Don’t Fall In Love

Don’t Fall In Love

It might kill you

Mia Kingsley

Dark Romance

Inhalt

Don’t Fall In Love – It Might Kill You

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Über Mia Kingsley

Don’t Fall In Love – It Might Kill You

Manchmal braucht man keinen Helden, um das Böse zu vertreiben – manchmal braucht man ein Monster ...

Trotz meiner langen Karriere als FBI-Agent habe ich es nie geschafft, den Ruf als Sohn eines Serienmörders loszuwerden.

Allerdings kommt mir dieses Erbe zum ersten Mal gelegen, als mir ein Gangsterboss verdammt viel Geld für den Kopf des Mannes bietet, der seine Tochter umgebracht hat. Meine Gewissensbisse, den Auftrag anzunehmen, halten sich in Grenzen, denn es ist nicht das erste Mal, dass der Killer getötet hat, und jedes seiner Opfer sah aus wie Schneewittchen.

Um ihn zu bekommen, brauche ich also nur den richtigen Köder. Egal, wie verlockend Quinns roter Mund ist, wie verführerisch sie mit ihren grünen Augen bettelt und wie hübsch ihre schwarzen Haare über das weiße Kopfkissen fallen – für mich ist sie nur ein Mittel zum Zweck.

Oder?

Dark Romance. Düstere Themen. Eindeutige Szenen. Deutliche Sprache. In sich abgeschlossen.

Kapitel 1

Quinn


»Leben ist Liebe, und daher ist Leben und Seligkeit an und für sich eins und ebendasselbe. Unterscheidung des wahrhaftigen Lebens vom bloßen Scheinleben.«

Ich klappte das Buch zu und pustete mir ein paar Ponysträhnen aus der Stirn. Johann Gottlieb Fichte hatte leicht reden.

Meine Finger verharrten über der Tastatur, weil ich darüber nachdachte, wie ich den Essay für meinen Aufbaukurs Philosophie II beginnen sollte. Warum hatte ich mich für das dumme Thema »Glückseligkeit« entschieden, wenn es nicht weiter von meinem Leben hätte entfernt sein können?

Mein Blick schweifte zur Uhr. Freitagabend. 21:15 Uhr – jeder, der etwas auf sich hielt, war entweder unterwegs, um das Nachtleben unsicher zu machen, oder bei seinen Freunden.

Es war eine der seltenen Gelegenheiten, in denen es im Studentenwohnheim mucksmäuschenstill war. Meine beiden Zimmergenossinnen waren ausgeflogen. Inzwischen hatten sie aufgehört, mich zu fragen, ob ich mitwollte, und offensichtlich akzeptiert, welch hoffnungsloser Fall ich war.

Dabei lag es nicht an ihnen. Ich war nach einer langen Reihe von Enttäuschungen und Verlusten nicht bereit, mich für irgendwen zu öffnen.

Seit mein Dad vor sechs Monaten gestorben war und meine Tante mich nicht hatte aufnehmen wollen, hatte ich schmerzlich feststellen müssen, dass ich von heute auf morgen allein dastand. Die wenigen Freunde, die ich gehabt hatte, waren plötzlich schwer beschäftigt gewesen.

Ich verspürte kein Bedürfnis, diese Erfahrung zu wiederholen, und hatte beschlossen, für eine Weile allein zu bleiben – mit dem Pensum des Studiums war ich ohnehin beschäftigt genug.

Ich musste lernen, hatte den Nebenjob im Archiv der Universitätsbibliothek und war in ein paar Internetcommunitys aktiv. Das reichte mir.

Da es alles nichts half, öffnete ich das Buch erneut. »Leben und Sein ist auch wieder dasselbe. Das wahrhaftige Sein aber ist ewig mit sich selbst einig und unveränderlich, der Schein hingegen veränderlich.«

Wie zum Teufel sollte ich daraus einen vernünftigen Anfang für meinen Essay hinbekommen?

Frustriert wandte ich mich zum Bildschirm, schloss das leere Textdokument und meldete mich stattdessen in dem privaten Chatroom an, den ich vor zwei Wochen zufällig entdeckt hatte.

Ich war noch keine zwei Sekunden online, als Gregory73 mich anschrieb.

[Gregory73] Du bist wieder da.

[SnowwhiteX] Was soll ich sagen? Ohne dich habe ich mich gelangweilt.

[Gregory73] Was machst du gerade?

Mein Blick wanderte vom Lehrbuch zum Korb mit Schmutzwäsche auf meinem Bett, die ich eigentlich noch hatte waschen wollen.

[SnowwhiteX] Nichts Besonderes. Ein ruhiger Abend.

[Gregory73] Auf diese Antwort hatte ich gehofft, mein kleines Schneewittchen. *grins*

Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug. Seit ich mich in dem Chatroom angemeldet hatte, war ich täglich mit Gregory in Kontakt gewesen, und unsere Gespräche waren schnell heiß und kinky geworden. Ich ahnte, worauf er hinauswollte: Er wollte mich treffen.

[SnowwhiteX] Warum?

[Gregory73] Kennst du das Thorns? Downtown, am Hawthorne Boulevard?

[SnowwhiteX] Nur vom Namen her.

Ich entspannte mich. Das Thorns war ein stadtbekannter SM-Klub. An einem Freitag war dort vermutlich viel los. Ich hätte befürchtet, dass Gregory sich als Spinner entpuppen würde, der versuchte, mich in seine Wohnung oder ein Hotelzimmer zu locken.

[Gregory73] Hättest du Lust, mich dort zu treffen, Schneewittchen? Ich leugne gar nicht erst, dass deine Fantasien mich tierisch antörnen und ich gern wissen würde, ob wir uns auch IRL verstehen. Es ist ein normaler Club, ich kann dich auf die Gästeliste setzen lassen. Gern unter deinem Usernamen, wenn du deinen richtigen vorerst für dich behalten willst. Trink etwas mit mir, damit wir uns beschnuppern können. Vorausgesetzt, ich bekomme angesichts deiner Schönheit überhaupt einen Ton raus.

Ich musste lachen und las die Nachricht ein weiteres Mal. Sein Vorschlag klang vernünftig. Es war ein öffentlicher Ort, und ich konnte jederzeit wieder gehen, wenn mir etwas nicht gefiel. Außerdem beruhigte es mich, dass er nicht darauf beharrte, meinen richtigen Namen zu erfahren, oder sonstige Daten von mir wissen wollte. Er hatte weder meine Adresse noch meine Handynummer. Ich konnte einen Blick auf Gregory werfen und verschwinden, sollte er mir nicht zusagen. Vermutlich würde er in dem Fall nie erfahren, dass ich überhaupt da gewesen war.

[SnowwhiteX] So atemberaubend sehe ich auch nicht aus.

[Gregory73] Das Foto in deinem Profil sagt etwas anderes. Ich stehe auf den Schneewittchen-Typ. So viel blasse Haut, auf der man Spuren hinterlassen kann …

Ich presste meine Schenkel zusammen, weil ich angetörnt war. Nach kurzem Zögern klickte ich auf sein Profilbild. Er sah so harmlos aus. Braune Locken, die wild um seinen Kopf standen, dazu treue braune Augen und ein paar Bartstoppeln. Es war kaum zu glauben, dass das der gleiche Mann sein sollte, zu dessen sexuellen Fantasien ich gestern erst masturbiert hatte.

Ich knabberte an meinem Daumennagel. Sollte ich es wagen? Die Hausarbeit war erst in zwei Wochen fällig und die Wäsche konnte ebenfalls warten. Vielleicht war ein kleines Abenteuer genau das, was ich brauchte.

[SnowwhiteX] Ich könnte in einer Stunde da sein.

[Gregory73] Wirklich? Es wäre grausam von dir, mir falsche Hoffnungen zu machen.

[SnowwhiteX] Ich werde da sein. Aber nur für einen Drink. Ich lasse nicht direkt mein Höschen für dich fallen, und ich komme nur, wenn du versprichst, dass ich tatsächlich auf der Gästeliste stehe.

[Gregory73] Selbstverständlich. Ein Drink. Ich freue mich sehr auf dich.

Ich loggte mich aus und blieb einen Moment vor dem Computer sitzen. Was sollte ich anziehen? Panik kroch in mir hoch. Dann schüttelte ich den Kopf, um sie zu vertreiben. Es gab keinen Grund zur Beunruhigung. Ich konnte jederzeit umkehren.

Ich bezahlte den Taxifahrer und stieg aus. Das Thorns lag in einer wenig vertrauenerweckenden Gegend, doch ich wollte mit meinem Urteil warten, bis ich drinnen war.

Der Name stand in Leuchtschrift über dem Eingang, alle Buchstaben waren mit Stacheln versehen, von denen ein Großteil unruhig flackerte. Es würde eleganter wirken, wenn jemand sich die Mühe gemacht hätte, es zu reparieren.

Hinter der Tür stand ein schmaler Tresen. Eine Frau im Latexkleid stützte sich mit beiden Ellenbogen darauf und kaute geräuschvoll Kaugummi.

»Hi. Ich stehe auf der Gästeliste. SnowwhiteX.« Im gleichen Moment kam ich mir unglaublich naiv vor, den Internetusernamen laut auszusprechen. Ja, ich hatte mich so lebendig wie schon lange nicht mehr gefühlt, als ich die Verabredung mit Gregory bestätigt hatte, doch jetzt fühlte ich mich dumm. War es wirklich die beste Idee?

Die Frau nickte, strich etwas auf einem Klemmbrett durch. »Da lang.« Sie deutete mit dem Daumen über ihre Schulter.

Ich folgte den wummernden Bässen, bis ich zu einem Durchgang kam, der mit schweren Vorhängen abgedeckt war. Nachdem ich meinen letzten Mut zusammengekratzt hatte, schob ich einen der Vorhänge zur Seite und trat hindurch. Ich blieb erschrocken stehen, weil ich nicht damit gerechnet hatte, mich über dem Klub zu befinden.

Unter mir erstreckte sich eine große Tanzfläche, rundherum standen Tische, an denen vereinzelt Leute saßen. Blaues Licht zuckte durch die Halle, an der linken Seite gab es eine lange Bar.

Ungefähr dreißig steile Stufen, die aussahen, als könne man sich darauf durchaus das Genick brechen, führten nach unten.

Ich ging bis zur Balustrade und sah hinunter. In der Nähe der Bar entdeckte ich einen lockigen Haarschopf. Der Mann trug ein schwarzes Shirt und saß mit dem Rücken zu mir. Konnte das Gregory sein?

Es waren auf jeden Fall genug Leute anwesend, sodass ich mir keine Sorgen um meine Sicherheit machte. Ich ließ meinen Blick über die obere Etage schweifen. Wo ich stand und über mir gab es unzählige Türen, alle durchnummeriert – vermutlich die Spielzimmer.

Ich gab mir einen Ruck und umfasste das Geländer fester. Natürlich hatte ich für mein Date das einzige Paar High Heels angezogen, das ich besaß, und musste damit nun die Treppe unfallfrei hinter mich bringen.

Noch während ich mich fragte, ob ich mit meinem schwarzen Faltenrock, den Kniestrümpfen und dem Bandshirt passend angezogen war, wurde mir klar, dass niemand auf mich achtete.

Ich wich einer Domina aus, die ihr nacktes Hündchen an einer Leine herumführte, und umrundete die Tanzfläche. »Hi. Gregory?«

»Fuck«, entfuhr es ihm, als er aufstand und mir reflexartig die Hand hinhielt.

Ich ergriff sie zögerlich.

»Entschuldige«, sagte er und schüttelte knapp den Kopf. »Ich habe nicht damit gerechnet, dass du in Wahrheit noch viel hübscher bist als auf den Fotos. Setz dich doch bitte. Möchtest du etwas trinken?«

Das Blut schoss in meine Wangen, und ich konnte nicht leugnen, wie schön es war, ein solches Kompliment zu bekommen. »Eine Cola wäre toll.«

Er lächelte mich an und enthüllte perlweiße Zähne. »Kein Alkohol. Sehr vernünftig.«

Ich bemerkte, dass er selbst ebenfalls nur Wasser trank, als ich sein Glas auf dem Tisch sah, und entspannte mich. Gregory ging zur Bar und kehrte kurz darauf mit der Cola zurück. Da ich ein grundsätzlich eher vorsichtiger Typ war, behielt ich ihn die ganze Zeit im Auge, um sicherzugehen, dass er nichts in das Getränk mischte.

»Da sind wir also«, sagte er.

»Sind wir wohl.« Ich biss mir auf die Unterlippe.

Gregory lachte. »Mir fällt dieser Small Talk auch schwer.«

»Ist es so offensichtlich, dass ich keine Übung habe?« Ich verbarg das Gesicht in den Händen.

»Ja, aber das macht dich sympathisch, weil es mich glauben lässt, dass du nicht den ganzen Tag mit Dating-Apps hantierst und drei Typen parallel triffst.«

Ich winkte ab und trank einen Schluck. »Um Gottes willen, nein. Das wäre mir zu anstrengend. Abgesehen davon bin ich ja auf der Suche nach sehr speziellen Dingen. Da werde ich auf Tinder kaum fündig werden.«

Gregorys Augen blitzten auf. »Ich war sehr fasziniert von deinen Fantasien.«

Mir wurde heiß. »Bisher habe ich sie noch mit niemandem geteilt.«

»Dann fühle ich mich geehrt, dass ich das Glück hatte, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Darf ich dich anfassen?«

Ich nickte, bevor ich darüber nachgedacht hatte – einfach, weil er sympathisch war. Gregory gab mir ein gutes Gefühl, und ich merkte, wie lange es her war, dass ich unbeschwert gewesen war.

Er legte seine Hand auf meine. »Hast du Erfahrungen darin, dich tatsächlich sexuell zu unterwerfen?«

»Ein wenig. Nicht viel, aber ich bin auch nicht komplett unerfahren.« Die Art, wie er mit seinem Daumen meinen Handrücken streichelte, beruhigte mich.

»Es wäre kein Problem, wenn es anders wäre. Jeder hat mal angefangen.«

»Wann hast du angefangen?«

»Hm, lass mich nachdenken.« Er ließ mich los und stützte das Kinn in die Hand. »Vor sechs Jahren in etwa, schätze ich. Lange Zeit hatte ich eine feste Beziehung, aber dann haben unsere Interessen sich unterschiedlich entwickelt. Sie war nicht bereit, sich verleihen zu lassen. Das habe ich respektiert.«

Mein Puls beschleunigte sich. »Vermutlich ist es nicht jedermanns Geschmack.« Nervös wischte ich mit dem Finger einen Tropfen Kondenswasser von meinem Cola-Glas. Zwischen meinen Schenkeln meldete meine Klit sich mit einem beharrlichen Klopfen. Ich zwang mich, den Blick zu heben und Gregory anzusehen. »Für mich klingt die Idee sehr reizvoll.«

Sein Lächeln vertiefte sich und Grübchen zeigten sich auf seinen Wangen. »Das freut mich.«

»Wie würde es ablaufen?«

Er beugte sich vor. »Ich dachte, du wolltest nur etwas trinken, Schneewittchen.«

»Vielleicht bin ich neugierig.«

»Gut, lasse ich gelten. Aber ich habe eine Frage an dich: Wie stellst du es dir vor?«

»Keine Ahnung. Ich habe irgendwie immer gedacht, ich würde eines Tages einen Dom haben, der mich verleiht. Vielleicht keine richtige Beziehung, so ein Fickding.«

»Fickding?« Er hob eine Augenbraue.

Sofort wurde ich verlegen. »Als ob du nicht wüsstest, was ich meine.«

»Natürlich weiß ich es. Aber das ändert nichts daran, dass ich gern zusehe, wie du nervös auf dem Stuhl herumrutschst.«

Ich verharrte und schaute ihn an. »Du bist gemein.«

»Ist das nicht, was du willst?«

Zum ersten Mal heute war ich mir vollkommen sicher. Ich nickte. »Das ist genau, was ich will.«

Kapitel 2

Easton


Barkeeper, die wussten, wann Schweigen besser war als Small Talk, waren mir die liebsten. Als ich gekommen war, hatte mich der schmale Kerl hinter dem Tresen gefragt, was ich trinken wollte, danach hatte er kein weiteres Wort verloren. Ich trank und er putzte Gläser. Nur eine Geste auf mein leeres Glas reichte, und er begann sofort, mir den nächsten Gin Tonic zu machen.

Zwar war in der kleinen Bar nicht viel los, aber ich wusste den guten und vor allem schweigsamen Service zu schätzen. Spätestens jetzt hatte sich der Keeper in meinen Augen ein großzügiges Trinkgeld verdient.

Der Alkohol dämpfte zwar meine Grundstimmung, aber miese Laune hatte ich immer noch. Was für ein Scheißtag.

Als ich beim FBI aufgehört hatte, war ich der Überzeugung gewesen, endlich mehr Zeit zu haben. Stattdessen war ich irgendwie in diese ganze Nummer mit privaten Ermittlungen für reiche Leute gerutscht, weil mein Ruf mir vorauseilte und ich weder großen Summen Geld noch einem interessanten Rätsel widerstehen konnte.

Mehr Kopfzerbrechen als die Aufträge, mit denen ich mir die Zeit vertrieb, bereitete mir allerdings diese aufdringliche Literaturagentin, die mich jede Woche mit einem größeren Vorschussangebot überreden wollte, ein Buch über meinen Vater zu schreiben. Sie ignorierte meine Absagen und hatte letzte Woche sogar den Nerv besessen, mir bis nach Chicago zu folgen, wo ich den Mord an einem reichen Geschäftsmann im Auftrag seiner Witwe aufklären sollte.

Mein Mund verzog sich zu einem Lächeln, als ich an die hübsche und äußerst dankbare Mrs Callahan dachte. Sie hatte sich ganz besonders erkenntlich gezeigt, weil ich den Mörder ihres Mannes überführt hatte, was für sie bedeutete, nicht länger selbst unter Verdacht zu stehen und das Erbe in zweistelliger Millionenhöhe antreten zu können.

Noch im Bett hatte sie mir den Check für meine Dienste überreicht und großzügig eine weitere Null an die Zahl gehängt, bevor sie meinen Schwanz erneut in den Mund genommen hatte. Solche Aufträge waren mir die liebsten.

Ich nippte an meinem Drink. Vielleicht sollte ich nur noch für junge, attraktive Frauen arbeiten. Allerdings musste ich mir vorher etwas einfallen lassen, wie ich die lästige Literaturagentin loswurde. Zwar fiel sie auch in die Kategorien der attraktiven Frauen, doch sie hätte meine Mutter sein können. Allein die Vorstellung ließ einen Schauer über meinen Rücken laufen.

Im Spiegel hinter der Bar beobachtete ich, wie die Eingangstür aufschwang und drei Kerle hereinkamen, die nach Ärger aussahen. Erfahrungsgemäß war Ärger immer auf der Suche nach mir.

Der am teuersten gekleidete Typ nahm am anderen Ende des Tresens Platz. Sein erster Bodyguard tauchte in den Schatten hinter ihm ab, während der andere auf mich zukam. Man musste kein Genie sein, um zu erkennen, wer der Boss war. Neben mir blieb der Kerl stehen. »Mitkommen«, forderte er mit stoischem Ton und deutlich russischem Akzent.

In diesem Moment stellte der Barkeeper den nächsten Drink vor mich und kehrte sofort in die hinterste Ecke seines Arbeitsbereichs zurück, um mit dem Rücken zu uns ganz besonders beschäftigt auszusehen. Ihm behagte die Situation ebenso wenig wie mir – mit dem Unterschied, dass ich es mir nicht anmerken lassen wollte.

Ruhig nahm ich einen weiteren Schluck Gin Tonic, obwohl ich innerlich bereits vor Wut überkochte. Ich hasste nichts so sehr wie Imperative. »Danke. Kein Interesse.«

»Mitkommen«, wiederholte er, als hätte ich ihn nicht verstanden.

»Nein.«

Offenbar war der Mann es nicht gewohnt, dass man ihm widersprach, und sah verwirrt zu seinem Boss. Weil dieser kaum merklich die Augenbraue hob, beschloss sein Handlanger offensichtlich, zu härteren Maßnahmen als seinem rüden Umgangston zu greifen, und wollte meine Schulter packen.

Ich wich aus, griff nach seinem Handgelenk und riss es mit einem Ruck nach unten. Gleichzeitig zog ich mein Klappmesser hervor, ließ die Klinge aus ihrer Hülle gleiten und rammte sie durch die Hand des Mannes.

Er war dermaßen überrascht, dass er drei Sekunden lang mit reichlich dämlichem Gesichtsausdruck beobachtete, wie sich sein Blut auf dem polierten Nussholz ausbreitete, bevor er zu jammern begann.

Wie aufs Stichwort wollte ihm der andere Bodyguard zu Hilfe eilen, doch ich drehte mich auf dem Hocker um, zog währenddessen meine SIG P226 aus dem Halfter unter dem Jackett und richtete sie auf ihn. Er hielt so plötzlich an wie ein Schnellzug, der gegen ein Hindernis geprallt war.

Nach mehreren Sekunden angespannter Stille erhob ihr Boss sich endlich. »Mr Mitchell, Mr Mitchell.« Auch er hatte einen deutlichen russischen Akzent. »Angesichts dieses Verhaltens müssen Sie sich nicht wundern, dass das FBI kein Interesse mehr an Ihren Fähigkeiten hatte.« Da ich nicht die geringste Reaktion zeigte, fuhr er fort: »Sie sind ein interessanter Mann, das muss ich zugeben. Viele Verhaftungen in Ihrer aktiven Laufbahn. Tragisch, dass viele von diesen Kriminellen letztendlich nicht verurteilt wurden. Nur merkwürdig, dass die meisten von ihnen kurze Zeit später trotzdem verschwunden sind. Auf Nimmerwiedersehen, wie vom Erdboden verschluckt.«

Natürlich wusste ich, worauf er anspielte, allerdings hatte ich nicht die geringste Ahnung, woher er diese Information hatte. Ich war immer vorsichtig gewesen.

Um ihm zu zeigen, wie wenig beeindruckt ich von seiner Recherchekompetenz war, steckte ich die Pistole weg und zog das Messer aus der Hand seines Bodyguards, bevor ich es an seinem Mantel sauber wischte und wieder in meiner Hosentasche verstaute.

Ich setzte mich und leerte meinen Drink. Danach seufzte ich. »Wie lange wollen Sie mich noch langweilen, Mister …«

»Blinow«, sagte der Russe und hielt mir seine Hand hin.

Ich musterte sie und machte keinerlei Anstalten, sie zu ergreifen. Ein weiterer Grund, warum ich beim FBI aufgehört hatte: Höflichkeit und Hierarchien lagen mir nicht.

»Wie Sie meinen.« Blinow ließ die Hand sinken. »Es ändert nichts daran, dass ich etwas habe, zu dem mich Ihr Input interessiert.«

»Ich bin leider ausgebucht. Auf Wiedersehen.«

Blinow wollte seinen Mantel öffnen, was mich sofort dazu veranlasste, die Hand wieder an meine Pistole zu legen.

»Es ist ein Foto. Nicht mehr«, erklärte er. Behutsam holte er eine Fotografie aus seiner Innentasche und zeigte sie mir.

Sofort wurde mir schlecht. Es war eine junge, schwarzhaarige Frau auf einem Autopsietisch, und sie war übel zugerichtet. Blaue Flecken am ganzen Körper, Würgemale, tiefe Schnittwunden, das volle Programm. Ich sah nach unten. Woran es lag, wusste ich nicht, aber Leichen hatte ich noch nie sehen können, und selbst nach all den Jahren war nichts daran einfacher geworden. Glücklicherweise war es dem Großteil meiner Kollegen damals nicht aufgefallen, sonst hätte ich nie wieder nur eine ruhige Minute beim FBI gehabt.

»Wenn Sie annehmen, dass ich dafür verantwortlich bin, liegen Sie falsch.«

»Wären Sie dafür verantwortlich, hätte ich Sie längst eigenhändig getötet.« Der Russe schluckte schwer. »Das ist Thekla. Meine Tochter. Sie war 27.«

»Das tut mir leid«, erwiderte ich. Höflichkeit hin oder her, wäre es selbst für meine Verhältnisse harsch gewesen, nicht zu reagieren.

»Die Cops haben in dem Moment aufgehört zu ermitteln, als sie herausgefunden haben, dass sie meine Tochter ist. Dabei sieht selbst ein blinder Mann, dass ihr Tod nichts mit meinem Business zu tun hat. Außerdem ist sie das dritte Mädchen in acht Monaten, das sie so gefunden haben. Sie waren immer knapp zwei Wochen verschwunden, bevor ihre Leichen auftauchten – so platziert, dass man sie finden muss. In Parks, auf Gehwegen, abgelegt wie Sperrmüll.« Er strich sich durchs Gesicht. »Ich will, dass Sie herausfinden, wer dafür verantwortlich ist.«

»Es tut mir leid, aber das ist nicht meine Baustelle.« Ich würde mich hüten, einem Serienkiller hinterherzujagen und der Polizei in die Quere zu kommen – vorausgesetzt, Blinow sagte überhaupt die Wahrheit.

»Fünf Millionen Kopfgeld.« Er legte das Foto auf den polierten Tresen und schob es in meine Richtung.

Fünf Millionen waren eine Summe, die ich ungern ausschlagen wollte – doch irgendetwas an diesem Job stimmte nicht. »Ich bleibe dabei. Nein.«

»Interessant.« Blinow verschränkte die Hände hinter dem Rücken. »Und ich dachte immer, die Theorien darüber, dass psychopatische Tendenzen vererblich sind, seien Schwachsinn.«

Ich ignorierte die aufflammende Wut in meinem Bauch, die mich schon mein ganzes Leben begleitete, presste die Zähne aufeinander und zwang mich, nicht zu reagieren.

Doch Blinow fuhr fort: »Tragisch, die Sache mit Ihrem Vater. Nicht für Ihren Vater, verstehen Sie mich nicht falsch, er ist immerhin selbst für seine Handlungen verantwortlich. Für Sie – und für Ihre Mutter.«

Ich atmete so ruhig wie möglich ein und aus, mein Gesicht blieb eine emotionslose Maske. Wie Blinow schon richtig festgehalten hatte: Ich hatte beim Besten gelernt.

»Sie ist in einer psychiatrischen Institution gestorben, habe ich recht? Vor drei Jahren? Man sagt sich, sie sei daran zerbrochen, dass ihr Mann nicht war, was sie glaubte. Stimmt das? Waren es seine unzähligen Morde, die sie zerstört haben? Oder waren es die ganzen Geheimnisse? Vielleicht die Sorge, dass ihr Sohn in die gleichen Fußstapfen treten könnte?«

»Worauf wollen Sie hinaus, Mr. Blinow?« Meine Stimme hatte kaum Intonation.

»Worauf ich hinauswill, wissen Sie längst: Ich will, dass Sie denjenigen finden, der meine Tochter umgebracht hat. Wenn Sie nicht ein Monster sind wie Ihr Vater, haben Sie ein Herz für einen Mann, der Gerechtigkeit will.«

»Ich bin nicht wie mein Vater«, sagte ich leise.

»Dann beweisen Sie es mir. Nur, damit wir uns verstehen: Wenn ich Kopfgeld sage, meine ich es wörtlich. Fünf Millionen für den Kopf des Mörders – nur seinen Kopf.« Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ er mit seinen Männern die Bar. Im Türrahmen drehte er sich noch einmal um. »Ich verlasse mich auf Sie, Mr. Mitchell. Zwingen Sie mich nicht, mein Wissen über Ihre Freizeitaktivitäten zu vertiefen.«