Sammelband Redlight Street 3 Romane: Zerschlagene Träume und andere Romane von der Straße der Liebe

Dieses Buch enthält folgende Romane:

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A.F.Morland: Diane – kein Leichtes Leben

A.F.Morland: Das beste Mädchen vom Callgirlring

A.F.Morland: Zerschlagene Träume

Inhaltsverzeichnis

Titelseite

Sammelband Redlight Street 3 Romane - Zerschlagene TRäume und andere Romane von der Straße der Liebe

DIANE – KEIN LEICHTES LEBEN

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Das beste Mädchen vom Callgirlring

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Die Hauptpersonen:

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Zerschlagene Träume

Die Hauptpersonen:

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Also By A. F. Morland

About the Publisher

Sie hetzte durch die Nacht, halb blind vor Angst, von Felipe erkannt und verraten zu werden. Sie stolperte über eine Wurzel. Ein heftiger Schmerz durchglühte ihren Fuß. Sie stürzte, rappelte sich auf und rannte mit dem quälenden Gefühl im Nacken weiter, den Spitzel auf den Fersen zu haben. Und dann war da der dicke, knorrige Ast ...

Cover: Firuz Askin

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DIANE – KEIN LEICHTES LEBEN

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REDLIGHT STREET

von A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 94 Taschenbuchseiten.

Der Spinner rief immer noch an.

Seine Sprüche wurden ordinärer und obszöner, und Diane hörte ganz genau, was er dabei machte. Sie fühlte sich von ihm beobachtet und verfolgt, aber sie sah ihn nie. Er sprayte nachts ein rotes Herz an ihre Wohnungstür, und er kündigte heiser vor Erregung an, dass er bald zu ihr kommen würde, wobei er genüsslich all die widerlichen Einzelheiten aufzählte, die er dann mit ihr tun würde ...

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© Cover by Steve Mayer, 2016

Früherer Titel:Kein leichtes Leben für Diane

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Die Hauptpersonen:

DIANE QUAID – TOCHTER einer Dirne in Los Angeles, arbeitet in mehreren Berufen.

Moody Makepeace – ehemaliger Zuhälter, will seiner Lebensgefährtin ein Denkmal setzen.

Chris Goodman – Verleger, wird das Opfer ehrgeiziger Pläne.

Cliff Lockwood – Schriftsteller, arbeitet als Ghostwriter für einen ehemaligen Zuhälter.

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1

DIANE SCHRUBBTE SICH den Geruch des widerlichen Kerls so gründlich wie möglich aus den Poren. Nichts von ihm sollte an ihr haftenbleiben, und nichts sollte sie an ihn erinnern, denn er war nicht wert, dass sie ihn im Gedächtnis behielt. Obwohl sie mit ihm geschlafen hatte.

Aber das hatte für Diane nicht das gleiche Gewicht wie für andere Mädchen. Wenn sie Geld brauchte, ging sie fast mit jedem Typ ins Bett. Klein, groß, dick, dünn, mit Haaren, kahl – egal. Nur das Moos in seiner Brieftasche zählte.

Der Apfel fällt eben nicht weit vom Stamm. Dianes Mutter, Carrie Quaid, war in ihrem Alter schon eine richtige Hure gewesen, mit hochkarätigen Kunden. Heute arbeitete sie nicht mehr in dieser Branche. Während andere Prostituierte für gewöhnlich ihr Geld durchbringen und vor dem Nichts stehen, wenn sie ihren Zenit überschritten haben, hatte Carrie ihre beträchtlichen Einnahmen bestens angelegt. Ihr damaliger Lude Moody Makepeace, Dianes Vater, hatte das für sie arrangiert. Und so standen die beiden, sie waren immer noch zusammen, lebten in New York, heute finanziell hervorragend da. Sie gehörten zu den wenigen, die es geschafft hatten, mit Gewinn aus dem Milieu auszusteigen und seither ein »normales« Leben zu führen.

Am gründlichsten wusch Diane ihre Scham.

Vor fünf Minuten war der widerliche Kerl gegangen. »Eine Sensation warst du nicht gerade«, hatte er enttäuscht gesagt.

»Was hattest du erwartet? Ein Erdbeben? Und dass sich der Himmel auftut und du auf Wolke sieben schwebst?«

»Du hättest wenigstens so tun können, als ob es dir Spaß machen würde.«

»Du brauchst ja nicht wiederzukommen.«

»Hab’ ich auch ganz bestimmt nicht vor«, hatte der Mann erwidert und sie gemustert. Sie hatte einen zyklamfarbenen Bademantel getragen, hatte das lange naturblonde Haar oberflächlich hochgesteckt. »Hübsch bist du ja. Aber so leidenschaftlich wie ein toter Fisch.«

Diane hatte für ihn die Tür geöffnet. »Ciao!«, hatte sie kühl gesagt.

»Ich werde dich nicht weiterempfehlen.«

»Ich werd’s verschmerzen. Würdest du jetzt die Güte haben, mich mit meinem Schmerz allein zu lassen?«

Er war hinausgegangen. Stolz wie ein spanischer Grande. Diane wusste wirklich nicht, worauf er sich so viel einbildete. Er war die größte Niete gewesen, die sie je im Bett gehabt hatte. Sie hatte ihm fast die Tür ins Kreuz geschlagen und war ins Bad gegangen.

Und nun drehte sie das Wasser ab und verließ die Duschkabine.

»Dieser verdammte Knoblauchfresser!«, ärgerte sie sich. »Hält sich für den Bauchnabel der Welt und ist in Wirklichkeit nur ein armes, stinkendes Würstchen.« Sie schüttelte den Kopf. »Leute kommen einem in diesem Job unter!«

Diane bewunderte einmal mehr ihre Mutter und fragte sich, wie sie es so lange in diesem Gewerbe, das man das älteste der Welt nennt, hatte aushalten können.

Diane sah sich nicht als Nutte.

Okay, sie schlief mit Männern für Geld. Aber eigentlich war sie Model und wollte zum Film, deshalb lebte sie seit sechs Jahren hier in Los Angeles.

Nur wenn die Auftragslage bescheiden war, konnten Typen, die bereit waren, ihren Preis zu zahlen, sie haben. Zurzeit hatte das Model-Geschäft mal wieder einen größeren Durchhänger. Also war Diane gezwungen, auf der anderen Schiene Kohle zu machen. Ein Glück, dass sie so vielseitig war. So konnte sie nie untergehen. Sie würde immer obenauf schwimmen, egal, was kam.

Sechs Jahre L.A. Sie hatte gedacht, das würde mehr bringen. Aber sie war leider nicht das einzige hübsche Mädchen, das zum Film wollte. Alle, die keinen Klumpfuß und keinen Buckel hatten, wollten das.

Und sie waren genauso wie Diane bereit, alles, wirklich alles, für eine Filmrolle zu tun. Die Konkurrenz war verdammt groß, und sie schlief nicht. Jedenfalls nicht allein, wenn es darum ging, sich einen Vorteil zu sichern.

Manchmal, wenn Diane ihre depressive Phase hatte, was glücklicherweise nicht oft vorkam, dachte sie, dass ihre Mutter ihr Leben irgendwie besser gemeistert hatte. Vielleicht, weil Moody Makepeace sich um sie gekümmert hatte. Er war nicht nur ihr Lude, sondern mehr noch ihr Freund gewesen. Er hatte sie ehrlich geliebt und liebte sie immer noch. Er war immer gut zu Carrie gewesen, hatte sie nie zu irgendetwas gezwungen, hatte sie niemals geschlagen. Sie waren ein echtes, leistungsstarkes Team gewesen. Jeder hatte seine Aufgaben gehabt und diese zur vollsten Zufriedenheit des Partners erledigt.

Diane hätte auch gern einen Mann wie Moody Makepeace an ihrer Seite gehabt. Aber das war nicht möglich, denn Moody war einmalig. Den gab es kein zweites Mal auf der Welt.

Sechs Jahre L.A. Und was war hängengeblieben? Ein paar unbedeutende Auftritte im Werbefernsehen, Komparsen-Arbeit beim Film. Einmal hatte sie nackt am Strand in der Sonne liegen dürfen, und der Hauptdarsteller hatte sie mit den Augen, laut Drehbuch, verschlungen. Ein andermal hatte sie aus dem Fenster eines brennenden Hauses in ein Sprungtuch hüpfen müssen. Sie hatte sich dabei so sehr das Kreuz verrenkt, dass die ganze Gage für den Chiropraktiker draufging, der sie wieder in Ordnung brachte. Sie hatte widerwillig eine uniformierte Polizistin gespielt, die ein Strichmädchen verprügelte und dafür von deren Zuhälter gleich auf den ersten Filmmetern erstochen wurde.

Es war bisher nichts von Bedeutung angefallen, aber das hinderte Diane nicht daran, weiterhin davon zu träumen, eines Tages groß beim Film rauszukommen.

In der Zwischenzeit hatte sie ja ihre beiden Jobs: den des Models und den des Callgirls.

Sie trocknete sich ab und föhnte ihr Haar.

Das Telefon läutete.

Dianes automatischer Anrufbeantworter schaltete sich ein, sie stellte den Fön kurz ab und hörte sich sagen: »Hier spricht Diane Quaid. Ich bin im Augenblick nicht erreichbar, aber wenn Sie Ihren Namen und Ihre Telefonnummer nennen, rufe ich so bald wie möglich wieder zurück.«

»Mist!«, sagte Dianes Freundin Stella enttäuscht. »Ich wollte mit dir und nicht mit deinem bescheuerten Anrufbeantworter quatschen. Ich versuch’s bei Donna. Vielleicht habe ich da mehr Glück.« Sie legte auf.

Diane brauchte noch fünf Minuten, dann verließ sie das Bad, schaltete den Anrufbeantworter ab und rief Stella an, aber sie kam nicht durch. Es war besetzt. Stella schien Donna erreicht zu haben. Das dauerte jetzt bestimmt eine Stunde, bis die Leitung wieder frei war.

Diane zündete sich eine Zigarette an und steckte das Geld, das der Kunde dagelassen hatte, in ihre Handtasche.

Es hatte von Anfang an Probleme gegeben.

»Ich will ohne Gummi«, hatte der Mann gesagt.

»Nicht bei mir«, hatte Diane entschieden erwidert.

»Ich hasse Kondome.«

»Dann vergessen wir die ganze Sache.«

»Hör mal, jetzt, da ich so aufgedreht bin, kannst du mich doch nicht einfach im Regen stehenlassen.«

»Du hast fürs Bumsen bezahlt, nicht dafür, dass ich mit dir russisches Roulette spiele.«

»Ich bin gesund.«

»Wer weiß, wie lange noch, wenn du so unvernünftig bleibst und dich nicht schützt.«

Er hatte schließlich nachgegeben, aber es war für ihn nur noch ein halbes Vergnügen gewesen.

Na ja, Schwamm drüber. Los Angeles war groß. Er konnte nicht jedem erzählen, dass er bei Diane Quaid nicht auf seine Kosten gekommen war.

Sie nahm wieder einen Zug von der Zigarette, während sie ihren Blick durch den großen Raum schweifen ließ. Sie hatte ein sehr eigenwilliges Zuhause. Alles in einem: Küche, Wohn-, Schlaf-, Vor-, Gästezimmer. Es gab keine trennenden Wände. Nur das Bad war extra.

Nachdem sie die Zigarette geraucht hatte, wechselte sie das Bettzeug. Sie hatte etliche komplette Garnituren, musste sie haben. Jeder Kunde konnte erwarten, dass sie sich mit ihm in ein sauberes, frisch bezogenes Bett legte. Das war im Preis inbegriffen. Die Wäscherei an der Ecke verdiente an niemandem mehr als an ihr.

Sie schaltete die Stereoanlage ein. Ein neues Gerät. Sie hatte es seit zwei Wochen, und es hatte schon einigen Ärger damit gegeben. Zuerst hatte die Fernbedienung mangelhaft funktioniert, und dann hatte Diane festgestellt, dass das Kassettendeck nur auf einem Kanal aufnahm. Die Behebung der Fehler war zwar kostenlos gewesen, hatte Dianes Freude an dem Gerät aber doch um einiges geschmälert. Man sollte die Finger von sogenannten Schnäppchen lassen. Zu dieser Erkenntnis war Diane inzwischen gekommen. Die HiFi-Anlage war zu einem wahren Schleuderpreis zu haben gewesen. Jetzt wusste sie, warum.

Das Telefon läutete wieder, und diesmal meldete sich Diane.

Sie hätte es lieber bleibenlassen sollen.

Am anderen Ende der Leitung war wieder dieser Spinner, der sie seit einigen Wochen nervte. »Hallo, Mäuschen! Geht es dir gut?«, fragte er mit leiser, heiserer Stimme. Er hatte nicht alle Latten am Zaun. Diane hielt ihn aber nicht für gefährlich. Er redete ja nur und geilte sich dabei auf.

»Es würde mir bessergehen, wenn du mich nicht andauernd belästigen würdest«, erwiderte sie barsch.

Der Mann lachte. »Hast du Angst vor mir? «

»Das hättest du wohl gern, wie? Aber die Freude kann ich dir leider nicht machen. Ich halte dich für einen armen, harmlosen Trottel, dessen Intelligenzquotient gerade noch reicht, um ein Telefon zu bedienen.«

»Ich kann dich durchs Telefon riechen. Den Duft deiner süßen, kleinen – du weißt schon. Glaubst du mir das?«

»Bei einem Verrückten ist alles möglich.«

»Ich sehe dich genau vor mir, wenn ich die Augen schließe. Du bist nackt, hast keinen Faden am Leib, hast einen phantastischen Körper, herrliche Titten, einen knackigen Hintern ...« Er atmete schneller.

»Bist du bald soweit?«, machte sich Diane über ihn lustig.

Er stöhnte.

»Ich würde ja gern mit Hand anlegen«, spottete Diane, »aber durchs Telefon schaffe ich das nicht. Ich mache dir einen Vorschlag: Wir treffen uns irgendwo, und ich sorge dafür, dass du die Engel singen hörst.« Und zwar mit meinem Knie, dachte sie.

Der Anrufer lachte rau. »Für wie blöd hältst du mich eigentlich, he?«

»Wenn du mich so fragst, für sehr blöd.«

»Du würdest mit ’nem Haufen Bullen antanzen. Ich kann Bullen nicht ausstehen. Ich hab’ ’ne Kanone, und es würde mir nichts ausmachen, ’nen Scheißbullen umzulegen.«

»Warum bist du denn so aggressiv?«, fragte Diane. »Hat dir ’n Bulle mal was angetan?« Sie hoffte, dass der Irre irgendetwas sagte, womit die Polizei etwas anfangen konnte.

Doch er stöhnte nur laut und sagte: »Ich habe scharfe Augen. Ich sehe jedes einzelne Härchen deines Vlieses.«

»Dann hast du Röntgenaugen, denn ich bin nämlich komplett angezogen«, versuchte ihm Diane das Vergnügen zu verderben.

»Ich sehe alles«, keuchte der Mann. »Ich fühle es sogar ... Oh ... oh ... So weich, so warm, so feucht ...«

»Ich lege jetzt auf.«

»Nein!«, rief der Anrufer atemlos. »Warte! Ich bin gleich ...«

Sie legte auf.

Er rief sofort wieder an, war wütend, weil sie ihm den Spaß vermasselt hatte, schrie, tobte, fluchte, beschimpfte sie unflätig und kündigte an, demnächst, wenn sie nicht damit rechnete, zu ihr zu kommen, sie im Schlaf zu überraschen und ihr Dinge anzutun, von denen sie noch nicht einmal gehört hätte.

»Ja, ja, komm nur, du feige Kreatur!«, erwiderte Diane verächtlich.

»Aber mach dich darauf gefasst, dass ich dir dann mit meiner gusseisernen Pfanne eins überbrate!« Sie legte abermals auf, und ein drittes Mal belästigte die Nervensäge sie nicht.

Aber nach diesem Gespräch blieb ein leises Unbehagen zurück.

Ärgerlich. Diane fühlte sich in ihrer Wohnung mit einem Mal nicht mehr ganz sicher. Durch die Tür konnte der Spinner kaum kommen. Die Sicherheitsschlösser waren teuer gewesen, und es gab einen Kreuzriegel aus massivem Stahl, der nur mit einer Packung TNT zu überwinden war.

Die Schwachstelle waren die Fenster, an denen die Feuerleiter vorbeiführte. Deshalb ließ Diane sie vergittern.

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»Kommst du dir hier nicht wie im Knast vor?«, fragte die rothaarige Stella, als sie die Gitter sah.

»Aus dem Knast kann man nicht raus«, entgegnete Diane.

»Wenn man Hafturlaub bekommt, schon.«

»Und es gibt keine so großen Zellen im Knast«, sagte Diane.

Stella – auch Model, auch Callgirl – blies ihren Kaugummi auf. Es wurde ein riesiger, seidig glänzender rosa Ballon. Patsch! Er zerplatzte, und der Kaugummi klebte überall in Stellas Gesicht. »Scheiße!«, sagte sie und sammelte mit spitzen Fingern die Fetzen ein. »Wovor fürchtest du dich?«

Diane erzählte ihr zum ersten Mal von den Anrufen des offenbar Geisteskranken.

Stella sah sie überrascht an. »Wie lange geht das denn schon so?«

»Mehrere Wochen.«

»Wieso hast du nie darüber gesprochen?«

»Ich hielt es für unwichtig«, antwortete Diane.

»Aber du lässt deine Fenster vergittern.«

»Eine allgemeine Vorsichtsmaßnahme, die in einer Stadt wie Los Angeles, in der so viele Verbrechen verübt werden, durchaus angebracht ist.«

»Hast du die Polizei informiert, dass dieser Kerl dich belästigt?«

Diane schüttelte den Kopf.

Stella sah sie verständnislos an. »Warum nicht? Die Bullen leben von unseren Steuergeldern. Also dürfen sie, verdammt noch mal, auch mal etwas für uns tun, wenn wir sie brauchen.«

»Die haben auch so genug zu tun«, erwiderte Diane. »Was kann ich ihnen schon sagen?«

»Dass du pausenlos obszöne Anrufe bekommst und dich von diesem Bastard bedroht fühlst.«

»Ich werde die Polizei einschalten, wenn ich mehr über den Mann weiß.«

Stella zuckte die Achseln. »Deine Entscheidung. Darf ich dein Bad benutzen? Ich muss meine Kriegsbemalung erneuern.«

»Fühl dich wie zu Hause«, sagte Diane und holte ein mitternachtsblaues Lamékleid aus dem Schrank.

Stella trug ein ähnliches Modell, allerdings trägerlos und pfefferminzgrün. Sie war für den Abend ziemlich aufgedonnert. Eine Party in Bel Air war angesagt. Da konnte man nicht ungeschminkt im Kohlensack erscheinen. Ein bombastischer Rahmen erforderte ein extravagantes Outfit.

Diane zog das Kleid an.

»Süß siehst du aus«, sagte Stella, als sie zurückkam. Sie strich sich mit den Händen über die Hüften. »Ich muss mit dem Essen aufpassen.«

»Wieso denn?«, erwiderte Diane. »Du hast doch eine Superfigur.«

»Ich habe zwei Kilo zugenommen.«

»Aber genau an den richtigen Stellen.« Diane drehte sich um. »Hilfst du mir mit dem Reißverschluss?«

Stella zog den Verschluss hoch.

»Danke«, sagte Diane.

»Können wir gehen?«, fragte Stella.

»Wir können«, antwortete Diane.

Als sie aus dem Haus kamen, trat ein Mann in den Schatten der gegenüberliegenden Einfahrt zurück. Groß, kräftig, breitschultrig, markante Züge, das lange Haar glatt zurückfrisiert und von einem Gummiband zu einem kleinen, modischen Schwanz zusammengehalten. Er sah die Mädchen in Dianes Wagen steigen, doch sie sahen ihn nicht. Als der Wagen davonfuhr, zog der Mann an seinen Fingern, und es knackte laut in den Gelenken.

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Alex Payne, der Gastgeber, ein Filmstar, der seine beste Zeit hinter sich hatte, sich auf dem absteigenden Ast befand und einen Kick brauchte, um wieder nach oben zu kommen, hatte Diane und Stella für den Filmproduzenten Hyram K. Markovich angefordert. HKM, wie er in der Branche genannt wurde, sollt entscheiden, ob er die Blonde oder die Rothaarige haben wollte. Jene, die er ablehnte, sollte dann dem Herrn des Hauses zur Verfügung stehen.

Payne sah blendend aus in seinem schwarzen Smoking. Und fast zehn Jahre jünger als vor etwa einem Jahr. Er hatte eine Menge Geld dafür ausgegeben, hatte sich liften lassen, war monatelang auf einer Schönheitsfarm gewesen, hatte zwanzig Pfund abgespeckt, rauchte und trank nicht mehr.

Viele seiner Filme waren Kassenhits gewesen. Sein Name hatte Zugkraft gehabt und selbst mittelmäßigen Streifen noch zu finanziellem Erfolg verholfen.

Die Geldgeber verstanden nichts vom Filmgeschäft. Sie wussten nur, dass es kein Risiko war, in ein Projekt zu investieren, bei dem Alex Payne mitmachte. Sie hatten ihm vertraut, und er hatte sie über viele Jahre hinweg nicht enttäuscht. Sie hatten sehr viel Geld mit ihm und durch ihn verdient. Aber es gibt keine Dankbarkeit in diesem gnadenlosen Geschäft, das von Männern beherrscht wird, die kein Herz, sondern eine Registrierkasse in ihrer Brust haben. Sie hatten Payne beim ersten Flop, der ihnen schmerzliche Verluste bescherte, eiskalt fallenlassen.

Sein Vertrag war nicht erneuert worden.

Alex Payne war über Nacht nicht mehr gefragt gewesen.

Kein Einzelfall. Und davon lebte Hyram K. Markovich. Er nahm die großen Namen, die nicht mehr ganz so herrlich glänzten wie früher, was sich natürlich nachteilig auf die Gage auswirkte, unter Vertrag und produzierte mit ihnen billige Filme. Seine Firma war das reinste Abfallsammelbecken.

Drogenabhängige Drehbuchautoren. Alkoholkranke Regisseure. Schauspieler, die irgendetwas aus der Bahn geworfen hatte und keinen Vertrag bei den großen Firmen bekamen ... Sie alle konnten HKMs Angebot annehmen oder ablehnen. Arbeiten oder von vergangenen Erfolgen träumen.

Alex Payne hoffte auf ein Comeback, zu dem ihm HKM verhelfen sollte.

Payne hatte den geschäftstüchtigen Filmproduzenten zu dieser Party eingeladen, um ihn als Freund zu gewinnen. Der Filmstar hatte sich das Fest einiges kosten lassen. Ein kluger Mann hatte einmal gesagt: »Man muss Millionen investieren, um Milliarden zu verdienen.« Daran hielt sich Alex Payne, wenn auch in einem wesentlich kleineren Rahmen.

Sollte heute Abend alles zu HKMs Zufriedenheit ablaufen, würde das Angebot des Produzenten, mit dem Payne sicher rechnete, großzügiger ausfallen. Nahm er an. Er wusste nicht, dass HKM Geschäft und Privatleben streng trennte.

Markovich, ein kleiner, dicker Brillenträger, entschied sich für Diane. Der Mann roch ungemein intensiv nach Geld. Diane hatte plötzlich eine verrückte Vision: Sie brachte den Filmmogul dazu, sie zu heiraten. Sie war jung, und er war nicht mehr der Jüngste. Sie verlangte jeden Tag Sex von ihm. Er begann zu verfallen. Und schließlich, in einer Nacht, in der sie es mit ihm am tollsten trieb, streikte seine Pumpe. Gibt es ein erfüllenderes Ende für einen Mann, der im Leben alles gehabt hat, als von seiner jungen, schönen, sexhungrigen Frau zu Tode geliebt zu werden? Für das Trauerkleid würde sie einen Pariser Modeschöpfer bemühen. Sie wollte schließlich eine attraktive Witwe sein. Tränen an HKMs Grab. Und danach würde sie in seinem Geld schwimmen.

»Woran denken Sie?«, hörte sie HKM fragen.

Diane blinzelte verwirrt. »Ich? Äh ... Ich dachte gerade, was für eine Ehre es für mich ist, den Abend mit Ihnen verbringen zu dürfen«, antwortete sie schnell. »Sie sind ein Mann, dessen Werk Freude in das Leben vieler Menschen gebracht hat.«

»Finden Sie?«

»All die Filme, die Sie gedreht haben.«

Er lächelte. »Ich hoffe, Sie haben einige davon gesehen.«

»Aber sicher. >Feuer im Sturm< zum Beispiel. Oder: >Einsame Helden<. Ganz besonders beeindruckt hat mich die >Ryker< Serie.«

HKM blies stolz seinen Brustkorb auf. »>Ryker< ist zwar kein künstlerisch wertvolles Projekt, aber es hat bisher die meiste Kohle eingebracht. Ich will mit meinen Filmen Geld verdienen und keine Preise gewinnen. Deshalb bereiten wir auch gerade >Ryker IV< vor. Schema wie gehabt. Sex, Blut, Schweiß, Tränen und Action, Action, Action. Wir pressen >Ryker< wie eine Zitrusfrucht aus.

Bis zum letzten Tropfen. Solange die Leute ihn sehen wollen, werden wir ihn ihnen vorsetzen.«

Diane gab ihm recht. Sie stand mit ihm, ein Glas Champagner in der Hand, auf der Terrasse. Es war ein milder, sternenklarer Abend. Halbmond. In Alex Paynes großem Haus spielte eine Sechs Mann Band.

»Gehen wir tanzen?«, fragte der Produzent.

Diane schenkte ihm ein inniges Lächeln. »Alles, was Sie wollen. HKM, Sie dürfen über mich verfügen. Ich bin bei allem dabei.«

Sie gingen ins Haus, und Diane spürte beim Tanzen, dass Markovich sie begehrte. Es würde wohl nicht lange dauern, bis er sich mit ihr zurückziehen wollte. In diesem Haus war mit Sicherheit ein Zimmer für ihn reserviert. Nun, Diane würde sich nicht zieren, sondern mit ihm gehen und ihn gut bedienen. Dafür hatte Alex Payne schon im Voraus gut bezahlt.

Diane ließ den korpulenten Mann wissen, dass sie als Model viel zu tun hatte, und sie nahm die Gelegenheit wahr, ihm zu erzählen, dass es sie ungemein stark zum Film drängte.

»Sind Sie auch Schauspielerin?«, fragte der Produzent.

Sie sagte, wer sie unterrichtet hatte, und erwähnte ihre bisher größten Rollen. Klar, dass sie ihn damit nicht beeindrucken konnte, aber er sah wenigstens, dass sie schon einige Male vor der Kamera gestanden hatte.

Eine Rolle in »Ryker IV« wäre phantastisch gewesen. Aber würde sich HKM bewegen lassen, ihr eine zu geben?

Das hängt ganz von dir ab, überlegte Diane. Wenn du’s ihm gut machst, hat er eventuell das Verlangen, sich zu revanchieren.

Sie war entschlossen, ihr Bestes zu geben, schmiegte sich beim Tanzen eng an ihn, rieb ihren Unterleib provozierend an ihm und kraulte so hingebungsvoll seine Nackenhärchen, dass seine Brille beinahe beschlug.

Markovich versuchte nicht, den strammen Ausdruck seiner Leidenschaft vor ihr zu verbergen. Er kam ihr entgegen, bewegte sich an ihr, schwitzte und atmete schwer.

Bald war es ihm zu laut, zu voll und zu heiß.

»Wohin gehen wir?«, erkundigte sich Diane.

»An einen Ort, wo es ruhiger ist«, antwortete er. »Ich möchte mit dir allein sein.«

»Okay.«

»Und ungestört.«

»Einverstanden«, sagte Diane.

Er begab sich mit ihr nach oben, in eines der Gästezimmer. Die Tür war abgeschlossen, aber er hatte den Schlüssel in seiner Hosentasche.

Diane kicherte. »Ach, den habe ich beim Tanzen gespürt. Und ich dachte ...«

HKM kniff sie grinsend in den Po. »Nein, nein, du hast schon richtig gespürt, Mädchen. Komm rein, wir wollen es uns gemütlich machen. Willst du Pot, Speed, Kokain, LSD, Crack? Es ist alles da.«

»Ich brauche nichts.«

»Wie willst du in Stimmung kommen.«

»Ich bin bereits in Stimmung«, erwiderte Diane.

»Auch keinen Drink?« Eine fahrbare Bar stand bereit. Mindestens ein Dutzend Flaschen. Allerbester Stoff. Eiswürfel in einem silbernen Thermobehälter. Alex Payne war zwar nicht mehr der Größte, aber er konnte sich noch immer einen noblen Stil leisten.

Diane entschied sich für einen echt französischen Cognac.

»Stehst du auf alles Französische?«, grinste Markovich anzüglich.

Diane schmunzelte. »Die Sprache beherrsche ich leider nicht.«

»Und wie steht’s mit dem andern?«

Diane senkte die seidigen Wimpern. »Du kannst mich ja testen.«

Markovich nickte. »Das werde ich, darauf kannst du dich verlassen.« Er gab ihr ihren Drink und entschied sich selbst für eine Prise Koks. »Koks macht scharf«, grinste er. »Darf ich sehen, was du zu bieten hast?«

Diane sah ihn fragend an.

»Zieh den Fummel aus!«, verlangte HKM.

Sie schlüpfte aus dem Kleid, trug keinen BH, war nur noch mit einem winzigen weißen Tangahöschen bekleidet, also so gut wie nackt. Nacktheit gehörte zum Geschäft. Außerdem hatte sie eine Traumfigur, für die sie sich wirklich nicht zu schämen brauchte.

Jetzt zog Markovich sich aus.

Er hätte vorher lieber das Licht löschen sollen, denn er hatte alles andere als einen schönen Körper. Speckfalten, Fettwülste. Einen Bauch wie eine Trommel. Und darunter, klein und mickrig ...

Diane seufzte. Das einzig Schöne an ihm ist sein vieles Geld, dachte sie.

Markovich setzte sich aufs Bett. »Komm her!« Er spreizte die dicken Schenkel. »Ich hoffe, du bist gut, Baby.«

Sie sank vor ihm auf die Knie, atmete tief durch und überwand sich, zu tun, was er von ihr erwartete. Wenn er nicht Hyram K. Markovich gewesen wäre, hätte sie ihm gesagt, er solle sich zum Teufel scheren. Sie beneidete Stella, die das bessere Los gezogen hatte.

Wenn er mich wenigstens in seinen neuen Film reinnehmen würde, wäre ich einigermaßen entschädigt, ging es Diane durch den Kopf, während sie Markovich mit aller Raffinesse bediente.

Man hätte sie warnen sollen. Markovich war ein ziemliches Ferkel. Da er sich mit ihr eingeschlossen hatte, musste sie einige höchst unerquickliche Dinge über sich ergehen lassen.

Allerdings sagte sie sich: Wenn du schon so weit gegangen bist, wirst du den Rest auch noch überstehen und dir damit vielleicht eine Rolle in »Ryker IV« verdienen. Da Markovich in seinem Leben bereits alles Normale genossen hatte – jede Schauspielerin hatte die Beine breitgemacht, wenn er nur mit dem Finger geschnippt hatte – stand er nun auf abartige Spielchen. Diane war einiges gewohnt, und sie war auch bestimmt nicht zimperlich, aber was HKM von ihr verlangte ... Er musste, was diese Dinge anging, krank sein. Vielleicht ebenso krank wie der Typ, dessentwegen Diane ihre Fenster hatte vergittern lassen.

Diane hatte gewiss keine Freude am Zusammensein mit ihm. Sie konnte nur hoffen, dass es sich für sie lohnen würde, bis zur totalen Selbstverleugnung mitgemacht zu haben.

Markovich bekam sogar eine Kostprobe ihres schauspielerischen Talents geboten: Sie gab sich den Anschein, als würden ihr die bizarren erotischen Spiele ebensolchen Spaß machen wie ihm.

Als die Angelegenheit gelaufen war, steuerte Diane sofort auf ihr Ziel zu. Es wäre ein Fehler gewesen, die Sache auf die lange Bank zu schieben, denn in ein paar Tagen würde HKM nicht mehr wissen, wer sie war. Sie musste ihn jetzt gleich festnageln, während er noch unter dem Eindruck des von ihr Geleisteten stand.

Er bückte sich, um sein Unterhemd aufzuheben.

Diane hätte ihm am liebsten einen kräftigen Tritt in den nackten Hintern gegeben.

Auf ihre direkte Frage, ob für sie in »Ryker IV« eine Rolle drin wäre, antwortete er mit einer Gegenfrage: »Hast du einen Agenten?«

Sie nickte. »Hab’ ich.«

»Wie ist sein Name?«, wollte Markovich wissen.

»Sammy Gould«, antwortete Diane wie aus der Pistole geschossen.

»Er soll mich in den nächsten Tagen anrufen«, brummte HKM.

Hoffnung glänzte in Dianes Augen. »Heißt das, ich kriege eine Rolle?«

»Das heißt, dass Sammy Gould mich in den nächsten Tagen anrufen soll, sonst gar nichts.«

Diane wusste es in diesem Augenblick noch nicht, aber es war eine glatte Abfuhr. Markovich hatte nicht die Absicht, mit ihrem Agenten zu reden. Er würde seiner Sekretärin unmissverständlich klarmachen, dass sie in hohem Bogen rausflog, wenn sie es wagte, den Anruf von Sammy Gould zu ihm durchzustellen.

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Zwei Wochen vergingen, dann meldete sich Sammy Gould.

»Hast du was bei Markovich erreicht?«, fragte Diane hoffnungsvoll.

»Leider nein«, antwortete ihr Agent. »Ich kann ihn einfach nicht erreichen.«

»Wie oft hast du’s schon versucht?«, wollte Diane wissen.

»Ich rufe jeden Tag an.«

»Der Bastard lässt sich verleugnen!«, fauchte Diane. »Der Teufel soll ihn holen!«

»Ich versuch’s weiter«, versprach Sammy Gould.

»Ich glaube nicht, dass das noch viel Sinn hat.«

»Steter Tropfen höhlt den Stein«, meinte Sammy.

Diane wischte sich mit einer fahrigen Bewegung über die Augen. »Die Rollen für >Ryker IV< sind inzwischen bestimmt schon alle besetzt.«

»HKM wird wieder einen Film machen.«

»Und er wird wieder nichts von mir wissen wollen«, sagte Diane niedergeschlagen, und sie fand, dass das Geld, das sie von Alex Payne bekommen hatte, um eventuell ein bisschen nett zu Hyram K. Markovich zu sein, wie er es nonchalant formuliert hatte, die Schweinereien nicht aufwog, die HKM von ihr verlangt hatte. »Der Teufel soll diese miese Kreatur holen!«

»Warum bist du so verbittert?«, fragte Sammy.

»Ich habe meine Gründe. Triftige Gründe.«

»Du weißt, dass das Filmgeschäft hart ist. Wer in dieser Branche Karriere machen will, braucht nicht nur Talent, sondern auch sehr viel Geduld, Kraft zum Durchhalten, eine dicke Haut, ungeheuer viel Glück und einen Agenten wie Sammy Gould.«

»Ach Sammy.«

»Ich klingle bei dir nicht mit leeren Händen, Kleines«, sagte der Agent.

»Du hast etwas für mich?«

»Leider keine Hauptrolle in einem Film mit Richard Gere, aber immerhin einen gutbezahlten Model-Job«, antwortete Sammy. »Hast du was zum Schreiben bei der Hand?«

»Augenblick.« Diane holte Papier und Kugelschreiber, nahm den Hörer auf und sagte: »Bin wieder da.«

Sammy nannte ihr Namen und Adresse eines Fotostudios. »Man sucht hübsche, natürliche Mädchen mit ’ner Traumfigur«, erklärte er. »Und da habe ich natürlich sofort an dich gedacht.«

»Du bist ein Schatz, Sammy.« Diane schmatzte einen Kuss ins Telefon.

»Frag nach Jerry Hogan«, empfahl ihr der Agent und legte auf.

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Jerry Hogan war ein Chaot, der ständig irgendetwas suchte: den Bleistift, der hinter seinem Ohr klemmte, die Brille, die auf seiner Nase saß, den Kaffee, den er bereits getrunken hatte. Er zündete sich eine Zigarette an, obwohl er die beiden, die am Aschenbecherrand leise vor sich hin qualmten, noch nicht geraucht hatte, war schrecklich vergesslich, wusste schon nicht mehr, dass er mit Sammy Gould telefoniert hatte, hatte aber glücklicherweise Verwendung für Diane. Es hätte ja auch sein können, dass er sich bereits für ein anderes Girl entschieden hatte. Er fragte Diane dreimal nach ihrem Namen, merkte ihn sich nicht und nannte sie von da an nur noch Süße, Schätzchen oder Baby.

Das Studio sollte im Auftrag einer bekannten Schmiermittelfirma Fotos mit scharfen Mädchen auf heißen Öfen aus Japan, dem Land der aufgehenden Sonne, für einen von Männern begehrten Jahreskalender anfertigen.

Frank Keegan, der Fotograf, war ein stiller, introvertierter Linsen-Künstler, mit dem sich Diane auf Anhieb bestens verstand. Sie posierte auf Suzukis, Kawasakis und Hondas. Viel Chrom. Viel Fleisch. Kaltes Metall. Heißer Sex. Mal saß Diane im knappen Tanga im Sattel, mal war sie ein kokettes Lambada Girl, dann ein verführerischer Engel in tollen Dessous oder eine verruchte Rockerbraut in strengem schwarzem Leder. Sie war sehr wandlungsfähig, konnte die kindlich Naive ebenso glaubhaft spielen wie den männerkillenden Vamp. Ihre Schminkkünste reichten vom braven Mädchen bis zur Femme fatale. Sie beherrschte den sinnlichen Blick genauso wie den sehnsüchtigen, den traurigen oder den herausfordernden, und sie konnte ganz schnell ihre Frisur ändern.

Der Fotograf war mit ihr äußerst zufrieden.

Er musste das wohl auch Jerry Hogan gesagt haben, denn als Diane am zweiten Tag nach Hause ging, rief ihr Jerry nach: »Schätzchen, warte!«

Sie drehte sich an der Tür um. »Ist noch was?«

»Ich möchte dir etwas sagen.«

Diane zuckte die Achseln. »Schieß los!«

»Du bist das beste Model, das wir je hatten«, erklärte Jerry.

»Oh, vielen Dank.«

»Wir sind mit dir sehr zufrieden.«

»Das freut mich.«

»Frank hat noch nie bessere Fotos gemacht. Er sagt, das sei vor allem dein Verdienst, man könne wunderbar mit dir arbeiten. Du bist intelligent. Man braucht dir nicht viel zu erklären. Du begreifst schnell, kannst dich auf jede Situation einstellen.«

Diane wunderte sich, dass er das alles behalten konnte, wo er doch so schrecklich vergesslich war. Sie lächelte hintergründig. »Man kriegt von mir, was man verlangt und wofür man mich bezahlt.«

Jerry nickte. »Du bist ein echter Profi. Was hältst du davon, heute Abend mit mir essen zu gehen?«

»Keine schlechte Idee.«

»Gut. Ich hole dich um zwanzig Uhr ab.«

»Weißt du denn noch, wo ich wohne?«

»Deine Adresse muss irgendwo auf meinem Schreibtisch liegen.«

»Und wirst du auch sicher nicht vergessen, dass du dich mit mir verabredet hast?«

Er grinste. »Nein, das kann ich unmöglich vergessen. Zwanzig Uhr!«, wiederholte er.

Er kam um 19.30 Uhr und wunderte sich, dass Diane noch nicht fertig war.

»Hatte ich nicht halb acht gesagt?«, fragte er unsicher und kratzte sich hinterm Ohr.

»Zwanzig Uhr hast du gesagt«, erwiderte Diane. »Zweimal.«

»Ist ja egal. Hauptsache, ich bin hier.« Ihm gefiel ihre eigenwillige Wohnung. Sie sagte, er solle sich einen Drink nehmen, und zog sich mit ihrem Kleid ins Bad zurück, weil das der einzige Raum war, der Wände hatte.

Jerry trug einen flaschengrünen Samtanzug. Sehr elegant. Die Augen hinter den Brillengläsern funkelten tatendurstig. Wenn er es nicht vergaß, würde er bestimmt mit ihr ins Bett gehen wollen. Diane hatte nichts dagegen. Sie würde es ihm umsonst machen, weil es nicht schaden konnte, ihn zum Freund zu haben.

Als sie aus dem Bad kam, stieß er einen bewundernden Pfiff aus. »Donnerwetter! Ich hab’ nicht gewusst, dass ich eine Verabredung mit Aphrodite habe. Darf ich dich was fragen, Baby? Was hältst du von mir?«

»Ich finde dich sehr nett«, antwortete Diane ehrlich. »Sonst würde ich nicht mit dir ausgehen.«

»Bin ich in deinen Augen kein Idiot, der seinen Kopf vergessen würde, wenn er nicht angewachsen wäre?«

»Ich finde deine Zerstreutheit, die manchmal beinahe zu Hilflosigkeit eskaliert, irgendwie liebenswert. Man hat den Wunsch, dir zu helfen. Du wirkst dadurch ungemein menschlich, musst einem einfach sympathisch sein.«

Jerry lächelte. »Ich wecke mit meiner hilflosen Art deinen Mutterinstinkt, wie?«

»Könnte man sagen.«

»Bist du fertig? Können wir gehen?«

»Jederzeit.«

Jerry schnippte mit dem Finger. »Oh, ich hab’ vergessen, mir einen Drink zu nehmen. Macht nichts. Wir nehmen im Restaurant zusammen einen wunderschönen Aperitif. Für welches Restaurant haben wir uns eigentlich entschieden?«

»Für keines noch.«

Jerry massierte nachdenklich seine Nase. »Komisch. Mir war, als hätte ich bereits irgendwo einen Tisch bestellt. Na ja, ist nicht so wichtig. Die werden schon sehen, wenn wir nicht kommen.«

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6

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Das Essen war ausgezeichnet gewesen. Jerry ließ sich zur vorläufigen Krönung des Abends eine dicke Havannazigarre bringen und paffte genüsslich. Er erzählte von sich, hatte hart gearbeitet, um sich einen Namen zu machen. Dabei war seine Ehe auf der Strecke geblieben.

»Es kam zu oft vor, dass ich zweiundsiebzig Stunden und länger im Studio war«, sagte Jerry. »Yolanda, meine Frau, meinte, sie hätte schon gar nicht mehr das Gefühl, verheiratet zu sein, und verlangte die Scheidung. Ich machte ihr keine Schwierigkeiten. Ehrlich gesagt, ich vermisste sie hinterher nicht einmal. Sie lebt jetzt mit den Kindern in Oregon auf einer Farm und ist angeblich so glücklich, wie sie’s mit mir nie war.«

»Mit den Kindern?«, fragte Diane.

»Habe ich die Zwillinge zu erwähnen vergessen?« Er holte seine Brieftasche heraus und zeigte Fotos von zwei süßen, etwa dreijährigen Mädchen, die ihm entfernt ähnlich sahen. »Yolandas zweiter Mann liebt sie, als wären sie seine eigenen Kinder. Sie haben endlich einen Daddy, der sich um sie kümmert. Ich hatte ja nie Zeit für sie.«

»Warum arbeitest du so viel? Bist du ein Workaholic? Kannst du ohne Stress nicht mehr sein?«

»Wenn man einmal in der Tretmühle drin ist, kommt man nur sehr schwer wieder raus.«

»Du könntest kürzertreten«, meinte Diane.

Jerry schüttelte den Kopf. »Das würde sich nachteilig auf das Studio auswirken. Ein gutes Dutzend Menschen hat durch mich Arbeit. Ich darf sie nicht im Stich lassen. Sie brauchen mich.«

»Und was ist, wenn du, weil du dich kaputtgemacht hast, überhaupt nicht mehr arbeiten kannst?«, fragte Diane. »Muss es erst soweit kommen? Viele Menschen, die sich für unentbehrlich hielten, haben nach ihrem ersten Herzinfarkt ihr Leben total umgestellt. Da war auf einmal das, was jahrzehntelang unmöglich schien, möglich. Musst du erst eins mit dem Holzhammer auf den Kopf kriegen, um vernünftig zu werden? «

Er sagte lächelnd, er würde darüber nachdenken, aber sie wusste, dass er das nicht tun würde. Vielleicht hatte er es im Moment wirklich ernsthaft vor, aber es würde garantiert schon im nächsten Augenblick seiner chaotischen Vergesslichkeit anheimfallen. Es hatte wohl keinen Sinn, ihn bekehren zu wollen. Er konnte nicht anders leben.

»Weißt du, was mich wundert?«, sagte Diane. »Dass trotz aller Konfusion, die du tagtäglich im Studio verbreitest, noch eine konstruktive Arbeit möglich ist.«

Jerry grinste stolz. »Man merkt es nicht: In meinem Chaos steckt System. Aber nur ich habe den totalen Durchblick.«

Diane nickte. »Ja, das glaube ich dir aufs Wort.«

Die Arbeit für Jerry war für eine Woche angesetzt. Er griff nach Dianes Hand. »Ich hätte eventuell noch einen Folge-Job für dich, Süße.«

»Was denn?«, erkundigte sich Diane.

»Modeaufnahmen. Wird recht gut bezahlt. Bist du interessiert?«

»Selbstverständlich.«

»Gut, dann lasse uns in meine Wohnung fahren und über die Details reden.«

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7

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Die »Details« sahen dann wie gehabt aus. Diane erschlief sich den Auftrag mit Bravour. Kein Wunsch blieb offen. Jerry bekam, was er wollte, in ausreichendem Maße. Diane bediente ihn mit einer Perfektion, die ihn so sehr beeindruckte, dass er eine Weile sprachlos war.

»Oh Mädchen, war das phantastisch!«, sagte er begeistert. »Es war sensationell, war unbeschreiblich, war ... Mir fehlen einfach die Worte. Ich hatte noch nie so guten Sex. Wo hast du das gelernt? Wer hat dir diese raffinierten Feinheiten beigebracht?«

Sie lag nackt neben ihm – ihre Körper waren noch erhitzt vom Liebemachen – und lächelte in die Dunkelheit seines Schlafzimmers. Was hätte sie antworten sollen? Dass es ihr angeboren war? Immerhin war ihre Mutter mal eine begehrte Hure gewesen, und dieses Erbgut kreiste wahrscheinlich ziemlich konzentriert in ihren Adern. Sie hätte auch sagen könne, dass Übung einfach den Meister macht. Immerhin hatte sie schon mit so vielen Männern geschlafen, dass sie nicht mehr wusste, wie viele es eigentlich gewesen waren. Da lernt man zwangsläufig von jedem irgendetwas dazu. Und die ganze so erworbene Erfahrung kommt dann dem jeweils nächsten Glücklichen zugute.

Diane sagte nichts. Sie genoss einfach stumm Jerrys überschwängliche Begeisterung, und sie war sicher, dass er diese Nacht mit ihr nicht so bald vergessen würde.

Er konnte sich tatsächlich am nächsten Morgen noch ganz genau an sämtliche lustvollen, wonnespendenden Einzelheiten erinnern, und er wollte unbedingt mehr davon haben, deshalb versuchte er sie nach dem Frühstück gleich wieder ins Bett zu ziehen, doch sie sträubte sich.

»Jerry, sei vernünftig!«, bat sie. »Das geht nicht.«

»Warum nicht?«, fragte er achselzuckend.

»Ich habe einen Job. Ich muss ins Studio. Ich bin zuverlässig.«

Jerry küsste sie gierig und streichelte ihre festen Brüste. »Bestehst du denn nur aus Vorzügen, Schätzchen?«

»Frank wartet auf mich.«

»He, ich bin dein Chef, und wenn ich dir erlaube hierzubleiben, geht das in Ordnung, klar? Frank wird inzwischen Schreibsets fotografieren. Also komm schon, Süße, zier dich nicht so!«

Diane wehrte ihn weiter ab, so gut es ging. »Ruf Frank wenigstens kurz an, damit er Bescheid weiß.«

»Also gut«, gab er nach, »damit dein Gewissen dich in Ruhe lässt. Aber danach möchte ich es mit dir noch mal so wunderschön haben wie letzte Nacht.« Er gab ihr einen Klaps auf den Po. »Los! Ab mit dir ins Heiabettchen, Baby!« Dann rief er das Studio an und verlangte Frank. »Frank? Hier ist Jerry. Hör zu, Junge, Diane kommt erst in zwei Stunden ... Nein, sie ist nicht krank. Sie ist bei mir, und ich hab’ mit ihr noch etwas ungeheuer Wichtiges zu besprechen ... Wie? Ja, genau. Das wollte ich dir vorschlagen. Also, du weißt Bescheid.« Er legte auf.

Diane hatte sich inzwischen ausgezogen und aufs Bett gelegt.

Jerry trat durch die Tür, starrte sie lüstern an, kratzte sich grinsend an der Schläfe und sagte: »Was wollte ich nach dem Telefonat tun? Hilf mir! Ich hab’s vergessen.«

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Sammy Gould war zwar für seine Beharrlichkeit bekannt, aber als er nach drei Monaten noch immer nichts bei Hyram K. Markovich für Diane erreicht hatte, gab er auf. Er bemühte sich, sie als naive Blonde in eine geplante Seifenoper reinzudrücken, aber der Regisseur war mit den Probeaufnahmen nicht zufrieden er fand, dass Diane nicht ins Team passte, und ihr gelang es nicht einmal in ihrem Bett, ihn vom Gegenteil zu überzeugen, obwohl sie sich die allergrößte Mühe gab und sämtliche Register zog.

Fehlinvestition. Aber Diane hatte nicht viel verloren. Nur die Bucks, die sie kassiert hätte, wenn sie den Regisseur als Kunden empfangen hätte.

Der Spinner rief immer noch an, seine Sprüche wurden ordinärer und obszöner, und Diane hörte ganz genau, was er dabei machte.

Sie fühlte sich von ihm beobachtet und verfolgt, aber sie sah ihn nie. Er sprayte nachts ein rotes Herz an ihre Wohnungstür, und er kündigte heiser vor Erregung an, dass er bald zu ihr kommen würde, wobei er genüsslich all die widerlichen Einzelheiten aufzählte, die er dann mit ihr tun würde, während er seinen Revolver an ihre Stirn drückte, damit es ihr nicht in den Sinn kam, um Hilfe zu schreien.

Stella riet Diane wieder, zur Polizei zu gehen. Man wollte Dianes Telefon überwachen, aber da sie auch als Callgirl arbeitete und die Namen ihrer Kunden unter ihren persönlichen Datenschutz fielen, konnte sie das nicht gestatten. Man war enttäuscht über ihre mangelnde Kooperationsbereitschaft. Sie erfuhr, dass sie nicht die einzige war, der der Geistesgestörte mit seinen beharrlichen obszönen Anrufen den Nerv tötete, und man hatte angeblich auch schon einen Verdacht.

»Der Kreis wird täglich enger«, sagte der Beamte, mit dem Diane sprach. Ein vierschrötiger Mann mit kantigem Gesicht und nüchternem Blick. »Wenn wir Glück haben, können wir die Falle schon bald zuschnappen lassen.«

»Vorsicht, wenn ihr ihn kascht!«, warnte Diane. »Er hat einen Revolver. Und er hasst Bullen ... Entschuldigung. Aber das hat er gesagt.«

Der Beamte bedankte sich für diesen wichtigen Hinweis, und Diane ging.

Drei Stunden später meldete sich der Spinner wieder. »Du warst bei den Bullen, hast mich verpfiffen, du Schlampe!«, schrie er wutschäumend.

»Hör mal ...«

»Leugnen ist zwecklos! Ich weiß es!«, brüllte der Mann. »Verdammt, ich hätte Lust, dich kaltzumachen! Flittchen! Luder! Drecksweib! Hure! Jetzt bist du dran, Baby! Deine Schonzeit ist um! Du wirst keinen Schritt mehr ohne mich tun! Ich werde immer und überall hinter dir sein! Und irgendwann, wenn du überhaupt nicht damit rechnest, wenn du dich absolut sicher fühlst, werde ich über dich herfallen, dir die Kleider vom Leib reißen und ...« Ein perverser Wortschwall folgte. War es noch ratsam, allein aus dem Haus zu gehen? Die Stimme des Mannes wurde immer lauter und schriller. Wie ernst war das, was er sagte, zu nehmen? Todernst? »... und dann, dann, dann ...«  Die Aufregung ließ ihn stottern. »... dann, wenn ich all das mit dir getrieben habe, wenn ich mit dir fertig bin, leg’ ich dich um, Baby!« Plötzlich fluchte er.

Poltern. Der Mann schien den Hörer losgelassen zu haben. Stimmen. Scharf, hart.

»Polizei!«

»Hände über den Kopf!«

»Halt!«

»Bleiben Sie stehen! «

»Lassen Sie die Waffe fallen!«

Schüsse. Ein markerschütternder Schrei. Diane zuckte unwillkürlich zusammen. Sie konnte sich die Szene vorstellen, sah Blut vor ihrem geistigen Auge und begann am ganzen Leib zu zittern. Ihr Herz klopfte wie verrückt. Schritte. Rufe. Wieder vernahm Diane ein Poltern. Jemand nahm den Telefonhörer auf.

»Hallo!« Eine fremde, raue Stimme. Bestimmt die Stimme eines Polizisten. Er fragte sie nach ihrem Namen.

Sie antwortete nicht.

»Hallo!«

»Ist er tot?«, hörte sich Diane fragen.

»Ich glaube, ja. Er hat das Feuer auf uns eröffnet.«

»Hat er jemanden verletzt?«

»Nein. Würden Sie jetzt bitte Ihren Namen nennen.«