Der exzellente Butler Parker – 8 – Parker schirmt den Lauscher ab

Der exzellente Butler Parker
– 8–

Parker schirmt den Lauscher ab

Günter Dönges

Impressum:

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Dargestellte Personen auf den Titelbildern stehen mit dem Roman in keinem Zusammenhang.

ISBN: 978-3-74093-441-5

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»Was soll denn das, Mister Parker?« fragte Lady Agatha Simpson grollend, als der Butler jäh bremste. Der Rest ihrer Frage ging in einem empörten Aufschrei unter, als Josuah Parker sein hochbeiniges Monstrum auf den Gehweg bugsierte, ohne dies anzukündigen.

»Ein offensichtlich angetrunkener Passant zeigte Neigung, gegen den Kühler des Wagens zu laufen«, antwortete der Butler. »Mylady werden sicher Verständnis dafür aufbringen, daß meine bescheidene Wenigkeit entsprechend reagierte.«

»Und wo steckt dieses Subjekt jetzt?« wollte sie wissen und rückte ihre verrutschte Hutschöpfung zurecht. »Ich denke, ich werde mit diesem Lümmel ein ernstes Wort reden.«

»Der Passant, Mylady, hat sich inzwischen auf dem Asphalt gelagert«, erklärte Josuah Parker, öffnete die Fahrertür und stieg aus. Gemessen schritt er zu dem Mann, der mit angezogenen Beinen auf der Straße lag und laut und deutlich schnarchte.

Parker stieß den Schnarchenden mit der Spitze seines altväterlich gebundenen Regenschirmes an, doch von einer Reaktion war nichts zu bemerken. Der Mann schnaufte nach einigen Sekunden geradezu wohlig und legte sich auf die andere Seite.

Er mochte etwa vierzig sein, trug einen abgetragenen Anzug und war sehr unrasiert. Ihn umgab ein Dunst von schalem Bier und Tabakrauch.

Butler Parker leistete sofort erste Hilfe.

Mit der rechten Hand, die von einem schwarzen Lederhandschuh umschlossen wurde, griff er in den Rockkragen des Mannes und schleifte ihn erst mal von der Straße. Dann legte er den Mann, der unablässig brabbelte, vor dem Ziergitter eines kleinen Vorgartens ab.

»Hallo, Sportsfreund«, sagte der Mann, der augenscheinlich sinnlos betrunken war. Er blinzelte den Butler an und war kaum zu verstehen.

»Sie scheinen dem Alkohol extensiv zugesprochen zu haben«, stellte der Butler fest. »Haben Sie es noch weit bis zu Ihrer Wohnung?«

»Scheißwohnung, ich mach’ durch«, brabbelte der Mann, »ich... ich schmeiß die nächste Runde.«

»Was ist denn nun, Mister Parker?« ließ Lady Agatha sich ungeduldig vernehmen. Ihre tiefe und sonore Stimme trug weit durch die Dunkelheit. Sie war auf dem Weg zu einem Empfang und wußte, daß dort ein reichhaltiges kaltes Büffet auf sie wartete. Lady Agatha fürchtete, zu spät zu kommen.

Parker war einen halben Schritt zurückgetreten und beobachtete die linke Hand des Mannes, die in die Außentasche des Jacketts gegriffen hatte. Sie kam wieder mühsam hervor und präsentierte zu seiner Überraschung ein Knäuel zerknüllter Banknoten. Der Betrunkene nahm langsam die Hand hoch und ließ die Scheine durch die Luft flattern.

»Ihr Verhältnis zum Geld scheint recht oberflächlich zu sein«, sagte Parker beherrscht. »Sollten Sie sich nicht ein Taxi mieten?« Der Butler wunderte sich ein wenig.

Der Mann, sehr ärmlich, fast angerissen gekleidet, warf mit dem Geld im wahrsten Sinn des Wortes nur so um sich. Er schien überhaupt nicht zu wissen, was er tat.

Bevor Parker dem Betrunkenen eine weitere Frage stellen konnte, hörte er schnelle Schritte aus einer nahen Seitengasse. Wenig später erschienen im Licht einer Straßenlaterne zwei Männer, die noch schneller wurden, als sie den betrunkenen Mann am Ziergitter ausgemacht hatten.

»Total ausgeflippt«, sagte einer von ihnen, als sie den Betrunkenen erreicht hatten.

»Fein, daß Sie sich um ihn gekümmert haben«, bedankte sich der zweite Mann und beugte sich dann über den Betrunkenen. »Komm schon, Ron, wir bringen dich nach Hause.«

»Prima, daß Sie sich um ihn gekümmert haben«, sagte der erste Mann zu Parker und nickte ihm zu. »Wir hatten ihn glatt aus den Augen verloren.«

»Den Rest erledigen wir«, meinte der andere Mann, zog den Betrunkenen hoch und stützte ihn ab.

»Sie können weiterfahren, den Rest erledigen wir«, wiederholte sein Begleiter, der ein wenig ungeduldig wurde. Er befaßte sich ebenfalls mit dem Betrunkenen und stützte ihn zusätzlich.

»Darf man Sie höflichst auf die Banknoten verweisen, die in großzügiger Form als eine Art Konfetti verstreut wurden?« Parker blieb gemessen und würdevoll. Er spürte aber sehr wohl die Ungeduld der beiden Männer, die endlich allein sein wollten.

»Okay, Mann, sammeln Sie die Scheine und machen Sie sich ’ne tolle Nacht«, empfahl ihm er erste Mann. Er nickte seinem Begleiter zu und setzte sich in Bewegung.

»Sind Sie völlig sicher, mein Herr, daß Sie in dieser Form über das Geld Ihres Freundes verfügen dürfen?« erkundigte sich der Butler mit höflicher Hartnäckigkeit.

»Nun schwirr schon endlich ab, Mensch«, brüllte der zweite Mann wütend. »Verschwinde, oder ich mach’ dir Beine!«

»Ihre Manieren lassen erheblich zu wünschen übrig«, stellte Josuah Parker fest und rechnete mit einer umgehenden Attacke.

Er sollte sich nicht verrechnet haben!

*

Der Mann griff an, doch er war recht langsam und setzte auf seine Rechte, die er förmlich vorankündigte. Er holte weit aus und wollte mit einem einzigen Schlag die Debatte beenden. Dabei verschätzte er sich auch noch, was Parker betraf.

Der Butler wirkte alterslos, war etwas über mittelgroß und zeigte einen leichten Bauchansatz. Er trug einen schwarzen Covercoat und eine schwarze Melone. Seine Erscheinung, die aus einem Kostümfilm zu stammen schien, strahlte auf keinen Fall Gefährlichkeit aus.

Der Mann holte also mit seiner Rechten aus und wollte sie auf Parkers Nase ablegen, doch der Butler war mit dieser Prozedur keineswegs einverstanden. Er hob fast beiläufig die Spitze seines Universal-Regenschirmes und setzte sie auf die Schulter des zuschlagenden Mannes. Dabei verlieh er der Spitze einen gewissen Druck, der ausreichte, den Mann jaulen zu lassen.

»Man bittet um Entschuldigung, falls man Ihre Geste mißverstanden haben sollte«, sagte Parker und lüftete seine Melone. Es handelte sich dabei allerdings keineswegs um reine Höflichkeit, sondern er bereitete sich vor, den anderen Mann kampfunfähig zu machen. Der hatte den sinnlos Betrunkenen einfach zu Boden fällen lassen und lief auf Parker zu. Dabei aktivierte er leichtsinnigerweise ein Messer, dessen Schneide im Licht der Straßenbeleuchtung blitzte.

Der Mann kam nicht weit.

Er passierte das Heck des hochbeinigen Wagens, in dem Lady Agatha zurückgeblieben war. Nun aber stellte sich heraus, daß sie ihn inzwischen verlassen hatte. Sie hatte ihren perlenbestickten Pompadour geschwungen und setzte ihn auf den Hinterkopf des vorbeilaufenden Mannes.

Er schien vom Huftritt eines unsichtbaren Pferdes getroffen worden zu sein. Der Mann warf beide Arme nach vorn, drückte sich unfreiwillig vom Gehweg ab und segelte ein Stück durch die Luft. Dabei passierte er den Butler, der höflich zur Seite getreten war, um den Flug des Mannes nicht zu behindern.

Der sogenannte Glücksbringer der Lady Agatha hatte wieder mal volle Wirkung erzielt. Er befand sich im Handbeutel der älteren Dame und war nichts anderes als das große und schwere Hufeisen eines stämmigen Brauereipferdes.

Der Getroffene hatte inzwischen bereits zur Landung angesetzt und schrammte über die Gehwegplatten. Er blieb dicht vor dem Vorderrad des hochbeinigen Wagens liegen.

»Was wären Sie ohne mich, Mister Parker?« stellte die passionierte Detektivin zufrieden fest. »Dieses Subjekt hätte Sie natürlich völlig überrascht.«

»Myladys Geistesgegenwart ist einfach nicht zu übertreffen«, erwiderte Josuah Parker höflich. »Die beiden hilfsbereiten Herren zeigten übrigens eine Ungeduld, die Mißtrauen aufkommen läßt.«

»Zwei Fledderer, Mister Parker«, meinte Lady Agatha verächtlich. »Sie wollten den Betrunkenen ausnehmen.«

»Und verzichteten, falls dem so ist, Mylady, auf die verstreuten Banknoten.« Parker wies mit der Schirmspitze auf einige Geldscheine.

»Das fiel mir sofort auf«, erklärte sie umgehend. »Darüber habe ich mir bereits meine Gedanken gemacht, Mister Parker.«

»Mylady kamen zu einem Resultat?« fragte Josuah Parker.

»Natürlich«, lautete ihre Antwort. »Das hat etwas zu bedeuten, Mister Parker. Dessen bin ich mir völlig sicher.«

»Mylady gehen davon aus, daß es den beiden Herren in erster Linie keineswegs um das Geld ging?«

»Richtig, Mister Parker.« Sie nickte nachdrücklich. »Soviel Geld läßt man nicht grundlos herumliegen.«

»Falls Mylady einverstanden sind, könnte man den Tascheninhalt der drei Herren kontrollieren.«

»Ich bestehe sogar darauf«, meinte sie. »Ich weiß bereits jetzt, daß Sie Schußwaffen finden werden, Mister Parker. Ich habe es hier mit drei gefährlichen Gangstern zu tun.«

Butler Parker machte sich daran, die Männer zu durchsuchen.

*

»Und Sie fanden Waffen?« fragte Mike Rander etwa eine Stunde später. Der Anwalt, der das immense Vermögen der Lady Simpson verwaltete, war zusammen mit Kathy Porter im Haus der älteren Dame erschienen. Man saß in der großen Wohnhalle vor dem mächtigen Kamin, und Lady Agatha hatte gerade eine dramatische Schilderung des Zwischenfalls gegeben.

»Mister Parker behauptet, nichts entdeckt zu haben, mein lieber Junge«, antwortete Agatha Simpson.

»Keine Schußwaffen, Sir«, schaltete der Butler sich ein, »erstaunlicherweise aber recht viel Geld.«

»Das natürlich gestohlen ist«, wußte Lady Agatha bereits im vorhinein. Sie legte sich gern und vorschnell fest, um sich dann jedoch immer wieder geschickt zu korrigieren.

»Die Taschen des betrunkenen Subjekts waren mit Papiergeld vollgestopft, Kindchen«, fügte Lady Simpson ihrem Bericht noch hinzu. »Ich hätte es liebend gern sichergestellt.«

»Wozu es aber nicht kam, Mylady?« wollte Kathy Porter wissen. Sie war die Sekretärin und Gesellschafterin der Dame, die alles tat, um sie mit Mike Rander endlich verheiraten zu können.

Kathy Porter, etwa dreißig Jahre alt, war eine große, schlanke Frau von bemerkenswert gutem Aussehen. Man sah ihr nicht an, daß sie in den gängigen Verteidigungskünsten Asiens beschlagen war, zumal sie sehr zurückhaltend wirkte.

»Passanten, die den Zwischenfall beobachteten, müssen die zuständige Polizei alarmiert haben, Miß Porter«, übernahm Butler Parker die Antwort. »Meine bescheidene Wenigkeit hielt es für angebracht, das sprichwörtliche Feld zu räumen.«

»Was natürlich ein Fehler war, Mister Parker«, schnappte Lady Agatha zu.

»Vielleicht nur auf den ersten Blick, Mylady«, redete Parker in seiner höflichen Art weiter. »Chief-Superintendent McWarden hätte mit Sicherheit erfahren, daß Mylady sich anzuschicken geruhen, einen neuen Kriminalfall zu übernehmen.«

»Aber dafür weiß ich nicht, wer die drei Lümmel sind«, gab sie erbost zurück.

»Dazu müßte man jenem Privatclub einen Besuch abstatten, Mylady, den man mit dem Wagen passierte.«

»Die drei Burschen kamen aus diesem Privatclub?« wollte der Anwalt wissen. Er glich, was sein Äußeres anging, einem bekannten James-Bond-Darsteller.

»Einer der drei Männer schaffte es gerade noch, vor dem Eintreffen der Polizei diesen Privatclub aufzusuchen, wie Mylady und meine Wenigkeit feststellen konnten, Sir.«

»Dann wird es keine Schwierigkeiten geben«, vermutete der Anwalt. »Kündigt sich hier tatsächlich ein neuer Fall an? Es ist ja schließlich nichts passiert.«

»Warum wollte man mich angreifen? Warum bedrohte man mich mit einem Messer?« fragte Agatha Simpson zurück. »Man hat etwas zu verbergen. Und dann noch dieses seltsame Benehmen der beiden Lümmel, die den Betrunkenen wegschaffen wollten. Warum verzichteten sie so ohne weiteres auf die Banknoten, die auf dem Gehweg lagen? Das gerade fiel mir besonders auf, wie ich Mister Parker bereits sagte. Ihm scheint das völlig entgangen zu sein.«

»Mylady können einem alten, müden und relativ verbrauchten Mann hoffentlich noch mal verzeihen«, bat Josuah Parker. Sein Gesicht blieb glatt und ausdruckslos.

»Wie auch immer, Mister Parker, ich habe große Lust, den Dingen noch in dieser Nacht auf den Grund zu gehen«, redete die ältere Dame munter weiter. »Es ist ja noch nicht mal Mitternacht. Und das Fernsehprogramm ist ohnehin miserabel heute.«

»Sie haben sich nur kurz auf dem Empfang aufgehalten, Mylady?« erfragte Kathy Porter.

»Das kalte Büffet war schlichtweg miserabel«, beschwerte sich Mylady nachträglich. »Es war eine einzige Zumutung. Darüber werde ich mit dem Gastgeber noch ein ernstes Wort reden müssen.«

»Mylady hatten den Eindruck, daß die einzelnen Speisen aus einem billigen Schnellimbiß stammten«, fügte Parker gemessen hinzu.

»Und so etwas wagte man mir anzubieten«, entrüstete sich Lady Agatha und rümpfte die Nase. »Ich werde diesen seltsamen Gastgeber natürlich überall unmöglich machen. In höflicher Form, natürlich.«

»Können wir unsere Hilfe anbieten, was den Betrunkenen und die beiden anderen Burschen betrifft?« erkundigte sich Mike Rander.

»Aber nein, mein Junge«, wehrte Agatha Simpson großzügig ab. »In spätestens einer Stunde weiß ich selbstverständlich, was da draußen wirklich vorgefallen ist und woher das viele Geld stammt. Übrigens, Mister Parker, ich wenigstens habe daran gedacht, ein paar Beweisstücke mitzunehmen.«

»Einige Banknoten, Mylady«, antwortete der Butler. »Meine Wenigkeit war so frei, dies zufällig zu beobachten.«

»Vielleicht sind die Banknoten registriert und stammen aus einem Einbruch«, redete Lady Agatha weiter. »Normalerweise würde ich mich noch nicht mal nach einem Penny bücken.«

Nach dieser kühnen Behauptung wechselten Kathy Porter und Mike Rander einen schnellen Blick und hatten Mühe, ein aufsteigendes Schmunzeln zu unterdrücken.

*

Der Club in Chelsea, in den einer der drei Männer sich geflüchtet hatte, zeigte halbseidene Eleganz. Die anwesenden Damen waren durchweg zu auffällig geschminkt. Und ihr Schmuck zeichnete sich durch aufdringliche Größe und Massigkeit aus.