The Twisted Princess

The Twisted Princess

The Twisted Kingdom 1

Mia Kingsley

Dark Romance

Für Vanessa und Svenja.

Danke.

Inhalt

THE TWISTED PRINCESS

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Vorschau

Über Mia Kingsley

THE TWISTED PRINCESS

Meine Schwester sei an ihrem angeborenen Herzfehler gestorben, haben sie gesagt.

Das erklärt nicht, warum ihr halber Kopf fehlt, als meine Mutter in der Kirche hysterisch den Sarg öffnet.

Der Verlobte meiner Schwester bietet mir an, mich zum Friedhof zu bringen, und fährt daran vorbei.

Der Priester verzieht nicht eine Miene, während sie mich zwingen, die Heiratsurkunde zu unterschreiben.

Das hier ist kein Märchen. Es ist ein Albtraum. Denn es ist kein Prinz in Sicht, um mich zu retten.

Nur der schwarze Ritter.

Prolog

Ich sollte schlafen. Aber mir war so warm unter der Decke. Mommy würde böse werden. Trotzdem schob ich den Fuß aus dem Bett. Ich würde mich auf den kalten Boden legen. Dann konnte ich schlafen und Mommy würde nicht schimpfen.

Die Wange an den Stein geschmiegt, seufzte ich.

Der Mond leuchtete so schön und ich lag genau in dem Viereck, das er durch das Fenster auf den Boden warf. Ich stand auf und holte Mister Bär aus dem Bett, damit ich nicht so allein war.

Am liebsten wäre ich zu Helena gegangen, aber sie mochte mich nicht.

Unten im Haus polterte es und ich zuckte zusammen. Einbrecher! Das waren Einbrecher. Ich hatte heimlich im Schrank gehockt, als Mommy einen Film gesehen hatte. Da waren schlimme Männer gekommen und hatten die Eltern umgebracht.

Ich musste sie warnen. Mommy und Daddy – ich musste ihnen Bescheid sagen.

Mit meinem Bären rannte ich aus meinem Zimmer. Doch im Flur war niemand. Vorsichtig drückte ich mich an die Wand und schlich über die Treppe nach unten. Alles war leer. Doch die Geräusche gingen weiter. Es war dunkel, nur von unten schien Licht herauf.

Die Kellertür stand offen.

Ich durfte nicht allein da rein.

Nervös trat ich von einem Fuß auf den anderen. Mir war kalt und ich zitterte. Was, wenn Mommy in Schwierigkeiten war?

Wenn die Einbrecher sie nach unten gebracht hatten?

Ich schluckte und tastete nach dem Geländer. Es war schwer, mich festzuhalten, weil es über meinem Kopf war. Die großen Stufen konnte ich nur eine nach der anderen nehmen. Daddy konnte über zwei auf einmal springen, aber er war viel größer als ich.

Es roch komisch und ich presste die Hand vor den Mund.

Erleichterung durchflutete mich, als ich Daddy sah. Er stand mit seinen Freunden im Keller. Onkel Brock war da, Darius und Antonio, Sanchez und Marco und Fremde, die ich nicht kannte.

Erschrocken ließ ich Mister Bär fallen, als Dad einen Schritt nach vorn machte und einen jungen Mann schlug, der von zwei anderen gehalten wurde.

Als Helena mich geschlagen hatte, war er sehr böse geworden. Sie hatte Ärger bekommen. Auch, weil sie an meinen Haaren gezogen hatte.

Ich rannte los und klammerte mich an sein Bein. »Daddy! Nicht! Das darf man nicht.«

Seine Freunde lachten. Dad würde bestimmt Ärger von Großvater bekommen, wenn er nicht aufhörte.

Mein Vater sah wütend aus, hob die Hand und holte aus.

Der Mann, den Daddy verprügelt hatte, lachte. Dabei spuckte er Blut. »Du schlägst Kinder? Hast du keine bessere Methode, sie unter Kontrolle zu bringen? Wie alt ist sie? Vier? Fünf?«

»Halt’s Maul«, knurrte Daddy und nahm mich auf den Arm. »Warum bist du nicht im Bett, Aurelia?«

»Mir war warm.« Ich klammerte mich an seine Schulter.

Wieder lachte der Mann. Sein Gesicht war rot, seine Kleidung war kaputt, überall war Blut. Ich presste die Augen zusammen und begann zu weinen.

Mein Vater fluchte, dabei durfte man das auch nicht.

»Bringt es zu Ende«, wies Daddy Brock an.

Er trug mich zur Tür und hielt an, als der Mann rief: »Meine letzten Worte, Gaitán. Eines Tages wird sie dich ins Grab bringen!«

»Ich habe sie im Griff.«

»Red dir das nur ein, Arschloch.« Ein dumpfes Geräusch ertönte, dann ein Gurgeln. Ich presste die Augen fester zusammen.

Mein Vater nickte Brock zu und trug mich nach oben. Ich konnte nicht aufhören zu zittern.

Irgendwie …

Irgendwie hatte ich Angst vor Dad.

Kapitel 1

Der Schmerz war kurz und scharf, dann perlte ein perfekter Tropfen Blut hervor und lief langsam über das glänzende Metall. Ich drehte die Rasierklinge zwischen den Fingern.

Es wäre so leicht.

Zumindest stellte ich es mir leicht vor. Wahrscheinlich war es das nicht.

Außerdem war ich mir nicht sicher, was ich von dem ganzen Himmel-und-Hölle-Konzept halten sollte. Wer wusste schon, wohin ich als Selbstmörderin kommen würde? Das Risiko, später doch noch einmal mit meinem Vater zusammenzutreffen, war mir zu hoch. Erst betrieb ich den Aufwand, mich umzubringen, nur um dann mit ihm in Ewigkeit schmoren zu müssen?

Damit würde er zu leicht wegkommen. Viel zu leicht.

Ich fuhr zusammen, als es hinter mir rumpelte. Offenbar war Brock zurück. Ich schob die blutige Rasierklinge zwischen die Seiten des Buches, das auf dem Tisch neben mir lag, und griff nach meinem Bikini-Oberteil.

Als ob ich ihm einen Blick auf meine Brüste gönnen würde. Hastig schnürte ich die Schleife im Rücken neu und wartete mit klopfendem Herzen darauf, was er wollte.

Wie eine Wolke schob seine massige Silhouette sich vor die Sonne.

Ich hob die Hand und schirmte meine Augen ab, um gegen das Licht gewappnet zu sein, das sich wie ein Heiligenschein hinter seinem Kopf abzeichnete. Brock war vieles. Ein Heiliger jedoch ganz sicher nicht.

Er starrte auf meine Beine, meinen Bauch und ließ seinen Blick weiter nach oben wandern. Mein Herz schlug schneller, als ich bemerkte, dass mein rechter Nippel gerade eben vom Stoff verdeckt wurde.

Das hatte ich davon, es ausnutzen zu wollen, dass ich im Paradies eingesperrt war. Nur einmal badete ich in der Sonne und der Glöckner von Notre Dame kam direkt aus seinem Versteck.

»Was willst du, Brock?«

Meine Stimme klang glücklicherweise sehr viel zuversichtlicher, als ich mich fühlte.

Er ballte die Fäuste und das Knacken seiner Knöchel sorgte für eine ungute Ahnung in meinem Bauch. Eigentlich respektierte er als favorisierter Schläger meines Vaters dessen Entscheidungen. Trotzdem waren seine Nerven in der letzten Zeit so angespannt gewesen, dass selbst ich es gemerkt hatte.

Woran es lag, konnte ich nicht sagen. Natürlich vermutete ich, dass sich zu Hause in Las Vegas etwas geändert haben musste, nur hielt es niemand für nötig, mich zu informieren.

Außerdem würde ich mir eher die Zunge abbeißen, als Brock danach zu fragen. Ich hasste ihn mindestens ebenso sehr wie er mich.

Bei der Jobbeschreibung, die unter anderem Brandstiftung, Erpressung, Folter und Mord enthielt, hatte er sich sicher nie träumen lassen, eines Tages als besseres Kindermädchen zu enden.

Als unerwünschtes Dienstmädchen. Das musste ich wohl dazu sagen.

Seit sieben Jahren besuchte ich die »Schule« und die »Universität« in Paraty, Brasilien. Eine nette Bezeichnung für Online-Seminare und Hausarrest in einer hübschen Villa, in der vermutlich jeder andere gern Urlaub gemacht hätte.

Mit im Schlepptau hatte ich Brock, dessen Laune in den letzten Monaten kontinuierlich schlechter geworden war. Keine Ahnung, ob mein Erzeuger ihm irgendetwas versprochen und nicht eingehalten hatte. Seit er sich vor ein paar Wochen mit meinem Vater am Telefon gestritten hatte, war Brock unfassbar gereizt.

Nicht, dass wir uns vorher gut verstanden hätten.

Ich fuhr zusammen, als er seine Hand auf mein Knie legte. »Finger weg!«

»Oder?« Wie jedes Mal glich seine Stimme einem Grollen. Manchmal schien er nur mit Mühe in der Lage zu sein, ganze Sätze zu bilden.

»Oder ich sehe mich gezwungen, meinen Vater anzurufen.«

Brock verzog den Mund und schob seine Finger höher. »Solange sie noch lebt, waren seine Worte.«

Mir brach kalter Schweiß unter den Achseln aus. Das klang genau wie etwas, was mein Vater sagen würde. Ich schlug Brocks Hand weg, sprang auf und griff nach dem Buch. »Halt dich von mir fern.«

Brock trat gegen die Sonnenliege, die zwischen uns stand und mir eine Art Barriere bot. Obwohl ich das Ding massiv schwer fand, flog es in den Pool, wo es mit einem traurigen Glucksen unterging. »Sei froh, dass ich nur eine Stunde habe, bis wir zum Flughafen müssen.«

»Flughafen?« Meine Kehle wurde eng. »Warum?«

Er gab mir keine Antwort, sondern machte einen Satz auf mich zu. Hastig stolperte ich nach hinten. Dabei hielt ich das Buch wie ein Schutzschild vor mich.

»Nicht! Ich schwöre, dass ich mich umbringe und als Geist zurückkehre, nur um zuzusehen, was mein Vater mit dir macht, weil ich tot bin.«

Brock lachte. Es dröhnte durch den Garten und ließ sämtliche Härchen in meinem Nacken aufrecht stehen. »Was hast du vor? Das Papier essen? Hoffen, dass du erstickst?«

Ich schlug es auf, zauberte die Rasierklinge hervor und setzte sie an meinem Handgelenk an, nachdem ich das Buch achtlos hatte fallen lassen. »Keine halben Sachen, Brock. Also wirklich.«

Um ihm zu signalisieren, dass es mir ernst war, drückte ich die Schnittfläche in die Haut, bis Blut über meinen Unterarm lief.

Mit einem frustrierten Geräusch trat Brock zurück. »Verrückte Schlampe! Pack deine Sachen. In einer Stunde warte ich am Auto.«

»Wohin geht’s?«

»Heim.«

Mir wurde schwindelig. Ich wartete, bis er im Haus verschwunden war, dann ließ ich mich auf die heißen Fliesen sinken. Heim.

Ich wollte nicht nach Hause. Unter gar keinen Umständen.

Das Haar klebte auf meinem Rücken und ich verfluchte mich nicht zum ersten Mal dafür, dass ich es wieder hatte wachsen lassen. Die kurzen Haare waren so viel praktischer gewesen. Vor allem, weil sie meinen Erzeuger in den Wahnsinn getrieben hatten.


»Nein!«, brüllte ich und strampelte, doch die Männer waren viel stärker. Sie zerrten mich von Simon weg, als Brock ihm in die Rippen schlug. Mehrfach – und ich war mir sicher, beim letzten Hieb ein deutliches Knacken zu hören.

Blut tropfte bereits aus seiner Nase. Der Cut über seiner Augenbraue würde sicherlich genäht werden müssen. Simon landete auf den Knien, stützte sich mit den Handflächen ab und würgte.

»Mit besten Grüßen von Mister Gaitán. Niemand fasst seine Tochter an«, sagte Brock und holte aus, um ihn zu treten. In letzter Sekunde hielt er inne. Langsam drehte er sich um und herrschte seine Handlanger an: »Worauf wartet ihr? Bringt sie weg.«

Ich versuchte, mich aus der engen Umklammerung zu befreien. Leider hatte ich nicht die geringste Chance. Dabei gaben die Männer sich Mühe, mich nicht zu fest anzufassen, weil mein Vater es nicht mochte, wenn ich Blutergüsse hatte.

Zumindest nicht, wenn er nicht der Verursacher war.

Sie brachten mich zum Auto und verfrachteten mich ohne Umwege nach Hause.

Meine Eltern saßen beim Essen. Hätte die Hand meiner Mutter nicht gezittert, während sie die Gabel zum Mund führte, wäre ich fast geneigt gewesen, zu glauben, dass alles in Ordnung war.

Meiner älteren Schwester liefen Tränen über die Wangen. Dabei würden sie nichts von dem Ärger abbekommen, den ich mir eingehandelt hatte. Sie weinte nur, weil ich mal wieder die Idylle gestört hatte. Die Halluzination, die sie sich als Realität verkaufte, um mit ihrem Leben zurechtzukommen.

Mein Vater hob den Kopf, nickte den Männern zu und deutete auf den freien Stuhl. Es war gedeckt worden, das Essen stand zusammen mit meiner üblichen Dose Cola light auf dem Tisch.

»Setz dich.« Der Ton war stählern und eiskalt.

Ich wusste, dass er mich zwingen würde, wenn ich mich widersetzte, deshalb ließ ich mich nieder.

»Besser, mi corazón.«

Am liebsten hätte ich ihn angespuckt, ihm die Augen ausgekratzt oder sonst was – doch es wäre fruchtlos gewesen. Ich war erst siebzehn, was konnte ich gegen Teodoro Gaitán ausrichten? Selbst wenn ich es bis zur Tür schaffen würde, hätte ich nicht gewusst, wo ich hinsollte. Sobald ich alt genug war, würde ich Las Vegas und meine Familie hinter mir lassen.

Notfalls würde ich zur Polizei gehen. Mein Vater mochte meine Mutter und Schwester für dumm halten, aber in seinem Blick konnte ich die Bedrohung sehen, die ich darstellte. Als Kind hatte ich meine Augen und Ohren überall gehabt, mich hinter Vorhängen und in Schränken versteckt. Wenn er mich nicht selbst umbrachte, würde ich ihm den Rest seines Lebens verdammt schwer machen.

Ich griff nach dem Besteck und stellte mir vor, das Steak wäre sein Herz. Wie erwartet war es kalt. Ich konnte es kaum über mich bringen, einen weiteren Bissen zu nehmen. Stattdessen öffnete ich die Coke und trank einen Schluck direkt aus der Dose. Mein Vater sah meine Mutter an, der Tadel war kaum zu ignorieren.

Sie räusperte sich verlegen. »Aurelia, Schatz, bitte denk an deine Manieren.«

Ich tat, als hätte ich sie nicht gehört. Vielleicht hätte sie sich vorher überlegen sollen, ob es so gut war, einen verrückten, machtgierigen Kriminellen zu heiraten und ihm anschließend nur nutzlose Töchter zu gebären.

Meine Schwester war inzwischen fast volljährig. Ich war schon gespannt, wen mein Vater für sie aussuchte, um seine ranghöchste Position zu sichern. Nicht, dass er sie überhaupt hätte zwingen müssen. Denn Helena war ein Hündchen und nur darauf bedacht, ihm zu gefallen.

Irgendwann wagten meine Schwester und meine Mutter es, wieder die am Tisch übliche Konversation aufzunehmen, bis mein Vater ihnen mit einer Handbewegung Einhalt gebot.

»Warum musst du so rebellieren, mi corazón? Du wärst so ein schönes Mädchen, wenn du nur fügsamer wärst. Hübsches Gesicht, die langen Haare – nur dein Sturkopf stört.«

Ich hob den Blick. »Du magst meine Haare?«

Mein Vater schnitt ein Stück seines Fleisches ab. »Sí. Lange Haare sind eine Zierde für jede Frau.«

Helena schnappte nach Luft, weil ich ohne Erlaubnis meinen Stuhl zurückschob und aufstand. Ich stieß die Tür zur Küche auf, fand, was ich suchte, und ging direkt wieder zurück.

Alles an meinem Vater strahlte pure Wut aus. Es war mir egal. Ich hatte Simon, meinen ersten festen Freund noch zu deutlich vor Augen, wie er hinter dem MGM Grand verprügelt wurde.

»Aurelia«, bettelte meine Mutter entsetzt. Sie wollte aufstehen, doch mein Vater packte ihren Arm und zwang sie, sich wieder zu setzen. Dabei wimmerte sie vor Schmerzen. Ich wusste, wie fest er zupacken konnte, und beneidete sie nicht.

Trotzdem hob ich die Schere und setzte sie an meinem Zopf an, gleich am Hinterkopf. Nach wenigen Sekunden hatte ich die Haare in der Hand und warf sie meinem Vater auf den Teller. »Behalt sie, wenn du sie so toll findest.«

Gefasst verließ ich das Esszimmer, obwohl ich seine Schritte bereits hörte. Ich rannte los, aber er erwischte mich und packte meinen Nacken. Der Boden kam schlagartig näher. Flammender Schmerz durchfuhr mich, als ich mit der Stirn aufschlug. Sekunden später war er über mir, die Hände um meine Kehle gelegt.

Ich spürte den Druck, doch die Atemlosigkeit kam nicht.

Stattdessen zerrte er mich hoch und schubste mich in Brocks Richtung. »Bring sie weg.«

»Patrón?«, fragte er verwirrt.

»Du hast mich verstanden. Schaff sie mir aus den Augen, bevor ich sie umbringe.«

»Wohin, Patrón?«

»Egal. Hauptsache weg.«


Den ganzen Flug dachte ich darüber nach, wie wenig Lust ich hatte, ihm wieder unter die Augen zu treten. Sobald Brock nicht hinsah, würde ich flüchten. Weit weg.

Verdammt weit weg. So weit weg, dass dort niemand den Namen Gaitán mehr kannte.

Ich war volljährig und er konnte mich zu nichts zwingen. Nicht mehr.

Die freundliche Stewardess lächelte mich verunsichert an. Ich bemerkte, dass ich die Faust auf meiner Sitzlehne geballt hatte und meine Fingerknöchel weiß hervortraten.

»Champagner, Miss Gaitán?«

Gott. Wie ich den Namen hasste.

»Nein, danke.«

Brock grunzte in der Sitzreihe hinter mir und ich wünschte mir, ihn aus dem Flieger werfen zu können. Im Haus in Brasilien hatte ich ihn schon nicht ertragen, vierzehn Stunden mit ihm und der Stewardess in einer Blechdose eingesperrt zu sein, war nicht unbedingt besser.

Ich war erschöpft und wünschte mir sehnlichst eine Dusche, als wir endlich auf dem kleinen Privatflughafen nahe dem McArran International Airport landeten. Die Temperatur traf mich wie ein Hammer, nachdem ich im klimatisierten Flugzeug gesessen hatte.

Obwohl ich seit Jahren nicht mehr hier gewesen war, hatte ich nicht vergessen, wie sich der Juni in Nevada anfühlte. Die Sonne brannte und ließ die Luft auf dem Rollfeld flirren. Brock drängte mich zu dem Wagen, der auf uns wartete.

Ich kletterte auf die Rückbank, während ich versuchte, meine flatternden Nerven zu beruhigen. Mein Vater würde mich wohl kaum zurückholen, um mich umzubringen. Dazu hätte er Brock nur den Auftrag erteilen müssen.

Die zweite Variante beunruhigte mich noch mehr: Mein Vater wollte etwas von mir.

Etwas anderes konnte es nicht sein.

Unvermittelt hielten wir an und ich wurde aus meinen Gedanken gerissen. Warum parkte der Fahrer vor einer Kirche?

Meine Mutter stand auf der obersten Stufe, in ein schwarzes Kleid gehüllt. Mein Puls stieg auf unangenehme Weise nach oben. Leider befand sich mein Vater direkt neben ihr, er war also nicht tot. Alle Gäste trugen schwarz, drückten die Hand meiner Mutter, bevor sie in die Kirche strömten.

Der Blick meines Vaters fiel auf den Wagen, und obwohl ich noch nicht ausgestiegen war, glaubte ich, seine Augen selbst durch die dunkel getönten Scheiben auf mir zu fühlen.

Wo war Helena? Hätte sie nicht bei meinen Eltern stehen müssen?

Ich wandte mich an Brock und formte mit den Lippen lautlos ihren Namen. Er nickte knapp.

Kapitel 2

Ich konnte es nicht fassen. Niemand hatte mich vorgewarnt. Ohne ein Wort über den Tod meiner Schwester zu verlieren, war ich hierhergekarrt worden. Natürlich war ich nicht auf eine Beerdigung vorbereitet gewesen und fühlte mich in dem sonnengelben Tanktop und der weißen Jeansshorts dementsprechend deplatziert.

Die Beerdigung meiner Schwester – und ich sah aus, als würde ich auf ein Tennismatch warten.

Eher widerstrebend war ich ausgestiegen. Ein Mann, an den ich mich noch vage von früher erinnern konnte, kam mir entgegen und ließ mir mehr oder weniger keine Wahl, als mich bei ihm einzuhaken.

»Mein Name ist Dean«, erklärte er, während er mich die Stufen hoch führte, geradewegs auf meine Eltern zu. »Helena und ich hätten in drei Monaten heiraten sollen.«

»Das tut mir leid«, gab ich aus Reflex zurück, obwohl ich ihn gar nicht kannte und nicht einmal den Schock darüber verdaut hatte, dass meine Schwester tot sein sollte. Allerdings waren geschmacklose Scherze nie eine Vorliebe meiner Familie gewesen, also musste es wohl stimmen. »Woran ist sie gestorben?«

Dean tätschelte meine Hand und atmete durch. Verstohlen betrachtete ich ihn dabei von der Seite, um ihn zu studieren. Sah er wie jemand aus, den Helena freiwillig gewählt hatte, oder waren die Finger meines Vaters im Spiel gewesen? Sein Jackett war gut geschnitten, dennoch konnte ich die Umrisse der Waffe ausmachen, die er darunter trug.

Seine Haare waren eigentlich zu lang und lockig. Sie berührten fast den Kragen seines dunkelblauen Hemds. Ich wunderte mich, dass er kein Schwarz trug, doch dabei durfte ich mich vermutlich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Ertappt senkte ich den Blick. Eine Beerdigung war wohl kaum ein guter Zeitpunkt für Situationskomik.

Er hatte einen Bart und braune Augen, aus denen er mich mitleidig betrachtete. »Helenas Herzfehler.«

Die Art und Weise, wie er es sagte, verdeutlichte mir, dass ich offenbar hätte wissen müssen, worum es ging. Nur hatte meine Schwester keinen Herzfehler gehabt.

Mir wurde kalt. Zur Mittagszeit unter der brennenden Sonne mitten in Nevada wurde mir eiskalt. Ich nickte verständnisvoll und richtete den Blick auf meine Eltern.

Das Gesicht meiner Mutter glich, von den geröteten Augen abgesehen, einer steinernen Maske. Mein Erzeuger schaute missbilligend auf die kurzen Shorts.

Dein Pech, Arschloch, dachte ich mir. Wenn mir niemand sagte, warum ich hergezerrt wurde, konnte ich mich kaum auf die Umstände einstellen.

»Hallo Liebling«, sagte meine Mutter und streckte die Hand aus, um über meine Wange zu streichen. Mit gerecktem Kinn wich ich zurück, sodass sie mich nicht berühren konnte.

»Zeig deiner Mutter Respekt, mi corazón.«

Ich konnte nicht antworten, denn es kostete mich alles an Selbstbeherrschung, ihm nicht ins Gesicht zu spucken. Hätte ich gekonnt, wäre ich noch in dieser Sekunde weggerannt.

Daran war nicht zu denken, so fest, wie Dean mich hielt. Außerdem befand sich Brock nur wenige Schritte hinter mir.

Auf dem Friedhof. Wenn wir später alle zum Friedhof fuhren und am Grab standen, würde ich die Gelegenheit nutzen. Viele Leute, die herumstanden – das war der perfekte Moment, um zu verschwinden. Bis dahin würde ich durchhalten.

Tapfer hielt ich dem Blick meines Vaters stand, ohne auch nur die geringsten Anstalten zu machen, meiner Mutter entgegenzukommen. Sie ließ den Arm sinken und schaute weg. Das überraschte mich nicht. Sie war nie in der Lage gewesen, sich gegen irgendwen durchzusetzen, sei es ihre Tochter oder ihren kriminellen Ehemann. Nur dass ich meine Meinung nicht in sie hineinprügeln musste, wie mein Vater es so gern tat.

Wenn ich ehrlich war, hatte ich nie verstanden, was sie überhaupt an ihm gefunden hatte, geschweige denn, warum sie bei ihm geblieben war. Er war ein Ekelpaket der Extraklasse. Herzlos, brutal und selbstgerecht. Eine fabelhafte Mischung.

Trotz meiner Verachtung für ihn schnürte sich meine Kehle zu, als er erneut auf meine Schenkel schaute. Ich widerstand dem Impuls, mein Gewicht von dem einen Bein auf das andere zu verlagern. Stattdessen tröstete ich mich mit dem Gedanken, später zu fliehen. Es musste einfach funktionieren, denn ich würde eher sterben, als auch nur eine Nacht unter dem Dach meines Vaters zu verbringen. Brock nickte mir zu, damit ich mich in Bewegung setzte. Ich hatte den leichten Zug an meinem Arm gespürt, als Dean in die Kirche hatte gehen wollen. Doch ich war noch nicht bereit.

Erst als Brock Anstalten machte, mich anzufassen, folgte ich Dean in das kühle Gebäude.

Ich bemerkte die irritierten Blicke der anderen Gäste, als ich in meinem sommerlichen Outfit die Kirche betrat und vom Verlobten meiner Schwester bis in die erste Reihe geführt wurde. Eingequetscht zwischen ihm und Brock hockte ich auf der schmalen Bank. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich so schnell zurück nach Brasilien sehnen würde.

Babette saß auf der anderen Seite des Ganges, schniefte und wischte sich immer über die Nase. Sie war Helenas beste Freundin gewesen, als ich nach Paraty verfrachtet worden war. Ihrem emotionalen Zustand nach zu urteilen, hatte sich an der Beziehung zwischen ihnen nichts geändert.

Ich suchte in mir nach dem Wunsch zu weinen oder zumindest nach Trauer. Doch es fiel mir schwer. Helena und ich hatten uns nicht nur nie verstanden, ich hatte sie in den letzten sieben Jahren kein einziges Mal gesehen. Mum hatte wenigstens einen Anstandsbesuch unternommen und mein Erzeuger rief einmal in der Woche an, um sicherzugehen, dass ich noch lebte. Nur meine Schwester schien meine Existenz vergessen zu haben. Ich vermutete, es war ihr nicht einmal schwergefallen, mich aus ihrem Leben zu streichen, so unbequem, wie ich stets gewesen war.

Die Predigt zog an mir vorbei, sämtliche anwesenden Frauen schienen sich die Seele aus dem Leib zu weinen. Dean saß mit steinerner Miene neben mir. Auch Brock und mein Vater zeigten keine Regung. In regelmäßigen Abständen schluchzte meine Mutter. Obwohl mein Erzeuger den Arm um sie gelegt hatte, um den Anschein zu wahren, wirkte sie einsam und verloren. Es war eine nüchterne Beobachtung, die mich rein gar nichts fühlen ließ.

Ich spürte, dass er mich musterte. Es war besser für uns beide, wenn ich vorgab, es nicht zu merken. Seine Aufmerksamkeit war das Letzte, was ich wollte. Schon gar nicht, wenn ich eingekeilt zwischen seinen Handlangern saß.

Das Gesangbuch lag auf meinen Knien und wieder musste ich umblättern. Da ich nicht singen konnte und kein Verlangen spürte, dieses Laientheater mitzumachen, tat ich gar nicht erst so, als würde ich mich beteiligen wollen. Nach jedem Gebet dachte ich, es wäre vorbei, doch dann wurde ein neues Lied angestimmt. Wurde auf Beerdigungen so viel gesungen? Für mich fühlte sich alles hinausgezögert an. Ich konnte riechen, dass Brock trotz der Kälte in der Kirche zu schwitzen begann. Angewidert verzog ich das Gesicht.

Herrgott! Wie lang konnte so ein verdammter Gottesdienst denn gehen? Es prickelte in meiner Magengegend, weil ich nur noch an meine Flucht denken konnte. Ich hätte beunruhigt sein sollen, denn ich hatte keinen Plan, wo ich hin oder was ich tun sollte. Aber alles war besser, als in mein verdammtes Elternhaus zurückzukehren und mich in seine Klauen zu begeben.

Mit einem gütigen Gesichtsausdruck faltete der Priester einen Zettel auseinander. »Helenas Freundin Babette möchte ein paar Worte sagen.«

Sie nickte, stand auf, doch statt hinter das Rednerpult zu treten, blieb sie mitten vor dem Altar stehen. Ein paar weitere Mädchen erhoben sich und nahmen eine Art Formation ein. Ich runzelte die Stirn, während ich bereits die Ahnung hatte, dass mein Outfit gleich nicht mehr das Unangemessenste in dieser Kirche sein würde.

Die ersten Klänge eines bekannten Popsongs ertönten und ich erstarrte auf der Bank. Grundgütiger! Sie würden doch nicht etwa tanzen wollen?

Mir fiel wieder ein, dass Helena mit ungefähr acht oder neun Jahren angefangen hatte, Ballettunterricht zu nehmen. Hatte sie da nicht sogar Babette kennengelernt? Grazie, Eleganz und Taktgefühl waren mir schon immer vollkommen abgegangen, weshalb ich keinen Spaß am Unterricht gehabt hatte. Außerdem hatte ich schon früh gemerkt, dass ich mir nur schlecht sagen lassen konnte, was ich zu tun hatte. Die gebellten Befehle der osteuropäischen Ballettlehrerin hatten nichts anderes getan, als meinen Unmut und Trotz zu schüren.

Später war Helena zu allen möglichen Zeiten gekommen und gegangen, ohne mir zu sagen, wohin sie wollte. Ich hingegen war in mein Zimmer gesperrt worden, bis ich gelernt hatte, die Schlösser zu knacken. Die Betonung lag hierbei auf dem Plural. Schlösser. Jedes komplexer und schwieriger aufzubekommen als das vorherige. Mein Vater hatte leider ebenso dazugelernt wie ich.

Die Anspannung zog sich nur ein paar weitere Sekunden hin, dann begannen Helenas Freundinnen tatsächlich mit einer Art Performance.

Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. So bitter es war, ich kannte meine Schwester nicht gut genug, um sagen zu können, ob es ihr gefallen hätte. Mein Problem war eher das Grinsen, das sie alle auf ihrem Gesicht festgetackert hatten. Sie wirkten nicht wie junge Leute, die eine gute Freundin verloren hatten, sondern wie Cheerleader bei einem nationalen Wettbewerb in der Endausscheidung.

»Aufhören!«, brüllte meine Mutter plötzlich und sprang mit geballten Fäusten auf. »Hört auf! Sofort! Aufhören …« Sie schlug die Hände vors Gesicht. Ihre Schultern bebten vor Schluchzen. Mein Vater erhob sich, legte den Arm um sie und wollte sie wieder auf die Bank ziehen.

Dann passierte etwas, das ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt hatte: Meine Mutter stieß ihn zur Seite.

In all den Jahren hatte ich nie gesehen, wie sie sich gegen ihn wehrte. Bevor er wieder nach ihr greifen konnte, rannte sie zum Sarg und öffnete den Deckel. »Sieht das aus, als sollten wir es mit einem lächerlichen Tanz feiern?« Ihre Stimme überschlug sich am Ende des Satzes. »Wie kann man so wenig Anstand haben? Nach allem, was passiert ist …« Ihre Stimme verlor sich am Ende des Satzes und sämtliche Kraft schien aus ihrem Körper zu weichen. Mein Vater packte ihre Oberarme und drückte sie zurück auf die Bank.

Ich verstand nicht, worum es ging. Mir fehlten vermutlich die letzten sieben Jahre. Dean stöhnte leise und rieb sich über die Augen. Niemand achtete auf mich, weshalb ich die Gelegenheit nutzte, selbst aufzustehen. Mit vier schnellen Schritten überbrückte ich die Distanz zum Sarg. Vorbei an der heulenden Babette, meiner aufgelösten Mutter und dem völlig überforderten Priester.

Mir wurde schlecht. Ich drehte mich um und würgte. Da kam schon Dean auf mich zu. Der eiserne Griff um mein Handgelenk ließ keinen Zweifel daran, dass ich ihm besser folgen sollte.

»Ich dachte, sie hatte einen Herzanfall«, sagte ich, als er mich mit sich zerrte.

Er gab keine Antwort.

»Warum fehlt dann ihr halber Kopf?«

Wieder sagte er nichts. Vor meinem Vater blieb er stehen. »Soll ich auf dem Weg zum Friedhof auf sie aufpassen?«

Ohne mich anzusehen, nickte mein Erzeuger und Dean zog mich aus der Kirche. Der Gottesdienst hatte offensichtlich ein abruptes Ende gefunden.

Ich versuchte, mich loszumachen. »Was ist passiert? Ist Helena umgebracht worden?«

Dean blieb stehen, sodass ich in ihn hineinstolperte. Schmerzhaft umklammerte er meine Schultern. »Du hast sie gesehen. Was meinst du, was passiert ist, Aurelia?«

Mir war klar, dass er meine Frage trotzdem nicht beantwortet hatte.