Franziskus

Im Angesicht des Herrn

Gedanken über Freiheit, Hoffnung und Liebe

Herausgegeben von Antonio Spadaro

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Titel der Originalausgabe:

Nei tuoi occhi è la mia parola

Omelie e discorsi di Buenos Aires 1999–2013

Introduzione e cura di Antonio Spadaro S.I.

© 2016 Rizzoli Libri S.p.A. / Rizzoli, Milan

© 2018 Mondadori Libri S.p.A. / Rizzoli, Milan


Für die deutschsprachige Ausgabe:

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2018

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de


Als deutsche Bibelübersetzung ist zugrunde gelegt:

Die Bibel. Die Heilige Schrift

des Alten und Neuen Bundes.

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DIE BIBEL


Vollständige deutschsprachige Ausgabe


© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2005


E-Book-Konvertierung: Rainer Moers, Mönchengladbach


ISBN Print 978-3-451-38033-4

ISBN E-Book 978-3-451-81477-8

Über die Autoren

PAPST FRANZISKUS 

geb. 1936 als Jorge Mario Bergoglio in Buenos Aires. Nach seiner Ausbildung zum Chemietechniker trat er 1958 in den Jesuitenorden ein und wurde 1969 zum Priester geweiht. Von 1998 bis 2013 war er Erzbischof von Buenos Aires und wurde 2001 zum Kardinal erhoben. Seit dem 13. März 2013 ist er als Bischof von Rom Papst der katholischen Kirche.


ANTONIO SPADARO 

geb. 1966 in Messina, ist Jesuit, katholischer Theologe und Essayist. Als Chefredakteur der Zeitschrift La Civiltà Cattolica setzt er auch international Akzente in den großen Debatten um Kirche und Welt. Spadaro gilt als der vielleicht beste Papstkenner überhaupt. Sein Buch Das Interview mit Papst Franziskus (2013) ist eine der wichtigsten Quellen, um den Papst als Mensch und Priester zu erleben.

Inhalt

2010

Ein christliches Herz macht niemals Urlaub

Gewöhnung: ein Hemmschuh, eine Verhärtung, die das Herz gefangen hält

Priesterausbildung heute: ­intellektuelle, gemeinschaftliche, ­apostolische und geistliche Aspekte

»Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?«

Lassen wir die Erinnerung an unsere Mutter wiederaufleben und bitten wir sie, unsere Hand nicht loszulassen

Wenn wir unsere Hände in Unschuld waschen, sind wir Komplizen dieses Sklavenhandels

Zeugen sind nötiger als Lehrer

Sterben heißt, sich seinen Händen anvertrauen

Wir sind dazu berufen, wie Kinder und von Herzen sanftmütig zu sein

Er wird ein zweites Mal kommen

2011

Die Knitterfalten in unserem Herzen glätten

Maria empfängt und begleitet das Leben

Die Wahrheit, die am hellsten strahlt, ist die Wahrheit von der Barmherzigkeit

Fürchtet euch nicht vor der Freude

Entwürfe der Gerechtigkeit und Liebe für eine ernüchterte Welt

Die Demut erneuert unser ­Vertrauen

Die Freude verfestigt sich, wenn wir uns ans Werk machen

Gott lebt in der Stadt

Alles ist Gnade, greifbare, aus Liebe vergossene Gnade

Wenn wir uns nicht selbst als ­Außenseiter fühlen, werden wir nicht eingeladen

2012

Gegen die Gewöhnung: Umkehr zu den Wurzeln des Glaubens

»Diese Nacht wird hell wie der Tag«

Begleiten wir die Harmonie eines wachsenden Herzens

Das wechselseitige Vertrauen ist Wurzel und Frucht der Liebe

Räume erschließen, um alle ­einzubeziehen

Öffnet alle Türen für den Glauben

Wo ist dein Bruder, der Sklave?

Die Schwelle des Glaubens ­überschreiten

»Mutter, lehre uns, für die ­Gerechtigkeit zu arbeiten«

2013

»Zerreißt euere Herzen und nicht euere Kleider«

Lasst euch mit Gott versöhnen

Möge die Salbung an die Peripherien gelangen

2010

Ein christliches Herz macht niemals Urlaub

Herr Botschafter der Republik Haiti, Exzellenz Raymond Mathieu, liebe Brüder und Schwestern,

das Evangelium stellt uns heute das erste Wunder Jesu vor Augen. Bei einem so fröhlichen Anlass wie einer Hochzeit sind die Leute gut gelaunt, reden, feiern und tun alles, was man auf einem Fest eben so macht. Im Hintergrund jedoch gab es ein Problem. Niemand bemerkte es, doch es war kein Wein mehr da. Die Krüge waren schon beinahe leer, und es war nichts mehr da, womit man sie hätte nachfüllen können. Was für eine Blamage, was für ein Problem!

Die Jungfrau Maria geht zu Jesus und sagt zu ihm: Sieh doch, was sie für ein Problem haben. Zuerst sagt Jesus zu ihr, es sei noch nicht an der Zeit, aber dann hört er doch auf sie. Ich glaube, dass sie ihn von klein auf dazu erzogen hatte, auf das Leben der anderen zu achten, und dass sie ihn auf diese Weise in seinem menschlichen Herzen darauf vorbereitet hatte, zu einem Mann heranzuwachsen, der mit Verständnis, Beistand und Trost auf jeden menschlichen Schmerz und jedes menschliche Problem reagiert. Und Jesus sieht gerade dorthin, wo das Problem ist. Es ist eigenartig: Auch später, im weiteren Verlauf seines Lebens, werden wir im Evangelium immer wieder lesen, dass Jesus auf dem Weg um sich blickt und auf die achtet, die am Rand der Straße stehen, sitzen oder liegen, auf die, die sich aus Scham oder Angst abseits halten. Diejenigen, die nicht den Mut haben, bei den anderen zu sein, weil sie Probleme haben oder weil sie aussätzig sind oder weil sie blind oder gelähmt oder Sünder sind, oder als Sünder gelten, denn wir alle sind Sünder.

Und Jesus sieht immer auf den Rand des Weges und ruft sie. Dieses Verhalten ist typisch für Jesus: dass er auf diejenigen achtet, die sich in einer Extremsituation befinden, in der schlimmsten Zeit ihres Lebens, am existenziellen Wegesrand, und dass er sie ruft.

Und er hilft ihnen, er heilt sie, er tröstet sie, er stärkt sie, er macht sie zu seinen Jüngern. Dieses Verhalten des Hinsehens und Hingehens – denn das ist es: ein Hinsehen und Hingehen zu dem, der Probleme hat –, dieses Verhalten bringt Jesus uns bei. Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter lobt Jesus nicht den Priester, der des Weges kam und einen Bogen machte, um das Problem eines anderen Menschen nicht sehen zu müssen, und er lobt auch nicht den Schriftgelehrten, der des Weges kam und einen Bogen machte, um den Menschen, der dort lag, nicht sehen zu müssen. Er lobt vielmehr den, der dorthin geht, wo es ein Problem gibt, und zu den Umstehenden sagt er: Macht es genauso, geht dorthin, wo ein Bruder in Not ist, geht dorthin, wo es ein Problem gibt. Genau wie die Jungfrau Maria, die ihn bei der Hochzeit auf ein Problem aufmerksam machte und dafür sorgte, dass er hinging.

Und was sagt uns die Jungfrau Maria, was sagt die Jungfrau zu denen, die auf dem Fest bedienen, und zu uns? »Was er euch sagt, das tut!« Und Jesus sagt uns: »Geh hin! Wo Not herrscht, bin ich im Verborgenen gegenwärtig. Ich bin es, der in dieser Notlage leidet«, das sagt uns der Herr.

Und heute, in dieser Messe, hören wir, wie die Jungfrau uns auffordert: »Was er euch sagt, das tut!«, und wie er uns auffordert: »Geh hin! Lass dich nicht ablenken, spiel nicht den Zerstreuten. Sieh dieses Volk an, das leidet, diese Männer und Frauen aus Haiti, diese alten Menschen, diese Kinder. Die vielen Toten, die vielen Verletzten, die vielen, die in diesem entsetzlichen Erdbeben ihr Hab und Gut verloren haben.«

Begnügen wir uns nicht damit, die Dinge in den Zeitungen zu lesen oder im Fernsehen zu sehen. Geh mit deinem Herzen hin. »Ich bin im Urlaub, ich kann nicht …« – Ein christliches Herz macht niemals Urlaub. Es ist immer bereit zu dienen, wo es nötig ist, denn wer in Not ist, ist im Recht, und dieses Volk hat, weil es unser Bruder ist, ein Recht auf unsere Aufmerksamkeit.

Ich denke, jeder wird selbst wissen, wie er das machen will: mit dem Herzen hingehen. Unterbrich dich in irgendeiner Freizeitbeschäftigung, halte inne und bete, tu Buße, um am Schmerz deines Volkes Anteil zu nehmen, verzichte auf etwas und gib es ihnen, damit sie Lebensmittel bekommen, Medizin, irgendetwas, das sie brauchen. Doch dieses Volk ist unser Bruder. Und mein Bruder liegt dort am Wegrand des Daseins, mein Bruder leidet, und ich darf nicht so tun, als hätte ich nichts gesehen.

Bitten wir die Jungfrau Maria, dass sie in unser Herz kommt und macht, was sie an jenem Tag mit Jesus gemacht hat: »Sieh hin, da gibt es ein Problem, sieh es dir an!« »Was geht mich das an, ich mische mich nicht ein«, scheint Jesus ihr geantwortet zu haben, doch sie drängt ihn.

Möge sie auch uns drängen, etwas zu tun: zu beten, Buße zu tun, Almosen zu geben, zugunsten der anderen auf etwas zu verzichten, das uns Spaß macht oder das uns gehört. Mit dieser Nächstenliebe, die durch den Verstand und das Herz in den Geldbeutel geht. Sehen wir die Jungfrau Maria an, die uns ansieht und zu uns sagt: »Was er euch sagt, das tut!« Und was sagt Jesus zu uns? »Mach keinen Bogen wie der Priester und der Schriftgelehrte im Gleichnis, um das Problem nicht sehen zu müssen.«

»Geh hin. Es ist der Schmerz deines Bruders, es ist die Wunde deines Bruders. Teile sie und weine mit ihm!«

Predigt in der Messe für die Opfer des Erdbebens von Haiti,
Buenos Aires, 17. Januar 2010

Gewöhnung: ein Hemmschuh, eine Verhärtung, die das Herz gefangen hält

»Als Mitarbeiter Gottes ermahnen wir euch, dass ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt.« (2 Kor 6,1)

Es gehört zu den zermürbendsten Dingen, die uns passieren können: dass wir in die Fänge der Gewöhnung geraten. Der Gewöhnung sowohl an das Gute als auch an das Schlechte. Wenn der Ehemann oder die Ehefrau sich an die Zuneigung und an die Familie gewöhnt, dann hört er oder sie irgendwann auf, das, was man hat, zu würdigen, dafür zu danken und sorgsam darauf achtzugeben. Wenn wir uns an das Geschenk des Glaubens gewöhnen, dann wird das christliche Leben zur Routine, zur Wiederholung, es gibt dem Leben keinen Sinn und ist kein Sauerteig mehr. Die Gewöhnung ist ein Hemmschuh, eine Verhärtung, die das Herz gefangen hält, wir »vegetieren« nur noch dahin und verlieren die Fähigkeit, »genau hinzusehen« und Antwort zu geben.

Wir sind in Gefahr! Wir als Gesellschaft haben uns nach und nach daran gewöhnt, die tägliche Verbrechenschronik in den Medien zu hören und zu sehen; und was noch schlimmer ist, wir sind es auch gewohnt, derartige Fälle in unserer unmittelbaren Umgebung mitzubekommen und davon zu erfahren, ohne dass das etwas in uns auslöst oder uns mehr entlockt als einen oberflächlichen und unverbindlichen Kommentar. Die Wunde klafft auf der Straße, in unserem Viertel, in unserem Haus, doch wir leben wie Blinde und Taube mit der Gewalt zusammen, die tötet, Familien und ganze Viertel zerstört, vielerorts Kriege und Konflikte auslöst, und wir sehen zu, als wäre auch das wieder nur ein Film, der im Fernsehen läuft. Wir empfinden das Leid so vieler unschuldiger und friedfertiger Menschen nicht mehr als einen Schlag ins Gesicht; die Missachtung der Menschen- und Völkerrechte, die Armut und Not, die Herrschaft der Korruption, der mörderischen Drogen, der Zwangs- und Kinderprostitution sind zur gängigen Währung geworden, und wir zahlen, ohne die Quittung zu verlangen, obwohl man uns früher oder später die Rechnung präsentieren wird.

Alle diese und viele weitere Tatsachen schweigen nicht still, sondern schreien zum Himmel und künden von der Begrenzung, der Schwäche, der Sünde eines jeden von uns … obwohl wir »uns daran gewöhnt haben«.

Die Gewöhnung raunt uns mit betörender Stimme zu, dass es keinen Sinn hat, irgendetwas verändern zu wollen, dass wir in dieser Situation ohnehin nichts tun können, dass es schon immer so gewesen ist und dass wir trotzdem überlebt haben. Die Gewöhnung sorgt dafür, dass wir nicht länger Widerstand leisten, sondern uns damit abfinden, dass die Dinge »sind, wie sie sind« oder wie einige wenige sie haben wollen.

Die Fastenzeit ist ein providenzieller Weckruf, sie reißt uns aus unserer Schläfrigkeit und unserem trägen Trott. Die Worte des Propheten Joël sind ein klarer Appell: Kehrt um zu Gott. Warum? Weil etwas in uns selbst, in der Gesellschaft und in der Kirche schiefläuft und wir uns ändern, die Richtung wechseln, umkehren müssen. Ja, ein Neuanfang ist möglich: einfach deshalb, weil unser treuer Gott unverändert barmherzig und reich an Güte und immer bereit ist, zu vergeben und von Neuem zu beginnen.

Wir sind aufgerufen, einen fastenzeitlichen Weg einzuschlagen, einen Weg, der Kreuz und den Verzicht beinhaltet, einen Weg der echten und nicht bloß oberflächlichen Buße, den Weg eines Fastens, das von Herzen kommt und nicht nur dem Anlass geschuldet ist: »Zerreißt euere Herzen und nicht euere Kleider« (Joël 2,13).

Einen Weg, auf dem wir die Gewöhnung herausfordern und Augen und Ohren, vor allem aber unser Herz weit offen halten wollen, um uns von dem, was in unserer Umgebung geschieht, »verrücken« zu lassen. Wenn wir genau hinsehen und keine vorgefertigten Antworten geben, dann wird das Leben unserer Brüder und Schwestern mit ihren Sorgen und Hoffnungen uns verrücken und an einen anderen Ort versetzen, der nicht frei von Risiken ist. Doch nur dort und nur dann, wenn ihr Leid uns berührt und verletzt und wenn das Gefühl der Ohnmacht tiefer bohrt und schmerzt, werden wir den Weg finden, der uns wirklich zum Osterereignis hinführt. »Ihn, der keine Sünde kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden« (2 Kor 5,21).

Die solidarische Fastenzeitgeste, die wir seit einigen Jahren in unserem Erzbistum durchführen, steht stellvertretend für das, was wir als Jünger das ganze Jahr hindurch als grundsätzliches Verhalten praktizieren sollen: ein Training des Herzens, damit unsere Fähigkeit, zu staunen und Schmerz zu empfinden, nicht verkümmert; damit die Wirklichkeit uns nicht gleichgültig ist und damit wir anhand konkreter Gesten die Erfahrung machen können, dass wir »die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangen haben«.

Wie ich in der Messe für die Erdbebenopfer in Haiti gesagt habe, bitten wir die Jungfrau Maria darum, dass sie in unser Herz kommt, uns auf das viele Leid aufmerksam macht und uns drängt, zu beten, Buße zu tun, Almosen zu geben, für Jesus, der in den anderen ist, auf etwas zu verzichten, das uns Spaß macht oder das uns gehört.

Und beten wir füreinander, damit die tätige Nächstenliebe uns in der Liebe zu Gott wachsen lässt, den wir mit ganzem Herzen suchen, den wir anbeten und dem wir begegnen wollen.

Botschaft zum Beginn der Solidarischen Fastenzeitgeste,
Buenos Aires, 17. Februar 2010