Spur der Zeichen

Die Welt da capo al fine

Beatrix Mittermann

Roman

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Toms Reiseverlauf

Prolog - Juni 2014, Flughafen Amsterdam

März 2015 – Meeru, Malediven

Juni 2014 – Amsterdam, Niederlande - Vermutlich der 8. oder 9. Juni 2014

12. Juni 2014

Mitte Juni 2014 – irgendwo in den Niederlanden

Ende Juni 2014 – Brüssel, Belgien

10. Juni 2014 – Rückblick Amsterdam, Niederlande

Juli 2014 – Frankreich

10. Juni – Rückblick Amsterdam, Niederlande

Anfang August 2014 – Lissabon, Portugal

Zweite Augusthälfte 2014 – Kreta, Griechenland

10. Juni – Rückblick Amsterdam, Niederlande

September 2014 – Transsilvanien (Siebenbürgen), Rumänien

Oktober 2014 – Istanbul, Türkei

November 2014 – Almaty, Kasachstan

November & Dezember 2014 – Thailand

Januar 2015 – Quepos / Manuel Antonio, Costa Rica

Ende Februar 2015 – Miami, USA

März 2015 – Italien

April 2015 – Meeru, Malediven

Epilog - Juni 2015 – irgendwo in Österreich

Danksagung

Über die Autorin

Buchempfehlungen

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Erste Auflage 2016

© net-Verlag, 39517 Tangerhütte

© Coverbild: www.shutterstock.com

DrimaFilm, Image ID:180439244

Covergestaltung, Lektorat

und Layout: net-Verlag

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016

ISBN 978-3-95720-157-7

Vorwort

»Schreiben heißt finden,

was in dir lebt.«

(Rutger Kopland)

Dieser Roman nimmt Sie mit auf eine Reise, die mein persönliches Leben verändert und bereichert hat. Der erste Roman jedes Autors ist wohl ein ganz besonderes und hoch geschätztes Projekt, in das viel Eifer, Motivation, Schweiß, Tränen und Gefühle des Glücks fließen. Nur durch all die Erfahrungen, die ich selbst sammeln durfte, und all jene Leute, die mich ein kürzeres oder auch längeres Stück auf diesem Weg begleitet haben, wurde die Geschichte zu dem, was sie ist.

Doch jetzt liegt es an Ihnen, denn nur durch Sie als Leser erwacht diese Erzählung auch zum Leben. Nun begleiten auch Sie mich auf den folgenden Seiten ein Stück weit auf meinem Weg.

Für diesen Weg möchte ich Ihnen noch einen kurzen Tipp geben. Oft kommt uns beim Lesen oder Schmökern in Büchern der Alltag dazwischen. Um trotzdem ganz in das Abenteuer der Reiseerlebnisse einzutauchen, rate ich Ihnen daher: Hören Sie sich einfach jene Lieder an, über die in den einzelnen Kapiteln gesprochen, gestaunt, diskutiert und philosophiert wird. Sie werden dafür sorgen, dass Sie in die richtige Stimmung versetzt werden und den Gefühlszustand der Hauptperson Tom mit all seinen Höhen und Tiefen etwas besser nachvollziehen können.

Nun ist es aber an der Zeit, Raum für Toms Geschichte zu lassen – eine Geschichte des Reisens, des Entdeckens, des Lernens, des Bangens und Freuens oder ganz einfach des Lebens und Liebens.

Toms Reiseverlauf

Juni 2014

Niederlande

Ende Juni 2014

Belgien

Juli und Anfang August 2014

Frankreich

Mitte August 2014

Portugal

Ende August und Anfang September 2014

Kreta, Griechenland

Ende September 2014

Transsilvanien, Rumänien

Oktober 2014

Türkei

November 2014

Kasachstan

November und Dezember 2014

Thailand

Januar und Februar 2015

Costa Rica

Ende Februar 2015

USA

Anfang März 2015

Italien

ab März 2015

Malediven

Juni 2015

Österreich

Prolog

Juni 2014, Flughafen Amsterdam

Es fing alles an, real zu werden, als sein Name aufgerufen wurde und er sich trotz der inneren Unruhe, die ihn anzutreiben versuchte, keinen Zentimeter von seinem Stuhl bewegte. Nicht, dass er besonders komfortabel oder einladend gewesen wäre, denn das harte, nicht ergonomisch geformte Material verursachte einen Schmerz, der langsam seine Wirbelsäule nach oben kroch. Auch die laute Atmosphäre vermittelte keineswegs ein Gefühl des Verweilens. Schreiende Kinder, schrille und von Rauschen erfüllte Lautsprecherdurchsagen; es war ein wildes Durcheinander, das vorgab, geordnet zu sein, es aber dennoch nicht war. Und inmitten dieses Gewusels hielt ihn ungeachtet dessen etwas zurück: eine unsichtbare Schnur, die seinen Oberkörper an die unbequeme Kunststofflehne drückte, wann immer ihn sein schlechtes Gewissen auf die Beine treiben wollte.

»Mr. Burgstaller, please proceed to gate number B 11, you are delaying the flight.«

Das war die zweite und wohl auch letzte Mahnung, die ihn aufforderte, schleunigst jenes Gate aufzusuchen, an dem sein Flugzeug in nur wenigen Minuten starten sollte. Sein Körper begann sich plötzlich zu verselbständigen. Er sah auf, blickte erst nach links, dann rechts, quer durch die Menschenmenge hindurch, ohne irgendetwas speziell im Fokus zu haben. In diesem Moment waren es lediglich Linien und Formen, die still standen oder sich bewegten, sich aber alle zu einer gemeinsamen, undefinierbaren Masse verbanden und vollkommen bedeutungslos waren. Sobald er sich erhoben hatte, setzte er wie mechanisch einen Fuß vor den anderen. Erst langsam, dann immer schneller, vorbei an den Gates B 15, B 14, B 13, B 12, B 11, B 10, B 9 … Als er das große Exit-Schild sah, rannte er darauf zu, durch die großen Glastüren hindurch, den langen Korridor entlang, in die Abflughalle und bis nach draußen. Er hielt nicht an, ehe er die frische Luft in seinen Lungen spürte und das Gefühl aufkam, endlich wieder richtig durchatmen zu können.

März 2015 – Meeru, Malediven

Manchmal gibt es diesen einen Moment. Ein Moment, in dem du weißt, dass alles anders geworden ist. Eine Sekunde, die dir wie eine Ewigkeit vorkommt und die sich dann in wohliger Klarheit auflöst. Auf einmal ist nichts mehr wie zuvor, obwohl sich eigentlich kaum etwas verändert hat.

Schwitzende Körper bewegten sich zu der Musik, die der DJ, der extra für diese Nacht auf die Insel gekommen war, auflegte. Tom folgte dem Rhythmus und ließ sich einfach treiben. Der Sand kitzelte ihn zwischen den Zehen. Was um ihn herum geschah, rückte nicht nur in den Hintergrund, sondern war so fernab von ihm, dass es sich wie ein anderes Universum anfühlte. Ein Universum, in dem die Grenzen nicht willkürlich eng gesteckt worden waren, sondern in dem jeder frei wie ein Vogel war.

Der schöne Ausblick, der sich von der Terrasse der Bar ergab und den er tagtäglich bewundert hatte, existierte in diesem Moment nicht. Vergessen waren auf einmal auch die Traumstrände und die blauen Weiten des Indischen Ozeans. Die Leute, die ihn umgaben, hätten genauso gut auch gar nicht da sein können. Er lächelte in sich hinein, ohne genau zu wissen weshalb. Eigentlich war er kein Tänzer, wenn man von den wenigen Versuchen absah, unter Alkoholeinfluss zu lauten Beats unkoordiniert auf- und abzuspringen. Er hatte sich auf Tanzflächen immer fehl am Platz gefühlt. Es war zwar vermutlich nur Einbildung, aber sie erzeugten in ihm den Drang, sich zwanghaft umzusehen. Er spürte förmlich die Augen der anderen, die jede seiner Bewegungen analysierten und sich über seine tollpatschige Art lustig machten. Egal wie oft Berni ihn vom Gegenteil zu überzeugen versuchte, dieses Gefühl ließ sich nicht abschütteln. Und er konnte sich ja auch nicht jedes Mal erst Mut antrinken.

An diesem Tag war aber alles ganz anders. Es störte ihn nicht im Geringsten, im Ungewissen darüber zu sein, was andere über ihn denken könnten. Es war ihm nicht einmal in den Sinn gekommen. Genauso wenig wie die Tatsache, dass ihm der Schweiß den Rücken hinunterlief und einen nassen, klebrigen Film auf seiner Haut zurückließ. Sein knallrotes Gesicht konnte, abgesehen von den Hitzeerscheinungen, jedoch nicht glücklicher aussehen. Er befand sich unter Leuten, die, aus den unterschiedlichsten Teilen der Welt kommend, auf dieser kleinen Insel gestrandet waren. Sie alle waren so verschieden und dennoch in dieser Situation alle gleich. Ohne Konventionen und Richtlinien gab es nichts, das zwischen ihnen stand. Sie waren hier in diesem Moment, und nur darauf kam es an. »What if I’m far from home, oh brother I will hear you call. What if I loose it all?«, dröhnte es aus den Lautsprechern. Er kannte das Lied »Hey brother«, aber diese Melodie und die Worte genau in diesem Moment schrien förmlich Perfektion. Die Situation war so perfekt, dass sie ihm eine Gänsehaut verursachte. Gefühle überrollten ihn. Glück und Trauer wechselten einander ab und hinterließen schließlich einen Zustand der Zufriedenheit. Es war ein Moment der Klarheit, den er Avicii zu verdanken hatte: »What if I’m far from home?«

Ja, er war weit von zu Hause weg, fast sogar am anderen Ende der Welt. Aber das war in Ordnung. Er war in Ordnung. Es musste nicht alles geklärt sein, um diesen Augenblick genießen zu können. Dieser Moment gehörte ihm, und alle Probleme konnten sich erst einmal hintanstellen. Er kostete diesen Augenblick des Glücks aus, als wäre er der erste und einzige in seinem Leben. Es war sein persönlicher Weg, der ihn hierhergeführt hatte und von dem er sich wünschte, er würde nie enden. »Hey brother, there’s an endless road to re-discover

Juni 2014 – Amsterdam, Niederlande

Vermutlich der 8. oder 9. Juni 2014

Der Rauch lag wie eine schwere Wolke über ihm, die ihn gefangen hielt. Sie versperrte ihm gekonnt die Sicht, sodass Tom befürchtete, sich in seinen eigenen Gedanken verheddert, nicht selbst wieder zurück an die Oberfläche der Realität durchkämpfen zu können. Seine glasigen Augen, gerötet vom Mangel an Sauerstoff, waren das wohl kleinste Problem, mit dem er konfrontiert war. Tage und Nächte waren an ihm vorübergezogen. Er konnte sich nicht daran erinnern, wie viele Male die Sonne aufgegangen und auch wieder hinter dem Horizont verschwunden war.

Wann war er angekommen? Sonntag? Es konnte bereits Mittwoch oder Donnerstag sein; er hatte einfach keine Ahnung.

Der Smoking Room des Flying Horse Hostels lud trotz des Mangels an Frischluft zum Verweilen ein. Wie ein Fluch lastete die betont legere Atmosphäre auf ihm und fing ihn wieder ein, wenn sein gesunder Menschenverstand sich zu Wort zu melden versuchte. Komfortable Sofas und Fauteuils ermutigten die größtenteils jungen Gäste dazu, es sich gemütlich zu machen. Eine Liegewiese diente einigen dazu, ihren Joint zu drehen und diesen in Ruhe fernab des Alltagsstresses zu genießen. Er sah die Leute kommen und gehen. Gelächter drang aus der einen Ecke, ein Pärchen knutschte ungeniert in der anderen. Es war eine Welt für sich, in der niemand verurteilt, sondern in eine Art Gemeinschaft aufgenommen wurde, die nicht bunter in ihrer Zusammensetzung hätte sein können. Leute kamen von allen Kontinenten nach Amsterdam.

Natürlich hatte die Stadt mehr zu bieten als den legalen Gebrauch von Marihuana, aber Tom hatte sich bisher nicht dafür interessiert. Genaugenommen hatte er sich seit seiner Ankunft für gar nichts interessiert. Alles, was hier vorgefallen war – und das war bestimmt nicht viel – war ihm mehr oder weniger in den Schoß gefallen. So wie die Tütchen des getrockneten grünen Krautes, für die er nicht einmal in einen der berüchtigten Coffeeshops gegangen war. Musste er auch nicht, denn am Tag seiner Anreise hatte er eine Gruppe Argentinier kennengelernt, die bereits am Morgen darauf abreisen mussten und noch deutlich mehr Gras übrig hatten, als sie in ihrer letzten Nacht konsumieren konnten. Da Mitnehmen keine Option war, überließen sie ihm drei Tütchen und wünschten ihm eine schöne Zeit damit.

Um sicher zu gehen, seinen neuen, verbittert ausgewählten Lebensmittelpunkt in der hintersten Ecke des Raucherraumes in der nächsten Zukunft nicht wieder aufgeben zu müssen, hatte er sich im nahe gelegenen Supermarkt mit zwei Sixpacks Bier und einem kleinen Berg an Schokolade eingedeckt. Er wusste, dass er bereits bei dem ersten Joint ein deutliches Verlangen danach verspüren würde.

Die Glut flammte orange-rot auf, als er langsam den ersten Zug machte. Er inhalierte den Rauch. Einmal. Ein zweites Mal. Mit einem kalten Schluck Bier versuchte er, das leichte Kratzen in seinem Hals abzuwürgen. Wie erwartet, folgte darauf auch ein Schokolade-Heißhunger, der ihm fast wie die kleinen Schweißperlen aus allen Poren kroch.

Eigentlich mochte er Schokolade nicht einmal. Er ließ den ersten Bissen der mit Nougat gefüllten Leckerei im Mund zergehen und verstand selbst nicht, wieso er nicht täglich zu einem Stück davon griff. Was hatte er all die Jahre verpasst? Seine Geschmacksnerven mussten ihm wohl einen Streich spielen. Es schmeckte einfach himmlisch. Mit jedem weiteren Schluck und jedem weiteren Zug legte sich die innere Anspannung. Er wusste, dass es nicht lange andauern würde, doch für diesen Moment ließ er es geschehen. Es war das erste Mal, seit er angekommen war, dass sie ihm nicht die Luft abschnürte. Es war falsch. Abgrundtief falsch. Es war sogar so falsch, dass die Unruhe kurz wieder in seinen Magen zurückkroch.

Mit dem nächsten Inhalieren legte sie sich aber auch wieder. Im Hintergrund nahm er die abstrakten Klänge von »Being Boiled« der Human League war. Ein Überbleibsel der späten Siebziger, das mit aller Kraft versuchte, ihn zu entführen. Wohin, konnte er nicht mit Sicherheit sagen, vermutlich wollte er es auch gar nicht wissen. Wenn er die Wahl zwischen Flucht oder Konfrontation hatte, musste er gar nicht lange überlegen. Hätte ihn seine Mutter als kleiner Junge vor die Entscheidung gestellt, Spinat oder einen Hamburger fürs Abendessen auszuwählen, hätte es dabei bestimmt keine Diskussion gegeben, so wie er sich damals ohne zu zögern für die ungesunde Fast Food-Option entschieden hätte, fiel seine Wahl in diesem Moment auf die Flucht.

Konfrontation war also so grün für ihn wie der verhasste Spinat, vor dem er sich drückte, wann immer er dazu in der Lage war.

Die Farben des Raumes verschmolzen ineinander. Linien waren nicht länger klar definiert. Er ließ sich von der Skurrilität des Liedes davontragen, dass er sich an keinem anderen Ort vorstellen hätte können.

Es funktionierte nur innerhalb dieser vier Wände, wo die Zeit so stillstand, wie es von dem musikalischen Gruß aus der Vergangenheit gefordert wurde. Das kleine Stückchen Zeit, das noch in ihm tickte, verlor damit auch noch das letzte Fünkchen Bedeutung.

Viel größer fühlte sich das Sofa auf einmal an, so als würde es sich öffnen und ihn darin aufsaugen und verschlucken wollen.

Aus der Distanz nahm er die Worte eines eindeutig bekifften Typen wahr. Seine Augen waren so rot, als hätte er sich spaßeshalber Kirschen vor die Lider geklemmt.

Er musste lachen. Vermutlich dachte er genau dasselbe über ihn. Es war armselig. Er war armselig. Das Lied trug nicht gerade zu einer heiteren Stimmung bei. Er fühlte sich plötzlich, als wäre er inmitten eines schwarzen Loches, das ihn nicht mehr losließ und ihn immer weiter in sein Zentrum sog. Sein Kopf drehte sich. Er schloss die Augen, doch das machte alles noch viel schlimmer. Seine Eskapaden würde er bestimmt nicht erst am nächsten Morgen bereuen, wenn er mit einem Kater aufzuwachen drohte. Der Grat zwischen Himmel und Hölle war für seinen Geschmack heute viel zu klein bemessen. Worauf hatte er sich nur eingelassen?

Er war sich jedes einzelnen Knochens in seinem Körper bewusst. Nicht nur Müdigkeit pochte in seinen Muskeln, es war vielmehr eine innere Erschöpfung in ihrer reinsten Form, die in sein Fleisch einschnitt und jegliche Bewegung unmöglich machte.

Was hatte er getan? Wie konnte er so impulsiv handeln und ohne groß darüber nachzudenken wegschmeißen, was er sich jahrelang aufgebaut und hart erarbeitet hatte? Der Schrei, der ihm auf der Seele brannte, wollte jedoch nicht entweichen. Stattdessen machte sich Machtlosigkeit in ihm breit. Es war bestimmt bereits zu spät; also wozu die Anstrengung? Sie würde ohnehin nur im Nichts verpuffen. Ebenso wie der Rauch, der stoßweise seine Lungen verließ.

Zu spät.

Viel zu spät.

Jetzt musste er damit leben. Angsterfüllt von diesem Gedanken übermannte ihn kurz darauf der Schlaf, den sein Körper schlussendlich eingefordert hatte. Der richtige Ort dafür war es zwar nicht, aber seine trägen Beine hätten ihn ohnehin nicht mehr in den zweiten Stock getragen. Eine Entscheidung, die eigentlich gar keine Entscheidung war. Aber die Konsequenzen musste er ganz alleine tragen, was ihm am nächsten Morgen – oder war es bereits Nachmittag? – sofort bewusst wurde, als er sich verwirrt im Raum umblickte. Ein stechender Schmerz im Nacken erinnerte ihn bei jeder Kopfdrehung daran, wo er war, während er auf völlig neue Gesichter blickte, die ihn alle fragend anstarrten.

Eventuell würde ein erneuter Versuch helfen. Einfach die Augen noch einmal schließen, und wer weiß, vielleicht konnte er aus diesem Albtraum erwachen und bei strahlendem Sonnenschein darüber lachen, wenn er sie das nächste Mal öffnete.

12. Juni 2014

Jener Tag, der seinen Gefühlszustand aus den unendlichen Tiefen des Abgrundes zerrte und wieder erträglich machte, kam nicht, wie erhofft, beim nächsten Augenaufschlag. Auch nicht beim übernächsten. Er musste vielmehr noch den absoluten Tiefpunkt verkraften, der ihn erschreckend nahe an die Verzweiflung trieb. Fast hätte er ihn verschluckt. Bei diesem Gedanken schauderte es Tom.

Und dann folgte der überübernächste Augenaufschlag und mit ihm der erste Tag, an dem er nicht schon direkt nach dem Erwachen das Gefühl hatte, gleich im Erdboden versinken zu wollen.

Jene Nacht, die sich wohl am ehesten als der absolute Tiefpunkt beschreiben ließ, lag hinter ihm. Das Gespräch hallte noch in seinen Gedanken wider, war aber in einem derartigen Nebel verstrickt, dass er Schwierigkeiten hatte, Realität und Traum auseinanderzuhalten. Hatte es den alten Mann überhaupt gegeben?

Die Sonnenstrahlen zauberten einen Schimmer auf seine aufgewühlte Bettdecke und tänzelten mit kleinen Staubkörnern um die Wette. Er folgte ihrem ausgelassenen Spiel, bis sein Blick auf das Chaos fiel, das er wohl letzte Nacht hinterlassen hatte. Zahllose Post-its zierten das aufgeschlagene Buch, dessen Wörter mit den unterschiedlichsten Neonfarben hervorgehoben wurden. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht den Anschein machte, aber es steckte ein gut ausgetüfteltes System dahinter.

Zufrieden wanderten seine Augen auch über den Bettrand hinaus auf den grauen, viel zu alten Boden, auf dem er gestern den neu bestückten Rucksack abgestellt hatte. Von der Euphorie seiner Pläne gepackt, hatte er die Einkaufsliste in den zahlreichen Shops des Einkaufscenters abgearbeitet, bis sich in jeder Zeile nach den dort befindlichen Wörtern ein kleines Häkchen befand. Toilettenartikel waren darauf ebenso vermerkt wie die grundlegenden Klamotten, die er für den Anfang brauchen würde. So spontan er auch sein wollte, ganz ohne die wichtigsten Utensilien konnte er keinesfalls aufbrechen. Mit Stolz erfüllt freute er sich bereits darauf, mit einer langjährigen Routine zu brechen und auf die morgendliche Rasur, die für ihn zur Tradition geworden war, zu verzichten. Sein bisheriger Alltag hatte hier nichts mehr verloren.

Es war aber nicht nur die Entscheidung über den Kauf eines Rasierapparates gewesen. Vielmehr war es die Wahl einer neuen Lebenseinstellung, die zwar banal auf die Außenwelt wirken mochte, aber für Tom deutlich mehr repräsentierte.

Stattdessen hatte aber etwas anderes den Weg in seine Einkaufstasche gefunden: ein rotes Notizbuch. Die Farbe hatte er weniger aus einer persönlichen Präferenz gewählt, sondern vielmehr aufgrund seiner Praktikabilität. Das auffallende Karminrot hob sich deutlich von allen anderen eher dezenten Farben in seinem Rucksack ab und war dadurch leicht aufzuspüren. Es war so viel geschehen, dass er Angst davor hatte, die Hälfte davon würde einfach unkommentiert verblassen, wenn er es nicht irgendwo festhielt. Außerdem war das Büchlein eine Möglichkeit, ein Stück weit Ordnung in das aufregende, aber zeitweise auch angsteinflößende Chaos zu bringen.

Durch das perfekte Führen eines Journals hatte er das Gefühl, selbst weniger perfekt sein zu müssen.

Auf seinen Lippen machte sich ein Lächeln breit, das die Fältchen um seine Augen zum Tanzen brachte. Er war bereit. Bereit, alle Zweifel für einen Augenblick hinter sich zu lassen. Er würde den Worten des alten Mannes Glauben schenken – real oder imaginär. Ein letzter Blick durch jenen Raum, für den er mehr Nächte bezahlt hatte, als er tatsächlich auch dort verbrachte, blieb in jener Ecke hängen, in die er am Abend zuvor eines seiner neuen Shirts geworfen hatte. Es ärgerte ihn dermaßen, nicht mehr Sorgfalt an den Tag gelegt zu haben. In seiner Euphorie hatte er die Textmarker nicht ordentlich geschlossen und musste gereizt feststellen, dass ihm das einen großen, neongelben Fleck auf dem weißen T-Shirt beschert hatte.

Die Situation erinnerte ihn an einen Spruch, den er irgendwann einmal in seinem Lieblings-Pub aufgeschnappt hatte: Wenn dir das Leben eine Zitrone gibt, frag nach Salz und Tequila!

Inspiration rauschte in seinen Kopf. Amsterdam hatte ihm so viele Zitronen beschert, dass man ihn darunter begraben könnte. Mit bloßen Händen hatte er sich den Weg daraus freigeschaufelt und zerquetscht, was es zu zerquetschen gab. In einem Anflug von Scheiß drauf! und Mach einfach das Beste daraus! schnappte er sich kurzerhand das zusammengeknüllte Shirt, fischte seine Stifte aus dem Rucksack und gestaltete den Fleck zu einem großen, gelben Smiley um, indem er ihn zu einem Kreis erweiterte, dem er ein Gesicht aufmalte.

Er war bereit. Frei von Zweifeln und einfach bereit.

Mitte Juni 2014 – irgendwo in den Niederlanden

Die Landschaft zog so schnell an ihm vorbei, dass er kaum erkennen konnte, was es um ihn herum zu entdecken gab. Das mittlerweile vertraute Rattern des Zuges wirkte beruhigend auf ihn. Er konnte das Gähnen kaum noch unterdrücken und lehnte den Kopf gegen die Scheibe. Seine Augen wurden langsam schwerer, und er fummelte unter seinem Sitz, um seinen Rucksack hochzuheben. Er sollte ihm als Kopfkissen dienen. Er war eben damit fertig geworden, die Ereignisse der letzten Tage in seinem Notizbuch festzuhalten. Die Gedanken waren dabei so schnell auf ihn eingeprasselt, dass er sich dazu entschied, nur Stichwörter zu notieren. Für ganze Sätze hatte er keine Zeit, wenn er seinen Ideenfluss nicht unterbrechen wollte.

Er hielt den Sonnenuntergang bei den Windmühlen von Kinderdijk fest, der sich so schön im Wasser gespiegelt hatte und ihn dabei an jenen Sommer erinnerte, als er am See bei seiner Großmutter Radfahren gelernt hatte. Der große Tulpenpark von Keukenhof hatte ihn zu einem Spaziergang inmitten der bunt sprießenden Farben eingeladen.

Aber das Highlight war wohl der Käsemarkt in Alkmaar. Er wusste, dass es touristisch war. Die Show wurde heutzutage lediglich noch für die ausländischen Besucher abgehalten. Aber dennoch, es zeigte ihm klischeehaft auf, wie er sich die Niederlande vorgestellt hatte. Es fühlte sich gut an, in seinen Ideen bestätigt zu werden. Mit Holzschuhen, dem speziell geformten weißen Hut und am besten noch mit einem Stück Gouda in der Hand. Genau so sahen die Holländer in seinem Kopf aus. Das war das Bild, das er seit seiner Kindheit mit diesem Land verband. Genauso wie seine Landsleute vermutlich bei anderen als Lederhosen tragende, jodelnde Zeitgenossen in den Köpfen verankert waren.

Bei einer Käseverkostung hatte er entdeckt, wie viele verschiedene Sorten Gouda heutzutage hergestellt wurden. Die unterschiedlichsten Farben wurden auf einem großen Teller präsentiert. Es gab Gouda mit Chili- oder Pestogeschmack, mit Nüssen, geräuchert, jungen Gouda, gereiften Gouda, eine fettarme Variante. Noch nie hatte er so viel Käse an nur einem einzigen Tag gegessen. Er war sogar an einem Punkt angekommen, an dem er befürchtete, längere Zeit über sogar den Geruch dieses Milchproduktes nicht länger als ein paar Sekunden ertragen zu können.

Nachdem seine Geschmacksnerven komplett durcheinander waren, wusste er es nicht mehr genau, glaubte aber, dass er den roten Pestokäse zu seinen persönlichen Favoriten zählte. Auch wenn er ihn nicht in absehbarer Zukunft verspeisen würde, freute er sich beim Kauf darauf, sobald der intensive Geschmack in seinem Mund verblasst war, ein frisches Brot damit zu belegen.

Am sympathischsten war ihm bisher die Stadt Delft gewesen mit den vielen kleinen Grachten, die sich spielerisch durch die alte, ehrfürchtige Stadt schlängelten. Ohne ein bestimmtes Ziel war er durch die Gässchen gewandert, über Brücken geschritten und hatte sich in einem Kaffeehaus am Hauptplatz zu völlig überteuerten Preisen einen Kaffee gegönnt. Die ungeordnete Symmetrie des Stadtbildes hatte es ihm angetan. Die Art und Weise, wie sich die Gebäude hier aneinanderreihten, erinnerte ihn an ein Vorhaben, ein Leben zu etwas Besonderem zu machen, indem man ihm Freude, Struktur und Abenteuer gleichzeitig verlieh. Gegensätze, die hier aber nicht miteinander konkurrierten, sondern zusammen nach Perfektion strebten. All das repräsentierte Delft für ihn.

In Rotterdam war er mit drei vollkommen durchgeknallten Australiern, die er im Hostel kennengelernt hatte, aus einem Restaurant geworfen worden, da zwei von ihnen für den Geschmack des Kellners zu viel getrunken hatten.

Es waren so viele unterschiedliche Erfahrungen, so viele Erlebnisse, die gar nicht miteinander verglichen werden konnten. Die einzige Konstante waren die Zeiten, die er im Zug damit verbrachte, aus dem Fenster zu sehen, sich zu entspannen und zu träumen.

Was ihn auch begleitete, war Lisa Mitchell’s »Neopolitan Dreams«, das er in einem kleinen Geschäft in Delft gehört hatte und seitdem auf seinem MP3-Player mit sich trug. Der Rhythmus des Liedes erinnerte ihn an die gleichmäßigen Fahrgeräusche des Zuges. Es strahlte eine leichte und lockere Art aus und roch nach einem unbefangenen Sommer, der keinen Stillstand zulassen würde.

Nur nicht stillstehen, dachte er auch, als ihn der Zug nach seinen Erkundungstouren wieder zurück nach Amsterdam brachte.

Das wohl flachste Land der Welt hatte auch in seiner Hauptstadt so viel zu bieten, wenn man sich bloß umsah. Das anfänglich mangelnde Interesse, das Tom nun unbegreiflich schien, hatte keinen Platz mehr in seinem Inneren. Es juckte ihn förmlich in den Füßen weiterzumachen, sich mehr anzusehen.

Da gab es Museen, die darauf warteten, erkundet zu werden. Thematische Stadtspaziergänge, die ihn, von Einheimischen geführt, auch hinter die Kulissen blicken ließen. Auch eine Tour zu Wasser war für Tom unabdinglich. Bei einer Grachtenfahrt war er dann auch mit einer englischen Pensionistengruppe in ein Gespräch verwickelt worden, das ihn so faszinierte, dass er ihnen danach auf ein Bier in ein nahegelegenes Pub folgte. Der Barkeeper kannte die kleine Gruppe bereits. Sie ließen dort vier aufeinanderfolgende Abende ausklingen, was sie zu temporären Stammgästen machte.

Während er an der Bar auf sein zweites Bier wartete, das auch das letzte für diesen Abend sein sollte, überlegte er kurz, wie surreal diese Situation war. Er saß mit wildfremden Menschen in einem Lokal, dessen Namen er nicht kannte, und unterhielt sich über die Nachkriegszeit, die Fußballweltmeisterschaft und die anstehende Hüftoperation seines Gegenübers. So viel hatte er schon lange nicht mehr in nur zehn Tagen erlebt. Normalerweise hatte er abends nach einem langen Arbeitstag oder einer Nacht mit seinen Kumpels nicht viel zu erzählen. Aber das hier war anders. Er sammelte in jeder Minute neue Erfahrungen. Und damit wuchs auch sein Mut.

Auf einmal wirkten Situationen, die ihm vor einem Monat vielleicht noch Angst gemacht hätten, ungeheuer befreiend auf ihn. Er war ganz alleine in einem Land, in dem er niemanden kannte. Dennoch fehlte es ihm an nichts. Er konnte gehen, wohin er wollte, sich ansehen, was immer ihn interessierte. Die Welt stand ihm offen.

Genüsslich nahm er den ersten Schluck des Bieres, das der Kellner vor ihm abgestellt hatte. Es war so schön kühl und erfrischend und schmeckte nach einem schönen Abend. Unbewusst drehte er die Flasche in seiner Hand nach links und nach rechts und dann wieder nach links und kratzte an der oberen Kante des Etiketts. Ein kurzer, fast abwesender Blick darauf verriet ihm, dass es sich dabei um ein belgisches Bier handelte: das Abteibier Leffe.

Die Gedanken kreisten in seinem Kopf unkontrolliert hin und her. Wenn ihm das Schicksal ein Zeichen senden wollte, in welcher Form würde es dies tun? Er zweifelte daran, dass es etwas weltbewegend Großes sein würde wie ein Blitz oder gar ein Orkan, der ihn genau dorthin befördern würde, wo er sich als Nächstes einfinden sollte.

Nein, so offensichtlich würde es bestimmt nicht sein. Ein Zeichen würde viel subtiler in sein Leben treten, auch wenn dabei die Gefahr bestand, dass er es übersah. Ohne eine vorangegangene Suche machte das Finden ja auch gar keinen Spaß. Soweit die Theorie, die Tom sich einzureden versuchte.

Die Realität war hingegen so sehr mit Zweifeln durchzogen, dass Tom Gefahr lief, selbst seinen eigenen Vornamen zu hinterfragen. Konnte es wirklich so einfach sein, einfach etwas zu sehen und dann die richtige Schlussfolgerung daraus zu ziehen? Ein belgisches Bier, das vor ihm stand und symbolisierte, dass er seine Reise in Belgien fortsetzen sollte? Hatte der alte Mann das gemeint?

Fragen über Fragen entstanden, die aber ebenso schnell wieder erstickt wurden, als sich wieder neue an die Oberfläche drängten, die er nur an eine einzige Person richten wollte. Aber genau diese Person war nicht hier oder zumindest für ihn nicht auffindbar. Er musste auf sein Bauchgefühl hören, egal wie seltsam dieses Wort in seinem Kopf widerhallte.

Ungläubig warf er einen weiteren Blick auf die halb getrunkene Flasche. Wieso eigentlich nicht? Es gab ohnehin nur einen Weg, es selbst herauszufinden: ein Ticket nach Brüssel.

Ende Juni 2014 – Brüssel, Belgien

Er hatte zwar gehört, dass Pommes eine beliebte Speise bei den Belgiern waren, aber mit einer derartig hohen Anzahl an Pommesbuden hatte er nicht gerechnet. Es machte fast den Eindruck, als würden sich Belgier ausschließlich von Schokolade, Waffeln und frittierten Kartoffeln ernähren. Oder kam ihm das nur so vor, weil sein Bauch schon seit seiner Ankunft in Brüssel rumorte, so als hätte er ihn tagelang vernachlässigt? Vielleicht war auch sein Reiseführer daran schuld, dessen Bilder von köstlichen Speisen ihm das Wasser im Mund zerrinnen ließen.

Hungrig schlenderte er durch die Gassen und ließ das Gedrängel der Menschen um sich herum auf sich wirken. Kurz hatte er sich überlegt, erst das Hostel aufzusuchen, das er in weiser Voraussicht diesmal schon vorab gebucht hatte. Den Nervenkitzel, spontan zu entscheiden, wo man übernachten wollte, ohne vorher zu wissen, ob sich überhaupt so kurzfristig etwas auftreiben ließe, hatte er sich diesmal erspart. Da er aber ohne Koffer unterwegs war und sein Rucksack all seine Habseligkeiten beinhaltete, sah er keinen Grund, sich erst nach dem Hotel umzusehen. Genauso gut konnte er erst mal die Bedürfnisse seines Magens stillen. Außerdem wollte er auch seine Neugierde befriedigen. Beide Hände hatte er aufgrund eines fehlenden größeren Gepäckstückes ja frei. Er wollte gleich jetzt wissen, was so besonders an der belgischen Variante der fettigen Kartoffelspeise war.

Die brutzelnde Köstlichkeit roch er bereits von meterweiter Entfernung. Er folgte seiner Nase und landete direkt hinter einer Menschentraube, die geduldig auf ihr Essen wartete. Der Sprache nach zu urteilen, handelte es sich dabei um Einheimische – zumindest, soweit er das als Laie beurteilen konnte. Dies musste also ein beliebter Stand sein. Ein Grund mehr, gleich ohne zu zögern etwas Neues zu probieren.

Das Erste, das ihm auf der Tafel auffiel, war, dass die Speisekarte zwei Zeilen für die Speisen, fünf Zeilen für die Getränke und gefühlte dreißig Zeilen für die auswählbaren Soßen verwendete. Sehr schnell wurde ihm klar, dass es zwar natürlich schon auch um die Pommes selbst ging, aber dass der dazu passende Dip individuell direkt auf den Geschmack der jeweiligen Person abgestimmt war, die diese kaufte.

Sofort fühlte er sich überfordert. Wie sollte er so schnell das für ihn Richtige auswählen, wenn es so viele Möglichkeiten gab? Mayonnaise mochte er sehr gerne, aber wenn es auch pikante Mayo mit Kräutern gab oder eine Variante mit Koriander, Knoblauch und Chili, Mayo mit indischem Curry, oder mit Knoblauch und Honig, sonnengetrockneten Tomaten oder Mango Chutney, wie sollte er sich da entscheiden? Was für eine Vielfalt! Im Endeffekt entschied er sich eher spontan, als überlegt, für die Variante mit gegrillten Auberginen, als die Schlange hinter ihm sich bereits vergrößerte. Keinesfalls wollte er für Ärger unter den hinter ihm Wartenden sorgen. Er überlegte kurz, wie oft er wohl Lust darauf hatte, Pommes mit immer wieder anderen Soßen zu probieren, ehe er es satthaben würde, aber schon nach dem ersten Bissen war ihm klar: vermutlich niemals! Die Kartonverpackung, die ihm der um ein Lächeln bemühte Verkäufer gereicht hatte, während er den Ärmel seines Hemdes des anderen Armes dazu verwendete, sich den Schweiß von der Stirn zu streichen, war gut durchdacht und überaus praktisch. Sie lag aufgrund der auf den Kopf gestellten Pyramidenform gut in der Hand. Zu seiner Entzückung hatte er außerdem festgestellt, dass die Soße nicht achtlos über die frittierten Kartoffelstreifen gegossen wurde, sondern in einem eigens dafür angefertigten kleinen Abteil, das vom Deckel der Verpackung aufklappbar war, positioniert wurde. Eigentlich keine große Sache, aber alleine die Tatsache, dass sich jemand darüber Gedanken gemacht hatte, imponierte ihm. Dadurch blieben die Pommes richtig schön knusprig und vermengten sich nicht zu einer undefinierbaren, breiigen Masse, die Ketchup und Mayonnaise normalerweise bei ihm zu Hause am Würstel- stand zurückließen. Obwohl er sich bezüglich seiner Soßenwahl nicht mehr so ganz sicher war, passte sie sich geschmacklich sehr gut an den intensiven Geschmack der Kartoffeln an. Es war exzellent!

Glücklich schritt er durch die Straßen und atmete zum ersten Mal die Luft bewusst ein. Es war zwar kein sehr weiter Weg von Amsterdam nach Brüssel, aber dennoch war hier vieles komplett anders. Sein erster Eindruck war ein ganz anderer gewesen.

Er erinnerte sich an die heiteren Gesichter, die ihm in Amsterdam überall über den Weg gelaufen waren, die Ausgelassenheit und die Freude in den Augen. Hier in Belgiens Hauptstadt hingegen wirkte alles ein wenig ernster. Vielleicht war es auch die Uhrzeit, da viele Leute gestresst ihre Büros nach einem langen Tag verließen und sich einfach nach dem gemütlichen Heim sehnten, wohin sie schnellstmöglich gelangen wollten.

Aber er hatte hier einfach ein ganz anderes Gefühl. Die anfängliche Euphorie über die Möglichkeit, endlich das belgische Essen auszuprobieren, war plötzlich kaum noch spürbar und machte einer etwas düstereren Stimmung Platz. Er spürte auf einmal die Leere neben ihm. Es war niemand hier, der ihm Gesellschaft leistete, mit dem er seine Gedanken und Eindrücke teilen konnte.

Er zückte sein Notizbuch, um dies kurz festzuhalten. Sich das Gefühl von der Seele zu schreiben war zwar kein Ersatz für einen Freund an seiner Seite, aber immerhin besser als gar nichts.

Bevor er noch richtig anfangen konnte, Trübsal zu blasen, machte er sich auf zu seinem Hostel. Das würde ihn zumindest ablenken.

***

Als er die schmalen Treppen zu seinem Zimmer hinaufstieg, wurde ihm bereits bewusst, dass dies nicht jener Ort war, den er sich vorgestellt hatte. Das Hostel hatte weder einen gemütlichen Aufenthaltsraum noch schien es viele Leute zu beherbergen. Es war zwar nicht fair, alles mit Amsterdam zu vergleichen, aber dort war man ständig von so vielen Leuten umgeben gewesen, dass man sich nie einsam fühlte.

Beim Öffnen der Türe stellte er fest, dass nur ein Bett in dem gebuchten Sechser-Gemeinschaftszimmer benutzt war. Ein einziges Bett. Unter anderen Umständen hätte er sich vermutlich gefreut, dass er nicht den störenden Geräuschen von schnarchenden Zimmergenossen ausgesetzt war und auch nicht stündlich von heimkehrenden Party-Häschen geweckt wurde. Aber heute hätte er den Komfort einer stillen Umgebung gerne gegen ein paar lachende Gesichter eingetauscht. Lustlos machte er sein Bett, überzog die Bettwäsche, die er an der Rezeption erhalten hatte, und platzierte seinen Rucksack neben dem Kopfpolster. Eines war ihm dabei aber sehr schnell klar: Hier konnte er nicht bleiben. Er musste wieder nach draußen, unter Leute, wo er sich nicht ganz so einsam fühlte.