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Über den Rücken

Schwungvolle moderne Sportpferde bieten sich bei der Ausbildung gut an, bekommen aber auch schnell Probleme, wenn sie keine stabile Muskulatur aufweisen.

 

EINFÜHRUNG

Der Rücken des Pferdes ist nicht nur ein Körperteil, sondern die Basis, auf der der Reiter zum Sitzen kommt, der das Pferd zum Schwingen bringt und ohne den sozusagen nichts geht. Ist es Zufall, dass immer mehr Pferde in der heutigen Zeit steif, festgehalten und oft auch ungleich, d.h. nicht taktmäßig abfußend, gehen? Gibt es Zusammenhänge zwischen modernen, elastisch schwingenden Sportpferden mit überdimensionalem Bewegungspotential und immer mehr auftretenden Rückenproblemen? Ist das nur ein Zufall? Sind die Pferde und deren Rücken heute anfälliger? Wird heute schlechter geritten? Namhafte Tierärzte befassen sich aktuell ebenfalls intensiv mit diesem Phänomen.

Diese Fragen drängen sich bei unserer täglichen Arbeit mit den Pferden auf. Als Ausbilderin und Turnierrichterin (Clarissa Busch) und Pferde-Physiotherapeut (Jochen Lill) werden wir immer öfter mit deutlichen Rückenproblemen bei Pferden konfrontiert. Seit vielen Jahren lösen wir die Rückenverspannungen bei Sport- und Freizeitpferden. Gleichzeitig unterstützen wir Pferdebesitzer und Reiter zukünftig diese Probleme nicht mehr aufkommen zu lassen. Sehr oft stoßen wir dabei auf reichlich Unwissen bezüglich des sensiblen Pferderückens und dessen korrekte Behandlung. Untersuchungen zu Folge scheint heutzutage diese Problematik weiter verbreitet zu sein als jemals zuvor. Die moderne Zucht bringt immer bessere Pferde mit immer dynamischeren, elastischeren Gängen und mehr Springvermögen und Vorsicht hervor, deren extrem schwingende Pferderücken gleichzeitig immer anfälliger für Beschwerden und Blockaden werden. Die Reiter reiten heute in der Regel nicht schlechter als früher. Durch ihre Flexibilität und Sensibilität verzeihen die Pferderücken weniger ungünstige Druckverhältnisse. Deshalb ist schonendes und angepasstes Reiten von Nöten. Wie dies in der Praxis umgesetzt werden kann, werden wir Ihnen aufzeigen. Ebenso werden wir Ihnen Lösungsmöglichkeiten vorstellen, wenn bereits Blockaden vorliegen.

Wenn die Muskulatur des Pferdes verspannt ist, kann es zu enormen Schmerzen kommen. Die Blockaden müssen gelöst werden.

 

PHYSIOTHERAPIE

Eine Modeerscheinung?

Physiotherapeuten und Osteopathen für Pferde schießen heutzutage wie Pilze aus dem Boden. Es stellt sich die Frage: Werden sie wirklich gebraucht oder handelt es sich nur um eine Modeerscheinung? Ja, sie werden definitiv gebraucht. Warum aber braucht man sie heute scheinbar mehr als früher oder gab es sie früher einfach nicht? Das moderne Sportpferd wird mit immer schöneren, elastischeren Bewegungen gezüchtet und man ist zu Recht stolz auf die hohe Anzahl der Pferde mit schwungvollen Grundgangarten und beeindruckender Springbascule vor allem aus deutscher Zucht. Ausdrucksstarke Bewegungen kommen nur durch einen gut schwingenden Rücken zustande. Die Kehrseite der Medaille liegt aber darin, dass diese Pferde wesentlich anfälliger für Rückenbeschwerden gleich welcher Art sind. Früher waren die Pferde robuster, aber auch mit weniger Gang ausgestattet. Oft waren sie von Natur aus schwer zu sitzen. Oft zeigten sie einen harten Bewegungsablauf mit stampfenden Hufen. Kein Vergleich zum leichtfüßigen Tanzen der heutigen Pferdegeneration. Allerdings waren die Pferde früher auch weniger empfindlich.

Deshalb ist es durchaus sinnvoll, die Pferde bei Bedarf manuell therapieren zu lassen. Wie auch bei uns Menschen ist eine gute Muskulatur und sinnvolle Gymnastik Grundvoraussetzung für einen gesunden Rücken. Treten jedoch Probleme auf, reicht oftmals reine Bewegungstherapie nicht mehr aus um Verspannungen zu lösen. Dann wird ein Therapeut benötigt. Er kann allerdings keine Wunder bewirken. Er löst die Muskulatur.

Für den positiven Aufbau der Muskulatur ist ein speziell auf das jeweilige Pferd angepasstes Bewegungsprogramm verantwortlich. Grundvoraussetzung ist allerdings, dass die Ursachen für die Verspannungen abgestellt werden. Ursachen für Verspannungen können vielfältig sein: Passform des Sattels, Stellung der Gliedmaßen, Zustand der Zähne und die reiterliche Einwirkung. Wie bei einem Puzzle muss alles zusammenpassen, damit das Pferd in der Lage ist, sich gemäß seinem Können und seiner Veranlagung zu präsentieren.

Wann hilft Physiotherapie - Osteopathie?

Lahmheiten und Taktfehler

Anfänglich verkürzt sich beispielsweise der Schwingungsbogen der Hinterhand. Nur das geübte Auge kann dieses ungleiche Vorschwingen im Hüft- und Kniebereich erkennen, denn der untere Gliedmaßenbereich fußt völlig normal auf. Erst im fortgeschrittenen Stadium, wenn das Pferd deutlich kurz-lang tritt, d.h. ein Hinterhuf fußt kürzer als der andere, sind die Taktfehler eindeutig erkennbar. In Dressurprüfungen sprechen wir Richter von Taktproblemen, da wir nicht entscheiden können, ob das Pferd aufgrund von Verspannungen ungleiche Tritte zeigt oder ein tierärztlicher Befund vorliegt. Das kurz-lang Fußen kann im Schritt und oder im Trab auftreten. Im Galopp fußt das Pferd zwar auch mit einem Hinterbein kürzer, hier ist die Taktproblematik aber kaum mehr zu erkennen.

Rücken- und Nackenschmerzen

Diese äußern sich oft schon beim Putzen und Satteln. Das Pferd mag es nicht, wenn Sie es am Rücken putzen und beim Satteln wird es richtig unangenehm, fletscht die Zähne, stampft mit den Hufen. Streichen Sie mit Ihren Händen den Rücken des Pferdes entlang, geht es vielleicht sogar „in die Knie”. Dies kann ein deutlicher Hinweis sein, dass der Rückenbereich bereits massiv betroffen ist. Auch der Nacken des Pferdes kann schmerzen und das Pferd daran hindern, willig am Zügel zu gehen und sich leicht stellen und biegen zu lassen. Die Ursache könnte beispielsweise an einem nicht korrekt angepassten Reithalfter liegen.

Das Verwerfen im Genick, auch wenn es noch so gering ist, kann leicht zu Verspannungen führen. Dieses junge Pferd verwirft sich hier noch nach links.

Schlechte Kopf- und Schweifhaltung, Schweifschlagen

Das schiefe Tragen des Kopfes oder Schweifes weisen auf ein einseitiges Rückenproblem hin. Die einseitig verspannte Muskulatur lässt es nicht mehr zu, diese Bereiche gerade zu halten. Auch nach Behebung der Probleme kann das Schiefhalten aber aus Gewohnheit zurückbleiben, wenn es über einen sehr langen Zeitraum vom Pferd ausgeübt wurde. Deshalb sollte man nicht zu lange warten, bevor man den Problemen zu Leibe rückt.

Das ständige Schweifschlagen sollte nie außer Acht gelassen werden. Oft verbergen sich muskuläre Probleme dahinter.

Auch das Schweifschlagen entsteht oftmals durch einen muskulären Defekt. Schieben Sie es nicht einfach nur auf herum fliegende Insekten, wenn es zum Beispiel auch in der Halle stattfindet, andererseits aber nicht, wenn das Pferd in der Boxe oder auf der Koppel steht und von Fliegen attackiert wird. In Dressurprüfungen wird das Schweifschlagen negativ bewertet.

Nachfolge-Erscheinungen bei Stürzen

Stürze beim Reiten oder auf der Koppel sowie das Festlegen in der Pferdeboxe können zu Blockaden führen, die durch die nachfolgende Schonhaltung zu noch weiteren und dauerhaften Schwierigkeiten im Bewegungsablauf führen können. Bei uns Menschen ist das ja ähnlich, dass wir nach Verletzungen zu Schonhaltungen und im Folgenden zu verkürzter Muskulatur und eingeschränktem Bewegungsbereich neigen (zum Beispiel nach einer Fraktur). Um dies zu verhindern werden wir Menschen zu einem Physiotherapeuten zur Rehabilitation überwiesen. Dies sollten wir unserem Pferd auch zugestehen. Achten Sie auf plötzlich auftretende Anomalien im Bewegungsablauf Ihres Pferdes.

Postoperative Bewegungseinschränkungen

Operative Eingriffe bei Pferden bergen stets ein großes Risikopotential. Das Aufwachen und Aufstehen des Pferdes nach einer Vollnarkose ist eine heikle Angelegenheit. Leicht können hierbei schwere Verletzungen der Hüfte, des Rückgrats oder der Gliedmaßen entstehen. Auch die Bewegungseinschränkung nach einer OP zieht Blockaden in der Muskulatur nach sich. Hier sollte dringend physiotherapeutische Nachbehandlung in Anspruch genommen werden, um eine signifikante Bewegungsstörung auszuschließen. Die Rekonvaleszenz kann zeitlich bedeutend verkürzt werden.

Schwierigkeiten beim Hufe geben

Das Hufegeben zum Hufauskratzen und Hufbeschlag sollte für jedes Pferd und jeden Pferdebesitzer eine Selbstverständlichkeit sein. Bei jungen Pferden kann das Hufegeben wegen der Balance und weil sie es einfach noch nicht gelernt haben, Schwierigkeiten bereiten. Manchmal liegt es jedoch auch hier bereits an einem muskulären Problem. Bei älteren Pferden, die vormals die Hufe gut gegeben haben, sind derartige Anzeichen aber auf jeden Fall ein Hinweis auf ein fortgeschrittenes Verspannungsproblem, das dringend gelöst werden muss. Ein Spasmus an der Hinterhand (Muskelzucken) ist ein deutliches Indiz hierfür.

Das willige Geben und Halten der Vorder- und Hinterhufe sollte dem Pferd keine Probleme bereiten.

Temperaturunterschiede am Körper

Haben Sie Ihr Pferde schon mal abgetastet? Palpatorische Untersuchung heißt das im Fachjargon. Streichen Sie sanft an seinem Rumpf und den Beinen entlang. Sind diese gleichmäßig körperwarm, ist alles soweit in Ordnung. Können Sie aber wechselnde Temperaturen und vor allem eiskalte Stellen spüren, weißt das auf verminderte Durchblutung und damit Unterversorgung mit Blut und Sauerstoff hin. Hier sollte dem Pferd geholfen werden. Sehr heiße Stellen deuten natürlich auf Entzündungen hin und sind ebenfalls problematisch. Dies kann durch eine thermographische Untersuchung dokumentiert werden. Hier bedarf es meist der Hilfe des Tierarztes.

Andauernde Steifheit und Widersetzlichkeit

Dass auch Ihr Pferd mal einen nicht so guten Tag hat liegt in der Natur eines Lebewesens. Wenn aber über einen längeren Zeitraum ständige Steifheit und Widersetzlichkeit, die daraus resultiert, dass sich das Pferd in der Bewegung nicht wohlfühlt, vorliegt und sich diese auch beim Training nur schwerlich lösen lässt, sollten Sie auch einen muskulären Defekt nicht ausschließen. Gesunde Pferde arbeiten in der Regel willig und mit Freude mit. Über einen fachkundig erstellten speziellen Trainingsplan kann die Steifheit und damit die Widersetzlichkeit Schritt für Schritt aufgelöst werden. Ganz langsam wird sich Ihr Pferd wohler fühlen, sich leichter bewegen und gerne mitmachen. Glauben Sie daran!

Leistungsverschlechterung

Die Verschlechterung der Leistung, die ein Pferd bereits erbracht hat, wie zum Beispiel keine Lust mehr über Hindernisse zu springen, Verweigern, in der Dressur plötzlich in den Traversalen nicht mehr durchs Genick zu gehen und nicht mehr korrekt zu kreuzen, sollten sehr sorgsam beobachtet werden. Gibt es keine besonderen Gründe, wie einen verletzungsbedingter Trainingsausfall oder Ähnliches, müssen Sie dringend überprüfen lassen, ob sich nicht heimlich Blockaden eingeschlichen haben, die Ihrem Pferd hierbei Schwierigkeiten bereiten. Pferde zeigen gerne das Erlernte um Lob zu erhalten. Sie verweigern nicht plötzlich grundlos ihr Können. Warten Sie nicht zu lange bis Sie etwas dagegen unternehmen.

Gute Leistungen bei Springpferden setzen eine stabile und lockere Muskulatur voraus. Bei plötzlichen und unverständlichen Verweigerungen sollte die Rückenmuskulatur nicht außer Acht gelassen werden.

Schwierigkeiten bei Biegung und Versammlung

Das Reiten auf Wendungen und in Biegung verlangt stets vermehrte Lastaufnahme auf einer Hinterhand. Bereits hier beginnen die Probleme. Spannungen im Rücken lassen das Pferd nicht ausreichend Last aufnehmen. Die Hinterbeine winkeln nicht korrekt, sondern fußen stocksteif und gerade in den Gelenken nach vorne. Das Pferd sollte die Gelenke beugen und elastisch abfedern. Erst dann ist Versammlung möglich. In Dressurprüfungen sieht man Pferde zuerst in der Wendung ungleich gehen. Voraussetzung, um die Versammlung trainieren zu können, ist eine gelöste, lockere Muskulatur.

Buckeln und Steigen

Diese Unarten sind nicht die natürliche Veranlagung des Pferdes. Durch eine ungünstige Lastverteilung im Rücken wird das Pferd zum Buckeln animiert. Es möchte die störende Last im Rücken loswerden. Zum Beispiel, wenn ihm der Reiter nach dem Überwinden eines Hindernisses in den Rücken fällt. Das Buckeln auf der Koppel ist die natürliche Art des Pferdes Blockaden zu lösen. Wenn es diese Möglichkeit nicht hat, entlädt es seine Spannung auch schon mal unter dem Sattel. Ausreichende und abwechslungsreiche Bewegung liegt in der Natur des Flucht- und Lauftieres Pferd. Die Losgelassenheit ist das A und O um die Spannungsentladung des Pferdes abzubauen. Das Steigen ist die maximale Form des Entzuges der Vorwärtsbewegung, also des Klemmens. Es gelingt dem Pferd nicht mehr mit der Hinterhand genügend über den Rücken nach vorne zu schieben, deshalb entzieht es sich über das Hochheben der Vorhand. Eine stark rückwärts wirkende Reiterhand ist hier sehr oft der Auslöser. Auch sehr scharfe Gebisse unterstützen die Eigenart des Steigens noch. Durch lösende Arbeit lösen sich auch hier die Probleme. Keinesfalls sollten Sie das Pferd grob strafen, da dies das Problem nur noch verschlimmert.

Regelmäßiger Koppelgang bietet dem Pferd die Möglichkeit leichte Verspannungen durch Bewegung zu lösen.

Rittigkeit und Leistungsbereitschaft

Die Leistungsfähigkeit des Pferdes, seine Rittigkeit und Sensibilität auf die Hilfengebung des Reiters sind auf die natürlichen Veranlagungen des Pferdes zurück zu führen. Dies ist auch der Grund, warum man Pferde überhaupt reiten kann. Zebras sind zwar anatomisch dem Pferd sehr ähnlich, aber zu widersetzlich in ihrem Wesen um sich als Reittier zu eignen. Im Laufe der Zeit wurde die Eignung zum Reittier durch die Zuchtselektion stetig verbessert. Pferde, die sich widersetzen, abgestumpft sind, klemmen oder Ähnliches haben ihre Grundeignung verloren. Wenn man die Geschichte eines widersetzlichen Pferdes nicht kennt, kann man nur darüber spekulieren, wann und weshalb sich das Pferd derart verändert hat. Zur Lösung des Rittigkeitsproblems ist dies aber nicht unbedingt ausschlaggebend. In erster Linie sollten wir überprüfen, ob das Pferd Schmerzen oder gesundheitliche Probleme hat. Rückenschmerzen veranlassen das Pferd sehr schnell zu verlangsamter, zäher Mitarbeit oder im fortgeschrittenen Stadium zu fehlender Leistungsbereitschaft. Vorab sollten Sie über eine tierärztliche Diagnose ausschließen, dass bei Ihrem Pferd anatomische Veränderungen wie ein Gelenk-Chip, Hufrollenveränderung, Spat oder Ähnliches vorliegen. Können keine nennenswerten röntgenologischen Veränderungen oder Entzündungen diagnostiziert werden, sollten Sie Blockaden und Verspannungen in der Muskulatur in Erwägung ziehen. Diese können extrem schmerzhaft sein und eine Bewegungsstörung mit sich bringen.

Die Annahme das Pferd sei von Natur aus einfach faul und habe keine Lust mitzuarbeiten, halten wir für unwahrscheinlich. In der Praxis haben wir festgestellt, dass Pferde nach einer Rückenbehandlung, Anpassung von Sattel und Beschlag sowie Korrektur der reiterlichen Einwirkung deutlich williger und fleißiger auf die Hilfen reagieren. Oft schon sind eindeutige Verbesserungen nach 2 bis 3 Wochen zu erkennen. Die Sensibilisierung des Pferdes auf die Hilfen bringt die Rückentherapie mit sich.

Welche Bereiche müssen überprüft werden

Um die Leistungsfähigkeit des Pferdes zu erhalten sollten Sie in regelmäßigen Abständen Ihr Pferd einer „Inspektion” unterziehen. Diese überprüft die Bereiche Gliedmaßenstellung, Sattellage, Zäumung, Zähne. Nur durch eine ganzheitliche Sichtweise, in Kooperation mit Schmied, Sattler, Tierarzt, Physiotherapeut und Trainer ist eine optimale Betreuung gewährleistet. Ebenso sollten die natürlichen Bedürfnisse Ihres Pferdes durch einen speziellen Futter- und Bewegungsplan optimiert werden.

Gliedmaßenstellung

Wie können Fehlstellungen des Hufes erkannt werden?