Fantasy Noir

Fantasy Noir

12 übernatürliche Mordfälle

 

Mit Geschichten der Autoren

Fabian Dombrowski

Daniel Schlegel

M.W. Ludwig

Robert Friedrich von Cube

Marie Mittmann

Detlef Klewer

Magali Volkmann

Laura Dümpelfeld

Katharina Fiona Bode

Isabel Schwaak

Nicola N. Ahrens

Markus Cremer

 

 

Impressum

 

Alle Rechte an den abgedruckten Geschichten liegen beim

Art Skript Phantastik Verlag und den jeweiligen Autoren.

 

Copyright © 2015 Art Skript Phantastik Verlag

 

Lektorat » Franziska Stockerer

 

Gestaltung » Grit Richter | Art Skript Phantastik Verlag

Cover-Illustration » Martin Knipp

www.weltenreisen.de

 

Der Verlag im Internet

» www.artskriptphantastik.de

 

 

Alle Privatpersonen sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit realen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

 

 

Albenpfeile

Fabian Dombrowski

 

Das erste zaghafte Morgenlicht dämmerte bleich über der Bucht von Lavinia Alba und warf den Schatten des Krans, der gerade das Autowrack aus dem Meer barg, hart auf den Deich der Strandpromenade. Die salzigen Fluten schienen das Fahrzeug ungern preiszugeben. Dicke Stränge von Seetang zerrten an der Karosse wie an einem greisen Wal, der sich in ihnen verfangen hatte und elendig verreckt war. Die am Tatort versammelten Polizeibeamten beäugten mich misstrauisch, als ich aus meinem Wagen stieg und zu der Stelle wanderte, an der das verunglückte Gefährt in vollem Tempo die Leitplanke durchschlagen hatte. Ich bemitleidete diese unterbezahlten und mehr von Muskeln als vom Hirn getriebenen Arme des Gesetzes. Nicht, dass meine Arbeitsmethoden subtiler gewesen wären als ihre, aber ich sprach mir dann doch eine gewisse Grundverständigkeit von der Welt zu, die der Staatsdienst offenbar nicht zwingend erforderte. Kein Wunder, dass die Polizei von Lavinia Alba im Ruf stand, einfach eine weitere tumbe Schlägertruppe der Straße zu sein − nur eben in Uniform.

»Urien, was hast du hier zu suchen?«, fuhr mich einer der Beamten an.

»Ruhig Blut, Verres, Kommissar Aurelius hat mich gebeten, dir den Arsch zu retten.«

»Wie das?«

»Indem ich dich davon abhalte, wieder Scheiße zu bauen, wie bei dem Claudius−Fall letzten Monat.«

»Was habe ich denn falsch gemacht?«, meinte Verres und tat gespielt unschuldig.

»Du hast die halbe Quirinius−Familie zusammenschlagen lassen und auch ordentlich mitgemischt, obwohl niemand von ihnen etwas mit den Morden zu tun hatte.« Der Beamte zuckte mit den Schultern. Der vergleichsweise gemäßigte Gewaltexzess − gemäßigt zumindest für Verres‘ Verhältnisse − schien ihm wenig auszumachen.

»War doch ein Spaß!«, meinte er und ein Stück weit stimmte ich ihm da sogar zu. Schließlich verpasste man nicht ständig den einflussreichen, jedoch ebenso ausbeuterischen Oberschicht−Snobs eine Abreibung.

»Womit haben wir es hier zu tun?«, fragte ich. »Hat jemand seinen Wagen im Suff über die Kante geschickt? Das habt ihr jede Nacht. Kein Grund, das Morddezernat einzuschalten.«

»Wie viel Schnaps er gestern auch gehabt haben mag, das war sicher nicht der Anlass für seinen Tauchausflug in der Bucht«, antwortete der Polizist und holte aus seinem Dienstmantel einen Pfeil hervor. Ja, Sie hören richtig, verehrter Leser, einen Pfeil! Ein Geschoss, das von einer Waffe abgefeuert wurde, die lange vor Schießpulvergeruch und industriell maßgefertigtem Tod die Schlachtfelder beherrscht hatte. Dieses Exemplar hier hatte ein Handwerker mit besonderer Aufmerksamkeit gewürdigt. Eibenholz, Silberstahl und rote Federn verbanden sich zu etwas, bei dem Mordwerkzeug und Kunstwerk nahe beieinanderlagen. So ein Projektil hatte ich ewig nicht mehr gesehen. »Drei von den Schmuckstücken steckten mit ihren Widerhaken im Fleisch unseres Opfers. Irgendwer konnte ihn wirklich nicht leiden.«

»Haben wir eine Ahnung, wer da hingerichtet wurde, Verres?«

»Warum sprichst du gleich von einer Hinrichtung?«

»Weil niemand eine Waffe, die eigentlich in ein Museum gehört, für einen Raubmord oder ähnlich niedere Bösartigkeiten verwendet.« Im Stillen dachte ich, dass Verres wohl auch im Museum keinen dieser Pfeile finden würde (wenn er sich denn einmal in eine solche Institution verirren würde). Sie können meine Aussage gern überprüfen, aber so ein Artefakt zu entdecken ist ein Traum aller Archäologen, die solche Waffen nur aus Vers−Epen und anderen mythischen Texten kennen. »Also. Wissen wir, wer das war?«

»Nein«, gab Verres zu. »Wir konnten das Fahrzeug noch nicht identifizieren, aber die Leiche hatte das hier bei sich.« Er reichte mir ein durchweichtes Buch im Ledereinband. Ich schlug es auf. Auf der ersten Seite fand sich ein verwaschener roter Buchhändlerstempel. Nicht viele benutzten noch so ein Markenzeichen und nur einer in roter Tinte.

»Das ist zumindest ein Anfang«, murmelte ich.

 

 

Der Pfeil in Verres‘ Hand weckte dieses Gefühl in mir, dieses bestimmte Gefühl, wenn Magengrummeln und Nostalgie nicht mehr zwei unterschiedliche Empfindungen waren. Geliebt−gehasste Vergangenheit! Sie überwältigte mich meistens in den Abendstunden des Spätsommers, wenn ich allein auf meiner Couch saß, hemdsärmelig und eine Zigarette nach der anderen rauchend. Hitzeflirren und unterm Deckenventilator rotierender Nikotinrauch gaben den Bildern in meinem Kopf ihr Medium. Helden kämpften in Kriegen, von denen kein Gelehrter je gehört hatte. Paläste wurden gebaut und in ihren Sälen Feste gefeiert, gegen die die Dekadenz der Gegenwart zur Bescheidenheit schrumpfte. Götter bereisten den Himmel und die Welten, die hinter der Fassade der Wirklichkeit lagen. War dies Realität? War dies meine Erinnerung? Ist es wahr oder habe ich es nur geträumt − dieses vergangene Leben?

− aus den Tagebüchern Urien Rhegeds,

im Jahr 189 der Republik

 

Die dunklen Leiber der Bücher in dem Laden dimmten das Licht, das durch große Scheiben in den Verkaufsraum fiel auf eine seltsam angenehme Weise. Ich legte meinen Hut auf den Tresen neben der Kasse ab. Der Eigentümer im Rollkragenpullover, der bis eben noch seine Nase tief ins Wörterbuch historischer Grundbegriffe gesteckt hatte, merkte auf.

»Lugh«, grüßte ich ihn.

»Urien«, strahlte der Buchhändler mich an, stand auf und kam um den Tresen herum. Wir umarmten uns. Lugh und ich waren zusammen im Krieg gewesen. Er hatte als Major und ich als Erster Maat auf der Argo, dem Flaggschiff der republikanischen Luftflotte, gedient. Jedoch reichte unsere Freundschaft viel weiter zurück − eigentlich so lange, wie ich mich erinnern konnte.

»Was kann ich für dich tun? Um diese Uhrzeit kommst du sicher nicht für eine nette Unterhaltung unter Freunden vorbei, vermute ich.«

»Nein, dafür wäre eine Bar mit guten Ambrosiavorräten der bessere Ort.«

»An Letzterem würde es uns nicht mangeln«, meinte Lugh und klopfte auf den Tresen. Ich grinste. Zu gern wäre ich auf dieses Angebot eingegangen.

»Sehr freundlich von dir, aber das hier hat leider Vorrang.« Aus meiner Tasche förderte ich das Buch vom Tatort zutage. Es verströmte noch immer den Geruch von Meersalz und nassem Leder. »Das musst du verkauft haben. Allerdings hatte sein Besitzer nicht viel davon.« Lugh runzelte die Stirn und nahm das Buch vorsichtig in die Hand.

»Ein Unfall?«, fragte er.

»Die Art von Unfall, bei der einem jemand drei Pfeile in die Brust schießt, falls du das meinst. Pfeile vom Alten Volk.« Wir schauten uns an. Wir beide wussten, was das zu bedeuten hatte und es gefiel uns ganz und gar nicht. Manche Dinge blieben besser in der Vergangenheit begraben. Mussten begraben bleiben. Das Unbehagen von etwas Vergessenem, das zurück ins Bewusstsein drängte, erfasste uns.

»Welch seltsam passender Zufall«, murmelte Lugh.

»Was?«

»Das Buch. Jetzt kann man es wohl kaum noch lesen. Schade drum, es war eines der letzten existierenden Exemplare. Jedenfalls handelt es sich hierbei um einen Expeditionsbericht von Elius Excursor nach Eridanos, der ja dort den mythischen letzten Rückzugsort des Alten Volkes entdeckt haben soll. Auch wenn ich aus den Beschreibungen eher entnehmen würde, dass er wahrscheinlicher von einem Nebenzweig schreibt als von Vertretern des Muttervolkes.«

»Welcher Nebenzweig?«

»Hierzulande nennt man sie die Caeci.«

»Und wir nannten sie Alben.« Als ob die üblichen Kleinkriege der Familien, die Korruption des Adels und die Straßenkriminalität die Stadt nicht bereits von innen zerfressen würden. Was musste sich da noch das Schattenvolk einmischen, nach Jahrhunderten der Abwesenheit? Dieser Ort richtete sich schon genug selbst zugrunde. »Kannst du mir sagen, wer das Buch gekauft hat?«

»Selbstverständlich. Wurde ja gestern abgeholt.« Lugh holte unter dem Tresen ein schweres Kassenbuch hervor und schlug es auf. »Hier haben wir es. Nevius Nuntius. Interessant ist für dich aber vielleicht, von wessen Konto das Geld kam. Ein gewisser Aemilius Maecenas hat dabei Financier gespielt.«

»Maecenas? Der Gründer der Maecenas Korporation? Der reichste Mann in Lavninia Alba und womöglich in der ganzen Republik?« Dieser Fall bekam von Spur zu Spur ein größeres Ausmaß. Das gefiel mir überhaupt nicht. Ein Mord mit einer uralten Waffe, die Alben und nun Maecenas? Eigentlich hätte mir all das bedeuten sollen, die Finger davon zu lassen, aber mir hatte schon immer das Feingefühl gefehlt, zu entscheiden, wann es Zeit war zu gehen. Nehmen Sie sich besser kein Beispiel an mir, verehrter Leser.

»Aha. Klingt wichtig, dieser Maecenas.«

»Du kennst ihn nicht? Du kommst wirklich nicht viel raus hier oder?«

»Nein. Gibt da draußen wenig, wofür es sich lohnen würde. Jedenfalls nicht mehr.«

»Darüber unterhalten wir uns nächstes Mal. Ich muss jetzt los.«

»Wohin?«

»Maecenas einen Besuch abstatten.«

Ich nahm meinen Hut und setzte ihn im Hinausgehen auf. Vor der Tür blickte ich hinauf in den klaren Himmel, gegen den sich die Spitzen der Wolkenkratzer abzeichneten. Zwei Luftschiffe schwebten majestätisch in Richtung Hafen. Weit entfernt zog eine Schlechtwetterfront auf und eine Vorahnung sagte mir, dass mit ihrer Ankunft nicht nur Regenschauer über der Stadt niedergehen würden, sondern gleichsam Albenpfeile.

 

Ihre Städte lassen sich kaum mit Worten beschreiben. Ein Poet müsste das tun, kein unberufener Mann der kühlen Wissenschaft, wie ich es bin. Texte unserer Zunft sollen − so das Dogma − der Klarheit und Logik nüchterner Schilderungen folgen und dürfen sich nicht von der Schönheit und Faszination ihres Gegenstandes verführen lassen. Aber diese unterirdischen Burgen aus Stahl und Granit, mit den Einlassungen aus Silber und Quarz? Es wäre ein Verbrechen, sie unter solch unwürdigen Umständen einem Leser zu präsentieren. Nie wird unsere mindere Kultur ihnen gleichkommen können und es mag sein, dass unsere Sprache gar keinen Weg kennt, selbst in der hohen Dichtkunst nicht, ihnen ein Denkmal in Worten zu setzen. Mir scheint, dass sich sogar anfangs meine primitiven Augen geweigert haben, die Mauern ihrer Zuflucht wahrzunehmen. Halb erfroren taumelte ich durch die Tundra und erst, als ich schon beinahe das Stadttor erreicht hatte, offenbarte sich mir die Pracht!

− Elius Excursor, Reise nach Eridanos,

posthum veröffentlicht

 

Der Fahrstuhl strebte dem siebzigsten Stock entgegen, wo Maecenas Büro lag. Es galt als unmöglich, einen Termin mit dem Multimilliardär und Industriekapitän zu bekommen. Jedoch schien die Definition von unmöglich umso flexibler zu werden, je mehr ich von Mordgefahr und toten Mitarbeitern bei unfreiwilligen Tauchausflügen redete. Meine Privatermittler−Lizenz und ein durchaus schmeichelhafter, weil erfolgreicher Ruf, mochten auch geholfen haben. So befand ich mich nun zu spätabendlicher Stunde auf dem Weg zum reichsten Mann der Stadt. Ich wusste nicht, was mich im Laufe dieser Ermittlungen noch erwarten würde, also hatte ich auf dem Weg noch meinen Revolver aus meiner Wohnung geholt. Sie sollten wissen, dass niemand in meinen Berufszweig seine Waffe stets im Schulterholster stecken hat. Spontane Schießereien mit allerlei Übeltätern während der Ermittlungen, die Sie womöglich aus Schundromanen und platten Filmen kennen, gehörten glücklicherweise kaum zu unserem Alltag.

Schlussendlich hielt der Aufzug und öffnete seine Türen. Ich betrat ein Büro, das sich genauso weitläufig wie dekadent darbot: Grünpflanzen in antiken Terrakotta−Vasen, rote Teppiche aus Übersee und Kunst, die vor dem Krieg sicher zentrales Kulturgut der Kolonien gewesen war. Die Fensterfront hinter dem geräumigen Schreibtisch dominierte das Bild. Hätten Nacht und Regenwolken die Aussicht nicht getrübt, hätte man den Ausblick über die Bucht und das umliegende Lavinia Alba genießen können.

»Kommen Sie ruhig heran«, rief der Mann hinter dem Schreibtisch mir zu − und er musste tatsächlich rufen, denn in diesen Räumlichkeiten ließe sich besser eine Gala geben als Büroarbeit zu verrichten. »Sie wissen sicher, Urien, welche Besorgnis Sie mit Ihrem Gewirbel unten an der Rezeption und bei meinem Sicherheitsdienst verbreitet haben. Ich möchte Sie also direkt bitten, zum Punkt zu kommen, ohne jede Floskel.«

»Gern. Ich muss Ihnen leider mitteilen, soweit Sie das nicht schon wissen, dass heute Nacht Ihr Mitarbeiter Nevius Nuntius ermordet wurde. Drei Pfeile des Alten Volkes steckten in seiner Brust.« Mit einer Handbewegung unterbrach mich Maecenas.

»Woher wollen Sie das wissen? Nach meinem Stand hat niemand je eine Waffe der Alten gesehen.«

»Ich bin mir sicher. Bitte vertrauen Sie mir in diesem Punkt.« Den wahren Grund, warum ich den Pfeil identifizieren konnte, hätte er mir sowieso nicht geglaubt. Auch Sie, verehrter Leser würden das nicht − noch nicht (und vielleicht tun Sie das nicht einmal am Ende dieser Erzählung). »Jedenfalls fanden wir den Excursor−Bericht bei ihm, den er in Ihrem Auftrag erworben hat. Die Kombination aus der Tatwaffe und diesem Expeditionsbericht hat meine Aufmerksamkeit darauf gelenkt, dass der Mord sehr wahrscheinlich mit Ihnen und Ihrem Interesse am Alten Volk zu tun hat.«

»Meinen Sie nicht, die Belege für eine solche Schlussfolgerung sind etwas dünn?«

»Vielleicht, aber …«, wieder unterbrach Maecenas mich.

»Wissen Sie mehr oder Konkreteres über den Fall?«

»Nein.«

»Dann ist ein weiteres Gespräch Zeitverschwendung.« Der reiche Mann blockte mich ab. Mit dem Habitus des Überlegenen, der es sich leisten konnte, jede Person zu ignorieren, die in seinen Prioritäten keine Rolle spielte, wandte er sich einem Rechnungsbericht auf seinem Schreibtisch zu. Ich lehnte mich vor und stütze mich auf dem Tisch ab, eine Hand absichtlich das Dokument verdeckend. »Hören Sie«, meinte ich kühl, »was auch immer Sie an den Alten interessiert könnte der Schlüssel zu diesem Mord sein! Warum also wollen Sie dieses Buch?«

»Das geht Sie nichts an!«, brüllte Maecenas und sprang von seinem Sessel auf. Spucke flog. Sein erhitztes Gesicht nur eine Handbreit vor mir. Ich glaubte, eine eine rote Ader im Weiß seines Augapfels pulsieren zu sehen.

»Aber mich«, meinte da eine eisige Stimme. Eine alte Wut lag darin. Und dort, in einem Nebeneingang des Büros stand der Alb, den Bogen geschultert, ein Messer in der Hand − unter seiner Kapuze das Gesicht wie aus Onyx gemeißelt und die Augen und das lange Haar aus gegossenem Silber. Die Leiche eines Leibwächters lag hinter ihm – derartig in sich verdreht, dass mir übel wurde.

Ein berühmter Schriftsteller hat einmal gesagt, wenn einem nicht mehr einfällt, wie man weiterschreiben soll, lässt man einfach einen bösen Buben mit erhobener Waffe hereinstürmen. Leider war die so erzeugte Spannung in der Realität eine ganz andere, als diejenige in einem flauen Textabschnitt, der eine überraschende Wendung brauchte. Eine wirklich völlig andere.

Ich zog meine Waffe, entsicherte, spannte den Hahn und feuerte. Eine schnelle Bewegung des Alben und ein klirrendes Geräusch verrieten, dass er die Kugel mit seinem Messer abgefangen hatte. »Verdammter Angeber«, murmelte ich und rief dann zu Maecenas: »Laufen Sie!« Doch der dachte nicht daran. Stattdessen tat er es mir gleich (meinem durchschlagenden Erfolg zum Trotz), riss aus einer Schreibtischschublade einen Revolver und eröffnete das Feuer. Ein Stakkato aus Mündungsblitzen zuckte durch den Raum, spiegelte sich grell im Panoramafenster, bis der Abzug nur noch ein leeres Klicken auslöste. Keine einzige Kugel hatte getroffen. Dank Maecenas‘ nicht vorhandenen Zielkünsten steckten die Kugeln in den Bürowänden statt im Albenkörper.

An dieser Stelle nahm die Situation eine unerwartete Wende.

»Urien Rheged, der Spieler der Unsterblichen, ich kenne Euer Gesicht«, stellte der Alb fest und neigte den Kopf in einer Geste gelassener Verwunderung.

»Unsterbliche?«, fragte Maecenas.

»Scheiße«, war alles, was mir dazu einfiel. Warum redeten diese Elbenvölker nie in ihren eigenen Sprachen, wenn es gerade nötig war und anderer Leute Geheimnisse preisgegeben werden konnten. Sie taten doch sonst so mysteriös.

Mit einem Ruck wirbelte ich herum und ließ meinen Revolver gegen Maecenas‘ Schläfe sausen, bevor der Alb mehr Informationen über mich preisgeben konnte. Dass dies eine glückliche Entscheidung gewesen war, bestätigte sich sofort, als der Eindringling fortfuhr: »Ich habe Euch damals gesehen, auf dem Marktplatz von Eridanos. Damals, als die Theomachie begann, der große Kampf zwischen den Sterblichen und Unsterblichen. Ihr habt eine Rede gehalten an die loyalen und guten Anhänger Eurer Sache, um ein Heer für die kommenden Schlachten zu sammeln. Und wie endete das alles? Damit, dass Ihr und die Euren den Thron der Welt freiwillig räumtet … und nach all dem finde ich Euch hier, als käuflichen Bediensteten des Niedrigsten der Völker? Wie kommt es?«

»Irgendwo mussten wir ja hin. Abgesehen davon waren wir nach unserem Machtverlust komplett orientierungslos, lange fehlte uns sogar die Erinnerung, wer wir früher waren. Außerdem ist der Job nicht schlecht. Er zahlt Essen und Miete und die Kunden sind dankbarer als damals.«

»Ihr wart ein Gott!«, empörte sich der Alb.

»Mag sein. Viel dringlicher ist im Moment jedoch die Frage, was du in der Stadt zu suchen hast!?«

»Meine Heimat davor bewahren, dass aus ihrem Mythos erneut Realität wird.«

»Ja, da ist es natürlich naheliegend, jeden umzubringen, der anfängt, nach euch zu suchen. Das lenkt sicherlich keine Aufmerksamkeit auf die Sache. Besonders, wenn dabei ein Geschöpf mit wehendem Umhang über die Dächer der Stadt rauscht, das selbst die Großelterngeneration für einen Mythos hält.« Ich unterließ es, zu erwähnen, dass die meisten es wohl für einen Werbetrick, für eine weitere schlecht geschriebene Schundromanserie halten würden, denn ein paar Verrückte mochten es trotzdem für echt halten. Und der falsche Verrückte am richtigen Platz war extrem gefährlich. Ich seufzte.

Die Alben waren exzellente Krieger und Strategen auf den Schlachtfeldern vergangener Zeiten, aber es hat ihnen schon immer die Gabe gefehlt, sich in andere Kulturen einzufühlen. Ganz abgesehen davon schien mir die Bewaffnung dieses Attentäters darauf schließen zu lassen, dass sie in den letzten zweihundert Jahren nicht gerade mit der Zeit gegangen waren. Ich mochte solche Unterstellungen der Dummheit und Rückständigkeit nicht und vielleicht war dem Alb auch schlicht nicht bewusst, dass die Presse jedes kleinste Gerücht, das im Umkreis des Mordes am reichsten Mann der Republik spukte, in die Welt hinausschreien würde. »Wie konnte Excursor eigentlich eure Zuflucht entdecken?«, fragte ich.

»Konnte er nicht. Wir haben ihn vor dem Erfrieren gerettet.«

»Was ist aus eurem Grundprinzip geworden? Nur wer Stärke zeigt, darf überleben!«

»Der Eunuchen−Rat teilt einem schlichten Attentäter wie mir nicht seine Beweggründe mit.«

»Besser wär‘s gewesen, besonders was diese Aktion hier betrifft! Jedenfalls wäre es günstiger, wenn du jetzt zurückkehrst zu deinen sterilen Ratsherren und −frauen. Richte ihnen aus, von den Menschen droht ihnen keine Gefahr; Urien Rheged gibt sein Wort.« Ungerührt schaute der Alb mich an. Dann schritt er an mir vorbei und hob seinen Dolch über den bewusstlosen Maecenas. »Aufhören!«, befahl ich und packte ihn am Handgelenk. Es kostete mich alle Mühe, seine Bewegung aufzuhalten. In seinen Knochen und Muskeln pulsierten mehr Magie und Kraft, als ich auf Dauer bewältigen konnte.

»Ihr befehlt mir nicht! Ihr habt uns im Stich gelassen, seid vor eurer Verant-wortung geflohen und in eurer Abwesenheit haben die Menschen − von allen Völkern gerade die Menschen − die Herrschaft über die Welt an sich gerissen.«

»Meinst du, deine Meinung interessiert? In diesem Zeitalter ist kein Platz für Götter, genauso wenig wie für euch Alben oder andere Elbenvölker. Doch hier und jetzt spreche ich zu dir, Urien Rheged, der Spieler, und befehle: Geh!« Alle Kraft, die ich finden konnte, legte ich in meine Stimme. Ich suchte nach einem kleinen Funken meiner alten Macht in mir, fand ihn und ließ mich von ihm leiten. Furcht trat auf das Gesicht des Alben. Im Glas des Panoramafensters sah ich, warum. Meine Gestalt wirkte hünenhaft, eine fremdartige, stolze Majestät lag in ihrer Haltung, die Sterbliche nie nachahmen könnten, denn sie speiste sich aus der Überlegenheit über den Tod. In meinen Augen spielte Sternenlicht. Der Attentäter ließ ab. »Geh jetzt«, raunte ich. »Ein Gott mag ich nicht mehr sein, aber es reicht, um dich in die Reiche der Nacht und des großen Schlafs zu verbannen!«

Da floh er.

Der Bluff hatte funktioniert, die Kräfte, mit denen ich gedroht hatte, besaß ich nie im Leben. Es hatte gerade so für das Trugbild gereicht.

Jetzt stellte sich nur noch eine Frage, dachte ich mir, während ich auf Maecenas herunterschaute: Wie erkläre ich ihm seine Bewusstlosigkeit.

 

Empörung an der Akademie der Wissenschaften. Nachdem bekannt wurde, dass die Tatwaffe im Mordfall Nevius N. von einigem Interesse für die archäologische wie auch historische Fakultät ist, forderte man die Herausgabe des Artefakts nach Ende der Untersuchung. Die Polizei verweigert dies mit dem Verweis darauf, solch sensible Materialien in ihren eigenen Archiven einlagern zu müssen. Der kürzlich berufene Professor Brandanus Agnatus empörte sich, eine solche Behinderung des Forschungsbetriebs sei skandalös. Besonders wenn man hier auf das harte Einhalten von Regeln bestünde, wo die Beamten sonst eher locker mit ihnen umgingen. Im folgenden Handgemenge verletzte Agnatus zwei Beamte schwer und einen Reporter leicht, woraufhin er in Untersuchungshaft genommen wurde. In der Tat verdichten sich zurzeit die Hinweise, eben jene zwanglose Haltung gegenüber den behördlichen Arbeitsanweisungen könne dazu geführt haben, dass die Mordwaffe »auf dem Transport in die langfristige Verwahrung verloren ging«, wie sich unsere interne Quelle ausdrückte.

− Artikel aus der Gazetta Republicae

von Lemicus Locovicus

 

Drei Tage später verließ ich unter Schulterklopfen von Verres das Gefängnis. Er behandelte mich wie einen Helden dafür, Maecenas eine reingehauen zu haben und sagte gern, ich hätte es denen da oben gezeigt, stellvertretend für jeden guten Bürger. Anfangs hatte die Anklage auf Industriespionage gelautet, als jedoch klar wurde, dass mein Besuch mit dem Mord an Nevius Nuntius zu tun hatte, schlug Maecenas ein Geschäft vor: Er werde nicht mit dem Mord in Verbindung gebracht und lasse im Gegenzug jede Anschuldigung gegen mich fallen. Ich gab ihm meine Hand darauf. Alles war wieder beim Alten, dachte ich mir. Die großen Geschichten der Vergangenheit fielen erneut dem Vergessen anheim. Auch wenn der Preis dafür die Entzauberung der Welt war, konnten wir doch ohne Götter, Magie und verborgene, uralte Völker unser Leben zumindest mit einem überschaubaren und selbstverantworteten Maß an Schrecken fristen. Und das sage ich Ihnen, verehrter Leser, einst selbst ein Gott, und heute zufrieden als Mensch.

 

 

Das Herz eines Engels

Daniel Schlegel

 

Fauliger Geruch quoll die Kaimauern hinauf und vertrieb den Gestank der Gosse. Abwasser ersetzte Schweiß und sonstige Körperausdünstungen; beides gleichermaßen penetrant, doch zumindest stieg mir nicht mehr das Aroma der Drogen in die Nase. Als ich mich umdrehte und zu den Fassaden schaute, sah ich die neonfarbenen Schriftzüge der Bars. Bunte Lichter, die die Regentropfen in Saphire, Smaragde und blutige Schauer verwandelten. Darunter die Umrisse von Huren und Junkies, ein hässlicher Mottenschwarm, der berauscht ums Licht tanzte. Fernab der überquellenden Straßen war der Lärm zu einem dumpfen Grollen verkommen. Aber es half nichts: Mit jedem Schritt zerbarst mein Schädel aufs Neue.

Ich kämpfte gegen den Schwindel an und versuchte mich zu entsinnen, wie ich hierher gekommen war. Unwichtig, entschied ich. Hauptsache, ich war hier. Als ich den nächtlichen Anruf erhalten und man mich lediglich mit einigen kryptischen Sätzen abgespeist hatte, hatte mein Instinkt umgehend Alarm geschlagen. Das war der Fall, auf den ich gewartet hatte. Der Fall, der mich aus diesem Drecksloch holen würde.

Stoisch lief ich die Kaimauer ab, bis ich den Schein blauer Lichter entdeckte. Aus dem diesigen Schleier schälten sich die Silhouetten von Menschen und Autos. Gelbe Absperrbänder umgrenzten den Bereich. Bevor ich jedoch einen Fuß auf den Tatort setzen konnte, erschien wie aus dem Nichts eine Gestalt. Ein roboterartiges Konstrukt, ein Gefüge schäbig verschweißter, vom Rost zerfressener Blechplatten – ein Golem, das Gefäß für einen dämonischen Geist. Durch die Ritzen schimmerte rötlicher Glanz.

»Bleiben Sie zurück! Das ist eine Polizeiangelegenheit!«

Verflucht, entweder hatte dieser Grünschnabel keine Ahnung, wer ich war, oder ich sah genauso beschissen aus, wie ich mich fühlte. Die Kopfschmerzen hinderten mich daran, ihn auf seinen Platz in der Nahrungskette zu verweisen, und ich beließ es bei einem Knurren. Ich wühlte in meinen Taschen, fand Dienstmarke und Ausweis … und einen Zauberwürfel? Gottverdammt, wie konnte ich nur so fahrlässig sein und das Ding während der Dienstzeit mit mir rumschleppen?

»Detective Gardner? Tut mir leid, ich habe Sie nicht sofort erkannt …«

»Interessiert mich nicht«, brummte ich, riss ihm den Ausweis aus der klobigen Hand und betrat den Schauplatz des Verbrechens. Ich erspähte Uniformen und Mäntel, eine ganze Heerschar von Gesetzeshütern. Hierbei handelte es sich nicht um einen unbedeutenden Penner, dem man im Streit um ein paar Drogen die Kehle aufgeschlitzt hatte. Nein, das war etwas Großes. Mein Instinkt hatte mich nicht getäuscht.

»Gardner?« Ein Mann – Lewis, das Urgestein der Abteilung – näherte sich mir. »Mit dir hat hier wohl keiner mehr gerechnet.«

»Man hat mich angerufen.«

»Bist du nüchtern?«

»Zur Genüge. Also, was ist vorgefallen?«

»Komm mit.«

Ich folgte Lewis an den Rand der Kaimauer und blickte hinab. Auf einem Steg standen Polizisten, zu ihren Füßen eine Leiche.

»Wer ist das?«

»Ein ehrenwertes Mitglied der Cherub-Familie.«

»Demnach eine Berühmtheit«, bemerkte ich kalt.

Lewis führte mich die Treppe hinunter. Gemeinsam schoben wir uns in den Halbkreis, der sich um die Leiche geschart hatte. Mehrere Augenpaare, sowohl jene der Menschen als auch die der Golems, fixierten mich. Man ließ mir mehr oder minder überraschte Begrüßungen angedeihen, die ich stumpf abnickte. Ehrfurcht, Bewunderung oder Abscheu – was sie tatsächlich dachten, scherte mich einen Scheißdreck. Als ich mich der Arbeit zuwandte, erwachte mein detektivischer Spürsinn und zerstob den Alkoholnebel, der meinen Verstand umhüllte.

Ich ging in die Hocke und musterte die Leiche. Männlich, nackt, makellose Haut, leerer Blick, zwei Flügel, die aus den Schulterblättern sprossen. Das Genick gebrochen, die Haare mit Abwasser vollgesogen. Als ich ihn auf den Rücken drehte, erkannte ich verschnörkelte Tätowierungen auf seinem Oberkörper; Runen, lateinische Verse – und einen Namen: Sanctus Seram. Ein toter Engel. Ich musste beinahe lachen. In all ihrer Arroganz stolzierten sie durch die Straßen, residierten in abgeschotteten Anwesen, spielten ihre politischen Machtspielchen und gaben sich dem Irrglauben hin, sie wären unsterblich. Dabei bestanden sie aus dem gleichen verwesenden Fleisch wie wir, den gleichen zerbrechlichen Hüllen wie der menschliche und dämonische Abschaum dieses verkommenen Schmelztiegels. Dass sie ebenfalls sterben konnten, hatte diese Kreatur eindrucksvoll bewiesen.

»Ihre Meinung, Gardner?«

»Offensichtlich, oder?«, warf jemand ein. »Tod durch Genickbruch.«

»Hör mal, Jungspund, schon mal jemanden gesehen, der einen Engel mit bloßen Händen tötet?«, erwiderte ich mit Blick auf Lewis, der mir kaum merklich nickend beipflichtete. »Der war schon vorher tot. Nirgends am Hals sehe ich Spuren oder Blutergüsse. Den hat irgendetwas anderes weggerafft.«

»Nein, wahrscheinlich waren es Bandenmitglieder.«

Erneut gab dieser Jungspund seine wertlose Meinung zum Besten, derart von sich überzeugt, dass er glaubte, sein Wort hätte Gewicht. »Der Cherub hat sich ins falsche Viertel gewagt und wurde umgelegt.«

»Könnte bitte jemand diesen Idioten zum Schweigen bringen?«, fuhr ich dazwischen. »Ein Blinder sieht, dass das nicht die Handschrift der Banden trägt. Nirgends sehe ich eine offensichtliche Verletzung. Keine Stichwunde, kein Einschussloch, kein eingeritztes Emblem. Josh? Überprüfen Sie den Körper.«

Josh, eine spindeldürre Abnormität aus Gold- und Silberplatten, tastete die Leiche ab. »Das werden Sie mir nicht glauben, aber dem fehlt so ziemlich jedes lebenswichtige Organ.«

»Wollen Sie mir sagen, dass er hohl ist?«

»Beinahe. Nieren, Leber, Bauchspeicheldrüse, das Herz. Fehlt alles.«

»Man tötet also einen Engel«, schloss ich spöttisch, »indem man ihm mit einem Zaubertrick sein Herz rausreißt, ohne eine Wunde zu hinterlassen. Da war Hexerei am Werk.«

Ich erhob mich und stierte diesen Stümpern in ihre ahnungslosen Mienen.

»Gardner«, brummte Lewis, wies in Richtung der Kaimauer und verlagerte unser Zwiegespräch zu seinem Dienstwagen.

»Vertrau mir«, insistierte ich, ungehört von den anderen Polizisten. »Dahinter stecken Organräuber. Organe eines Engels werden auf den Fleischmärkten einen enormen Preis erzielen und einen Gewinn abwerfen, den sich keine sterbliche Seele erträumen kann. Jeder Dämonengeist, jeder Mensch wird danach lechzen.«

»Das kling nachvollziehbar …«

»Überlass mir den Fall. Ich kenne mich in dem Milieu aus.«

»Schaffst du das?«

»Ich habe reichlich Erfahrung in solchen Angelegenheiten. Für die Pfeifen dort unten ist der Fall ’ne Nummer zu groß.«

Lewis zweifelte. Die letzten Monate sprachen nicht unbedingt für mich, aber einen besseren Mann würde er nicht finden. »Gut, Gardner. Wahre jedoch Diskretion. Die Hölle wird über uns hereinbrechen, sobald die Presse davon erfährt.«

»Das wird sie ohnehin. Irgendein Grünschnabel wird für ein paar Dollar gewiss alles ausplaudern. Spätestens morgen Mittag wird es die gesamte Stadt wissen.«

»Du brauchst einen Partner.«

»Ich regle das alleine. Je weniger involviert sind, desto besser.«

»Du irrst, das wirst du nicht. Geheimhaltung schön und gut, wichtiger ist jedoch der Ermittlungserfolg. Wie du sagtest, der Fall ist eine große Nummer. Natascha, der Neuzugang auf unserem Revier, wird dich begleiten. Ihr kannst du vertrauen.«

Vertrauen? Wie lächerlich es klang … Aber sollte ich protestieren? Sinnlos. Gründe, mich nicht unbeaufsichtigt zu lassen, hatte er zur Genüge, allerdings lag die wahre Ursache wohl eher in einem Gefallen, den er jemandem schuldete. Vielleicht einem Chief Detective, der seiner Nichte einen vielversprechenden Posten zuschanzen wollte. Damit die Maschine funktionierte, musste sie eben geschmiert werden.

 

Zwei Stunden später befand ich mich in einem Wagen, neben mir Natascha, die mit jugendlichem Eifer das Gaspedal durchtrat. Anstelle der inkompetenten Nichte eines namenlosen Beamten hatte man mir einen Dämonengeist ans Bein gebunden. Ihr Golem kündete von der Abwesenheit reicher Gönner. Dunkelblaues Metall, die Silhouette annähernd menschlich; kein teures Modell, allerdings auch nicht die unterste Preisklasse. Vermutlich hatte sie monatelang dafür gespart und so viele Überschichten geschoben, wie sie konnte. Aus dem Halsansatz ragte ein spitzer, fächerartiger Kragen, über dem ein Gewölk aus Rauch und Blitzen thronte. Für flüchtige Momente formte sich ein Gesicht heraus, als gierte sie danach, aus ihrem Gefäß auszubrechen und sich in der diesseitigen Welt zu manifestieren.

»Wohin fahren wir zuerst?«, fragte sie mit weicher, körperloser Stimme, die ihr grobschlächtiges Aussehen Lügen strafte.

»Heaven’s Gate. Lewis besteht darauf, dass die Cherub-Familie es von uns erfährt und nicht von der Presse.«

Der Motor jaulte auf. Während der Wagen die Hauptstraße hinabjagte, sauste die Außenwelt an mir vorbei und verschwamm zu graubuntem Geschmier.

»Sie gelten als Legende«, bemerkte Natascha anerkennend. »Ich bin überrascht, dass man mich Ihnen zugeteilt hat. Und zudem gleich solch ein brisanter Fall. Ein ermordeter Engel …«

»Tun Sie mir einen Gefallen und posaunen Sie das nicht überall herum.«

»Verstanden. Sie können sich auf meine Verschwiegenheit verlassen.«

»Natascha … Das ist nicht Ihr echter Name, oder?«

»Nein. Man gab ihn mir, als ich diese Welt betrat, weil menschliche Zungen meinen wahren Namen nicht artikulieren können. Seither pflege ich diesen zu benutzen, wenn ich mich unter Menschen begebe.«

Schneller, als ich es für möglich gehalten hatte, hatten wir den Außenbezirk erreicht. Die düsteren Hochhausschluchten und verdreckten Slums waren einem idyllischen Hain gewichen. Ein Anwesen reihte sich ans nächste – ich verachtete die Gegend, allerdings auf eine andere Weise als die Stadt. Die Innenstadt zeigte unverblümt, dass sie ein alles verschlingender Fleischwolf war, wohingegen sich Heaven’s Gate geradezu in seiner Verlogenheit suhlte, die aus allen Ecken und Enden troff. Dekadent, verschwenderisch, anmaßend. Ich müsste lügen, würde ich behaupten, nicht selbst in einem derartigen Prachtbau leben zu wollen.

»Wie lange arbeiten Sie schon bei der Polizei?«, nahm Natascha den Gesprächsfaden wieder auf.

»Sechsundvierzig Jahre.«

»Beeindruckend. Ebenso die Zahl Ihrer gelösten Fälle. In letzter Zeit ist es allerdings sehr ruhig um Ihre Person geworden. Ich hatte sogar angenommen, dass Sie nach den Chaplinner Kindsmorden in den Ruhestand gegangen sind.«

Bilder schossen wie Blitzschläge an mir vorbei. Rasch kam das Gewitter in meinem Kopf zum Erliegen und hinterließ das brennende Bedürfnis, meinen Flachmann hervorzuholen. Ich widerstand. »Nur weil sich ein Fall hartnäckig weigert, gelöst zu werden, werfe ich nicht hin. Das kommt hin und wieder vor. Auch wenn es in diesem Fall besonders ärgerlich war. Rechts abbiegen. Dort, die Nummer zwölf.«