Archibald Duggan und zwanzigtausend sollen sterben

Horst Bosetzky

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

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Archibald Duggan und zwanzigtausend sollen sterben

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Archibald Duggan und zwanzigtausend sollen sterben

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Krimi von Horst Bosetzky

Der Umfang dieses Buchs entspricht 132 Taschenbuchseiten.

Das „Verbrechen des Jahrhunderts“ soll zum Fanal für einen Anarchistenaufstand in Südamerika werden, verübt von einem offenbar geisteskranken „Befreier“. Doch Archibald Duggan erfährt von dem grauenhaften Anschlag, der die Besatzung eines ganzen amerikanischen Stützpunktes das Leben kosten soll. Inkognito versucht er, sich in die Bande einzuschleusen, doch viel zu schnell wird er enttarnt. Sein Leben gegen das von mehreren Tausend – Duggan bleibt keine große Wahl, er muss sein Leben riskieren.

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Der schwarze Leichenwagen wartete mit laufendem Motor im schmalen Hinterhof der „London Bridge Bar.“ Die hinteren Türen waren geöffnet. Den dunkelbraunen Eichensarg hatte man ein wenig herausgezogen, der Deckel war hochgeklappt.

Es nieselte leicht. Eine altmodische Bogenlampe, die in Höhe des ersten Stockwerks hing, tauchte die Szene in ein fahles Licht. Gedämpfte Barmusik drang nach draußen.

Jetzt wurde eine rostige Eisentür aufgestoßen. Zwei Männer in schwarzen Anzügen schleppten einen dritten Mann in den Hof hinaus. Sie hatten ihn an Armen und Beinen gepackt wie eine große Puppe. Aus einer mächtigen Wunde am Hinterkopf tropfte ununterbrochen Blut auf die Erde.

„Ganz schön schwer“, brummte der kleinere der beiden Träger, ein Brasilianer. Hier in London nannte er sich Casimiro Tupiza.

„Schrei nicht so!“, zischte der andere. Er kam aus Texas, hieß Red Lasswell und hätte in jedem Hollywoodfilm die Rolle des Herkules spielen können.

Nach ein paar Yards hatten sie den Leichenwagen erreicht. Sie lehnten ihr Opfer gegen das schwarze Blech, verschnauften einige Sekunden und blickten sich um. Kein Zeuge weit und breit.

Dann schwang sich Tupiza mit einem leisen Fluch in den Wagen hinein. Sie machten sich wieder an die Arbeit.

Der Mann, den sie jetzt mit einiger Mühe in den Sarg bugsierten, war dezent gekleidet. Ein hellgrauer Flanellanzug, ein Seidenhemd, eine weinrote Krawatte, schwarze Schuhe. Er war hochgewachsen, blond, und trug den Scheitel auf der rechten Seite.

Er hieß Archibald Duggan.

„Okay!“, rief der Brasilianer nach unten. Er stieß Duggans Füße vollends in den Sarg hinein und klappte dann den Deckel zu. Grinsend sprang er wieder auf die Steinplatten hinunter.

Lasswell klappte die Türen zu und drehte den Schlüssel herum. Zufrieden gingen sie nach vorn zum Führerhaus und stiegen ein. Lasswell klemmte sich hinter das Steuerrad.

Wenig später rollten sie die breite Tooley Street hinunter. In wenigen Sekunden musste es elf Uhr sein. Bis Mitternacht wollten sie fertig werden. Eine Stunde also noch, das musste zu schaffen sein.

Es waren nicht mehr allzu viele Autos auf den Straßen, Lasswell brauchte sich nicht sonderlich zu konzentrieren. Trotzdem schwitzte er, sein massiges, unproportioniertes Gesicht glänzte. Auch der kleine, ausgemergelte Brasilianer war nervös. Er rauchte eine Zigarette nach der anderen.

Sie schwiegen. Sie hatten nicht viel gemeinsam. Nur ihr Beruf verband sie: sie waren Killer.

„Eine verteufelt gute Idee“, brummte Lasswell dann doch. „Der Chef ist ein Genie. Beschafft uns einen Leichenwagen, damit wir die Leute unauffällig wegschaffen können.“

„Bloß dumm, dass die Beerdigungsinstitute nachts nicht arbeiten.“

„Es wird schon klappen!“

Sie bogen nach rechts in die Tower Bridge Road ein. Hinter ihnen polterte es. Tupiza fuhr herum.

„Ist er auch wirklich tot?“

„Sicher! Diesen Schlag mit dem Ziegelstein hätte nicht mal ein Ochse überlebt.“ Lasswell lächelte ein wenig.

„Es bleibt also dabei ...“

„Ja, ja, wir betonieren ihn ein. Keiner der Maurer wird morgen früh merken, dass die Wand ein paar Zoll höher geworden ist. Schließlich bin ich gelernter Maurer.“

„Okay!“

Sie kamen an die Kreuzung der Tower Bridge Road mit der Old Kent Road. Lasswell entdeckte eine Telefonzelle. Er hielt an und stieg aus.

Drüben in Vauxhall, nicht weit weg von der Themse, hatten sie einen geeigneten Bauplatz gefunden. Nun galt es, den Nachtwächter wegzulocken.

Lasswell wählte die Nummer des Baubüros. Nach ein paar Sekunden meldete sich der Nachtwächter.

„Hallo, Mister Sancroft!“, rief Lasswell. „Hier spricht Doktor Clayton. Ihrer Frau geht es sehr schlecht ... Ein Schlaganfall, ganz plötzlich ... Kommen Sie bitte sofort nach Hause!“

„Ja, ja, natürlich“, stammelte der alte Mann.

Lasswell hängte ein. Sancroft würde mit seinem Fahrrad eine gute Stunde für die Hin- und Rückfahrt benötigen. Sie hatten also Zeit genug.

Der schwarze Leichenwagen setzte sich wieder in Bewegung.

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Etwa zur gleichen Zeit betrat Manuel Mondego die holzgetäfelte Empfangshalle des New Yorker Hotels „Claridge“ am Times Square. Er war nach New York gekommen, um noch einmal mit seinem Sohn zu sprechen. Bevor sie endgültig losschlugen, waren noch ein paar Fragen zu klären.

Der elegante Kalifornier hinter dem riesigen Schreibtisch musterte den kleinen Kreolen ein wenig misstrauisch. Tatsächlich sah Mondego in seinem zerknitterten zimtbraunen Sommeranzug wie ein heruntergekommener Vertreter aus. Sein abgewetzter Koffer verstärkte diesen Eindruck noch.

„Ein Zimmer für zwei Nächte“, sagte Mondego in tadellosem Englisch.

„Tut mir leid“, grinste der Empfangschef.

Mondego stellte seinen Koffer ab und fixierte den Mann ein paar Sekunden. Er wusste, welche Macht seine kleinen schwarzen Augen hatten.

Der Amerikaner zuckte zusammen, instinktiv duckte er sich. Das Dämonische im Blick des Anderen erschreckte ihn. Er hatte im Nu jede Kraft verloren, seinen eigenen Willen durchzusetzen.

„Ein Zimmer für zwei Nächte“, wiederholte Mondego mechanisch. Seine Stimme war hell und schneidend.

„Natürlich, sehr gerne!“, murmelte der Amerikaner. Zugleich verspürte er Erleichterung. Dieser Mann da war nicht mehr sein Feind, er brauchte ihn nicht mehr zu fürchten, er durfte ihm sogar einen Dienst erweisen. „Zimmer dreihundertundzwölf, dritte Etage. Ein herrlicher Blick auf den Times Square hinunter.“

„Gut!“ Mondego warf einen weinroten Pass auf den Tisch. Er lautete auf den Namen Mundinho Costa, Tegucigalpa, Honduras. Eine meisterhafte Fälschung.

„Vielen Dank, Sir!“ Der Amerikaner verbeugte sich leicht und geleitete den Kreolen zum Lift.

Neben dem bulligen Kalifornier wirkte Mondego klein und grazil. Seine nervösen, unharmonischen Bewegungen deuteten an, dass er voll ungebändigter Energie steckte.

Kaum hatte der Page das Zimmer verlassen, da riss Mondego schon den Telefonhörer hoch. „London, Battersea drei-vier-acht-sechs“, sagte er, als sich das Mädchen in der Telefonzentrale meldete.

„Ja. Ich rufe zurück, wenn die Verbindung hergestellt ist.“

„Hm.“ Mondego legte auf und wartete. Red Lasswell und Casimiro Tupiza waren gute Leute. Aber irgendwie hatte er das Gefühl, dass sie diesmal Schwierigkeiten haben würden.

Mondego betrachtete sich im Spiegel. In den letzten Wochen war sein Gesicht noch hagerer geworden. Die Haut spannte sich viel zu straff über den hervorspringenden Backenknochen. Sie war krankhaft gelblich. Die tiefe, senkrechte Falte über der Nasenwurzel, die zusammengewachsenen Augenbrauen, die kalten, intelligenten Augen, die Nase, die die Form eines Papageienschnabels hatte, die schmalen, blutleeren Lippen, die etwas verknorpelten Ohren – Mondego erschrak fast vor diesem Gesicht. In ihm stand alles das zu lesen, was seine Gegner an ihm fürchteten: Entschlossenheit, Brutalität, Intelligenz, Maßlosigkeit, Wahnsinn.

Das Telefon schrillte. Schon presste Mondego den hellgrauen Hörer ans Ohr.

„Ja!“

„Tut mir leid, aber unter der angegebenen Nummer meldet sich niemand.“

Fluchend warf Mondego den Hörer auf die Gabel zurück. Also war Red Lasswell noch immer nicht nach Hause gekommen. Was mochte in dieser Sekunde in London geschehen?

Es klopfte. Mondego blieb ruhig. Er war sicher, dass die CIA seine Spur verloren hatte.

„Herein!“

Eine Sekunde später stand ein junger Mann in der Tür. Er hatte keinerlei Ähnlichkeit mit Manuel Mondego.

„Ah, Mister Yates!“, rief Mondego.

Es stimmte, man nannte ihn hier in New York Errol Yates. Das Massachusetts Institute of Technology hatte ihm den Grad eines Diplom-Chemikers verliehen. Er sah so amerikanisch aus, wie man sich in aller Welt den durchschnittlichen Amerikaner vorstellte. Eine athletische Figur, ein kräftiges Gesicht, ein offenes, etwas naives Lächeln, Bürstenschnitt.

Niemand hätte vermutet, dass er Manuel Mondegos Sohn war. Aber er war es. 1942 war er in Salto, Uruguay, geboren worden. Seine Mutter, eine entwurzelte Amerikanerin aus Indianapolis, hatte sich drei Wochen nach seiner Geburt davongemacht. Sie galt als verschollen. In diesem Umstand lag der abgrundtiefe Hass des jungen Mondego gegen alle Yankees begründet.

Manuel Mondego, der Luis keinerlei Liebe oder auch nur Zuneigung entgegenbrachte, hatte wenig Mühe gehabt, den Sohn zu seinem Werkzeug zu machen. Für ihn war er nur eine nützliche Figur in seinem teuflischen Spiel. Eine sehr nützliche sogar, denn CIA und FBI wussten nichts von ihrer Existenz.

Die beiden Männer begrüßten sich knapp und kühl und ließen sich in die massigen Ledersessel fallen.

„Na?“, fragte Manuel Mondego ungeduldig.

„Es hat geklappt“, begann Luis, während er sich eine französische Zigarette anzündete. „Ich bin in die Inter Allied Food Products, die IAFP, hineingekommen.“

„Wunderbar!“ Mondegos Augen leuchteten auf. Sie hatten herausbekommen, dass die IAFP verschiedene amerikanische Militärstützpunkte mit Nahrungsmitteln belieferte. Auch Catamarca, die wichtigste US-Basis im mittel- und südamerikanischen Raum, bezog einige Erzeugnisse von dieser renommierten Firma.

„Ich bin verantwortlich für die Kontrollanalysen in der Abteilung für Süßspeisen“, fuhr Luis fort. „Wir produzieren Kaltschalen, Götterspeisen, ein Dutzend Puddingpulver, rote Grütze, Ananascreme und so weiter. Catamarca bekommt von uns unter anderem eine Kirschspeise mit dem schönen Namen Wackel-Joe.“

Catamarca!

Mondego sprang auf. Catamarca war der Schlüssel für ihn. Hier würde sich sein Schicksal und das Schicksal eines ganzen Kontinents entscheiden. 1830 war der große Simon Bolivar gestorben. Er war gescheitert, er hatte den Kontinent nicht einigen können.

„Aber ich werde es schaffen“, flüsterte Manuel Mondego. „Ich! Ich mache die Vereinigten Staaten von Südamerika zur stärksten Macht der Erde! Ich!“

Nur mühsam konnte er sich beherrschen. Aufstöhnend fiel er in den Sessel zurück.

„Also! Die Kirschspeise ist ausgezeichnet. Du weißt, dass Concha Villataro, die Dolmetscherin in Catamarca, für mich arbeitet. Sie hat sich mit dem Chefkoch angefreundet. Daher weiß ich, dass an den Sonntagen Offiziere, Soldaten und Hilfskräfte die gleiche Nachspeise vorgesetzt bekommen. Bei den Hauptgerichten und den Vorspeisen besteht immer die Gefahr, dass wir die Offiziere nicht erledigen können.“

„Hm. Und wie wäre es mit dem Trinkwasser? Die Yankees bekommen es doch aus der Stadt.“

„Die Anlagen werden zu scharf bewacht, da ist nichts zu machen. Auch alle anderen Tricks sind sinnlos, etwa ein Todesserum als Impfstoff. Du glaubst also, dass du eine ausreichende Menge Gift in das Pulver für die Kirschspeise mischen kannst?“

„Ganz sicher.“ Luis nickte.

„Und wenn die Leute in Catamarca Stichproben machen?“

„Sie werden nichts feststellen. Die Substanz ist neu, niemand kennt Reagenzien, mit der man sie nachweisen könnte. Professor Chappell entwickelte sie in aller Stille. Ich bin wahrscheinlich der einzige, der davon weiß. Als wir zusammen durch die kolumbianischen Urwälder streiften, da

hatte er zwei Wochen lang Fieber. Er fantasierte Nächte hindurch.“

„Gut!“ Mondego lächelte. „Du wirst also so schnell wie möglich die Sendung nach Catamarca präparieren. Von Concha werden wir erfahren, wann den Yankees der Tod serviert wird.“

„Und dann?“

„Meine Leute werden draußen im Dschungel warten. Wenn das Gift seine Wirkung getan hat, werden wir Catamarca stürmen. Mit den erbeuteten Waffen sind wir eine Stunde später Herren der Republik. Die regulären Truppen werden nach kurzem Zögern zu uns überlaufen. Den anrückenden Amerikanern werde ich dann einen Sündenbock liefern, das ist alles eingefädelt ... Du blickst mich so zweifelnd an?“

„Gift im Pudding. Das passt nicht ganz zu deinem Stil, das ist ein wenig lächerlich!“

„Das ist ja gerade der Witz bei der Sache!“, lächelte Mondego. „Niemand rechnet damit, weil es lächerlich ist. Aber ist nicht Vieles in dieser Welt im Grunde lächerlich? Unendlich winzige Viren können den stärksten Mann in wenigen Stunden erledigen, und wir ...“

Das Telefon schrillte. Mondego riss den Hörer hoch.

„Ja?“

„Oh, Pardon, ein Irrtum!“

Nachdenklich legte Mondego wieder auf. Sollten die Agenten ihn gefunden haben? Unmöglich.

„Ich hatte gedacht, Lasswell würde sich aus London melden. Du weißt ja, ich musste ihn nach London schicken, denn Virginia Cottrell wurde uns gefährlich.“

„Wenn ich recht unterrichtet bin, war ihr Vater ein Abwehrmann in Port-au-Prince auf Haiti.“

„Hm-m. Und wir haben Herbert Cottrell ausgeschaltet, einer unsrer Leute spielt jetzt seine Rolle. Wäre Virginia nun wirklich nach Port-au-Prince gekommen, hätten wir einpacken können. Ende dieser Woche wollte sie fliegen, gestern hat sie ihr Ticket abgeholt.“

„Schade um sie“, sagte Luis leichthin und zynisch.

„In Catamarca werden zwanzigtausend Menschen sterben!“, sagte Manuel Mondego hart. „Etwa fünftausend Soldaten und die Leute vom Tross. Und da denkst du an ...“

Wieder schlug das Telefon an.

„Diesmal wird es Lasswell sein, bestimmt. In London dürfte alles geklappt haben.“

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Der Mann sah sich selbst, wie er auf einem harten Operationstisch lag. Ein gewaltiges Loch klaffte an seinem blutverschmierten Hinterkopf. Ein heißer, höllischer Schmerz durchflutete ihn. Er wollte fliehen, aber er war mit dem Tisch wie verwachsen.

Das Bild verschwand wieder, verschwand in blutroten Nebelfeldern. Gesichter tauchten auf, durchsichtige Gestalten, sein Vater, seine Mutter, Mister Brown, Virginia. Ja, Virginia! Er wollte nach ihr greifen, doch sie wich zurück und löste sich in weißem Rauch auf.

Grelle Bilder wirbelten vorbei, Fetzen, zerrissene Filme, ein Chaos aus Schmerz und unsinnigen Phantasmagorien.

Plötzlich war ein Gedanke da, grell und klar: Ich lebe noch! Ich lebe noch!

Im gleichen Augenblick begriff der Mann, dass er Archibald Duggan war, CIA-Agent Archibald Duggan.

Seine Sinne erwachten langsam, sein Gehirn begann wieder zu funktionieren.

Wo war er? In London, richtig. Aber an welcher Stelle dieser Riesenstadt?

Archibald Duggan schlug die Augen auf. Er erschrak, er glaubte, wieder zu fantasieren. Er hatte gedacht, in einem Keller zu liegen oder in einem engen Raum. Aber das hier war zweifellos ein Bauplatz. Kräne, Gerüste, Steinhaufen, Maschinen, halbfertige Fundamente. Ein Scheinwerfer erhellte die Szenerie.

Erst jetzt wurde ihm klar, woher seine Schmerzen kamen. Die Wunde am Hinterkopf. Er fühlte, wie das Blut durch die Haare sickerte. Man hatte ihn also niedergeschlagen. Und zwar in der „London Bridge Bar“, woanders konnte es gar nicht gewesen sein.

Aber warum? Warum? Warum? Diese Frage ließ ihn nicht mehr los, die Platte hatte plötzlich einen Sprung. Er war auf Urlaub in London, er hatte keinen Auftrag, keine geheime Mission, nichts. Warum dann? Warum? Wollten sie Geld? Nein. Persönliche Feinde? Nein. Ein Irrtum? Unsinn! Aber warum nur? Für ein paar Sekunden verlor er das Bewusstsein.

Plötzlich wusste er die Antwort. Die ganze Sache musste irgendwie mit Virginia Cottrell zusammenhängen. Er hatte sie geliebt, er hatte sie Tag für Tag begleitet, aber sie hatte ihm etwas verschwiegen. Sie musste in irgendeiner undurchsichtigen Geschichte eine Hauptrolle spielen.

Duggan stellte fest, dass er auf dem Bauch lag. Sein Kopf war etwas zur Seite gerutscht, das Gesicht war frei. Trotz der marternden Schmerzen hatte er jetzt die Kraft, sich zu orientieren.

Was er sah, war niederschmetternd. Er lag in einer Höhlung eines eben gegossenen Fundamentes. Der Beton unter ihm war noch weich. Zehn bis fünfzehn Yards vor ihm rotierte die schwere Trommel eines Betonmischers. Offensichtlich war sie schon gefüllt, denn der bullige Mann, der sie zu bedienen schien, lehnte neben ihr an einer mannshohen Mauer. Ein anderer, sicher ein Italiener, Spanier oder Südamerikaner, kam mit einer gefüllten Schubkarre auf Duggan zu. Archibald sah genau, wie der graue Beton darin hin und her schwappte.

Jetzt war alles klar. Man wollte ihn hier einbetonieren. Morgen früh würde der Beton hart geworden sein. Niemand würde etwas bemerken, niemand würde unter dem geschickt geglätteten Fundament einen Leichnam vermuten. Keinem der Arbeiter würde auffallen, dass das Fundament ein paar Zoll höher geworden war.

Der kleine, drahtige Mann mit der Karre war heran. Für einen Augenblick kehrte er Archibald Duggan den Rücken zu.

Das war Archibalds Chance. Blitzschnell wollte er aufspringen und den Gegner mit einem gekonnten Schlag außer Gefecht setzen.

Doch es ging nicht.

Er war gelähmt!

Es dauerte Sekunden, ehe Archibald Duggan diesen Schock überwunden hatte. Es war ihm klar, dass es nur zwei Möglichkeiten für ihn gab. Wenn er den Kopf nicht mehr bewegte und schwieg, wurde er lebendig begraben. Wenn er aber um Hilfe rief, würden die beiden Killer ihn ohne Zögern erschießen.

„Beeil dich ein bisschen!“, rief Lasswell jetzt. „Wenn wir nicht fertig sind, bevor der Nachtwächter zurück ist, bekommen wir Scherereien. Außerdem steht diese Virginia noch auf unseren Programm.“

„Ja, ja“, brummte Tupiza, während er seine Schubkarre entleerte.

Archibald Duggan spürte den Druck der Betonmasse, spürte, wie die Nässe durch den Stoff seiner Hose drang. Die Lähmung schien zurückzugehen, die Zehen konnte er schon wieder bewegen. Aber viel Zeit hatte er nicht mehr.

Solange der Mann mit der Schubkarre an der Maschine wartete, konnte Archibald Duggan die Augen offen halten. Keine dreihundert Yard vor ihm glitt ein hell erleuchteter Zug durch die Nacht. Nebelschwaden verschluckten ihn. Aha, da vorn musste die Themse sein, dann war das die Strecke zur Waterloo Station.

Schon näherte sich Tupiza mit der zweiten Ladung. Archibald musste die Augen wieder schließen und den Atem anhalten. Wenn er den geringsten Laut von sich gab, war er verloren.

Duggan überlegte. Seine 38er Smith & Wesson hatte man ihm abgenommen. Wahrscheinlich trug einer der beiden Killer die Waffe jetzt bei sich. Als der Mann mit der Schubkarre ihm zum zweiten Mal den Rücken zukehrte, passte er auf. Aber es war nichts zu erkennen.

Die Minuten vergingen. Immer fester wurde Duggans Körper von der zähen Betonmasse umschlossen. Die nächste Ladung musste seinen Kopf bedecken. Das war das Ende. Im Ersticken würde sein Körper sich doch noch einmal aufbäumen, Schüsse würden fallen ...

Aber vielleicht hatte er doch noch eine winzige Chance. Seine Arme schienen wieder in Ordnung zu sein. Er konnte sich Zoll um Zoll auf die Seite drehen und den Betonbrei etwas zur Seite drücken.

Schon war Tupiza wieder heran. In dem ungewissen Licht des ziemlich weit entfernten Scheinwerfers konnte er nicht sogleich erkennen, dass Archibald Duggan sich bewegt hatte.

Tupiza stoppte und setzte an, den Inhalt seiner Schubkarre auf Duggans Kopf zu entleeren. Da zuckte er zusammen.

Archibald Duggan hatte leise gestöhnt.