganz sicher weiß ich es ja nicht. Außerdem will ich den Roths nichts Böses. Sollen sie meinetwegen auswandern. Hauptsache, sie verschwinden.«

»Hauptsache, Ernst-Friedrich kann das Haus günstig kaufen, meinst du.«

»Als Juden würden sie ohnehin kaum etwas dafür bekommen. Da ist es besser, wenn Ernst-Friedrich es für einen vernünftigen Preis erwirbt.«

Die Küchentür quietschte. Gertrud trat in den Flur. Klara strich die Schürze glatt und ging gemessenen Schritts zu ihrem Zimmer. Für einen Moment erstarb das Gespräch der beiden Frauen im Salon wieder.

Klara setze sich ans Fenster und sah in den Hinterhof. Das waren ja Neuigkeiten! Papa kaufte das Haus. Die Roths wanderten aus. Nach Amerika. Mirjam würde aus ihrem Leben verschwinden. Für immer. Ein schrecklicher Gedanke.