Tied To Rage

Tied To Rage

The Moretti Family 1

Mia Kingsley

Dark Romance

Inhalt

Tied To Rage (The Moretti Family 1)

Vorspiel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Über Mia Kingsley

Tied To Rage (The Moretti Family 1)

Nachdem meine Mutter sich im Urlaub Hals über Kopf verliebt und geheiratet hat, möchte ihr neuer Mann Don Moretti, dass wir zu ihm ziehen.

Mum findet die Idee klasse und kann im Gegensatz zu mir großzügig darüber hinwegsehen, dass Don früher der gefährlichste Gangsterboss der Westküste war.

Warum »war«? Weil sein Sohn die Geschäfte übernommen hat – Quentin Moretti, mein neuer, attraktiver und übermäßig tätowierter Stiefbruder.

Dabei ist er eigentlich gar nicht sexy, wirkt nicht anziehend auf mich und ist überhaupt nicht mein Typ.

Wie oft muss ich mir das wohl noch sagen, damit ich es selbst glaube?


Durchsetzungsfähige Männer, in deren Jobbeschreibung das Wort »Mafia« vorkommt. Frauen, die keine Lust haben, sich sagen zu lassen, was sie zu tun haben.

Rohe Gewalt. Schmutziger Sex. Wilde Emotionen. Zuckersüße Happy Ends.

Die neue Dark-Romance-Serie von Mia Kingsley. Alle Teile in sich abgeschlossen und durch wiederkehrende Figuren verbunden.

Vorspiel

Obwohl ich mitbekam, dass Sage mich anstieß, um mir ein Bier zu geben, konnte ich meinen Blick nicht von der Tanzfläche lösen.

Was zur verfickten Hölle machte sie da?

Sie musste doch wissen, dass sie in meinem Klub war. Oder?

Ich starrte sie an und beobachtete, wie sie lachte, ihre Hüften kreisen ließ und sich danach mit ihrer Freundin an die Bar stellte. Kurz darauf schob Tony, der Barkeeper, zwei Cocktails in ihre Richtung.

In welcher Welt waren ihr Körper in diesem Kleid, ein voller Klub und viel zu viel Alkohol eine gute Idee? Was dachte sie sich nur dabei?

»Hey, ist das nicht deine Schwester

»Halt’s Maul, Sage«, knurrte ich.

Er lachte nur und beugte sich weiter über die Brüstung. »Hm«, machte er genießerisch. »Wer ist die kleine Rothaarige daneben

»Denk nicht einmal daran«, warnte ich ihn. »Sie gehört zu Bonnies Familie

»Krieg dich wieder ein, Kumpel. Zur Familie – dass ich nicht lache. Du führst dich nur auf, weil du scharf auf sie bist und weißt, wie schmutzig und falsch das ist

Ich richtete mich auf und verschränkte die Arme. »Wirst du jemals lernen, wann du die Klappe halten musst

»Nein

Bisher hatte ich noch nicht einen Schluck Bier getrunken, dabei hatte ich mich so darauf gefreut, mal einen Abend lang nicht den Boss zu spielen, sondern zu genießen, dass ich meinen eigenen Nachtklub besaß. Die VIP-Lounge war mit schönen Frauen gefüllt, doch ich hatte nur Augen für die eine, die ich eigentlich nicht einmal auf diese Weise ansehen sollte.

Ich wandte mich ab, da ich sie mir endlich aus dem Kopf schlagen musste.

»Quentin«, sagte Sage und sein scharfer Tonfall irritierte mich.

»Was

»Entweder du gehst nach unten und rufst deine Schwester und ihre Freundin zur Ordnung, oder ich tue es

»Stiefschwester«, korrigierte ich ihn automatisch. Mit einem beklommenen Gefühl folgte ich seinem Blick und traute meinen Augen kaum, als ich sah, wie die beiden Ladys miteinander tanzten.

Aber nicht nur Sage und ich sahen es. Jeder verdammte anwesende Mann hatte sie zur Kenntnis genommen.

Offenbar hatte ich meine kleine Schwester unterschätzt. Sie war keine langweilige Streberin, die nicht wusste, was sie tat, und sich lediglich von ihrer Freundin hatte überreden lassen, hierherzukommen.

Sie war ein Luder, das darauf aus war, heute noch flachgelegt zu werden.

Sage war schon auf dem Weg nach unten, weil zwei Typen die Fährte aufgenommen hatten und sich den beiden näherten.

Die ganze Zeit hatte ich versucht, die schmutzigen Gedanken zu verdrängen. Die Gefühle zu unterdrücken, die sie in mir auslöste. Doch ich wollte mich nicht länger zurückhalten. Wenn sie in meinen Klub kam, vor meiner Nase in diesem Kleid tanzte und dachte, sie würde damit davonkommen, hatte sie sich gewaltig geirrt.

Es war an der Zeit, die Regeln zu etablieren, und die erste lautete: Bonnie gehörte mir.

Kapitel 1

Bonnie


»Und dann?«, wollte Wynter wissen.

Ich rollte mit den Augen, beugte mich vor und fischte ein weiteres meiner Höschen aus dem Wäschetrockner, um es zusammenzufalten. »Nichts mit und dann. Du weißt, dass ich in seiner Gegenwart nicht einen geraden Satz herausbekomme. Ich habe dümmlich gegrinst, bin vermutlich knallrot angelaufen und stand angewurzelt da, bis er wieder zu seinen Freunden gegangen ist

Wynter stöhnte. »Ein einziges Mal bin ich krank und du wirst direkt vom Quarterback angeflirtet. Das ist so unfair. Ich hätte dich in seine Richtung geschubst, damit er dich auffangen muss. Und wenn er schon dabei ist, hätte er dich auch gleich küssen können

Mein Lachen klang, als würde ich versuchen, mit der Nase Blockflöte zu spielen, weil es sich mit einem Schnauben mischte. »Ich will den Quarterback aber gar nicht. Wahrscheinlich wollte er mich ohnehin nur nach deiner Nummer fragen

Als ich den Schlüssel im Türschloss hörte, verabschiedete ich mich von meiner besten Freundin. »Ich muss aufhören. Mum ist zurück und will mir bestimmt alles über ihren Urlaub erzählen

»Meinst du, sie hat gemerkt, dass du ihre Kreditkarten gesperrt hast

»Nein, sonst hätte sie sich längst beschwert.« Ich klemmte den Telefonhörer zwischen Wange und Schulter, nahm das Haarband von meinem Handgelenk und bändigte meine Mähne zu einem hohen Knoten am Hinterkopf. »Es ist ja nur zu ihrem Besten

»Und damit du weiterhin die Rechnung bezahlen kannst. Im Ernst, Bonnie, du bist zu jung, um so alt zu sein

»Am liebsten hätte ich sie nach Cabo begleitet, damit ich die ganze Zeit ein Auge auf sie haben kann, aber dann hätte ich die ganzen Kurse verpasst.« Ich seufzte.

Wynter schnalzte mit der Zunge. »Du brauchst dringend einen Freund, der sich ausnahmsweise mal um dich kümmert und dich vergessen lässt, dass deine Mum … sehr speziell ist

»Das sagt die Richtige. Wie kommt es denn, dass ich dich noch nie mit einem Mann gesehen habe

»Äh, huch, du wolltest aufhören, zu telefonieren. Bis morgen. Hab dich lieb.« Damit beendete sie das Gespräch und drückte sich vor der Antwort – wie immer bei diesem Thema.

»Darling

Ich horchte auf, denn ich kannte meine Mutter gut genug, um zu wissen, dass sie nur so zwitscherte, wenn es unangenehme Neuigkeiten gab. Für einen kurzen Moment schloss ich die Augen und fragte mich, was es wohl dieses Mal war.

»In der Waschküche, Mum

Sie kam herein und sah zu mir herunter, denn ich kauerte noch immer vor dem Wäschekorb. Hinter ihr kam ein Mann herein. Der Raum war für eine Person bereits zu klein. Mit diesem Schrank von Kerl im Türrahmen litt ich unter akuter Platzangst.

Wer war der Typ und warum brachte meine Mutter ihn mit in unser Haus? Ich beäugte den maßgeschneiderten Anzug, den teuren Haarschnitt und die noch teurere Uhr. Seine Nase musste irgendwann einmal gebrochen gewesen sein, über der rechten Augenbraue hatte er eine weitere Narbe, und seine Ausstrahlung schrie nach Macht, Geld und Gewalt. Nicht gerade die Kombination, die ich in meinem Haus haben wollte. Oder im Haus meiner Mutter, verbesserte ich mich in Gedanken. Ach, wem machte ich etwas vor? Es gab nur eine Erziehungsberechtigte und die war ich.

Hatte sie sich in Mexiko Geld geliehen? Bei einem Kredithai? War der Kerl hier, um ihre Schulden einzutreiben?

Meine Kehle schnürte sich zu, und mir wurde kalt, obwohl es draußen sommerlich heiß war. Ich entspannte mich erst wieder, als ich bemerkte, dass meine Mutter keine Anzeichen von Stress oder Angst zeigte.

Ganz im Gegenteil: Sie wirkte beinahe zufrieden.

Sein Blick wanderte über mich und blieb an dem Wäschekorb hängen, in dem sich meine bunte Unterwäsche stapelte. Nur mit Mühe schaffte ich es, nicht knallrot zu werden.

»Bonnie, das ist Don

»Hallo, Don«, gab ich zurück, da ich einfach zu überrascht war, um irgendetwas anderes zu sagen.

»Don und ich haben geheiratet

Bitte?

»Bitte?« Fassungslos starrte ich meine Mutter an. »In Cabo

»Ja. Und Don möchte, dass wir zu ihm ziehen. Ist das nicht großartig

Wie zur Bestätigung legte der Typ den Arm um sie, lehnte sich zu ihr und drückte einen Kuss auf ihre Wange.

Ich wollte aufspringen, sie rütteln und fragen, ob sie eigentlich ihren Verstand verloren hatte. Doch ich sah das Glück in ihren Augen, die Zufriedenheit auf ihrem Gesicht – zumindest in diesem Moment war meine Mum sicher, das Richtige getan zu haben. Sollte ich mit meinen zwanzig Jahren jetzt die Spielverderberin sein?

Es würde ihr das Herz brechen, wenn ich sie nun zurück auf den Boden der Tatsachen holte.

»Boss? Wohin mit den Sachen

Endlich stand ich auf und spähte über Dons Schulter. Ein weiterer Typ im Anzug hatte unsere Couchkissen in der Hand.

Der neue Ehemann meiner Mutter drehte sich um. »Bringt erst mal alles zu dem Lkw, wir sortieren später aus

Offenbar war es für Vernunft bereits zu spät. Wir würden umziehen, egal, welche Argumente ich jetzt vorbrachte.

Ich rang mir ein Lächeln ab. »Das ist ja toll, Mum

Sie breitete die Arme aus und ich ließ mich bereitwillig drücken. Dabei hätte ich am liebsten geheult, weil ich genau wusste, dass ich diejenige sein würde, die in ein paar Wochen die Scherben aufsammeln musste.

Bald würden die Schmetterlinge verschwinden und meine Mutter von der Realität eingeholt werden. Vielleicht konnte ich sie überreden, allein hier wohnen zu bleiben – dann gab es wenigstens einen Rückzugsort für sie, wenn ihre Beziehung dem Ende entgegenging.

»Don, kann ich vielleicht ein paar Sekunden allein mit meiner Mutter reden

»Aber natürlich, Bonnie. Ich freue mich übrigens, dich kennenzulernen.« Er hielt mir die Hand hin und ich schüttelte sie.

Gott, er hatte riesige Pranken, die vermutlich groß genug waren, mir ohne Mühe das Genick zu brechen. Ich unterdrückte ein Schaudern.

Nachdem er uns allein gelassen hatte, legte ich die Hand auf ihre Schulter und räusperte mich. Mum war sensibel – ich musste sanft mit ihr sein. »Meinst du, dass es die beste Idee ist, gleich zu ihm zu ziehen

»Keine Sorge. Er weiß alles.« Mum legte ihre Finger auf meine und drückte sie aufmunternd.

»Was weiß er

»Ich habe ihm erzählt, wie oft ich schon verheiratet war und dass wir uns die Miete kaum leisten können. Glaub mir, Schatz, für uns wird alles besser, wenn wir zu ihm ziehen. Außerdem kann er uns dann beschützen

Mein Magen machte einen Satz. Ich sah zurück in den Flur, wo immer mehr Kerle unseren gesamten Hausrat nach draußen schleppten. Es war zugegebenermaßen nicht viel, trotzdem gehörten die Sachen uns, und es machte mich nervös, nicht zu wissen, wo sie damit hinwollten.

»Beschützen? Vor wem

Mum warf einen Blick über ihre Schulter und beugte sich nah zu mir, bis sie an meinem Ohr flüstern konnte: »Vor Dons Feinden. Er ist … Also er war … Ach, Bonnie, ich weiß gar nicht, wie ich es sagen soll

Es polterte im Flur, und ich sah, wie einer der Typen im Anzug sich bückte, um aufzuheben, was auch immer ihm hinuntergefallen war. Sein Jackett glitt zur Seite und enthüllte ein Holster samt Waffe.

»Ein Gangster?«, wisperte ich erbost zurück. »Bitte, Mum, sag mir, dass du keinen Gangster geheiratet hast

»Er ist sozusagen in Rente. Sein Sohn hat die Geschäfte übernommen. Können wir nicht darüber hinwegsehen? Ich meine, er war immerhin direkt ehrlich zu mir

Ich wusste nicht einmal, was ich dazu sagen sollte. Meine Mutter hatte einen Gangster geheiratet, wahrscheinlich sogar den König aller Gangster, wenn ich mir so anschaute, wie viele seiner Gefolgsleute durch unser kleines Haus liefen.

»Du kannst nicht ernsthaft erwarten, dass ich zu einem Kriminellen ziehe

Mum wirkte verletzt und hob hilflos die Achseln. »Du gehst aufs College und wir haben kein Geld, da kann ich dich wohl kaum alleine wohnen lassen

Ich spürte, wie das Zucken in meinem rechten Lid zurückkam. Ein Phänomen seit meinem siebten Lebensjahr, denn damals hatte ich angefangen, das Chaos zu beseitigen, das meine wohlmeinende Mutter alle paar Monate über uns brachte.

»Gib ihm bitte eine Chance, Bonnie. Ich mag Don wirklich sehr.« In ihren Augen standen Tränen und sofort fühlte ich mich wie der letzte Unmensch.

Don tauchte in der Tür auf und betrachtete Mum prüfend. Sie legte noch die zitternde Unterlippe drauf und sofort wendete der Gangsterboss mir seine Aufmerksamkeit zu. »Ist hier alles in Ordnung

Sie bettelte mich mit ihrem Blick an, und ich spürte, wie mein Widerstand schmolz. Vielleicht würde sie dieses Mal tatsächlich glücklich werden – wer war ich, ihr dabei im Weg zu stehen?

»Natürlich.« Ich zwang mich zu einem Lächeln. »Am besten, ich packe ein paar meiner Sachen, nicht wahr

Ein charmantes Lächeln erhellte Dons Gesicht. »Das wäre wundervoll, Bonnie. Ich darf doch Bonnie sagen

»Selbstverständlich. Aber ich hoffe, ich muss dich nicht ›Dad‹ nennen

Er lachte. »Nein

»Gut. Ich bin dann in meinem Zimmer

Am liebsten hätte ich laut geschrien. Im Geiste suchte ich schon die richtigen Worte, um Wynter morgen zu erzählen, wie es zu dem spontanen Umzug gekommen war, nachdem ich die Wäsche gefaltet hatte.

Herrje! Die Wäsche.

Ich fuhr herum und sah gerade noch, wie einer der Kerle den Korb nach draußen trug. Da ging sie hin, meine Unterwäsche.

Zwei Sekunden zögerte ich, bevor ich ihm hinterherlief. »Entschuldigung? Entschuldigung? Das brauche ich. Danke

Ich nahm ihm den Korb ab und trug ihn in mein Zimmer. Wenn ich die Tür abschloss, wie lange konnte ich wohl vorgeben, dass gar nichts Ungewöhnliches passiert war?

Kapitel 2

Quentin


Verdammte Goldgräber! Ich tarnte meinen bösen Gedanken mit einem höflichen Lächeln, als ich der neuen Frau meines Dads die Hand reichte.

Nicht eine Sekunde lang konnte ich meinen Vater aus den Augen lassen. Es war zum Verrücktwerden. Während ich mich um die Geschäfte gekümmert hatte, war Dad mit einigen Freunden nach Cabo geflogen. So weit, so gut und eigentlich nicht sonderlich ungewöhnlich.

Doch statt wie sonst Unmengen von Cocktails zu trinken, hatte er sich dieses Mal selbst übertroffen, indem er geheiratet hatte. Hoffentlich erwartete er nicht, dass ich die Lady »Mum« nannte. Aus dem Alter war ich wohl raus.

Außerdem war ich fest entschlossen, ihr das Leben zur Hölle zu machen und sie so schnell wie möglich loszuwerden. Allerdings musste ich dabei aufpassen, denn Dad schien wild entschlossen zu sein, die große glückliche Familie zu spielen.

Deshalb war die Goldgräberin samt ihrer Tochter bei uns eingezogen. Ich hatte nicht nur eine neue Mami, sondern gleich auch noch eine Stiefschwester bekommen. War ich nicht ein verdammter Glückspilz?

Ich bemerkte den fragenden Blick meines Vaters, als ich mir den zweiten Drink eingoss, obwohl ich erst seit zehn Minuten da war. Wie sollte ich sonst dieses Abendessen überstehen, bei dem wir uns alle kennenlernen sollten?

Zugegebenermaßen sah Gwen recht ansehnlich aus für ihr Alter, aber ich wusste, was sie vorhatte. Sie hatte meinen Vater sicher erkannt und sich gedacht, dass so ein Gangsterboss bestimmt viel Geld hatte – Geld, das ihr im Falle einer Scheidung gehören würde. Denn mein hormongesteuerter Dad, der sich ach so verliebt hatte, war dumm genug gewesen, auf einen Ehevertrag zu verzichten.

Ein weiteres Schlamassel, um das ich mich kümmern durfte. Wie wurde ich Gwen und ihre Tochter möglichst schnell wieder los?

»Bonnie, Liebling, da bist du ja«, zwitscherte Gwen und streckte die Arme aus.

Ich rollte mit den Augen, legte den Kopf in den Nacken und kippte meinen Drink hinunter. Als ich mich umdrehte, dachte ich für einen kurzen Moment, dass irgendetwas in meinem Glas gewesen sein musste. Anders konnte ich mir den Schlag, den Bonnies Anblick mir versetzte, nicht erklären.

Schneewittchen war eine hässliche Hexe im Vergleich zu ihr.

Ich wusste nicht, wie ihr Vater ausgesehen hatte, doch wenn ich die hellen Haare und braunen Augen ihrer Mutter betrachtete, kam Bonnie nicht nach ihr. Eine gewisse Ähnlichkeit mochte vorhanden sein, viel war es nicht.

Bonnie hatte dunkelbraune Haare und Augen in einem so hellen Grün, wie ich es noch nie gesehen hatte. Ihre Haut war blass, die sanft geschwungenen Lippen waren zartrosa und ungeschminkt. Sie trug eine enge Jeans, die sich an ihre Schenkel schmiegte, und einen weiten Pullover, der alles andere verbarg.

Ich erwischte mich bei der Frage, wie Schneewittchens Titten wohl aussahen, und blickte nachdenklich auf das Glas in meiner Hand.

Sie ist deine neue Schwester, Alter. Beherrsch dich.

Unwirsch stellte ich das Glas zur Seite. Es war vermutlich besser, wenn ich heute keinen Alkohol mehr trank.

»Hey, Mum. Don.« Sie nickte in Richtung meines Vaters und wandte sich dann zu mir.

Fuck. Ihre Stimme klang überhaupt nicht, wie ich es erwartet hatte, und drang direkt in meinen Schwanz. Bonnie wirkte zart und zerbrechlich, demnach hatte ich auf eine helle, zittrige Stimme spekuliert. Doch sie erinnerte mich eher an Bluessängerinnen der Zwanzigerjahre. Sie sprach laut und zögerte nicht, als würde sie mir beweisen müssen, dass sie vor nichts und niemandem Angst hatte.

Etwas flackerte in ihren Augen auf, während sie mich musterte, es verschwand jedoch so schnell, dass ich mir nicht sicher war, was es gewesen sein könnte. Nervosität?

Vielleicht.

Ich spielte mit dem Gedanken, zu ihr zu gehen und ihr die Hand zu geben. Wie sie wohl reagieren würde, wenn ich sie bedrängte?

Warum war die Idee so verlockend? Mein Vater und Gwen starrten uns an, warteten ganz offensichtlich auf das offizielle Kennenlernen.

Gerade als ich ihr meine Hand hinhalten wollte, zuckte sie knapp mit den Achseln. »Ich bin Bonnie, du wirst wohl Quentin sein. Können wir essen? Ich muss noch lernen

Wieder überraschte sie mich. Anscheinend gab es jemanden, dem das hier noch weniger gefiel als mir.

Als ich meiner neuen Familie zum Tisch folgte, ärgerte ich mich über die verpasste Gelegenheit. Warum hatte ich ihr nicht die Hand gegeben? Ich wollte sie anfassen, wissen, wie ihre Haut sich anfühlte und wie sie auf meine Berührung reagierte.

Junge! Geh zum Arzt. Sie ist jetzt deine Schwester, verdammt.