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Papierverzierer Verlag, Essen


Herausgeber: Benjamin Kiehn, Stephanie Kempin, Sandra Baumgärtner

Das Urherberrecht der einzelnen Geschichten und Texte liegt bei den jeweiligen Autoren.

Autorin der Zwischenberichte (Defragman, Hannes Hahrhuusen, Franz Rudolf Gilzern): Sandra Baumgärtner

Lektorat: Stephanie Kempin, Papierverzierer Verlag

Coverbild: Fantasio // Oliver Wetter

Umschlaggestaltung: Legendary Fangirl Design // Tina Köpke

Herstellung, Satz: Papierverzierer Verlag


Der Gewinn dieses Buches geht an die Stiftung Fit4Charity e.V.


Alle Rechte vorbehalten.

Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.


ISBN 978-3-95962-018-5


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Vorwort



von Gesa Schwartz





Of course you don´t believe in fairies. You´re fifteen. You think I believed in fairies at fifteen? Took me until I was at least a hundred and forty. Hundred and fifty, maybe.

(Neil Gaiman, The Sandman Vol. 6: Fables and Reflections)



Wir leben in einer Wüste. Nicht in einer magischen Wüste wie im Zauberer von Oz, auch nicht in einer Steinwüste oder einer Wüste der Farben. Unsere Wüste ist auf den ersten Blick gar nicht unbedingt zu sehen. Aber wir können sie fühlen, und manchmal wird uns bewusst, wie groß sie inzwischen geworden ist – und wie entsetzlich. Michael Ende hat sie die Zivilisationswüste genannt: eine von allen Wundern verlassene, abgehäutete und ebenso wesen- wie wertlose Welt. Viele Jahre ist das inzwischen her, und seitdem hat die Wüste Ausmaße angenommen, dass man fast meinen könnte, sie wäre ebenso grenzenlos wie Phantàsien. Natürlich sind wir selbst dafür verantwortlich, wie diese Welt aussieht, schon klar. Aber das bedeutet ja nicht, dass wir nicht hin und wieder darüber jammern dürfen … oder dass wir nicht versuchen könnten, etwas daran zu ändern. Denn es gibt sie noch: die Verrückten, die Kindsköpfe, die Spinner und Träumer, die sich nach Wundern sehnen und nach Abenteuern und Hoffnung, und die kein Geheimnis daraus machen, dass sie die Welt verflucht noch mal nicht so lassen wollen, wie sie eben ist.

Drei dieser Wahnsinnigen sind die Herausgeber dieser Anthologie Sandra Baumgärtner, Stephanie Kempin und Benjamin Kiehn. Letzterer organisiert mit dem Fantasy- und Rollenspielkonvent (kurz FaRK) alle zwei Jahre eine Veranstaltung, die dem Besucher auf 20.000 qm ein buntes Programm mit Lesungen, Konzerten, Shows, Händlern und Ausstellern bietet. Nicht nur wird der Erlös vollständig dem wohltätigen Zweck gespendet. Darüber hinaus fungiert der Konvent angesichts seiner Themen als Oase in der oben genannten Wüste und ist längst eine feste Größe in der Szene geworden, indem er allein durch seine Existenz das vorantreibt, was überlebensnotwendig geworden ist: die Poetisierung unserer Welt.

Nun hat diese besondere Veranstaltung ihre erste eigene Anthologie bekommen (auch deren Erlös wird komplett gespendet), zu der namhafte Autoren eine Geschichte beigetragen haben. Der gemeinsame Hintergrund dieser Geschichten ist folgender: Ein Meteorit zerbricht in zahlreiche Splitter, die sich über ganz Deutschland verteilen und auf magische Weise bestimmte Fabelwesen anlocken. Diese haben sich bislang – ganz nach den Gesetzen der Zivilisationswüste – von den Menschen ferngehalten. Der größte Brocken des Meteoriten ist auf dem FaRK-Gelände aufgekommen und zieht die kleineren Splitter durch die ihm innewohnende Kraft unaufhörlich an. Die Fabelwesen folgen diesem magischen Ruf und machen sich auf eine Reise, in deren Verlauf sie von einem Sternentor bei einem Ort namens FaRK hören. Fortan hegen sie die Hoffnung, dass sie durch dieses Tor in eine andere Welt gelangen können … irgendwohin, wo es ihnen besser ergeht als in unserer Welt. Was geschieht, als die Kreaturen schließlich auf dem Konvent eintreffen, verrate ich an dieser Stelle natürlich nicht. Sicher ist jedenfalls, dass den geneigten Leser eine breite Palette unterschiedlichster Geschichten erwartet. Den Autoren wurden die Figuren per Wildcard zugelost, und so finden sich Heinzelmännchen, Rübezahl, Frau Holle und viele weitere bekannte Sagengestalten Deutschlands in Situationen wieder, die so manches gewohnte Bild von ihnen gehörig auf den Kopf stellen.

Es ist nicht immer leicht, an diese Fabelwesen zu glauben – jene Kreaturen also, von denen vermutlich jeder Leser dieser Zeilen hin und wieder heimlich hofft, ihnen einmal zu begegnen, dort draußen, in der wirklichen Welt, was auch immer das bedeutet … und gleichzeitig über sich selbst die Augen verdreht angesichts dieses albernen Gedankens. Vielleicht haben wir das Wissen ihrer Existenz vergessen, vielleicht müssen manche von uns tatsächlich sehr alt werden, um wieder ohne schlechtes Gewissen Kind sein zu können. Aber es liegt an uns, die Welt – innen wie außen – wieder bewohnbar zu machen und ihr ihre Bedeutung und ihr Geheimnis zurückzugeben. Und möglicherweise gelingt es den Geschichten in dieser Anthologie, den Prozess ein wenig zu beschleunigen. Vielleicht können sie den Vorhang flattern lassen, den wir zwischen unserer Innenwelt und der sogenannten Realität gezogen haben, und das ganze verkehrte Wesen mit einem Zauberwort zum Teufel schicken, wie der große Romantiker Novalis es prophezeit hat. Denn ohne jeden Zweifel ist seine Forderung heute so aktuell wie noch nie: Die Welt muss romantisiert werden. Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.

Und was dann? Nun … dann wird leider auch offenbar werden, dass die Autorin dieses Vorworts nicht die ganze Wahrheit gesagt hat (auch sie ist nicht nur verrückt wie die meisten anderen Schreiberlinge, sondern ebenso wie diese eine berufsbedingte Lügnerin). Denn die Wüste, um die es eigentlich geht, liegt nicht irgendwo da draußen. Sie liegt in uns. Sie kann uns verhungern und verdursten lassen, aber sie wandelt sich auch, wenn wir uns verwandeln. Dann sehen wir es wieder, das Geheimnisvolle, das uns überall umgibt. Und wenn das geschieht, erinnern wir uns an das, was wir doch insgeheim die ganze Zeit über gewusst haben: Wir leben nicht in einer Wüste. Wir leben in einer Welt der Wunder.



Gesa Schwartz

Hamburg, im April 2017