Butler Parker – 1 – Special Edition

Butler Parker
– 1–

Special Edition

Günter Dönges

Impressum:

Epub-Version © 2016 KELTER MEDIA GmbH & Co. KG, Sonninstraße 24 - 28, 20097 Hamburg. Geschäftsführer: Patrick Melchert

Originalausgabe: © KELTER MEDIA GmbH & Co.KG, Hamburg.

Internet: http://www.keltermedia.de

E-mail: info@kelter.de

Dargestellte Personen auf den Titelbildern stehen mit dem Roman in keinem Zusammenhang.

ISBN: 978-3-74092-287-0

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Parker spielt die Nullen aus

Roman von Günter Dönges

Josuah Parker sah auf den ersten Blick, daß die junge Frau sich ängstigte.

Sie befand sich auf dem Gehweg der gegenüberliegenden Straßenseite, wandte sich in immer kürzer werdenden Abständen um und wurde schneller. Sie versuchte zweimal ihr Glück mit einem vorbeifahrenden Taxi, doch die beiden Wagen waren besetzt. Die Fahrer reagierten nicht auf ihr Winken.

Sie mochte knapp zwanzig sein, war kaum mehr als mittelgroß und wirkte ein wenig füllig. Sie preßte ihre Handtasche fest an sich, überquerte hastig die Straße und hielt genau auf jenen Wagen zu, in dem der Butler am Steuer saß. Erwartete auf die Rückkehr seiner Herrin, die in einem nahegelegenen Fachgeschäft Butter, Eier und Käse einkaufte. Parkerwartete schon seit geraumer Zeit und ging davon aus, daß die ältere Dame ausgiebig probierte und um Mengenrabatte feilschte. Sie war eine ungemein sparsame Frau, die jede Chance nutzte, Geld zu sparen. Zwei Männer folgten der jungen Frau und überquerten ebenfalls die Straße.

Es handelte sich um recht handfest aussehende Typen, die sportliche Straßenkleidung trugen und keineswegs wie Kriminelle aussahen.

Die junge, verängstigte Frau hielt Parkers Wagen verständlicherweise für ein Taxi. Das Gefährt des Butlers war tatsächlich ein Taxi gewesen, machte jetzt aber einen mehr als betagten Eindruck. Die junge Frau übersah in ihrer Angst, daß das Schild fehlte.

Josuah Parker stieg aus und legte sich den eng zusammengerollten Regenschirm über den linken angewinkelten Unterarm. Er bot jetzt das Urbild eines englischen, hochherrschaftlichen Butlers. Er trug zum schwarzen Covercoat eine schwarze Melone und strahlte gemessene Würde aus.

»Taxi!« rief die junge Frau und wandte sich noch mal hastig zu ihren Verfolgern um. Dann passierte sie Parker, öffnete die hintere Wagentür und stieg ein.

Der Butler ließ dies ohne weiteres geschehen und machte keineswegs auf den Irrtum aufmerksam. Er wollte erst mal helfen, sich den Verfolgern zu entziehen. Fragen konnte man immer noch stellen.

Die beiden Männer wollten ebenfalls zusteigen, doch diesmal hatte der Butler etwas dagegen. Er schob sich vor die Wagentür und lüftete höflich die schwarze Melone.

»Die Herren haben es keineswegs mit einem öffentlichen Verkehrsmittel zu tun«, sagte er. »Es handelt sich um einen Privatwagen.«

»Halt die Klappe und fahr los!« erwiderte der schmalere der beiden Männer und beging den Fehler, Parker abdrängen zu wollen. Während er noch sprach, zielte er auf den Türgriff des Wagens.

Aus Zeitgründen verzichtete Parker auf eine klärende Diskussion. Er grüßte noch mal mit der schwarzen Melone und setzte dabei die Wölbung auf die Nase des Mannes.

Das Riechorgan war nicht in der Lage, der plötzlichen Belastung standzuhalten, und verformte sich. Dadurch wurden Tränenfluten ausgelöst, die dem Mann die Sicht raubten.

Der zweite Verfolger wollte durchaus profihaft reagieren und leitete eine typische Geste ein. Er hatte die Absicht, nach einer Waffe zu greifen, die sich in einer Schulterhalfter befinden mußte.

Er ließ es dann aber sein, als der Bambusgriff von Parkers Universal-Regenschirm seinen Unterkiefer traf. Der Butler hatte den angewinkelten Unterarm nur energisch gehoben und so den Griff zielsicher plaziert.

Da dieser Griff mit Blei ausgegossen war, erwies sich die Berührung als geradezu niederschmetternd. Der Mann ging in die Knie, klammerte sich an seinen Begleiter und zog ihn mit sich zu Boden.

Dies alles war sehr schnell vor sich gegangen und wurde von den Passanten so gut wie nicht zur Kenntnis genommen. Parker zeigte sich hilfreich und kümmerte sich um die beiden Männer, die eindeutig benommen waren. Er tat so, als hätte er die Absicht, ihnen zu helfen.

Dabei gab er seinen schwarz behandschuhten Fingern freien Lauf. Sie verschwanden blitzschnell unter den Jacketts der Verfolger und bargen je eine Schußwaffe. Brieftaschen waren leider nicht vorhanden.

»Falls meine Wenigkeit ein wenig zu spontan reagiert haben sollte, bittet man die Herren um Entschuldigung«, sagte Parker gemessen und überaus höflich. »Sie müssen allerdings einräumen, daß Sie durchaus provokant auftraten.«

Er wartete ihre Antwort nicht ab, setzte sich ohne Hast ans Steuer und fuhr davon. Im Rückspiegel nahm er zur Kenntnis, daß die beiden Männer sich langsam erhoben und davonstahlen. Mit diesem Resultat ihrer Verfolgung hatten sie sicher nicht gerechnet.

*

»Nur ruhig, meine Liebe«, sagte Lady Agatha etwa zehn Minuten später zu der jungen Frau, die neben ihr im Fond des Wagens saß. »Ihnen wird überhaupt nichts passieren. Sie befinden sich in meiner Obhut.«

Die Angesprochene hatte Mühe, ihr Beben unter Kontrolle zu bringen. Immer wieder schaute sie sich um und blickte durch das Rückfenster auf die Straße. Parker hatte seine Herrin eben erst vor dem Spezialitäten-Geschäft abgeholt und ihr in den Wagen geholfen.

Lady Agatha Simpson war eine bemerkenswerte Dame, die das sechzigste Lebensjahr überschritten hatte. Sie war eine voluminöse Erscheinung, die nicht zu übersehen war. Sie verfügte über eine tiefe, baritonal gefärbte und oft grollende Stimme, trug ein derbes Kostüm aus Tweed und einen überaus neckischen Hut, der eine Kreuzung zwischen Südwester und Napfkuchen zu sein schien.

»Ich möchte Sie nicht in Schwierigkeiten bringen, Mylady«, antwortete die junge Frau, die sich als Norma Landby vorgestellt hatte. »Sie lassen mich besser an der nächsten Straßenecke heraus.«

»Ich liebe Schwierigkeiten«, erwiderte die ältere Dame und lächelte wohlwollend. »Und ich liebe darüber hinaus gute Geschichten.«

»Sie wurden eindeutig gezielt verfolgt, Miß Landby«, schaltete Josuah Parker sich vom Steuer her ein. »Sind die beiden Männer Ihnen bekannt?«

»Sie haben mich schon mal belästigt«, gab Norma Landby zu. »Auch eben haben sie mir aufgelauert.«

»Man dürfte dies sicher kaum aus einer gewissen Laune heraus getan haben, Miß Landby.«

»Ich ... ich möchte Sie da nicht in private Dinge hineinziehen«, gab die junge Frau ausweichend zurück, wandte sich aber erneut um und beobachtete die Fahrbahn durch die Rückscheibe.

»Papperlapapp, Kindchen«, meinte Lady Agatha grollend. »Private Dinge trägt man nicht mit zwei Schußwaffen aus. Ich verlange jetzt eine klare Antwort, sonst kann ich sehr unangenehm werden.«

»Es... es geht um meinen Vater«, lautete die Antwort. »Er hat sich mit einigen Leuten angelegt. Mehr möchte ich nun aber wirklich nicht sagen, bitte, verstehen Sie mich.«

»Wohin darf man Sie bringen?« erkundigte sich Parker. Die Trennscheibe zwischen den Vorder- und Hintersitzen war von ihm per Knopfdruck versenkt worden. Man konnte sich ohne Wechselsprechanlage unterhalten.

»Der nächste Taxistand reicht mir bereits«, gab die junge Frau zurück.

»Aber mir nicht, meine Liebe.« Lady Agatha schüttelte den Kopf. »Nennen Sie mir gefälligst Ihre Adresse! Ich fühle mich für Sie verantwortlich und werde Sie bis vor die Haustür Ihrer Familie bringen.«

»Stepney.« Der eingeschüchterten Antwort folgte eine genaue Adresse.

»Sehen Sie, es geht doch«, meinte Lady Agatha. »Weshalb hat sich Ihr Vater mit einigen Leuten angelegt?«

»Bitte, Mylady, warum mischen Sie sich da ein?« reagierte Norma Landby.

»Ich bin Ihnen ja sehr dankbar, daß Sie mir geholfen haben, aber Sie haben damit bereits genug getan.«

»Auf keinen Fall.« Agatha Simpson beschäftigte sich leidenschaftlich mit Kriminalaffären und witterte einen neuen Fall.

»Darf man sich nach dem Beruf Ihres Herrn Vaters erkundigen?« ließ Parker sich vernehmen.

»Er ist Bauunternehmer«, lautete die Antwort. »Er hat eine kleine Firma in Stepney.«

»Wie viele Mitarbeiter zählt dieses Unternehmen, um auch diese Frage noch zu klären, Miß Landby?«

»So um die zwanzig Personen, es wechselt von Auftrag zu Auftrag«, gab die junge Frau Auskunft.

»Man belästigt Sie, Miß Landby, um damit Ihre Familie zu treffen?«

»Warum hält man sich nicht an Ihren Vater?« forschte die ältere Dame grimmig.

»Den belästigt man ja auch, Mylady«, entgegnete Norma Landby fast verzweifelt. »Es ist eine richtige Treibjagd ... Diese Kerle sind überall, verstehen Sie? Sie sind Tag und Nacht unterwegs.«

Sie konnte nicht weitersprechen, schluchzte auf und schlug dann beide Hände vors Gesicht.

»Mister Parker«, kündigte Lady Agatha mehr als deutlich an. »Ich werde mich der Sache annehmen.«

»Eine Absicht, Mylady, die mehr als verständlich ist«, sagte Josuah Parker in seiner höflichen und gemessenen Art. Er wußte bereits seit einer Viertelstunde, daß wieder mal aufregende Stunden und Tage auf ihn zukommen würden.

*

Vor dem einfachen, zweistöckigen Bürogebäude der Baufirma stand eine teure Jaguar-Limousine. Neben diesem Wagen hatte sich ein breitschultriger Mann aufgebaut, der gelangweilt rauchte und mit nur mäßigem Interesse das nahende hochbeinige Gefährt zur Kenntnis nahm.

Er entdeckte am Steuer des ehemaligen Taxis einen Mann, der augenscheinlich ein Butler sein mußte. Im Fond des Wagens saß eine Frau, die er nicht einzuordnen wußte. Eine Gefahr aber ging seiner Schätzung nach von niemand aus.

Die Baufirma Martin Landby zeichnete sich nicht gerade durch einen immensen Wagenpark aus. Es gab zwei kleine Lastwagen, einen Betonmischer, einige Gabelstapler und eine Remise, die mit Langholz und Schalbrettern bestückt war. Unter einem Vordach stand ein ramponiert aussehender Jeep.

»Sie haben Pech«, meinte der Rauchende, nachdem Parker ausgestiegen war und sich ihm näherte. »Geschlossen!«

»Lady Simpson ist mit Mister Martin Landby verabredet«, antwortete der Butler. »Als geeigneter Zeitpunkt wurde fünf Uhr vereinbart.«

»Wennschon! Hier läuft im Moment nichts«, erwiderte der Mann. »Versuchen Sie’s später noch mal, klar?«

»Sie tragen einen bemerkenswert schlechtsitzenden Anzug.« Josuah Parker wechselte das Thema.

»Was trag’ ich?« Der stämmige Mann traute seinen Ohren nicht.

»Sie tragen einen zu engen und zu knapp sitzenden Anzug«, präzisierte der Butler. »Ihr Schulterhalfter ist deutlich zu erkennen.«

Der Stämmige holte tief Luft und verfärbte sich. Ein tiefes Rot kennzeichnete sein Gesicht.

»Man kann sicher davon ausgehen, daß Sie auf keinen Fall zur Polizei gehören«, redete Parker höflich weiter. »Jaguar-Limousinen dürften auf keinen Fall zur Ausstattung dieser Behörde zählen.«

»Jetzt reicht’s mir aber!« Der Mann verzichtete klugerweise darauf, die Waffe zu ziehen. Er hatte die Absicht, Parker mit der Faust zu attackieren. Er ging davon aus, daß Parkers Kinnlade das beste Ziel wäre.

Der Mann traf natürlich nicht, wie sich umgehend zeigte.

Parker hatte blitzschnell seinen Universal-Regenschirm gehoben und setzte die Schirmspitze auf die Armbeuge des Gegners. Der Butler besorgte dies mit einigem Nachdruck und paralysierte den Arm.

Der Stämmige zog zischend die Luft in die Lungen, schnappte dann verzweifelt nach Luft und blickte auf den eng gerollten Schirm, der steil in die Höhe stieg.

Als er ein bestimmtes Maß erreicht hatte, griff Parker mit der rechten Hand zu und umfaßte das untere Drittel des Schirmes. Er verfügte somit über ein Schlaginstrument, gegen das kein Kraut gewachsen war.

Dies spürte der Stämmige auch wenige Augenblicke später.

Als die Schirmkrümmung sich für einen Moment auf seiner Stirn niederließ, wurden seine Knie weich. Er knickte ein und verdrehte dabei die Augen. Anschließend nahm er auf den Steinplatten vor dem Eingang zum Bürohaus Platz.

»Recht passabel«, meinte die ältere Dame, die den Wagen inzwischen verlassen hatte. »Dieser Lümmel wird vorerst kaum stören.«

»Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, Mylady«, versicherte Parker ihr. »Wenn meine Wenigkeit vielleicht vorausgehen darf?«

»Nur zu!« Sie nickte und lächelte wohlwollend. »Ich denke, ich bin wieder mal zur rechten Zeit gekommen.«

»Myladys Instinktsicherheit ist stets von neuem zu bewundern«, behauptete Parker.

»Man hat es, Mister Parker, oder man hat es eben nicht.« Sie versetzte ihren perlenbestickten Pompadour in erste Schwingung und folgte dann Parker, der das Bürogebäude betrat. Schon nach wenigen Schritten wußte er, wohin er sich zu orientieren hatte.

Er hörte dumpfe Schläge und Stöhnen.

*

»Ihre Manieren sind ausgesprochen beklagenswert«, sagte Josuah Parker zu den beiden Männern, die sich intensiv mit einer Person befaßten, die hilflos in einem Sessel saß. Einer der Männer hatte die Arme seines Opfers nach hinten gedreht. Der zweite Mann schlug mit dem Handrücken zu und bearbeitete das Gesicht.

Die beiden Kerle wurden völlig überrascht.

Sie wandten sich zur Tür um und musterten Lady Simpson und Parker, die den Raum betreten hatten. Das Erscheinen der Besucher verstanden sie nicht, sie hatten schließlich eine Art Wache vor dem Haus zurückgelassen.

»Wer... wer seid denn ihr?« fragte der Mann, der gerade die verdrehten Arme des Opfers losließ.

»Lady Simpson in Begleitung ihres Butlers«, stellte Parker in gewohnt höflicher Weise vor und lüftete dazu die schwarze Melone.

»Was geht hier vor?« herrschte die ältere Dame die Schläger an. Sie setzte sich in Bewegung und hielt auf den Mann zu, der mit dem Handrücken zugeschlagen hatte. Dieser Bursche runzelte die Stirn und machte einen ratlosen Eindruck. Er wußte wohl nicht, wie er sich der resoluten Frau gegenüber verhalten sollte.

Der andere Schläger kam um den Bürosessel herum und ging langsam auf den Butler zu. Auch er schien überfordert und vermochte nicht, die beiden Besucher einzuordnen.

Mylady sorgte für klare Verhältnisse.

Sie konnte sehr undamenhaft sein, wenn es die Lage erforderte. Agatha Simpson trat ohne jede Vorwarnung an das Schienbein ihres Gegenübers und löste dort eine jähe Schmerzwelle aus, die den Schläger überflutete. Er jaulte und riß das mißhandelte Bein hoch. Anschließend tanzte er auf dem gesunden und vergaß für einen Moment die Anwesenheit der Lady.

Sie war indes nie für halbe Sachen.

Agatha Simpson hatte mit ihrem neckisch aussehenden Handbeutel zugelangt und setzte den darin befindlichen sogenannten Glücksbringer auf die linke Gesichtshälfte des Tanzenden.

Das veritable Hufeisen wirkte niederschmetternd im wahrsten Sinn des Wortes. Der Schläger verlor jeden Halt und legte sich bäuchlings über den Schreibtisch.

Parker war selbstverständlich nicht untätig geblieben. Er stieß mit der Schirmspitze auf den Solarplexus des anderen Schlägers und setzte ihn damit elegant außer Gefecht.

Der Mann keuchte, verfärbte sich und schleppte sich in Richtung Wand. Hier wollte er sich an der Tapete festhalten, schaffte es aber nicht und ging zu Boden. Er hatte den Boden noch nicht ganz erreicht, als er bereits ausgiebig hüstelte.

Der Butler nahm eine schnelle Durchsuchung der beiden Kerle vor und barg zwei Klappmesser. Dann holte er zwei Plastik-Fesseln aus der Innenseite seiner Melone und fesselte die Schläger. Dies geschah alles mit bemerkenswerter Schnelligkeit und Routine.

»Kann man Ihnen irgendwie behilflich sein?« fragte Parker das Opfer. »Geht man von der richtigen Annahme aus, daß Sie mißhandelt wurden?«

Der Mann starrte Mylady und Parker aus leicht verglasten Augen an und schüttelte erstaunlicherweise vorsichtig den Kopf.

»Sie sind Mister Martin Landby?« vergewisserte sich Parker.

»Landby«, bestätigte der Mann heiser. Er hatte Mühe, die geschwollenen Lippen zu bewegen.

»Oder sollte man vielleicht eine geschäftliche Unterredung gestört haben?« meinte Parker.

»Alles... in... Ordnung«, behauptete Landby mühsam. »Wir hatten ’nen kleinen Streit, aber jetzt ist alles in Ordnung.«

»Sie sorgen sich um Ihre Tochter Norma?« tippte der Butler an.

»Was ist mit ihr?« Martin Landby wurde wacher. Seine Stimme hatte einen besorgten Unterton angenommen.

»Ihrer Tochter geht es gut«, versicherte Parker dem Bauunternehmer. »Sie wird sich gleich um Sie kümmern können, Mister Landby.«

»Vielen Dank!« Landby entspannte sich sichtlich und atmete tief durch.

»Wer sind diese Subjekte?« schaltete die passionierte Detektivin sich grollend ein. »Kommen Sie mir nicht mit einer kleinen Streiterei, junger Mann! Man hat Sie schließlich zusammengeschlagen. Um was geht es?«

»Es ist jetzt alles in Ordnung«, versicherte Landby, wich aber dem grimmigen Blick der älteren Dame aus. »Wo ist Norma, meine Tochter?«

»Ich werde das Kind holen«, meinte Lady Agatha. »Mister Parker wird Ihnen inzwischen einige Fragen in meinem Sinne stellen. Haben Sie mich verstanden?«

Sie verließ das Büro und warf dabei einen Blick auf die beiden Schläger, die ziemlich bedrückt auf dem Boden saßen. So hatten sie sich den Dialog mit den unerwarteten Besuchern wirklich nicht vorgestellt.

Parker wandte sich an sie.

»Meine Wenigkeit möchte Sie keineswegs psychisch unter Druck setzen«, schickte er voraus, »aber reißen Sie sich gleich ein wenig zusammen, wenn Mylady Sie verhört. Man wird rechtzeitig eingreifen, falls Myladys Hutnadel lebenswichtige Organe treffen würde.«

»Lebenswichtige Organe?« fragte der Mann, der Landbys Gesicht mit dem Handrücken bearbeitet hatte. »Was... was wollen Sie damit sagen?«

»Zu Ihrer Beruhigung möchte meine Wenigkeit Ihnen versichern, daß man über ein gut ausgestattetes Erste-Hilfe-Set verfügt«, antwortete der Butler. »Zudem werden Ihnen ärztliche Grundkenntnisse in diverser Wundversorgung zur Verfügung stehen.«

Die beiden Schläger schauten Parker entgeistert an und ließen sich seine Hinweise durch den Kopf gehen.

*

Norma Landby war mit ihrem Vater im Waschraum. Sie hatte auf dem Wagenboden gelegen, als Mylady und Parker den Bauhof der Firma angesteuert hatten. Sie kümmerte sich jetzt um ihren Vater, kühlte sein geschwollenes Gesicht.

Lady Agatha und Parker befaßten sich mit den Schlägern. Der Butler hatte den Mann draußen an der Tür höflich gebeten, doch ins Haus zu kommen. Der Mann war diesem Wunsch gefolgt und trug inzwischen ebenfalls eine Handfessel.

Mylady hielt eine ihrer Hutnadeln in der Hand und prüfte interessiert die Spitze dieses bratspießähnlichen Gegenstandes. Agatha Simpson machte einen sehr konzentrierten Eindruck.

»Mylady wünscht zu erfahren, wer Sie sind und in wessen Auftrag Sie Mister Landby besucht haben«, schickte der Butler voraus.

»Seid ihr verrückt?« sagte der Wortführer der Männer. Er war wesentlich teurer gekleidet als seine beiden Partner. Er war es auch gewesen, der geschlagen hatte. »Habt ihr überhaupt eine blasse Ahnung, in was ihr euch einmischt?«

»Sie werden es Mylady sicher sagen«, hoffte der Butler.

»Das sind ... private Dinge«, redete der Schläger weiter. »Die gehen nur uns und Landby was an. Haltet euch raus, dann passiert euch auch nichts.«

»Sie ergehen sich in Andeutungen«, stellte der Butler fest. »Nun aber sollten Sie tunlichst zur Sache kommen.«

»Auf welchem Stern lebt ihr eigentlich?« brauste der Mann auf.

»Auf einem Planeten«, korrigierte Parker, »aber dies nur am Rande. Sie vertreten eine Organisation, die man wohl der kriminellen Szene zurechnen muß.«

»Genug«, entschied Lady Agatha, die die Inspektion der Hutnadelspitze beendet hatte. »Ich werde jetzt das Verhör übernehmen, Mister Parker. Sie sind wieder mal zu verbindlich.«

»Wie Mylady zu wünschen geruhen.« Der Butler trat zur Seite und beobachtete seine Herrin, die sich dem Wortführer näherte. Sie lächelte boshaft, ihre Augen glitzerten.

»Ich werde Sie akupunktieren, junger Mann«, wurde sie deutlich. »Aber reißen Sie sich gefälligst zusammen und schreien Sie nicht.«

»Wenn Mylady erlauben, wird meine Wenigkeit das Notversorgungs-Set holen«, machte der Butler sich bemerkbar.

»Akupunktieren?« Der Wortführer schielte angestrengt auf die Hutnadel und machte sich klein. »Was ... was soll das heißen?«

»Mylady wird Sie zu einer Aussage ermuntern«, übersetzte der Butler. »Sie sollte aber auf der Basis der völligen Freiwilligkeit erfolgen.«

»Charly Cantner hat uns geschickt«, sagte der Wortführer hastig. »Charly Cantner...«

»Ein Name, der Mylady mit Sicherheit nichts sagt«, fürchtete Parker.

»Cantner hat ein Job-Vermittlungsbüro in Limehouse«, fuhr der Wortführer fort. »Wir sollten Landby zu ihm bringen, aber der wollte nicht.«

»Sie mußten den genannten Herrn deshalb einer körperlichen Tortur unterziehen?« fragte der Butler. »In Ihren Kreisen pflegt man widerspenstige Personen außer Gefecht zu setzen und wegzuschaffen. Könnte es nicht so gewesen sein, daß Mister Landby Ihnen gewisse Hinweise geben sollte? Fragten Sie ihn nicht vielleicht nach speziellen Unterlagen?«

»Ich denke, ich werde mit meiner Akupunktur jetzt beginnen«, schaltete die ältere Dame sich ungeduldig ein. »Ich hasse es, wenn man mich belügen oder hinhalten will.«

Lady Agatha machte das sehr wirkungsvoll. Sie stach mit der Nadel zu und versenkte sie in die lederbezogene Rücklehne eines Sessels. Die Nadel glitt durch das Leder wie durch Butter.

*

»Ich mache Ihnen natürlich keine Vorwürfe, Mister Parker, aber das hätte Ihnen nicht passieren dürfen«, räsonierte die ältere Dame zwanzig Minuten später. Sie saß im Fond des hochbeinigen Monstrums, wie Parkers Gefährt spöttisch-respektvoll genannt wurde.

»Mit einer Flucht Mister Martin Landbys und seiner Tochter war kaum zu rechnen, Mylady«, gab der Butler zurück.

»Ich wollte Sie auf diese Möglichkeit aufmerksam machen, Mister Parker, aber ich wollte Sie nicht verunsichern«, redete die resolute Dame munter weiter. »Nun gut, ich werde dies Thema nicht vertiefen.«

»Mylady sind zu gütigst.« Parkers Pokergesicht zeigte auch jetzt keine Regung. »Immerhin weiß man, in wessen Auftrag die drei Schläger nach Unterlagen in Mister Landbys Büro suchten.«

»Ich habe mir diesen Namen genau gemerkt«, behauptete Agatha Simpson. »Wie heißt er noch?«

»Es handelt sich um einen Mister Charly Cantner, Mylady, der ein Job-Vermittlungsbüro in Limehouse betreibt.«

»Ich weiß, ich weiß«, gab sie leicht gereizt zurück. »Dieses Subjekt werde ich jetzt zur Rede stellen. Nach welchen Unterlagen wurde da eigentlich gesucht, Mister Parker? Hoffentlich ist Ihnen das nicht entfallen.«

»Es handelt sich um Angebote zu einem Bauobjekt, Mylady«, antwortete der Butler. »Es geht um ein sogenanntes Kulturzentrum, das von städtischen Behörden errichtet werden soll.«

»Was immer das sein mag.« Sie winkte ab. »Kann ich mich darauf verlassen, daß die drei Lümmel sich nicht vorzeitig befreien können?«

»Ohne fremde Hilfe dürften die Personen sich nicht aus dem sogenannten Staub machen können, Mylady«, versicherte Parker ihr. Die Schläger saßen in einem bunkerähnlichen Raum, in dem die Öltanks für die Heizung untergebracht waren. Parker hatte die Einstiegluke von außen noch zusätzlich gesichert.

Mylady rückte sich in den Polstern zurecht und schloß die Augen. Sie wollte intensiv über ihren neuen Fall nachdenken, wie sie sagte. Tatsächlich aber schlief sie ein wenig ein und produzierte erstaunliche Schnarchtöne. Sie erinnerten an die einer angerosteten Trillerpfeife, wie Parker fand.

Der Butler wälzte natürlich ebenfalls seine Gedanken. Es ging um Angebotsunterlagen, wie sich herausstellte.

Eine städtische Behörde hatte eine der üblichen Ausschreibungen veranstaltet und wartete auf die Reaktion interessierter Firmen.

Martin Landby schien einer gewissen Konkurrenz unangenehm zu sein. Man wollte wohl erfahren, wie sein Angebot lautete. Oder man hatte sogar die Absicht, ihn an der Ausschreibung zu hindern.

Josuah Parker brauchte diese Dinge nur mit Berichten in Zusammenhang zu bringen, von denen die Zeitungen immer wieder voll waren. Mehr oder weniger deutlich wurde von verbotenen Absprachen und Bauskandalen gesprochen.

War man per Zufall auf eine solche Absprache gestoßen? In der Vergangenheit hatte er schon einige Male mit ähnlichen Dingen zu tun gehabt. Seinerzeit hatte er Gangster bekämpft, die eine Art Zement-Kartell gegründet hatten.

Diese Kriminellen hatten Preisabsprachen getroffen und den wichtigen Baustoff zu überhöhten Preisen verkauft. Außenseiter waren brutal niedergeknüppelt worden.

Parker hatte nichts dagegen, sich erneut mit Gangstern dieser Provenienz anzulegen. Es ging schließlich um das Geld der Steuerzahler.

»Die Arbeitsvermittlung des Mister Charly Cantner«, meldete der Butler nach hinten, als er das Ziel erreicht hatte. Die ältere Dame fuhr zusammen und gähnte ungeniert.

»Endlich«, sagte sie dann. »Das hat ja fast eine Ewigkeit gedauert, Mister Parker. Ich habe manchmal das Gefühl, daß Sie dem Verkehr nicht mehr gewachsen sind.«

»Wie Mylady meinen.« Parker stieg aus dem Wagen und öffnete den hinteren Schlag. Lady Agatha schob ihre majestätische Fülle ins Freie und reckte sich unternehmungslustig. Sie freute sich auf eine muntere Unterhaltung.

*

Es handelte sich um eine private Job-Vermittlung, die sich auf Bauarbeiter im weitesten Sinn des Wortes spezialisiert hatte. Die Firma befand sich im Souterrain eines grauen Wohnblocks, das einen heruntergekommenen Eindruck machte. Von der Straße aus erreichte man den Eingang über eine Steintreppe, die in das Basement führte.

In einem etwa zwanzig Quadratmeter großen Vorraum, der gleichzeitig als Warteraum diente, gab es zwei Schalter, die allerdings unbesetzt waren. Eine Tür im Hintergrund war halb geöffnet. Man hörte schrille Musik, Stimmen und Gelächter.

Parker pochte mit dem Bambusgriff seines Schirmes gegen den Türrahmen, um auf Mylady und sich aufmerksam zu machen. Dann schob er seinen Oberkörper vor und entdeckte in einer Art Büro zwei Männer, die ihre Füße auf einer Aktenablage und einem Schreibtisch gelagert hatten.

Die etwa fünfundzwanzigjährigen Angestellten blätterten in Magazinen und schienen sich über Sex-Fotos zu amüsieren.

»Darf man in aller Bescheidenheit ein wenig stören?« schickte Josuah Parker voraus. »Wäre es möglich, mit Mister Cantner einige Worte zu wechseln?«

»Ich glaub’, ich werd’ verrückt«, sagte einer der beiden Angestellten und starrte den Butler entgeistert an. Parker hatte die Melone gelüftet und bot das Bild eines perfekten Butlers. Der junge Mann nahm seine Füße vom Aktenbock und erhob sich langsam.

»Sie wollen zu Charly Cantner?« fragte er sicherheitshalber. »Hören Sie, Mann, wir vermitteln keine Butler und so ...«

»Dies konnte man bereits den Hinweisschildern links und rechts vom Eingang entnehmen«, gab der Butler zurück.

»Auch keine Köchinnen«, fügte der junge Mann hinzu. Er hatte Lady Agatha erspäht, die jetzt neben Parker auftauchte.

»Sie schätzen mich falsch ein, junger Mann«, widersprach die Detektivin. Sie war gefährlich freundlich und marschierte energisch auf den Angestellten zu. »Ich bin Erzieherin und vermittle Manieren.«

»Schwirrt ab!« meldete der zweite Angestellte sich zu Wort. »Hier gibt’s keine Jobs für euch.«

»Sollte man darüber nicht sicherheitshalber mit Mister Cantner persönlich sprechen?« schlug Parker vor.

»Der Boß hat keine Zeit«, entschied der junge Mann. »Und überhaupt, wir vermitteln nur Bauarbeiter.«

»Vielleicht zusätzlich auch noch das, was man gemeinhin Schläger zu nennen pflegt?« tippte Parker an.

»Schläger?« Die beiden Männer tauschten einen schnellen Blick. Der junge Mann, der Parkers Hinweis wiederholt hatte, baute sich vor dem Butler auf. »Wie kommen Sie auf Schläger? Wer, zum Teufel, seid ihr?«

»Sie haben die Ehre und den Vorzug, Lady Simpsons Fragen beantworten zu dürfen«, erklärte der Butler. »Mein Name ist Parker, Josuah Parker.«

»Okay, ihr habt euren Spaß gehabt«, meinte der junge Mann. »Jetzt zieht Leine, bevor wir ärgerlich werden.«

Der zweite junge Mann wollte diesen Worten einigen Nachdruck verleihen und griff nach dem linken Oberarm der älteren Dame. Er hatte die Absicht, sie relativ sanft wieder in den Vorraum zu drängen.

Er knirschte hörbar mit den Zähnen, als Mylady ihm ohne Vorankündigung gegen das linke Schienbein trat. Er knickte ein und blickte die resolute Dame dann ausgesprochen ungläubig an.

»Wagen Sie es ruhig noch mal, mich belästigen und angreifen zu wollen«, donnerte sie mit ihrer tiefen, sonoren Stimme.

»Haben ... haben Sie mich gerade getreten?« fragte der Angestellte.

»In Notwehr«, bestätigte Agatha Simpson freundlich. »Ich überlege mir gerade, ob Sie mich nicht auch noch unsittlich belästigt haben könnten, junger Mann.«

Der Getretene hatte sich auf seinen Bürostuhl zurückfallen lassen und massierte sich das schmerzende Bein. Sein Partner machte einen recht ratlosen Eindruck. Er wußte einfach nicht, wie er sich diesen nicht gerade taufrischen Besuchern gegenüber verhalten sollte.

»Ich will ja keine Gewalt anwenden«, sagte er schließlich, »aber wenn Sie nicht sofort verschwinden, können Sie was erleben, klar?«

»Was denn, junger Mann? Nennen Sie mir ein Beispiel«, verlangte Lady Agatha hoffnungsfroh.

»Ich werde euch... Also, raus jetzt!« Er plusterte sich auf und langte entschlossen nach einem Elektrokabel, das an einem Nagel an der Wand hing. Er ließ es durch die Hand gleiten und formte eine Art Peitsche daraus. Die zischte nun durch die Luft.

»Sie würden tatsächlich physische Gewalt anwenden?« erkundigte sich der Butler.

»Raus jetzt, oder es setzt Hiebe!« brüllte der junge Mann und holte zu einem ersten gezielten Schlag aus.

*

»Was ist denn hier los?« erkundigte sich der Eintretende. Es handelte sich um einen etwa vierzigjährigen Mann mit leichter Stirnglatze und hellgrauen Augen. Er trug einen grauen, sicher teuren Zweireiher, dazu eine grelle Krawatte und blickte erstaunt auf die beiden jungen Männer, die sichtlich unter einem Formtief litten.

Der junge Angestellte, dessen Schienbein erschüttert worden war, rieb sich vorsichtig das Brustbein, sein Partner massierte sich oberflächlich die Kinnlade.

»Mister Charly Cantner, wie zu vermuten ist?« Parker lüftete höflich die schwarze Melone.

»Cantner«, stellte der Graugekleidete sich vor.

»Sie sollten Ihren Angestellten Manieren beibringen«, schaltete die ältere Dame sich grimmig ein. »Eine erste Lektion habe ich den beiden Lümmeln bereits verpaßt.«

»Jener Mitarbeiter lief in Lady Simpsons Pompadour«, erläuterte der Butler und deutete mit der Schirmspitze auf den Mann, der Schwierigkeiten mit seinem Brustbein hatte. »Und jener Mitarbeiter fiel mit dem Kinn auf den Griff meines Schirmes.«

»Suchen Sie eine Stellung?« fragte Cantner, der auf die Hinweise des Butlers nicht eingehen wollte.

»Mylady suchte Sie, Mister Cantner«, antwortete der Butler. »Wie zu erfahren war, schickten Sie drei Ihrer Mitarbeiter zu einem gewissen Mister Landby.«

»Wer... wer sind Sie?« Cantner blieb vorsichtig.

»Lady Simpson«, stellte Parker vor. »Parker, Josuah Parker mein Name.«

»Lady ... Simpson?« Cantner stutzte und musterte dann die ältere Dame. Er merkte sofort, daß hier nicht geblufft wurde. Sein weiblicher Gast strahlte beeindruckende Autorität aus.

»Mylady ermittelt in Sachen Preisabsprachen«, kam Parker direkt auf das von ihm vermutete Thema zu sprechen. »Mylady hat die Absicht, den Sumpf an Korruption trockenzulegen.«

»Und was habe ich damit zu tun?« wollte Cantner wissen. Seine wasserhellen Augen verengten sich ein wenig. »Was faseln Sie da von drei Leuten, die ich wohin geschickt haben soll? Seien Sie vorsichtig mit solchen Behauptungen! Sie haben schneller einen Prozeß am Hals, als Sie es sich vorstellen können.«

»Ich hoffe, daß dies eine Drohung ist«, warf die energische Dame erfreut ein.

»Nur eine Feststellung, Lady«, gab Cantner zurück. »Ich weiß nichts von Preisabsprachen und schon gar nichts von drei Leuten, die ich irgendwohin geschickt haben soll. Ich schlage vor, daß Sie meine Räume jetzt verlassen.«

»Ist es richtig, Mister Cantner, daß Sie eine Jaguar-Limousine fahren?« fragte Parker ohne jeden Übergang. Anschließend nannte er das Kennzeichen jenes Wagens, den er vor dem Bürogebäude von Martin Landby gesehen hatte.

»Ja, das ist mein Wagen«, erwiderte Cantner nach kurzem Zögern. »Weshalb fragen Sie? Was ist mit ihm? Er steht drüben auf dem Parkplatz, neben dem Pub.«

»Ihr Wagen befindet sich in einem Zustand, den man nur als desolat bezeichnen kann«, antwortete der Butler. »Die angesprochene Jaguar-Limousine scheint von den Auslegern eines Gabelstaplers nachhaltig demoliert worden zu sein. Meine Wenigkeit entdeckte ihn vor dem Bürogebäude der Firma Landby, die Sie ja nicht kennen.«

Daraufhin verfärbte sich Cantner intensiv.

*

»Wie gut, daß ich diesen Jaguar ein wenig angeschrammt habe«, freute sich die ältere Dame wenige Minuten später. Sie saß im Fond des hochbeinigen Monstrums und war mit sich und der Welt zufrieden. »Haben Sie mitbekommen, wie er zuerst bleich und dann rot wurde, Mister Parker?«

»Das Farbenspiel seines Gesichtes war in der Tat bemerkenswert«, erklärte Josuah Parker. »Mylady bestehen darauf, zur Firma des Mister Martin Landby zurückzufahren?«

»Richtig«, meinte sie. »Ich will sehen, wie er seine Lümmel aus dem Ölkeller holt. Diesen Tip hat er ja von mir bekommen.«

»Der Zustand seiner Limousine wird Mister Cantner zutiefst erschüttern, Mylady.«

»Der neue Kriminalfall beginnt ganz zu meiner Zufriedenheit«, sagte Lady Agatha. »Mehr konnte ich wirklich nicht erwarten. Ich werde mir allerdings Gedanken darüber machen, wie es nun weitergehen soll, Mister Parker.«

»Mylady werden sicher Kontakte mit Firmen aufnehmen wollen, die in der Bau-Branche tätig sind.«

»Das ist meine feste Absicht«, bestätigte sie. »Ich muß wissen, wie solche Preisabsprachen gehandhabt werden, Mister Parker. Nennen Sie mir bei Gelegenheit entsprechende Adressen.«

»Sehr wohl, Mylady. Darüber hinaus wird es sicher eine Art Dachverband der Bauindustrie geben.«

»Darauf wollte ich gerade hinweisen«, behauptete sie. »Sehr schön, daß Sie mitdenken, Mister Parker, nur weiter so!«

»Mylady beflügeln immer wieder meine bescheidene Wenigkeit«, behauptete Butler Parker und verzog dabei keine Miene.

*

Es dauerte knapp zehn Minuten, bis Charly Cantner erschien.

Er stieg aus einem Ford und näherte sich fast zögernd seiner Jaguar-Limousine, die tatsächlich ein wenig ramponiert aussah.

Die beiden Ausleger des Gabelstaplers hatten den sündhaft teuren Wagen mehrfach an der Seite perforiert, wobei einige Scheiben zu Bruch gegangen waren. Der Deckel des Kofferraumes war aufgesprungen und ragte anklagend zum Himmel.

Lady Agatha, die sich als technisch versiert betrachtete, hatte mit dem Gabelstapler auch die Kühlerhaube behandelt. Diese machte einen leicht gequetschten Eindruck.

Die Detektivin hatte sich vor dem Verlassen der Firma Landby von den drei Männern sagen lassen, wem die Limousine gehörte. Daraufhin hatte sie spontan wie stets reagiert.

Cantner ging langsam um den Wagen herum und stieß wilde Verwünschungen aus. Lady Agatha und Parker konnten ihn genau beobachten. Sie hielten sich im Treppenhaus eines nahen Wohnblocks auf und sahen den Vorplatz ein.

Die beiden Angestellten, die Cantner mitgebracht hatte, waren bereits im Bürogebäude verschwunden. Es dauerte etwa fünf Minuten, bis sie in Begleitung der Schläger wieder zurückkehrten.

Cantner baute sich vor diesen Männern auf und schien sie mit ausgesuchten Schimpfworten zu belegen.

Seine Gesten fielen entsprechend aus. Er tippte sich mehrfach an die Stirn und schien nicht verstehen zu können, daß drei ausgewachsene Schläger sich von älteren Herrschaften ausschalten ließen.

Dabei mußte Cantner inzwischen wissen, daß Mylady und ihr Butler gefährliche Gegenspieler waren. Er selbst hatte ja in seiner Job-Vermittlung mitbekommen, daß seine beiden Angestellten ebenfalls ausgeschaltet worden waren.

Nach intensiver Absprache marschierte Cantner erneut um seinen demolierten Wagen herum und faßte sich dabei mehrmals an den Kopf. Sein Wagen schien ihm viel bedeutet zu haben.

»Ich hätte die Limousine noch ein wenig mehr frisieren sollen, Mister Parker«, fand Lady Agatha. Ein boshafter Unterton beherrschte ihre Stimme.

»Er dürfte kaum noch reparierbar sein, Mylady«, gab Parker zurück.

»Dieses Subjekt weiß jetzt, daß eine Lady Simpson nur mit größer Vorsicht zu genießen ist«, meinte die ältere Dame sehr zufrieden.

»Und Mylady konnten sich mit eigenen Augen davon überzeugen, daß Mister Cantner tatsächlich jene Person ist, die die drei Schläger in das Büro des Mister Landby schickte.«

»Daran habe ich keinen Moment gezweifelt«, behauptete die resolute Dame. »Für die Zukunft werde ich mir noch mehr einfallen lassen, was dieses Subjekt betrifft. Was steht jetzt auf meinem Programm, Mister Parker?«

»Mister Landbys Privatwohnung befindet sich in der Nähe, Mylady«, sagte der Butler. »Vor dem Verlassen des Büros informierte meine Wenigkeit sich entsprechend. Darüber hinaus war man so frei, einige Korrespondenz-Unterlagen sicherzustellen.«

»Korrespondenz-Unterlagen?« Sie schaute ihren Butler irritiert an.

»Sie stammen aus einem Aktenordner, Mylady, der Bauausschreibungen enthält.«

»Das bringt zwar nichts«, entschied sie und machte eine abwertende Handbewegung, »aber ich will Ihnen die Freude nicht verderben, Mister Parker. Sie werden sich dabei etwas gedacht haben.«

»Diesen Unterlagen könnte man entnehmen, mit welchen Baubehörden Mister Landby Briefwechsel pflegte. Die Zeit fehlte bisher, sich mit dem Text dieser Briefe zu befassen.«

»Wie auch immer.« Sie war an diesem Thema eindeutig nicht interessiert. »Dieses Subjekt dort unten fährt jetzt weg. Ich habe große Lust zu folgen.«

»Mylady könnten es möglicherweise am oder im Privathaus des Mister Landby treffen«, entgegnete der Butler.

»Worauf warte ich dann noch, Mister Parker?« Sie blickte ihn unternehmungslustig an. »Er kann sich schon jetzt auf den nächsten Gang freuen. Ich werde ihm einige nette Überraschungen servieren.«

»Myladys Überraschungsreichtum ist und bleibt unerschöpflich«, erklärte Parker höflich wie stets.

»Das ist allerdings richtig«, meinte sie und lächelte wohlwollend. »Sie verfügen über eine gute Beobachtungsgabe, Mister Parker: Nur weiter so!«

*

Martin Landbys privates Wohnhaus war recht klein und stand in einem Garten, der über eine Stichstraße zu erreichen war. Bescheidener Wohlstand prägte dieses Viertel in Bethnal Green.

»Weit und breit nichts von diesen Kriminellen zu sehen«, sagte die ältere Dame enttäuscht, als Parker sein hochbeiniges Gefährt auf dem Parkplatz vor dem Haus abstellte.

»Mit dem Erscheinen des Mister Cantner und seiner Mitarbeiter ist nach wie vor zu rechnen, Mylady«, gab Parker zurück und lieh der älteren Dame seine hilfreiche Hand, als sie den Fond des Wagens verließ. »Möglicherweise aber wartet man bereits im Haus.«

»Das wäre zu schön, um wahr zu sein«, reagierte Lady Agatha. »Dann hat man also den Ford irgendwo in der Nähe abgestellt, nicht wahr?«

Parker ging auf diesen Hinweis nicht näher ein. Er schritt bereits gemessen zur Haustür und knöpfte dabei seinen schwarzen Covercoat auf. Er entnahm einer seiner vielen Westentaschen eine Plastik-Kapsel, die ausgiebig perforiert war. In ihr befand sich eine Glasampulle, die mit einer wasserklaren Flüssigkeit gefüllt war.

Parker zerbrach diese Ampulle zwischen seinen schwarz behandschuhten Fingern und beeilte sich, die Kapsel durch den Briefschlitz ins Haus zu werfen. Dann trat er diskret zur Seite und harrte der Dinge, die da kommen mußten.

Er hörte wenige Sekunden später ein erstes Husten, das in quälendes Bellen überging. Dann wurde die Haustür aufgerissen. Cantner und zwei junge Männer – es waren die Angestellten aus seiner Arbeitsvermittlung – stürzten ins Freie und hatten es ungemein eilig.

Josuah Parker war die Würde in Person, als er mit seinem bleigefüllten Schirmgriff die drei Männer kurz nacheinander zu Boden schickte. Sie purzelten über die beiden Stufen hinunter in den Kies und blieben nach Luft schnappend liegen.

»Recht ansprechend, Mister Parker«, lobte die ältere Dame, wenn auch verhalten. »Ich frage mich, ob ich mit meinem Pompadour noch etwas nachhelfen sollte.«

»Vielleicht später, Mylady«, gab der Butler zurück, »falls die drei Herren sich als wenig hilfreich zeigen.«

Cantner hatte sich aufgerichtet und blickte Agatha Simpson aus tränenden Augen an. Er wollte etwas sagen, hustete aber ausgiebig und ließ sich wieder zurücksinken. Seine Mitarbeiter, die von den freigesetzten Dämpfen aus der Ampulle mehr mitbekommen hatten als ihr Dienstherr, blieben flach auf dem Kies liegen und verzichteten auf jede Einmischung.

»Nach einer alten Spruchweisheit aus dem Volk ist die Welt klein«, schickte Parker in Richtung Cantner voraus. »Irgendwo und irgendwann sieht man sich immer wieder.«