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Marie Ferrarella

Tanze mit mir – die ganze Nacht

IMPRESSUM

BIANCA erscheint 14-täglich im CORA Verlag GmbH & Co. KG, 20354 Hamburg, Valentinskamp 24

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Redaktion und Verlag:

Postfach 301161, 20304 Hamburg

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Geschäftsführung:

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Anzeigen:

Kerstin von Appen

Es gilt die aktuelle Anzeigenpreisliste.

© 2006 by Marie Rydzynski-Ferrarella

Originaltitel: „The Prodigal M.D. Returns“

erschienen bei: Silhouette Books, Toronto

in der Reihe: SPECIAL EDITION

Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe: BIANCA

Band 1579 (14/2) 2007 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg

Übersetzung: Tatjána Lénárt-Seidnitzer

Fotos: RJB Photo Library

Veröffentlicht als eBook in 07/2011 - die elektronische Version stimmt mit der Printversion überein.

ISBN: 978-3-86295-898-6

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

Der Verkaufspreis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:

JULIA, BACCARA, ROMANA, MYSTERY, MYLADY, HISTORICAL

1. KAPITEL

Der warme Juniwind zerzauste Ben Kerrigans dunkelblondes Haar, als er eine Hand hob, um an die Tür des rustikalen zweistöckigen Hauses am Stadtrand von Hades in Alaska zu klopfen. Es war das Haus, in dem er aufgewachsen war, das er aber eines frühen Morgens vor sieben Jahren überstürzt verlassen hatte.

Er stand schon eine ganze Weile auf der Veranda und hatte sich bereits zweimal bemerkbar machen wollen. Doch er hatte das verwitterte Holz nicht berührt, sondern die Hand sinken lassen, als wäre all seine Energie versiegt.

Dabei war er sonst alles andere als feige.

Die meiste Zeit seiner vierunddreißig Jahre war er glatt durchs Leben gesegelt. Natürlich hatte es auch heftige Stürme gegeben, und er hatte Fehler gemacht, sogar viele. Er war der Erste, der es zugab. Aber irgendwie hatte er es immer geschafft weiterzusegeln, und immer hatten sich alle Wogen wie durch Zauberhand geglättet.

Ein reuiges Lächeln umspielte seine Lippen, während er auf die Tür starrte. Dass immer alles gut ausgegangen war, hatte er hauptsächlich seinem älteren Bruder Shayne zu verdanken, der ihn nach dem Tod ihrer Eltern aufgezogen hatte. Shayne hatte hart gearbeitet, um Ben das Medizinstudium zu ermöglichen, damit sie zusammen die kleine Arztpraxis betreiben konnten – die einzige in einem Umkreis von hundert Meilen. Shayne war auch immer zur Stelle gewesen, um die Scherben aufzusammeln und zu regeln, was zu regeln war.

Seit sieben Jahren hatten sie sich nun nicht mehr gesehen und auch nichts voneinander gehört. Damals war Ben mit Lila durchgebrannt, denn sie hatte nur unter der Bedingung eingewilligt, ihre kurz zuvor gescheiterte Beziehung wieder aufzunehmen, dass er Hades mit ihr verließ. Also hatte Shayne allein das große Arbeitspensum in der Praxis bewältigen und dazu noch seine beiden Kinder versorgen müssen, die durch den plötzlichen Tod seiner Exfrau bei ihm eingezogen waren, nachdem er sie von deren Geburt an nicht hatte sehen dürfen.

Und dann war da noch die Frau, die auf Bens Betreiben hin nach Hades gekommen war, um ihn zu heiraten. Diese Bekanntschaft war durch einen Leserbrief von ihr zu einem Artikel über Alaska zustande gekommen, den er in einem Reisemagazin veröffentlicht hatte. Er hatte ihr persönlich geantwortet, und daraus war eine Brieffreundschaft entstanden. Sie hatten Fotos ausgetauscht, aber sie waren sich nie begegnet, bevor er ihr einen Heiratsantrag gemacht hatte – eigentlich aus reiner Verzweiflung, weil ihm zu dem Zeitpunkt eine Wiederaufnahme der gescheiterten Beziehung zu Lila unmöglich erschienen war.

Rückblickend sah Ben ein, dass er wie so oft ungestüm gehandelt hatte. Dieses Wort beschrieb ihn besser als jedes andere. In den vergangenen Jahren hatte er sich jedoch bemüht, sich zu ändern. Vor allem, seit Lila ihn zum zweiten Mal verlassen hatte.

Unbehaglich trat er von einem Bein auf das andere, aber er blieb vor der Haustür stehen. Er wusste, dass er anklopfen musste, aber er konnte es noch nicht über sich bringen.

Nach seinen bitteren Erfahrungen mit Lila hatte er dazugelernt. Er hatte endlich begriffen, was selbst jahrelange Vorhaltungen von Shayne nicht vermocht hatten: Dass er wesentlich verantwortungsbewusster werden musste.

Ben hatte tatsächlich hart an sich gearbeitet, und er hatte sich geändert. Er war in Seattle geblieben und hatte sich in einer sehr lukrativen Arztpraxis etabliert. Die Arbeit mit seinen drei Partnern hatte ihm fast alles gegeben, was er sich nur wünschen konnte.

Alles außer einem wirklichen Glücksgefühl. Er hatte sich eingeredet, dass es nicht so wichtig sei, doch mit jedem weiteren Monat, der verging, wuchs eine unbehagliche innere Leere.

Und auch all die Frauen, die ihn ein kurzes Stück durch sein Leben begleitet hatten, änderten nichts daran. Traurigerweise waren sie für ihn austauschbar geworden. Ihre Gesichter hatten bei ihm keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Und noch etwas bedrückte ihn: Er hatte erkannt, dass es mehr im Leben gab.

Inzwischen kam Ben sich vor wie die Hauptfigur in der „Ballade vom alten Seemann“ von Coleridge: Obwohl er nach außen hin den Sonnyboy spielte, war er innerlich ein anderer Mensch, der für seine Missetaten büßen musste, der Frieden suchte.

Und dann, eines Abends, hatte er den Grund für seine innere Unruhe gefunden – und möglicherweise auch das Mittel für eine eventuelle Heilung.

Ein Fernsehsender hatte eine Serie über Naturkatastrophen ausgestrahlt. Die erste Folge zeigte Einstürze von Höhlen und Bergwerken, und dazu gehörte auch ein Bericht über ein Minenunglück, das sich in Hades ereignet hatte. Es war nicht einmal eine aktuelle Meldung gewesen, lediglich Archivmaterial von wenigen Sekunden.

Doch diese Sendung hatte Erinnerungen an Bens Kindheit ausgelöst. Und an Shayne, der bei dem Unglück zweifellos tatkräftig zugepackt hatte, um den Verletzten zu helfen. Shayne, der die Welt verbessern wollte und es fast immer im Alleingang tat. Denn so war er – beinahe überlebensgroß und immer auf das Wohl anderer Menschen bedacht.

An jenem Abend hatte Ben den Fernseher abgeschaltet, im Dunkeln dagesessen und viel gegrübelt. Er hatte sich immer auf seinen Bruder verlassen können. Nun war es an der Zeit, sich zu revanchieren und endlich für Shayne da zu sein.

Während der Reise von Seattle nach Hades hatte Ben sich dieses Szenarium unzählige Male durch den Kopf gehen lassen. Er hatte sich ausgemalt, an Shaynes Tür zu klopfen, nach anfänglicher Verlegenheit hereingebeten zu werden, sich aufrichtig zu entschuldigen, und dann würde Shayne ihm wieder verzeihen, wie er es schon so oft getan hatte.

Ben war zuversichtlich gewesen, dass es wieder so wie früher zwischen ihnen werden konnte.

Doch als er nun auf der Treppe stand, während die Sonne ihm immer noch auf den Rücken schien, obwohl es fast neun Uhr abends war, schwand seine Hoffnung. Ihm fehlte die zuversichtliche Unbekümmertheit, die ihn fast sein ganzes Leben begleitet hatte. Überhaupt hatte er in letzter Zeit viel von seinem Optimismus eingebüßt, auch wenn er es sich nicht anmerken lassen wollte.

Er starrte auf die Tür. Verdammt, er hätte mit Shayne in Kontakt bleiben sollen. Er hätte ihm schon zum ersten Weihnachtsfest eine Karte schicken und sich ausführlich entschuldigen sollen. Doch damals war er ein zu großer Egoist gewesen.

Und mit jedem Jahr, in dem er sich nicht gemeldet und sich nicht entschuldigt hatte, war es schwerer geworden, den Kontakt wiederherzustellen. Unter normalen Umständen hätte er diesen Versuch auch gar nicht erst unternommen.

Doch die Fernsehsendung über Naturkatastrophen hatte ihn aufgerüttelt. Zudem war ihm kürzlich bewusst geworden, dass er nicht unsterblich war. Denn vor einem Monat wäre er beinahe Opfer eines tödlichen Verkehrsunfalls geworden – genau wie vor etlichen Jahren seine Eltern. Seitdem fühlte er sich, als hätte man ihm ein Ultimatum gestellt.

Er hatte zu viel Zeit verstreichen lassen, und nun sehnte er sich, sein weiteres Leben mit seinem einzigen Angehörigen zu verbringen.

Ja, er musste sich unbedingt mit seinem Bruder versöhnen, und er war sogar bereit, dafür zu Kreuze zu kriechen.

Er holte tief Luft, hob erneut die Hand, und diesmal klopfte er an. Laut und hart. Bevor ihn der Mut wieder verließ, bevor sein Arm wieder kraftlos hinuntersank.

Es dauerte eine ganze Weile, bevor er ein Geräusch aus dem Haus hörte. Hoffentlich hatte er Shayne nicht geweckt. Denn als einziger Arzt in dem Städtchen musste sein Bruder ständig in Bereitschaft sein und hatte sich daher schon damals angewöhnt, zu jeder Tages- und Nachtzeit, wann immer es ihm möglich war, ein kurzes Nickerchen einzulegen.

Wieder bekam Ben Schuldgefühle. Ich werde alles wiedergutmachen, schwor er sich. Er würde Shayne in der Praxis entlasten, wo er nur konnte.

Als sich die Tür öffnete, suchte er fieberhaft nach den richtigen Worten, damit die beiden Brüder die Vergangenheit hinter sich lassen und von vorn anfangen konnten. Und doch fiel ihm keine angemessene Begrüßung ein. Schon gar nicht, als ihm wider Erwarten nicht Shayne, sondern eine Frau gegenüberstand. Sie war schlank und zierlich und hatte lange blonde Haare, lebhafte blaue Augen und ein herzförmiges Gesicht, das Wärme ausstrahlte. Sie wirkte ausgesprochen sympathisch.

Irgendwie kam sie Ben bekannt vor, aber er konnte sie nicht recht einordnen.

„Sie sind nicht Shayne“, murmelte er ziemlich dümmlich.

Sydney Elliott Kerrigan starrte den Mann auf der Schwelle unsicher an. Nur selten verirrten sich Fremde nach Hades. Die Kleinstadt und die Umgebung waren nicht gerade ein beliebtes Tourismuszentrum. Besucher suchten den Ort normalerweise nur auf, wenn sie hier Verwandte hatten.

Doch irgendetwas an diesem Mann kam ihr vage vertraut vor. Er war ihr nicht fremd. Sie kannte ihn. Aber woher? „Nein, ich bin allerdings nicht Shayne“, bestätigte sie lächelnd. „Suchen Sie den Doktor?“

Ben antwortete nicht. Unwillkürlich fragte er sich, ob er sich im Haus geirrt hatte oder ob sein Bruder verzogen war. Er trat einen Schritt zurück, um die Fassade zu mustern, obwohl er vom Gefühl her wusste, dass er hier richtig war. Aber wenn dieses Haus immer noch Shayne gehörte, wer war dann diese Frau? Sie hatte nicht in Hades gelebt, als Ben die Stadt verlassen hatte.

Sydney holte tief Luft, als ihre Erinnerung zurückkehrte.

Der große Mann, der vor ihr stand, der nun etwas älter und seriöser aussah, war der Mann auf dem Foto, das sie in der Hand gehalten hatte, als sie vor sieben Jahren aus dem Flugzeug gestiegen war. Damals war sie nach Hades gekommen, um ein neues Leben zu beginnen. Auf der Suche nach dem großen Glück. Aufgrund seiner Briefe und seines Heiratsantrags hatte sie in Seattle ihren Job gekündigt, ihr Apartment aufgelöst und all ihr Hab und Gut in einem Möbelwagen nach Hades geschickt.

Ihr Herz setzte einen Schlag lang aus, als sie die Erkenntnis traf, dass es der Mann war, der schriftlich um ihre Hand angehalten und sie hierher gelockt hatte. Der Mann, der dann nicht da gewesen war, um sie zu empfangen. War er es wirklich? Sie brauchte die endgültige Bestätigung. „Ben?“

Woher kannte sie ihn? Hatte Shayne ihn erwähnt, ihr ein Foto gezeigt? „Ja. Ich …“ Er unterbrach sich. Verblüffung spiegelte sich auf seinem Gesicht wider, als es ihm wie Schuppen von den Augen fiel. „Sydney?“

Noch bevor er den Namen ausgesprochen hatte, wusste er, wer sie war: Sydney Elliott. Er hatte nur ein einziges Foto von ihr gesehen, das sie ihm in einem ihrer handgeschriebenen, sehr langen und wortgewandten Briefe geschickt hatte. Die Neugier überwog seine Schuldgefühle. Was tat sie nach all der Zeit immer noch hier? Er war davon ausgegangen, dass Shayne seiner Bitte nachgekommen war und sie am Flughafen in Empfang genommen, ihr die Situation erklärt und sie auf Bens Kosten nach Hause zurückgeschickt hatte.

Bevor er ein weiteres Wort sagen konnte, fand er sich in ihren Armen wieder. Verblüfft, mit stockendem Atem, erwiderte er die Umarmung.

Hat sie die ganze Zeit auf mich gewartet?

Nein, unmöglich! Das hätte sogar Hiobs Duldsamkeit übertroffen. Es musste eine andere Erklärung geben.

„Wer ist denn da, Sydney?“, rief Shayne Kerrigan auf dem Weg vom Wohnzimmer in die Küche. Er war hundemüde nach all den Stunden in der Praxis und hoffte, dass es sich um einen privaten Besuch und nicht um einen Patienten handelte.

Sydney löste die Arme von Ben und drehte sich zu Shayne um. „Haben wir ein gemästetes Kalb, das wir schlachten können?“

Shayne liebte seine Frau aufrichtig, aber momentan war er nicht gerade bester Laune und wenig empfänglich für ihre Scherze. Mit gerunzelter Stirn kam er zur Tür. „Was redest du denn da? Was …“ Abrupt verstummte er und starrte den Mann an, der neben seiner Frau stand. Er hatte das Gefühl, einen Geist zu sehen.

„Hallo, Shayne.“ Ben lächelte strahlend, aber gleichzeitig hatte er ein flaues Gefühl im Magen. Vielleicht war es ein Zeichen dafür, dass er erwachsen geworden war, dass er endlich zu den Konsequenzen seines Handelns stand. Und er hielt sich nicht länger für den Mittelpunkt der Welt. Obwohl er seinem Bruder die Hand schütteln wollte, konnte er sich nicht rühren.

Shayne straffte die Schultern, und seine Miene verfinsterte sich. „Was machst du denn hier?“

„Er steht vor unserer Tür“, erwiderte Sydney fröhlich. Offensichtlich wollte sie Frieden stiften. „Komm rein, Ben.“ Sie hakte sich bei ihrem Schwager unter und zog ihn ins Haus, als gäbe es keine Vorgeschichte. „Hast du gegessen? Wir haben noch etwas vom Abendessen übrig …“

Shayne rührte sich nicht vom Fleck. „Verschwinde“, befahl er mit leiser Stimme und beinahe starren Lippen.

Ruckartig drehte Sydney sich zu ihrem Mann um. So unhöflich kannte sie Shayne gar nicht. Zurückhaltend, ja. Aber nicht abweisend. Er hatte damals schweigsam und kühl gewirkt, als sie vor Jahren in Hades angekommen war. Aber unter der rauen Schale verbarg sich ein gutmütiger und hilfsbereiter Mensch, der für seine Nachbarn und Patienten da war, der viel mehr gab, als er je zurückzubekommen würde.

Schon von frühester Kindheit an war Shayne verschlossen gewesen und hatte seine Gefühle nie mit vielen Worten ausdrücken können. Seine Warmherzigkeit zeigte sich an der Art, mit der er sich um Kranke und Verletzte kümmerte. Doch bei Sydney war er endlich aufgetaut. Sie hatte ihm geholfen, eine Beziehung zu seinen beiden Kindern zu knüpfen, die er kaum gekannt hatte.

Während der sieben Jahre ihrer Ehe war sie ihm allmählich näher gekommen. Obwohl man ihn nicht gerade gefühlsbetont nennen konnte, zweifelte sie nicht länger an seinem unendlichen Mitgefühl.

Nun sah sie ihn stirnrunzelnd an. „Aber er ist dein Bruder, Shayne.“

Verblüfft entgegnete er: „Er ist der Mann, der dich – uns beide – sitzen lassen hat, der uns mit einem Brief abgespeist hat.“ Finster starrte er seinen jüngeren Bruder an. „Mit einem läppischen Brief. Das war sein einziges Lebenszeichen in sieben langen Jahren.“ Er trat näher. „Was ist los, Ben? Steckst du in Schwierigkeiten? Brauchst du Geld? Ist jemand hinter dir her? Eine Frau, der du das Blaue vom Himmel versprochen hast und die sich nicht einfach damit zufriedengibt, wie ein benutztes Papiertuch weggeworfen zu werden?“

Das geschieht mir nur recht, dachte Ben, das und noch viel mehr. Und falls er die Chance bekam, wollte er es Shayne sagen und sich auf jede erdenkliche Art entschuldigen. Das Leben war zu kurz, um die Dinge so zu belassen, wie sie waren. „Nein. Ich wollte dich nur sehen und dir sagen, dass es mir leidtut.“

Shayne wirkte völlig unbeeindruckt. „Und was dann?“

Ben fühlte sich, als stünde er am Rande einer Klippe und würde in ein tosendes Gewässer starren. Jeden Moment konnte er den Halt verlieren und abstürzen. Aber er war nicht hierher gekommen, um auf Nummer sicher zu gehen, sondern um Abbitte zu leisten. „Das liegt bei dir.“

Shayne schnaubte verächtlich und schüttelte den Kopf. Er war nicht überzeugt. Zu oft hatte er miterlebt, wie Ben seinen Charme spielen ließ und sich damit der verdienten Bestrafung entzog. „Sehr rührend, aber du musst schon verstehen, wenn ich dir nicht glaube.“

Sydney zupfte ihn am Ärmel. „Shayne, bitte.“

„Verdammt, er hat dich auf eine ganz miese Tour im Stich gelassen! Er hat dich wie den letzten Dreck behandelt!“

„Aber ihm habe ich auch das größte Glück meines Lebens zu verdanken“, widersprach sie ganz entschieden. „Ohne Ben wäre ich nie hierhergekommen.“ Sie hielt Shaynes Blick gefangen. „Wenn er nicht gewesen wäre, hätte ich dich nie kennengelernt.“

Sie ergriff seine Hand und fuhr mit sanfter Stimme fort. „Ich wäre deinen – unseren wundervollen Kindern nie begegnet und hätte niemals unsere Tochter zur Welt gebracht. Ich wäre nie so unverschämt glücklich geworden, wie ich es jetzt bin.“

Die Neuigkeit schlug bei Ben wie eine Bombe ein. Er hatte Shayne, der immer so verschlossen war, keine Heirat zugetraut, zumal es in dieser Gegend siebenmal so viele Männer wie Frauen gab. Vor Staunen blieb ihm der Mund offen, als er die zierliche Frau anstarrte. „Du hast meinen Bruder geheiratet?“

„Das schien damals für alle Beteiligten die einzig richtige Lösung zu sein“, sagte Sydney und lachte herzlich. „Shayne war ziemlich verloren.“

Ursprünglich hatte sie beabsichtigt, nur so lange in Hades zu bleiben, bis der Möbelwagen eingetroffen war, um ihn mit ihren Habseligkeiten gleich wieder zurück nach Seattle schicken zu können. Aber in der Zwischenzeit hatte sie ihr Herz an den ernsten Arzt und seine beiden mutterlosen Kinder verloren.

Ihre Augen blitzten, als sie hinzufügte: „Und er hat dringend eine Frau in seinem Leben gebraucht, denn allein ist er gar nicht gut zurechtgekommen.“

„Ich hätte es schon geschafft“, widersprach Shayne. „Mit der Zeit.“

Sie hakte sich bei ihm unter und lehnte sich an ihn. „So viel Zeit gibt es auf der ganzen Welt nicht“, neckte sie. Dann sah sie ihren Mann mit Unschuldsmiene an und fragte: „Kann er bleiben? Bitte!“

Shaynes Wut verflog schon wieder. Er konnte nicht Nein sagen, wenn Sydney ihn um etwas bat. Selbst wenn er der Meinung war, dass er es tun sollte. Und wenn er ganz ehrlich war, musste er zugeben, dass er seinen Bruder sehr vermisst und sich Sorgen um ihn gemacht hatte.

„Na gut“, stimmte er widerstrebend zu, den Blick immer noch auf Sydney geheftet. „Er kann bleiben.“

„Also, was willst du wirklich hier?“, wollte Shayne wissen. Er hatte Ben in sein Arbeitszimmer gezogen, weg von der restlichen Familie, und nun sah er ihn hinter verschlossener Tür abwartend an.

Ben setzte sich auf die dunkelbraune Ledercouch und blickte sich um. Dabei kamen viele alte Erinnerungen hoch.

Der ziemlich volle Raum mit dem steinernen Kamin hatte sich seit damals kaum verändert, als sie vor vielen Jahren „Fort“ darin gespielt hatten. Unter demselben zerkratzten Schreibtisch aus Eichenholz hatten sie sich verschanzt und vorgetäuscht, eine Festung gegen einen mysteriösen Feind zu verteidigen. Früher war der Raum das Arbeitszimmer ihres Vaters gewesen und hatte nach seinem Pfeifentabak gerochen, während er nun nach Möbelpolitur duftete.

Ben blickte zu dem Wandregal neben dem Kamin, das vom Fußboden bis zur Decke reichte und vor Büchern fast überquoll. Die Bibliothek ihrer Eltern, die hauptsächlich aus klassischer Literatur bestanden hatte, war um die medizinischen Fachbücher erweitert worden, die Shayne und Ben sich während des Studiums einverleibt hatten, und eines der unteren Regale enthielt nun eine Sammlung abgegriffener Kinderbücher.

Shaynes Leben scheint sehr geordnet zu sein, dachte Ben, im Gegensatz zu meinem.

Für sein Empfinden war die letzte Stunde recht gut verlaufen. Besser, als er zu hoffen gewagt hatte, nachdem er das Haus betreten hatte. Shaynes Kinder aus erster Ehe und die fünfjährige gemeinsame Tochter mit Sydney mochten Ben auf Anhieb.

Zugegeben, die beiden älteren Kinder waren zunächst etwas misstrauisch gewesen. Darin ähnelten sie ihrem Vater. Aber die Kleine war schon bald zutraulich auf Bens Schoß geklettert und hatte Ben ganz schnell für sich gewonnen. Während des Essens, das Sydney ihm förmlich aufgedrängt hatte, bekam er das Gefühl, dass er in den Schoß der Familie aufgenommen worden war.

Von jedem – mit Ausnahme des Menschen, den er am meisten verletzt hatte.

Ben schlug die Beine übereinander und wählte seine nächsten Worte sorgfältig. Er wusste, dass es viel Mühe kosten würde, Shaynes Misstrauen zu zerstreuen und ihn von seiner Aufrichtigkeit zu überzeugen.

Aber das hatte er sich selbst zuzuschreiben, und er war bereit durchzuhalten. Wenn Shayne von ihm verlangte, durch einen brennenden Reifen zu springen, dann wollte er es tun. Das war er ihm schuldig – und noch viel mehr.

„Das habe ich dir schon gesagt“, eröffnete Ben nun, ohne seinen älteren Bruder aus den Augen zu lassen. „Ich bin gekommen, um mich zu entschuldigen. Es tut mir wirklich leid, was ich dir angetan habe.“

Shayne wanderte durch das kleine Büro. „Mal angenommen, ich glaube dir.“ Seine Stimme verriet nicht, ob es der Fall war. Er machte abrupt auf dem Absatz kehrt und fixierte Ben mit einem durchdringenden Blick. „Wie würdest du das anstellen?“

„Indem ich hierbleibe und mit dir zusammen in der Praxis arbeite, wie du es ursprünglich vorgesehen hattest.“

Die Worte lösten ferne Erinnerungen aus, die zu dem ernsten Träumer gehörten, der Shayne früher gewesen war, bevor er erkannt hatte, wie naiv sein Idealismus gewesen war. Danach hatte er zu Pessimismus geneigt. Doch nachdem er Sydney begegnet war, hatte ihn das Leben überrascht und ihm gezeigt, wie viel es zu bieten hatte. Er hatte einen guten Mittelweg gefunden und sich mit der Realität angefreundet. Doch nun ging es nicht um ihn selbst, sondern um Ben und um dessen Verantwortungslosigkeit.

Forschend musterte er seinen Bruder. So leicht ließ er sich nichts vormachen. „Wann hast du dich zuletzt mit Medizin befasst?“

Ben grinste. „Damit muss ich mich nicht erst befassen. Ich beherrsche sie aus dem Effeff.“ Beschwichtigend hob er beide Hände, als er den entnervten Ausdruck auf Shaynes Gesicht sah. „Entschuldige. Diesen Spruch konnte ich mir noch nie verkneifen.“

„Die Medizin ist kein Spaß. Schon gar nicht hier in dieser Gegend.“

Ben wurde ernst. „Da hast du völlig recht. Und um deine Frage zu beantworten: Letzte Woche habe ich das letzte Mal praktiziert. Am Mittwoch.“

Shayne zog eine Augenbraue hoch. „Doktorspiele mit einer willigen Frau …“

„Haben auch ihren Reiz“, vollendete Ben den Satz, „aber ich habe nicht gespielt. Ich habe in Seattle in einer Gemeinschaftspraxis gearbeitet.“ Er verriet nicht, dass es eine sehr lukrative Praxis war und er durch sein Ausscheiden auf ein Jahreseinkommen von fast einer halben Million Dollar verzichtete. Mit solchen Zahlen konnte er Shayne nicht beeindrucken, dem es immer nur um Heilung und nicht um Geld gegangen war. „Wir waren zu viert. Ein Orthopäde, ein Internist und ein Kardiologe. Ich bin Pädiater.“

„Du hast dich also auf Kinder spezialisiert“, murmelte Shayne nachdenklich, mit einem beifälligen Unterton.

„Ja.“ Ben spürte, wie gut ihm die brüderliche Anerkennung tat. „Wir haben fachübergreifend gearbeitet und uns gegenseitig vertreten, wenn einer von uns gerade nicht da war. Aber meistens haben wir uns an das eigene Fachgebiet gehalten.“

Shayne nickte mit stoischer Miene. „Das hat sich sicher bezahlt gemacht.“

„Ja, die Praxis lief hervorragend. Aber das ist nicht entscheidend. Es geht mir darum, hier zu Hause eine Nische für mich zu finden.“