Buchcover

Faustrecht

Hugo Bettauer

SAGA Egmont




1. Teil

Erstes kapitel

Oskar Fels betrat pfeifend, ungeheuer geräuschvoll das „Lokalzimmer“ der „Weltpresse“, schmiß den Hut auf seinen Schreibtisch, den Pelzrock über einen Stuhl und klatschte in die Hände um sie zu wärmen. Ein wütendes Grunzen vom anderen Schreibtisch her unterbrach seine lärmende Tätigkeit.

„Ah, Sie auch schon da, Herr Kollege! Und noch nicht ausgeschlafen?“

Das Grunzen verstärkte sich zu einem Pfauchen. Julius Grubenheld, der Chef des „Lokalen Teiles“ und der unmittelbare Vorgesetzte des ersten Reporters Fels, erwiderte nichts. Er erstickte innerlich vor Wut, hatte aber, wie gewöhnlich, auch diesmal nicht den Mut, sich auf ein Wortgeplänkel mit Fels einzulassen. Grubenheld war, wie sehr viele Neurastheniker, am Morgen ungenießbar, wütend, schlecht gelaunt, empfindlich gegen jeden Lärm. Er hätte sich am liebsten in eine Kammer verkrochen und dort so lange allein zugebracht, bis ihn die „Stimme des Herrn“ aus seiner Zerschlagenheit aufrütteln und ihm neuen Lebenswillen einflößen würde. Der „Herr“ war in diesem Falle der Besitzer der „Weltpresse“, den Grubenheld haßte und liebte, verehrte und verachtete, wie eben Sklaven ihre Herren zu lieben und zu hassen, zu verachten und zu vergöttern pflegen. Er sprach von seinem Chef nur als von dem alten Gauner, seine Anordnungen nannte er Trotteleien, seine Reklamationen bewußte Bosheiten, so wie er aber vor das Antlitz des Herausgebers gerufen wurde, verwandelte sich der Haß in Demut, die von der Vormittagslaune heisere Stimme wurde sanft und milde und jede Opposition zur Huldigung. Fels der den direkten Verkehr mit dem „Alten“ weder suchte noch liebte, verachtete seinen ranghöheren Kollegen wegen dessen Schweifwedelei und auch aus anderen Gründen und tat sein Bestes, um Grubenheld seine geistige und physische Überlegenheit empfindlich fühlen zu lassen. Der Unterschied zwischen den beiden Journalisten kam schon rein äußerlich zum Ausdruck. Fels, groß, stark, brünett, temperamentvoll, mit schwarzen Augen, aus denen Lebensfreude und eiserner Wille strahlten, Grubenheld gekrümmt, weich, plattfüßig, Augen von einem verschwommenen Blau, ein faltiges Gesicht, in das getäuschte Hoffnungen, Nachtarbeit, krankhafter, aber vergeblicher Ehrgeiz tief ihre Spuren eingegraben hatten.

Fels ließ sich krachend in seinen Stuhl nieder, blätterte flüchtig in den eingelaufenen Manuskripten herum und sagte:

„Lauter Mist! Wieder einmal nichts los!“

Grubenheld mit beleidigtem Gesicht und halb gebrochener, wie Fels behauptete, unausgegurgelter Stimme:

„Nichts los? Ich finde, zwei Spalten Ausstellungseröffnung sind für das Abendblatt gerade genug.“

„Genug ja, aber nicht interessant. Das ist doch der höhere Schund. Eine Spalte ‚Unter den Anwesenden befanden sich‘ und eine Spalte geistvoller Aussprüche aus dem erlauchten Munde des Herrn Staatssekretärs, wie ‚Sehr schön‘, ‚Sehr stimmungsvoll‘, ‚Haben Sie das nach der Natur gemalt?‘, ‚Das ist Ihnen sehr gelungen‘ usw.“

„Lieber Herr Kollege, ich habe jetzt keine Lust und Zeit, mit Ihnen über die Bedeutung derartiger Tagesereignisse für die ‚Weltpresse‘ zu streiten, sondern muß Sie bitten — —“

Zu weiteren Auseinandersetzungen kam es nicht, da von dem Tischtelephon Grubenhelds zwei Signale ertönten, ein Zeichen, daß der Herausgeber von seiner Wohnung aus den Chef des Lokalteiles sprechen wollte. Im Nu war von Grubenheld jede Nervosität gewichen, er wurde gespannteste Aufmerksamkeit und rief, während er die eine Hand abwehrend vor sich hinhielt, wie um jede Störung von sich fernzuhalten, in die Sprechmuschel hinein:

„Guten Morgen! Gut geschlafen? Ja? Das freut mich. Guter Schlaf ist bei Ihrer ungeheueren Arbeitsleistung das Wichtigste. Zu Ihrem heutigen Leitartikel muß ich Ihnen gratulieren! Man spricht in ganz Wien darüber. — Wie? Das hat Ihnen schon Kollege Untermacher gesagt? Nun ja, ich wußte nicht, daß Sie ihn früher als mich angerufen haben.“ — Die Stimme Grubenhelds nahm eine etwas gekränkte Art an. — „Nein, es liegt nichts Besonderes vor. Ein größerer Brand im neunten Bezirk, ein Eisenbahnunfall bei Prag, aber Personenzug, also nicht aufregend für unsere Leser und dann ein langer Bericht über die Eröffnung im Künstlerhaus. Ja, natürlich, gar kein Zweifel, das sind ja unsere Leser. Ich habe dem Kollegen Fels eben gesagt, daß dieser Bericht von der größten Bedeutung für uns ist. Natürlich müssen wir mehr darüber bringen als die ‚Tagespost‘.“

Fels hatte, vor sich hingrinsend, zugehört und jetzt platzte er los:

„Lieber Herr Kollege, woher wissen Sie, daß ganz Wien über den Leitartikel spricht? Sie kommen doch gerade aus dem Bett? Und warum machen Sie immer Verbeugungen? Der Alte sieht Sie doch nicht, heben Sie sich das auf, sonst werden Sie sich noch eine Rückgratverkrümmung zuziehen.“

Es kam zu keiner Auseinandersetzung, denn jetzt wurde die Türe aufgerissen und herein stürzte atemlos ein Bureaudiener.

„Herr Doktor,“ sagte er, zu Grubenheld gewendet, „gerade wird aus dem Café ‚Türkenschanzpark‘ telephoniert, daß im Cottage in der Kastanienallee Nummer zweiundvierzig ein furchtbarer Mord begangen wurde. Die Besitzerin des Hauses und ihre Schwester sind umgebracht worden.“

Große Aufregung bei Grubenheld, der mit Armen und Beinen zu fuchteln begann, während Fels ganz ruhig blieb und, als würde ihn die Sache nichts angehen, an der Eröffnung des Künstlerhauses zu redigieren begann. Als ihn aber Grubenheld anfuhr: „Ich bitte Sie, haben Sie nicht gehört? Cottage, das muß groß aufgemacht und recherchiert werden!“ sagte er: „Jawohl, ich bin ja nicht taub, ich werde hinfahren und mir die Sache ansehen.“ Und den anderen seiner Aufregung überlassend, nahm er Pelz und Hut und verließ scheinbar ganz gelassen das Gebäude der „Weltpresse“, winkte einem Auto und ließ sich nach der Kastanienallee fahren.

Zweites kapitel

Das Haus Nr. 42 in der ruhigen, fast weltabgeschiedenen Kastanienallee, die die älteste Straße der Wiener vornehmen Villenkolonie „Cottage“ ist, liegt tief in einem alten, schönen Ziergarten, so daß man auch jetzt, im Februar, da die Bäume ihr Laub nicht tragen, von der Straße aus die Fassade der schloßähnlichen Villa nicht genau sieht. Wohl aber leuchten von der Front unterhalb des Giebels die goldenen Buchstaben „Villa Mabel“ deutlich hervor. Das Gebäude ist bester Wiener Barock, zweistöckig, mit einer Auffahrt zum Portal, und macht einen durchaus feudalen Eindruck. Es steht nach allen Seiten frei, hat sechs Fenster Vorderfront und ist ersichtlicherweise so gebaut, daß im Hochparterre die Salons und Empfangsräume liegen, im ersten Stockwerk die Wohn- und Schlafzimmer, darüber etwaige Gastzimmer und die Wohnräume der Dienerschaft.

Als Fels mit seinem Autotaxi angefahren kam, umstand eine große Menschenmenge das Gittertor, das von der Straße nach dem Garten führt, ein Schutzmann aber verwehrte jedermann den Eintritt. Erst als Fels seine Legitimation vorwies, öffnete ihm der Polizist, höflich salutierend, das Tor und sagte dabei: „Unten, im ersten Zimmer rechts.“

Fels fühlte, wie ihm die angesammelte neugierige Menge mit neidischen Blicken folgte und ein eigenartiges, ironisches oder verächtliches Lächeln kräuselte seinen schönen, vielleicht etwas zu vollen Mund, den ein englisch gestutzter Schnurrbart freiließ. Dicht hinter Fels fuhr jetzt wieder ein Auto vor, dem ein gewaltiger Herr, der Präsident der Wiener Polizei, Dr. Lerchenfeld, mit seinem Privatsekretär entstieg. Er erreichte den Journalisten knapp vor dem Hausportal, klopfte ihm auf die Schulter und sagte leichthin:

„Na, da haben ja die Zeitungen wieder einmal eine Sensation! Ein Doppelmord in der vornehmsten Straße Wiens, das ist ein gefundenes Fressen, besonders für die ‚Weltpresse‘. Himmel, Ihr Chef wohnt ja auch im Cottage, da wird er diesen Mord als persönliche Bedrohung auffassen und der Polizei in einem Leitartikel gute Lehren erteilen. Na, das kann ja nett werden.“

„Habe keine Ahnung,“ erwiderte Fels kühl, „da ich noch gar nichts weiß, als daß ein Verbrechen begangen wurde“.

Beide traten nun in das Zimmer rechts von der schönen großen Halle, in die man zunächst kam. Der geräumige Saal, in dem die Herren von der Polizei versammelt waren, repräsentierte ersichtlich einen Herrensalon. Die Wände unten aus dunklem Holz, im oberen Teil mit grünem Leder bespannt, ein mächtiger Diplomatenschreibtisch, Rauch- und Spieltischchen und eingebaute Bücherschränke, zwischen ihnen alte, kostbare englische Stiche. Vor dem Schreibtisch saß jetzt ein Polizeibeamter, der mit rascher, flüssiger Schrift schon eine stattliche Anzahl von Papierbogen beschrieben hatte. Um einen Spieltisch herum saßen und standen mehrere in Zivil gekleidete Herren, während sich zwei Mädchen eben anschickten, weinend und aufgeregt das Zimmer zu verlassen.

Der eine der Herren war der Chef der Sicherheitsabteilung der Wiener Polizei, Direktor Anton Lechner, der andere sein Stellvertreter Polizeirat Hermann, ein alter, kleiner Herr ist der Herausgeber der offiziellen Polizeikorrespondenz, der die Berichte für die Zeitungen, soweit sie keine eigenen Berichte machen, fertigzustellen hat. Zwei Detektive stehen vorne, im Hintergrund an der Wand lehnt aber mit gekreuzten Armen ein hagerer, glattrasierter Herr mit scharfer Hakennase und einem Kneifer vor den klugen grauen Augen. Es ist dies Kriminalkommissär Dr. Heinrich Bär, einer der erfolgreichsten Polizeibeamten der deutschösterreichischen Republik, dem die schwierigsten Fälle zur Spezialbehandlung überwiesen werden. Vor kurzem erst hat er internationales Aufsehen durch die Entdeckung einer in sechs Großstädten etablierten Banknotenfälschergesellschaft erregt und allgemein wird dem vielseitig gebildeten, etwa dreißigjährigen Manne eine glänzende Laufbahn vorausgesagt. Als der Polizeipräsident mit dem Journalisten eintritt, winkt Dr. Bär dem letzteren lächelnd zu. Beide verkehren fast freundschaftlich miteinander, sie sind Stammgäste desselben Kaffeehauses und haben oft genug gemeinschaftlich an interessanten Kriminalfällen gearbeitet.

Direktor Lechner nahm die Protokollbogen zur Hand, verbeugte sich noch einmal vor dem Präsidenten und begann, während sich Fels Notizen machte:

„Herr Präsident, ich gestatte mir, Ihnen alles vorzulegen, was bisher erhoben ist:

Das Haus, in dem wir uns befinden, ist Besitz des Ehepaares August und Mabel Langer. Herr Langer ist sechsunddreißig Jahre alt, in Wien geboren und erzogen, hat aber noch vor Beendigung des Gymnasiums Europa verlassen, um zu einem in London lebenden Onkel zu ziehen, der dort eine Fabrik für Feinmechanik besaß. In London lernte Herr Langer die Tochter eines anderen Fabrikanten derselben Branche kennen und vermählte sich mit Miß Mabel Mac Lean vor fünfzehn Jahren. Er bekam mit seiner Frau ein großes Vermögen, erbte nach wenigen Jahren die Fabrik seines Schwiegervaters und übersiedelte bald darauf nach Wien, wo er eine Fabrik errichtete, während er die Unternehmungen in England an Verwandte seiner Frau verpachtete. Während des großen Krieges hat Herr Langer sein Vermögen verzehnfacht, da er nicht nur hier Millionen verdiente, sondern auch an dem Riesengewinn der englischen Etablissements mit der Hälfte des Reinertrages partizipiert. Als Herr Langer vor elf Jahren nach Wien übersiedelte, kaufte er diese Villa, die er und seine Frau mit fürstlichem Luxus ausstatteten. In ihrer Gesellschaft befand sich die ganzen Jahre hindurch Miß Kathleen Mac Lean, die Schwester der Frau Langer, die um zwei Jahre jünger war als diese, einen verwachsenen Rücken hatte und wohl aus diesem Grunde ledig geblieben ist. Die Ehe selbst ist kinderlos. Sonst befinden sich in diesem Hause noch ein Stubenmädchen und eine Köchin, ein Kammerdiener und ein Gärtner. Der Kammerdiener ist aber gestern morgens mit seinem Herrn nach Prag verreist, der Gärtner befindet sich seit einem Monat in Holland auf Urlaub, da er ein Holländer ist und es jetzt im Februar hier nichts für ihn zu tun gibt. Der Chauffeur des Herrn Langer wohnt nicht hier im Hause und befindet sich derzeit in Essen, wo er ein neues Automobil für Herrn Langer übernimmt. Der Privatsekretär des Herrn Langer, Doktor juris Holzinger, pflegt nur die Zeit von elf Uhr vormittags bis zwei Uhr nachmittags hier zu verbringen.

Und nun kommen wir zu dem schrecklichen Ereignis, das uns heute versammelt. Wie schon gesagt, ist Herr Langer gestern morgens in geschäftlichen Angelegenheiten nach Prag gefahren und hat seinen Kammerdiener mitgenommen. Da der Gärtner in Holland weilt und der Chauffeur in Essen, blieben als Hausbewohner hier nur vier Personen zurück: Frau Langer, deren Schwester und die beiden Dienstmädchen. Der gestrige Tag verlief ereignislos. Die beiden Damen fuhren nachmittags in einem gemieteten Auto in die Innere Stadt, machten dort ihre Einkäufe, kamen gegen acht Uhr abends zurück, speisten und begaben sich ungefähr um elf Uhr zur Ruhe. Die Schlafzimmer der Damen liegen im ersten Stockwerk nach der Seite gegen Osten und sind voneinander durch zwei kleine Zimmer, den Ankleidezimmern der Damen, getrennt. Stubenmädchen und Köchin haben zusammen ein Zimmer im zweiten Stockwerk, und zwar nach Westen, also an der entgegengesetzten Seite des Hauses, demzufolge die räumliche Entfernung ziemlich erheblich genannt werden muß. Von jedem der Zimmer der Damen führt eine elektrische Klingel nach dem Schlafzimmer der Mädchen. Die Mädchen, die kurz nach den Damen zu Bett gingen, hatten in der Nacht nichts Beunruhigendes, weder Schritte noch Geräusche oder gar Schreie gehört. Frau Langer und ihre Schwester sind Frühaufsteherinnen, fast regelmäßig geben sie um acht Uhr das Glockenzeichen nach ihrem Frühstück, das dann sofort in den beiden Schlafzimmern serviert wird. Als aber heute eine Viertelstunde nach der anderen verging, ohne daß dieses Glockenzeichen laut wurde, begab sich das Stubenmädchen Anna Prohaska ein Viertel vor neun Uhr zum Schlafzimmer der Frau Langer, öffnete leise die nicht versperrte Tür und warf einen Blick hinein. Was sie sah, veranlaßte sie, einen gellenden Schrei auszustoßen, der die Köchin Marie Bittner aus der im Souterrain gelegenen Küche herbeistürzen ließ. Frau Langer lag nämlich, gelbgrün im Gesicht, mit weit aufgerissenem Mund im Bett, während sie die Arme mit den ausgespreizten Fingern ausgebreitet hielt. Anna beugte sich nun über ihre Herrin und gewann sofort die Überzeugung, daß diese tot sei. Gemeinsam mit der Köchin rannte sie durch die beiden Garderobezimmer nach dem Schlafgemach des Fräulein Mac Lean, und dort bot sich ihnen fast derselbe Anblick, nur daß diese mit den Beinen zum Bett heraushing.

Gellende Hilferufe ausstoßend, rannten die beiden Dienstmädchen auf die Straße, alarmierten die Passanten und Nachbarn, ein Polizist war sofort zur Stelle, und schon um halb zehn Uhr war ich mit meinem Herrn Stellvertreter, Protokollführer, dem Herrn Kriminalkommissär Doktor Bär und mehreren Detektivs im Hause. Wenige Minuten nach uns kam auch Polizeiarzt Doktor Bondi, der sich jetzt noch oben bei den Leichen befindet. Wir fanden folgende Situationen vor: Die beiden Damen waren zweifellos vor mehreren Stunden im Schlaf überfallen und erwürgt worden. Auch ohne die Leichen zu untersuchen, sahen wir doch die Würgmerkmale an den Gurgeln der Frauen. Im Schlafzimmer der Frau Langer waren die Schubfächer eines niedrigen Spiegelschrankes aufgerissen. In der obersten Schublade befindet sich eine Kassette aus Elfenbein, in der sich nach Angabe des Stubenmädchens der kostbare Schmuck der Frau Langer befand. Dieses Elfenbeinkästchen, das eine Länge von vierzig Zentimetern bei einer Breite von dreißig und einer Höhe von fünfundzwanzig Zentimetern hat, ist aufgebrochen und seines Inhaltes scheinbar beraubt.“

„Also unzweifelhaft ein Raubmord,“ warf der Polizeipräsident ein.

„Allem Anschein nach,“ erwiderte der Chef des Sicherheitsbureaus, während sich Dr. Bär jeder Meinungsäußerung enthielt, obwohl ihn der Präsident fragend ansah. Fels aber machte sich ruhig weiter seine Notizen.

Direktor Lechner fuhr fort:

„Ich nahm davon Abstand, die Leichen genau zu besichtigen, bevor Doktor Bondi sie untersucht hat, konnte aber trotzdem feststellen, daß Fräulein Mac Lean ein goldenes Uhrenarmband trug, das während des Ringens mit dem Mörder zerbrochen ist. Die Uhr, deren Glas zerschmettert ist, blieb um zwei Uhr zwanzig Minuten morgens stehen, man dürfte also annehmen, daß dies die Zeit der Tat war. Das Stubenmädchen bestätigte, daß die Dame ihr Uhrenarmband auch nachts zu tragen pflegte.

Für die Täterschaft kommt vorläufig noch keine bestimmte Person in Betracht. Köchin wie Stubenmädchen sind seit fast zehn Jahren im Hause, beide sind recht zarte und schwache Mädchen, beide ersichtlich niedergeschmettert durch das schreckliche Ereignis. Natürlich stehen sie unter Bewachung, eine gründliche Untersuchung ihrer Effekten hat zu keinem Ergebnis geführt. Die unbedingt wichtigste Aussage, die bisher vorliegt, ist die folgende der beiden Dienstmädchen: Das Stubenmädchen hat sich um sieben Uhr morgens zum Gartenportal begeben, um aus dem dort angebrachten Briefkasten die Zeitung zu holen. Haustor wie Gartenportal waren ordnungsgemäß versperrt, die Sicherheitsvorrichtung am Gartenportal war in Ordnung. Auch wenn das Schloß an diesem Portal aufgesperrt ist, kann man nämlich die Türe erst dann öffnen, wenn man den Deckel des inwendigen Schlüsselloches nach aufwärts drückt. Das ist einer jener Geheimmechanismen, wie ihn die Villen im Cottage zu haben pflegen. Der oder die Mörder müssen also, da die Schlösser keinerlei Beschädigung aufweisen, Portal wie Tor regelrecht mit einem Schlüssel geöffnet und die Sicherheitsvorrichtung gekannt haben, wie sie überhaupt ohne genaue Kenntnis der Wohnungsverhältnisse und der Tatsache, daß Herr Langer verreist ist, ihre Tat nicht begehen konnten. Diese Tatsache wird uns unsere Arbeit wohl wesentlich erleichtern, da dadurch der Kreis der in Betracht kommenden Personen ein sehr enger wird.“

Drittes kapitel

Gerade hatte der Chef des Sicherheitsbureaus seinen Vortrag beendet, als die Türe geöffnet wurde und zwei Beamte das Zimmer betraten. Der eine teilte mit, daß Dr. Bondi die Untersuchung der Leichen beendet habe und die Herren oben erwarte. Der andere erklärte, daß er soeben mit der Prager Polizeidirektion ein telephonisches Gespräch gehabt habe. Die Prager Polizeidirektion hatte durch einen höheren Beamten Herrn Langer im Hotel „Blauer Stern“ Mitteilung von dem Geschehnis gemacht. Herr Langer sei fast zusammengebrochen und habe sofort ein Tourenauto bestellt, um auf raschestem Wege nach Wien zu kommen. Da dem Chauffeur die Erlaubnis ausgestellt worden sei, mit achtzig Kilometer Stundengeschwindigkeit zu fahren, so dürfte Herr Langer gegen drei Uhr nachmittags in Wien eintreffen.

Inzwischen waren noch einige andere Journalisten erschienen und alles begab sich zunächst in die Zimmer der beiden Ermordeten. Der Anblick der erwürgten Frauen wirkte niederschmetternd, und einer der Journalisten konnte den wenig taktvollen Ausruf nicht unterdrücken: „Na, schön sind sie beide nicht gewesen!“ Nein, das waren sie wahrhaftig nicht! Frau Langer war der Typus der mageren, reizlosen Engländerin mit knochigem Körper, zu großen Füßen, schmutzig-gelbem, spärlichem Haar, dünnen Lippen und mächtigen, hervorstehenden Zähnen, während Miß Mac Lean mit ihrem verkrümmten Rückgrat, dem schwarzen, wolligen Haar und den zusammengewachsenen Augenbrauen geradezu abstoßend wirkte. Nach einer flüchtigen Besichtigung der Leichen begaben sich die Herren über den Vorraum in ein großes, als Frühstückszimmer eingerichtetes Gemach, und hier erklärte Dr. Bondi die Situation vom ärztlichen Standpunkt aus:

„Die Morde sind vor etwa sieben Stunden, also tatsächlich gegen zwei Uhr morgens verübt worden. Während die Frauen schliefen, ist der Mörder an die Betten herangeschlichen, hat mit der rechten Hand die Kehle des Opfers umspannt, wobei in beiden Fällen der Daumen auf den Kehlkopf zu liegen kam, und dann mit solch furchtbarer Gewalt zugedrückt, daß die Opfer wohl vielleicht durch einige Sekunden noch um sich schlagen, aber sicher keinen Laut von sich geben konnten. In beiden Fällen ist der Kehlkopf eingedrückt, die Frauen müssen die Besinnung fast sofort verloren haben. Die kräftiger gebaute Mac Lean dürfte sich stärker gewehrt haben, wofür die Tatsache spricht, daß sie mit dem Handgelenk, über dem sie das Uhrenarmband trug, nach rückwärts an einen Messingstab des Bettes anschlug, wobei das Uhrglas zerbrach. Jedenfalls hat der Mörder so gearbeitet, daß er von den Händen der Frauen nicht verletzt wurde. Die mikroskopisch nachgewiesene Unversehrtheit der ziemlich langen Fingernägel der Ermordeten bewies dies.

Nach den Würgspuren zu schließen, sind beide Frauen von ein und demselben Mann ermordet worden. Dieser Mann muß sehr kräftige, eher große als kleine Hände gehabt haben, die aber mit Handschuhen, und zwar mit solchen aus Wildleder, bekleidet waren. Diese raffinierte Vorsicht macht jede daktyloskopische Untersuchung der Würgmerkmale aussichtslos.“

Tiefe Stille trat im Zimmer ein, die der Polizeipräsident schließlich unterbrach. Mit gerunzelter Stirn und ersichtlich nervös sagte er etwas scharf:

„Meine Herren, Sie werden mir zugeben, daß wir vor einem vollkommenen Rätsel stehen. Und dabei sind nahezu acht Stunden seit der Tat verstrichen, genug, um Spuren zu verwischen, die geraubten Gegenstände zu verbergen, sogar, um die Grenzen unseres kleinen Staates zu verlassen. Herr Doktor Bär, ich bitte Sie, die Nachforschungsarbeit mit aller Energie und allen uns zu Gebote stehenden Hilfsmitteln zu übernehmen. Bleibt der Täter unentdeckt, so bedeutet dies für uns alle einen Prestigeverlust, der nicht mehr einzubringen ist, um so mehr, als ja auch der Mörder aus der Schönbrunnerstraße noch immer nicht gefunden werden konnte.“

Dr. Bär verneigte sich leicht vor dem Präsidenten und erwiderte:

„Ich weiß das Vertrauen, das Herr Präsident mir schenken, vollauf zu würdigen und werde meine Pflicht tun. Was den Mord in der Schönbrunnerstraße betrifft, so gestatte ich mir die Bemerkung, daß ich eine sichere Spur des Täters habe, den ich heute schon verhaften könnte, wenn ich es nicht vorzöge, ihn aus technischen Gründen noch einige Tage beobachten zu lassen. Hier in diesem Falle stehen wir allerdings vor einem Rätsel, dessen Lösung ich auch nicht näher kommen kann, bevor Herr Langer nicht in Wien eingetroffen ist. Er allein kann uns über die so wichtige Schlüsselfrage Auskunft geben, er allein kann genau sagen, was an Schmucksachen und Geld geraubt wurde. Ich habe darüber bereits die Dienstmädchen vernommen, aber ihre Auskunft ist ungenau. Wohl sprechen sie von einem kostbaren Perlenhalsband, vielen Ringen, Broschen, Nadeln und so weiter, aber dies alles ist nicht genug präzise. Das Handtäschchen aus Schildpatt, das der Frau Langer gehörte, lag auf dem Nachtkästchen und enthält außer einigen kleinen Münzen kein Geld. Das Stubenmädchen weiß nicht, ob und welcher Geldbetrag sich in der Tasche befunden hat. Aus dem Besitz des Fräuleins Mac Lean scheint nichts geraubt worden zu sein, wenigstens befinden sich in ihrem Täschchen auf dem Toilettetisch achthundert Kronen, eine Anzahl von Schmuckstücken, darunter sehr kostbare, liegen im Schubfach des Nachtkästchens.

Die beiden Dienstboten erscheinen auch mir als unverdächtig, die Köchin macht den Eindruck einer beschränkten, bedürfnislosen Person, das Stubenmädchen stammt aus guter Familie und ist mit einem Volksschullehrer, der in Linz lebt, verlobt. Sie selbst kann die Tat unmöglich begangen haben, daß sie jemanden dazu gedungen oder dabei unterstützt hat, ist absolut nicht anzunehmen. Ich habe überhaupt vorläufig keine bestimmte Fährte, mache aber darauf aufmerksam, daß wir den Privatsekretär des Herrn Langer, Doktor Holzinger, noch nicht vernommen haben. Ich habe wohl schon nach seiner Wohnung in der Florianigasse geschickt, aber er war nicht zu Hause. Ich nehme an, daß er bald hier erscheinen wird.“

In diesem Augenblick trat ein Detektiv ein und meldete, daß soeben Dr. Holzinger gekommen sei. Gleich darauf betrat der Privatsekretär des Herrn Langer das Zimmer.

Viertes kapitel

In demselben Augenblicke, als der Name Dr. Holzingers von Dr. Bär auch nur erwähnt worden war, hatte sich der Verdacht der meisten im Zimmer anwesenden Herren auch schon an die Person des jungen Juristen geklammert. Er war der einzige Mann, der sich während der Abwesenheit des Herrn im Hause bewegen konnte, er war aber auch der einzige, der bei der bisherigen Untersuchung nicht anwesend war, und der einzige, nach dem so gewissermaßen gesucht werden mußte. Und dieser keimende Verdacht, dem jede Basis fehlte, wollte nicht ersticken, als nun Holzinger das Zimmer betrat, obwohl er alles eher in seinem Äußeren repräsentierte als einen Mörder. Mittelgroß, schlank, blond, der kurze Spitzbart wohlgepflegt, sehr einfach, aber gut gekleidet, machte er den Eindruck eines Lehrers, eines Beamten, sicher aber nicht den einer diabolischen Persönlichkeit. Allerdings war er blaß und verstört, aber das war kein Wunder, da er ja unten vom Polizisten erfahren hatte, was vorgefallen war. Er blieb jetzt auch mit allen Zeichen des Entsetzens stehen und blickte mit weit aufgerissenen Augen sprachlos auf die Männer vor ihm, bis sich die Worte: „Das ist ja furchtbar, meine Herren,“ von seinen Lippen lösten.

„Ja, allerdings, das ist furchtbar,“ ergriff Kriminalkommissär Bär das Wort, „und wir müssen Sie, Herr Doktor, bitten, das Ihrige zu tun, um uns unsere schwere Aufgabe zu erleichtern.“

Und nun begann das Verhör. Auf Befragen gab der Privatsekretär mit leiser Stimme an:

„Ich bin zweiunddreißig Jahre alt, in Wien geboren, mein Vater ist längst gestorben, ich wohne mit meiner alten Mutter Florianigasse Nr. 55. Ich wollte Staatsbeamter werden, aber gerade als ich meine juristischen Studien beendet und den Doktorgrad erreicht hatte, brach der Krieg aus und ich mußte als Fähnrich einrücken. Ich war fast ununterbrochen an der Front und brachte es bis zum Oberleutnant der Reserve. Nach dem Zusammenbruch stand ich vor vollständig veränderten Lebensbedingungen, von einer Beamtenkarriere konnte keine Rede mehr sein; um Advokat zu werden, war ich zu alt, auch fehlten mir die Mittel, abgesehen davon, daß ich mich während des Krieges verlobt hatte und so rasch als möglich einen Broterwerb brauchte, um heiraten zu können.“

Fast alle der Anwesenden nickten bei diesen Worten verständnisvoll und Dr. Bärs Blick kreuzte sich mit dem des Journalisten Fels. Wieder einer der Zehntausende von Fällen, in denen dieser unglückselige Krieg Hoffnungen vernichtet, Pläne zerstört, Existenzen geknickt hatte! Dr. Holzinger fuhr fort:

„Nach vielen Wochen vergeblichen Suchens fand ich durch ein Inserat schließlich die Stellung, die ich seit zwei Jahren bekleide. Ich wurde Privatsekretär des Herrn Langer.“

„Welchen Gehalt beziehen Sie?“

„Ich trat mit fünfhundert Kronen ein, erhielt zweimal Aufbesserungen und habe jetzt sechshundert Kronen monatlich. Diese Stellung füllt meine Zeit nicht ganz aus, da ich für Herrn Langer im allgemeinen nur von elf Uhr bis zum Mittagstisch, also gegen zwei Uhr, tätig bin. Ich versuchte, da ich nicht wagte, mit einem solchen Einkommen bei der anhaltenden Teuerung einen Hausstand zu gründen, dies um so weniger, als ich meine Mutter unterstützen muß, irgend eine weitere Beschäftigung zu finden, aber dies ist mir bisher nicht gelungen.“

„Welcher Art war eigentlich Ihre Tätigkeit bei Herrn Langer?“

„Herr Langer, dessen Bureau sich in der Hegelgasse befindet, ließ mich hier bei ihm zu Hause seine private Vermögensverwaltung besorgen, die recht komplizierter Natur ist, denn einerseits handelt es sich um einen nach vielen Millionen zählenden Besitz, andererseits sind die Gattin und die Schwägerin des Herrn Langer die Teilhaberinnen dieses Vermögens, ohne die keinerlei Transaktion oder Neuanlage vorgenommen werden darf. Es müssen bei jedem Schritt ihre Unterschriften eingeholt werden. Außerdem führe ich die Privatkorrespondenz, soweit sie nicht rein persönlicher Art ist.“

Dr. Bär stützte jetzt die Hände auf den Schreibtisch, beugte sich vor und stellte eine Frage, die rings im Kreise ersichtliches Interesse fand. Auch Fels horchte hoch auf:

„Herr Doktor Holzinger, wie war es um die Beziehungen des Herrn Langer mit den zwei ermordeten Frauen bestellt, war diese Ehe harmonisch, gab es Zank und Streit? Die Fragen, die ich stelle, sind höchst delikater und sicher indiskreter Natur, aber ihre wahrheitsgetreue Beantwortung kann von großer Wichtigkeit sein.“

Holzinger zögerte einige Augenblicke, bevor er antwortete:

„Daß die Ehe harmonisch und überaus glücklich war, möchte ich nicht behaupten, obwohl ich niemals Zeuge ernster Streitigkeiten gewesen bin. Herr Langer scheint der schwächere Teil gewesen und vollständig unter der Herrschaft seiner Frau und auch deren Schwester gestanden zu haben. Ich hatte mitunter sogar den Eindruck seiner absoluten Willenlosigkeit. Mehrfach blieb ich, wenn viel Arbeit vorlag, bei Tisch als Gast und da sah ich immer wieder, daß Herr Langer sich am Gespräch der beiden Damen fast gar nicht beteiligte, besser gesagt, sie ihn nicht in ihr Gespräch zogen. Die beiden Damen bildeten gewissermaßen einen Kreis für sich, außerhalb dessen Peripherie Herr Langer stand. Morgens, wenn ich kam, war Herr Langer oft sehr schlecht aufgelegt und manchmal machte er direkt den Eindruck eines vergrämten, verkümmerten Menschen. Gerade an solchen Tagen glaubte ich den Mienen der Frau Langer und der Miß Mac Lean eine gewisse gehobene Stimmung, eine seltsame Art von Fröhlichkeit anzumerken.“

Eine Pause trat ein, es blieb totenstill im Raum, jeder dachte über die Äußerungen des jungen Mannes nach, die Journalisten kritzelten eilig in ihre Notizbücher. Ungeklärte Schicksalsfragen, Verhängnis, düstere Rätsel lagen in der Luft.

Der Kriminalkommissär fuhr dann in seinem Verhör fort, nachdem er im Flüsterton mit seinem Vorgesetzten gesprochen hatte.

„Nun kommen wir zu den aktuellen Ereignissen. Gestern morgens ist Herr Langer nach Prag gefahren. Wissen Sie, aus welchem Anlaß?“

„Herr Langer hatte erhebliche Zolldifferenzen mit dem tschechoslowakischen Staat, bei denen es sich um große Beträge handelte. Da der Prager Rechtsanwalt die Sache nicht energisch genug betrieb, meldete sich vor einigen Tagen Herr Langer beim Handelsminister Doktor Przibram zur Audienz, die ihm bewilligt wurde.“

„Waren Sie gestern, trotzdem Herr Langer nicht hier weilt, in der Villa Mabel?“

„Jawohl, ich war wie gewöhnlich um elf Uhr hier und blieb sogar länger als sonst, da einiges aufzuarbeiten war.“