Der exzellente Butler Parker – 2 – Parker wäscht den Saubermann

Der exzellente Butler Parker
– 2–

Parker wäscht den Saubermann

Günter Dönges

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Dargestellte Personen auf den Titelbildern stehen mit dem Roman in keinem Zusammenhang.

ISBN: 978-3-74093-140-7

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»Wenn es noch lange dauert, Mister Parker, werde ich im nächsten Ort einen kleinen Imbiß nehmen«, sagte Agatha Simpson ungeduldig. Sie saß im Fond von Parkers hochbeinigem Monstrum und musterte gelangweilt die bilderbuchschöne Landschaft. Weideflächen wechselten ab mit Baumgruppen und Waldstücken. Die Sonne stand schon tief, bis zum Einbruch der Dunkelheit konnte es nicht mehr lange dauern.

»Mylady sollten vielleicht noch mit einer halben Stunde rechnen«, gab der Butler Auskunft. »Man wird in wenigen Minuten Cudlam Hill passieren.« »Und was hat das zu bedeuten?« grollte sie.

»Nach dem Durchfahren von Cudlam Hill sind es höchstens noch zwanzig Minuten, Mylady!«

»Ich hätte diese verrückte Einladung nicht annehmen sollen«, räsonierte sie. »Wie kann man sich nur in dieser Einöde vergraben?«

»Auf Mylady warten eine Treibjagd«, erinnerte der Butler, der am Steuer seines bemerkenswerten Privatwagens saß.

»Ich hasse Treibjagden«, gab die ältere Dame zurück, »aber Sir Alfreds Küche ist gut, denke ich.«

»Man wird sich mit Verlaub anstrengen, um Mylady zu verwöhnen«, versicherte Parker.

»Das möchte ich mir aber auch ausgebeten haben.« Sie räusperte sich explosionsartig. »Zur Not können ja Sie die Küche übernehmen, Mister Parker. Sie kochen zwar nicht besonders gut, aber immerhin.«

»Mylady verfügen eben über eine Zunge, die man allenthalben zu rühmen pflegt.«

»Das stimmt allerdings.« Sie nickte wohlwollend. »Ich nehme es mit jedem Feinschmecker auf, Mister Parker. Vielleicht sollte ich eines Tages einen Führer durch die Londoner Restaurants herausbringen. Erinnern Sie mich bei Gelegenheit daran.«

»Wie Mylady zu wünschen geruhen.« Butler Parker war durch nichts zu erschüttern. Er kannte die wilden Gedankensprünge seiner Herrin nur zu gut. Sie nahm sich stets viel vor, doch mit der Ausführung ihrer Absichten und Pläne war es nicht weit her. Die ältere Dame ließ sich liebend gern ablenken und war dankbar für jede neue Anregung.

Lady Agatha hatte die Fahrt in den tiefen Süden von London aus einer Laune angetreten. Unter der Morgenpost hatte sie die Einladung Sir Alfreds vorgefunden, an seine vorzügliche Küche gedacht und sich sofort entschieden. An der angekündigten Treibjagd war sie mit Sicherheit nicht interessiert.

Man hatte Cudlam Hill erreicht. Das Städtchen schien aus einem Reiseprospekt zu stammen. Fachwerkhäuser herrschten vor und scharten sich um eine romanische Kirche. Es gab kleine Geschäfte und Gasthäuser.

Parker fiel sofort auf, wie klinisch sauber hier alles war. Es gab vorschriftsmäßig geschnittenen Rasen, Vorgärten, wie mit dem Lineal angelegt und kein Fenster ohne Blumenschmuck.

»Sehr hübsch«, urteilte die ältere Dame, »aber ziemlich langweilig, Mister Parker. Finden Sie nicht auch?«

»Mylady haben sicher den Eindruck, durch ein Freiland-Museum zu fahren«, erwiderte der Butler.

»Genau das wollte ich gerade noch hinzufügen«, behauptete sie sofort. »Ich vermisse eine gepflegte Unordnung.«

Parker warf einen Blick auf den Tourenzähler seines Wagens und minderte die Geschwindigkeit. Er hielt sich strikt an das Limit, das am Eingang zu dem kleinen, malerischen Städtchen per Hinweisschilder vorgeschrieben war.

»Sehen Sie, was ich sehe, Mister Parker?« ließ die passionierte Detektivin sich plötzlich vernehmen, beugte sich vor und blickte nach vorn durch die Windschutzscheibe.

»Mylady meinen jene Auseinandersetzung, die man nur als ausgesprochen handgreiflich bezeichnen kann?«

»Da wird doch ein Halbwüchsiger geschlagen«, empörte sie sich. »Halten Sie sofort!«

Parker reagierte unverzüglich.

Auf einem kleinen Parkplatz vor einem Gemüseladen wurde ein junger Mann von zwei ausgewachsenen Schlägern traktiert. Sie hatten ihm eine gefüllte Einkaufstüte aus dem Arm geschlagen und ohrfeigten ihn gezielt.

Der kaum Achtzehnjährige hatte keine Chance. Er schützte das Gesicht mit den hochgezogenen Unterarmen und fiel auf die Knie. Die beiden Schläger verzichteten deshalb auf ihre Fäuste und gingen zu ausgesprochen gemeinen Fußtritten über.

Lady Agatha hatte bereits den Wagen verlassen.

Der perlenbestickte Pompadour an ihrem rechten Handgelenk war bereits in heftige Schwingung geraten. Die ältere Dame fühlte sich wieder mal voll gefordert. Sie stand grundsätzlich auf der Seite der Unterlegenen.

Josuah Parker folgte diskret und würdevoll. Er bot das Bild eines untadeligen englischen Butlers, wie man ihn nur noch in entsprechenden Kostümfilmen zu sehen bekam. Er trug einen schwarzen Zweireiher, hatte die gewohnte schwarze Melone auf dem Kopf und trug einen altväterlich gebundenen Regenschirm am angewinkelten linken Unterarm »Darf man nach dem Grund der Diskussion fragen?« Parker hatte sich neben Agatha Simpson aufgebaut.

Die beiden Schläger fühlten sich angesprochen und drehten sich um. Ungläubiges Erstaunen war von ihren Gesichtern abzulesen. Mit solch einer Unterbrechung hatten sie nicht gerechnet.

»Ich hasse Fußtritte«, meinte Lady Agatha und ... verabreichte ihre erste Ohrfeige. Da sie mit Leidenschaft Golf spielte und auch den Sportbogen schoß, war ihre Armmuskulatur nicht gerade unterentwickelt.

Die ältere Dame setzte ihre linke Hand auf die rechte Backe des Schlägers und brachte ihn auf diese einfache Art völlig aus dem Gleichgewicht; um ihn restlos zu erschüttern, trat die resolute Dame ihm dann noch zusätzlich gegen das rechte Schienbein.

Der Schläger fiel gegen die Hauswand und rutschte danach langsam an ihr hinunter zu Boden.

Der zweite Schläger reagierte endlich.

Er holte zu einem Fausthieb aus und hatte keine Bedenken, eine Dame zu schlagen. Das Ziel seiner nicht gerade kleinen Faust war Myladys Gesicht.

Josuah Parker, normalerweise der rohen Gewalt abhold, kam diesem Schlag fast beiläufig zuvor. Mit der Spitze seines Universal-Regenschirmes traf er den Solarplexus des Mannes und veranlaßte ihn, eine tiefe, fast höfliche Verbeugung zu machen.

In diesem Moment setzte die ältere Dame ihren Pompadour auf den Hinterkopf des Mannes, der plötzlich das Gefühl hatte, von einem auskeilenden Pferd getroffen worden zu sein. Er verdrehte die Augen und lagerte sich auf den Gehwegplatten.

»Wagen Sie es nicht noch mal, eine hilflose Frau anzugreifen«, warnte sie anschließend den Schielenden mit baritonal gefärbter Stimme.

Der Halbwüchsige kroch inzwischen auf die Zuschauer dieser Szene zu und wollte sich in Sicherheit bringen. Um die verstreut liegenden Eßwaren aus der Einkaufstüte kümmerte er sich nicht.

»Halt, junger Mann«, donnerte Agatha Simpson, während Parker die beiden Schläger höflich-abwartend musterte. »Selbstverständlich wird man Ihnen den Schaden ersetzen. Wir kaufen jetzt noch mal gemeinsam ein.«

»Nein, nein«, stammelte der Halbwüchsige ängstlich. »Es ist schon gut.«

»Überhaupt nicht«, entschied die Detektivin und wandte sich an ihren Butler. »Bringen Sie die beiden Waschlappen auf die Beine, Mister Parker. Diese Subjekte werden selbstverständlich den Neueinkauf aus ihren Taschen bezahlen.«

»Eine Entscheidung, Mylady, die man nur als gerecht bezeichnen kann und muß«, gab Parker zurück. Er wußte bereits zu diesem Zeitpunkt, daß da wieder mal einiges auf Mylady und ihn zukam.

*

Der Halbwüchsige schleppte sich mit zwei prall gefüllten Tüten ab und machte dennoch einen unglücklichen Eindruck, als er im Fond des hochbeinigen Monstrums Platz nahm.

»Sie hätten sich nicht einmischen sollen, Mylady«, meinte er und tupfte sich mit einem Papiertaschentuch die immer noch blutende Nase ab. »Sie haben ja keine Ahnung, was da alles nachkommen wird.«

»Nun reißen Sie sich mal zusammen, junger Mann«, grollte Lady Agatha. »Sie stehen unter meinem Schutz.«

»Jetzt noch, Mylady«, lautete die Antwort. »Aber Sie werden weiterfahren. Und dann werden die Männer wieder über mich herfallen.«

»Sollte es dafür einen bestimmten Grund geben?« schaltete der Butler sich vom Steuer her ein. Er fuhr die Hauptstraße hinunter und hatte die Absicht, den jungen Mann nach Hause zu bringen.

»Ich bin ein Pakistani«, sagte der Fahrgast mit leiser Stimme.

»Aha«, meinte Agatha Simpson ironisch. »Ich muß, Ihre Hautfarbe völlig übersehen haben.«

»Man hat Sie wegen dieser Hautfarbe geschlagen?« erkundigte sich Parker.

»Und weil ich Pakistani bin«, klang müde die Antwort. »Wir sind hier in Cudlam Hill nicht besonders beliebt.«

»Ihr Englisch ist recht gut, junger Mann«, stellte die ältere Dame fest.

»Ich bin ja hier geboren«, erwiderte der junge Mann, der älter sein mußte, als Mylady zuerst angenommen hatte. »Meine Eltern und ich sind vor einem Vierteljahr nach Cudlam Hill gezogen. Mein Vater bekam hier einen Job.«

»Darf man sich nach Ihrem Beruf erkundigen?« warf Josuah Parker ein.

»Ich arbeite als Dreher in einem kleinen Betrieb, aber ich hab’ schon die Kündigung in der Tasche.«

»Eine Kündigung wegen Ihrer Hautfarbe, junger Mann?« fragte Agatha Simpson interessiert.

»Wegen meiner Hautfarbe«, bestätigte der Fahrgast und wandte sich an den Butler. »Gleich rechts, Sir, dann das letzte Haus links.«

»Ich kenne genügend Leute, die Sie wegen Ihrer braunen Hautfarbe beneiden würden«, spottete die ältere Dame, »um sie zu erreichen, liegen sie für sündhaft teures Geld auf diesen verrückten Sonnenbänken.«

»Aber die sind weiß, wir sind von Geburt aus braun«, meinte der junge Mann resigniert. »Und genau das ist der Unterschied, Mylady.«

Parker hatte das kleine, ebenerdige Haus erreicht und hielt. Der junge Mann stieg aus und bedankte sich noch mal.

»Es war mir ein echtes Vergnügen«, gab die Detektivin zurück.

»Sie sprachen davon, daß noch etwas auf Sie zukommen würde«, erinnerte der Butler den jungen Mann, der die beiden hoch gefüllten Papiertüten in die Arme genommen hatte.

»Vergessen Sie es, Sir«, meinte der Pakistani hastig. »Sie sind ja nur auf der Durchreise.«

»Müssen Mylady davon ausgehen, daß sogenannte Fremde in Cudlam nicht sonderlich erwünscht sind?«

»Und zwar ganz gleich, welche Hautfarbe man hat«, lautete die Antwort. »Dafür sorgt schon der Sauber ...«

»Sie führen absichtlich Ihren Satz nicht zu Ende?«

»Schon gut. Nochmals, vielen Dank! Und gute Weiterfahrt!« Der junge Mann nickte und ging auf die kleine Haustür zu, die geöffnet worden war. In ihr stand wohl der Vater des jungen Mannes. Er war schmal, fast klein zu nennen, und verbeugte sich, als Parker grüßend die schwarze Melone lüftete.

»Was sage ich dazu, Mister Parker?« fragte die ältere Dame, als Parker langsam anfuhr.

»Mylady dürften entrüstet sein«, stellte der Butler fest.

»Das kann man wohl sagen, Mister Parker. Ich hätte noch viel intensiver zulangen sollen. Ich denke, ich werde noch mal zurückkehren und mir die beiden Schläger kaufen.«

»Mylady können sich nach Lage der Dinge diese Rückfahrt ersparen«, gab Josuah Parker zurück. »Mylady brauchen nur in der Nähe des kleinen Hauses zu warten.«

»Aha. Die beiden Subjekte werden nachkommen, um sich für den Zwangseinkauf zu rächen?«

»In der Tat, Mylady«, lautete Parkers Antwort, »zudem müssen diese beiden Schläger ihr sogenanntes Image wahren. Darf man Mylady in diesem Zusammenhang an den Satz erinnern, den der junge Pakistani nicht zu Ende brachte?«

»Sprach er nicht von ...? Von wem sprach er noch?«

»Von einer Person, deren Name ›Sauber‹ lautet, wobei man davon ausgehen muß, daß zumindest eine Silbe aus Angst verschluckt wurde.«

»Selbstverständlich werde ich hier in der Nähe auf diese beiden Lümmel warten«, meinte Lady Agatha. »Der gute Sir Alfred kann warten. Die Sache hier hat absoluten Vorrang.«

Sie betastete freudig den sogenannten Glücksbringer in ihrem perlenbestickten Pompadour. Ihre Finger umrundeten das veritable Hufeisen in dem Handbeutel. Der Größe nach zu urteilen mußte es von einem mächtigen Brauereipferd stammen.

*

Das hochbeinige Monstrum stand hinter einer übermannshohen Hecke auf einem schmalen Feldweg. Parker hatte die Wagenlichter gelöscht und das Fenster auf seiner Seite nach unten gedreht. Er horchte in die Dunkelheit und rechnete jeden Augenblick damit, daß zumindest die beiden Schläger erschienen. Bis zum kleinen, ebenerdigen Haus, in dem die pakistanische Familie wohnte, war es nicht sonderlich weit.

Josuah Parker war durchaus damit einverstanden, daß man sich in dieses Geschehen einschaltete. Er war ein Mann ohne Vorurteile. Fragen der Hautfarbe interessierten ihn grundsätzlich nicht. Für ihn zählte nur die Tatsache, daß ein Mensch sich menschenwürdig benahm und verhielt.

»Sie haben die Lage wieder mal völlig falsch eingeschätzt«, räsonierte die ältere Dame und ließ ihn aus seinen Gedanken hochfahren. »Selbstverständlich werden diese beiden Subjekte nicht erscheinen und ...«

»Man scheint zu kommen, Mylady«, meldete der Butler gemessen nach hinten in den Wagen.

»Unsinn«, widersprach sie, »das ist ein durchfahrender Wagen, der ... vor dem Haus hält.«

Sie war wie elektrisiert und stieß die linke Tür auf. Sie schob ihre imponierende Fülle nach draußen und brachte ihren Pompadour in Schwingung.

Parker verließ ebenfalls den Wagen und übernahm die Führung. Er hatte das leise Zuschlagen einer Wagentür gehört. Parker übernahm die Führung und geleitete seine Herrin durch ein schmales, geöffnetes Gartentor. Von hier aus konnte man bereits auf die Rückseite des kleinen Hauses blicken. Hinter zwei Fenstern brannte schwaches Licht.

Wenige Augenblicke später wußte der Butler, daß man sich nicht geirrt hatte. Die beiden Schläger standen in einem kleinen Wohnraum und waren bereits dabei, einen Tisch auf ihre spezielle Art abzuräumen.

Sie fegten mit Stahlruten das wenige Porzellan von der runden Platte. In einer Zimmerecke machte Parker den jungen Mann aus, der zusammen mit seinem Vater und seiner Mutter hier Schutz suchte.

Der Butler passierte die beiden Fenster und erreichte die Hintertür, die verschlossen war. Er bemühte sein kleines Spezialbesteck und brauchte nur wenige Sekunden, bis er das mehr als einfache Schloß dazu gebracht hatte, sich zu öffnen.