Acht Horst Weymar Hübner Arztromane für den Sommer 2017

Horst Weymar Hübner

Published by Uksak Sonder-Edition, 2017.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Acht Arztromane für den Sommer 2017

Copyright

Dich darf ich nicht verlieren!

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

Diagnose „Eifersucht“

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

OP-Schwester Marga

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

Und wieder beginnt ein Tag ...

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

Nochmal vier Dr. Winter Arztromane für den Strand

Copyright

Diese Augen klagen an

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

Ich verzeih’ dir nie!

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

Tage der Angst

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

Sign up for Horst Weymar Hübner's Mailing List

Further Reading: Acht Glenn Stirling Liebesromane für den Strand

Also By Horst Weymar Hübner

About the Publisher

Acht Arztromane für den Sommer 2017

von Horst Weymar Hübner

Bewegende Romane um Liebe, ärztliche Diagnosen und schicksalhafte Lebenswege. Auch wenn die Hoffnung zunächst gering ist - am Ende siegt die Liebe.

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1200 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende vier Romane:

Dich darf ich nicht verlieren! - Dr. Florian Winter Band 1

Diagnose „Eifersucht“  - Dr. Florian Winter Band 2

OP-Schwester Marga - Dr. Florian Winter Band 3

Und wieder beginnt ein Tag ... - Dr. Florian Winter Band 4

Diese Augen klagen an - Dr. Florian Winter Band 5

Ein Baby ist mein Herzenswunsch - Dr. Florian Winter Band 6

Ich verzeih' dir nie! - Dr. Florian Winter Band 7

Tage der Angst - Dr. Florian Winter Band 8

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Dich darf ich nicht verlieren!

Dr. Florian Winter  Band 1

von Horst Weymar Hübner

Walter Becker macht sich Sorgen um seine Frau Eva-Maria. Und das zu Recht: Denn die körperlichen Beschwerden, von denen sie geplagt wird, deuten auf nichts Gutes hin. Ihr achtjähriges Töchterchen soll nichts davon erfahren, dass die Mama zur Untersuchung in die Klinik kommt, zu Dr. Florian Winter. Die Diagnose-Maschinerie des Krankenhauses rollt unaufhaltsam an – und ihr bisheriges Eheleben zieht wie ein Film vor dem geistigen Auge an ihnen vorüber. Höhen und Tiefen, Freude und Leid. In dieser Krise erkennt Walter, was ihm seine Frau wirklich bedeutet. Stunden quälender Ungewissheit muss er aushalten. Und dann kommt der Befund ...

1

Beim Frühstück kehrte der niederträchtige Schmerz mit vehementer Wucht wieder. Eva-Maria konnte gerade noch die Kaffeekanne absetzen; dann krümmte sie sich. Hoffentlich merkt Walter nichts, dachte sie beklommen. Es ist bestimmt gleich vorbei. Nur wieder ein Anfall. Er hat doch genug Ärger um die Ohren. Da kann ich ihn nicht auch noch mit meinen Problemen belästigen. Seit ein paar Tagen ist er ohnehin völlig verändert. Mürrisch und unausgeglichen. Er gibt mir die Schuld, ich spüre es. Aber ich kann doch nichts dafür!

Die letzten vierzehn Tage hatte sie ihn immer wieder abgewiesen und Unpässlichkeit vorgeschützt. Gott, was waren die Männer manchmal dumm!

2

Vier, fünf Tage, das ging ja noch. Das war normal. Vierzehn Tage waren das nicht mehr. Dennoch hatte Walter kein Gespräch gesucht und keine Fragen gestellt, der er doch sonst sehr verständnisvoll und sehr besorgt um das Wohlergehen ihrer kleinen Familie war.

Nur brummig war er geworden.

Sie hatte so gehofft, der dumpfe Druck und das Völlegefühl im Unterleib würden von allein wieder verschwinden, und alles könnte wie zuvor sein.

Statt dessen hatten sich die Beschwerden verstärkt. Seit drei Tagen kamen infame Schmerzanfälle mit Stichen hinzu, die ihr den Leib zu zerreißen schienen.

Gestern hatte eine starke Blutung eingesetzt, völlig außer der Zeit.

Sie hatte Hermann anrufen wollen, einen Jugendfreund. Er war Arzt an einer Klinik in Bonn. Manchmal kam er auf einen kurzen Besuch vorbei Vielleicht wusste er Rat. Wegen eines schmerzhaften Unwohlseins lief sie schließlich nicht gleich zum Frauenarzt.

Aber dann kam Martina aus der Schule, zeigte mit einem Flunsch die umfangreichen Hausaufgaben vor, die sie aufbekommen hatte, und erklärte mit der ganzen Überzeugung und dem Gewicht ihrer acht Lebensjahre, die Mathelehrerin sei ja unheimlich doof und hätte von nichts eine Ahnung.

Nachmittags schaute die Nachbarin herein, um sich einigen Kummer von der Seele zu reden. Ihr Mann scharwenzelte um seine Sekretärin herum, machte in Midlife Krisis, und wie es aussah, drohte der anfänglich harmlose Flirt in eine handfeste Affäre auszuarten.

Als es Abend war, hatte Eva-Maria natürlich nicht bei Hermann Mittler angerufen.

In der Nacht waren die irrsinnigen Schmerzen zweimal gekommen. Als schließlich der Wecker ging, hatte sie sich wie gerädert gefühlt. Da hatte sie sich geschworen, heute wirklich zu telefonieren und nichts dazwischenkommen zu lassen.

Walter rührte versunken in der leeren Tasse und blieb ins Studium der Zeitung vertieft. Die Unsitte des Zeitunglesens beim Frühstück hatte er sich in all den Jahren nicht abgewöhnt.

Jetzt merkte er, dass sein Löffel keinen Widerstand in der Tasse fand und das leise Klirren ganz anders als sonst klang. Er blickte hoch, abwesend und noch ganz bei den Schlagzeilen von Wirtschaft und Politik, und hörte Tina in kindlich mitfühlendem Ton sagen: „Jetzt kneift’s die Mami aber wieder tüchtig im Bauch!“

Sein abwesender Blick kehrte in die Wirklichkeit und an den Frühstückstisch ihrer kleinen Familie zurück.

„Kneift? Im Bauch?“ Er sah die abgestellte Kanne, die leere Tasse und dahinter seine Frau in unnatürlicher Haltung. Eva-Marias Gesicht war schmerzverzerrt und bleich, auf der Stirn perlte feiner Schweiß.

Mit einer jähen, fast wilden Behändigkeit kam er vom Stuhl hoch, den Ausdruck größter Besorgnis im Blick. Achtlos flog die Zeitung zu Boden.

„Seit wann hast du das?“ Seine Hand legte sich behutsam auf ihre Stirn. „Eine Erkältung vielleicht? Letzte Woche hast du doch im Steingarten gearbeitet, da ging ein ziemlich kühler Wind.“ Die Stirn war kühl. Verwundert nahm er die Hand weg. „Wo sitzt der Schmerz?“ Das war wieder seine besorgte Stimme, wie sie sie schon lange nicht mehr gehört hatte. Ja, damals, als sie mit Martina schwanger war. Aber das war lange her.

Seine plötzliche Fürsorge tat ihr gut. Zaghaft sagte sie: „Im Leib. Und im Rücken.“

„Seit wann?“, wiederholte er.

„Ein paar Tage schon. Ich dachte, es ginge so vorbei. Nachher rufe ich Hermann an. Das habe ich mir fest vorgenommen.“

„Wozu Hermann, mein Schatz? Der ist in Bonn, und das ist ein bisschen weit, meine ich. Du willst dich doch von ihm untersuchen lassen. Nicht?“ Er sah, dass sie die Arme um den Leib gepresst hielt und bemüht war, das vor ihm zu verbergen. „Dann rufe ich Scharnitz an. Besser noch, ich bringe dich gleich runter zu ihm.“

Sie lächelte tapfer und schüttelte den Kopf. „Es ist gleich vorbei, ich kenne das schon. Es kommt und geht.“

„Seit ein paar Tagen!“, hielt er ihr die eigenen Worte vor. „Das kann kein Dauerzustand werden. Bitte, mache dich fertig. Ich nehme dich mit runter in die Stadt.“

Der grässliche Schmerz ließ allmählich nach. Eva-Maria richtete sich auf. „Siehst du, es geht schon wieder.“ Sie brachte die Arme zum Vorschein, griff nach der Kanne und schenkte ein. „Außerdem kommst du zu spät. Und zu Doktor Scharnitz will ich nicht.“

Er hörte den Unterton. „Was hast du gegen ihn? Er hat unser Tina Mäuschen geholt, und du warst sehr zufrieden mit ihm.“

„Vor acht, vor neun Jahren, ja. Bitte, lass mich erst mit Hermann sprechen. Ich lege Wert auf seinen Rat.“

Ihre Abneigung gegen einen Besuch bei Dr. Scharnitz war nicht zu übersehen. Er machte gar nicht erst den Versuch, sie umzustimmen. Dunkel erinnerte er sich an alten Klatsch, der Jahre zurücklag. Scharnitz wurde eine Liaison mit einer Kollegin nachgesagt. Genaues war nie herausgekommen. Der Mann galt weiterhin als ausgezeichneter Frauenarzt.

Möglich, dass dieses alte Gerücht den Ausschlag gab. Eva-Maria war in Dingen der Moral konservativ und konsequent. Untreue war etwas, das niemals ihre Billigung fand und das sie auch nicht tolerierte.

Vielleicht war an der Sache damals auch mehr dran. Frauen pflegten meist besser informiert zu sein.

Er betrachtete sie besorgt. Sie gewahrte, wie eine stille, verhaltene Zärtlichkeit in seinen Blick kam.

„Du kannst auch den Wagen haben“, bot er ihr an. „Ich nehme die S-Bahn.“

„Das ist wirklich nicht nötig, Walter. Sobald ich euch zwei aus dem Haus habe, rufe ich in Bonn an.“ Sie schaute auf die Uhr. „Du musst dich beeilen.“

Er ging zu seinem Stuhl und hob die Zeitung auf. „Der Ärger erwischt mich noch früh genug. Und im Büro kennen sie mein Gesicht.“ Prüfend und eindringlich blickte er sie an. „Auf elf Uhr ist eine Konferenz angesetzt, der Etat fürs nächste Jahr soll um dreißig Prozent gekürzt werden. Schwer zu sagen, wann ich da herauskomme. Ich rufe dich besser vorher an.“

„Wozu?“ Ihre ganze Haltung drückte Ablehnung aus. Sie fühlte sich gedrängt. Das mochte sie nicht.

„Um zu hören, was dein Hermann meint. Ich bezweifle allerdings, dass er dir von großem Nutzen ist. Ein Arzt muss seinen Patienten vor sich sehen. Er wird dir raten, hier zum Doktor zu gehen.“

„Ich will ja gar keine Diagnose von ihm gestellt haben. Nur seine Meinung möchte ich hören. Außerdem ist er nicht mein Hermann“, verwahrte sie sich vorsorglich.

„Er hätte es gut werden können, wenn ich mich nicht mehr ins Zeug gelegt hätte als er. Immerhin hat er mir voraus, dass ihr euch schon im Sandkasten geprügelt habt. Das verbindet.“

„Werde nicht kindisch, Walter. Er hat mich nie geprügelt.“

„Aber du ihn. Er hat es mal erzählt, ich entsinne mich.“ Seine Augen blickten vergnügt.

Sie atmete auf. Seine brummige Laune der letzten Tage war wie weggewischt. Diese phänomenale Wandlungsfähigkeit faszinierte sie immer wieder.

Er konnte mit Ausdauer und Sturheit und tiefem Ernst einen Standpunkt im Gespräch vertreten, bis plötzlich ein Stichwort, eine Geste oder eine Entgegnung den Umschwung bei ihm auslöste. War er eben noch ein erbitterter Debattieren zeigte er sich im nächsten Augenblick als unterhaltsamer launiger Plauderer, der auch einem derben Flachs nicht abgeneigt war.

Seine Anspielung auf die Sandkastenabenteuer im zarten Kindesalter ließ sie lächeln. Irgendwie schaffte er es immer, einer Begebenheit eine spaßige Seite abzugewinnen.

Das war wohltuend, und sie wusste nur zu genau, wie oft er sie damit schon ins Gleichgewicht gebracht hatte, wenn sie niedergeschlagen war.

Liebevoll beobachtete sie ihn, wie er Tina den Schulranzen hinhielt, sein Jackett von der Garderobe nahm und den Wagenschlüssel suchte, der wie immer auf der Ablage deponiert war. Er wühlte jedoch immer erst in den Taschen.

Mit einem Lachen voll diebischer Freude schnappte Martina nach dem Schlüssel und hielt ihn triumphierend hoch. „Da ist er doch, Papi!“

Es gab das übliche Gerangel um den Schlüssel. Dann ergriff er den Aktenkoffer und kam noch einmal herein, trank den letzten Schluck Kaffee und gab ihr einen Kuss.

Es war eine Zeremonie, die sich etwas abgenutzt hatte. Dennoch mochte sie diese morgendliche Verabschiedung nicht missen.

Heute kam ihr sein Kuss weniger flüchtig vor.

War das eine liebenswürdige Aufmerksamkeit oder Ausdruck seiner Sorge um ihre Gesundheit?

Er durfte sich nicht damit belasten. Nicht heute, wo es in seiner Firma um wichtige Entscheidungen ging.

Die ganzen Jahre hatte er sie an den Vorgängen im Büro teilhaben lassen, hatte mit ihr prekäre Situationen besprochen und sie um ihre Meinung gefragt. Er liebte seinen Beruf, und er nahm ihn ernst.

Gerade heute musste er alle Gedanken beisammen haben, durfte nicht abgelenkt sein.

Sie deutete auf seinen Aktenkoffer. „Bedeutet die Etatkürzung Entlassungen?“

Er sollte das Gefühl und die Gewissheit mitnehmen, dass sie sich mit seinen Sorgen und Nöten befasste, dass sie ihm eine Stütze war und er jederzeit auf sie zählen konnte, soweit sie etwas von den Dingen verstand.

Ein Schatten flog über sein Gesicht. „Es wird nicht ohne abgehen. Aber zerbrich dir nicht meinen Kopf. Tschüs, mein Schatz, und halt die Ohren steif!“

In der Diele steckte er sich seine Zigarette an, ohne die er morgens nie das Haus verließ. Der strenge Rauch des schwarzen Krautes zog ins Esszimmer.

Jetzt musste die Haustür klappen.

Eva-Maria vermisste das altvertraute Geräusch. Statt dessen hörte sie ein Tuscheln.

Sicher Martina, die versucht, ihm ein paar Groschen abzuluchsen, um sie im Geschäft gegenüber der Schule in Süßigkeiten umzusetzen, dachte sie.

Doch dann hörte sie Tina wispern: „Doch, Paps, unheimlich lang schon. Als ich vom Schwimmen kam, hat sie sogar geweint. Ich musste gleich Schulaufgaben machen, aber ich hab’s doch gemerkt. Und noch eine Weile ganz deutlich gehört ...“

Jäher Schreck erfasste sie.

Der Nachmittagsschwimmunterricht war vor drei Tagen gewesen. Sie erinnerte sich, dass sie gerade den zweiten Schmerzanfall hatte, als Tina an der Haustür schellte.

Sie hatte sich bemüht, sich nichts anmerken zu lassen.

Vergebens, wie sich jetzt herausstellte. Kinder sind überaus hellhörig, gerade in diesem Alter. Und sie erweisen sich als gnadenlose Beobachter.

Endlich fiel die Haustür zu. Sie hörte das Garagentor hoch kippen und kurz darauf Walter mit Tina wegfahren; an der Schulbushaltestelle setzte er sie ab.

Mit der gleichen Abwesenheit, mit der Walter von der Zeitung hoch gesehen hatte, blickte sie über den Frühstückstisch. Sie spürte eine nie gekannte Mattigkeit und empfand Unlust.

Das Geschirr musste warten. Sie konnte es später abräumen.

Wenn sie vielleicht ernstlich krank war und in die Klinik musste, wer kümmerte sich dann um die beiden? In häuslichen Dingen war Walter ungeschickt, und Tina war noch zu klein, bestimmt aber keine große Hilfe. Ein schönes Durcheinander würde das werden.

Sie saß und dachte nach. Sicher wäre es besser gewesen, sie wäre zur Vorsorgeuntersuchung gegangen, wie Dr. Scharnitz ihr damals ans Herz gelegt hatte. Regelmäßig, mindestens einmal im Jahr.

Zwei Jahre nach Tinas Geburt war sie einfach nicht mehr hingegangen.

Ein unkluger Entschluss, wie sie sich nun eingestand.

Sie musste Hermann dieses Versäumnis beichten. Gewiss war er nicht entzückt, höchstwahrscheinlich würde er ihr sogar gehörig den Kopf waschen.

Was sollte sie ihm überhaupt sagen? Einfach schildern, was sie an sich beobachtete?

Routine und Erfahrung im Klinikbetrieb setzten ihn sicher in die Lage, ihr zu sagen, was ihr fehlte.

Nach einiger Zeit begriff sie, wie naiv sie dachte.

Hermann war viel zu überzeugt von seinem Beruf, um eine Ferndiagnose zu stellen.

Und würde er ihr überhaupt die Wahrheit sagen? Ein leises Misstrauen gegenüber jedem Arzt hatte sie stets erfüllt. Nicht, dass sie an der Fähigkeit gezweifelt hätte. Aber sie meinte, dass die Mediziner sehr oft nicht die Wahrheit sagten, die ganze Wahrheit. Und sie klammerte Hermann nicht aus.

Wenn sie vielleicht selber ...? Wozu waren schließlich die medizinischen Bücher im Haus?

Sie ging ins Wohnzimmer. Jeder Schritt bereitete ihr Schmerzen.

Im Bücherregal suchte sie die Nachschlagewerke, die sie während der ersten beiden Lebensjahre von Tina angeschafft hatten. Das Baby war drei Wochen zu früh gekommen, bei der Geburt hatten sich Komplikationen ergeben. Für die ersten zwölf Lebensmonate galt Tina als Risikokind; sie hatten sich informieren wollen, was auf sie und das Kind möglicherweise zukam.

Nervös suchte sie die Symptom-Beschreibungen. Sie wusste genau, dass sie die mal überflogen hatte.

Die Bücher enthielten nicht nur Beschreibungen der gängigen Kinderkrankheiten, es waren auch allgemeinmedizinische Aspekte angesprochen. In einem Anhang gab es Stichworte zu Fachgebieten.

Sie legte das Buch beiseite und nahm das nächste heraus. Hastig blätterte sie.

Da war es – Unterleib.

Ihr Finger glitt die Auflistung hinab.

Dumpfer Druck – Myome.

Dumpfer Druck und anhaltendes Völlegefühl – Ovarialtumoren.

In Verbindung mit Schmerzattacken und blutigem Ausfluss: Menorrhagie, lang dauernde Gebärmutterblutung außerhalb der Menses. Ovarialkarzinom möglich.

Sie las es noch einmal.

Ganz plötzlich begann die Schrift vor ihren Augen zu tanzen und zu flimmern.

Karzinom hieß Krebs oder Krebsgeschwür!

Eine gemeine, furchtbare, niederträchtige Angst erfasste sie. Sie fühlte sich hundeelend und kämpfte mit den Tränen.

Krebs! Sollte sie Krebs haben?

Alles in ihr sträubte sich, lehnte sich auf gegen diese dumpfe Erkenntnis. Ausgeschlossen, wie sollte sie zu Krebs kommen?

Dann wieder fraß sich der nagende Zweifel in ihr Herz. Sie war schließlich die letzten Jahre zu keiner Vorsorgeuntersuchung mehr gegangen. Vielleicht also doch!

Mit einem wilden Trotz klammerte sie sich an die Hoffnung, dass sie sich irrte, dass sie in der Aufregung die Bedeutung des Wortes Karzinom verwechselte.

Die Blätter knisterten, als sie eifrig, fast beschwörend blätterte.

Unter Karzinom stand, was sie eben gelesen hatte. Kein Irrtum also!

Sie wusste nicht, wie lange sie so stand und in das Buch starrte, ohne etwas zu sehen.

Krebs – hämmerte es in ihrem

Kopf. Wahrscheinlich Krebs!

Die Angst schnürte ihr die Kehle zu, das Herz pochte wild gegen die Rippen.

Aber sie spürte es nicht. In ihr war alles tot und taub.

Irgendwann setzte sie sich, weil die Beine sie nicht mehr trugen.

Das Buch schlug zu Boden und klappte zu. Ihre Gedanken begannen sich im Kreis zu drehen. Nun war die Reihe an ihr nach all den Fällen im großen Bekanntenkreis, in der Nachbarschaft. Schlimme Fälle. Nicht alle, aber doch einige. Zu spät erkannt und zu spät behandelt. Zugenäht und wieder nach Hause geschickt, weil jeder Eingriff aussichtslos war.

War es bei ihr auch bereits zu spät?

Die dumpfe Lethargie fiel von ihr ab und wich der Panik.

Warum gerade ich? Nein, ich will nicht sterben, ich will mich nicht zunähen und heimschicken lassen! Warum bin ich nie mehr zur Untersuchung gegangen? Warum nicht gleich zum Arzt, als es anfing?

Sie war auf dem besten Weg, völlig durchzudrehen.

Gehetzt blickte sie um sich, starrte auf die Bücherwand, das Fenster, auf die Blumen davor. Ihr Blick blieb auf dem kleinen roten Telefonbuch haften.

Hermann! Ihn musste sie anrufen. Jetzt auf der Stelle. Er wusste Rat, ganz bestimmt. Er war doch Arzt, arbeitete doch in einer bekannten Klinik, er wusste doch, was jetzt zu tun war!

Sie stand auf, spürte, dass alles schmerzte, dass sie völlig verkrampft war. Wie eine Ertrinkende griff sie nach dem Telefonbuch und schleppte sich in die Diele.

In ihren Ohren rauschte es, in den Schläfen war ein Hämmern und Klopfen.

Krebs! Du hast Krebs! Es ist zu spät!

3

Der Teufel steckt im Detail!, pflegte Dr. Winter zu sagen.

Dieser Morgen trug dazu bei, diese Theorie zu erhärten.

Um sieben Uhr gab es eine Notaufnahme, Beckenringbruch im neunten Monat. Die Frau hieß Anne Hauk, war 24, erstgebärend, das Kind befand sich in Steißlage. Der Unfall hatte sich vor vierzehn Stunden ereignet. Ein Sturz von der Leiter beim Fensterputzen.

Schwester Luise, die Hebamme, wunderte sich schon längst nicht mehr darüber, wozu Frauen im neunten Monat in frommer Einfalt fähig waren.

Die Patientin litt Höllenschmerzen. Die ganze Nacht hatte sie sich mit dem Beckenringbruch zu Hause herumgequält, bis dann gegen sechs in der Frühe die Eröffnungswehen einsetzten.

Jetzt lag sie auf der Tabula, und die Ärzte sollten das Bestmögliche aus der Sache machen.

Schmerzlindernde Injektionen schlugen nicht an, die Folge einer vorausgegangenen Cortisonbehandlung.

Dr. Winter ließ einen Lachgasrausch geben und holte unter Assistenz von Dr. Inge Simon-Stoll einen kleinen Erdenbürger unter Anwendung des Barachtgriffes. In neuer persönlicher Bestzeit, wie ihm Schwester Luise unter Vorzeigen der Stoppuhr versicherte. Dabei hatte der Kopf des Kindes eineinhalb Minuten im kleinen Becken verweilt und die Nabelschnur abgeklemmt, was zum abrupten Abbruch der Sauerstoffversorgung führte.

Der neue Erdenbürger war ziemlich blau angelaufen, maß 48 Zentimeter und wog nur 1900 Gramm, aber sein Stimmchen quäkte herzerfrischend in den Kreißsaal.

„Ein Prachtbursche ist er ja noch nicht, aber was nicht ist, kann werden. Erst mal ab dafür in die Bratröhre!“, sagte Schwester Luise in ihrer aufmunternd resoluten Art und legte den kleinen Hauk in den Inkubator.

Dr. Hermann Mittler versorgte die Nachgeburt und überließ die Patientin sodann dem Oberarzt der Chirurgie, Dr. Albert Rose, den man zugezogen hatte, damit er sogleich den Beckenringbruch einrichten konnte. Ein Transport der Frau auf die Chirurgische war nicht für zweckmäßig erachtet worden.

Die OP-Schwester Manka wollte eben im Ärztezimmer nebenan dem Team von Dr. Winter einen steifen Kaffee aufschütten, als die Aufnahme einen weiteren Notfall avisierte.

„Ein Luftunfall im achten Monat. Missglückte Notlandung einer Reisemaschine“, informierte Dr. Winter seine Mannschaft.

Rose wurde mit seiner Patientin in den Wachraum verbannt und die Tabula für die Notlandungspatientin hergerichtet.

Zwei Pfleger brachten schon den Wagen aus der Schleuse.

Die Frau war schlimm zugerichtet. Der Notarzt vom Rettungswagen hatte seine Diagnose mitgegeben. Fraktur des Nasenbeins, des Schlüsselbeins, diverse Rippenfrakturen, Gefäßquetschungen an bei den Oberschenkeln, Thoraxprellungen, innere Verletzungen.

Es mutete fast wie ein Wunder an, dass die Frau die missglückte Notlandung mit nur einer Schnittverletzung entlang des Haaransatzes überstanden hatte.

Die Assistenzärztin Dr. Simon-Stoll horchte die Herztöne des Kindes ab, während Dr. Winter aufmerksam den hohen Leib der Frau betrachtete.

Aus dem Begleitpapier ging hervor, dass starke schmerzlindernde Mittel gegeben waren. Dennoch bäumte sich die Patientin plötzlich auf und schrie.

Schwester Luise trat heran, beobachtete, schüttelte den Kopf und sagte: „Zum Röntgen reicht’s nicht mehr. Die Schockwehen setzen ein.“

„Kaiserschnitt!“, entschied Dr. Winter nach kurzem Überlegen. „Bereiten Sie einen zweiten Inkubator vor.“

Die Assistenzärztin richtete sich auf. „Verletzungen des Fötus nicht feststellbar. Wir sollten aber den Kollegen Rose zuziehen, gell.“

Schwester Manka eilte schon, um den Chirurgen aus dem Wachraum zu holen.

Die Patientin wurde auf die Tabula umgebettet.

„Ich nehme besser gleich ein Abonnement!“, ließ sich Dr. Rose vernehmen. Er wusch sich ein zweites mal an diesem Morgen steril und wartete darauf, dass die Gynäkologen ihm das Feld überließen.

Dr. Winter setzte den Schnitt sehr tief an. Die diagnostizierten inneren Verletzungen versetzten ihn in Unruhe. Gewiss hatte er schon ohne Röntgenbefund weit schwierigere Eingriffe vorgenommen, aber da war das Risiko bedeutend geringe gewesen.

Er klemmte etwas zu spät ab. Schwester Manka wischte ihm die feinen roten Spritzer von der Stirn.

Als er die Irritation in ihren Augen über der grünen Maske erkannte, konzentrierte er sich und arbeitete sicher und schnell.

„Wieder ein Junge. Wo bleibt die Gleichberechtigung?“ Schwester Luise nahm das abgenabelte Kind in Empfang und half beim Absaugen der Atemwege.

Dr. Winter holte die Nachgeburt und nähte, während Dr. Simon-Stoll dem kleinen Bürger den ersten Schrei zu entlocken suchte, damit Blut in die Lungen strömte.

Eisiger Schreck erfasste sie. Das Kind zeigte keine Reaktion.

Ein zweiter, ein dritter Klatsch – nichts.

„Sauerstoff!“, sagte die Hebamme und bewahrte unerschütterliche Ruhe. Sie zog das Pharyngoskop heran, und die Ärztin bog das winzige runzlige Gesicht nach hinten, führte behutsam den Tubus in die winzige Luftröhre und gab eine geringe Dosis.

„Und jetzt probieren wir es noch mal!“, sagte die Hebamme eifrig. „Heben Sie den Bengel hoch. Der wird uns doch keine Scherereien machen wollen? Das mögen wir aber gar nicht.“

Aus dem Hintergrund meldete sich Dr. Schimanskis Stimme. Er war der Anästhesist. „Puls wird dünn. Druck schwächer.“

„Adrenalin!“ Monoton klang Dr. Winters Stimme.

Lieber Himmel, lass ihn seinen ersten Schrei tun, dachte Dr. Simon-Stoll. Der Mutter geht es schlecht, lass wenigstens du uns nicht im Stich!

Sie klatschte weiter.

Und endlich, endlich bequemte sich der kleine Mann, ein dünnes Krähen von sich zu geben.

Sie lächelte glücklich unter der Maske und übergab ihn der Hebamme, die trocken meinte: „So ist das nun mal, die Männer nerven uns vom ersten Tag an.“

Der Kleine wurde weiter betreut.

„Sickerblutung, Herr Winter!“, sagte gerade Dr. Mittler an der Tabula. Er assistierte. Eine Gefäßnaht schloss nicht.

Dr. Winter setzte zwei Tupfer, dann behob er den Schaden. Die Frau war jung, aber sie hatte Adern wie morsche Wasserleitungen.

„Druck fünfzig!“ Dr. Schimanski tauchte hinter seiner Abdeckung auf, als wollte er seinen Worten größeren Nachdruck verleihen.

„Dann tun Sie etwas dagegen!“, schnaubte Dr. Winter. Die Gefäßnaht hielt immer noch nicht. Wieder sickerte Blut durch.

„Diathermie!“

Es zischte. Dann roch es ein wenig nach verbranntem Fleisch. Dr. Winter entfernte das zerfranste Stückchen Vene und begann von neuem.

Er zwang sich zur Ruhe, sagte sich, dass er ungezählte Male Blutgefäße genäht hatte und es entgegen allen Schwierigkeiten letztlich doch geklappt hatte.

Auch bei morschen Adern.

Er sah die verkrampften Finger von Dr. Mittler, der mit den Instrumenten das Operationsfeld freihielt. Wenn er nur keinen Spasmus bekommt, dachte Dr. Winter besorgt. Noch fünf Minuten, dann habe ich es!

Endlich hielt die Naht, und er konnte sich an das Zusammenfügen der Bauchdecke machen. Eine Klemme klirrte laut, scharf und schrill auf den Instrumententisch.

In der Runde gab es betretene Blicke. Unnötiger Lärm war verpönt. Schwester Manka, die Koreanerin, murmelte eine Entschuldigung und überflog die zurück erhaltenen Instrumente.

Eine reine Routinemaßnahme, die nichtsdestoweniger von eminenter Wichtigkeit war. Eine vergessene Klemme bedeutete unweigerlich Scherereien.

Schwester Manka zählte mit asiatischer Pedanterie auch die Tupfer nach.

Es war nichts vergessen.

Sie nickte, als sie Dr. Winters Augen auf sich ruhen spürte.

Aufatmend trat der Oberarzt der gynäkologischen Abteilung zurück und machte eine einladende Geste zu seinem Freund Rose. „Bitte näherzutreten, Kollege. Nun kann sich die Chirurgie bewähren.“

Dr. Albert Rose hatte mit wachsender Besorgnis die Skalen anzeigen beobachtet. Der Zustand der Patientin war besorgniserregend, der operative geburtshilfliche Eingriff hatte sie weiter geschwächt.

Außerdem bewegte sie sich und stöhnte leise.

„Die Narkose vertiefen!“

Schimanski tauchte hinter der Abdeckung auf und funkelte den Chirurgen zornig an. „Ich bin dafür verantwortlich, das Leben der Patientin zu erhalten, nicht dafür, die Anatomie mit einem Neuzugang zu versorgen!“

Sekundenlang maßen sie sich, dann murmelte Dr. Rose: „Entschuldigen Sie, Herr Kollege!  Halten Sie sie so ruhig, wie es eben geht.“ Seine Stirn krauste sich. „Ohne Röntgenbefund ist es Wahnsinn.“

Der desolate Zustand der Blutgefäße ließ jeden weiteren Eingriff zum Glücksspiel werden.

„Liegend Röntgenuntersuchung!“, brummte er.

Dr. Mittler und der OP-Techniker Zenker rollten das Gerät herbei. Rose injizierte ein Kontrastmittel in den Blutkreislauf. Auf den Platten konnte er dann sehen, wo das Blut aus den Gefäßen austrat und sich ins umliegende Gewebe oder in Körperräume ergoss.

Die Laufschwester und Manka stellten die Abschirmwände auf. Röntgenuntersuchungen waren hier nicht geschätzt, aber gelegentlich unumgänglich. Dr. Rose ließ sich den bleigepanzerten Lederschurz umlegen und klappte die absorbierende Schutzplatte unter die Tabula.

Manka schob die erste Kassette ein.

Auf einen Wink von Dr. Winter zog sich alles zurück, was nicht unbedingt im Raum benötigt wurde.

Rose führte das Gerät an den Handgriffen und steuerte es langsam über den Körper der Frau, den man von den bedeckenden Operationstüchern befreit hatte.

„Blutdruck nähert sich fünfzig!“, meldete Schimanski. „Wir müssen etwas unternehmen, sonst bricht der Kreislauf zusammen.“

„Halten Sie mit allem, was Sie können!“ Rose hob den Blick nicht. Er starrte auf den kleinen Monitor, der ihm die Schwachstellen der Blutgefäße zeigte.

Er betätigte den Auslöser für die erste Plattenbelichtung. Knallend schlug die Kassette gegen den Rahmen. Und noch einmal.

Wie befürchtet, hatten sich in den Oberschenkeln große Ödeme gebildet, erkennbar als dunkle, nicht genau abgegrenzte Schatten.

Die Kassette knallte wieder.

„Wechsel, bitte!“

Zenker brachte die nächste Kassette, tauschte sie aus und trat hinter die Schirmwand zurück.

Dr. Rose steuerte das Gerät nach oben.

Die Frakturen waren klar erkennbar.

„Blutdruck vierzig!“, warnte Schimanski. „Ich gebe Sauerstoff. Sollen wir eine Transfusion anschließen?“

„Warten Sie noch!“ Hastig steuerte Rose das Gerät zur linken Thoraxseite.

Unter den zertrümmerten Rippenbögen legte das injizierte Kontrastmittel dunkle Schatten um die Milz.

Er führte das Gerät näher heran und biss sich unter der Maske auf die Unterlippe.

Die glatte, stark bindegewebige Muskulatur der Einkapseln war zerrissen, die enorm blutreiche Pulpa an drei Stellen ausgetreten. Die Milztrabekel waren abgequetscht, als hätte die Patientin mit einem schmalen stumpfen Gegenstand einen heftigen Schlag durch die Rippen auf die Milz erhalten.

Nun ja, nach einem Flugunfall nahm das nicht wunder.

Die Kassette knallte wieder gegen den Rahmen, bis die Plattensektionen belichtet waren.

„Aus!“ Rose schaltete das Gerät ab und ließ es zurückrollen, indem er ihm einen sanften Stoß versetzte. Zenker schoss hinter der Schirmwand hervor und fing das rollende Röntgengerät ab.

„Das sieht nicht besonders erhebend aus“, meinte Dr. Winter, der einige Blicke auf den Monitor riskiert hatte.

„Zweiseitige Milzruptur!“ Rose trat zurück und ließ den Körper bedecken. „Balkenarterien und Venen sind weitgehend durchtrennt. Ich überlege, ob eine totale Exstirpation sinnvoll ist.“ Seine Augen blickten düster.

Die Milz ist das größte in den Blutkreislauf eingeschaltete lymphatische Organ und wird auch als die Vorkammer der Leber bezeichnet. Sie fängt Blutverunreinigungen auf und hat weitere lebenswichtige Funktionen.

Eine totale Entfernung bringt für den betreffenden Patienten ganz erhebliche Probleme, einhergehend mit verminderter Lebenserwartung. Außerdem ist er fortan medikamentenabhängig.

Und eine Garantie ist das noch lange nicht.

Die Laufschwester schaffte die Kassetten zur Entwicklung.

Schimanski stellte die Sauerstoffzufuhr ab. „Blutdruck bei sechzig!“, signalisierte er stabilisiertes Befinden der Patientin.

„Na also!“, meinte Rose. Er blickte sich um. „Dann wollen wir die Transfusion anschließen und die Umquartierung vorbereiten.“

Rose ging zum Telefon und gab Anweisungen für die Verlegung der Frau in den OP der Chirurgischen.

Schwester Manka bedeckte die Kaiserschnittnaht mit einem feuchten Tuch, derweil Dr. Mittler und Dr. Simon-Stoll die Transfusion legten.

Die Frau wurde umgebettet und unter ein steriles Plastikzelt gelegt; der Transport fand über nicht keimfreie Flure statt. Eine Infektion hätte entsetzliche Folgen zeitigen können.

Dr. Winters Team atmete auf, als die Pfleger die Roll-trage in die Schleuse schoben und hinter ihnen die Tür zu glitt. Rose folgte ihnen mit flatterndem Kittel und bat von der Tür aus eindringlich, ihm den Geburtsbericht raschestens nach unten zu schicken.

Die Hebamme blickte ihm nach. „Unmögliches wird bei uns sofort erledigt. Wunder dauern etwas länger. Auf Wunsch wird auch gehext. Ich fürchtete schon, dass die Chirurgie hier eine Filiale eröffnet. Wo ist denn der anständige Kaffee, der uns vor einer Stunde in Aussicht gestellt wurde?“ Sie rieb sich die Hände und sammelte die Datenkarten des kleinen achtmonatigen Hauk und des Flugunfalles zusammen, damit Dr. Winter seine Unterschrift drauf setzte.

Schwester Manka, der gute Geist der Gynäkologie, hatte irgendwie das Kunststück fertiggebracht, zwischendurch die Kaffeemaschine von nebenan in Gang zu setzen.

Das Team strömte hinüber.

Mit Verspätung traf Dr. Schimanski ein. „Ein ausgepumpter Narkotiseur bittet um eine Tasse Kaffee.“ Er setzte sich zwanglos in die Runde. „Ein Transfusionsbesteck ist abgängig. Kollege Rose plündert uns systematisch aus.“

„Wir werden über den Verlust hinwegkommen“, erklärte Dr. Winter ernsthaft.

Dr. Mittler steckte sich eine Zigarette an. Er inhalierte tief den Rauch und sah sich von der hübschen Kollegin Simon-Stoll aufmerksam und spöttisch zugleich beobachtet. „Gell, Ihretwegen würde ich sogar in die Orthopädie überwechseln.“

Man spitzte die Ohren, Dr. Winter blickte verwundert von den Karten auf. Veränderungsabsichten hatte die Kollegin bislang nie geäußert.

„Wie das?“, fragte Dr. Mittler begriffsstutzig.

Inge Simon-Stoll schnupperte mit angewidertem Gesichtsausdruck hinter einer Rauchwolke her. „Bei dem Kraut und Ihrem Zigarettenkonsum müssen Sie längst ein Raucherbein haben, und das würde ich Ihnen halt gern amputieren.“

Unterdrücktes Gelächter kam auf.

Dr. Mittler schaute phlegmatisch, nahm genüsslich einen Zug und entgegnete in abgeklärtem Ton: „Für so vergnügungssüchtig halte ich Sie gar nicht. Und wem ich mein Raucherbein vermache, ist noch längst nicht entschieden.“

Ein Anruf wurde ins Ärztezimmer gelegt. Die Hebamme saß dem Apparat zunächst und nahm ab. Sie wollten den Hörer Dr. Winter reichen, doch der winkte ab. Also nahm sie das Gespräch entgegen.

„So?“, machte sie plötzlich mit aggressiver Stimme. „Na, dann schicken Sie den Zausel mal herauf!“ Energisch knallte sie den Hörer auf.

Auf die fragenden Blicke rundum gab sie zur Antwort: „Der Ehemann des Beckenringbruchs ist da. Statt Blumen bringt der Mensch einen gediegenen Affen mit.“ Sie kippte hastig ihren Kaffee und rauschte hinaus.

Über den Leitersturz hatte sie in aller Herrgottsfrühe schon grimmige Bemerkungen gemacht. Der Ehemann, der seine Frau im neunten Monat noch auf die Leiter gelassen hatte, war dabei nicht gut weggekommen.

Wahrscheinlich schleppte sie den frischgebackenen Vater unverzüglich vor das Schaufenster des Säuglingszimmers, und dann ging es über den armen Hauk her, bis er nicht mehr wusste, ob er Männlein oder Weiblein war. Schwester Luise galt in diesen Dingen als Kapazität.

Der Pieper in Dr. Mittlers Tasche meldete sich.

Er griff zum Hörer und wählte die Zentrale an.

„Ein Anruf von außerhalb, Herr Doktor. Moment bitte, ich verbinde!“

„Wer ist dran ...?“ Zwecklos, die Zentrale war bereits aus der Leitung.

„Doktor Mittler!“, meldete er sich reserviert. Dann: „Du, Evi?“

Die Kollegenköpfe reckten hoch.

Recht verblüfft starrte Dr. Mittler den Hörer an.

Im Hintergrund ulkte Dr. Simon-Stoll: „Der Schwerenöter in Aktion! Ein unverhoffter Genuss!“

Ringsum grinsende Zustimmung. Einschließlich Schwester Manka. Sogar Dr. Winter zeigte ein Lächeln.

Erbost winkte Dr. Mittler ab und gebot Ruhe. Er drückte den Hörer ans Ohr.

„Hermann?“, vergewisserte sich die Anruferin. Ihre Stimme klang klein und verzagt und schutzbedürftig.

„Ja, ich bin dran. Hallo, Evi! Das nenne ich eine angenehme Überraschung am Morgen. Lichtblicke sind rar. – Du sprichst so leise! Ist bei euch etwas passiert?“

Schweigen. Dann: „Ich ... ich ... Hermann, ich bin so verzweifelt.“ Die Stimme wurde noch winziger und unscheinbarer. Er hörte, dass sie weinte. „Ich habe wahrscheinlich Krebs!“

„Du hast ...?“

Sagte er nicht gerade, dass Lichtblicke rar waren?

Ihr Schluchzen wurde stärker. „Nun mal mit der Ruhe, Evi-Mädchen! Was heißt wahrscheinlich? Kennst du die Diagnose?“

Sie antwortete nicht. Aber sie war noch dran, er hörte es.

„Wer behandelt dich?“, forschte er behutsam.

Nach einer ganzen Weile erst sagte sie undeutlich: „Die Symptome deuten darauf hin. Ich habe im Buch nachgesehen ...“

Er spürte, in welch großer seelischer Bedrängnis sie sich befand. Zugleich erkannte er die Gefahr, dass sie sich in die Angst hineinsteigerte.

„Also Selbstdiagnose. Und eine vorläufige dazu“, unterbrach er sie höflich, aber bestimmt. „Ich schlage vor, du lässt sie durch eine endgültige ersetzen. Bist du nicht bei Schabitz...? Scharnitz, meinetwegen! Lass dir einen Termin geben, geh hin, und du wirst sehen, dass alles gar nicht so trübsinnig ausschaut, wie man auf den ersten Blick glaubt.“

„Ich bin so verzweifelt, Hermann! Was soll ich machen?“

„Nicht die Nerven verlieren! Das ist die erste Grundregel.“

„Ich will nicht zu Doktor Scharnitz!“

Es war wohl zwecklos, ihr in diesem Stadium zu widersprechen oder ihr die Notwendigkeit eines sehr kurzfristigen Facharztbesuches vorzuhalten. Hier musste er mit aller Behutsamkeit vorgehen. Eva-Maria war physisch robust, machte einen geradezu unverwüstlichen Eindruck. Psychisch jedoch war sie überaus sensibel.

„Das hast du dir sicher reiflich überlegt, nehme ich an. Zu einer fachlichen Diagnose rate ich aber dringend. Schon wegen der Klarheit. Und es würde dir auch die verständliche Angst nehmen. Überwinde dich, und du wirst sehen, es ist gar nicht so schlimm.“

Er unterbrach seinen Zuspruch und sah die Kollegen mit etwas bedrückter Miene das Ärztezimmer verlassen. Man war hier sehr familiär, aber man beachtete die Form und wahrte die Intimität. Besonders die eines inhaltsschweren Telefongesprächs, wie aus Mittlers Worten und seiner Mimik herauszulesen war.

Er war den Kollegen dankbar für diese Rücksichtnahme.

„Nimm dir ein Herz und suche einen Spezialisten auf“, fuhr er fort. „Was sind das überhaupt für Symptome?“

Seine ruhige bestimmte Art zeigte Wirkung. Eva-Maria schnaubte sich die Nase. Weinerlich klang die Stimme aber immer noch.

„Vor zwei Wochen fing’s mit Unwohlsein an. Dann kam ein zunehmender Druck hinzu und bald danach ein ständiges Völlegefühl. Und immer rasende Schmerzen bis ins Kreuz.“

So typisch, wie sie ihm das klarzumachen suchte, waren die Symptome nicht. Jedenfalls nicht auf ihren Verdacht zutreffend. Eher schon ...

„Was hältst du von einem Schwangerschaftstest, Mädchen?“, versuchte er zu scherzen.

Seine Worte bewirkten Verblüffung, er hörte es an Evis stoßweise Atem. „Ganz ausgeschlossen, Hermann. Ich weiß noch sehr gut, wie es bei Tina war. Jetzt ist es völlig anders. Vorgestern hatte ich dann auch den irrsinnigen Stechschmerz im Unterleib. Die Anfälle kommen immer kürzer, vergangene Nacht zweimal. Vorhin auch wieder. Ich habe es vor Walter bisher verheimlicht, aber vorhin ging es nicht mehr.“

Dr. Mittler nagte an der Unterlippe. Der Stechschmerz fügte sich nicht ins Bild einer beginnenden Schwangerschaft. Er war schon wieder mehr ein Indiz für eine Ovarialkomplikation.

Eva-Maria war eine überaus vernünftige Frau, Übertreibungen irgendwelcher Art lagen ihr nicht.

„Das hört sich nicht gerade berückend an, ist andererseits aber noch lange kein Grund, auf der Stelle den Kopf zu verlieren. Wann warst du bei der letzten Vorsorgeuntersuchung?“

„Zwei Jahre nach Tinas Geburt.“

Er holte tief Atem, und er wünschte, dass sie es hörte und den darin enthaltenen Vorwurf. „Vor sechs Jahren also. Ziemlich unvernünftig, nur hilft uns das im Augenblick nicht weiter. Was hat dich auf den Gedanken gebracht, du könntest Krebs haben? Darauf bist du doch nicht einfach so gekommen.“

„Der blutige Ausfluss.“ Er merkte, dass sie sich genierte.

Fieberhaft überlegte er. Sie war sechsunddreißig, zwei Jahre älter als er. Für die Wechseljahre eigentlich viel zu jung. Zu Beginn des Klimakteriums traten gelegentlich unregelmäßige Blutungen auf.

„Seit wann beobachtest du das?“

„Seit der Stechschmerz auftritt – nein, schon zwei Tage eher. Das sind doch typische Anzeichen, nicht wahr? Du brauchst nichts zu beschönigen.“

„Anzeichen wofür, bitte?“

„Ovarialkarzinom!“

Sie warf es ihm an den Kopf wie ein letztinstanzliches Urteil, dem jede Revisionmöglichkeit versagt ist.

Er schluckte. „Was glaubst du, wie schwierig es selbst für einen Fachmann ist, eine solche Diagnose zu stellen ohne feingewebliche Untersuchung. Ich widerspreche dir darum ganz energisch. Nicht nur als Freund, sondern vor allem als Arzt. Und ich rate dir dringend zu einem Besuch beim Frauenarzt. Rede mit Walter, er wird deine Situation verstehen.“

„Ich bin mir nicht so sicher.“

„Seit wann habt ihr Geheimnisse voreinander? Du bildest dir da etwas ein. Und schlag dir den Gedanken an die Richtigkeit deiner Diagnose aus dem Kopf. Geh zum Arzt. Je eher dein Verdacht ausgeräumt ist, desto besser für dich.“

„Ich dachte, ich könnte zu euch kommen. Du hast mal von deinem Chef erzählt, und eine Bekannte war vor einem halben Jahr bei ihm in Behandlung.“

„Winter?“

„Ja. Ich will nicht zu Scharnitz. Und dann das Gerede, du kennst doch die Leute.“

„Wenn es um meine Gesundheit geht, wäre mir das herzlich gleichgültig. Ich werde mich bei Winter für einen Termin verwenden. Mir wäre aber wohler, du würdest dich mit Walter besprechen.“

„Er ruft nachher an. Er weiß, dass ich mit dir spreche, ich sagte es ihm. Um elf geht er in eine Konferenz von unbestimmter Dauer, und er will zuvor hören, was du mir rätst.“

„Spricht doch sehr für sein Verständnis. Ich höre nach, wie es mit einem Termin steht. Kann ich dich zu Hause erreichen?“

„Den ganzen Tag, Hermann.“

„Dann würde ich sagen, bis gleich. Dank dir für den Anruf, Evi. Und lass den Kopf nicht hängen. Wir biegen das schon irgendwie hin.“ Er bemühte sich, seine Stimme heiter klingen zu lassen.

„Ich weiß nicht!“, hauchte sie. „Tschüs!“

Sie legte auf.

4

Ganz so aufgekratzt, wie sich Dr. Mittler am Telefon gegeben hatte, war ihm nicht zumute.

Wenn die geschilderten Symptome ihrer Richtigkeit entsprachen, dann war Eile geboten.

Er verschwendete keinen Gedanken daran, warum Eva-Maria nicht zu diesem Kollegen Scharnitz wollte. Sie hatte sich entschieden, nach Bonn zu kommen. Frauen sind liebenswerte, aber höchst komplizierte Geschöpfe, und weder Freud noch Nietzsche war es gelungen, die Tiefe der weiblichen Psyche auszuloten oder eine verbindliche Aussage darüber zu machen. Mit einem Wort: Die Frauen waren ihm ein Rätsel.

Sie wollte nach Bonn kommen. Also musste ein Termin her. Vielleicht tat ihm die Angern einen Gefallen und schob sie dazwischen. Er trank den Rest des kalt gewordenen Kaffees und machte sich auf den Weg.

Vor dem Fenster der Säuglingsstation hatte die resolute Hebamme einen Mann beim Wickel und putzte ihn herunter. Ihre Worte prasselten wie Hiebe: „Ein schöner Vater sind Sie! Steigen Sie doch selber auf die Leiter, wenn Ihnen die Fenster zu dreckig sind ...“

Es handelte sich offenbar um den Ehemann des Beckenringbruches. Hauk machte bereits einen recht zusammengefalteten Eindruck. Von seinem Schwips war auch nicht mehr viel übrig.

„Dat Anne is ein dummes Luder!“, krächzte er aufbegehrlich in unverfälschtem rheinischem Dialekt. „Dat Blag körn vill ze fröh.“

Kopfschüttelnd ging Dr. Mittler vorbei. Wenn Hauk das Kind zum gegenwärtigen Zeitpunkt unerwünscht war, dann hätte er sich das früher überlegen müssen. Aber nicht seiner Frau die Schuld zuschieben. Das war vielleicht eine rheinische Frohnatur!

In Winters Vorzimmer standen zwei Polizisten und feilschten mit Renate Angern, der Sprechstundenhilfe, um einen Termin beim Oberarzt.

Dr. Winter war auf Visite, und die Angern blieb liebenswürdig und standhaft.

Mittler hörte mit einem Ohr hin.

Die Beamten drängten auf eine Einvernehme des Flugunfalles. Aus den Erklärungen entnahm er, dass die missglückte Notlandung schon eher ein astreiner Absturz war. Im Vorgebirge, einer Landschaft zwischen Bonn und Köln. Die Reisemaschine hatte den angepeilten Salatacker verfehlt, ein Haus gestreift und war in die Scheune gekracht. Der Berufspilot war tot.

„Sie verschwenden Ihre Zeit, meine Herren! Die Patientin befindet sich überdies auf der chirurgischen Abteilung. Wenden Sie sich bitte an Oberarzt Doktor Rose.“ Höflich komplimentierte die Sprechstundenhilfe die Beamten hinaus.

„Eine Kratzbürste!“, machte draußen einer seinem Unmut Luft, bevor sich die Tür schloss.

„Aber niedlich!“, milderte der andere.

Feixend betrachtete Dr. Mittler das Mädchen. „Dann sehen Sie mal in Ihrem schlauen Terminkalender nach, Sie niedliche Kratzbürste, ob Sie mich noch mit einem Termin unterbringen können. Möglichst bald.“

Verwundert schaute sie zu ihm auf und räusperte sich dezent.

„Für eine Jugendfreundin, wo denken Sie hin?“, sagte er erklärend. „Glücklich verheiratet, hat ein süßes Mädchen im Alter von etwa acht Jahren.“

„War sie schon bei uns?“

„Mit Sicherheit nicht, Sie können Ihre Kartei ruhen lassen. Eine Bekannte von ihr war kürzlich bei Ihrem Chef und sehr angetan.“

„Eine Empfehlung demnach“, sagte Renate Angern etwas geschäftsmäßig. Sie zog den Terminkalender heran. „Können Sie mir schon Näheres sagen? Schwangerschaft oder so?“

„Ich wünschte wahrhaftig, es wäre an dem.“ Er seufzte. „Sie hegt den Verdacht, dass sie an Krebs leidet. Verständlicherweise lässt ihre seelische Verfassung zu wünschen übrig. In solchen Fällen sollte man dem Patienten nicht widersprechen. Ich machte mich eben für einen frühen Termin bei Kollege Winter stark. Nun enttäuschen Sie mich nicht.“ Renate Angern nickte verständnisvoll. Sie kannte das, wenn völlig verstörte oder hilflos verschreckte Frauen zur Sprechstunde kamen und von Krebs redeten. Die nackte Angst stand ihnen in den Augen.

Sie blätterte im Terminkalender. „Morgen um elf?“

„Eher nicht?“

„Ausgeschlossen. Mit einer Fünf-Minuten-Sitzung kommen wir da nicht aus, Herr Doktor. Geht das?“

„Es hat zu gehen. Ich kümmere mich schon darum.“

Sie griff zum Kugelschreiber. „Wie ist der Name?“

„Eva-Maria Becker, sechsunddreißig. Wohnt außerhalb. Ich möchte ihren Mann veranlassen, mit ihr herzukommen.“

Sie trug den Namen ein und blickte hoch. „Ein guter Gedanke.“

Er nickte und verließ die Ordination. Hoffentlich schaffte er es auch, Walter zu überzeugen, ohne ihn in Furcht und Schrecken zu stürzen.

Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass es halb elf Uhr war. Eine wichtige Konferenz war niemals so wichtig wie die Gesundheit eines Menschen.

Er ging in sein Stationszimmer, trat ans Fenster und blickte auf den Venusberg und die Gebäude des Justizministeriums, ohne wirklich etwas zu sehen.

Ein unseliger Leichtsinn von Evi, sich um die Vorsorgeuntersuchungen gedrückt zu haben!

Er machte sich Vorwürfe, weil er bei seinen gelegentlichen familiären Besuchen nicht mal auf die Notwendigkeit regelmäßiger medizinischer Inspektionen hingewiesen hatte.

Was war, wenn die morgige Untersuchung ein positives Ergebnis brachte? Evi kannte er, durch und durch. Aber wie verhielt sich Walter?

Er hatte hier schon Erschütterndes miterlebt, Männer gesehen, die ihre Frauen noch mit heftigen Vorwürfen überhäuften, statt ihnen beizustehen und Rückhalt zu sein. Etliche Gemütskannibalen hatten sich sogar umgehend eine Freundin zugelegt oder das schon bestehende heimliche Verhältnis ans Tageslicht geholt.

Von Beistand für die armen Frauen konnte da wirklich nicht mehr die Rede sein.

Er wusste nicht, inwieweit er auf Walter zählen konnte. Er sagte sich, dass er sich andererseits nicht derart in der Beurteilung eines Menschen täuschen konnte, den er jahrelang kannte.

Ein Rest Unsicherheit blieb dennoch.

Wieder schaute er auf die Uhr. In fünfzehn Minuten begann die Konferenz in Köln.

Er kämpfte einen harten Kampf mit sich und machte sich die Entscheidung nicht leicht. Walter musste informiert werden von ihm, nicht allein von Eva-Maria.

Bedeutete es aber nicht einen Vertrauensbruch Evi gegenüber, wenn er eigenmächtig Walter anrief?

Die Sorge um die Gesundheit einer Frau überwog letztlich seine Bedenken. Hatte er hier nicht schon Frauen hinausgehen sehen, deren Schicksal jeden Vertrauensbruch legalisiert hätte, wenn man ihnen damit noch hätte helfen können? Nicht in Bezug auf den Krankheitsverlauf, sondern im Hinblick auf das, was sie sich selbst antaten.

Zwei besonders tragische Fälle hatten sich unauslöschlich in seinem Gedächtnis fest gebrannt.

Der eine, erst achtundzwanzig Jahre jung, war mit dem Ehemann dagewesen. Als der Frau das Untersuchungsergebnis eröffnet wurde, brach sie zusammen, der Mann drehte sich nur wortlos um – kein Wort des Trostes, keine liebevolle Geste. Zwei Tage später sprang die Frau von der Kennedybrücke in den Rhein.