Ellen Sell

SIWA
ein Kätzchen im Heu

Mit Illustrationen
von Ioannis Savvidis

Inhaltsverzeichnis:

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Katzenfans und Alsterfans

So warm wie im Sommer

Arche Noah Teneriffa

Die Hotelkatzen

Laura, Konstantin und viele Tiere

Richtfest – Kinderfest

Herr Opp, Pirat und das Lagerfeuer

Eine interessante Story

Alles dreht sich um Siwa

Wie konnte das passieren?

Opps haben ein großes Problem

Traumkatze Siwa

Ein Katzenbuch für die ganze Familie

Süße, kleine Siwa

Gestörte Nächte und wunderschöne Tage

Häkelmaus und Katzenklo

Jenny, Laura und das Katzenbaby

Heiß geliebter Schreihals

Nur noch sieben Tage

Morgen ist es so weit

Donner, Blitz und ein brennendes Haus

Mit Siwa beim Tierarzt

»Tschüss, Außenalster!«

Wo ist Siwa?

Siwa Wieselflink

Die Schatzsucher

Siwa und Hörby

Fofftein!

Der Fallschirmballon

Ein leerer Übertopf

Paddeln mit Hund und Katz

Siwa schlittert

Eine Maus und ein Fisch

Kletterburg und Zirkus Pampelmuse

Eine verrußte Hölle

Katze als Lebensretterin

Über die Autorin Ellen Sell

Über den Illustrator Ioannis Savvidis

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Buchempfehlungen vom net-Verlag

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www.net-verlag.de
Erste Auflage 2013
© net-Verlag, 39517 Cobbel
Coverbild und Illustrationen: Ioannis Savvidis
Covergestaltung: Maria Weise
Lektorat: Miriam Steinröhder
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014
ISBN 978-3-942229-98-2

Katzenfans und Alsterfans

In einer Woche beginnen die Osterferien. Ich freue mich riesig darauf, weil wir nach Teneriffa fliegen wollen. Teneriffa ist eine Kanarische Insel. Das wisst ihr ja bestimmt, oder?

Dort gibt es ein Tierheim, das Arche Noah Teneriffa heißt. Für dieses Heim spenden meine Eltern regelmäßig Geld. Wenn wir auf der Insel sind, wollen wir es uns ansehen. Ich rede und rede, und ihr habt keine Ahnung, mit wem ihr es zu tun habt.

Also: Ich heiße Lina Luchy und bin elf Jahre alt. Mein Bruder Leon ist zwei Jahre jünger. Manchmal nervt er. Aber sonst ist er okay.

Über meine Eltern könnte ich wirklich nicht meckern, wenn da nicht die unendliche Geschichte mit der Katze wäre. Leon und ich sind nämlich absolute Katzenfans. Trotzdem haben wir keine, weil unsere Eltern keine wollen. Ist doch klar, dass wir deswegen sauer auf sie sind.

Wir wohnen in der Innenstadt von Hamburg im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses. Von meinem Zimmerfenster aus sehe ich die Außenalster. Die Alster ist ein Fluss, der in die Elbe mündet. Vor unserem Haus wurde sie zu einem großen, wunderschönen See aufgestaut. Meine Eltern sind Alsterfans. Wir würden niemals von hier wegziehen, wenn uns Tante Vera nicht ein Grundstück im Alstertal vererbt hätte. Und wir würden dort auch kein Haus bauen, wenn die Alster nicht an dem Grundstück vorbeifließen würde. Das neue Haus hat zwei Wohnungen. In die große ziehen wir, und in die kleinere zieht meine Omi.

Das finde ich klasse! Erstens ist sie auch ein Katzenfan, und zweitens hat sie meistens gute Laune. Sie lacht sogar dann noch, wenn ihr das Essen anbrennt oder wenn sie sich den Ellbogen stößt. Und sie erzählt immer spannende und witzige Geschichten – ausgedachte und welche von früher.

Sie hat als Kind viel angestellt. Ihre Eltern fanden das nicht so lustig wie Leon und ich. Damals waren Eltern noch strenger als heute, sagt meine Omi.

Sobald wir mit ihr in einem Haus wohnen, will Leon bei ihr essen, wenn es bei uns Senfeier oder Kochfisch mit Senfsoße gibt. Und wenn er bei uns nicht fernsehen darf, will er es bei ihr versuchen.

Vor einer Woche überraschte sie uns mit einer Reise. »Ihr wünscht euch doch so sehr, das Musical Tanz der Vampire zu sehen. Zurzeit wird es in Stuttgart gespielt«, sagte sie. »Ich möchte auch mal etwas anderes hören als Hausbaugeschichten.«

Die Bahnfahrt war super und das Musical echt cool! Auch meine Omi war total begeistert und hat uns eine DVD gekauft. Wenn wir umgezogen sind, können wir endlich die Musik lauter aufdrehen. Meine Omi kann uns verstehen. »Leise Pop- oder Rockmusik«, sagt sie, »ist wie ungarisches Gulasch ohne Paprika.«

Abends fragt Leon die Eltern, ob er sich in der Arche Noah Teneriffa endlich eine Katze und auch einen Kater aussuchen darf. Er würde so gerne Katzen züchten.

Mein Vater runzelt die Stirn. »Das wird ja immer schöner! Eine Katzenzucht!«, ruft er. »Die schlag dir mal ganz schnell aus dem Kopf!«

Und meine Mutter sagt: »So ein Unsinn. Es gibt schon genug Katzen, die kein Zuhause haben.«

»Wieso denn kein Zuhause? Die bleiben doch bei mir«, erklärt ihr Leon.

»Das ist nicht dein Ernst! Ich sage es jetzt ein letztes Mal: Solange wir hier wohnen, nehmen wir keine Katze zu uns. Nach dem Umzug können wir wieder darüber reden.«

Das hört sich doch gut an.

»Ich muss jetzt unbedingt mit Omi sprechen. Darf ich mal das Handy haben?«, fragt Leon.

Mein Vater erlaubt es und ruft ihm hinterher: »Aber nicht zu lange.«

Ich gehe in mein Zimmer. Nach einer Weile kommt Leon zu mir, hockt sich auf den Boden und zieht eine Flunsch.

»Na, hast du dich mit Omi gestritten?«

Keine Antwort.

»Hast du die Sprache verloren?«

»Nee!« Leon macht ein noch grimmigeres Gesicht. Dann sprudelt es nur so aus ihm heraus: »Zuerst war Omi sooo nett! Doch als wir über Katzen sprachen und ich ihr vorschlug, im neuen Haus einen Kater zu sich zu nehmen, war’s aus mit ihrer Nettigkeit. ›Das werde ich nicht tun!‹, hat sie gesagt. ›Ich falle deinen Eltern nicht in den Rücken.‹ Zum Schluss meinte sie, ich wäre ganz schön raffiniert.«

»Bist du auch! Wir können wirklich froh sein, wenn wir überhaupt eine kriegen.«

Nun ist Leon auch auf mich sauer. Wortlos geht er aus dem Zimmer.

Ich denke aber nicht nur an Katzen, sondern auch daran, dass ich bald von meiner Schulfreundin Jenny getrennt werde. Nach den Sommerferien gehen Leon und ich nämlich auf andere Schulen. Wie gut, dass es noch nicht so weit ist. Es ist März, und das Haus wird vor Juli bestimmt nicht fertig sein. Vorher fliegen wir erst einmal nach Teneriffa.

So warm wie im Sommer

Am Abreisetag werden Leon und ich sehr früh geweckt. Unausgeschlafen und stumm wie ein Fisch sitze ich am Frühstückstisch und danach im Taxi, mit dem wir zum Flughafen fahren. Leon redet ununterbrochen, denn er ist vor jeder Reise schrecklich aufgeregt, selbst dann, wenn wir nur für zwei Tage an die Ostsee fahren.

»Der Junge hat Reisefieber«, hat meine Omi mal gesagt. »Das hat er von mir geerbt.«

Im Flugzeug sitzt Leon neben mir und spielt mit seinem Gameboy, sodass ich in Ruhe lesen kann.

Vier Stunden später landet das Flugzeug auf Teneriffa.

Beim Aussteigen ruft Leon: »Mensch, Lina, hier ist es so warm wie im Sommer!« Er zieht mitten auf der Gangway seine Jacke aus.

Wir wohnen in einem Hotel im Süden der Insel. Dort gibt es einen hellen Sandstrand. Das ist was Besonderes, weil die meisten Strände auf Teneriffa ziemlich schwarz sind, da die Insel zum größten Teil aus dunklem Vulkangestein besteht.

Leon und ich teilen uns ein Doppelzimmer. Hoffentlich nervt er mich nicht so wie während der letzten Ferien, denke ich – und da geht’s schon los! Er knallt seinen Rucksack in die Zimmerecke und schlägt die Tür hinter sich ins Schloss.

»Blöder Kerl!«, schimpfe ich.

Gleich darauf kommt er wieder, schleudert eine Reisetasche aufs Bett und sagt: »Befehl von Mama! Du sollst unsere Klamotten einräumen.«

»Das ist erstunken und erlogen«, fauche ich zurück.

Leon stellt sich taub und wühlt weiter. Als er seine Badehose gefunden hat, verlangt er von mir, dass ich mich umdrehen und die Augen zumachen soll. »Ich brauche beim Umziehen keine Zuschauer«, sagt er grinsend.

Kurz darauf fällt die Tür wieder mit Karacho ins Schloss.

»Wenn du glaubst, dass ich deine Sachen in den Schrank packe, hast du dich gewaltig geirrt!«, schreie ich.

Dann gehe ich auf den Balkon und sehe, wie mein Bruder zum Strand läuft. Ehe er sich ins Wasser stürzt, dreht er sich um und winkt mir zu. Ich denke nicht daran zurückzuwinken!

Leon ist eine noch größere Wasserratte als ich. Er wird auch jetzt erst wieder aus dem Wasser steigen, wenn seine Lippen blau und seine Hände und Füße schrumpelig wie eine alte Kartoffel sind.

Drei Tage später. Leon und ich haben uns längst wieder vertragen. Wir finden es auf Teneriffa super. Die Sonne scheint von morgens bis abends. Wir sind entweder im Wasser oder spielen am Strand. Aber heute haben die Eltern ein Auto gemietet.

»Wir wollen uns mal die Insel ansehen«, sagt mein Vater beim Frühstück.

»Und das Tierheim etwa nicht?«, frage ich kauend.

»Natürlich machen wir einen Abstecher dorthin«, mischt sich meine Mutter ein.

»Jippii!« Leon strahlt. »Ich bin gespannt, wie viele Katzen es da gibt.«

»Es müssen sehr viele sein, denn einige sind sogar im Wohnhaus untergebracht. Das Katzenhaus und die Freigehege sind überfüllt«, erwidert meine Mutter.

»Woher weißt du das?«, fragt Leon.

»Ich habe vorhin mit Frau Lange, so heißt die Besitzerin des Tierheims, telefoniert.«

Die Besitzerin des Tierheims verschickt regelmäßig Infos an alle Spender. Ich hab von so einer Info nur einmal die Fotos auf der ersten Seite angeschaut und musste heulen. Ein Hund und drei Katzen sahen erbärmlich aus. Der Hund bestand nur aus Haut und Knochen, und die Katzen hatten klaffende Wunden am Kopf. Die Tierchen guckten furchtbar traurig. Wie gerne würde ich eine solche Katze zu mir nehmen! Bei mir würde sie ganz schnell glücklich sein.

Leon reißt mich aus meinen Gedanken, weil er meine Mutter mit einer zuckersüßen Ich-möchte-was-von-dir-Stimme fragt: »Dürfen Lina und ich uns von den vielen Katzen eine aussuchen? Bitte, Mama, nur eine einzige!«

»Nein«, sagen die Eltern wie aus einem Munde.

Es wäre ja auch zu schön gewesen, um wahr zu sein. Trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass sich ihre Einstellung ändern wird, wenn sie die armen Katzen im Tierheim sehen.

Ich würge die letzten Happen meines Brötchens hinunter, weil ich in Gedanken schon dort bin. Falls wir uns doch eine Katze aussuchen dürfen, könnten wir sie unmöglich mit ins Hotel nehmen, überlege ich. Na dann müsste sie noch bis zur Abreise im Tierheim bleiben. Bis dahin könnten wir einen Transportbehälter besorgen. Von Onkel Fred weiß ich nämlich, dass Tiere zusammen mit anderem Frachtgut im Frachtraum des Flugzeugs befördert werden. Er hat einen Hund, der ihm in Spanien nachgelaufen war, mit nach Deutschland genommen.

Inzwischen ist das Frühstück beendet. Kurz darauf steigen wir ins Auto, und die Inselrundfahrt beginnt.

Arche Noah Teneriffa

Meine Eltern sind von der Landschaft total begeistert.

»Evelyn, hast du das tolle Haus gesehen?«, ruft mein Vater. »Und schau mal, der schöne Palmenhain rechts!«

Meine Mutter schwärmt nach jeder Kurve: »Oh, Harro, sieh nur das türkisblaue Meer! Und die Blumen! Fantastisch!«

Mir ist die Landschaft völlig egal. Ich sehe im Geiste schon das Tierheim vor mir, in dem es von Katzen nur so wimmelt, und ich hoffe, dass mir noch heute eine davon gehören wird.

»Wenn wir zum Tierheim wollen, müssen wir – glaube ich – hier links abbiegen«, meldet sich meine Mutter plötzlich.

»Glaubst du es, oder weißt du’s?« Mein Vater blickt argwöhnisch zu ihr hinüber. Trotzdem stoppt er den Wagen und faltet eine Landkarte auseinander. »Wieso haben wir unser Navi zu Hause gelassen?«, fragt er. »Wo sind wir denn jetzt?«

»Wir vergessen doch immer irgendetwas.« Meine Mutter tippt auf die Karte. »Vermutlich sind wir hier.«

Er brummelt etwas Unverständliches vor sich hin. Und weil er wohl wirklich noch immer keine Ahnung hat, wo wir uns gerade befinden, startet er durch und biegt links ab.

Wir fahren eine ganze Weile schweigend weiter, bis meine Mutter ruft: »Das Haus dort könnte das Tierheim sein!«

Und sie hat recht.

Leon springt als Erster aus dem Auto und bimmelt an der Glocke neben dem Eingang. Hundegebell ertönt. Wir können die Hunde nicht sehen, weil links und rechts des Hauses eine Mauer die Sicht versperrt.

Eine Tierpflegerin öffnet die Tür und führt uns nach einer kurzen Begrüßung zu Frau Lange.

Frau Lange ist Deutsche. Sie erzählt uns, dass sie vor ein paar Jahren mit ihrem Mann und ihrer Tochter auf Teneriffa Urlaub gemacht hat, genauso wie wir jetzt. Ja, und dann hat sie die vielen herrenlosen, geschundenen Hunde und Katzen auf der Insel gesehen und gründete das Tierheim Arche Noah. Da sie ohnehin gerade als Tierärztin eine neue Herausforderung suchte, entschied sie sich, für ein oder zwei Jahre auf der Insel zu bleiben. Ihr Mann war einverstanden und fuhr mit der Tochter nach Süddeutschland zurück.

»So viele Hunde hab ich noch nie auf einem Fleck gesehen!«, ruft Leon, als Frau Lange uns zu den Freigehegen führt.

»Und wo sind die Katzen?«, frage ich. »Haben Sie etwa keine mehr?«

»Mehr als genug«, antwortet Frau Lange und zeigt uns das Katzenhaus.

Dort sind noch mehr Katzen, als ich mir ausgemalt habe. Ich weiß gar nicht, zu welcher ich zuerst hingucken soll.

Einige spielen miteinander, andere putzen sich. Drei winzige Kätzchen fressen aus einem Napf. Eine Katze verkriecht sich vor uns unter einer Bank, aber eine andere kommt geradewegs auf mich zu. Ihr Fell ist schwarz, mit einem weißen Lätzchen auf der Brust. Ich frage Frau Lange, ob ich die Katze auf den Arm nehmen darf.

Frau Lange nickt. Ich streichle die Katze ganz vorsichtig. Ihr Fell ist seidenweich. Als ich sie am Hals kraule, beginnt sie zu schnurren. Sie drückt ihr Köpfchen gegen meine Beine und schnurrt noch lauter. Auf meinem Arm schmiegt sie sich an mich, und ich bin sehr, sehr glücklich.

Um Leons Beine streift eine Tigerkatze, aber sie lässt sich nicht streicheln und läuft davon.

»Die meisten unserer Katzen sind sehr scheu, weil sie schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht haben. Es ist unfassbar, was manche Menschen den Tieren antun. Nicht selten finden wir Katzenbabys in Mülltonnen oder auf Müllhalden.« Frau Lange streicht mir über den Kopf. »Aber ihr liebt Katzen. Das spüren sie. Sonst wären sie nicht so zutraulich.«

»Und wie wir sie mögen!«, ruft Leon. »Deswegen möchten wir uns auch eine aussuchen.«

Meine Mutter wirft Leon einen vielsagenden Blick zu und erklärt Frau Lange, weshalb wir leider noch keine Katze zu uns nehmen können.

»Du bist so gemein, Mama!«, brummt Leon. »Bei uns hätte es die Katze sicher viel besser als hier.«

»Ja, wirklich …« Ich kann nicht weitersprechen, weil ich weinen muss.

Die Katze springt vor Schreck von meinem Arm und huscht unter eine Bank. Ich renne aus dem Raum. Durch einen schmalen Flur erreiche ich die Eingangstür und stehe auf der Straße. Am liebsten würde ich weit weglaufen, irgendwohin, wo ich alleine bin, wo mich niemand findet.

Ich komme aber nur bis zur gegenüberliegenden Straßenseite, weil es inzwischen unerträglich heiß geworden ist. Dort setze ich mich unter einen Baum. Da ich kein Taschentuch habe, schnäuze ich in ein großes Blatt und wische die Tränen aus meinem Gesicht. Ich weine so lange vor mich hin, bis sich die Tür des Tierheims öffnet.

»Da ist sie!«, ruft Leon und kommt auf mich zu.

Die Eltern verabschieden sich hastig von Frau Lange.

Leon hockt sich neben mich. »Ich finde es auch doof, dass wir uns keine Katze aussuchen durften. Aber Mama und Papa haben uns doch schon so gut wie versprochen, dass wir bald eine bekommen. Ich hätte natürlich lieber zwei, aber eine ist auch okay.« Er stochert mit einem Stock im Gras herum. »Und nun hör auf zu flennen! Bitte!«

Meine Mutter setzt sich zu uns und legt den Arm um meine Schultern.

Ich versuche, ihn abzuschütteln, gucke zur Seite.

»Soso, du willst also nichts mit mir zu tun haben. Trotzdem möchte ich dir sagen, dass du nur deshalb enttäuscht bist, weil du dir falsche Hoffnungen gemacht hast.« Sie zwingt mich, sie anzusehen. »Nun, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, holen wir uns eine Katze aus dem Tierheim in Hamburg. Das verspreche ich dir und Leon.« Sie steht auf und zieht mich hoch.

Wir lächeln uns an.

Die Hotelkatzen

»Frau Lange hat uns noch viel erzählt und uns die Katzen und Hunde gezeigt, die in ihrer Küche und in ihrem Schlafzimmer wohnen«, sagt Leon, während wir weiterfahren. »Es ist sehr schwierig für sie, Leute zu bekommen, die ihr bei all der Arbeit helfen. Manchmal hat sie kein Geld mehr, um Futter für die Tiere kaufen zu können. Die fressen an einem Tag unheimliche Mengen.« Leon macht ein ernstes Gesicht. »Weißt du, was besonders schlimm ist?«

»Nee.«

»Dass jeden Tag Hunde und Katzen im Heim abgegeben werden, weil sie niemand haben will. Manchmal stehen Kartons mit Katzenbabys vor der Tür.«

»Wie schrecklich!«

»Das ist aber immer noch besser, als wenn sie in einer Mülltonne landen«, erwidert Leon.

»Hör auf! Ich will nichts mehr davon hören. Sag mir lieber, wie Frau Lange die Katzenbabys großzieht!«

»Mit der Flasche. Alle zwei Stunden werden sie gefüttert. Sogar in der Nacht, hat Frau Lange gesagt. Bisher sind alle Babys am Leben geblieben. Toll, nicht?«

»Ja. Ich möchte auch mal einem Katzenbaby die Flasche geben.«

»Ich auch.«

»Die meisten Hunde und Katzen von der Arche Noah werden übrigens nach Deutschland geflogen. Von Süddeutschland aus vermittelt Herr Lange die Tiere weiter. Einige kommen sofort in eine Familie, die anderen werden in einer Pflegefamilie oder in einem Tierheim untergebracht, bis auch für sie eine Familie gefunden ist«, erzählt meine Mutter.

»Vielleicht ist die Katze, die wir uns bald aus dem Hamburger Tierheim holen wollen, eine von der Arche Noah Teneriffa«, sagt Leon.

Dann hätten wir sie uns ja vorhin aussuchen können, denke ich – halte aber lieber den Mund.

Meine Mutter wechselt das Thema. »Bei der Aufnahme ins Heim wird jede Katze tierärztlich untersucht. Irgendeine Krankheit haben sie alle. Sie werden so lange von den anderen Tieren getrennt, bis sie gesund sind. Geimpft werden sie auch.«

»Ja«, ruft Leon dazwischen, »gegen Katzenschnupfen und andere Krankheiten! Frau Lange hat gesagt, dass es Tierärzte gibt, die ihr helfen, weil sie es allein nicht schafft. Die berechnen ihr dafür nicht einen Cent. Sonst hätte sie noch höhere Kosten.«

»Außerdem jobben oft junge Leute aus Deutschland während der Ferien ohne Bezahlung im Tierheim«, fügt mein Vater hinzu.