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SCHLACHTEN

Stationen der Weltgeschichte

Roman Töppel

Kursk 1943

Die größte Schlacht des
Zweiten Weltkriegs

2., durchgesehene Auflage

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Für Virginie

Coverbild: Panzerkampfwagen IV des Panzerregiments der „Leibstandarte SS
Adolf Hitler“ beim Vorstoß auf Teterewino (Nord) am 6. Juli 1943.
Foto: Horst Schumann

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

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Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk sowie einzelne Teile desselben sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen ist ohne vorherige schriftliche Zustimmung des Verlags nicht zulässig.

2., durchgesehene Auflage
© 2017 Verlag Ferdinand Schöningh, ein Imprint der Brill-Gruppe
(Koninklijke Brill NV, Leiden, Niederlande; Brill USA Inc., Boston MA, USA;
Brill Asia Pte Ltd, Singapore; Brill Deutschland GmbH, Paderborn, Deutschland)

Internet: www.schoeningh.de

Einbandgestaltung: Nora Krull, Bielefeld
Herstellung: Brill Deutschland GmbH, Paderborn

ISBN PDF 978-3-657-78867-5
ISBN EPUB 978-3-657-00003-6
ISBN der Printausgabe 978-3-506-78867-2

Inhalt

Vorwort

1. Einleitung: „Kursker Schlacht“ oder „Schlacht zwischen Orel und Belgorod“?

2. Das Gesetz des Handelns: Die Vorbereitungen auf die Sommerschlacht 1943

3. Der „Feuerbogen“: Die Kämpfe um Kursk, Orjol und Charkow im Sommer 1943

4. Abnutzungsschlacht: Die Konsequenzen der Sommerkämpfe 1943 an der Ostfront

5. Verlogene Siege: Die Schlacht um die Erinnerung

Anmerkungen

Abbildungen

Karten

Zeittafel

Zitierte Quellen und Literatur

Literaturempfehlungen

Abbildungsnachweis

Index

Vorwort

Das erste Buch über Militärtechnik, das ich in meinem Leben gelesen habe, war „Panzer gestern und heute“ von Wladimir Mostowenko. Das war 1984 und ich war erst acht Jahre alt. Schon damals fesselte mich das Thema Zweiter Weltkrieg, war es doch genau wie die Verherrlichung des „Freundeslands“ und „großen Bruders“ Sowjetunion ein zentraler Bestandteil der Erinnerungskultur der Deutschen Demokratischen Republik. Regelmäßig wurde in der Schule an die Heldentaten der Roten Armee erinnert. Immer wieder liefen im DDR-Fernsehen die sowjetischen Filmepen, allen voran der Fünfteiler „Befreiung“. Der erste Teil mit dem Titel „Der Feuerbogen“ setzte mit großer Dramatik die Panzerschlacht um Kursk im Juli 1943 in Szene. Aber nicht nur Spielfilme, sondern auch Fernsehdokumentationen über den Zweiten Weltkrieg wurden an den Jahrestagen der großen Ereignisse ausgestrahlt. Kein Wunder, dass die Schlacht bei Kursk immer im Mittelpunkt meines Interesses stand, war sie doch aus sowjetischer Sicht die Essenz des Panzerkriegs, die „größte Panzerschlacht des Zweiten Weltkriegs“. Seitdem hat mich das Thema nicht mehr in Ruhe gelassen. Auch in den Zeiten, in denen ich mich mit anderen historischen Ereignissen auseinandersetzte, blieb Kursk stets präsent.

Aber braucht man heute noch neue Bücher über diese Schlacht, wo doch gerade in den vergangenen Jahren zahlreiche Titel in Amerika, Großbritannien und Russland erschienen sind? Unbedingt! Und zwar nicht nur, weil es nach wie vor offene Fragen gibt, sondern auch, weil sich zahlreiche Historiker noch immer nicht von den Vorurteilen lösen können, die sie aus der Memoirenliteratur übernommen haben. Viele Verfasser stützen sich zudem ausschließlich auf bereits veröffentlichte Darstellungen. Deshalb gibt es trotz der Flut an Literatur über zentrale Entscheidungen im Vorfeld der Schlacht und über die Einzelheiten der Kämpfe im Sommer 1943 erstaunlich viele falsche Informationen und Forschungslücken.

Der begrenzte Umfang dieser Studie gestattet es nicht, eine umfassende Darstellung der Schlacht bei Kursk zu liefern, in der alle Kampfhandlungen bei den beteiligten Großverbänden geschildert werden. Deshalb sollen in diesem Buch vor allem Entwicklungen und Begebenheiten beschrieben werden, die kaum bekannt sind oder denen bislang nur wenig Beachtung geschenkt wurde. Dies gibt mir zugleich die Möglichkeit, dem Leser in fast jedem Kapitel neue, zum Teil überraschende Forschungsergebnisse zur Schlacht bei Kursk zu präsentieren. Entsprechend der Konzeption der Reihe habe ich dabei auf einen ausführlichen Anmerkungsapparat verzichtet und lediglich wörtliche Zitate nachgewiesen.

Äußerst aufschlussreich waren für mich bei meinen Recherchen die Unterlagen aus dem Nachlass des Generalfeldmarschalls Erich von Manstein. Ich danke daher Rüdiger von Manstein, dass er mir Einblick in diese Papiere seines Vaters gewährt hat. Ebenso danke ich Jens Mulzer, der mir Briefe und Tagebücher seines Vaters Rainer Mulzer zur Einsicht überließ. Mündliche oder schriftliche Auskünfte über die Kämpfe im Sommer 1943 oder zu taktischen, technischen und organisatorischen Fragen erteilten mir die Kriegsveteranen Adolf Albers, Otto Altmann, Kurt Arp, Ernst Barkmann, Heinz Becher, Hans Behrend, Heinz Berner, Hans-Ekkehard Bob, Georg Bose, Anton Bumüller, Günther Burdack, Peter Richard von Butler, Otto Carius, Rolf Diercks, Gerhard Dilling, Edmund Dreilich, Heinrich Engel, Julius Faulhammer, Ulrich Felden, Oswald Filla, Hans Findeisen, Hans Joachim Fischer, Hans-Gottfried Fischer, Hellmuth Franke, Johann Franz, Fritz Fuchs, Günther Gaul, Alfred Genath, Heinz Gentzsch, Joachim Glade, Werner Gösel, Heinz Günther Guderian, Erhard Gührs, Norbert Hartmann, Eberhard Heder, Hermann Hehn, Horst Hellner, Fritz Henke, Richard Henze, Hermann Herz, Carl Hupfeld, Clemens Graf Kageneck, Bruno Kahl, Werner Kindler, Rolf Kliemann, Ernst Knauff, Werner Kortenhaus, Fritz Kosmehl, Horst Krönke, Willi Kubik, Rudolf Kuntzsch, Fritz Langanke, Günther Lange, Martin Lange, Heinz Lorenz, Heinrich Marenbach, Hubert Meyer, Günter Möbus, Helmut Mück, Horst Naumann, Heinrich Neff, Karl Neunert, Wilhelm Nußhag, Viktor Petermann, Hermann Pfitzner, Hellmuth Pock, Günther Polzin, Walter Pregetter, Rudolf Pufe, Hans-Dietrich Rade, Walter Rahn, Günther Rall, Alfred Regeniter, Günther Reichhelm, Rudolf von Ribbentrop, Gernot Richter, Werner Ritter, Wilhelm Roes, Hermann Röhm, Richard von Rosen, Alfred Rubbel, Kurt Sametreiter, Erich Schmidhäuser, Max Schmidt, Karl-Heinz Schnarr, Walter Schüle, Gerhard Schulze, Horst Schumann, Eibe Seebeck, Hans Siegel, Hans Siptrott, Kurt Söhrmann, Josef Steinbüchel, Ewald Stellmach, Ralf Tiemann, Werner Völkner, Rupert Weiss, Werner Wendt und Waldemar Wienke.

Ein großes Dankeschön geht an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Archive und Bibliotheken, die mich bei meinen Recherchen unterstützt haben, allen voran Barbara Kiesow und Andrea Meier vom Bundesarchiv, Abteilung Militärarchiv in Freiburg im Breisgau, und Wolfgang Loof vom Archiv des Vereins Garnisongeschichte Jüterbog „St. Barbara“ e. V. Ich bedanke mich zudem bei Ulf Balke, der mir nicht nur Materialien zur deutschen Luftwaffe zur Verfügung gestellt, sondern auch einen ersten Einblick in das Zeichnen von Kartenskizzen gewährt hat. Weiterhin danke ich Karl-Heinz Frieser. Auch wenn sich unsere Wege nach einiger Zeit eines fruchtbaren Austauschs getrennt haben, habe ich ihm viele wertvolle Tipps und Anregungen zu verdanken. Für fachliche Unterstützung und Hinweise danke ich außerdem Christian Bauermeister, Jürgen Förster, Johannes Hürter, Peter Lieb, René Pfahlbusch, Markus Pöhlmann, Ralf Raths, Marco Sigg, Boris Sokolow, Sebastian Stopper, Katharina Straub, Philipp Vogler, Jürgen Wedemeyer, Adrian Wettstein und Maria Solotarjowa. Sarafina Märtz war so freundlich, mich bei der Recherche zum Thema Spionage zu unterstützen. Sehr dankbar bin ich Laura Notheisen, Markus Pöhlmann, Virginie Spenlé, Katharina Straub, Joachim Töppel, Adrian Wettstein und Jörg Wolf, dass sie das Manuskript dieses Buchs in Teilen oder komplett Korrektur gelesen haben.

Dem Verlag Ferdinand Schöningh gilt mein Dank, weil er mein Buch in die Reihe „Schlachten“ aufgenommen hat. Diethard Sawicki, der die Reihe betreut, danke ich ganz besonders dafür, dass er mir mit großem Verständnis entgegengekommen ist, als ich die Arbeit an diesem Buch aufgrund schwerer Krankheit für viele Monate ruhen lassen musste und dadurch den ursprünglich anvisierten Termin nicht einhalten konnte. Mein Kollege Othmar Plöckinger, der beste Kenner der Frühgeschichte der NSDAP und wichtigste Experte für die Geschichte von Hitlers „Mein Kampf“, war einer der ersten, die mir in jener schweren Zeit durch ihre persönliche und fachliche Wertschätzung wieder Auftrieb gegeben haben. Herzlichen Dank dafür! Ähnliches gilt für meine Freunde oder Familienangehörigen Jana Augustin, Natascha Böck, Courtney Burrell, Jonas Lechner, Alexandra Marohn, Birgit NaumannKolter, Laura Notheisen, Sarah K. Reader, Daniel Ristau, Barbara Schäffler, Steffi Scheu, Thomas Schlemmer, Dietmar Schönfeld, Coretta Storz, Ines Täuber, Alexander Töppel, Felix Töppel, Caterina Venus, Silke Wagner und Klaus Weber. Ebenfalls für die Hilfe in schwerer Zeit geht ein spezieller Dank an Tomás Enrique Araya Díaz. Thank you very much, my friend. And don’t ever let your anger interfere with your big smile!

Für ihre Liebe, ihr Verständnis und ihre Unterstützung gilt mein größter Dank meiner Frau. Ihr ist dieses Buch gewidmet.

Roman Töppel, München, im Sommer 2016

1. Einleitung: „Kursker Schlacht“ oder „Schlacht zwischen Orel und Belgorod“?

Am 22. Juli 1943 ging beim Kriegsrat der Panzer- und mechanisierten Truppen der Roten Armee, Generalleutnant Nikolai Birjukow, ein Telegramm der sowjetischen 1. Panzerarmee ein. Darin hieß es: „Die Kämpfe der großen Panzerverbände, die vom 5. bis 15. Juli 1943 stattfanden, haben das gewachsene militärische Können unserer Kommandeure von Verbänden, Truppenteilen und Einheiten, von Panzerkommandanten, Kraftfahrern, Artilleristen und MG-Schützen gezeigt sowie die Überlegenheit der sowjetischen Technik gegenüber der Technik des Feindes“.1 Dieses Telegramm unterschrieben der Oberbefehlshaber der 1. Panzerarmee, Generalleutnant Michail Katukow, sowie Generalmajor Nikolai Popjel, ein Mitglied des Kriegsrats von Katukows Armee. In seinen Erinnerungen, die 1960 erschienen, legte derselbe General Popjel hingegen einem „Parteiorganisator“ der 1. Panzerarmee folgende Worte in den Mund: „Aber der Deutsche hat uns mit seinen Panzern wieder den Rang abgelaufen. Wie lange soll das noch gehen? Dass sie mehr Panzer haben, ist halb so schlimm. Schlimm ist, dass unsere Kanonen und Panzer dem ‚Tiger‘ nicht gewachsen sind.“2 – Diese Darstellung widersprach nicht nur den Aussagen im oben aufgeführten Telegramm an Generalleutnant Birjukow, sondern auch der offiziellen sowjetischen Geschichtsschreibung. Sie verdeutlicht zugleich, wie schwierig es offensichtlich war, in der Sowjetunion die Geschichte der Schlacht bei Kursk wahrheitsgemäß zu erzählen. Popjel sprach die unleugbare Tatsache, dass die deutschen Panzer den sowjetischen bei Kursk überlegen waren, nicht selbst aus, sondern gab nur die Meinung eines Untergebenen wieder, der sich vorher durch besondere Tapferkeit hervorgetan hatte.

Solche Widersprüche durchziehen die gesamte Geschichtsschreibung der Schlacht bei Kursk. Sowjetische Darstellungen schildern meistens minutiös das tief gegliederte Verteidigungssystem, das die Rote Armee in den Monaten vor der Schlacht im Kursker Frontbogen errichtete. Aber wieso hielten gerade die ersten beiden Verteidigungsgürtel, die von den Sowjets besonders stark ausgebaut und mit unzähligen Minen und Abwehrmitteln versehen worden waren, dem deutschen Angriff nur wenige Tage stand? Und wie kann es sein, dass die deutsche Panzerwaffe, obwohl sie bei Kursk zerschlagen worden sein soll, im Anschluss an die Kursker Schlacht immer wieder kraftvolle Gegenangriffe durchführte und bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs „ein extrem angriffslustiger und gefährlicher Gegner“ blieb, wie es der kanadische Militärhistoriker Gregory Liedtke vor einigen Jahren formuliert hat?3 Die Reihe solcher Fragen ließe sich beliebig fortsetzen.

Bedauerlicherweise sind auf deutscher Seite einige wichtige Quellen verloren gegangen, beispielsweise die meisten Protokolle von Hitlers Lagebesprechungen, das Kriegstagebuch der Heeresgruppe Mitte vom Frühjahr 1943 und der Großteil der Luftwaffenakten. Diese Verluste können kaum durch Parallelüberlieferungen ausgeglichen werden. Dagegen lassen sich die fehlenden Kriegstagebücher der Heeresgruppen Süd und Mitte aus dem Zeitraum der Schlacht recht gut durch die noch vorhandenen Akten der beteiligten Armeen, das Kriegstagebuch der Operationsabteilung des Generalstabs des Heeres sowie durch die Handakten des Oberbefehlshabers der Heeresgruppe Süd kompensieren.

Aufgrund der Fülle der insgesamt noch vorhandenen Akten konnte ich mich bei der Rekonstruktion der Vorbereitungsphase und der Schlacht selbst für die deutsche Seite fast ausschließlich auf zeitgenössische Dokumente stützen. Ebenfalls ausgewertet wurden die nachträglich entstandenen Berichte, allen voran die Memoiren und die zahlreichen Studien und Aufsätze beteiligter Befehlshaber. Allerdings musste ich feststellen, dass diese Darstellungen, die immer der Rechtfertigung der Handlungen ihrer Verfasser dienen, vor allem Legenden tradieren. Deshalb habe ich mir angewöhnt, Memoiren führender Militärs grundsätzlich als unglaubwürdig zu betrachten, solange sich ihr Wahrheitsgehalt nicht durch den Abgleich mit zeitgenössischen Quellen überprüfen lässt.

Doch zunächst stellt sich die Frage: Wie wird die Schlacht bei Kursk überhaupt definiert? Die deutsche Propaganda bezeichnete die Kämpfe bei Kursk im Sommer 1943 lediglich als „Schlacht zwischen Orel und Bjelgorod“.4 Selbst deutsche Kursk-Veteranen antworteten mitunter auf die Frage, ob sie an der Schlacht bei Kursk teilgenommen hätten, mit einem Nein: Sie seien zwar im Frühjahr 1943 bei den Kämpfen um Charkow (Char’kov) dabei gewesen und im Sommer 1943 dann beim Belgorod-Einsatz, aber bei Kursk? Dabei war mit dem Einsatz bei Belgorod das Unternehmen „Zitadelle“ gemeint, also die erste Phase der Schlacht im Kursker Frontbogen. Doch der Name Kursk war nicht im Gedächtnis haften geblieben, weil er auf deutscher Seite in der zeitgenössischen Öffentlichkeit keine große Rolle spielte.

Auf sowjetischer Seite hingegen wurden die Sommerkämpfe des Jahres 1943 bei Orjol (Orël), Kursk und Charkow als „Kurskaja bitwa“ (deutsch: Kursker Schlacht) bezeichnet und in drei Phasen unterteilt: erstens die Verteidigungsphase, die im Norden von Kursk vom 5. bis 11. Juli 1943 und im Süden von Kursk vom 5. bis 23. Juli 1943 gedauert habe, zweitens die Gegenoffensive bei Orjol vom 12. Juli bis 18. August 1943 und drittens die Gegenoffensive bei Charkow vom 3. bis 23. August 1943. Diese Einteilung der „Kursker Schlacht“ hat sich auch in der modernen Geschichtsschreibung durchgesetzt. Genau genommen ist sie jedoch nicht korrekt. Denn die drei Phasen schließen keinen lückenlosen Zeitraum ein, sondern lassen einen Zwischenraum. Laut sowjetischer Darstellung trat zwischen dem 23. Juli und dem 3. August 1943 im Südabschnitt von Kursk eine Kampfpause ein. Bei einer Prüfung der zeitgenössischen Kriegstagebücher erweist sich diese Behauptung indes als falsch, worauf weiter unten noch eingegangen wird. Diese Tatsache ist vor allem für die Berechnung der Verluste beider Seiten in der Kursker Schlacht relevant, denn die Addition der sowjetischen Verluste in den drei oben genannten Phasen der Schlacht ergibt somit noch nicht die sowjetischen Gesamtverluste bei Kursk. In der bislang erschienenen Literatur ist dies jedoch unbeachtet geblieben.

Kursk ist als größte Panzerschlacht des Zweiten Weltkriegs in die Geschichte eingegangen. Tatsächlich hatte die Verteidigungsphase im Südabschnitt des Kursker Bogens vor allem den Charakter einer gewaltigen Panzerschlacht. Das trifft auch für die sowjetischen Gegenoffensiven bei Orjol und Charkow zu. Im Nordabschnitt des Kursker Bogens kam es während der Verteidigungsphase zwar ebenfalls zu heftigen Panzergefechten, aber hier war die Auseinandersetzung in erster Linie durch den außergewöhnlich massiven Artillerie-Einsatz gekennzeichnet. Überdies war Kursk eine der größten Luftschlachten des Zweiten Weltkriegs, was bislang ebenfalls eher am Rande berücksichtigt wurde.

Eine zentrale Rolle bei den Kämpfen im Sommer 1943 spielte auch eine heute fast vergessene Schlacht des Zweiten Weltkriegs, nämlich die sowjetische Offensive im Donezbecken, die am 17. Juli 1943 begann. Die sowjetische Seite betrachtete die Kampfhandlungen im Donezbecken mitunter sogar als Teil der Kursker Schlacht. In der von Iwan Bagramjan herausgegebenen „Geschichte der Kriegskunst“ heißt es: „Die Verteidigungsoperation von Kursk ist eine der größten strategischen Operationen; an ihr waren Truppen der Zentral- und der Woronesher Front im Zusammenwirken mit den Fronten, die in Richtung Orjol und Donezbecken angriffen, beteiligt.“5 Trotzdem wurde die Juli-Schlacht im Donezbecken auch von der neueren russischen Geschichtsforschung bislang wenig beachtet. Doch selbst wenn man sie nicht zur Kursker Schlacht hinzurechnet, bleiben die Kämpfe um Kursk, Orjol und Charkow im Sommer 1943 die größte Schlacht des Zweiten Weltkriegs – und wahrscheinlich sogar die „größte Schlacht der Geschichte“.6

2. Das Gesetz des Handelns: Die Vorbereitungen auf die Sommerschlacht 1943

„Uns fehlt vollkommen die politische Richtlinie“.1 – Die strategische Lage des Deutschen Reichs im Frühjahr 1943

Das Kriegsjahr 1943 begann für das Deutsche Reich mit einer Reihe katastrophaler Niederlagen: Im Februar mussten die Reste der 6. Armee im Kessel von Stalingrad kapitulieren. Die Meldung darüber löste „im deutschen Volke eine Art von Schockwirkung aus“, wie Propagandaminister Joseph Goebbels am 4. Februar 1943 in seinem Tagebuch festhielt.2 Doch nicht nur die „Heimatfront“ war über Stalingrad erschüttert, auch die Frontsoldaten fragten sich, wie es nun weitergehen solle. Denn der Vormarsch der Roten Armee schien zunächst unaufhaltsam. Am 8. Februar eroberten sowjetische Truppen Kursk zurück, am 16. Februar mussten die Deutschen Charkow räumen. Zwei Tage später rief Joseph Goebbels im Berliner Sportpalast den „totalen Krieg“ aus. Leutnant Ludwig Schön, Zugführer in einer Sturmgeschütz-Batterie an der Ostfront, schrieb am 3. März 1943: „Der Fall Stalingrads und der totale Krieg scheinen mächtig an den Nerven zu reißen. Frieden um jeden Preis?“3

Stalingrad war jedoch nicht das einzige Menetekel des Kriegsumschwungs zuungunsten der Achsenmächte. Japan, Deutschlands wichtigster Verbündeter, musste nach den Niederlagen bei Midway im Juni 1942 sowie auf Guadalcanal und Neuguinea Anfang 1943 endgültig zur strategischen Defensive übergehen. Am 21. Januar 1943 einigten sich die Alliierten zudem auf ein gemeinsames Konzept zur Intensivierung des strategischen Bombenkriegs gegen Deutschland, die so genannte „Casablanca-Direktive“. Die verschärfte Phase des Luftkriegs, die auch mit neuen technischen Mitteln geführt wurde, fand ihren ersten spürbaren Ausdruck in der Luftoffensive gegen das Ruhrgebiet („Battle of the Ruhr“). Die „Ruhrschlacht“ begann in der Nacht zum 6. März 1943 mit einem schweren Luftangriff auf Essen und dauerte bis zum 31. Juli 1943, wobei über 15.000 Menschen im Ruhrgebiet ihr Leben verloren. Am 9. April äußerte Generalfeldmarschall Erhard Milch, der Generalluftzeugmeister, gegenüber Goebbels, es werde voraussichtlich erst ab November 1943 möglich sein, „in größerem Stil den Engländern zu antworten, und erst im kommenden Frühjahr, also erst in einem Jahr, ihnen mit gleicher Münze heimzuzahlen. […] Bis dahin können die Engländer, wenn sie es richtig verstehen, einen großen Teil des Reichsgebiets in Schutt und Asche legen.“4 Allein bei dem Angriff auf Dortmund in der Nacht zum 24. Mai 1943 warf die Royal Air Force mehr als 2.500 Tonnen Bomben ab; das war so viel, wie die deutsche Luftwaffe im gesamten Jahr 1943 auf Großbritannien abwarf. Auch Städte außerhalb des Ruhrgebiets wurden während der „Ruhrschlacht“ durch schwere Luftangriffe zerstört. Beim Angriff auf Wuppertal in der Nacht zum 30. Mai 1943 brach zum ersten Mal ein „Feuersturm“ aus, der 3.500 Menschenleben auslöschte.

Im Mai 1943 musste das Deutsche Reich zwei weitere schwere Niederlagen hinnehmen: Am 13. Mai kapitulierten die Reste der Heeresgruppe Afrika. 270.000 deutsche und italienische Soldaten gerieten in Gefangenschaft. Noch zwei Monate zuvor hatte der Oberbefehlshaber der deutschen Kriegsmarine, Großadmiral Karl Dönitz, Tunesien gegenüber Hitler als eine „strategische Position erster Ordnung“ bezeichnet.5 Nun war es endgültig verloren und damit eine alliierte Invasion in Italien abzusehen. Derselbe Monat ging darüber hinaus als „schwarzer Mai“ in die Geschichte der deutschen Kriegsmarine ein. Durch taktische und technische Neuerungen war es den Alliierten gelungen, die endgültige Wende im U-Boot-Krieg zu erzwingen. Noch im März 1943 hatten die deutschen U-Boote der alliierten Handelsschifffahrt im Nordatlantik hohe Verluste zugefügt – ein letzter Erfolg, der Goebbels am 2. April in seinem Tagebuch triumphieren ließ: „Der U-Boot-Krieg ist ja in der Tat unsere große Waffe, die den Engländern sehr viel zu schaffen macht.“6 Umso bestürzter war die deutsche Führung, als im Mai nicht nur die Erfolge ausblieben, sondern fast jeden Tag deutsche U-Boote versenkt wurden – bis zum Ende des Monats insgesamt 40 Stück. Am 14. Mai berichtete Großadmiral Dönitz Adolf Hitler, dass sich die Deutschen zur Zeit in der „größten Krise des U-Bootkrieges“ befänden, weil der Gegner den U-Booten zum ersten Mal durch neue Ortungsmittel das Kämpfen unmöglich mache und ihnen schwere Verluste zufüge.7

Angesichts all dieser Probleme und der äußerst angespannten Lage glaubte Hitler nur eine Lösung zu haben: eine militärische Entscheidung herbeizuführen. Bei einer Besprechung auf dem Obersalzberg am 25. Juni 1943 legte er Goebbels gegenüber dar, dass man die derzeitige Phase der Defensive mit Geduld aushalten müsse, dass in den nächsten Wochen und Monaten aber neue Waffen zur Verfügung stünden, die sowohl im Luft- als auch im U-Boot-Krieg eine Wende zugunsten des Deutschen Reichs herbeiführen würden. Die entscheidende Front, so hob Hitler hervor, sei die Ostfront. Immerhin war es der Wehrmacht im März 1943 gelungen, die sowjetische Winteroffensive aufzuhalten und im Gegenstoß Charkow zurückzuerobern. Dieser Sieg bedeutete nicht nur einen Prestigegewinn, der die wankenden Verbündeten des Deutschen Reichs beruhigte, sondern gab auch Anlass zur Hoffnung, dass der Krieg militärisch doch noch nicht verloren sei. Generalfeldmarschall Erich von Manstein, der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Süd, schrieb am 14. März 1943 erleichtert an seine Frau: „So scheint es, dass wir die Krise im Osten, dank unseres Erfolges, mal wieder überstanden haben. Man darf eben nicht, wenn mal was schief geht, immer gleich glauben, nun sei es zu Ende, wie es ja bestimmt viele Leute zu Hause geunkt haben.“8

Auch Hitler glaubte angesichts dieses Erfolgs, dass der Krieg noch nicht verloren sei. Einen politischen Kompromiss mit der Sowjetunion schloss er aus. In einer Ansprache vor Reichs- und Gauleitern am 7. Mai 1943 gab er als politisches Ziel sogar seinen alten Traum von deutscher Weltherrschaft zum Besten. Joseph Goebbels hielt fest: „Der Führer gibt seiner unumstößlichen Gewissheit Ausdruck, dass das Reich einmal ganz Europa beherrschen wird. Wir werden dafür noch sehr viel [sic!] Kämpfe zu bestehen haben, aber sie werden zweifellos zu den herrlichsten Erfolgen führen. Von da ab ist praktisch der Weg zu einer Weltherrschaft vorgezeichnet. Wer Europa besitzt, der wird damit die Führung der Welt an sich reißen.“9 Am 1. Juli 1943 wiederholte Hitler vor Oberbefehlshabern und Kommandierenden Generälen des Ostheeres, der Kampf im Osten sei für Deutschland „ein Kampf um Lebensraum. Ohne diesen Lebensraum kann das Deutsche Reich und die deutsche Nation nicht bestehen. Sie muss die Hegemoniemacht von Europa werden.“10 Doch nicht nur als künftiger „Lebensraum“ für das deutsche Volk behielten die deutschbesetzten sowjetischen Gebiete für Hitler zentrale Bedeutung, sondern auch wirtschaftlich maß er dem Osten kriegsentscheidendes Gewicht bei. Zum einen glaubte er, den Krieg ohne die reichen Bodenschätze des Donbass bzw. Donezbeckens, des Kohlegebiets im Südosten der Ukraine, auf längere Sicht nicht weiterführen zu können. Zum anderen benötigte die deutsche Wirtschaft immer neue Arbeitskräfte, die größtenteils nur noch durch Zwangsmaßnahmen aus den besetzten Ostgebieten gewonnen werden konnten. Selbst bei militärisch-operativen Planungen spielte nun der Mangel an Arbeitskräften eine große Rolle. Hatte man 1941/42 noch zwei Millionen sowjetische Kriegsgefangene verhungern lassen, war es 1943 ein ausdrückliches Ziel der deutschen Sommeroffensive, durch die Gefangennahme möglichst vieler Soldaten der Roten Armee Arbeitskräfte zu gewinnen. Schließlich spielte der östliche Kriegsschauplatz noch in anderer Hinsicht für die Deutschen eine große Rolle, war er doch 1941/42 der Ort der Massenmorde an den europäischen Juden, über die sich seit Mitte 1942 immer mehr Nachrichten in Deutschland verbreiteten. Die Bevölkerung reagierte darauf mit Bestrafungsängsten, die von der deutschen Propaganda noch geschürt wurden, um den Durchhaltewillen zu stärken.

Angst verbreitete sich unter den Deutschen aber nicht nur wegen des Unrechtsbewusstseins angesichts der Massenmorde an den Juden. Die Siege der Roten Armee gaben den sowjetischen Kriegsgefangenen und Zivilisten, die als „Ostarbeiter“ im Deutschen Reich eingesetzt waren, neue Hoffnung und Selbstvertrauen. In einem Bericht des Sicherheitsdienstes der SS vom 25. Februar 1943 über die Stimmung in Deutschland heißt es, durch den Umschwung der militärischen Lage habe sich nicht nur die „Disziplin und Arbeitsmoral“ der „Ostarbeiter“ gelockert; diese sprächen auch offen von Vergeltungsmaßnahmen an den Deutschen. Dabei äußerten sie die Überzeugung, dass die Sowjets alle Deutschen nach ihrem Einmarsch quälen und töten würden. „Ostarbeiterinnen“, die als Haushaltsgehilfinnen bei deutschen Familien arbeiteten, hätten geäußert, dass sie sich „für die gute Behandlung dadurch erkenntlich zeigen würden, dass sie für einen schnellen Tod der betreffenden deutschen Familie sorgen wollten“.11 Die Furcht der Deutschen vor einer Niederlage steigerte sich in den folgenden Wochen noch weiter: Anfang 1943 wurden bei Katyn westlich von Smolensk die Leichen von etwa 4.500 polnischen Offizieren gefunden, die im Frühjahr 1940 durch die sowjetische Geheimpolizei ermordet worden waren. Goebbels nutzte diese Entdeckung im April 1943 für eine umfassende Propaganda-Kampagne mit dem Ziel, in der deutschen Bevölkerung die Angst vor sowjetischen Verbrechen zu schüren. Zugleich zweifelten jedoch immer mehr Deutsche daran, dass der Krieg noch zu gewinnen sei. Selbst manche alten Parteigenossen wie der Landeshauptmann der Provinz Westfalen, Karl-Friedrich Kolbow, wurden zunehmend pessimistisch. Am 22. März 1943 vermerkte Kolbow in seinem Tagebuch, es komme „alles darauf an, ob es uns gelingt, Russland in diesem Sommer den Fangschuss zu geben“.12

„Vorhand“ oder „Nachhand“? – Deutsche Überlegungen zur Strategie an der Ostfront 1943

Für die deutsche Seite stellte sich angesichts der nicht wieder auszugleichenden Verluste in zwei großen Feldzügen an der Ostfront 1941 und 1942 und den schweren Niederlagen Anfang 1943 die Frage, welche Strategie künftig an der Ostfront verfolgt werden sollte – und welche überhaupt noch verfolgt werden konnte. Sollte die Wehrmacht im Frühjahr 1943 an der Ostfront so rasch wie möglich wieder zum Angriff antreten, um den erwarteten sowjetischen Offensiven zuvorzukommen und die Initiative zu behalten? Daraus ergäbe sich der Vorteil, den Schwerpunkt der Kämpfe selbst bestimmen zu können. Oder wäre es besser, zunächst in der Defensive zu bleiben und abzuwarten, bis die Rote Armee zum Angriff anträte? Nach der Abwehr der sowjetischen Offensiven (wenn sich der Gegner verausgabt hätte) würde die Wehrmacht dann zur Gegenoffensive antreten und diese weit über die Ausgangsstellungen hinaustragen können. Letzteres Konzept bezeichneten Manstein und andere deutsche Militärs als „Schlagen aus der Nachhand“.13 Die Rote Armee hatte diese Strategie im November 1942 bei Stalingrad erfolgreich angewandt; Manstein bediente sich ihrer im Februar/März 1943, als er die sowjetische Winteroffensive bei Charkow abfing und die sowjetischen Offensivkräfte abschnitt und vernichtete. Ein solcher Schlag aus der Nachhand schwebte Manstein nun für das kommende Frühjahr und den Sommer im großen Stil vor. Am 3. Februar 1943 schickte er an General Kurt Zeitzler, den Chef des Generalstabs des Heeres, „zur Übermittlung an den Führer“ ein Fernschreiben mit einer Lagebeurteilung. Darin schlug Manstein vor, „den russischen Südflügel im Kampf bis in die Linie Melitopol–Dnjepropetrowsk hinter sich herzuziehen, um sodann, gestützt auf günstige Bahnverbindungen, zunächst seine nördliche Angriffsfront zu schlagen, seine Nord-Süd-Verbindungen zu durchschneiden und (unter Abdeckung nach Norden) nach Südwesten [sic!] einschwenkend, ihn gegen das Asowsche Meer zu drängen. Für diese Operation“, so Manstein weiter, „ist [die] rechtzeitige Zurücknahme der Heeresgruppe [Süd] zur Erhaltung ihrer Kampfkraft, Zuführung der nötigen Kräfte und das Halten des Raumes Orel–Kursk (mindestens aber Brjansk–Bahnhof Lgow) Voraussetzung.“14

Doch die von Manstein genannten Prämissen für den großen Schlag aus der Nachhand waren nicht gegeben: Zum einen lehnte Hitler die geforderte zeitweilige Räumung des Donezbeckens strikt ab. Zum anderen eroberte die Rote Armee am 3. März 1943 den wichtigen Eisenbahnknotenpunkt Lgow (L’gov) zurück, dessen Halten Manstein ausdrücklich gefordert hatte. Ohnehin wollte Hitler an der Ostfront im Jahr 1943 keine Großoffensive mehr führen. Das wurde bei einer Lagebesprechung deutlich, die am 18. Februar 1943 im Hauptquartier der Heeresgruppe Süd in Saporoschje (Zaporož’e) stattfand. „Wir können in diesem Jahr keine großen Operationen machen“, so Hitler zu den versammelten Militärs. „Wir müssen jedes Risiko vermeiden. Ich denke mir, dass wir nur kleine Haken schlagen.“15 Diese „kleinen Haken“ wollte Hitler allerdings nicht aus der Nachhand schlagen, sondern aus der Vorhand. Das heißt, er wollte der Roten Armee mit kleineren Offensivstößen zuvorkommen, um die Initiative zu behalten. Bei einer Lagebesprechung am 5. März im Führerhauptquartier „Werwolf“ bei Winniza (Vinnica) meinte er, man müsse die Panzerverbände an der Ostfront in den nächsten Wochen so verstärken, dass sie nach Ende der Schlammperiode gleich wieder angreifen könnten. Diese Meinung, so Hitler, vertrete auch Generalstabschef Zeitzler. Mit der Schlammperiode war die Frühjahrs-Tauwetterperiode gemeint, in der sich die sowjetischen Straßen und Wege buchstäblich in Moräste verwandelten, die jede größere Truppenbewegung unmöglich machten.

Da Manstein die Hoffnung aufgeben musste, einen groß angelegten Schlag aus der Nachhand führen zu können, machte er sich ebenfalls die Idee eines Angriffs aus der Vorhand zu eigen. Am 8. März 1943 erstellte er für Hitler eine Lagebeurteilung, in der er erstmalig auf die Zeit nach der Schlammperiode einging. Manstein riet zu einem gemeinsamen Angriff der Heeresgruppen Mitte und Süd, um einer sowjetischen Offensive gegen die Heeresgruppe Süd zuvorzukommen. Dazu sollten Verbände der Heeresgruppe Süd aus der Gegend westlich von Charkow nach Norden und Verbände der 2. Armee der Heeresgruppe Mitte aus der Gegend nördlich von Sumy nach Südosten antreten. Das war die kleine Variante eines Zangenangriffs südlich von Kursk (Karte 1). Die größere Variante kam zwei Tage später erstmals ins Gespräch. Vorgeschlagen wurde sie allerdings nicht von Manstein oder Hitler, sondern von einem General, dessen Rolle in diesem Zusammenhang in der Forschung bislang völlig unbekannt ist: Am 10. März 1943 telefonierte der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte, Generalfeldmarschall Hans Günther von Kluge, mit dem Oberbefehlshaber der ihm unterstellten 2. Panzerarmee, Generaloberst Rudolf Schmidt. Die 2. Panzerarmee stand zu dieser Zeit südlich von Orjol. Zwischen ihr und ihrer Nachbarin, der 2. Armee, klaffte eine gewaltige Frontlücke; dort war die Rote Armee bis zum Fluss Desna durchgebrochen. Kluge drängte gegenüber Schmidt telefonisch darauf, die Lücke zwischen beiden Armeen noch vor dem Eintritt der Schlammperiode zu schließen. Dazu wollte Kluge eine zusätzliche Stoßgruppe heranführen, und zwar die 9. Armee unter Generaloberst Walter Model, die gerade durch die Räumung des Frontbogens von Rschew (Ržev) frei geworden war. Models Armee sollte nun aus der Gegend südlich von Orjol zum Angriff auf Kursk antreten. Zu diesem Vorschlag Kluges nahm Schmidt noch am selben Tag schriftlich Stellung. Er argumentierte, dass sich seine 2. Panzerarmee zurzeit in schwerem Abwehrkampf befinde und vollauf damit beschäftigt sei, den sowjetischen Stoß auf Brjansk zu verhindern. Selbst mit den neu herangeführten Kräften der 9. Armee würde die Front gerade zu halten sein. Dagegen sei es nicht möglich, noch vor der Schlammperiode eine Offensivgruppe südlich von Orjol zu bilden. Vielmehr müsse man zunächst „auf offensive Absichten verzichten und möglichst Kräfte sparen“. Schmidt regte deshalb die „Bildung einer stärkeren operativen Kräftegruppe“ an, „deren Ansatz aus dem Raum südlich Orel gegen Kursk im Zusammenwirken mit einer aus dem Raum Charkow nach Norden vorstoßenden Kräftegruppe denkbar erscheint“ – allerdings erst nach der Schlammperiode.16 Das war genau der Kräfteansatz, der später beim Unternehmen „Zitadelle“ umgesetzt wurde. Schmidt war demnach der Urheber dieses Plans. Das belegt auch die Reaktion Kluges, als er Schmidt noch am späten Abend des 10. März anrief und meinte: „Ich muss schon sagen, Ihre Gedankengänge haben Manches für sich.“17 Die 9. Armee, so Kluge weiter, würde zwar trotzdem herangeführt, aber dies müsse dann nicht mit der vorgesehenen Schnelligkeit geschehen. Tatsächlich telefonierte Kluge am selben Abend mit Generaloberst Model und teilte ihm mit, dass aufgrund der beginnenden Tauwetterperiode eine Angriffsoperation jetzt wahrscheinlich nicht mehr möglich sei. Models Armee werde deshalb nicht sofort, sondern erst später in den Raum südlich von Orjol verlegt.

Am folgenden Tag, dem 11. März 1943, besuchte Hitler erneut das Hauptquartier der Heeresgruppe Süd in Saporoschje. Manstein äußerte bei dieser Gelegenheit zum wiederholten Mal den Wunsch, den Frontbogen um Kursk noch vor der Schlammperiode zu beseitigen. Darauf entgegnete Hitler, dass man diesen Bogen „nicht wegfallen lassen“ könne. „Man würde damit die Möglichkeit zu kleineren Offensivstößen verlieren.“ Große Operationen, so Hitler weiter, seien in der nächsten Zeit nicht möglich. „Durch dauernde Stöße müssen wir die Initiative behalten und den Kräfteverbrauch möglichst im Verhältnis 1:10 halten. Der Russe muss systematisch geschwächt werden, weniger mit Divisionen als mit modernen Waffen. Und dann müssen wir halten und verteidigen!“18 Manstein war von diesem Konzept nicht überzeugt. Er notierte am selben Tag über die Lagebesprechung und Hitler in sein privates Kriegstagebuch: „Über die eigene Absicht im Großen nichts Klares. Wir bewegen uns eben in zwei Ebenen. Ich auf der operativen, er auf der des Materials und der Zahlen. Infolgedessen kommt man nie zu einem Resultat.“19

Hitler war sich zu dieser Zeit selbst noch nicht im Klaren, wo genau die Angriffsoperationen im kommenden Frühjahr und Sommer geführt werden sollten. Das Einzige, was er mit Nachdruck immer wieder betonte, war sein Wunsch, das Donezbecken um jeden Preis zu halten, da es ausschlaggebende wirtschaftliche Bedeutung für die weitere Kriegführung habe. Zwei Tage später, am 13. März 1943, erhielt er jedoch die entscheidende Anregung, als er das Hauptquartier der Heeresgruppe Mitte in Smolensk besuchte. Neben Hitler, Zeitzler und Kluge nahmen an der Lagebesprechung auch die Armee-Oberbefehlshaber teil, darunter Generaloberst Schmidt, der nun Gelegenheit erhielt, Hitler sein Angriffskonzept vorzustellen. Hitler, offensichtlich davon beeindruckt, erließ noch am selben Tag den Operationsbefehl Nr. 5 („Weisung für die Kampfführung der nächsten Monate“), in dem es heißt: „Auf dem Nordflügel der Heeres-Gruppe [Süd] ist sofort die Bildung einer starken Panzer-Armee, deren Versammlung bis Mitte April beendet sein muss, in die Wege zu leiten, um nach Beendigung der Schlammperiode vor dem Russen zur Offensive antreten zu können. Ziel dieser Operation ist die Vernichtung der Feindkräfte vor [der] 2. Armee durch Stoß nach Norden aus der Gegend von Charkow im Zusammenwirken mit einer Angriffsgruppe aus dem Gebiet der 2. Panzer-Armee.“20 Damit war der Angriffsplan „Zitadelle“, der Zangenangriff auf Kursk, aus der Taufe gehoben. Der Vater des Kindes hieß Rudolf Schmidt, seine Taufpaten Kluge und Hitler. Ins Reich der Legenden gehört dagegen die Behauptung, Schmidt habe bei dieser Lagebesprechung Hitler mit den Worten beleidigt, „Ihre Kriegserfahrung trägt ein Spatz auf dem Schwanz weg“.21 Zum einen hätte sich Hitler eine solche Verächtlichkeit nicht gefallen lassen und Schmidt umgehend gemaßregelt. Zum anderen enthält das Tagebuch von Goebbels einen Gegenbeweis. Bekanntlich wurde Hitler nicht müde, seine Generäle im Kreis seiner alten Parteigenossen zu beschimpfen, wenn er mit ihnen unzufrieden war. Eine Beleidigung, wie Hitler sie angeblich durch Schmidt in Smolensk erfahren haben soll, hätte einen seiner gefürchteten Zornausbrüche zur Folge gehabt. Stattdessen vermerkte Goebbels am 15. März 1943 in seinem Tagebuch: „Der Führer hat seinen Flug an die Mittelfront beendet. Er hat dort ausgezeichnete Verhältnisse vorgefunden. Die Lage in der Mitte wird als sehr positiv geschildert. Auch von der Führung dort hatte der Führer den besten Eindruck.“22

Generaloberst Schmidt wurde zwar im April 1943 beurlaubt, als Oberbefehlshaber der 2. Panzerarmee abgelöst und am 30. September 1943 schließlich aus der Wehrmacht entlassen. Grund dafür waren jedoch Briefe an seinen Bruder Hans-Thilo, der wegen des Verdachts auf Landesverrat ins Visier der deutschen Spionageabwehr geraten und am 2. April 1943 verhaftet worden war. Goebbels vermerkte dazu am 10. Mai 1943 in seinem Tagebuch, nachdem sich Hitler ihm gegenüber bitter über die Generalität beklagt hatte: „Beispielsweise ist jetzt beim Bruder des Generalobersten Schmidt, der wegen Landesverrats verhaftet werden musste, eine ganze Serie von Briefen des Generalobersten selbst gefunden worden, die sehr scharf gegen den Führer gerichtet waren. Das ist nun einer der Generalobersten, auf die der Führer besonders viel gesetzt hatte. Er hat also wieder einmal eine schwere Enttäuschung erlebt.“23 Schmidts Angriffskonzept wurde deswegen nicht verworfen. Allerdings war Hitler davon keineswegs so überzeugt, wie oft dargestellt. Das zeigt sich an den Gegenvorschlägen, die er in den folgenden Wochen machte.

„Habicht“, „Panther“ oder „Zitadelle“? – Deutsche Operationsplanungen im Frühjahr 1943

Obwohl mit dem Operationsbefehl Nr. 5 vom 13. März 1943 festgelegt wurde, dass der Zangenangriff auf Kursk erst nach der Schlammperiode erfolgen sollte, ließ Manstein nicht locker. Er drängte in den folgenden Tagen beim Generalstab des Heeres immer wieder darauf, den Kursker Frontbogen sofort zu beseitigen. Am 18. März telefonierte er mit dem Generalstabschef Zeitzler und meinte: „[Der] Russe ist vor unserem linken Flügel und vor rechtem Flügel [der Heeresgruppe] Mitte nicht mehr zu viel fähig. Ich glaube, dass Heeresgruppe Mitte jetzt ohne Schwierigkeiten Kursk nehmen könnte.“ Darauf erwiderte Zeitzler: „Der Führer möchte gern eine Operation von Tschugujew nach Isjum.“24 Die beiden Städte Tschugujew (Čuguev) und Isjum (Izjum), südöstlich von Charkow gelegen, befanden sich in einer Frontausbuchtung, die im Norden des Donezbeckens in die Front der Heeresgruppe Süd hineinragte (Karte 1). Hitler befürchtete, dass die Rote Armee von dort aus eine Offensive nach Südwesten, Richtung Dnepr starten könnte, um das Donezbecken abzuschneiden – für ihn der neuralgische Punkt der gesamten Ostfront.

Manstein lehnte eine Offensive bei Tschugujew und Isjum vor Eintritt der Schlammperiode mit der Begründung ab, dass seine Kräfte dafür nicht ausreichen würden. Zwei Tage später, am 20. März, telefonierte er mit Generalleutnant Adolf Heusinger, dem Chef der Operationsabteilung des Generalstabs des Heeres. Manstein erklärte, dass sich ein Vorgehen auf Kursk jetzt anbiete, jedoch ohne die Mitwirkung der Heeresgruppe Mitte nicht möglich sei. Heusinger betonte dagegen, Hitler wünsche den sofortigen Vorstoß in Richtung Isjum. Dies lehnte Manstein jedoch ab. Er wiederholte, dass er eine Operation auf Kursk bevorzuge, um die tiefe offene Nordflanke seiner Heeresgruppe westlich von Charkow zu beseitigen. Diese Ansicht wiederholte Manstein am folgenden Tag, dem 21. März, in einem Ferngespräch mit Zeitzler: Wenn man sofort zum Angriff auf Kursk antrete, könne der Vorstoß auf Isjum im Anschluss immer noch durchgeführt werden. Noch am selben Tag brachte Zeitzler diesen Wunsch Mansteins während der MittagsLagebesprechung auf dem Obersalzberg zur Sprache. Hitler war jedoch dagegen: Wenn überhaupt ein Vorstoß vor der Schlammperiode noch zweckmäßig sei, so Hitler, „dann nur bei Isjum“. Dass die Heeresgruppe Süd ihren Stoß Richtung Kursk weiterführe, habe dagegen „gar keinen Sinn“.25 Zeitzler musste Manstein daher am Abend mitteilen, Hitler habe befohlen, die von der Heeresgruppe Süd beabsichtigte Operation auf Kursk einzustellen und eine Operation von Charkow aus nach Südosten vorzubereiten.

Manstein gab sich aber noch nicht geschlagen. Er schickte umgehend eine Stellungnahme zu der von Hitler geplanten Operation bei Tschugujew und Isjum an Zeitzler und betonte darin, diese Offensive bringe im Moment nur Nachteile. Zum einen sei die Truppe zu sehr geschwächt, um diese Operation vor Eintritt der Schlammperiode noch durchführen zu können. Zum zweiten müssten die Panzerdivisionen dringend aufgefrischt werden und dazu eine Ruhepause erhalten. Drittens würde durch die zu erreichende neue Frontlinie keine Kräfteeinsparung erzielt; die Gefahr für die Heeresgruppe Süd an ihrem Nordflügel bei Charkow bliebe nicht nur bestehen, sondern würde durch den Abzug eigener Kräfte sogar größer.

Obwohl sich Manstein auf Lagebeurteilungen seiner unterstellten Panzerarmee-Oberbefehlshaber stützen konnte, die ebenfalls von der Operation bei Tschugujew und Isjum abrieten, und obwohl er sich am folgenden Tag, dem 22. März, gegenüber Zeitzler noch einmal gegen diese Operation aussprach, setzte sich Hitler erneut über Mansteins Bedenken hinweg und erließ am selben Tag die „1. Ergänzung zum Operationsbefehl Nr. 5“. Darin befahl er, der beabsichtigten Offensive auf Kursk habe ein Angriff über den Donez zur Vernichtung der feindlichen Kräfte westlich Kupjansk vorauszugehen. Erst im Anschluss an diese Operation sei der Angriff auf Kursk durchzuführen. Immerhin war es Manstein gelungen, auch die Offensive auf Kupjansk von Tschugujew und Isjum aus auf die Zeit nach der Schlammperiode hinauszuschieben.

Manstein musste sich beugen und befahl am 23. März den Oberkommandos der 1. Panzerarmee und der Armeeabteilung Kempf die Vorbereitung einer Operation gegen die sowjetischen Kräfte am Donez im Dreieck Tschugujew–Isjum–Kupjansk. Dieses Unternehmen war für Mitte April anvisiert und erhielt den Decknamen „Habicht“ (Karte 1). Am folgenden Tag befahl die Heeresgruppe Mitte der 2. Armee, der 2. Panzerarmee und der 9. Armee, den Vorstoß auf Kursk vorzubereiten, der zusammen mit Kräften der Heeresgruppe Süd gleich im Anschluss an die Operation „Habicht“ durchgeführt werden sollte. Zum ersten Mal wurde in diesem Befehl der Deckname der geplanten Offensive genannt: Operation „Zitadelle“.26 Als Termin für „Zitadelle“ war zunächst der 1. Mai 1943 vorgesehen.

Nun begann sich allerdings breiter Widerstand gegen das Unternehmen „Habicht“ zu regen. Am 24. März stimmten die Generalstabschefs der 1. Panzerarmee und der Armeebteilung Kempf – also jener beiden Armeen, die für den Angriff „Habicht“ vorgesehen waren – überein, dass es falsch sei, mehrere kleinere Angriffsschläge hintereinander zu führen. Denn die Truppe „würde auf diese Weise auch in diesem Jahr um ihre Auffrischung gebracht“. Stattdessen solle man „lieber später, aber dann einen größeren Schlag führen“.27 Hitler hatte indessen mit der „1. Ergänzung zum Operationsbefehl Nr. 5“ am 22. März gezeigt, dass seine Absichten für den Angriff auf Kupjansk bereits über die ursprünglich für „Habicht“ vorgesehenen Ziele hinausreichten. Die Angriffsverbände sollten nun weiter ausholen und damit mehr sowjetische Kräfte zerschlagen, die neue Frontlinie von Woltschansk (Volčansk) über Kupjansk nach Lissitschansk (Lisičansk) verlaufen. Diese größere Variante des Unternehmens „Habicht“ erhielt den Decknamen „Panther“ (Karte 2). Am 25. März übersandte das Oberkommando der 1. Panzerarmee einen ersten Operationsvorschlag für das Unternehmen „Panther“ an die Heeresgruppe Süd. Darin hieß es, „Panther“ sei etwa ab dem 1. Mai 1943 möglich. Das war allerdings der Termin, der bereits für „Zitadelle“ vorgesehen war. Damit war klar, dass das größere Unternehmen „Panther“ nicht vor dem Angriff auf Kursk durchgeführt werden konnte, sondern eine Alternative zu „Zitadelle“ darstellte. Am 27. März besuchte Manstein die 1. Panzerarmee und kam mit deren Oberbefehlshaber Generaloberst Eberhard von Mackensen überein, dass das Unternehmen „Panther“ Erfolg versprechender sei als „Habicht“. Allerdings, so Manstein, liege die Entscheidung darüber, welches Unternehmen durchgeführt werde, beim Oberkommando des Heeres (und damit letztlich bei Hitler). Noch am selben Abend versuchte sich Manstein Klarheit zu verschaffen und telefonierte mit Zeitzler, der ihm mitteilte, dass Hitler zur Operation „Panther“ neige. Am folgenden Tag begab sich Manstein zur Armeeabteilung Kempf und erfuhr, dass auch hier das Unternehmen „Panther“ gegenüber der Operation „Habicht“ bevorzugt würde.

Doch nun veränderte sich die operative Lage. Wie Manstein am 29. März in einer Lagebeurteilung für Zeitzler schrieb, verlegte die Rote Armee immer stärkere Kräfte in den Raum südlich von Kursk. Deshalb, so Manstein in seiner Lagebeurteilung weiter, könne „als erster Schlag ein Stoß im Zusammenwirken mit Heeresgruppe Mitte in Richtung Kursk und ostwärts notwendig werden“ – also das Unternehmen „Zitadelle“.28 Am 2. April 1943 befahl das Oberkommando des Heeres, nötigenfalls alle drei Operationen vorzubereiten: Falls das Unternehmen „Habicht“ aus „Wettergründen zeitgerecht nicht durchgeführt werden kann, soll außerdem das Unternehmen ‚Panther‘ vorbereitet werden. Weiterhin muss die Heeres-Gruppe [Süd] in der Lage sein, bei veränderter Feindlage auch zum Unternehmen ‚Zitadelle‘ gegebenenfalls antreten zu können.“29

„Zitadelle“ war das Unternehmen, das die Armee-Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Süd gegenüber Hitlers Offensivplänen „Habicht“ und „Panther“ eindeutig bevorzugten. Dies teilte der Chef des Generalstabs der 1. Panzerarmee, Generalmajor Walther Wenck, am 4. April dem Ersten Generalstabsoffizier der Heeresgruppe Süd, Oberst Georg Schulze-Büttger, in einer Lageorientierung mit. Am selben Tag besuchte Generaloberst Model die 4. Panzerarmee. Model führte gerade die Heeresgruppe Süd als Stellvertreter Mansteins, da sich dieser einer Mandeloperation unterziehen musste und deswegen Urlaub genommen hatte. Vom Oberbefehlshaber der 4. Panzerarmee, Generaloberst Hermann Hoth, erfuhr Model, die Ziele der Operation „Panther“ seien mit den vorhandenen Kräften nicht erreichbar. Außerdem, so Hoth weiter, verspreche sich die 4. Panzerarmee von der Operation „keinen durchschlagenden Erfolg, zumal der angestrebte Zweck des Angriffs – Zerschlagen der feindlichen Angriffskorps – nicht erreicht wird, da sich diese außerhalb des Operationsraumes befinden“.30 Auch Hoth bevorzugte das Unternehmen „Zitadelle“ als Erfolg versprechendsten Angriffsplan.