Butler Parker – Jubiläumsbox 6 – E-Book: 29-34

Butler Parker
– Jubiläumsbox 6–

E-Book: 29-34

Günter Dönges

Impressum:

Epub-Version © 2016 KELTER MEDIA GmbH & Co. KG, Sonninstraße 24 - 28, 20097 Hamburg. Geschäftsführer: Patrick Melchert

Originalausgabe: © KELTER MEDIA GmbH & Co.KG, Hamburg.

Internet: http://www.keltermedia.de

E-mail: info@kelter.de

Dargestellte Personen auf den Titelbildern stehen mit dem Roman in keinem Zusammenhang.

ISBN: 978-3-74093-136-0

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Parker … Hongkong … Gelbe Drachen

Roman von Günter Dönges

Das schwere Wurfmesser war deutlich in der Luft zu sehen.

Es schwirrte durch den Sonnenglast und galt einem jener Passagiere, die die Boeing 707 verließen und die Gangway hinunterkamen. Die Frauen und Männer auf der Treppe ahnten nichts davon. Sie alle hatten erwartungsfrohe und heitere Gesichter. Einige von ihnen hatten die Arme erhoben und winkten zum Flughafengebäude des Kaitak Airports hinüber. Hinter der gerade gelandeten Maschine erhob sich ein durchsichtiger gelb gefärbter Staubschleier. Durch ihn waren die Gipfel der Kowloon-Mountains zu sehen. Über allem lastete die gnadenlose, grelle Sonne von Hongkong.

Das Wurfmesser hatte sein Opfer erreicht.

Es stak in der Brust eines Mannes, der etwa vierzig Jahre alt sein mochte. Er war untersetzt und besaß die Andeutung eines kleinen runden Bauches. Er trug einen zerdrückten Sommeranzug und war auf den Stufen der Gangway zusammengebrochen.

Die Passagiere vor ihm auf der Treppe hatten noch nichts bemerkt. Die Gäste hinter dem Getroffenen beugten sich vor. Einige von ihnen deuteten auf den abrutschenden Mann.

Mit der linken Hand umklammerte er den Griff einer dunklen Aktentasche. Die rechte Hand aber hatte sich um das Heft des Wurfmessers gelegt, als wollte sie im letzten Moment noch die Waffe aus der tödlichen Wunde ziehen.

»Reiner Zufall, daß diese beiden Fotos geschossen wurden«, sagte Inspektor McParish vom Kriminal-Departement. »Sie stammen von einem Andenkenfotografen. Ich fürchte, sie werden uns nicht besonders helfen.«

Anwalt Mike Rander legte die beiden Aufnahmen zurück auf den Schreibtisch des Inspektors. Mit langsamen Bewegungen zündete er sich eine Zigarette an.

»Weiß man, wer das Opfer ist?« fragte er dann.

»Natürlich. Der Mann heißt Larry Croften und stammt aus Miami. Er war Miss Morefields Vermögensverwalter.«

»Zum erstenmal hier in Hongkong?«

»Den Eintragungen in seinem Paß nach zu urteilen, zum erstenmal«, bestätigte Inspektor McParish, ein drahtiger, mittelgroßer Mann von etwa 45 Jahren.

Die Sonne von Hongkong hatte ihm im Laufe langer Dienstjahre jedes unnötige Gramm Fett aus dem Körper gebrannt. Sein Gesicht mit den grauen kühlen Augen war lederartig gespannt.

»Wann wurde er genau ermordet?« fragte Mike Rander.

»Vor knapp einer Woche«, erwiderte der Inspektor. »Es passierte, wie ja auf den Fotos zu sehen ist, gleich nach der Landung. Von den Tätern fehlt leider jede Spur.«

»Konnte die Aktentasche, die auf den beiden Fotos zu sehen ist, sichergestellt werden?« schaltete sich Josuah Parker ein. Im Gegensatz zu McParish und Mike Rander, die sich ihre Jacketts ausgezogen hatten und in Hemdsärmeln waren, trug der Butler seinen pechschwarzen Dienstanzug. Der weiße Eckkragen wirkte wie frisch gestärkt. Seine Hände, die in schwarzen Zwirnhandschuhen staken, hielten die steife Melone und den unvermeidlichen, altväterlich gebundenen Universal-Regenschirm.

»Verflixt, Parker, schwitzen Sie eigentlich nicht?« stöhnte Mike Rander. Obwohl er unter dem Deckenventilator saß, griff er verzweifelt nach dem Tischwirbler und lenkte den Luftstrom auf sein Gesicht.

»Ich gestatte es mir einfach nicht, mich der Transpiration hinzugeben«, gab Josuah Parker würdevoll und auch etwas tadelnd zurück. Während er redete, ließ er den Inspektor nicht aus den Augen. McParish unterdrückte ein Grinsen. In Hongkong hatte er schon manch seltsamen Vogel kennengelernt. Menschliches war ihm nicht mehr fremd. Doch dieser Butler Parker übertraf alle Vorgänger. Er war einmalig skurril.

»Die Aktentasche wurde sichergestellt«, antwortete McParish. »Sie enthielt Geschäftsunterlagen, Papiere, einiges Bargeld. Rückschlüsse auf den Mörder läßt der Inhalt nicht zu.«

»Könnten wir uns die Tasche mal ansehen?« bat der junge, sympathisch aussehende Anwalt, der nicht wie ein Strafverteidiger, sondern eher wie ein Sportsmann aussah. Dunkelgraue Augen, braunes Haar und regelmäßig geschnittenes, ovales Gesicht verliehen ihm das Aussehen eines großen netten Jungen, mit dem man Pferde stehlen konnte.

»Klar, läßt sich machen«, beantwortete McParish die Frage. Er beugte sich über das Mikrofon seiner Sprechanlage, drückte einen Knopf und gab seine Order durch. Dann wandte er sich wieder Rander zu. »Seit wann sind Miss Morefields Briefe ausgeblieben?«

»Seit fast drei Wochen«, gab Rander zurück. Er hatte alle wichtigen Daten im Kopf. »Da sie aber weiterhin ihr Konto plünderte, fuhr Croften hierher nach Hongkong.«

»Hat Miss Morefield eine Verfügungsgewalt über das Konto?« fragte Inspektor McParish.

»Seit einem halben Jahr, nachdem sie großjährig geworden ist.« Mike Rander griff erneut nach dem Tischventilator und blies sich kühle Luft auf die schwitzende Haut. »Sie ist nach dem Tod ihrer Eltern Alleinerbin des Familienvermögens.«

»Muß sich wohl um viel Geld handeln, wie?«

»Darauf können Sie Gift nehmen, sonst hätten Miss Morefields Verwandte nicht so schnell Alarm geschlagen und uns gebeten, den Dingen nachzugehen. Um es rundheraus zu sagen, wir sollten Anwalt Croften in seinen Ermittlungen unterstützen.«

»Darauf wird er jetzt wenig Wert legen, fürchte ich.«

»Warum wurde dieser harmlose Mann ermordet?« fragte sich Rander laut. Dabei sah er den Kriminalinspektor an. »Ich vermisse jedes Motiv. Er hatte mit seiner Arbeit noch gar nicht begonnen.«

»Der Mörder wird die Antwort geben können, nicht ich.« McParish griff nach dem Tischventilator und fächelte sich damit kühle Luft zu. Er übersah, daß Randers Hand bereits darauf wartete, wieder nach dem Ventilator zu greifen.

Parker tat so, als ob er von der schwülen, drückenden Hitze im Dienstzimmer nichts bemerke. Er schien eine Klimaanlage unter dem Rock zu haben. Zurückhaltend, würdevoll, aber auch sehr aufmerksam verfolgte er die Unterhaltung.

»Haben Sie inzwischen herausbekommen, wo Miss Morefield zur Zeit wohnt?« erkundigte sich Mike Rander weiter.

»Erkundigt schon, Mr. Rander, aber leider ohne Ergebnis. Sie ist wie vom Erdboden verschwunden.«

»Könnte sie Hongkong verlassen haben?«

»Offiziell nicht. Aber denken Sie an die vielen Dschunken, die wir einfach nicht kontrollieren können. Wenn Sie mich fragen, so ist Miss Morefield nicht in Erpresserhänden. Sie wird sich einen netten Begleiter zugelegt haben und in den Bergen irgendwo Honigmond feiern.«

»Und zusätzlich ihr Bankkonto plündern«, meinte Rander lächelnd. »Mag ja alles stimmen und zutreffen, McParish, aber warum schreibt sie dann nicht? Warum gibt sie ihre teure Wohnung auf? Warum beantwortete sie nicht die Telegramme ihres Vermögensverwalters Croften? Nein, da muß etwas Böses mit ihr passiert sein!«

»Das ist natürlich nicht ausgeschlossen«, räumte Inspektor McParish ein. Er erbarmte sich und reichte den Tischventilator an Mike Rander zurück, der dankbar aufstöhnte. »Hier in Hongkong passieren ja die unglaublichsten Dinge. Erpressung und Entführung sind unser tägliches Brot.«

»Wo könnte man den Hebel ansetzen, Inspektor?«

»Sie brauchen Zugang zu der Unterwelt.«

»Wo finde ich den?«

»Ich kann’s nur inoffiziell tun. Ich werde Ihnen eine Telefonnummer geben. Ein gewisser Li Wang wird sich melden. Sagen Sie ihm, was vorliegt?«

»Kann man sich auf ihn verlassen?« wollte Mike Rander wissen.

»Da überfragen Sie mich, Rander. Er ist gerissen und verschlagen. Wenn er Tips liefert, dann nur, um seine eigenen Fäden zu spinnen. Versuchen Sie’s mit ihm, aber seien Sie auf der Hut.«

Inspektor McParish erinnerte sich, daß er eine Order gegeben hatte. Er drückte noch mal die Taste der Sprechanlage und fragte nach der sichergestellten Aktentasche des ermordeten Larry Croften. Im gleichen Moment klopfte es an der Tür, und ein uniformierter Beamter betrat den Raum. Er salutierte, ging zum Schreibtisch und beugte sich zum Inspektor hinunter. Er flüsterte ihm einige Worte ins Ohr.

Das Gesicht von McParish färbte sich rot. Einen Moment lang sah er verlegen und etwas unglücklich aus. Doch dann räusperte er sich knapp.

»Die Tasche ist aus dem Asservatenraum verschwunden«, sagte er zu Rander. »Daß uns das passieren muß! Einfach unglaublich!«

»Darf ich Ihre Worte dahingehend interpretieren, daß die bewußte Aktentasche gestohlen worden ist?« schaltete sich Josuah Parker in die Unterhaltung ein.

»Sie dürfen, verdammt noch einmal«, schimpfte McParish. »Ich finde einfach keine Worte …!«

»Suchen Sie sie inzwischen«, meinte Anwalt Rander und stand auf. Er griff nach seinem Jackett. »Wir werden uns inzwischen um Miss Morefield kümmern. Sie erreichen uns im ›Queens‹. Wir werden hier auf der Insel wohnen.«

»Drüben im Kowloon wohnen Sie aber besser.« McParish war nicht ganz bei der Sache. Der Diebstahl der Tasche saß ihm in den Knochen.

»Hier auf der Insel hat Miss Morefield aber gewohnt. Wir wollen all ihren Schritten nachgehen, Inspektor. Falls wir auf eine Spur stoßen, werden wir Sie verständigen.«

»Ich halte Ihnen die Daumen«, sagte McParish. »Sie werden sehr viel Glück brauchen. Sie ahnen ja nicht, was sich in dieser verrückten Stadt abspielt …«

*

Selbst Josuah Parker war beeindruckt. Und das wollte schon etwas heißen.

Wanchai, die eigentliche Chinesenstadt der Insel Hongkong, glich einem aufgescheuchten, wimmelnden Ameisenhaufen. Scharen von Rikschahkulis mit ausgemergelten, alten Gesichtern trabten durch die engen, überfüllten Straßen. Lastenträger balancierten abenteuerlich Lasten an langen, schwankenden Bambusstangen durch das Gewühl. Das Geschrei der Warenausrufer, das Hupen der Autos und das irre Geklingel der Radfahrer peinigte die Ohren. Seidenfahnen mit chinesischen Schriftzeichen flatterten von Häusern, Geschäften und Lokalen bis fast zur Straße herunter. Es roch nach Fisch, nach seltsamen Gewürzen, nach Schweiß, nach Hunger, Armut, Leidenschaften und Gier. Wanchai, der Halbinsel Kowloon fast genau gegenüber gelegen, war ein riesiger brodelnder Topf, der überkochte.

Doch nicht nur Parker war beeindruckt.

Selbst die Chinesen, die ihre Neugier kaum zeigen, rätselten an diesem seltsam gekleideten Mann herum, der trotz der schwülen Hitze in korrektes Schwarz gekleidet war, der eine steife Melone trug und einen Regenschirm mit sich führte.

Prüfende und mißtrauische Blicke aus schwarzen Jettaugen trafen den Butler, der aber nichts zu bemerken schien. Er war es schließlich gewohnt, daß er Aufsehen erregte.

Anwalt Mike Rander und sein Butler waren auf dem Weg zu den Kassenschaltern der ›Victoria Bank of Hongkongs die an der Nahtstelle zwischen Wanchai und Victoria City lag. Von dieser Bank aus war das Morefield-Vermögen drüben in den Staaten bisher angezapft worden. Dort mußte Jane Morefield mehr als nur gut bekannt sein.

Parker und sein junger Herr Mike Rander blieben auf der Connaught Road Central immer wieder stehen. Hinreißend war der Blick auf den Meeresarm, der Kowloon von der Insel Hongkong trennt. Nicht umsonst wird Hongkong von erfahrenen Kennern als die schönste Stadt der Welt bezeichnet.

Im tiefen Fahrwasser ankerten Kriegsschiffe und Flugzeugträger Ihrer Majestät der Königin. Schnelle Fähren transportierten wahre Heerscharen von Menschen hinüber nach Kowloon und wieder zurück. Die vielen vorgelagerten kleinen Inseln und die Hafenbecken waren umsäumt und angefüllt mit Hausbooten und Dschunken. Auf Kowloon waren die schroff ansteigenden Berge deutlich zu erkennen. Nur wenige Meilen dahinter befand sich bereits der Bambusvorhang, hinter dem das rotchinesische Territorium beginnt.

Die Räume der »Victoria Bank of Hongkong« waren im Erdgeschoß eines hohen Geschäftshauses aus Beton, Glas und Stahl untergebracht. Mike Rander ließ sich bei dem leitenden Manager anmelden. Sie brauchten nur wenige Minuten zu warten, bis sie zu ihm geführt wurden. Ein rundlicher Chinese mit sehr wachsamen Augen kam freundlich lächelnd auf Rander und Parker zu. Der Mann trug einen europäisch geschnittenen Anzug und stellte sich als Ty Hong vor. Höflich erkundigte er sich nach den Wünschen seiner Besucher.

Mike Rander ging geradewegs auf sein Ziel zu. Er nannte seinen Namen, legitimierte sich und legte seine Vollmachten der Familie Morefield auf den Tisch.

»Sie forschen nach Miss Morefield?« fragte Ty Hong erstaunt zurück. »Aber warum denn das?«

»Es besteht der Verdacht, daß sie entführt worden ist und erpreßt wird«, gab Rander zurück.

»Ausgeschlossen, Sir«, widersprach der Manager und schüttelte den Kopf. »Miss Morefield war erst vor knapp einer Stunde hier bei uns und hob zehntausend Dollar ab!«

»Wie bitte?« Mike Rander sah den Bankmanager ungläubig an.

»Es entspricht den Tatsachen. Ich habe selbst für Miss Morefield die Formalitäten erledigt. Sie erfreute sich bester Gesundheit.«

»Sind Sie sicher, daß es Miss Morefield gewesen ist?«

»Selbstverständlich. Daran besteht gar kein Zweifel.« Ty Hong sprach ein hartes, aber sehr gut zu verstehendes Englisch. »Ich kenne Miss Morefield seit drei Monaten. Seinerzeit habe ich mir alle Unterlagen und Papiere genau angesehen. Ich weiß, daß ich die ganze Zeit über mit Miss Morefield verhandelt habe.«

»Sehr schön.« Mike Rander setzte sich. »Dann wissen Sie auch, wo wir Miss Morefield erreichen können?«

»Ich werde Ihnen die Adresse geben. Schade, daß Sie nicht schon vor einer Stunde gekommen sind, Sie hätten sich dann sofort mit ihr in Verbindung setzen können.«

Ty Hong griff nach einem Scheck, der vor ihm auf der Schreibunterlage lag. Er hielt ihn hoch und wies auf die Unterschrift. Er sagte:

»Das hier ist Miss Morefields Handschrift. Und hier haben Sie auch ihre Adresse. Sie wohnt, warten Sie, an der Repulse-Bay, im Süden der Insel. Ganz in der Nähe des dortigen Country-Clubs.«

»Werden wir das Haus finden?«

»Natürlich. Aber ich mache Ihnen den Vorschlag, Miss Morefield doch anzurufen. Sie hat telefonischen Anschluß. Ich glaube, sie wird gegen Abend bestimmt wieder zu Hause sein. Wie sie mir sagte, wollte sie noch drüben in Kowloon Einkäufe machen.«

»Wie ist die Telefonnummer?«

Der Manager holte einen Zettel und schrieb Adresse und Telefonnummer nieder. Als er Rander den Zettel reichte, schüttelte er noch mal den Kopf.

»Miss Morefield und erpreßt werden? Völlig ausgeschlossen, wenn Sie mich fragen.«

»Wissen Sie, warum sie ihre Wohnung verlassen hat, ohne ihre neue Adresse anzugeben?«

Ty Hong lächelte wissend.

»Miss Morefield ist noch recht jung«, antwortete er. »Vielleicht hat sie eine Romanze. Wer kennt sich in den Herzen junger Frauen aus?«

»Darf ich mir eine bescheidene Frage erlauben?« mischte sich Josuah Parker in die Unterhaltung ein. Dann, bevor er die Erlaubnis dazu bekam, redete er weiter: »Sprach Miss Morefield davon, daß sie den Besuch ihres Vermögens Verwalters erwartete?«

»Nein«, sagte Ty Hong knapp und abwehrend.

»Wurde Miss Morefield heute bei ihrem Bankbesuch begleitet?«

»Allerdings. Sie unterhielt sich mit einem jungen, sehr sportlich aussehenden Mann. Er blieb allerdings im Schalterraum zurück, als Miss Morefield hierher zu mir kam.«

»Ist Ihnen dieser junge Mann bekannt?«

»Leider nein, ich hatte ihn noch nie gesehen. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?«

»Im Moment nicht«, gab Rander lächelnd zurück. »Mir scheint, alle Fragen werden sich bald beantworten lassen.«

»Es war mir eine Ehre und ein Vergnügen, Ihnen geholfen zu haben«, sagte der Bankmanager und geleitete sie zur Tür.

Im Korridor lachte Rander leise auf.

»Sie werden sich hier in Hongkong aber noch mächtig anstrengen müssen«, sagte er zu Josuah Parker.

»Und warum, Sir, wenn mir diese Frage gestattet ist?«

»Ich habe das Gefühl, die Chinesen können sich noch wesentlich umständlicher und höflicher ausdrücken als Sie.«

Parker verzichtete auf eine Antwort. Ob er sich Mike Randers Worte durch den Kopf gehen ließ, war fraglich. Im Grunde brauchte er Vergleiche dieser Art ja niemals zu scheuen …

*

Mike Rander stand am Rand der asphaltierten Fahrbahn und sah sich nach einer Rikschah um. Er hatte keine Lust mehr, durch die sengende Hitze zu laufen. Er sehnte sich nach einem kühlen Drink, nach Schatten und nach einer voll aufgedrehten Klimaanlage.

Plötzlich hörte er links neben sich spitze, gellende Schreie. Im gleichen Moment legte sich eine harte Hand auf seine Schulter. Mike Rander wurde ruckartig zurückgerissen, verlor das Gleichgewicht und stürzte zu Boden.

Bruchteile von Sekunden später sauste dicht an ihm ein schneller Kleinlastwagen vorbei, der nun zurück auf die Fahrbahn tanzte und im Gewühl der auseinanderspritzenden Menschen verschwand.

Mike Rander fluchte in sich hinein. Für Überraschungen dieser Art war die Hitze zu groß. Er hörte hinter sich Josuah Parkers Stimme.

»Ich möchte mir zu bemerken erlauben, Sir, daß das kein Zufall gewesen sein kann.«

»Helfen Sie mir auf, Parker!« Mike Rander war noch etwas benommen. Parker hatte natürlich recht. Er war gerade einem sehr einfachen, aber auch sehr wirkungsvollen Mordanschlag entgangen. Parker hatte ihm wieder in letzter Sekunde das Leben gerettet.

»Einen Moment, Sir.« Parker hatte Rander aufgeholfen. Jetzt zauberte er aus einer seiner Rocktaschen eine schmale Staubbürste. Damit entfernte er einige Schmutzspuren von Randers Anzug. Parker schien den bösen und drohenden Zwischenfall bereits vergessen zu haben. Im Moment interessierte ihn nur Randers Anzug.

»Wir dürften bereits unangenehm aufgefallen sein«, meinte der Anwalt und wehrte Parkers Säuberungsversuche ab. »Verschwinden wir, Parker! Ich habe keine Lust, ein Wurfmesser mit meinem Rücken aufzufangen!«

»Ich möchte mir die Feststellung erlauben, Sir, daß wir wahrscheinlich seit der Landung beobachtet werden.«

»Kaum zu glauben, Parker. Wer weiß denn von unserem Auftrag, vom Termin unseres Eintreffens? Vielleicht ist das eben doch nur ein dummer Zufall gewesen.«

»Ich wage zu widersprechen, Sir. Es handelte sich, wie ich mit aller Deutlichkeit feststellen möchte, um einen wohlüberlegten Mordversuch. Wenn ich so frei sein darf, schlage ich vor, die dortige Rikschah zu nehmen und zurück ins Hotel zu fahren.«

In der Rikschah zündete sich Mike Rander eine Zigarette an. Erst jetzt spürte er den Schock des Anschlages. Nein, ein Irrtum oder ein Zufall schieden aus. Ein Mord war geplant worden. Man hatte ihn wie den Vermögensverwalter Croften umbringen wollen. Hier sollten Dinge verschleiert werden, die das Licht der Öffentlichkeit zu scheuen hatten. Wer mochte hinter dem Mord an Croften und hinter diesem Mordanschlag stehen? Etwa Jane Morefield? Nun, sie selbst wußte doch nicht, daß ihre Verwandten Rander und Parker beauftragt hatten, hier in Hongkong nach dem Rechten zu sehen. Wer besaß so erstaunliche Informationen? Wer mochte die Karten mischen …?

*

Hell und dünn wie die eines Kindes, so war die Stimme des ehrenwerten Li Wang, der sich am Telefon meldete. Er hatte den Vorzug, mit Josuah Parker zu sprechen. Kaum im Hotel angelangt, hatte Parker diesen Mann angerufen.

»Gern verkaufe ich Ihnen meine Mitarbeit«, sagte Li Wang. »Darf ich Sie in Ihrem Hotel besuchen?«

»Wir erwarten Sie«, antwortete Parker würdevoll.

»Und von wem erfuhren Sie meine Adresse?« Das Englisch des Chinesen war recht schlecht.

»Inspektor McParish.«

»Welch eine Ehre«, gab Li Wang zurück. »Er scheint mir vergeben zu haben. Erwarten Sie mich in einer halben Stunde. Ich werde mich beeilen.«

Josuah Parker legte den Hörer auf und griff gedankenversunken nach seinem Zigarrenetui. Im letzten Moment, als er sie bereits anzünden wollte, dachte er daran, daß er ja nicht allein war. Mike Rander konnte das von Parker gerühmte Aroma dieser Spezialzigarren nicht vertragen und flüchtete regelmäßig, wenn Parker nur nach diesem Etui griff.

Mike Rander befand sich im angrenzenden Badezimmer. Dort stand er unter der Dusche und erfrischte sich. Parker stand am Fenster des Hotelzimmers und schaute auf die See hinaus. Seine sonst so krausen Gedanken liefen auf Hochtouren. Er versuchte, verschiedene Tatsachen und Beobachtungen in ein Schema einzubauen.

Am Luftzug spürte er plötzlich, daß die Tür geöffnet wurde. Als er sich umwandte, sah er zwei Männer, die sich in das Zimmer hineinschoben. Es waren Chinesen, klein, mager, drahtig. Sie trugen korrekte Anzüge und sahen auf den ersten Blick recht harmlos aus.

Nur die Pistolen, die sie in Händen hielten, waren weniger harmlos.

»Was darf und kann ich für Sie tun?« fragte er. Er zuckte mit keiner Wimper, zeigte keine Angst. Vielleicht hatte er sogar keine Angst. Bei Parker war eben alles möglich.

»Gutel Lat geben«, sagte der Chinese, der eine knallrote Krawatte trug und den Wortführer machte. »Gutel Lat geben, velstehen?«

»Ich kann Ihnen geistig folgen«, erwiderte Parker höflich. »Wenn ich richtig verstanden habe, wollen Sie mir einen guten Rat geben.«

»Lichtig«, redete der Chinese weiter. »Da er das ›R‹ nicht aussprechen konnte, hielt er sich an das leichtere ›L‹. »Fahlen Sie sofolt zulück nach England. Hiel zu gefähllich fül Sie, velstehen?«

»Ihre Deutlichkeit läßt viel zu wünschen übrig«, meinte Parker würdevoll. »Von wem stammt dieser Ratschlag, wenn ich fragen darf?«

»Gelbe Dlachen von Hongkong. Sie velstehen?«

»Haben Sie Mister Croften gewarnt, als er in Hongkong landete?«

»Keine Flagen stellen«, meinte der Chinese streng und hob die Mündung seiner Waffe an. »Gehen! Sofolt, vielundzwanzig Stunden Zeit; Velstehen«

»Und falls etwas dazwischenkommt?« wollte Josuah Parker wissen.

»Gelbe Dlachen dann töten«, drohte der Gangster im korrekten Anzug. »Vielundzwanzig Stunden Zeit, dann wil töten!«

»Noch eine Frage. Ist Miss Morefield mit Ihrem Vorgehen eigentlich einverstanden?«

»Zuviel geflagt, keine Antwolt. Denken an Gelbe Dlachen. Will töten molgen!«

»Ich werde es ausrichten«, versprach Josuah Parker höflich. »Vielen Dank für die Warnung. Und meine Empfehlung an den Oberdrachen, falls es ihn geben sollte, was ich allerdings unterstellen möchte.«

Die beiden chinesischen Gangster sahen den Butler aus gefährlich geschlitzten Augen an. Nur zu gern hätten sie geschossen. Doch sie hatten Anweisungen, die vorerst anders lauteten. Sie verbeugten sich und waren im gleichen Moment auch schon aus dem Zimmer verschwunden.

Parker ging zur Badezimmertür und klopfte an. Mike Randers Stimme blieb aus.

Parker klopfte lauter. Er hörte das Rauschen des Wassers, aber nicht die Stimme seines Herrn. Unruhig geworden, öffnete er nun die Badezimmertür.

Die Tür zum angrenzenden, benachbarten Zimmer, in dem Mike Rander wohnte, war weit geöffnet.

Josuah Parker sah für wenige Augenblicke eine schlanke Frau, die einen chinesischen Cheongsam trug, ein Kleid im chinesischen Schnitt, das bis zu den Schenkeln geschlitzt war. Diese Frau huschte wie ein flüchtiger Schatten auf die Eingangstür zu und verschwand.

Der Butler ging durch das Badezimmer, das sein Zimmer von dem Mike Randers trennte. Er rief den Namen des Anwalts, doch die erwartete Antwort blieb aus.

Das Zimmer war leer.

War Anwalt Mike Rander freiwillig gegangen? Oder war er von dem Gelben Drachen bereits gekidnappt worden?

*

Nein, Mike Rander konnte sein Hotelzimmer nicht verlassen haben. Sein Rock hing über der Stuhllehne. Und seine Brieftasche, die herausgezogen war, lag geöffnet auf dem kleinen Schreibtisch. Sie war von der Frau im Cheongsam geöffnet und durchsucht worden.

Gehörte sie zu den beiden chinesischen Gangstern?

Parker widmete sich einer im Moment viel wichtigeren Frage, er suchte nach seinem jungen Herrn, für den er sich in allen Lebenslagen immer verantwortlich fühlte.

Das Rauschen der Dusche lockte ihn zurück in das Badezimmer. Sollte Anwalt Mike Rander von den Besuchern überhaupt nichts bemerkt haben? Parker blieb vor der Duschnische stehen und klopfte gegen die Milchglasscheibe, hinter der das Wasser rauschte.

Als er keine Antwort erhielt, ging er der Sache auf den Grund. Er öffnete die Tür mit der Milchglasscheibe und – fand seinen jungen Herrn. Mike Rander hockte in einer Ecke. Er war an Armen und Beinen gefesselt worden. Über seinem Mund klebte ein breites Heftpflaster.

»Sie ahnen nicht, Sir, wie sehr ich Ihre augenblickliche Situation bedaure«, sagte Parker. Er drehte das Wasser ab und barg den Anwalt. Er schleifte ihn mit erstaunlichen Körperkräften in die Mitte des Badezimmers.

»Soll ich Sie gleich hier entfesseln, oder wäre es Ihnen lieber, diese Prozedur im Salon zu überstehen?«

Der Blick, mit dem Rander seinen Butler maß, sprach Bände. Er ging selbst dem Butler unter die Haut. Josuah Parker machte sich daran, die Stricke zu lösen. Da er ein sparsamer Mensch war, verzichtete er darauf, sie mit einem Messer zu zerschneiden. Er knotete sie los und rollte sie vorsichtig ab. Dann steckte er die dünnen Bindfäden in die Tasche und widmete sich dem Heftpflaster.

Es war schon recht schmerzhaft, es zu lösen. Mike Rander stöhnte, als Parker es mit einem schnellen Ruck abriß. Rander stand auf, hüllte sich in den Bademantel, den sein Butler ihm vorsorglich hingehalten hatte und ging ein wenig taumelnd in seinen Salon. Er ließ sich in einen Sessel fallen.

»Darf ich fragen, Sir, wie lange Sie schon vom Wasser belästigt wurden?« erkundigte sich Parker.

»Viel zu lange«, gab Rander brummig zurück. »Haben Sie denn nichts gehört, Parker?«

»Bedaure, nein, Sir. Ich war meinerseits beschäftigt, wenn ich das an dieser Stelle bemerken und einflechten darf.«

»Wie? Sie sind auch überfallen worden?«

»Nicht in der Weise, wie Ihnen mitgespielt wurde, Sir. Man sah wohl, daß man es mit einem alten verbrauchten Mann zu tun hatte. Die Gelben Drachen benahmen sich überhaupt erstaunlich zurückhaltend, wenngleich sie mit Drohungen auch nicht sparten.«

»Waren es auch bei Ihnen zwei Chinesen?« wollte Rander wissen.

Parker nickte.

»Sie stellten sich als Abgesandte der Gelben Drachen vor. Sie bestehen darauf, daß Sie und meine Wenigkeit innerhalb von vierundzwanzig Stunden Hongkong verlassen, ein Ansinnen, das ich, offen gesagt, Sir, nicht ernst nehmen kann und will.«

»Man will uns also loswerden«, überlegte Rander laut. »Warum, ist mir allerdings noch unklar. Wer weiß denn schon von unserer Existenz, von unserem Fall?«

»Wenn Sie erlauben, möchte ich die bewußten Personen aufzählen.«

»Sie haben sich bereits eine Liste zusammengestellt?« staunte der Anwalt.

»Gewiß, Sir. Da wäre zuerst mal Mister Bannon, der Onkel Miss Morefields, der Ihnen diese Aufgabe übertragen hat. Dann käme Inspektor McParish in Betracht und schließlich Mister Ty Hong, der Manager der Bank. Sie alle wissen sehr genau, weshalb wir uns in Hongkong befinden.«

»Der ermordete Larry Croften, nicht zu vergessen«, warf Mike Rander ein. »Ernest Bannon verständigte ihn von unserer Abreise und Ankunft.«

»Könnte sich in seiner Aktentasche nicht ein Hinweis darauf befunden haben, Sir?«

»Natürlich, Parker, daß wir daran nicht schon gedacht haben.« Mike Rander stand auf und probierte einige Schritte. Es ging bereits wieder. Er hatte die Nachwirkungen seiner kurzfristigen Ausschaltung fast vollständig überwunden.

»Zu dieser bisherigen, vielleicht recht unvollständigen Liste kommt noch eine Dame«, bemerkte der Butler. »Sie befand sich eben noch in Ihrem Zimmer und durchsuchte Ihre Brieftasche, Sir.«

»Eine Frau? Eine Chinesin?«

»Dessen bin ich mir nicht ganz sicher, Sir. Ich sah sie nur von der Seite. Ich möchte allerdings darauf hinweisen, daß sie chinesische Kleidung trug.«

»Mein Bedarf an Rätseln ist bereits gedeckt«, meinte Rander und faßte vorsichtig nach der Beule an seinem Hinterkopf.

»Sie möchten Hongkong wieder verlassen, Sir?« Parker sah einen kurzen Moment lang verstört aus.

»Auf keinen Fall!« Mike Rander schlug mit der geballten Faust in seine flache Hand. »Auf keinen Fall, Parker. Jetzt werden wir zum Gegenangriff übergehen. Ich habe es satt, herumgestoßen zu werden. Besorgen Sie uns einen schnellen Wagen!«

»Geh ich richtig in der Annahme, Sir, daß Sie zur Repulse-Bay zu fahren gedenken?«

»Worauf Sie sich verlassen können. Ich will diese Jane Morefield mit meinen eigenen Augen sehen.«

»Ich eile, Sir, Ihren Auftrag umgehend auszuführen. Ich möchte allerdings darauf hinweisen, daß wir noch den Besuch dieses Mister Li Wang erwarten. Es steht zu erwarten, daß er Informationen über die Gelben Drachen zu verkaufen hat.«

Bevor Mike Rander antworten konnte, klopfte es an der Tür. Sekunden später erschien ein freundlich grinsender, behäbig aussehender Chinese von etwa 45 Jahren. Er trug einen hellen, fast weißen Leinenanzug und verbeugte sich mehrmals.

»Li Wang zu Ihren Diensten«, stellte er sich mit einer hellen, dünnen Kinderstimme vor. Er lächelte derart freundlich, daß Mike Rander innerlich sofort auf größte Wachsamkeit umschaltete …

*

»Was halten Sie von Li Wang?« fragte Mike Rander eine Stunde später seinen Butler. Sie saßen in einem Wagen, den der Chinese besorgt hatte. Parker hatte das Steuer übernommen und hielt sich an die strikten Anweisungen seines jungen Herrn. Er fuhr erstaunlich langsam, was für den Butler zumindest überraschend war.

»Er scheint, um es vorsichtig auszudrücken, Sir, mehr zu wissen als er sagt.«

»Meine Frage nach dem Gelben Drachen hat ihm Magenschmerzen verursacht«, sagte Rander lächelnd. »Immerhin hat er zugegeben, daß es sich um eine gefährliche Geheim-Organisation handelt, der man besser aus dem Weg geht.«

Mike Rander und sein Butler waren auf dem Weg zur Repulse-Bay. Dazu mußten sie quer über die Insel Hongkong fahren. Die gut ausgebaute und asphaltierte Straße schmiegte sich an schroffe Bergrücken. Kleine Wäldchen, Terrassen für den Reisanbau und kleine Seen schufen immer wieder neue Ausblicke. Der Verkehr auf dieser Straße war nur gering. Parker kam zu seinem Leidwesen nicht in den Genuß, Slalom fahren zu können. Zudem achtete Mike Rander scharf darauf, daß Parkers Fahrtemperament nicht zum Ausbruch kam. Rander wollte mit wachen und gesunden Sinnen in Repulse-Bay ankommen …

Der Wagen befand sich inzwischen östlich von Little Hongkong, kurvte über Kehren hinunter zur Deep-Water-Bay und überholte dabei eine Kolonne schwitzender Kulis, die sich mit vollbeladenen Rikschahs abmühten.

Plötzlich mußte der Butler die Bremse treten. Die Straße vor ihnen war gesperrt. Rot-weiß gestrichene Warnbalken beendeten die Fahrt. Ein paar ausgemergelte Straßenarbeiter rammten ihre Spitzhacken in den Asphalt. Ein Richtungsanzeiger deutete die Umleitung an.

Es wurde dämmrig. Die Sonne sank mit atemberaubender Geschwindigkeit, wie es in den Tropen üblich ist. Mike Rander schaute ungeduldig auf seine Uhr.

»Wenn Sie erlauben, werde ich mich bemühen, den wahrscheinlich entstehenden Zeitverlust aufzuholen«, bemerkte Parker.

»Lieber nicht«, schreckte Rander zusammen. »Bleiben Sie bei dem bisherigen Tempo. Es bekommt mir ausgezeichnet.«

Josuah Parker ließ den schweren, weich gefederten amerikanischen Wagen wieder anrollen, steuerte ihn von der Straße und fuhr ihn in den Seitenweg. Hier gab es nur losen Schotter. Ob er wollte oder nicht, Parker mußte das Tempo noch mehr drosseln.

Hinter dem Wagen erhob sich eine wüste Staubfahne, die alles einnebelte. Die Straße wurde derart eng, daß ein entgegenkommender Wagen nicht hätte vorbeifahren können.

Parker trat überraschend die Bremse.

»Was ist los?« fragte Mike Rander.

»Ich habe was entdeckt, Sir, was Sie als ein Haar in der Suppe bezeichnen würden«, erwiderte der Butler. »Ich mußte gerade an die Rikschah-Kulis denken, die wir vor wenigen Minuten passierten.«

»Na und?«

»Die Kulis schwitzen zwar, doch waren sie nicht mit Staub bedeckt, Sir.«

»Ich weiß, daß Sie gern in Rätseln reden«, spottete der Anwalt. »Wo ist das Haar, wo ist die Suppe?«

»Wenn die Kulis diese Umleitung benutzt hätten, müßten sie grau vor Staub gewesen sein, Sir. Mit anderen Worten, wie ich bescheiden vermerken darf, ist die Straßensperre erst wenige Minuten vor unserem Erscheinen errichtet worden!«

»Verflixt, Sie haben recht, Parker. Eine Falle?«

»Ich bin nicht sicher, Sir, doch ich möchte Ihr Leben nicht leichtsinnig aufs Spiel setzen.«

»Also raus und zurück, Parker. Gehen wir der Sache auf den Grund!«

Parker war einverstanden.

Die beiden Männer stiegen aus, vergewisserten sich, daß sie ihre Waffen bei sich hatten und gingen dann vorsichtig zurück zur Abbiegung. Der aufgewirbelte Staub hatte sich noch nicht gelegt. Parker und Mike Rander konnten ihn vorzüglich als Deckung benutzen.

Plötzlich blieb der Butler stehen.

Im Gegensatz zu Mike Rander schien er etwas gesehen und gehört zu haben.

»Gestatten Sie«, sagte er. Dann warf er seinen jungen Herrn ruckartig hinter einen niedrigen Felsklotz. Er selbst folgte mit Schwung, erstaunlicherweise aber dennoch mit Würde. Bevor Mike Rander Fragen stellen konnte, sah er einige Gestalten, die durch den Staubnebel liefen.

Es handelte sich um schätzungsweise sechs Kulis, die schweigend dem Wagen nachliefen. Sie verhielten sich vollkommen schweigend, eine Tatsache, die die Unheimlichkeit und tödliche Drohung, die von ihnen ausging, nur noch unterstrich.

»Und jetzt?« flüsterte Mike Rander.

»Ich möchte vorschlagen, Sir, die augenblickliche Stellung zu räumen und sich nach einem taktisch günstigeren Punkt umzusehen.«

Im Verlauf der langjährigen Zusammenarbeit hatte Mike Rander es sich abgewöhnt, sich über seinen Butler zu wundern. Die jeweilige Situation mochte noch so heikel und gefährlich sein, Parker hielt an seiner barocken Ausdrucksweise fest. Er ließ sich eigentlich niemals aus seiner Bombenruhe bringen.

Mike Rander folgte seinem Butler.

Josuah Parker übernahm die Führung. Er lotste seinen jungen Herrn vorsichtig zurück auf die Straße. Im nahen Busch- und Strauchwerk konnten sie gut untertauchen. Von ihrem Platz aus erkannten sie auch die Baustelle.

Sie war, um es kurz zu sagen, nicht mehr vorhanden. Sie schien sich in der Luft aufgelöst zu haben. Die weiß-rot gestrichenen Sperren waren weggeräumt worden. Der Asphalt wies kaum Beschädigungen auf. Parkers Instinkt hatte sich als richtig erwiesen. Man hatte ihnen eine raffinierte Falle gebaut.

»Ich wette, daß wir es mit den Gelben Drachen zu tun haben«, flüsterte Mike Rander. »Wollen wir warten, bis die Kerle zurückkommen?«

»Ich schlage vor, Sir, ihnen einen kleinen Denkzettel zu verpassen, um es sehr volkstümlich auszudrücken.«

»Schön, lassen Sie sich etwas einfallen, Parker. Darin sind Sie mir über.«

»Wenn Sie sich einen Moment gedulden wollen, Sir.«

Ohne Mike Randers Antwort und Erlaubnis abzuwarten, verschwand Parker zwischen den Büschen. Mike Rander, der sich bequemer zurechtlegen wollte, schreckte plötzlich zusammen. Er hörte Schüsse, das unangenehme Rattern einiger Maschinenpistolen und anschließend eine peitschende Detonation.

Die Straßenkulis befaßten sich mit dem amerikanischen Wagen. Ob sie bereits wußten, daß die beiden Insassen ihn verlassen hatten? Rander schaute auf seinen 38er hinunter. Der kühle Stahl in der Hand beruhigte ihn. Er kam sich wenigstens nicht wehrlos vor.

»Sir, wenn ich bitten darf …!«

Parker schob sich heran. Er winkte diskret. Mike Rander schnellte hoch, folgte seinem Butler, der es recht eilig hatte. Nach wenigen Minuten verließen die beiden Männer das schützende Gesträuch. Parker wies auf einen kleinen Lastwagen mit geschlossenem Aufbau, der am Straßenrand stand.

»Wenn mich nicht alles täuscht, Sir, muß es sich um den Wagen der Straßenarbeiter handeln«, sagte er. »Darf ich Sie zur Weiterfahrt einladen?«

»Ist der Wagen unbewacht?«

»Jetzt ja, Sir.«

»Und vorher?«

»Ich mußte zwei Chinesen überreden, mir den Wagen abzutreten, Sir. Sie beugten sich meinen Argumenten.«

»Da müssen Sie aber ganz hübsch zugelangt haben«, antwortete Rander ironisch. »Wir sollten uns wenigstens einen Mann mitnehmen. Vielleicht plaudert er einige Details aus.«

»Ich erlaubte mir, daran schon zu denken«, gab Josuah Parker zurück. »Er befindet sich, gefesselt und geknebelt, auf der Ladefläche.«

Rander und Parker nahmen im Fahrerhaus Platz. Bevor sie anfahren konnten, peitschten erneut Schüsse auf. Einige Geschosse schlugen in den kastenförmigen Aufbau. Die Chinesen kehrten zurück. Sie wollten den Diebstahl ihres Wagens verhindern.

Nun, sie wußten schließlich nicht, was Parker als Fahrer zu leisten vermochte. Der Butler legte einen Schnellstart auf den Asphalt, daß die Pneus rauchten. Blitzschnell schaltete er hoch. In wahnwitziger Fahrt preschte der an sich müde Lieferwagen auf die erste Spitzkehre zu.

Mike Rander schloß hastig die Augen, stemmte sich mit den Beinen ab und hielt sich mit beiden Händen am Fenstereinschnitt fest.

Die überbeanspruchten Reifen sangen und pfiffen. Parker brachte den Wagen glücklich um die Kehre und gab wieder Vollgas. Er wäre in diesem Augenblick nicht mehr zu stoppen gewesen.

*

Wie ein riesiges Schwalbennest klebte der große Bungalow an den schroffen Felsen, die steil ins Meer fielen. Eine lange Treppe führte hinunter zu einem kleinen Bootshaus. Am Landungssteg schaukelte eine Motoryacht im Wasser.

In diesem Haus also wohnte Jane Morefield. Sie hätte sich keinen schöneren Platz aussuchen können. Der Blick auf das tiefgrüne Meer war bezaubernd. Jetzt, als die Sonne in der See versank, verwandelte sich die Wasseroberfläche in flüssiges Silber.

Josuah Parker genoß diesen Anblick. Mike Rander hingegen war wesentlich kühler.

»Worauf warten wir noch?« fragte er seinen Butler. »Ich brenne darauf, Miss Morefield kennenzulernen.«

»Darf ich mir die Freiheit nehmen und eine gewisse Arbeitsteilung Vorschlägen?« erwiderte der Butler.

»Wie soll’s laufen?«

»Sie, Sir, könnten sich vielleicht mit Miss Morfield unterhalten. Ich hingegen möchte das Terrain sondieren. Meiner bescheidenen Ansicht nach dürften die Gelben Drachen sich nicht zurückgezogen haben.«

»Schön, sondieren Sie«, meinte der junge Anwalt. »Und wo treffen wir uns?«

»In der Lounge des Repulse-Bays-Hotels, wenn Ihnen dieser Vorschlag genehm ist.«

Mike Rander nickte und winkte eine Rikschah heran. Er nahm darin Platz, nannte den Zielort und ließ sich von dem eifrig losjagenden Kuli abtransportieren. Josuah Parker legte den Griff seines Universal-Regenschirms über den linken Unterarm und schritt zu Fuß hinunter zum Badestrand, der selbst nach Sonnenuntergang noch recht belebt war.

Der Butler schritt vorbei an Bikini-Schönheiten und muskelstarken Strandlöwen. An einem Bootssteg mietete er sich ein kleines Außenborder-Boot und nahm darin Platz. Er kümmerte sich auch jetzt nicht um die ironischen und amüsierten Blicke, die ihm galten. Nun, einen recht seltsamen und skurrilen Anblick bot er schon. Er saß in einem schnittigen Motorboot und trug dazu eine Kleidung, die hier und an diesem Ort wirklich nicht angebracht war.

Er wußte aber mit solch einem Boot umzugehen. Parker legte vom Landungssteg ab und fuhr in mäßigem Tempo hinauf auf die See. Es paßte ihm sehr gut ins Konzept, daß die Nacht überraschend schnell hereinbrach. Selbst wenn man ihn vom Bungalow beobachten wollte, reichte das Licht dazu nicht mehr aus. Ungeniert konnte er sich an die Seeseite von Jane Morefields Bungalow heranpirschen.

Ganz kurz nur dachte er an den kleinen Lieferwagen, den er auf einem Parkplatz abgestellt hatte. Um den sichergestellten, chinesischen Gangster hatte er sich bisher aus Zeitgründen noch nicht kümmern können. Er nahm sich aber fest vor, das so bald wie möglich nachzuholen.

Nach etwa zwanzig Minuten hatte der Butler sich geschickt an den Bootssteg des Bungalows herangeschoben. Er schaltete den Außenbordmotor ab, benutzte seinen Universal-Regenschirm als Paddel und landete dreißig Meter unterhalb des Steges am felsigen Strand. Josuah Parker machte das Boot fest und stieg aus. Ihm kam es darauf an, ungesehen auf das Grundstück zu kommen. Er wollte im Gegensatz zu seinem jungen Herrn nicht als angemeldeter Gast erscheinen …

*

Mike Rander war gebeten worden, in der kleinen Halle auf Miss Morefield zu warten.

Sie war von ihrem Ausflug nach Kowloon noch nicht zurückgekommen, hatte aber angeblich angerufen und mitgeteilt, sie würde etwa gegen 22.30 Uhr eintreffen.

Mike Rander war von einer jungen, sehr attraktiv aussehenden Chinesin empfangen worden. Sie hatte sich als Gesellschafterin und Sekretärin von Jane Morefield vorgestellt. Ihr Name war May Tai Hing, ihr Englisch ausgezeichnet. Den fein durchklingenden Klang nach zu urteilen, mußte sie sich längere Zeit an der Westküste der Staaten aufgehalten haben.