Butler Parker – Jubiläumsbox 8 – E-Book:41 - 46

Butler Parker
– Jubiläumsbox 8–

E-Book:41 - 46

Günter Dönges

Impressum:

Epub-Version © 2016 KELTER MEDIA GmbH & Co. KG, Sonninstraße 24 - 28, 20097 Hamburg. Geschäftsführer: Patrick Melchert

Originalausgabe: © KELTER MEDIA GmbH & Co.KG, Hamburg.

Internet: http://www.keltermedia.de

E-mail: info@kelter.de

Dargestellte Personen auf den Titelbildern stehen mit dem Roman in keinem Zusammenhang.

ISBN: 978-3-74093-138-4

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Parker macht die Pferde scheu

Roman von Günter Dönges

Josuah Parker hatte seinen freien Tag.

Angetan mit seinem schwarzen, weit fallenden Covercoat, schwarzen Handschuhen und der unvermeidlichen schwarzen Melone, schritt er durch die Straßen. Es war selbstverständlich, daß der korrekt zusammengerollte Regenschirm an seinem linken Unterarm hing. Parker schien die warme Sonne überhaupt nichts auszumachen, schon gar nicht die vielen spöttisch verwunderten Blicke, die seiner Erscheinung galten. Er war noch vom guten, alten Schlag und das fleischgewordene Sinnbild eines echt englischen Butlers, der in keiner noch so verrückten Situation seine Selbstbeherrschung verlor.

Nach einigen Ausflügen in den mittleren Westen waren er und sein Chef, Mike Rander, endlich wieder einmal zurück nach Chikago gekommen, wo sie eigentlich wohnten. Rander, ein zwar noch junger, aber bereits sehr erfolgreicher Verteidiger hatte eine komplizierte Strafsache übernommen und zum Leidwesen des Butlers keine besonderen Detektivaufgaben für ihn.

Butler Parker war Detektiv aus Leidenschaft. Er hatte schon recht interessante und heikle Fälle gelöst. Manchmal allein und auf eigene Faust, manchmal in Zusammenarbeit mit Mike Rander, der es ebenfalls nie verschmähte, sich auch als Detektiv zu betätigen.

Josuah Parker kam sich an jenem sonnigen Nachmittag also recht verloren vor.

Nachdem er sich eine Zeitlang sehr interessiert die Auslage eines Waffengeschäftes angesehen hatte, überquerte er die breite Fahrbahn und hielt auf einen komfortablen Friseursalon zu. Das Geschäft war im Erdgeschoß eines großen Hotels untergebracht und von zwei verschiedenen Straßen aus zu erreichen.

Die Inneneinrichtung dieses Friseurpalastes übertraf alle Vorstellungen. Sie glich einer Orgie in Marmor, Chrom, Glas und Seide. Ein angenehmer Duft reizte die Nase Josuah Parkers, der sich würdevoll seiner Melone entledigte und Mantel und Schirm mit gemessenen Bewegungen eigenhändig an der Garderobe unterbrachte. Er duldete es nicht, daß ein anderer die Arbeit für ihn übernahm.

Es dauerte nur wenige Minuten, bis er behandelt wurde.

Zwei Angestellte, die vornehm wie Zeremonienmeister waren, geleiteten ihn zu dem Stuhl, der eigentlich schon gar nicht mehr als Stuhl anzusprechen war. Nein, dieses Gebilde war ein Wunderwerk der Mechanik, mit schwellenden Lederpolstern, mit ausziehbarer Nackenstütze, mit einer Lifteinrichtung, die elektrisch angetrieben wurde.

Parker nahm Platz.

Ein blauer Nylonkittel wurde um seinen Körper drapiert und sein Kopf sanft gegen die Stütze gedrückt. Der Cheffriseur dieses Stuhls ließ den Elektromotor schnurren. Ruhig liftete der Sitz in die Höhe. Der Friseur legte solch eine Andacht und solch einen Ernst an den Tag, wie es sonst eigentlich nur ein versierter Henker tut, der sein Opfer möglichst schnell und schonend umbringen will.

»Was wünscht der Herr?« fragte der Mann. Er sprach mit französischem Akzent, wie es sich für einen solchen Palast geziemte.

»Rasieren, Haarschneiden, Kopf- und Gesichtsmassage, keine Unterhaltung«, sagte Parker präzise. Er entspannte sich und schloß die Augen. Er hörte das Surren des eingeschalteten Schneideapparats, feines Klirren von Kristall gegen Marmor und versank in Träumen.

Erst als ein Mann mit schnarrender Stimme zu poltern begann, blinzelte der Butler in die Spiegelscheibe aus Kristall. Er sah einen ungemein korpulenten, untersetzten Mann, der gerade in einem Rasierstuhl Platz nahm. Auffallend war die unmögliche Krawatte, die auf Parker wie eine schallende Ohrfeige wirkte. Die kleinen dunklen Augen des neuen Kunden verschwanden fast völlig hinter fetten, dicken Speckfalten. Es muß nachgetragen werden, daß dieser Mann direkt neben Parker saß. Ihre Blicke begegneten sich. Doch Parker schaute in einer solch kühlen und überlegenen Art wieder weg, daß der Dicke einem Erstickungsanfall nahe war.

Hinter dem Rasierstuhl hatten sich zwei recht stämmige junge Männer aufgebaut. Sie schauten grimmig umher und schienen so etwas wie eine Leibwache des Dicken zu sein. Mit geschultem Blick stellte Parker fest, daß sie Pistolen umgeschnallt hatten. Trotz der ausgezeichneten Schneiderarbeit waren die bewußten, kleinen Ausbeulungen der Anzüge nicht zu übersehen.

Parker besaß eine sehr liberale Einstellung. Dennoch paßte es ihm nicht, gewissermaßen in einer vielleicht möglichen Schußlinie zu sitzen. Er bedauerte es nachträglich, diesen Haarschneidepalast betreten zu haben. Da er über einen wunderbar ausgebildeten Instinkt verfügte, witterte er Gefahr.

»Danke, danke, das dürfte reichen«, sagte er zu dem Cheffriseur, der ihn gerade mit einer erstaunlichen Zartheit und Fixigkeit rasiert hatte. »Nur etwas Rasierwasser bitte...!«

Der Mann bearbeitete das Gesicht Parkers mit einer scharfen Essenz. Der Butler mußte nun die Augen schließen, da ihm etwas von dem duftenden Wasser ins Auge gekommen war. Mannhaft verschluckte Parker allerdings einige Bemerkungen, die sich sicherlich nicht sehr erfreulich angehört hätten.

Als der Butler die Augen wieder öffnete, wußte er sofort, daß er sich zu spät entschlossen hatte, das Feld zu räumen.

In dem Friseurpalast war es überraschend still geworden. Es herrschte das, was man gemeinhin eine unheilschwangere, tödliche Stille nennt. Sie hatte ihren Grund im Auftauchen zweier Männer, die in Höhe der Theke standen.

Sie hatten sich Gesichtsmasken umgebunden, waren mittelgroß, schlank und hielten in ihren Händen langläufige Revolver, die sicher nicht aus modischen Gründen mitgebracht worden waren.

Josuah Parker sah sich daraufhin veranlaßt, möglichst schnell und tief in den Rasierstuhl zu rutschen, eine Vorsichtsmaßnahme, die sich bald als ungemein segensreich für ihn erwies. Die beiden Männer mit den Gesichtsmasken eröffneten nämlich das Feuer auf den kleinen, dicken Mann, der wie hypnotisiert in den Spiegel starrte und nicht fähig war, eine Abwehrbewegung zu machen.

Seine beiden Leibwächter jedoch handelten instinktiv.

Sie hatten blitzschnell ihre Waffen gezogen und schossen auf die beiden maskierten Besucher des Friseursalons, allerdings unterlief ihnen im Eifer des Gefechts ein bedauerlicher Irrtum. Sie hielten das Spiegelbild für die tatsächlichen Angreifer und beeilten sich daher, die Kristallscheibe zu zertrümmern. Es herrschte natürlich ein schauerlicher Krach. Der große Spiegel löste sich in seine Bestandteile auf, der kleine, fette Bursche stöhnte, und einige Querschläger sirrten durch den Raum.

Sekunden danach war der ganze Spuk vorbei.

Butler Parker tauchte aus der Tiefe des Stuhls wieder hoch und schüttelte mißbilligend den Kopf. Der Friseur neben ihm seufzte auf und wurde dann mit einiger Verspätung ohnmächtig. Der kleine, dickliche Mann im benachbarten Stuhl war zu Boden gefallen und versuchte, wieder auf die Beine zu kommen. Die beiden Leibwächter beeilten sich gerade, das Geschäft zu verlassen. Ob sie nur die Verfolgung der Täter aufnehmen wollten oder aber konkrete Fluchtgedanken hegten, war in diesem Stadium noch nicht festzustellen.

Josuah Parker, der sich schon recht oft in ähnlichen Situationen befunden hatte, glitt nun aus seinem Stuhl und kniete neben dem am Boden liegenden Mann nieder, der heftig keuchte.

Er sah sofort, daß dieser Mann schwer verwundet war und dennoch eine ganz bestimmte Absicht verfolgte, denn er mühte sich ab, irgendeinen Gegenstand aus seiner Brusttasche zu holen.

Als höflicher Mensch unterstützte Parker ihn bei diesem Vorhaben. Er fand eine durchsichtige Hülle aus Kunststoff, in der sich einige Papiere befanden.

»Verbrennen! Schnell! Verbrennen! Los... Schnell«, keuchte der verwundete Mann. Parker bemerkte sehr wohl, daß der Mann ihn gar nicht erkannt hatte. Er hielt den Butler wohl für einen seiner Leibwächter. Da der Verwundete in dieser Lage bestimmt keinen Widerspruch verstehen würde, steckte Parker die Hülle ein und richtete sich auf. Dabei entging ihm nicht, daß ihn der Friseur sehr aufmerksam beobachtete. »Ich würde den Vorschlag machen, doch die Polizei anzurufen«, sagte Parker. »Auch ein Arzt könnte nicht schaden.«

Der Friseur nickte und lief jetzt hinter die Theke, wo sich das Telefon befand. Während er die Nummer wählte, beobachtete er den Butler weiterhin mit größter Wachsamkeit. Parker konnte es sich leicht an fünf Fingern abzählen, daß dieser Mann mißtrauisch geworden war. Sicher würde er der bald eintreffenden Polizei einen Hinweis geben. Nun hatte Josuah Parker zwar nichts zu verbergen, doch er war sehr daran interessiert zu erfahren, was da eigentlich hatte verbrannt werden sollen. Da Parker ein Kriminalist aus Leidenschaft war, witterte er bereits ein wichtiges Geheimnis.

Er band sich den Nylonüberwurf ab und sah sich suchend in dem Salon um. Wo konnte er die Hülle verstecken? Er hatte wirklich nicht vor, etwas wie Fundunterschlagung zu begehen, aber bevor er die Hülle der Polizei übergab, wollte er feststellen, was sie enthielt.

Das Schicksal war ihm gnädig gesinnt.

Angelockt durch die wilde Schießerei erschienen bereits die ersten Neugierigen auf der Bildfläche. Der Hoteldetektiv boxte sich seinen Weg durch die Menge, wenig später erschienen zwei Streifenpolizisten. In der Ferne war das unangenehme Heulen einer Polizeisirene zu vernehmen. Der Friseur stürzte sich sofort auf die beiden Cops und redete wortreich auf sie ein. Da er aber mit einem starken französischen Akzent sprach, war die Verständigung recht schwer. Die beiden Polizisten kümmerten sich erst einmal um den am Boden liegenden Mann, der nun still geworden war. Schon nach einer kurzen Prüfung richteten sie sich auf.

Parker wußte, daß der dicke Mann inzwischen gestorben war.

Er sorgte dafür, daß er aus dem Blickfeld des Friseurs kam, und ließ die Hülle dann blitzschnell verschwinden. Er hatte sich ein Versteck ausgesucht, das seiner Schätzung nach nicht so schnell gefunden werden konnte.

Kaum war das erledigt, interessierten sich die beiden Polizeibeamten für ihn.

Es hatte den Anschein, als seien sie bereits von dem Friseur informiert worden. Sie verlangten nämlich kurz und bündig, er solle das herausrücken, was er versteckt oder an sich gebracht habe.

« Sie gestatten, daß ich meiner Verwunderung Ausdruck verleihe«, erklärte der Butler. »Mit anderen Worten, ich weiß zur Zeit nicht, wovon Sie eigentlich reden.«

»Mann, machen Sie bloß nicht die Pferde scheu«, sagte einer der beiden Polizisten »Der Friseur dort hat genau gesehen, daß Sie dem Toten etwas weggenommen haben. Also, rücken Sie schon damit heraus, oder legen Sie Wert darauf, mit zum Revier genommen zu werden?«

»Sind Sie sicher, daß sich der Mann auch nicht getäuscht hat?« erwiderte Butler Parker höflich. Er wendete sich jetzt ausschließlich an den Mann mit dem starken französischen Akzent, der ihm flammende und zugleich auch empörte Blicke zuwarf.

Nun mußte etwas im Blick des Butlers gewesen sein, was ungemein zwingend, ja, schon beinahe hypnotisch war. Der Friseur wurde unsicher, lief an, als stünde er unmittelbar vor einem cholerischen Ausbruch und sah schließlich zu Boden, wobei er deutlich mit seinen Schultern zuckte.

»Ich möchte annehmen, daß Sie sich getäuscht haben«, sagte Parker zu dem jetzt gebrochenen Mann. »In Anbetracht der augenblicks herrschenden Situation, sollten Sie Ihrer Aussage einen anderen Akzent geben...!«

»Wie war das also?« fragte der Polizist, sich an den Friseur wendend. Der hatte gerade einen Blick auf den Toten geworfen und wurde augenblicklich unsicher. Vielleicht dachte er, Parker habe mittelbar mit der Schießerei zu tun gehabt, vielleicht aber dachte er auch nur kurz an die Vergänglichkeit des Lebens, kurz, er hatte Angst und erklärte den beiden Polizisten wortreich, er könne sich selbstverständlich auch getäuscht haben.

Nachdem der Butler diese Feststellung getroffen hatte, harrte er in aller Ruhe der Dinge, die noch kommen mußten. Insgeheim rätselte er aber bereits herum, was die Cellophanhülle wohl enthalten möge. Er war wieder einmal fest entschlossen, den Dingen auf den Grund zu gehen...

*

Nach einer knappen Stunde war Butler Parker endlich wieder Herr seiner freien Entschlüsse.

Er war, zusammen mit den anderen Insassen des Salons verhört worden und hatte sich darauf beschränkt, vorerst einmal recht vage Erklärungen abzugeben. Vorsichtshalber hatte er dem Leiter der Mordkommission zu verstehen gegeben, er stünde noch zu sehr unter dem Schock der schrecklichen Ereignisse und bedürfe erst einmal der inneren Sammlung, um sich an alles wieder genau erinnern zu können.

Denn wie gesagt, Josuah Parker war nach wie vor fest entschlossen, die durchsichtige Hülle samt Inhalt wieder abzugeben. Er hatte tatsächlich nur die Absicht, sich mit dem Inhalt vertraut zu machen. Mehr wollte er nicht.

Erleichtert verließ Butler Parker das Revier und beeilte sich, zurück in den Friseursalon zu kommen. Er konnte sich zwar sehr gut vorstellen, daß dieser Chrom- und Glaspalast geschlossen war, aber das sollte ihn nicht hindern, die Hülle aus ihrem Versteck herauszuholen.

Wie sehr dem Butler an dieser Sache lag, war schon allein daran zu erkennen, daß er sich ein Taxi abwinkte und sich auf dem schnellsten Weg zum Friseursalon bringen ließ.

Es war genauso, wie er es erwartet hatte.

Der Salon hatte seine beiden Pforten geschlossen. Einige Zivilisten vermaßen die Mordstelle, einige Polizisten schirmten die Eingänge gegen Neugierige ab, die noch immer herumstanden.

Natürlich wollte man den Butler den Zugang verweigern, doch er wäre eben nicht Josuah Parker gewesen, wenn er sich nicht doch Zutritt verschafft hätte. Da ihn einer der beiden Streifenpolizisten wiedererkannte, kam er erst einmal in den Salon hinein, konnte aber zu seinem Leidwesen noch nicht an das Versteck heran.

»Was ist los...? Was wollen Sie noch hier?« erkundigte sich der Polizist, der ihn hereingelassen hatte.

»Sie gestatten doch höflichst, daß ich meinen Regenschirm wieder an mich nehme, nicht wahr?« fragte Parker, auf den korrekt gebundenen Schirm weisend, der an einem Garderobenhaken hing. Ohne erst die Antwort des Mannes abzuwarten, stelzte der Butler tiefer in den Salon hinein und kam somit immer näher an das Versteck heran.

Der Polizist folgte ihm mißtrauisch. Er hielt nicht viel von diesem schwarz gekleideten Mann, dessen Alter man tatsächlich nicht schätzen konnte. Er ließ den Butler nicht aus den Augen, was Parker in den vielen Spiegeln, die hier angebracht waren, genau beobachten konnte. Er ließ sich dadurch aber nicht aus der Fassung bringen. Du lieber Himmel, er hatte schon ganz andere Sachen erledigt, und zwar unter wesentlich wachsameren Augen.

»Beeilen Sie sich schon!« knurrte der Polizist.

Parker schien nichts gehört zu haben. Er hatte die Garderobe erreicht und griff nach dem Regenschirm. Doch in diesem Augenblick passierte ihm ein böses Mißgeschick. Er glitt auf dem glatten Boden aus und fiel haltlos zu Boden. Er fiel genau hinter die chromblitzende Theke, wo ein wahrscheinlich echter Teppich lag.

Es war nur zu natürlich, daß der Butler schützend seine Arme nach vorn warf, um den Fall abzubremsen. Sein Körper schützte die inzwischen emsig gewordenen Hände gegen die Sicht des Polizisten ab, und er fingerte schnell unter den Teppich, wohin er die Hülle gelegt hatte.

Josuah Parker blieb für den Bruchteil einer Sekunde wie erstarrt am Boden und dicht vor dem Teppich liegen. Das war doch so gut wie ausgeschlossesn! Das konnte doch nicht stimmen! Die Hülle war nämlich verschwunden...

Der Butler stand unbeholfen auf.

Daß er dabei den Teppich völlig abfingerte, dürfte sich am Rande verstehen. Aber auch jetzt mußte er feststellen, daß sich die Hülle einfach nicht mehr auftreiben ließ. Irgend jemand war ihm zuvorgekommen, irgendeine Person, die ihn beobachtet hatte.

»Ist Ihnen etwas passiert?« fragte der Polizist gutmütig und half dem Butler, wieder auf die Beine zu kommen.

»Danke für die Nachfrage, mir scheint, es ist alles in Ordnung«, erwiderte Parker zerstreut. »Sagen Sie, Officer, war der Friseur schon hier...? Ich habe glatt vergessen, ihn zu bezahlen. Das ist mir ungemein peinlich, wie Sie sich vorstellen können!«

»Ja, der war vor einer Viertelstunde hier und holte seine Sachen«, antwortete der Polizist arglos.

»Nun, ich werde dann eben später die Rechnung begleichen«, sagte Parker, lüftete höflich seine Melone und entschwand. Er wußte, was er hatte wissen wollen.

Der Friseur hatte also bereits gehandelt, war ihm zuvorgekommen. Nur die eine Erklärung für das Verschwinden der Hülle war möglich, der Friseur mit dem französische Akzent hatte sie an sich gebracht und war nun in der Lage, deren Inhalt genau zu studieren!

Josuah Parker betrat die Straße und suchte das Stadtbüro Mike Rändern auf.

Der Anwalt schien auf den ersten Blick gemerkt zu haben, daß sein Butler ein neues Abenteuer hinter sich gebracht hatte. Aus gutem Grund mißtrauisch, erhob er sich.

»Spannen Sie mich erst gar nicht auf die Folter, Parker«, sagte er und zündete sich eine Zigarette an. Mike Rander, ein sympathisch aussehender Mann Mitte der Dreißig, mit brauchbarer Detektivveranlagung, ließ sich in einen Sessel nieder und sah seinen Butler abwartend an.

»Sir, widrige Umstände verwickelten mich zu meinem Leidwesen in eine böse Schießerei«, begann der Butler. »Doch darf ich bereits an dieser Stelle bemerken, Sir, daß ich keinen Gebrauch von der Schußwaffe gemacht habe.«

»Das beruhigt mich bereits ungemein«, erwiderte Mike Rander erleichtert. »Ich dachte im ersten Moment, Sie hätten so im Handumdrehen eine Gang ausgehoben. Was ist passiert...?«

Butler Parker gab eine durchaus sachliche Darstellung der Ereignisse und betonte anschließend, er wisse leider noch nicht, wer nun eigentlich von den beiden maskierten Gangstern erschossen worden sei. Im Hinblick auf die Cellophanhülle ließ er deutlich durchblicken, daß man sich tunlichst weiter um sie kümmern sollte.

»Weiß der Himmel, warum Sie ausgerechnet in den Friseursalon gehen mußten«, meinte Mike Rander. »Ich möchte nur wissen, wann Sie einmal nichts erleben! Was die Hülle angeht, so werden wir uns nicht weiter um sie kümmern, Parker. Wir werden überhaupt nichts tun. Wir werden uns aus dieser Sache heraushalten... Schließlich dürfte es Ihrer Aufmerksamkeit nicht entgangen sein, daß wir eine Polizei haben. Die befaßt sich im Rahmen ihrer Arbeit mit Mordfällen. Ich hingegen bin ein Anwalt, und Sie, Parker, sind von mir als Butler engagiert worden, nicht als Privatdetektiv. Wollen Sie es denn nie lernen?«

Parker schwieg wie ein trotziges Kind.

»Parker, begreifen Sie doch endlich«, redete Mike Rander weiter. »Wir schliddern von einem Abenteuer ins andere. Ich komme kaum noch dazu, meinen eigentlichen Beruf auszuüben. Sie warten mir am laufenden Band mit haarsträubenden Fällen auf. Bisher habe ich immer wieder mitgemacht, aber jetzt ist endgültig Schluß.«

››Wie Sie wünschen, Sir...«

»Ich bin heilfroh, daß irgendeiner der Leute im Salon Ihnen zuvorgekommen ist und die Hülle an sich genommen hat«, meinte Mike Rander. »Ohne Hülle können Sie Gott sei Dank nichts unternehmen.«

»Ich möchte annehmen, daß der Friseur mit dem französischen Akzent die Hülle in seinen Besitz gebracht hat«, erklärte Parker. »Es dürfte nicht schwer sein, herauszubekommen, wo dieser Mann wohnt. Man brauchte eigentlich nur...«

»Man brauchte gar nichts. Man wird die Finger davon lassen«, erwiderte Mike Rander. »Ich habe keine Lust, in die Schußlinie zweier Banden zu geraten, die sich gegenseitig umbringen wollen. So etwas kann ins Auge gehen.«

»Muß aber nicht, Sir, um, mit Verlaub gesagt, eine ihrer Maximen zu gebrauchen.«

»Schluß jetzt!«

Damit war für Mike Rander der Fall erledigt. Er ließ sich auf keine weiteren Debatten mehr ein und widmete sich bald darauf wieder seiner Arbeit. Josuah Parker hingegen ging zurück in die Wohnung, die sich auf dem Dach eines Hochhauses am Ufer des Michigan befand. Es handelte sich um eine Art Bungalow, den sich Mike Rander gemietet hatte, um hier, abseits vom Trubel der Großstadt, ungestört und ruhig leben und arbeiten zu können. Josuah Parker, der in der kleinen, aber sehr gut eingerichteten Küche das Abendessen vorbereitete, hatte sehr viel Muße, immer wieder an die jüngsten Vorgänge im Friseursalon zu denken. Josuah Parker witterte einen ganz dicken Fall. Und in solchen Momenten war er kaum noch zu halten, war er doch schließlich ein Detektiv aus Leidenschaft.

Um möglichst schnell informiert zu werden, hatte er das Fernsehgerät eingeschaltet. Als die Abendmeldungen durchgegeben wurden, ließ er sich in einen Sessel nieder und wartete auf sein Stichwort, das tatsächlich nicht lange auf sich warten ließ.

Der Ortssender gab durch, daß vor einigen Stunden ein gewisser James Ortner in einem Friseursalon erschossen worden sei. Mit dem Namen wußte Parker nichts anzufangen, aber ihm ging ein Licht auf, als der Nachrichtensprecher diesen Fall näher erläuterte.

Danach war jener jetzt tote James Ortner eine recht zwielichtige Person, die während des zweiten Weltkrieges als amerikanischer Agent gearbeitet hatte. Vor zwei Jahren war James Ortner in einen Spionageprozeß verwickelt gewesen, aber freigesprochen worden. Man hatte ihm vorgeworfen, für eine fremde Macht gearbeitet zu haben. Seit dieser Zeit war Ortner untergetaucht. Bis man ihn jetzt erschossen hatte. Selbstverständlich waren die Täter unerkannt entkommen, aber auch die beiden Leibwächter Ortners hatten sich abgesetzt und bisher nichts zur Sache gemeldet.

Butler Parker, der sehr genau zugehört hatte, leistete sich daraufhin eine seiner berüchtigten Zigarren...

*

Sonderlich erstaunt war der Butler nicht, als das Telefon läutete. Er war der Meinung, Mike Rander rufe an. Als er sich aber gemeldet hatte, hörte er eine ihm völlig unbekannte Stimme, die sich bemühte, mit stark französischem Akzent zu sprechen.

»Monsieur Parker...?«

»Mit wem habe ich die Ehre?« erkundigte sich Parker höflich.

»Isch sein der Friseur, die gewerkt hat irre Kopf. Monsieur Parker, isch ’abben eine Sach’ für Ihnen... Wollen Sie misch besuchen?«

»Wo sind Sie zu finden?« fragte der Butler sofort, ohne aber zu erklären, er würde kommen.

»Isch warte auf Ihnen in eine kleine Restaurant«, sagte der Mann mit dem französischen Akzent. »In der Belgarten-Street, gleich an die Ecke, Sie verstehen?«

»Und nach wem soll ich fragen?«

»Isch werde Ihnen sehen, wenn Sie kommen. Isch bin Roger Calbot!«

»Tja, ich weiß wirklich nicht, ob ich jetzt abkommen kann«, meinte Parker höflich. »Doch ich will es versuchen. Gut also. In zehn Minuten werde ich bei Ihnen sein.«

Josuah Parker legte den Hörer auf und blieb nachdenklich vor dem kleinen Tisch stehen, auf dem der Apparat stand. Er hatte sofort herausgehört, daß der Mann mit dem stark französischen Akzent nicht identisch mit dem Friseur war. Diese Stimme hätte er sofort wiedererkannt.

Dennoch aber hatte sich der Mann am Telefon bemüht, mit Akzent zu reden. Demnach mußten ihm also einige Dinge nicht ganz unbekannt sein. Zuerst schien er zu wissen, daß Parker etwas an sich genommen hatte. Dann aber mußte er auch darüber informiert sein, daß der Friseur später diesen Gegenstand wieder an sich gebracht hatte. Kurz, der Anrufer mußte eine Ahnung von der Existenz der Cellophanhülle haben, die der erschossene James Ortner am liebsten noch knapp vor seinem Ableben verbrannt hätte. Das alles interessierte den Butler ungemein.

Nun klangen ihm allerdings noch die recht eindeutigen Hinweise Mike Randers in den Ohren, der es abgelehnt hatte, sich mit diesem Fall zu beschäftigen. Butler Parker wollte nicht eigenmächtig handeln, entschloß sich dann aber doch plötzlich, den Bungalow auf dem Hochhausdach zu verlassen. Ihm konnte ja schließlich kein Mensch verwehren, in ein Restaurant zu gehen, noch dazu, wo er eigentlich noch immer keimen freien Tag hatte. Butler Parker schlüpfte also schleunigst in seinen schwarzen Covercoat, setzte sich die Melone auf und ging zur Tür. Dort blieb er eine Sekunde lang stehen, ging zurück in sein Zimmer und öffnete einen stabil aussehenden Aluminiumkoffer und entnahm einen handlichen Gegenstand aus bearbeitetem Stahl, den er in seine Manteltasche steckte. Nachdem er sich noch mit seinem Universal-Regenschirm ausgerüstet hatte, stand seinem Ausflug nichts mehr im Weg.

Weit entfernt war die Belgarten-Street nicht. Unter normalen Verhältnissen hätte der Butler sich gewiß in seinen Spezialwagen gesetzt, um seine Kräfte zu schonen, doch er verzichtete diesmal auf diese Annehmlichkeit, da er um keinen Preis der Welt auffallen wollte.

Der Schnellift brachte ihn nach unten. Parker betrat die Straße, die um diese Zeit recht belebt war, sah sich nicht weiter um, sondern marschierte schnurstracks zur Belgarten-Street, wo sich der verabredete Treffpunkt befand. Er war doch sehr gespannt, wer sich in dem Restaurant vorstellen würde. Vor allen Dingen fragte er sich, was man ihm wohl vorzuschlagen hatte.

Als die Gedanken Josuah Parkers diesen Punkt erreicht hatten, da spürte er plötzlich tief in seinem Unterbewußtsein, daß er auf dem besten Weg war, nicht nur zum Hotel zu gehen, sondern auch einen riesigen Fehler zu machen.

Bei aller Phantasie konnte er sich nämlich nicht vorstellen, was man ihm an guten Vorschlägen wohl zu unterbreiten hatte. Er besaß keine Cellophanhülle, wußte nichts von ihrem Inhalt und war im Grunde doch nichts anderes als ein lästiger Zeuge, auf den man gern verzichten konnte.

Josuah Parker nahm sich vor, noch vorsichtiger zu sein, als er sich ohnehin vorgenommen hatte. Doch dachte er nicht im Traum daran, wieder zurückzugehen.

Parker vergewisserte sich nun erst einmal, ob er verfolgt würde. Nach der Lage der Dinge war damit zu rechnen. Er kurvte also in einen x-beliebigen Hausflur eines ihm völlig unbekannten Hauses und war gespannt, ob sich ein Interessent einfinden würde. Da Parker es verstanden hatte, sich blitzschnell in eine dunkle Korridornische zurückzuziehen, konnte er in aller Ruhe abwarten.

Nun, es dauerte nicht lange, und schon erschien ein untersetzter, schlanker Mann von etwa dreißig Jahren, der zögernd und vorsichtig ebenfalls durch die Haustür kam und sich sichernd nach allen Seiten umschaute. Da dieser Mann auf Anhieb nichts zu sehen vermochte, pirschte er sich tiefer in das dunkle Treppenhaus und wurde zu einer Salzsäule, als Josuah Parker plötzlich aus seiner Deckung hervortrat und höflich seine schwarze Melone lüftete.

Der Mann schien zu Kurzschlußhandlungen zu neigen, denn er bemühte sich nicht etwa, den gleichaltrigen Bürger zu spielen, nein, er griff den Butler in einer Form an, die Josuah Parker wenige Sekunden später nur als ungemein ungehörig bezeichnen konnte. Bevor der Butler allerdings zu dieser Feststellung kam, handelte er. Kurz und bündig setzte er dem Gegner die Melone unter das Kinn.

Die Wirkung war geradezu frappierend. Es gab einen stählernen Laut, als die Melone das Kinn des Verfolgers traf. Wie von einem unsichtbaren Blitz getroffen, sackte der junge, noch recht unerfahrene Mann in sich zusammen und legte sich auf den Boden.

Josuah Parker bückte sich mitleidig zu dem ohnmächtigen Mann hinab. Zu seiner Zufriedenheit stellte er keine ernsthaften Schäden fest. Da der Butler sich schon niedergebeugt hatte, nutzte er diese Stellung aus, sich die Papiere des jungen Mannes anzusehen.

Leider wurde er bitter enttäuscht.

Der Ohnmächtige besaß keine Ausweise. Dafür allerdings ein Bündel Banknoten, insgesamt in einem Wert von gut dreihundert Dollar. Ja und einen Hotelschlüssel fand Parker noch. Dieser Schlüssel gehörte nach der Inschrift auf das Schlüsselbrett des Hotel »Gardeners«, die Zimmernummer war 16.

Josuah Parker steckte den Schlüssel zurück in die Rocktasche des Mannes, nahm die schwere Automatik aus dem Halfter des immer noch Schlafenden und leerte das Magazin, nachdem er auch noch die Patrone aus der Kammer entfernt hatte. Nachdem er die Waffe wieder äußerlich in Ordnung gebracht hatte, steckte er sie zurück in das Futteral.

Ohne sich dann allerdings weiter um den Mann zu kümmern, verließ der Butler den stillen Hausflur und näherte sich bald dem Restaurant, in dem der angebliche Cheffriseur Roger Calbot auf ihn wartete. Nachdem Parker die kurze Bekanntschaft mit dem Mann im Hausflur gemacht hatte, konnte er sich nun an fünf Fingern ausrechnen, wie der Cheffriseur wohl aussehen würde.

Das intim eingerichtete Restaurant im französischen Stil war um diese Zeit bereits gut besucht. Als Butler Parker in seiner typischen Aufmachung erschien, eilte ein befrackter Herr auf ihn zu, der sich knapp verbeugte.

»Mister Parker, wenn ich mich nicht irre?«

»Ich werde erwartet!«

»Monsieur Calbot wartet im oberen Gesellschaftszimmer auf Sie, Sir. Wenn ich Sie hinaufbegleiten darf...?«

»Danke, wirklich nicht notwendig, wenngleich ich Ihre Höflichkeit sehr zu schätzen weiß«, bedankte sich der Butler. »Übrigens, eine Frage... ich vermute, daß sich dort oben noch weitere Gesellschaftszimmer befinden?«

»Allerdings, noch zusätzlich drei größere Räume. Selbstverständlich auch Hotelzimmer.«

»Von hier aus zu erreichen?«

»Entweder hier von der Halle aus oder von nebenan, wo sich der eigentliche Hoteleingang befindet, Sir.«

»Sehr schön, ausgezeichnet!«

Parker schritt zur weit geschwungenen Freitreppe und stieg würdevoll nach oben. Er hatte sich den Weg genau beschreiben lassen und freute sich innerlich bereits darauf, daß die Dinge wieder einmal in Bewegung geraten waren.

Nun war Josuah Parker gewiß kein heuriger Hase.

Er hatte sich bereits seinen eigenen Vers auf die Vorbereitungen seines Gastgebers gemacht. Deshalb dachte er auch nicht daran, schnurstracks in das bezeichnete Gesellschaftszimmer zu marschieren. Er war nicht erpicht darauf, gleich nach seinem Eintreten niedergeschossen zu werden. Als versiertem Fachmann war ihm die Anwendung eines Schalldämpfers sehr vertraut.

Parker, der bereits auf den letzten noch zu überwindenden Treppenstufen sein Universalbesteck in die Hand genommen hatte, sah sich nach dem Erreichen des langen, mit dicken Teppichen ausgelegten Korridors nach einer geeigneten Tür um, die ihn aufnehmen konnte.

Dort also war das bewußte Gesellschaftszimmer.

Davor eine Tür ohne Aufschrift. Nach seinen Erfahrungen, die er in vielen Hotels hatte sammeln können, mußte es sich um einen Wirtschaftsraum handeln, in dem möglicherweise Putzvorräte gelagert wurden.

Blitzschnell gelang es dem Butler, die Tür zu öffnen. Er verschwand hinter der Tür und sah sich angenehm überrascht um. Er war nicht in ein Magazin geschlüpft, sondern in eine Art Anrichteraum. Einige Tische, Besteckkästen, Wärmeplatten, ein kleiner Elektrokocher und eine blitzende Kaffeemaschine deuteten darauf hin, daß von diesem Raum aus zwei benachbarte Gesellschaftszimmer versorgt werden konnten. Ja, es gab zur unermeßlichen Freude des Butlers sogar je eine Durchreiche, durch die man Speisen und Getränke in die einzelnen Räume schieben konnte.

Josuah Parker war, um es kurz und knapp zu sagen, begeistert. Das Schicksal hatte es tatsächlich wieder einmal gut mit ihm gemeint.

Auf Zehenspitzen näherte er sich der Durchreiche, hinter der das Gesellschaftszimmer lag, in dem er von dem angeblichen Cheffriseur Roger Calbot schon erwartet wurde. Ohne sich etwa zu genieren, legte der Butler sein Ohr an die Klappe der Durchreiche.

Vorerst war aber nichts anderes wahrzunehmen als starkes Husten. Aber ein Butler Parker gab sich schon mit solchen Kleinigkeiten zufrieden. Waren sie doch seinen Erfahrungen nach der Auftakt zu wichtigeren Dingen...

*

»Verflixt, diese alte Krähe läßt sich aber Zeit«, redete kurz darauf ein Mann deutlich los. »Buck, sieh mal nach, wo er steckt... Wahrscheinlich hat dieser Trottel sich nicht merken können, in welchem Zimmer man auf ihn wartet.«

Die Antwort des angeredeten Buck bestand aus einem gereizten Knurren, dann waren leise Schritte zu vernehmen.

Josuah Parker war keineswegs prüde oder übelnehmerisch. Er brauchte kein Prophet zu sein, um zu wissen, daß man ihn gemeint hatte. Zudem war er schon mehrmals als eine alte Krähe bezeichnet worden. So etwas konnte ihn nicht mehr aus der Fassung bringen.

»Noch nichts zu sehen«, rief Buck leise zurück. »Soll ich vielleicht mal zur Treppe gehen, Louis...?«

»Ja, aber sei vorsichtig...!«

Butler Parker machte es sich an der Durchreiche bequem und überlegte, was in den kommenden Minuten getan werden mußte. Erfuhren seine beiden Gastgeber, daß er nach oben gegangen war, dann wurden sie automatisch mißtrauisch und setzten sich ab. Aber daran lag dem Butler nur sehr wenig. Es war ihm nicht darum gegangen, seine Haut zu retten, nein, er wollte Informationen sammeln, um im Spiel bleiben zu können.

»Nichts zu sehen«, meldete Buck von der Tür her. »Wohin mag die Krähe nur gegangen sein...?«

»Ob sie mißtrauisch geworden ist?« fragte Louis zurück.

»Parker ist vielleicht einen Stock zu hoch gegangen und sucht dort nach dem Zimmer.«

»Na gut, warten wir noch ein paar Minuten...«

Josuah Parker hörte deutlich, daß die Tür zum Gesellschaftszimmer geschlossen wurde. Die beiden Gangster waren also wieder unter sich. Der Butler brannte darauf, ihre Gesichter betrachten zu können. Er hatte das Gefühl, die beiden maskierten Gangster, die James Ortner erschossen hatten, seien hier wiederum vertreten.

Im Gesellschaftsraum läutete das Telefon.

Louis meldete sich. Er sagte aber nur »Hallo«, nannte aber leider nicht seinen Hausnamen.

»Nein, Chef«, erwiderte er mit einer Stimme, in der sich Hochachtung und Respekt mischten, »noch nicht hier... muß aber gleich kommen. Geht in Ordnung, Chef...! Wir werden anschließend sofort abhauen und weitere Nachrichten abwarten... Falls es nicht klappen sollte...? Aber es klappt bestimmt... Er ist sofort auf den Leim gegangen... Gut, dann werden wir ihn in seiner Bude aufsuchen - Sie können sich auf uns verlassen! Ganz sicher...!«

Louis legte wieder auf. Er redete leise mit Buck. Leider konnte der Butler jetzt nur sehr wenig verstehen. Gerade jetzt, wo sie sich vielleicht wichtige Dinge zu sagen hatten.

Die Minuten verrannen, aber erklärlicherweise erschien die erwartete alte Krähe nicht auf der Bildfläche.

Die beiden Gangster waren mit dieser Entwicklung nicht sehr einverstanden. Butler Parker hingegen kam zu der Meinung, daß es langsam allerhöchste Zeit wurde, etwas zu arrangieren. Schließlich durfte er den jungen Mann nicht vergessen, der an seiner Melone gestrandet war - falls dieser zu den beiden Gangstern gehörte, die ihn sehnsüchtig erwarteten.

Vorsichtig legte der Butler den Verschlußriegel an der Durchreiche herum und zog aus der rechten Manteltasche einen sehr handlichen, automatischen Revolver, der in seiner rechten Hand recht bedrohlich ausschaute.

Nun war nur zu hoffen, daß nicht einer der Gangster ausgerechnet in diesem Moment die Durchreiche beobachtete. Parker ließ die Klappe langsam herunter und warf einen schnellen, prüfenden Blick in das kleine, sehr üppig ausgestattete Gesellschaftszimmer.

Nein, die beiden Gangster dachten nicht im Traum daran, daß die alte Krähe, wie sie Parker respektlos bezeichnet hatten, ihnen bereits im Nacken saß. Sie hatten Blickrichtung zur Tür genommen und ließen sie nicht aus den Augen.

»Irgend etwas stimmt doch da nicht«, erklang die Stimme Bucks. »Der Kerl müßte doch längst hier sein... Ob der wohl Lunte gerochen hat und getürmt ist?«

»Wieso soll er Lunte gerochen haben?« fragte Louis zurück. »Dieser Trottel war doch fest überzeugt, er hätte den Friseur an der Strippe gehabt...! Der kommt schon noch... Wir haben noch Zeit.«

»Meine Zeit ist hingegen recht knapp...«, ließ sich Butler Parker in diesem Moment vernehmen. »Ich darf wohl erwarten, daß Sie mir keine Dummheiten machen, nicht wahr...?«

»Verdammt«, fluchte Buck laut auf.

Aber die beiden Gangster machten keine Dummheiten. Sie konnten sich im ersten Moment zwar nicht erklären, wieso die erwartete Krähe sie auf einmal ansprechen wollte. Aber sie stellten keine Fragen, sondern handelten so, wie sie es sich in solchen Situationen angewöhnt hatten. Sie hoben ihre Arme weit über den Kopf, ein Zeichen, daß sie zur Zeit nichts unternehmen wollten.

»Ich sehe, man hat mich verstanden«, sagte Parker lobend. »Ausgezeichnet, ich merke gleich, daß ich es mit Fachmännern zu tun habe... Sie können sich jetzt übrigens langsam zu mir umdrehen. Ich brauche wohl erst gar nicht zu erklären, daß ich mich im rechtmäßigen Besitz einer Waffe befinde, nicht wahr?«

Doch ja, Butler Parker war ein höflicher Mensch.

Und daher wirkte er auch eigentlich recht naiv und dumm, wie es in unserer Zeit leider eben ist. Höfliche Menschen werden automatisch für dumm und naiv gehalten. Brutale Kraftmeier hingegen für gerissen und ausgekocht. Als sich die beiden Gangster nämlich langsam umgedreht hatten, entdeckten sie den erwarteten Butler in der Durchreiche. Und im gleichen Moment sahen sich Louis wie auch Buck veranlaßt, etwas gegen Josuah Parker zu unternehmen.

Sie spritzten blitzschnell auseinander und versuchten hinter schweren Klubsesseln Deckung zu nehmen.

Parker ließ ihnen keine Chance, ihn als Ziel aufzunehmen. Erstaunlicherweise schoß er auch nicht, obwohl die Waffe doch in seiner Hand lag.

Er begnügte sich damit, von der Durchreiche wegzuhuschen. Dann eilte er zur Tür, erreichte den Korridor und verschwand auf der Treppe. Er hörte zwar noch einige dumpfe »Plopp«, also Schüsse, die mit Schalldämpfer abgefeuert worden waren, kümmerte sich aber nicht weiter darum. Er hatte sie provoziert und wollte nun Kapital daraus schlagen.

Parker schritt durch die Halle des Restaurants, erreichte die Straße und winkte schnell ein Taxi zu sich heran, das gerade zwei Fahrgäste abgesetzt hatte.

»Warten wir einen Moment hier«, sagte der Butler. »Gleich werden dort im Hoteleingang zwei Männer auftauchen und sich in einen Wagen setzen. Diesem Wagen bitte ich zu folgen. Nehmen Sie inzwischen dies als erste Anzahlung auf ein Trinkgeld. Ich bin sicher, daß es Ihrer Geschicklichkeit gelingen wird, den Wagen dann nicht aus den Augen zu verlieren.«

Der Fahrer, ein stämmiger Mann, verschluckte angesichts der Banknote einige Fragen und beschloß, sich auch noch die zweite Hälfte des Trinkgeldes zu verdienen.

Schon nach knapp einer Minute erschienen Louis und Buck im Hoteleingang, gingen ein paar Meter die Straße hinunter und setzten sich in einen unauffälligen Ford, mit dem sie dann losfuhren.

»Jetzt überlasse ich alles weitere Ihnen«, sagte Parker zu seinem Fahrer und ließ sich durch die Straßen kutschieren.

Der Taxifahrer war recht geschickt. Er blieb hartnäckig am Ford hängen, sorgte aber dafür, daß sein Wagen von anderen Verkehrsteilnehmern gedeckt wurde.

»Der Ford biegt in eine Tiefgarage ab...!« meldete der Fahrer nach einer Weile. »Soll ich anhalten?«

»Kennen Sie diese Garage...?«

»Klar... gehört doch zum Bürohochhaus.«

»Besitzt die Garage eine zweite Ein- oder Ausfahrt?«

»Nein... weiß ich ganz sicher.«

»Nun gut, dann halten Sie... Aber wir wollen doch noch etwas warten. Das heißt, ich werde jetzt meine Füße gebrauchen und Ausschau halten. Das hier nehmen Sie inzwischen als Zwischenzahlung. Warten Sie zehn Minuten, wenn ich bis dahin nicht zurückgekommen sein sollte oder mich sonst irgendwie bemerkbar gemacht habe, dann fahren Sie zu dieser Adresse und erzählen Sie dem Herrn, was Sie gesehen und was Sie gehört haben. Ein weiteres Trinkgeld wird Ihnen dann sicher sein. Haben wir uns verstanden...?«

»Sie können sich auf mich verlassen«, erwiderte der Fahrer und steckte die Banknote und die Visitenkarte ein, auf der die Adresse des Anwalts Mike Rander verzeichnet war. Nachdem sich der Butler so abgesichert hatte, beeilte er sich, die Straße zu überqueren und in die Tiefgarage zu gelangen.

Kein Mensch kümmerte sich um ihn.

Einige Passanten kamen aus den unterirdischen Gewölben, wo sie ihre Wagen abgestellt hatten. Ein paar Negerwäscher putzten und polierten an abgestellten Wagen herum. Weit in der Tiefe der unterirdischen Garage heulte ein Motor auf. Man sah gleißendes Licht überall. Richtungsschilder wiesen in die einzelnen Abteilungen. Eine rote Inschrift, gekoppelt mit einem Richtungspfeil, machte auf den Lift aufmerksam, der bis hinunter in die Garage reichte.

Wohin mochte der Ford gefahren sein?

Wahrscheinlich doch bis in die unmittelbare Nähe des Liftschachtes. Parker kannte sich in der Mentalität der Gangster aus. Sie liebten bestimmt keine Fußmärsche und machten es sich so bequem wie nur eben möglich.