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Sherlock Holmes
– Doppelband 2 –

Sherlock Holmes

Sir Arthur Conan Doyle

Impressum:

Epub-Version © 2019 KELTER MEDIA GmbH & Co. KG, Sonninstraße 24 - 28, 20097 Hamburg. Geschäftsführer: Patrick Melchert

Originalausgabe: © KELTER MEDIA GmbH & Co.KG, Hamburg.

Internet: https://ebooks.kelter.de/

E-mail: info@keltermedia.de

Dargestellte Personen auf den Titelbildern stehen mit dem Roman in keinem Zusammenhang.

ISBN: 978-3-74094-005-8

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Das Musgrave-Ritual

Roman von Doyle, Sir Arthur Conan

Es kam nur sehr selten vor, dass ich mich wirklich ärgerte.

Eigentlich versuchte ich eher Ärger immer aus dem Weg zu gehen, da mich meine sowieso schon zur Anspannung neigenden Nerven, seit meiner Rückkehr aus Afghanistan, schnell erschöpfen ließen. Immer wieder versuchte ich mich deswegen der Ruhe und Entspannung hinzugeben, um den Reizen eines aufregenden Lebens entgehen zu können.

Aber das ist gewiss nicht immer leicht, wenn man mit einem Mann wie Sherlock Holmes unter einem Dach zusammenlebt.

Ich muss dazu erklären, dass Holmes wohl das größte Genie war, dass es auf Erden gab, und das von solch einer Inbrunst geleitet wurde, verbrecherische Fälle, verräterische Fallen und knifflige Angelegenheiten zu lösen, dass es mir oft schwerfiel, überhaupt etwas Ruhe zu finden.

Hinzu kam aber noch, dass mein Freund zwar das größte Genie war, das es auf der Welt gab, wenn es darum ging, verzwickte Denkaufgaben zu lösen und aus den kleinsten Details die größten Lösungen herbei zu führen, aber eben auch der chaotischste Mann, der mir jemals im Leben untergekommen war.

Gewiss, ich hatte in Afghanistan mit unzähligen Menschen auf engstem Raum zusammengelebt, aber keiner dieser Männer war so unordentlich und unorganisiert gewesen, wenn es um die Haushaltsführung ging, wie mein Freund Sherlock Holmes.

Egal, wo man auch hinsah, es lagen überall Utensilien seiner letzten Fälle … auf Fensterbänken, Tischen oder auch einfach mal auf dem Fußboden … unzählige Papiere, Reagenzgläser oder Tintenfässchen, in denen sich aber keine Tinte mehr befand.

Es schauderte mir, wenn ich diese ganze Unordnung nur sah.

Und es ärgerte mich einfach, dass Sherlock Holmes, gemütlich, als gäbe es nichts zu tun im Haus, in seinem Ohrensessel saß, seine Violine spielte und dem armen Instrument so schreckliche Töne entlockte, dass einem – entschuldigen Sie bitte den Ausdruck – die Fußnägel hochklappten.

Ich versuchte nun schon seit mehr als einer Stunde immer wieder Holmes dazu zu bewegen, mir beim Aufräumen zu helfen.

Aber ganz wie es seine Art war, ignorierte er mich und meine Bitte, wenn es darum ging, weltliche Dinge zu vollrichten, einfach.

»Holmes«, zeterte ich deswegen wieder und wieder und konnte es mir nicht verkneifen, deshalb sein Violinenspiel anzugreifen. »Was entlocken Sie Ihrem Musikinstrument denn nur wieder für grauenvolle Töne?«

»Grauenvolle Töne?«, fragte er mich schließlich verwirrt, nachdem er die Augen geöffnet hatte, zu mir hinüberschaute und dabei aussah, als würde er aus einem tiefen Schlaf erwachen. »Was meinen Sie denn damit, Watson?«

»Na, das Gefiedel, das Sie seit gut zwanzig Minuten veranstalten«, entfuhr es mir, und ich wedelte mit den Händen aufgebracht durch die Luft, als wolle ich Staubpartikel beiseite wischen. »Das ist doch nicht auszuhalten.«

»Das ist eine ostasiatische Entspannungsüb…«, begann er zu erklären und brach mitten im Satz ab, als ich ihn anstarrte und wieder mit den Händen zu fuchteln begann.

»Ostasiatische Entspannungsübung?«, echote ich fassungslos und zeigte anklagend auf die Violine. »Dass ich nicht lache, das ist Katzengejammer, mehr nicht. Schrecklich klingendes, mein Trommelfell zerreißendes Katzengejammer, jawohl!«

»Sie tun mir unrecht, Watson«, sagte er mit einem Unschuldston in der Stimme, der mich stocksteif dastehen ließ, als hätte er es gewagt, mich zu beleidigen. »Ich versuche doch nur, meinen in Trägheit gefangenen Geist etwas zu entspannen. Ich langweile mich zusehends und …«

»Sie langweilen sich?«, fragte ich aufbrausend. »Sie langweilen sich, Holmes?«

»So ist es, ja. Überrascht Sie das etwa?«

»Ob es mich überrascht?«, rief ich, schüttelte den Kopf und unterbrach Holmes in seiner Rede.

»Ich meine«, fuhr er fort, »ich habe mich seit mehr als einer Woche um nichts anderes kümmern müssen, als um gar nichts. Nicht ein Fall, Watson, nicht ein Anschreiben, ob ich jemandem bei einem wirklich in die Irre führenden Rätsel helfen könnte. Ja, Watson, ich langweile mich!«

»Es ist einfach nicht zu fassen«, entgegnete ich kopfschüttelnd und machte eine umherschweifende Handbewegung, die das ganze Zimmer umfasste und meinen sonst so akribisch denkenden Freund auf die um uns herum herrschende Unordnung aufmerksam machen sollte.

»Deswegen muss ich Violine spielen, verstehen Sie? Ich muss …«

»Holmes«, entfuhr es mir. »Was reden Sie denn da nur? Sehen Sie denn nicht, wie es hier aussieht?«

»Sie wirken reichlich angespannt, mein Freund«, meinte Holmes zu mir und schaute mich durchdringend an. »Belastet Sie etwas?«

»Ob mich etwas belastet?«

»Sie wirken verstimmt, ja!«

»Ts«, stieß ich aus und konnte den kurz bevorstehenden Gefühlsausbruch nur deswegen zurückhalten, weil Sherlock Holmes mich so mitleidig und freundschaftlich besorgt anschaute, dass ich wirklich zu glauben begann, dass Holmes gar nicht mitbekam, wie es um ihn herum aussah.

Natürlich ehrte es mich, dass mein Freund bemerkte, dass es in mir vor Wut zu kochen begonnen hatte.

Empathie, geschweige denn eine, die auf menschliche Gefühle und Emotionen zurückzuführen war, war nicht gerade die Stärke von Sherlock Holmes. Er lebte eher nach der Devise, dass menschliche Gefühle ausgeblendet werden sollten, da sie einen dazu verführten, die Welt nicht mehr rational und logisch zu betrachten.

Holmes war hingegen der logischste Mensch, den ich kannte.

Und eben weil er geistig so großartig strukturiert war, schien es mir undenkbar, dass die um ihn herum liegende Welt im Chaos liegen konnte er und sich darin wohlfühlte.

Was sich damit erklären ließ, dass das um ihn herum liegende Chaos dafür zuständig war, dass er sich geistig so sehr ordnen musste.

Es war nicht leicht zu erklären, das verstehe ich, aber so sah ich meinen Freund nun einmal und war deshalb im Nachhinein auch gar nicht nachtragend oder verärgert.

Nur in diesem Moment, wo er das Naheliegendste nicht sah, begann ich vor Wut zu schäumen, und stieß ein erneutes: »Ts« aus und funkelte meinen Freund böse an.

»Sie scheinen sich ganz offensichtlich geärgert zu haben«, begann Holmes nachdenklich, während er die Violine neben den Sessel auf einen Stapel gelesener Zeitungen ablegte. »Das ist mir heute Morgen schon aufgefallen, als Sie frühstücken wollten. Es hat mit der Reaktion von Mrs Hudson zu tun, als sie uns die Butterdose reichte, nicht wahr?«

»Ja, Holmes, damit hat es zu tun, weil in der Butterdose nämlich keine Butter war, sondern …«

Holmes musste lachen und nickte sich selber zu. »Ich brauchte eben dringend einen metallischen Untergrund für eines meiner chemischen Experimente!«

»Ihre chemischen Experimente haben Mrs Hudson einen solchen Schrecken eingejagt, dass sie kurz davor war, einem Nervenzusammenbruch zu erliegen!«, ereiferte ich mich und deutete nun auf einige Reagenzgläser, in denen mir völlig unbekannte Substanzen getrocknet waren, deren Farbe man nicht einmal mehr genau bestimmen konnte. »Und dazu noch der Geruch. Dieser schreckliche Geruch!«

»Ist es das, was Sie stört?«, wollte Holmes unschuldig wissen. »Dass meine chemischen Experimente gelegentlich riechen?«

»Ja, Holmes, das stört mich auch!«

»Auch?«

Holmes machte große Augen, als er zu mir hinüberschaute und nicht zu begreifen schien, was ich ihm überhaupt sagen wollte. Er dachte nach, das sah ich, denn unentwegt bewegten sich seine Lippen, und sein Blick huschte hin und her und versuchte irgendetwas einzufangen, das ich nicht sah.

Als ich schließlich die Arme vor der Brust verschränkte und mit dem Fuß zu wippen begann, ging Holmes endlich ein Licht auf und ließ ihn einen freudigen Laut ausstoßen, als hätte er gerade einen von seinen unlösbaren Fällen entschlüsseln können. »Ihnen ist es unangenehm, wie es hier aussieht, nicht wahr? Ich meine, Sie mögen die Unordnung nicht, die ich in den letzten Tagen veranstaltet habe!«

»Nein, Holmes, ich mag sie nicht. Und ich bin im Begriff, sie sofort zu beseitigen. Das verspreche ich Ihnen. Und ich wünsche, dass sie mir dabei helfen!«

»Ich?«

»Ja, Sie!«, bestimmte ich und griff nach einer Vase, die auf einer kleinen Anrichte stand und in der sich eigentlich Blumen hätten befinden sollen, um unsere wohnliche Situation ein wenig gemütlicher zu gestalten. Aber anstatt Blumen fand ich in der Vase kleine, verzinkte Eisenklumpen, deren Sinn sich mir einfach nicht erschloss. »Entleeren Sie das hier bitte. In einer Vase haben Blumen zu stecken und keine metallischen Experimente!«

»Aber ich musste doch herausfinden, wie Metall auf die Chemikalie …!«

»Ich will nichts davon hören!«, rief ich, und reichte die Vase meinem Freund, der diese zwar entgegen nahm, aber rein gar nichts mit ihr anzufangen wusste.

Er starrte sie an, als hielte er ein gerade frisch zur Welt gekommenes Baby in der Hand.

»Ich will, dass Sie aufräumen, und zwar sofort!«

»Aufräumen?«, fragte er mit einem angeekelten Unterton in der Stimme, wie ihn eigentlich nur Kinder hervorbringen konnten, die gerade dabei waren, die größte Ungerechtigkeit ihres Lebens zu erfahren.

»Ja, aufräumen!«, rief ich wieder und bückte mich nach einem Stapel Zeitungspapier, das Holmes feinsäuberlich auf dem Fußboden ausgebreitet hatte und das so hart und steif geworden war, dass ich glaubte, er hätte es mit Leim eingeschmiert.

»Lassen Sie das Papier liegen!«, stieß er schnell hervor und hielt mir die Vase entgegen, als wäre sie ein Schutzschild.

Mein Herz blieb beinahe stehen.

Ich wusste nicht mehr, was ich denken oder sagen sollte. Wie versteinert stand ich da, das trockene Papier in der Hand, wohl wissend, dass ich gleich etwas zu hören bekam, das ich ganz bestimmt nicht hören wollte.

Und so fragte ich mit zitternder Stimme: »Was ist denn mit dem Papier?«

»Sie erinnern sich doch bestimmt an mein Experiment vor zwei Tagen, oder?«, wollte er wissen und erhob sich ganz langsam von seinem Platz.

»Das, wo sie versucht haben, Flüssigkeiten so zu strecken, dass sie bei der geringsten Erschütterung explodieren?«

»Genau das!«

»Gütiger Himmel«, stieß ich aus. »Soll das etwa heißen …?«

»So ist es, mein lieber Watson, so ist es«, sagte Holmes nickend zu mir, und stellte die Vase langsam auf den Tisch. »Ich tränkte das Zeitungspapier mit meinen Flüssigkeiten, um zu sehen, wie schnell die Gase sich verflüchtigen und wie explosiv die Rückstände sind.«

»Man ist sich seines Lebens also offensichtlich nicht mehr sicher, wenn man mit Ihnen zusammen eine gemeinsame Wohnung bewohnt«, stammelte ich, hilflos und verloren, weil ich nicht wusste, wie ich mich jetzt verhalten sollte.

Am liebsten hätte ich die in meinen Händen liegende Zeitung ganz schnell wieder weggeworfen.

Aber alleine der Gedanke daran, dass die Zeitung explodieren könnte, wenn ich sie zu Boden warf, ließ mich stocksteif dastehen und ein Zittern in den Knien verspüren, das ich zuletzt gefühlt hatte, als der Angriff unseres Feindes in Afghanistan erfolgt war.

»Was soll ich denn jetzt bloß tun, Holmes?«, fragte ich ängstlich und so angespannt, dass ich am liebsten einfach ohnmächtig geworden wäre. »Für immer regungslos stehen bleiben wird mir gewiss nicht gelingen.«

»Vermeiden Sie einfach jede Erschütterung«, erklärte er mir lapidar, »und legen Sie die Zeitung ganz langsam auf den Boden!«

»Ganz langsam«, murmelte ich und ging vorsichtig in die Knie. »Ich bin garantiert sehr vorsichtig!«

Als ich in die Hocke gegangen war und die Zeitung, als wäre sie ein rohes Ei, langsam von meinen Händen gleiten ließ, stand mir der Schweiß auf der Stirn.

Mein Atem hatte sich beschleunigt, und mein Herz schlug so schnell, dass ich mir sicher war, dass es mir jeden Augenblick aus der Brust springen würde.

Als ich geräuschvoll ausatmete und mich langsam zu erholen versuchte, hörte ich Holmes hinter mir sagen: »Oh.«

»Oh?«, fragte ich, meinen Kopf ängstlich drehend. »Was bedeutet Oh?«

»Dass ich mich geirrt habe!«

»Was haben Sie?«

»Mich geirrt«, meinte Holmes lachend und deutete auf das vor mir liegende Zeitungspapier. »Das Papier dort hatte ich nur etwas gehärtet, um einen Untergrund zu haben, auf dem ich arbeiten kann. Das hier!«, er zeigte neben sich, am Sessel vorbei, in dem er immer zu sitzen pflegte, auf einen Stapel Papiere, auf dem seine Violine lang. »…ist das Papier, vor dem wir Respekt haben sollten!«

»Holmes!«, entfuhr es mir aufgebracht.

»Ja, ja, ich weiß, was Sie sagen wollen, ich sollte meine Violine nicht auf solch zerstörerischem Papier abstellen!«

*

Manchmal brachte mich mein Freund Sherlock Holmes schier um den Verstand.

Am liebsten hätte ich ihn einmal kurz, dafür aber kräftig auf den Oberarm geschlagen. Ja, ich hätte all meine gute Erziehung für kurze Zeit vergessen, um meiner vorherrschenden Wut freien Lauf zu lassen.

Aber dann, wenn ich ihn da so stehen sah, unschuldig und liebenswürdig, mit einem versonnenen Lächeln auf den Lippen, konnte ich ihm nicht mehr böse sein.

Obwohl …

»Das werden Sie mir büßen, Holmes«, versprach ich ihm und erntete ein erheitertes Lächeln. »Das verspreche ich Ihnen.«

»Sie sind gar nicht der Mensch dafür, sich etwas Böses ausdenken zu können«, versicherte Holmes mir und beobachtete interessiert, wie ich ein Kehrblech und einen Besen in die Hand nahm und damit geradewegs auf ihn zuging.

»Wollen Sie mich damit etwa schlagen, Watson!«

»Ich habe kurz mit dem Gedanken gespielt, in der Tat«, gab ich zu und streckte ihm die beiden Utensilien dann hin. »Für Sie, Holmes.«

»Für mich?«, fragte er irritiert. »Was soll ich denn damit?«

»Den Schweinkram, den Sie hier angerichtet haben, aufräumen und putzen!«

»Aber Watson«, ereiferte er sich und hob die Hände, als wollte er sich erheben. »Das können Sie doch nicht …«

»Doch, das kann ich. Und wissen Sie was, Holmes?«

Er schaute mich fragend an.

»Ich werde danebensitzen und genau zusehen, wie Sie jetzt anfangen, den Saustall hier aufzuräumen!«

*

Die Hoffnung, die ich mir selbstverständlich gemacht hatte, dass ich Holmes endlich dazu bewegen könnte, aufzuräumen und unsere Wohnung wieder annehmbar zu gestalten, sollte sich schnell wieder verflüchtigen.

Holmes räumte zwar das eine oder andere beiseite, aber ohne dabei wirklich Ordnung zu schaffen.

Meistens nahm er ein Reagenzglas, betrachtete es, murmelte dabei etwas, das ich nicht verstand, und anstatt es in das dafür vorhandene Regal zu legen, tat er es zum Beispiel auf die Fensterbank, um sich nun eine Aufzeichnung durchzulesen oder einen mir unbekannten Gegenstand zu betrachten.

Eine Unart, die mir bisher noch niemals untergekommen war und die mich bis heute immer wieder an den Rand der Verzweiflung trieb. Mein wertgeschätzter Freund neigte nämlich dazu, jede Erinnerung und jedes noch so kleine Detail zu sammeln, das ihn an irgendwelche Fälle erinnerte.

Leider heftete er beispielsweise seine Notizen nicht in einen Ordner oder legte sie sorgfältig zusammengefaltet in eine Mappe. Nein, er warf das beschriebene Papier einfach gedankenlos in die Wohnung oder verstaute es in einer der zahlreichen Schubladen unserer Kommoden oder Schränke, um dann keinen Gedanken mehr daran zu verschwenden.

Nur dann, wenn ihn die Langeweile zu sehr einholte, griff er wahllos in eine der Schubladen, holte einen Gegenstand hervor und sinnierte darüber, wie er auf die Lösung des zurückliegenden Falles gekommen war.

Ich hatte ihn schon mehr als einmal darum gebeten, das bitte zu unterlassen, da es nicht dazu beitrug, unsere gemeinsam bewohnte Wohnung ordentlich zu halten.

Und auch jetzt, wo ich gerade einige alte Wäschestücke auflas, sah ich, wie Holmes zwischen der Tür vom Wohnzimmer zu seinem Zimmer stand und eine kleine, unbedeutende, graue Schachtel in den Händen hielt.

Ich konnte es mir nicht verkneifen zu sagen: »Soll ich die Schachtel auch gleich wegwerfen, oder entsorgen Sie sie selbst?«

»Das hier«, meinte Holmes und schaute verwundert zu mir auf, »kann ich niemals im Leben wegwerfen!«

»Warum nicht?«, fragte ich bissig. »Weil Menschen in Ihrer unmittelbaren Umgebung zu Schaden kommen könnten?«

Holmes schmunzelte, als er mich das sagen hörte, wiegte seinen Kopf leicht hin und her und erklärte mir: »Es hat schon mehreren Menschen Schaden zugefügt, das stimmt wohl leider.«

»Was soll das heißen?«, fragte ich widerwillig, da ich ganz genau wusste, worauf Holmes hinaus wollte.

Aber ich wollte und konnte mich nicht auf seine Spielereien einlassen.

Die Wohnung musste endlich wieder ordentlich werden. Außerdem war ich der Meinung, dass wir es der armen Mrs Hudson schuldig waren, die von ihr für uns zur Verfügung gestellten Räumlichkeiten endlich einmal sauber zu halten.

Unsere liebenswerte Haushälterin tat nämlich stets so viel für uns und ertrug auch immer wieder Holmes’ schlechte Launen und Herablassungen, wenn er wieder einmal in unausgeglichener Stimmung war.

Erst heute Morgen hatte sie beinahe der Schlag getroffen, als sie uns das Frühstück überreicht und sich in unserem Zimmer umgeschaut hatte.

Sie hatte die Hand vor den Mund gehalten, die Augen weit aufgerissen und etwas gemurmelt, das ich nicht verstand.

Beschämt lächelnd hatte ich das Tablett mit dem für uns zubereiteten Frühstück an mich genommen und ihr mit mehreren angedeuteten Verbeugungen und einem unterwürfigen Tonfall in der Stimme versprochen, dass ich höchstpersönlich dafür Sorge tragen würde, dass diese Unordnung ein für alle Mal beseitigt werden würde.

Und genau das versuchte Holmes nun gerade wieder zu umgehen.

Er wusste schließlich genau, wie neugierig ich war und dass mich beinahe alles interessierte, was er einmal erlebt und wie er seine Fälle gelöst hatte.

Dieses Mal aber wollte ich ihm nicht auf den Leim gehen und sagte deshalb, als ich meine Frage gestellt hatte: »Ach, wissen Sie, das interessiert mich gar nicht sonderlich!«

»Wie schade«, meinte Holmes, zog einen alten Faden hervor und betrachtete ihn verträumt. »Dann kann ich Ihnen ja gar nicht erzählen, wie ich die Länge des Schattens einer alten Ulme berechnet habe, ohne dass es die Ulme noch gab.«

Ich musste mich dringend ablenken.

Ich durfte nicht auf den Versuch eingehen, mich für das zu interessieren, was Holmes mir da erzählte.

Deswegen begann ich die Wäsche, die ich auf dem Arm trug, in den Wäschesack zu werfen, und ignorierte das Murmeln von Holmes einfach. »Auch das hier ist sehr interessant. Der alte Leinenbeutel hier. Was ich da nicht gefunden habe!«

»Holmes«, sagte ich ausdrücklich und deutlich betont.

»Ja, mein lieber Watson?«, fragte er mich unschuldig, als er den Kopf hob.

»Es interessiert mich nicht. Außerdem kenne ich all Ihre Abenteuer. Ich habe sie schließlich für Sie aufgeschrieben!«

»Oh, lieber Watson, da irren Sie sich, da irren Sie sich gewaltig!«

»Wieso das?«, fragte ich brüskiert.

»Weil ich schließlich schon ein Leben hatte, bevor Sie mich kennengelernt haben und meine kleinen und größeren Fälle feinsäuberlich aufgeschrieben und protokolliert haben. Ein Leben, das mich dazu gebracht hat, meinen Geist zu vertiefen und meine Sinne zu schärfen!«

»Also … nun ja …«, sagte ich und merkte dann sehr schnell, wie die Neugier mich doch packte und ich gerne mehr von den damaligen Fällen meines Freundes erfahren wollte.

Nur um dann im gleichen Augenblick zu sagen: »Wir müssen aufräumen, Holmes!«

»Oh, was habe ich denn hier?«, meinte er schließlich und holte ein altes, zerknittertes Stück Papier aus der Schachtel hervor, und hielt es gegen das Licht, um die Worte darauf lesen zu können. »Das ist ja mal interessant.«

»Holmes!«, ermahnte ich ihn.

»Ja, ja«, murmelte er und sagte dann etwas, das mich nun gänzlich davon abhielt, die Wohnung weiter aufzuräumen. »Wem gehörte sie? Jenem, welcher von uns ging. Wer soll sie erhalten? …«

»Was … was hat das denn jetzt schon wieder zu bedeuten?«, wollte ich verärgert wissen, und trat an Holmes heran, um mir den Leinenbeutel selbst einmal anzusehen und den Faden in die Hand zu nehmen, von dem Holmes vorhin behauptet hatte, nur durch dieses Stück Band habe er einst einen Schatten messen können.

Ich wollte es wirklich nicht, aber es war wie ein innerer Zwang, alles zu erfahren, was Holmes vor mir zu verbergen versuchte.

»Was sind das denn für seltsame Worte, die Sie da gerade gelesen haben, Holmes?«

»Oh, die waren der Beginn eines wirklich interessanten Falls.«

»Was denn für ein Fall?«

»Ein Fall, den ich zu lösen hatte, nachdem ich gerade erst in London angekommen war. Ich wohnte in einer kleinen, günstigen Wohnung in der Montague-Street, ganz in der Nähe des British Museums, und hatte noch nicht sonderlich viele Aufträge, wie Sie sich sicherlich vorstellen können«, erklärte er mir, und betrachtete weiterhin den Zettel in seiner Hand.

»Sie kommen gar nicht aus London?«

»Nein, nein«, meinte er, allerdings ohne weiter darauf einzugehen, von wo er denn nun wirklich stammte. Dafür erwiderte er: »Ich hatte, wie eben schon erwähnt, noch kein gesichertes Einkommen und musste deshalb darauf hoffen, dass ich irgendwie einen Fall lösen durfte, wenn sich die Gelegenheit dazu ergab.«

»Und was haben Sie dann in Ihrer Freizeit gemacht? Solche Verse vorgetragen, wie Sie ihn mir gerade vorgelesen haben?«

»Nein, das nicht. Obwohl, solche Verse wären mir sicherlich ganz gelegen gekommen, um mich mit meinem Geiste weiterentwickeln zu können. Wissen Sie, in meiner doch sehr üppigen Freizeit hatte ich mir Methoden überlegt, wie ich logische Zusammenhänge schneller erkennen könnte und wie ich mich konzentrieren müsste, um zu verstehen, was eigentlich gar nicht zu verstehen war!«

»Na, das nenne ich doch mal eine spannende Freizeitbeschäftigung«, konnte ich mir nicht verkneifen zu sagen, und nahm den noch immer in Holmes’ Hand liegenden Zettel an mich. Ich erkannte die feine, saubere Handschrift eines Mannes, der geübt darin war, mit Feder und Tinte zu schreiben. »Zu was für einem Fall gehören diese Utensilien denn nun?«

Holmes lächelte und entgegnete: »Das darf ich Ihnen eigentlich gar nicht erzählen.«

»Warum denn nicht?«, ereiferte ich mich und funkelte meinen Freund böse an.

»Weil wir doch schließlich aufräumen müssen. Schon vergessen?«

»Holmes!«, entfuhr es mir wieder einmal. »Sie wissen ganz genau, wie neugierig ich bin und dass ich jetzt alles über diese merkwürdigen Dinge erfahren will, die Sie zu dem Detektiv gemacht haben, der Sie heute sind!«

»Oh ja«, meinte er lächelnd. »Dieser Fall hat mich wirklich um einige Schritte weitergebracht, obwohl ich damals anfänglich gedacht hatte, es mit einem Fall zu tun zu haben, der gar nicht so haarsträubend werden würde, wie er es schließlich doch geworden war.«

»Nun sagen Sie schon, um was für einen Fall es sich gehandelt hat.«

»Um das Musgrave-Ritual«, erklärte er mir und legte den langen, dünnen Zeigefinger an seine schmalen, immer blass wirkenden Lippen.

»Ich wusste gar nicht, dass Sie damals schon mit Fällen zu tun hatten, die so schauerlich düster klingen«, gestand ich und begleitete meinen Freund zu seinem Sessel, während ich mich auf dem meinen niederließ. »Außerdem: Der Name Musgrave … der erinnert mich an irgendetwas, ohne dass ich darauf komme, was.«