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Inhaltsverzeichnis














































































Danksagung

Mein Dank geht an meine Agentin Barbara Poelle für ihr Vertrauen, ihre Unterstützung und ihr Lachen. Ich kann kaum glauben, dass ein so kluger Kopf auch so komisch sein kann. An Marisa Vigilante, meine Lektorin, deren Fähigkeit, durch den Nebel zu blicken, die Führungskanten dieses Buches mehr geschärft hat, als ich sagen kann. An Alison Masciovecchio und Dana Kaye, meine Verleger, für die schwere Arbeit, unbekannte Autoren bekannt zu machen. An Evan Camfield und die Redakteure bei Random House, die sich mit meinem Hang zur Erfindung neuer Worte und zu ungewöhnlicher Interpunktion herumschlagen mussten. Den Marketingleuten bei Random House – ohne eure tägliche Plackerei würde uns alle Schreiberei der Welt nirgendwohin bringen.

Und schließlich danke ich meinen Lesern, die ihr hart verdientes Geld in dem Vertrauen ausgeben, dass wir sie unterhalten und für die Dauer eines Buches gefangennehmen. Ich werde mein Bestes tun, sie nie zu enttäuschen.

Autor

Der leidenschaftliche Pilot Graham Brown hält Abschlüsse in Aeronautik und Rechtswissenschaften. In den USA gilt er bereits als der neue Shootingstar des intelligenten Thrillers in der Tradition von Michael Crichton. Wie keinem zweiten Autor gelingt es Graham Brown verblüffende wissenschaftliche Aspekte mit rasanter Nonstop-Action zu einem unwiderstehlichen Hochspannungscocktail zu vermischen. Mit seinem Debütroman Black Rain eroberte Graham Brown sich auch in Deutschland auf Anhieb eine begeisterte Leserschaft.

Epilog

Wüste von Nevada, drei Monate später

 

Arnold Moore stieg aus einem grauen Humvee mit dem Logo der US-Luftwaffe auf der Tür. Er blickte in die endlose, offene Weite, die sich vor ihm ausdehnte. Es war die gleiche kahle Landschaft, die er auf seiner Fahrt vom Luftwaffenstützpunkt Groom Lake zum Yucca Mountain gesehen hatte, mit einem kleinen Unterschied: Das hier war die Wüste in ihrem natürlichen Zustand, nicht gezeichnet von Bombenkratern, Waffentests und Müllhaufen.

In der Ferne schimmerten weiße Salzflächen in der Morgensonne. Hinter ihnen lagen zerklüftete Berge mit der Farbe von Schokolade, als hätte die endlose Hitze sie im Lauf der Zeit geschwärzt.

Zu seiner Überraschung fand Moore die Landschaft wunderschön, majestätisch, Ehrfurcht gebietend.

Während er die Szenerie bewunderte, stieg ein zweiter Mann aus dem Humvee hinter ihm. Moore drehte sich zu Nathaniel Ahiga um. »Bereit für eine kleine Wanderung? «

»Ich glaube, ich bin wirklich genug geklettert«, sagte Ahiga.

»Keine Leitern diesmal«, sagte Moore. »Das verspreche ich Ihnen.«

Mit Ahiga im Schlepptau folgte Moore einem Pfad, der sich einen etwa fünfzig Meter hohen, von Wind und Wetter gezeichnetem Hang hinaufschlängelte.

»Ich dachte, Sie würden das vielleicht sehen wollen«, sagte Moore. »In gewisser Weise war es Ihre Idee.«

»Meine Idee?«

Moore nickte. »Ich habe herauszufinden versucht, was wir tun sollten – auf der Basis dessen, was unsere Nachfahren uns aus der Zukunft geschickt hatten. Sie haben mir dagegen erklärt, dass es sich genau andersherum verhält. Dass unsere Nachkommen uns nicht aufgefordert haben, etwas zu tun, sondern darauf reagierten, worum wir sie gebeten hatten. Und wenn das so ist, dachte ich, dann sollten wir ihnen lieber eine Botschaft schicken, nur für alle Fälle.«

Sie kamen auf der Kuppe des Hügels an. Vor ihnen war eine riesige, kreisrunde Vertiefung ausgehöhlt worden. In deren Mitte, dreißig Meter unter ihnen, stand ein hoher, schlanker Obelisk, der wie poliertes Silber glänzte.

»Sie hinterlassen ihnen eine Bildsäule«, sagte Ahiga.

»Die Maya nennen sie Stelen«, sagte Moore. »McCarter zufolge haben sie bearbeitete Steine bei den meisten ihrer großen Bauwerke aufgestellt. Unsere ist aus gehärtetem Titan mit einer durchsichtigen Schicht Kevlar darüber, aber das Prinzip ist dasselbe.«

Er zeigte auf die ihnen zugewandte Seite. Auf der Oberfläche waren Markierungen erkennbar.

»Eine grobe Schilderung der Ereignisse wurde in vier Sprachen auf den Seiten der Stele per Laser eingraviert und versiegelt: Englisch, Russisch, Chinesisch und – aus Respekt für jene, die die Legende am Leben erhielten – in Maya-Hieroglyphen.«

»Die Jaguar-Bruderschaft«, sagte Ahiga.

Moore nickte. Die kleine Sekte hatte die Wahrheit lebendig erhalten, als sie von Südamerika in die Urwälder Yukatans und der umliegenden Länder zogen. Sie hatten das Geheimnis der Steine beschützt und es weitergegeben, so gut sie konnten, angetrieben von dem Gefühl, das ihnen die Steine selbst vermittelten.

In gewisser Weise waren Moore, Danielle und McCarter selbst zu Mitgliedern der Bruderschaft geworden. Auf jeden Fall empfand Moore im Rückblick viele seiner eigenen Entscheidungen als irrational, auch wenn sie letzten Endes genauso hatten ausfallen müssen.

Merkwürdigerweise hatte er erst, als er den Laser die Schriftzeichen in die Stele schneiden sah, ein Gefühl der Erfüllung und Befreiung empfunden. Er hatte in diesem Augenblick gewusst, dass er sein Möglichstes tat, um die Botschaft weiterzugeben.

Lag es an dem Einfluss der Steine und an ihrer Wirkung auf seine Gehirnchemie, oder war sein eigenes Verantwortungsgefühl daran schuld? Er wusste es nicht. Letzten Endes war er zu dem Schluss gekommen, dass es keine Rolle spielte. Zumindest stand fest, dass andere ihre Entscheidung zu helfen ohne diesen Einfluss getroffen hatten, an erster Stelle Hawker und Ahiga.

In Erinnerung daran drehte sich Moore zu dem Wissenschaftler um.

»Danke, für das, was Sie getan haben«, sagte er.

Der alte Navajo schüttelte den Kopf. »Sie danken mir dafür, dass Sie mir die Möglichkeit gegeben haben, der Welt zu helfen? Ich sollte Ihnen danken.«

More empfand es nicht so, aber er wusste, was der Mann sagen wollte.

Am Rand des ausgehobenen Bereichs schwenkte ein großer Kran einen Container voll Erde an die vorgesehene Position und kippte ihn über dem Kraterrand aus.

»Warum graben Sie sie ein?«, fragte Ahiga.

»Aus demselben Grund, aus dem wir das Ganze geheim halten«, sagte Moore. »Wir sind uns nicht sicher, ob die Welt insgesamt schon so weit ist, es zu verstehen. Aber auf diese Weise müssten die Leute, die diese Information brauchen, sie finden, etwa hundert Jahre bevor sie beschließen, etwas zu unternehmen.«

Ahiga legte den Kopf schief.

»Die Erosion in diesem Tal geht zu fünfundneunzig Prozent auf den Wind zurück«, erklärte Moore. »Sie schreitet in einem extrem gleichmäßigen Tempo voran. In etwa tausend Jahren von nun an wird der größte Teil dieses Hügels weggefegt sein, und der Obelisk wird langsam zum Vorschein kommen.«

Ahiga blickte über die kahle Ebene. »Was, wenn niemand da ist, der es bemerkt?«

»Es werden noch drei aufgestellt«, sagte Moore. »Jeweils einer in Russland, China und Mexiko. Zusätzlich enthält jede Stele einen kleinen atomaren Kern, eine Atomuhr – wie die Voyager-Sonde – und einen Sender. Falls niemand die Dinger gefunden hat, bis sie gebraucht werden, beginnen sie ein Signal auszusenden, das auf sie aufmerksam macht. In ihnen ist in vielerlei Formaten alles gespeichert, was wir über die Steine wissen.«

Ahiga steckte die Hände in die Taschen und blickte erneut in die Wüste hinaus. Er wirkte zufrieden.

»Symmetrie«, sagte er. »Sie haben uns vier Steine geschickt, die Signale aussenden. Wir schicken ihnen vier Stelen, die das Gleiche tun. Gefällt mir.«

Moore gefiel es ebenfalls.

»Irgendwelche Sorgen?«

»Jede Menge«, sagte Moore. »Ich mache mir immer Sorgen, bei allem, was ich tue. Aber das hier…« Er wies mit einer Handbewegung auf den ausgehöhlten Berg und den Obelisken, der langsam in ihm begraben wurde.

»Nathaniel, das ist die erste Nachricht, die ich je abgeschickt habe, von der ich sicher weiß, dass sie ankommen wird.«

Anmerkungen des Autors

Danke, dass Sie mich bei diesem jüngsten Abenteuer begleitet haben. Die folgenden Seiten wenden sich an alle, die am Entstehungsprozess und an der Vermischung von Fakten und Fiktion in diesem Roman interessiert sind, beginnend mit meinen Gedanken zum Jahr 2012.

Zum jetzigen Zeitpunkt ist es fast unmöglich, noch nichts von der Maya-Prophezeiung gehört zu haben. Da ich wusste, dass andere Autoren und Filmemacher das Thema bereits ausgelotet hatten, fand ich es wichtig, einen neuen Weg zu beschreiten. Dabei habe ich mich auf drei Fragen konzentriert:

 

Was dachte das Maya-Volk wirklich über 2012?

Welche Art von Ereignis könnte überhaupt die Welt verändern oder einen großen Teil von ihr zerstören?

Falls sich die Prophezeiung bewahrheiten sollte, wie könnte das Volk der Maya von ihr erfahren haben?

 

Bei der Beantwortung der ersten Frage, fand ich heraus, dass die Vorstellung eines umwälzenden Ereignisses im Jahr 2012 in unserer Gesellschaft viel tiefer verwurzelt ist, als es in der Gesellschaft der Maya der Fall war. Die ursprüngliche Quelle der 2012-Prophezeiung sind die Schriften Chilam Balam, des Jaguar-Priesters. Diese Texte wurden nach der spanischen Eroberung verfasst, und auch wenn sie tatsächlich Hinweise auf düstere Ereignisse zum Ende des 13. Baktun (21. Dezember 2012) enthalten, konzentrieren sie sich in ihrer überwältigenden Mehrheit auf andere, banalere Aspekte des Maya-Lebens.

Interessanterweise wurden die Schriften des Jaguar-Priesters in Wirklichkeit zu verschiedenen Zeiten, an verschiedenen Orten und von verschiedenen Personen verfasst, werden aber so behandelt, als seien sie das Werk eines einzelnen Menschen, als würde eine höhere Gewalt hinter dem Ganzen stecken. Allmählich hat dieser Gedanke in Gestalt der Jaguar-Bruderschaft Eingang in diesen Roman gefunden – eine geheime Gruppe, die wie ein Mann handelt und ihren Auftrag durch die Zeiten und ungeachtet aller Widrigkeiten ausführt.

Hinter den Worten des Chilam Balam steckt weniger, woran man anknüpfen könnte, als man sich vielleicht vorstellt. Aber wenig ist besser als nichts. Das Tortuguero-Monument Nummer sechs existiert tatsächlich. Es steht an einem Ort, der einst vom Ahau Balam, dem Jaguar-König, beherrscht wurde, im heutigen mexikanischen Bundesstaat Tabasco. Das Tortuguero-Monument Nummer sechs ist eins der sehr wenigen – manche behaupten sogar das einzige – Zeugnisse von Hieroglyphen, die sich direkt auf das Ende des 13. Baktuns beziehen. Wie im Buch beschrieben, erzählt es von Bolan Yokte, dem Gott der Veränderung (manchmal auch als Gott des Krieges bezeichnet), der vom schwarzen »Irgendwas« herabsteigt und eine große Tat vollbringt. Interessanterweise ist dieser Bolan Yokte ein ebenso großes Rätsel wie die Prophezeiung selbst. Nur wenig ist bekannt über diesen Gott und seinen Platz in der Götterwelt der Maya. Wie im Roman geschildert, ist ein Teil der Inschriften beschädigt und eine vollständige Übersetzung und Deutung deshalb nicht möglich. Könnte es die Schwarze Sonne oder der Schwarze Himmel sein? Niemand weiß es, und falls nichts Neues ans Licht kommt, werden wir es vielleicht nie erfahren.

Um die zweite Frage zu beantworten, musste ich eine neue Methode erfinden, die Welt zu vernichten. Das ist nicht so einfach, wie man glauben möchte! Diese Erde und die Geschöpfe, die auf ihr überleben, haben sich als unglaublich anpassungsfähig an Veränderungen erwiesen. Eiszeiten, Dürren, Seuchen – das Leben hat all das überlebt. Erdbeben, Vulkanausbrüche, Tsunamis, kein Problem. Das Leben hat sogar einen Gesteinsbrocken von der Größe des Mount Everest überlebt, der unseren Planeten mit einer Geschwindigkeit von mehr als hunderttausend Stundenkilometern getroffen hat (der Chixculub-Einschlag in Yukatan, den man für das Aussterben der Dinosaurier verantwortlich macht).

Als ich darüber nachdachte, kam mir der Gedanke, dass wir ständig davon hören, wie sich die Natur erheben und die Bürde, die der Mensch darstellt, abschütteln wird. Und doch haben selbst die größten Anstrengungen der Natur wenig Auswirkungen auf die Menschheit im Ganzen. Deshalb habe ich mich für die entgegengesetzte Perspektive entschieden: Auch wenn die Natur den Menschen nicht zerstören kann, hat der Mensch ziemlich sicher die Fähigkeit, die Natur und sich selbst zu zerstören.

Und damit blieb noch die Frage, wie die Maya dies hätten wissen oder voraussagen können. Soweit ich sah, gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie konnten durch eine Art Hellseherei in die Zukunft schauen (eine Antwort, die mir nicht konkret genug war), oder jemand, der es wusste, hat es ihnen gesagt. In einem allgemeineren Sinn war das Thema Zeitreisen bereits in Black Rain, dem Vorgängerroman, abgehandelt worden, aber ich hatte es bereits gewählt, weil ich dieses Ende im Sinn hatte. Natürlich ist, soweit wir wissen, noch niemand in der Zeit zu uns zurückgereist, aber es gibt genügend theoretische Physiker, die glauben, dass es eines Tages passieren könnte, damit ich an die Möglichkeit glaube.

Was andere Fakten und Fiktionen in Black Sun angeht, lesen Sie bitte im Folgenden weiter.

Umpolung des Erdmagnetfelds

Den geologischen Aufzeichnungen zufolge hat sich das Magnetfeld der Erde im Laufe ihrer Geschichte viele Male umgekehrt. Während bestimmter Epochen war es unglaublich stabil, darunter vierzig Millionen Jahre lang während der Kreidezeit. Zu anderen Zeiten hat es sich rasch umgekehrt, nach jeweils nur fünfzig- oder hunderttausend Jahren.

Unsere gegenwärtige Feldorientierung hält seit 780 000 Jahren, wird jedoch schwächer. Wie im Buch beschrieben, hat sich diese Abschwächung in den vergangenen rund hundert Jahren beschleunigt; die Gründe dafür sind nicht bekannt. Während sich der Magnetpol abschwächt, wandert er auch, aber es gibt noch andere, vielleicht unheilvollere Wirkungen – Spalten und Risse, die uns inzwischen bereits der Strahlung des Sonnenwinds aussetzen.

Die größte ist als die Südatlantische Anomalie bekannt. Sie wurde 1958 entdeckt und stellt eine Schwachstelle im Magnetfeld der Erde dar, und sie wird größer. Die Südatlantische Anomalie gefährdet zwar nicht die Menschen auf der Erde, sie ist jedoch ein großes Problem für Raumschiffe in einer niedrigen Erdumlaufbahn. Astronauten haben von merkwürdigen Problemen mit dem Sehvermögen berichtet, während sie diese Zone durchquerten. Die Internationale Raumstation ISS wurde mit einem extrastarken Schutz ausgestattet, weil sie häufig in dieser Zone operiert, und viele Satelliten und selbst das Hubble-Teleskop werden abgeschaltet, wenn sie diese Region durchqueren, um mögliche Schäden zu vermeiden.

Sind das alles Vorboten kommender Ereignisse? Das kann niemand wissen. Wenn sich das Magnetfeld der Erde weiter abschwächt, geht man davon aus, dass noch mehr Anomalien auftreten; vielleicht werden sie irgendwann weltumspannend sein. In diesem Buch geht es im Kern um die Frage, was passieren würde, wenn eine massive Anomalie plötzlich während einer Zeit großer politischer Unruhe auftreten und die Augen der Welt blenden würde.

Haie: Lorenzinische Ampullen

Alle Haie verfügen über Organe namens Lorenzinische Ampullen, die elektromagnetische Energie wahrnehmen. Man nimmt an, sie helfen den Haien bei der Navigation, wenn sie durch dunkle Gewässer streifen und nichts sonst sie leitet. Die Ampullen werden auch zur Jagd eingesetzt, da alle Organismen kleine elektrische Ladungen von sich geben.

Von Hammerhaien weiß man, dass sie elektrische Ladungen sehr deutlich wahrnehmen, da ihre breiteren Köpfe eine geeignete Plattform für das elektromagnetische Sinnesorgan bieten. Hammerhaie werden häufig in Schwärmen von hundert oder mehr Tieren beobachtet (wie es bei Danielle und Hawker im Buch stattfindet), auch wenn man annimmt, dass sie sich nachts trennen und einzeln jagen.

Die Tunguska-Explosion

Am 30. Juni 1908 hat eine gewaltige Explosion die sibirische Tundra erschüttert. Ein Blitz war am Himmel zu sehen, eine Schockwelle noch in Hunderten Kilometern Entfernung wahrzunehmen. Als Forscher Jahre später in dem Gebiet eintrafen, fanden sie die Bäume in einem seltsamen, schmetterlingsartigen Muster umgeknickt vor, das einen Durchmesser von siebzig Kilometern hatte. Man fand nie einen Krater.

Die gängige Erklärung geht von einem Meteor oder Asteroiden aus, der in der Luft explodiert ist, auch wenn Dutzende andere Theorien aufgestellt wurden, darunter die eines unter dem Cheko-See liegenden Supervulkans. Soviel ich weiß, haben die Russen bei ihren zahlreichen Expeditionen in das Gebiet nie irgendwelche Gegenstände mit außergewöhnlichen Fähigkeiten gefunden. Andererseits: Glauben Sie, sie würden es uns verraten, wenn sie etwas gefunden hätten?

1

Südliches Mexiko, Dezember 2012

 

Danielle Laidlaw krabbelte die Flanke des Mount Pulimundo hinauf. Sie rutschte auf dem losen Schiefer und suchte mit Händen und Füßen nach Halt. Das hektische Tempo des Aufstiegs ließ in Verbindung mit der dünnen Bergluft ihre Beine schmerzen und ihre Lunge brennen. Aber sie konnte es sich nicht leisten, langsamer zu werden.

Vierunddreißig Jahre alt, attraktiv und sportlich, gehörte sie dem National Research Institute an, einer merkwürdigen Zwitterorganisation, die oft mit einer wissenschaftlich orientierten Version der CIA verglichen wurde. Dass sie im Augenblick nach der Wahrheit hinter einer alten Maya-Legende suchten, wirkte sonderbar, aber sie hatten ihre Gründe. Die Tatsache, dass eine zweite bewaffnete Gruppe sie aufzuhalten versuchte, verriet Danielle, dass diese Gründe durchgesickert waren.

Sie drehte sich zu einem der Männer um, die mit ihr kletterten. Zehn Meter hinter ihr mühte sich Professor Michael McCarter den Hang hinauf. »Kommen Sie, Professor«, drängte sie. »Sie kommen näher.«

Er blickte schwer atmend zu ihr hinauf. Er schien kurz vor der totalen Erschöpfung zu stehen und zu keiner Antwort mehr fähig zu sein, aber er schob sich mit neuer Entschlossenheit weiter.

Danielle wandte sich an ihren Führer, einen zwanzigjährigen Chiapas-Indianer namens Oco. »Wie weit noch?«

»Wir müssen ganz nach oben«, sagte er auf Englisch mit starkem Akzent. »Es ist auf der anderen Seite.«

Einige Minuten später erreichten sie den höchsten Punkt. McCarter sank auf alle viere, und Danielle zog ein Fernglas aus ihrem Rucksack.

Sie standen am Rand eines Vulkankraters. Dreihundert Meter unter ihnen lag ein Bergsee mit einer kleinen, kegelförmigen Insel in der Mitte. Die steilen Flanken der Insel waren dicht bewaldet, konnten ihre vulkanische Natur jedoch nicht verbergen. Gelblicher Nebel drang aus Ritzen und Spalten und waberte um den Inselberg.

»Ist sie das?«

Oco nickte. »Isla Cubierta«, sagte er. Die Schleierinsel.

Danielle betrachtete sie durch das Fernglas. Wenn Oco recht hatte, würde dieser Ort ein Schlüssel zu dem sein, was sie suchten: eine Mayastätte, die in der Legende als der Spiegel bezeichnet wurde, eine Referenz an Tohil, den Maya-Gott des Feuers, der einen Spiegel aus Obsidian auf der Stirn trug. Er war ein Symbol für Macht und Kraft, und wenn sich Danielle, McCarter und das NRI nicht irrten, ein Symbol für noch sehr viel mehr. Aber bis jetzt lag der Spiegel im Verborgenen. Um ihn zu finden, brauchten sie Hilfe, und diese Hilfe existierte angeblich auf der Schleierinsel.

»Bist du dir sicher?«, fragte sie.

»Die Statue ist da«, beteuerte Oco. »Ich habe sie einmal gesehen. Als ich mit dem Schamanen hier war. Er hat gesagt, die Zeit ist nahe, die Zeit, da sich alles ändert.«

Danielle suchte das Terrain ab. Um zum See zu gelangen, war ein wagemutiger Abstieg über den losen, brösligen Schiefer auf der Innenseite der Caldera nötig. Es würde eine raue Angelegenheit werden, aber körperlich bei Weitem nicht so anstrengend wie der Aufstieg, den sie gerade hinter sich hatten.

Sie band sich das Haar zu einem Pferdeschwanz, damit der leichte Wind ihren Nacken kühlte, dann betrachtete sie McCarter. Er hatte es inzwischen in eine sitzende Position geschafft, aber sein Atem ging immer noch sehr schwer. Sein weites Leinenhemd war offen, das T-Shirt, das er darunter trug, schweißnass. Schweiß lief ihm auch übers Gesicht und hinterließ salzige Spuren auf seiner dunklen Haut.

Für einen sechzigjährigen Universitätsprofessor war McCarter gut in Form. Sie hatten nur kleine Rucksäcke und wenig Ausrüstung mitgenommen, und alles, was sie nicht unbedingt brauchten, zugunsten einer höheren Geschwindigkeit geopfert. Aber drei Tage pausenloses Marschieren und Klettern hatten ihren Tribut gefordert.

»Sind Sie bereit?«, fragte sie.

Er blickte auf, erkennbar alles andere als bereit.

»Ab jetzt geht es nur noch bergab«, versprach sie.

»Diesen Quatsch höre ich schon, seit ich vierzig geworden bin«, stieß er keuchend hervor. »Und bis jetzt ist nichts leichter geworden.« Er bedeutete ihr mit einer Handbewegung weiterzugehen. »Gehen Sie. Ich versuche, Sie einzuholen.«

McCarter und Danielle waren ein ungewöhnliches Team, aber sie hatten vor zwei Jahren, als Danielle den Professor für eine Expedition zum Amazonas rekrutierte, einen Bund geschlossen. Alles hatte ganz gut angefangen, aber in den Tiefen des Dschungels war es dann fürchterlich schiefgelaufen. Mit knapper Not hatten sie beide und eine Handvoll anderer überlebt.

In der Folge dieses Unternehmens hatte Danielle das NRI verlassen, und McCarter war zurück nach New York gegangen, um zu lehren. Damals schien es wesentlich wahrscheinlicher zu sein, dass er die Organisation verklagte, als dass er noch einmal für sie arbeiten würde, aber aufgrund seiner eigenen Neugier hatte er sich einverstanden erklärt, genau das zu tun. Trotz aller Gründe, die für das Gegenteil sprachen, hatte sich Danielle in der Hoffnung, ihn beschützen zu können, daraufhin ebenfalls wieder dem NRI angeschlossen. Ihrer Ansicht nach war sie ihm das schuldig. Er hätte nie vom NRI gehört, wenn sie ihn nicht angeworben hätte. Nach acht Monaten Außeneinsatz, und nachdem sie mehrmals nur knapp dem Tod entronnen waren – unter anderem bei der Explosion einer Autobombe und zwei Schießereien – hatte sie nicht vor, ihn jetzt im Stich zu lassen.

Abgesehen davon bestand ihre einzige Chance auf eine Rückkehr nach Washington und ein halbwegs normales Leben darin, diesen Job zu Ende zu führen und McCarter wohlbehalten wieder in New York abzuliefern.

»Wir bleiben zusammen«, sagte sie. »Außerdem sind Sie hier der Experte. Sie sind derjenige, der die Statue sehen muss. Wir müssen nichts weiter tun, als vor den anderen da unten zu sein, in Erfahrung bringen, was wir wissen müssen, und dann am Seeufer entlang verschwinden.«

»Und was passiert, wenn sie uns erwischen?«

»Sie wollen die Statue. Wir holen uns die Informationen, die wir brauchen und gehen weiter flussabwärts. Sie werden uns nicht folgen.«

Sie streckte eine Hand aus, die McCarter misstrauisch beäugte, bevor er sie ergriff.

Danielle zog ihn auf die Füße, und die drei rutschten, schlitterten und liefen, wo sie konnten, den Hang hinunter. Als sie unten angekommen waren, hörten sie Schreie von weit oben. Ihre Verfolger hatten den Kraterrand erreicht.

»Beeilt euch«, sagte sie, sprintete die letzten zehn Meter bis zum Ufer und tauchte in den kalten Bergsee.

Auf halbem Weg zur Insel setzte von oben Gewehrfeuer ein. Kugeln schlugen um sie herum ins Wasser. Danielle tauchte und schwamm unter Wasser weiter, bis sie den Atem nicht mehr anhalten konnte.

Sie tauchte in einem schwefligen Dunst auf. McCarter und Oco kamen neben ihr an die Oberfläche.

Die Schüsse hatten aufgehört, aber ein neues Geräusch erregte ihre Aufmerksamkeit: ein rhythmisches dumpfes Hämmern in der Ferne, das über die Berge hallte – das Stakkato von Hubschrauberrotoren irgendwo im Osten. Offenbar hatten ihre Feinde noch weitere Tricks auf Lager.

»Wo ist sie?«, fragte sie Oco.

Er zeigte zur Spitze der Insel. »Ganz oben«, sagte er. »In den Bäumen versteckt.«

Sie kletterten die steile Flanke des Bergs hinauf, indem sie sich von einem Baum zum anderen zogen. Genau in der Mitte der Insel fanden sie die Statue. Ein großer Steinblock, in den der Umriss eines Mannes gemeißelt war, eines Maya-Königs in vollem Ornat. In der rechten Hand hielt er etwas, das wie ein Netz mit vier Steinen aussah, in der linken Hand eine Art Scheibe. Quer über den unteren Rand zog sich Hieroglyphenschrift, und über den oberen Rand wand sich eine Schlange; ihr großer, offener Mund war nach unten geneigt, als wollte sie den König mit einem Biss verschlingen.

»Ahau Balam«, sagte McCarter nach einem Blick auf die Schriftzeichen. »Der Jaguar-König. Spiritueller Führer der Bruderschaft.«

Oco, der wie viele Einheimische in Chiapas von den Maya abstammte, verstummte ehrfurchtsvoll.

Danielle zerbrach sich mehr über die näher kommende Gefahr den Kopf. Dem Klang nach musste der Hubschrauber jede Minute hier sein, und die Männer hinter ihnen kletterten inzwischen sicher die Steilwand hinunter.

»Wir müssen uns die Information holen und verschwinden«, sagte sie. »Was sehen Sie?«

McCarter studierte die Schrift, seine Augen flitzten hin und her. Er berührte eine Glyphe, dann noch eine. Er schien verwirrt zu sein.

»Professor?«

»Ich bin mir nicht sicher«, sagte er.

Das Geräusch des Hubschraubers wurde zu einem tiefen Bariton.

»Wir haben maximal noch zwei Minuten«, sagte Danielle.

McCarter schüttelte ungläubig den Kopf. »Es gibt keinen richtigen Text hier. Keine Erklärung. Hauptsächlich sind es Zahlen.«

»Daten?

»Nein. Nur zufällige Zahlen.«

In Danielles Kopf drehte sich alles. Sie konnte nicht glauben, was er sagte.

»Vielleicht, wenn ich…«

Sie schnitt ihm das Wort ab. »Keine Zeit.«

Sie holte ihre Kamera hervor, machte eine Aufnahme und überprüfte das Ergebnis auf dem Display. Der Stein war so verwittert, dass die Schriftzeichen nicht deutlich hervortraten. Sie machte ein zweites Bild aus einem anderen Winkel, aber das Ergebnis war ähnlich. Der Kontrast war einfach nicht ausreichend.

Der Hubschrauber kam näher. Danielle hörte die Männer, die sie zu Fuß verfolgten, am Ufer des Kratersees rufen.

»Es ist zu undeutlich«, sagte sie.

McCarter starrte sie einen Moment lang an, dann riss er sich das Hemd vom Leib, kniete sich vor den Sockel der Statue und drückte es gegen die reliefartig erhabenen Hieroglyphen. Er hielt das Hemd mit einer Hand fest und begann mit der anderen, Vulkanerde in den Stoff zu reiben. Oco half ihm.

Der Helikopter donnerte über sie hinweg, verlangsamte und wendete. Er sucht nach einem Landeplatz. Danielle dankte dem Himmel, dass so etwas hier nicht zu finden war.

Sie kauerte sich neben McCarter, um ihm zu helfen. Die Umrisse der Schriftzeichen begannen sich in allen Einzelheiten abzuzeichnen. Es sah aus wie eine verwischte Kohlezeichnung, aber es funktionierte.

Während sie arbeiteten, wurden Kiefernnadeln, Blätter und Spreu ringsum aufgewirbelt. Der Hubschrauber stand über ihnen, sein Abwind blies alles durcheinander.

»Das war’s«, sagte Danielle. »Keine Zeit mehr.«

McCarter rollte das Hemd zusammen und steckte es in seinen Rucksack, während Danielle einen großen Stein packte und die Oberfläche der Statue zu zertrümmern begann. Die Schriftzeichen des unschätzbar teuren Werks zerfielen unter den Schlägen, Splitter flogen davon wie Funken von einem Wetzstein.

Plötzlich fielen Seile mit Gewichten dran durch die Bäume und entrollten sich wie Schlangen.

»Lauft!«, rief Danielle.

McCarter und Oco rannten los. Männer in mitternachtsblauen Overalls rutschten an den Seilen herunter und brachen durch das Laub der Bäume.

Danielle wirbelte herum und zog eine Neun-Millimeter-Glock. Ehe sie einen Schuss abgeben konnte, drangen zwei Metallzangen im Rücken durch ihr Hemd. Eine Schockwelle durchlief ihren Körper, und sie stürzte nach vorn wie ein Sack Mehl, unfähig sich zu bewegen oder auch nur zu schreien.

Auf der Seite liegend, sah sie Oco hinter der Böschung verschwinden, und McCarter rannte ihm nach, doch dann hämmerte eine Maschinenpistole los, Blut spritzte auf, und er taumelte das steile Ufer hinunter.

Die nächsten Augenblicke nahm Danielle nur verschwommen wahr. Sie versuchte sich zu bewegen, erhielt jedoch nur einen weiteren Schlag von der Elektroschockpistole. Männer umringten sie und banden ihr die Handgelenke auf den Rücken. Ringsum beugten sich die Bäume unter der Donnersymphonie.

Sie blickte nach oben. Der dunkle Umriss des Hubschraubers füllte eine Lücke zwischen den Bäumen aus. Es war ein Sikorsky Sky Crane, ein mächtiges Biest, geformt wie eine schwebende Klaue, mit einem leeren Bauch als Laderaum, in dem er unvorstellbare Mengen unterbrachte. Man konnte Sattelschlepper und kleine Panzer daran aufhängen. Das Ding würde keine Mühe mit dem Steinmonument haben.

Schwere Ketten fielen aus dem Monstrum und wurden festgemacht. Die Rotorblätter dröhnten, die Ketten strafften sich, und die Statue wurde in die Höhe gezogen.

Der Mann neben Danielle nahm ein Funkgerät von der Hüfte. »Wir haben eine von ihnen«, sagte er.

Er sah zu der Schwelle im Gelände, hinter der McCarter und Oco verschwunden waren.

»Der einheimische Junge ist entkommen. Aber der andere ist tot.«

Danielle sank der Mut, ihr wurde übel.

»Schafft sie hier heraus«, hörte sie ihren Bewacher sagen. »Sie lassen einen Korb für sie nach unten.«

Danielle musste aufstehen, dann schleifte man sie fort. Als sie an der Stelle vorbeikam, wo McCarter gestürzt war, gaben ihre Beine fast nach. Der Professor lag zehn Meter tiefer reglos auf der Seite, um einen Baum gewickelt. Sein Rücken war in einem unnatürlichen Winkel geknickt, seine Augen standen offen und blickten leblos in die Ferne. Das T-Shirt war blutgetränkt.

Danielle zögerte, ihre Beine wollten ihr nicht mehr gehorchen. Ein Stoß in den Rücken brachte sie wieder in Bewegung, und fünf Minuten später befand sie sich in der Kabine des riesigen Hubschraubers. Das steinerne Relikt, das diesen Vulkanfelsen dreitausend Jahre lang gekrönt hatte, lag hinter ihr im Frachtraum.

2

Professor McCarter lag regungslos auf dem schwarzen Vulkanhang. Seine Augen waren offen und blickten starr auf die seltsam schiefe Landschaft. Er war die bewaldete Flanke der Insel hinuntergekullert und mit dem Kreuz an den Baum geprallt. Der Rucksack war ihm aus der Hand gefallen und weiter unten im Nebel verschwunden, und McCarter selbst war so liegen geblieben, dass er den Hang hinaufsehen und beobachten konnte, wie sie Danielle und die Statue fortschafften.

Er lag reglos, aber nicht aus eigenem Entschluss. Sein Körper war taub und kalt. Er konnte seine Füße und Beine nicht spüren, überhaupt nichts unterhalb der Taille. Er spürte seine Fingerspitzen fast nicht. Er konnte kaum atmen und hätte nicht um Hilfe rufen können, selbst wenn er es gewollt hätte.

Jetzt, da er allein war, wurde er von Angst gepackt. McCarter erriet, dass er gelähmt war und es für die Männer weiter oben ausgesehen haben musste, als wäre er tot.

Er war ins Bein getroffen worden. Es hatte sich eher angefühlt, als hätte er einen Tritt von hinten bekommen, ganz anders als er sich eine Schussverletzung vorgestellt hatte. Und auch wenn die Blutung nachgelassen hatte und es wahrscheinlich hilfreich gewesen war, dass sein Bein höher lag, hatte McCarter noch nie so viel Blut gesehen.

Er spürte nichts, obwohl das Blut, der Schwerkraft folgend, von seinem höher gelagerten Bein auf seinen Rumpf gelaufen war und das Hemd getränkt hatte. Er musste wohl gelähmt sein. Es war eine merkwürdige Sache: Der Verstand funktionierte, der Verstand versuchte, die Gliedmaßen zu einer Bewegung zu veranlassen, und als nichts geschah, zog der Verstand seine Schlussfolgerungen und erstattete Bericht.

Mehrere Minuten lag er so und überlegte, ob sein Schicksal oder das von Danielle schlimmer war. Doch anders als erwartet wurde seine Atmung nicht schwächer und kam zum Stillstand, vielmehr begann er eine dumpfe Empfindung in seinen Beinen wahrzunehmen. Es war kein Schmerz, sondern ein unangenehmes Kribbeln, wie wenn einem die Beine eingeschlafen sind.

Es wuchs wellenartig an, und bald musste er unbedingt erneut versuchen, sich zu bewegen, nur um gegen dieses Gefühl anzukämpfen. Er rollte nach links, und der Tastsinn begann in seine Hände zurückzukehren.

Unter großer Anstrengung gelang es ihm, sich von dem Baum zu lösen. Dass er nicht gelähmt war, war eine große Erleichterung, dass er beträchtliche und immer noch stärker werdende Schmerzen hatte, das Gegenteil. Steif und kraftlos kroch er ein paar Meter und brach dann zusammen. Er blieb ein, zwei Minuten so liegen, das Gesicht in die Erde und die Kiefernnadeln gedrückt, ehe er endlich den Kopf hob.

Beim Blick den Hang hinauf glaubte er, eine Gestalt über ihm stehen zu sehen, die Umrisse einer Person, einer Frau.

Er blinzelte, um schärfer zu sehen, und der Schatten war verschwunden.

Er hätte das Bild gern auf seinen Zustand zurückgeführt, aber es hatte real auf ihn gewirkt. Real genug, damit er versuchte, den Hang hinaufzusteigen.

Auf allen vieren kroch er nach oben und kam auch einige Meter weit. Aber der Hang war zu steil für seinen geschwächten Körper, und der Untergrund zu lose. Er bröckelte unter seinen Händen, und McCarter begann zu rutschen, erst bis zu seiner ursprünglichen Position, dann weiter hinunter in den Nebel. Ein unaufhaltsames Abwärtstaumeln bis zu dem flachen Gelände am Ufer, wo er direkt neben seinem Rucksack zu liegen kam, den er eine halbe Stunde zuvor verloren hatte.

Er sah ihn vorsichtig an und zog ihn dann zu sich heran, schloss die Reißverschlüsse und versuchte, einen Arm durch die Riemen zu fädeln. Doch ehe es ihm gelang, hörte er Geräusche aus dem Wasser.

Es war Oco, der auf ihn zuwatete.

»Sie haben die Statue mitgenommen«, sagte Oco. »Im Hubschrauber. Ich habe es gesehen.«

»Ich weiß«, sagte McCarter. »Wir müssen Hilfe rufen.«

Mit Ocos Unterstützung säuberte und verband er seine Wunde und holte dann ein Satellitentelefon aus dem wasserdichten Behälter in seinem Rucksack. Er fuhr es hoch und war dankbar für das grüne Licht, das ihm verriet, dass das Signal durchkam.

Sein benebeltes Gehirn versuchte sich zu erinnern, was er sagen sollte, die Akronyme, die ihm Danielle wieder und wieder eingetrichtert hatte. Umstände und Notfälle, an die er nicht hatte denken wollen und von denen der schlimmste jetzt wahr geworden war.

Er drückte den Startknopf und wartete, bis die Satellitenverbindung hergestellt war. Eine Stimme meldete sich, ein Mitglied des Stabes in einem gesicherten Kommunikationsraum in Washington.

McCarter brauchte jemanden von höherem Rang.

»Hier ist Professor Michael McCarter«, sagte er. »Vom Projekt Ikarus. Mein Code ist sieben, sieben, vier, Tango, Foxtrott. Wir wurden angegriffen. Unser Status ist Mercury. Und jetzt geben Sie mir Arnold Moore.«

3

Vierundzwanzig Stunden später und achttausend Kilometer entfernt wartete Arnold Moore, der Direktor des NRI. Zum zweiten Mal an diesem Tag hatte er eine schlechte Neuigkeit zu überbringen.

Zuvor schon hatte er einem früheren Mitarbeiter von ihm namens Marcus Watson, der das NRI Jahre zuvor verlassen hatte, diese schlimme Nachricht übermitteln müssen. Er lehrte jetzt an der Georgetown University und war gerüchteweise mit Ms. Danielle Laidlaw verlobt.

Trotz allen Takts und aller Versprechungen, die Moore aufbot, hatte das Treffen wütend geendet. »Sie hatten kein Recht, sie zurückzuholen«, hatte Watson hartnäckig behauptet. »Das habe ich Ihnen schon vor einem Jahr gesagt. Verdammt noch mal, Arnold. Finden Sie sie gefälligst.«

Marcus war strikt gegen Danielles Rückkehr zum NRI gewesen, und Moore hatte alle ihm zur Verfügung stehenden Knöpfe gedrückt, um sie dennoch dazu zu bewegen. Das NRI war ihre Heimat, aber das konnte man in einem solchen Augenblick nicht erklären.

»Sie wissen, dass ich alles tun werde, um sie zu finden«, hatte er versprochen.

»Und wenn das nicht reicht?«, hatte Marcus gesagt.

Darauf hatte Moore keine Antwort. Es war eine Möglichkeit, an die er nicht denken wollte. Sein alter Freund war davongestürmt und hatte die Tür mit solcher Wucht zugeschlagen, dass das ganze Gebäude zitterte.

Jetzt, Stunden später, saß Moore im Oval Office, glättete sein widerspenstiges graues Haar und wartete, bis ein weiterer alter Freund von ihm Zeit für ihn hatte: der Präsident der Vereinigten Staaten.

Der saß hinter seinem beeindruckend großen Schreibtisch und ignorierte ihn fürs Erste, während er eine Reihe von Papieren unterschrieb.

Präsident Franklin Henderson war geringfügig älter als Moore und hatte dunkles Haar, von dem die Zeitungen behaupteten, es wäre gefärbt. Er war schon einmal Moores Vorgesetzter gewesen, vor zwanzig Jahren, als beide für das Außenministerium gearbeitet hatten, und waren Freunde geblieben, wenngleich sie sich selten sahen. Moore besaß Hendersons Vertrauen und seinen Respekt, nicht zuletzt weil er es sich zur Regel gemacht hatte, seinen Freund nie um etwas zu bitten – bis jetzt zumindest.

Der Präsident stapelte die Papiere ordentlich und sah Moore dann in die Augen.

»Ich kann nicht behaupten, mich zu freuen, dass ich Sie sehe«, begann der Präsident. »Jedes Mal, wenn Sie hierherkommen, erzählen Sie uns Dinge, die wir nicht hören wollen. Warum bleiben Sie nicht einfach drüben in Virginia oder gehen in den Ruhestand?«

»Mr. President, das hier ist mein Ruhestand«, sagte Moore. »Das ist die Belohnung oder vielleicht die Bestrafung für dreißig Jahre Regierungsdienst.«

»Na ja, soweit ich mich erinnere, war es mit Ihren Golfkünsten ohnehin nicht weit her.« Der Präsident lächelte, es war genau dieses ungezwungene, selbstbewusste Lächeln, das so viele Wähler im Wahlkampf berührt hatte. Das Lächeln, das sagte: Alles wird gut.

Unglücklicherweise wusste es Moore besser. »Mr. President, das NRI hat ein Problem. Zwei eigentlich – vielleicht noch mehr. Sie scheinen sich zu vervielfachen, wenn ich nachzähle.«

Der Präsident sah sich um. »Es gibt einen Grund, warum wir allein hier sind, Arnold. Man hat mir gesagt, Sie könnten mir keinerlei Vorabinformation zukommen lassen. Ich nahm an, die Sache ist ernst. Worum geht es?«

Moore zog zwei Blätter Papier aus seiner Aktentasche und legte sie auf den Schreibtisch des Präsidenten. Das erste war ein Satellitenfoto; es zeigte eine Flotte russischer Schiffe, die schnurstracks durch den Pazifik Richtung Alaska dampften. Das zweite zeigte mehrere Fotos mit Text dazwischen, die ähnliche Bewegungen der chinesischen Marine und sogar einiger Handelsschiffe belegten.

»Die habe ich bereits gesehen«, sagte der Präsident. »Ich habe heute Morgen mit John Gillis darüber gesprochen. « Gillis war der Stabschef der Marine. »Es ist nicht so, als wollten die Russen mit einer Handvoll Kreuzern, einem Dutzend Zerstörern und ein paar Aufklärungsflugzeugen eine Invasion in Alaska versuchen. Und die Chinesen ebenso wenig.«

»Das ist mir klar«, sagte Moore. »Es ist erkennbar keine Invasionsstreitkraft. Wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass beide Gruppen nur aus schnellen Schiffen bestehen, und beide begannen auszuschwärmen, als sie diesen Punkt hier erreichten.« Er legte den Finger auf einen Punkt im Beringmeer, nahe der internationalen Datumsgrenze.

»Gillis glaubt, dass es Suchtrupps sind«, sagte der Präsident.

»Das denke ich auch«, sagte Moore. »Was die Frage provoziert: Wonach zum Teufel suchen sie? Hat die Marine eine Vorstellung davon?«

Der Präsident blickte auf das Satellitenfoto, sagte jedoch nichts.

Moore bedrängte ihn, er brauchte die Information. »Mr. President, ich kann keinen Hinweis darauf entdecken, dass in diesem Teil des Beringmeers etwas passiert wäre. Auf den Kanälen, die wir überwachen, wurden keine Notrufe verzeichnet. Auf den Aufklärungsfotos sind weder ein Ölfilm noch Trümmer zu sehen. Noch zeigen die permanenten Infrarotaufnahmen irgendwelche Wärmespitzen, die auf eine Explosion hindeuten. Es gibt buchstäblich nichts, was darauf schließen ließe, dass eine der beiden Seiten dort ein Schiff oder ein Flugzeug verloren hätte. Und doch starten beide im Abstand von wenigen Stunden umfangreiche Suchunternehmen.«

Der Präsident war direkt: »Wie lautet Ihre Frage, Arnold?«

»Haben wir U-Boote in diesem Gebiet? Haben wir Sonarinformationen, die den Schluss nahelegen, dass entweder die Russen oder die Chinesen zu diesem Zeitpunkt ein U-Boot in dem Seegebiet hatten?«

»Leider nein«, sagte der Präsident. »Aber warum sollte das eine Rolle spielen, es sei denn, Sie glauben, dass sie genau danach suchen.«

»Ich weiß nicht, wonach sie suchen«, sagte Moore.

»Aber Sie haben eine Ahnung. Anderenfalls wären Sie nicht hier.«

Wenn Nachrichtendienste eine Ahnung hatten, kamen sie zum Präsidenten, und wenn etwas schiefging, versteckten sie sich in ihren Büros und suchten verzweifelt nach Antworten, ehe der Präsident oder sein Stab zu ihnen kamen.

Moore erklärte, was er wusste. »Einige Stunden bevor die russische Flotte in See stach, verzeichneten wir ein Gammastrahlenereignis exakt an dieser Stelle. Keinen großen Knall, nicht mal annähernd, aber auf jeden Fall eine ungewöhnliche Art von Energie.«

»Gammastrahlen?«, fragte der Präsident. »Ich habe Jura studiert, Arnold. Hauptsächlich weil ich Naturwissenschaften nicht mochte. Wie wär’s also, wenn Sie mir für einen Laien verständlich erklären würden, was das bedeutet. «

»Gammastrahlen sind hochenergetische elektromagnetische Wellen«, sagte Moore. »Sie werden für viele verschiedene Dinge benutzt, unter anderem für eine Art Nuklearchirurgie oder als hyperstarke Röntgenstrahlen, die Wände und Stahlcontainer durchdringen können. Man forscht sogar darüber, wie man sie als Waffen einsetzen könnte.«

Der Präsident schien beeindruckt zu sein. »Warum hat mir Gillis das nicht gesagt?«

»Er wird es nicht gewusst haben«, antwortete Moore. »Seine Satelliten forschen nicht nach solchen Dingen. Die Daten, die ich Ihnen zeige, stammen von einem Vogel, den das NRI zu Beginn des Jahres gestartet hat.«

Während der Präsident diese Information verdaute, fuhr Moore fort.

»Fast im selben Augenblick wurden vier unserer GPS-Satelliten, alle in geosynchronen Umlaufbahnen über dem Polarkreis, vorübergehend dunkel, sodass ein automatischer Reset notwendig war. Die Unterbrechung hat weniger als eine Minute gedauert, aber das Ereignis wurde aufgezeichnet.«

Er gab dem Präsidenten einen weiteren Ausdruck. »Wie Sie wissen, funktioniert das GPS, indem es verschlüsselte Signale an die Atomuhren an Bord jedes Satelliten schickt, was eine sehr genau Zeit- und Entfernungsmessung ermöglicht. Den Aufzeichnungen zufolge sind die Satelliten auf die Milliardstelsekunde genau zur selben Zeit ausgefallen. Es ist unmöglich, ein auf dem Boden stationiertes System zeitlich so genau auf vier verschiedene Orte einzustellen. «

»Und das bedeutet?«

»Sie wurden von ein und demselben Ereignis lahmgelegt. «

Der Präsident blickte auf das Papier, dann sah er zu Moore hoch. »Sie glauben, es war eine Art Waffe, die auf einem U-Boot stationiert war? Vielleicht ist etwas schiefgegangen, eine Art Überbelastung. Ein solches Ereignis würde wahrscheinlich die Plattform selbst zerstören, und die Suchmannschaften müssten nach den Trümmern suchen.«

»Das ist eine Möglichkeit«, sagte Moore. Es gab allerdings noch eine zweite, auf die er nicht eingehen wollte. »Sowohl Russen als auch Chinesen arbeiten an Energiewaffen, genau wie wir auch. Irgendjemand könnte Tests da draußen durchgeführt haben.«

Der Präsident schob die Papiere zu Moore zurück. »Also gut, Arnold. Was brauchen Sie, um der Sache nachzugehen? «

»Ich brauche Zeit und Zugang. Ich will den Schlüssel für den Datentresor der NSA sowie die Kontrolle über die Lauschposten und die Sonarlinie im Pazifik. Und es muss so laufen, dass ich meinerseits keine Daten mitteilen und keine dummen Fragen von NSA, CIA oder irgendwem sonst beantworten muss.«

Der Präsident reagierte, als wäre er geohrfeigt worden. »Herrgott noch mal, Arnold, wieso fordern Sie nicht gleich auch noch die Kontrolle über das Weiße Haus, wenn Sie schon dabei sind?«

Moore antwortete nicht. Früher hatten der Präsident und er manchmal über die einzigartige Rolle des NRI im Geheimdienstsystem gesprochen. Und sowohl wegen ihrer Freundschaft wie auch wegen des Wertes, den das NRI darstellte, hatte der Präsident Moore immer unterstützt, wenn er es brauchte.

»Ich kann Ihnen alles geben außer der Sonarlinie«, erwiderte Präsident Henderson. »Gillis wird fuchsteufelswild werden, wenn wir ihn aussperren, während die russische Flotte da draußen herumstreicht, aber die Navy wird alle Informationen an Sie weiterleiten. Sie haben achtundvierzig Stunden. Und seien Sie nicht überrascht, wenn ich die Leine anziehe oder Ihre Bitte aufgrund der Ereignisse hinfällig wird.«

Moore nickte. Es reichte für den Anfang.

»Und jetzt zum zweiten Problem«, sagte er, faltete seine Papiere zusammen und steckte sie weg. »Ich muss Sie um einen Gefallen bitten.«

»Einen persönlichen?«

»In gewisser Weise«, erwiderte Moore. »Einer meiner Leute ist in Mexiko entführt worden, eine Frau. Verlässliche Informationen bringen eine Gruppe ins Spiel, die für Chen Li Kang, den chinesischen Milliardär, arbeitet. Ich möchte sie zurückholen.«

Der Präsident setzte ein grimmiges Gesicht auf. »Ausgerechnet jetzt? Während all diese Dinge passieren?«

»Ja, Mr. President.«

»Warum?«

Die Frage überraschte Moore. Er hatte gedacht, die Antwort würde auf der Hand liegen. »Wie meinen Sie das?«

»Hat sie Informationen, die die anderen gegen uns benutzen könnten?«, fragte der Präsident.

»Nein«, sagte Moore. »Aber sie hat es nicht verdient, Kang überlassen zu werden. In seinen Händen ist sie so gut wie tot, wenn nicht schlimmer.«

Der finstere Blick des Präsidenten sprach Bände. »Sie und ich, wir sind in unserem Leben einige Risiken eingegangen« erinnerte er Moore. »Das gehört nun einmal dazu, bei Agenten im Außeneinsatz.«

»Sie ist nicht irgendeine Agentin«, sagte Moore widerstrebend. »Sie ist jemand, den ich persönlich zur Rückkehr überredet habe.«

Der Präsident hielt inne. »Was wollen Sie mir sagen?«

»Es ist Danielle Laidlaw.«

Der Präsident zuckte zusammen. Moore wusste, Henderson würde sich an den Namen erinnern, er würde verstehen, was sie ihm bedeutete: die Tochter, die er nie gehabt hatte, ein Schützling, durch den er jetzt in mancherlei Weise stellvertretend lebte. Er hoffte, das würde die Entscheidung des Präsidenten zu seinen Gunsten beeinflussen, aber wenn es überhaupt etwas bewegte, dann nicht genug.

»Arnold, Sie kannten die Antwort auf diese Frage, bevor Sie hierherkamen«, sagte er. »Die Beziehungen zu China verschlechtern sich seit Jahren. Und jetzt ist nicht die Zeit, die Situation anzuheizen.«

»Kang gehört nicht zur Regierung«, merkte Moore an. »Er ist eine Privatperson, ein Bürger Chinas, der einen Bürger der USA entführt hat.«

»Es gibt keine Privatpersonen mehr, wenn man seinen Status erreicht hat«, sagte der Präsident barsch.

»Wir können es lautlos erledigen«, ließ Moore nicht locker.

»Die Diskussion ist zu Ende«, sagte der Präsident.

Moore holte tief Luft. Er wusste, dass es keinen Sinn hatte, eine Auseinandersetzung zu suchen, die er nicht gewinnen konnte.

Der Präsident warf ihm einen Knochen zu. »Wir werden durch verborgene Kanäle arbeiten. Mit ein paar Leuten reden.«

Moore nickte, aber er wusste, es würde nicht reichen. Er stand auf. »Ich werde Sie hinsichtlich dieses Gammastrahlenausbruchs auf dem Laufenden halten, sobald ich etwas weiß.«

Moore wandte sich zum Gehen, und der Präsident blickte auf seinen Stapel Dokumente hinunter. Er nahm eins zur Hand, das er noch durchgehen musste. Er sprach, ohne aufzublicken.

»Sie glauben nicht, dass es eine Verbindung zwischen diesen beiden Dingen gibt?«, fragte er.

Moore betrieb das Geheimdienstspiel schon so lange, dass es ihm zur zweiten Natur geworden war, Informationen zurückzuhalten. Man rückte nichts freiwillig heraus, nicht einmal gegenüber dem Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Jetzt sah ihn der Präsident an. »Chinesische Flotte rast durch das Beringmeer. Chinesischer Milliardär kidnappt einen unserer Leute in Mexiko. Gibt es da irgendwo eine Verbindung?«

»Ich hoffe bei Gott, nicht«, sagte Moore.

»Weshalb?«, fragte der Präsident. »Worum ging es da unten überhaupt?«

Moores Antwort war schlagfertig und todernst zugleich. »Sozusagen um das Ende der Welt, Mr. President.«