Butler Parker – 113 – Ein Guru lässt zur Hölle bitten

Butler Parker
– 113–

Ein Guru lässt zur Hölle bitten

Günter Dönges

Impressum:

Epub-Version © 2016 KELTER MEDIA GmbH & Co. KG, Sonninstraße 24 - 28, 20097 Hamburg. Geschäftsführer: Patrick Melchert

Originalausgabe: © KELTER MEDIA GmbH & Co.KG, Hamburg.

Internet: http://www.keltermedia.de

E-mail: info@kelter.de

Dargestellte Personen auf den Titelbildern stehen mit dem Roman in keinem Zusammenhang.

ISBN: 978-3-74091-939-9

Weitere Titel im Angebot:

Weitere Titel im Angebot

Agatha. Simpson hockte ein wenig verkrampft auf einem Sitzpolster und hatte die stämmigen Beine gekreuzt. In ihrer majestätischen Fülle erinnerte sie an einen weiblichen Buddha. Freundliche Milde lag auf ihrem sonst etwas grimmigen Gesicht. In den Händen hielt sie eine Räucherkerze, die einen penetrant süßlichen Geruch verströmte.

Lady Agatha trug einen weiten, wallenden Umhang, der in dekorativen Falten ihren Körper umschmeichelte. Kurz, Lady Agatha Simpson schien eine andere Frau geworden zu sein.

Die Detektivin war nicht allein. Sie befand sich in einem Kreis Gleichgesinnter, die gekleidet waren wie sie. Und diese Gleichgesinnten saßen mit gekreuzten oder untergeschlagenen Beinen in einem großen, aber niedrigen Raum, der als eine Art orientalische Kultstätte hergerichtet war. Die Wände verschwanden hinter schweren Seidenstoffen, die selbst die Decke säumten. Der Boden war ausgelegt mit teilweise echten Teppichen, wie Lady Agatha trotz ihrer weihevollen Stimmung beiläufig bemerkte. Auf einem Podest war ein Altar aufgebaut worden, auf dem ein Schrein stand, dessen Klapptüren noch verschlossen waren. Das alles war in mildes Licht getaucht, was die feierliche Stimmung zusätzlich erhöhte.

Dennoch benahm die alte, sonst so kriegerische Dame sich ein wenig vorbei. Sie tat es sicher nicht absichtlich, doch sie wurde von dem süßlichen Geruch der Räucherstäbchen herausgefordert. Zuerst zuckte Ladys Agathas Nase ein wenig, dann kräuselte sie sich bedenklich, und Sekunden später nieste die Sechzigjährige explosionsartig.

Das Geräusch konnte sich hören lassen. Eine Granate mittleren Kalibers schien in der Kultstätte detoniert zu sein. Die Gleichgesinnten wurden von der Druckwelle des Niesers erfaßt und fuhren zusammen. Einige ältere Herren gingen automatisch in Deckung und warfen sich zu Boden. Es mußte sich um ehemalige Kriegsteilnehmer handeln, deren Erinnerungsvermögen noch intakt war.

Einige weibliche Teilnehmer der Runde reagierten weniger heftig. Aber sie maßen Lady Agatha mit vorwurfsvollen Blicken, da sie sich in ihrer Meditation empfindlich gestört fühlten. Lady Simpson sorgte also für einige Aufregung, was sie aber nicht sonderlich scherte. Selbst in diesem erlauchten Kreis ließ sie erkennen, wie ungeniert sie sich normalerweise benahm.

Es war ein dunkler, dröhnender Gong, der Sekunden später für Ruhe und erneute Weihe sorgte. Die Damen und Herren der Runde murmelten beschwörende Worte aus dem Tibetanischen, mit denen Lady Agatha allerdings nichts anzufangen wußte. Sie war schließlich neu in diesem Kreis und mußte noch lernen. Sie bemühte sich allerdings ehrlich, diese ihr fremden Worte nicht albern zu finden, denn sie war gekommen, um zusammen mit den anderen die reine Erleuchtung zu suchen.

Der Gong dröhnte und hallte noch nach, als aus dem Boden des Podestes weißer Rauch aufwallte, der den Schrein verdeckte. Nachdem der Rauch sich verzogen hatte, war der Guru zu sehen.

Der ehrwürdige Lehrer und Führer konnte sich durchaus zeigen. Er war sogar sehenswert. Es handelte sich um einen Inder, dessen Alter zeitlos war. Jung in diesem braunen Gesicht, das von einem weißen Bart fast zugedeckt wurde, waren eigentlich nur die Augen, die in der Tat eine seltsame Kraft besaßen.

Der Guru saß mit gekreuzten Beinen auf einem dicken Seidenkissen, das reichlich mit Perlen bestickt war. Seine Hände waren vor der Brust gekreuzt. Aufmerksam sah er sich seine Jüngerinnen und Jünger an und verbeugte sich dann, indem er den Oberkörper mit akrobatischer Geschicklichkeit nach vorn bewegte. Es handelte sich um eine wirkungsvolle Geste.

Sein Englisch war ein wenig hart und guttural, doch das machte überhaupt nichts. Das Gegenteil schien eher noch der Fall zu sein. Der fremde Akzent unterstrich die Exotik dieses weisen Mannes.

»Suchende der letzten Wahrheit«, sagte der Guru leise, aber durchaus eindringlich, »Pilger zum Gipfel der Erkenntnis und Weisheit, der Hunger nach „Licht und Erleuchtung hat uns wieder zusammengeführt. Beschreiten wir gemeinsam den einzigen Weg, den der Erleuchtete uns in seiner Güte anbietet. Streifen wir ab die Mühen des Alltags und die Bürde dieser Welt. Versenken wir uns in das Reich der Stille und...«

Auf das Stichwort ›Stille‹ mußte Lady Agatha erneut niesen. Dieses Urgeräusch fiel noch lauter aus als das erste. Der weise Führer auf dem bestickten Seidenkissen zuckte wie unter einem elektrischen Schlag zusammen und duckte sich unwillkürlich. Sein Blick wurde scharf wie ein spitzer Dolch, den er auf Lady Simpson schleuderte. Bevor er jedoch sein Ziel erreichen konnte, holte er ihn im übertragenen Sinn des Wortes schleunigst wieder zurück und ließ ihn verschwinden. Dem weisen Führer schien sehr daran gelegen zu sein, die ältere Dame nicht zu verletzen.

»Entschuldigung, weiser Guru«, trompetete Lady Simpson mit ihrer nie sonderlich leisen Stimme. Sie besaß das Sonore eines männlichen Baritons und vermochte gefüllte, unruhige Säle zu übertönen.

Der Guru zuckte noch mal zusammen und senkte seinen Blick. Er wollte sicher verhindern, daß weitere Dolche auf Lady Agatha flogen. Nachdem er sich gefaßt hatte, begann er erneut mit seiner Einstimmung und fand Worte, die die kritische Teilnehmerin in Entzücken versetzten.

*

Josuah Parker war in großer Sorge.

Er wartete zusammen mit Kathy Porter auf die Rückkehr seiner Herrin. Es paßte ihm überhaupt nicht, daß Mylady sich für diesen Guru interessierte. Sie war nicht mehr jene Lady Agatha, die er kannte, sondern hatte sich völlig verwandelt und schien ihren Sinn auf das Jenseitige gerichtet zu haben, von dem der Guru behauptete, daß man nur dort die innere Befreiung fand.

»Die Sitzung scheint sich heute ziemlich auszudehnen«, stellte Kathy Porter fest. Sie war die Sekretärin der älteren Dame, zugleich ihre Gesellschafterin und schließlich sogar noch so etwas wie ihr Patenkind. Kathy Porter – fünfundzwanzig Jahre alt, mittelgroß und schlank – sah blendend aus. Ihre Figur hätte sich auf den Titelseiten internationaler Modezeitschriften bestens bewährt. Ihr kupferrotes, langes Haar paßte wunderbar zu den Augen, deren Farbe kaum zu bestimmen war. Es handelte sich um ein dunkles Grün, das durchaus wie glühende Kohlen schimmern konnte. Kathy Porter besaß normalerweise die Sanftheit eines Rehs, doch davon durfte man sich nicht täuschen lassen. Sie konnte zu einer wilden Pantherkatze werden, wenn es darauf ankam. Die junge Dame war erfahren in Judo und Karate, wußte mit Schußwaffen umzugehen und kannte darüber hinaus eine Menge Tricks, die ihr ein gewisser Josuah Parker im Lauf der Zeit beigebracht hatte.

Dieser Josuah Parker saß am Steuer seines hochbeinigen Wagens, das einst ein Londoner Taxi gewesen war. Es war nach Parkers eigenwilligen Vorstellungen umgebaut worden. Im Grund war dieser vorsintflutlich aussehende Wagen nichts anderes als ein gut getarnter Hochleistungstourenwagen, der neben seinem Motor auch sonst noch für einige Überraschungen gut war. Eingeweihte waren der Ansicht, daß es sich dabei um eine raffiniert ausgestattete Trickkiste auf Rädern handelte.

Parker sorgte sich also. Er war der Butler der Lady Agatha Simpson und stets auf die Wahrung der Formen bedacht. Er bewahrte seine Herrin vor Unüberlegtheiten, denn Mylady neigte dazu, sich in jedes passende und unpassende Abenteuer zu stürzen. Sie liebte die Abwechslung und war leicht in Rage zu bringen. In solchen Fällen war sie dann eigentlich nur noch von ihrem Butler zu bremsen.

Josuah Parker war ein Mann unbestimmbaren Alters, mittelgroß und nicht schlank, allerdings auch nicht dick. Er verfügte über ein glattes, oft ausdrucksloses Pokergesicht und bewegte sich mit der Gemessenheit eines Haushofmeisters alter Schule. Er bevorzugte eine etwas barock zu nennende Ausdrucksweise und ließ sich eigentlich nie aus seiner steifen Gemessenheit bringen. Selbstbeherrschung war eine Tugend, die er stets und überall trainierte.

Hinter dieser Fassade war der Butler ein gerissener Einzelkämpfer, der so ziemlich alle Tricks dieser Welt beherrschte. Natürlich war er kein Übermensch, auch ein Josuah Parker erlitt Niederlagen. Und diese Sitzung, an der Lady Simpson jetzt teilnahm, war solch eine peinliche Niederlage. Es war ihm nämlich nicht gelungen, Mylady diesen Guru auszureden. Parker hielt den Weisen aus dem Osten für einen raffinierten Gauner, der darauf aus war, die Bargeldreserven seiner Anhänger an sich zu bringen.

Der Butler hatte dem großen Weisen bisher nichts nachweisen können. Er hatte eingesehen, daß er es mit einem ausgesuchten Schlitzohr zu tun hatte. Der Guru, der sich schlicht »Der Erleuchtete« nannte, schien ein ungemein vorsichtiger Mensch zu sein.

»Sollte man nicht etwas unternehmen, Mr. Parker?« erkundigte sich Kathy Porter, nachdem Parker auf ihre Feststellung nicht reagiert hatte.

»Mylady sind, wenn ich es so ausdrücken darf, ein wenig schwierig«, sagte der Butler in seiner gewohnt knappen Art. »Mylady bemerken leider sofort, wenn man ihr etwas ausreden möchte.«

»Könnte man es nicht anders versuchen, Mr. Parker?« schlug Kathy Porter vor. »Sollte man ihr vielleicht Zureden? Vielleicht verliert sie dann ihr Interesse am Guru?«

»Ein durchaus bemerkenswerter Vorschlag«, räumte der Butler steif und gemessen ein. »So könnte man Mylady möglicherweise beikommen, Miß Porter.«

»Es gibt noch eine andere Möglichkeit«, erklärte Kathy und lächelte.

»Daran habe auch ich bereits gedacht, Miß Porter.«

»Sie wissen, was ich vorschlagen will?«

»Man müßte diesem ›Erleuchteten‹ nachweisen, daß er das ist, was die Behörden einen Schwindler nennen.«

»Richtig«, gab Kathy zurück, »ich würde mich zu gern mal in seinem Haus umsehen.«

»Sie denken hoffentlich an einen ungesetzlichen Besuch, Miß Porter?«

»Natürlich«, erwiderte sie lächelnd. »Könnten Sie mir dabei etwas Rückendeckung geben, Mr. Parker?«

»Ich fürchte, Miß Porter«, sagte Parker, »daß es mir sogar ein Vergnügen sein wird.«

*

»Hatten Mylady einen vergnüglichen und erholsamen Abend?« erkundigte sich Butler Parker. Er war der älteren Dame entgegengegangen. Sie kam gerade aus dem großen, villenartigen Backsteinbau, der inmitten eines gepflegten Gartens stand. Das Haus befand sich im Westen von London, genauer gesagt in Wimbledon. Parker sah Lady Agatha prüfend an und registrierte in ihren Augen einen äußerst milden Schein. Und genau das verwirrte den Butler noch mehr. Eine kriegerische Lady war ihm bedeutend lieber.

»Habe ich bisher eigentlich gelebt?« fragte Lady Simpson und schaute ihren Butler verklärt an.

»Diese Frage möchte ich entschieden bejahen«, antwortete der Butler. »Mylady haben Zweifel?«

»Ich meine doch nicht dieses banale, biologische Leben«, schwärmte die Detektivin weiter und sah ihren Butler für den Bruchteil einer Sekunde strafend an, um dann allerdings sofort wieder auf Milde umzuschalten. »Ich denke an das Leben an sich.«

»Aha«, erwiderte der Butler verblüfft.

»Ich meine ein Leben in seiner geistigen Dimension«, verkündete Lady Agatha nachdrücklich. »Ich denke an ein Leben auf überhöhter Ebene.«

»Ganz meiner Meinung«, sagte der Butler in seiner höflichen Art und öffnete den hinteren Wagenschlag. »Mylady haben diese höhere Ebene verheißen bekommen?«

»Der Erleuchtete weiß um die Geheimnisse des Überich«, erwiderte die ältere Dame. »Wir alle sind mehr als wir scheinen und sind.«

»Sehr wohl, Mylady.«

»Sie verstehen mal wieder kein Wort, nicht wahr?« Ein wenig Grimmigkeit lag in der Stimme der Sechzigjährigen. Dieser vertraute Ton ließ den Butler freudig aufhorchen.

»Mylady dürfen davon überzeugt sein, daß auch meine bescheidene Wenigkeit sich nach Erleuchtung sehnte«, gab der Butler zurück und setzte sich ans Steuer. »Hätten Mylady vielleicht die Güte, sich ausführlicher über den Guru zu äußern?«

»Dieser Mann ist die Erlösung aus den Niederungen des Alltags«, stellte Lady Simpson nachdenklich fest. »Er zeigt den Weg zur Läuterung und Erkenntnis.«

»Ein bemerkenswerter Mann, wenn ich es so ausdrücken darf.«

»Ich werde mein Leben radikal umstellen«, verkündete die ältere Dame. Sie sah zu Kathy Porter hinüber, die in der anderen Ecke des Fonds saß.

»Wie soll dieses Leben aussehen, Mylady?« erkundigte Kathy sich sachlich.

»Askese und Versenkung, Kindchen.«

»Askese, Mylady?« Kathy wußte nicht, worauf Lady Simpson anspielte.

»Ein Leben in Bescheidenheit und Bedürftigkeit.«

»Wird das nicht ein wenig kompliziert werden, Mylady?« tippte Kathy vorsichtig an. Sie wußte wie Parker, daß Lady Simpson eine mehr als vermögende Frau war. Agatha Simpson gehörte, wie es in den Gesellschaftsblättern nur zu gern hieß, zum Blut- und Geldadel der Insel. Sie konnte sich jeden erdenklichen Luxus leisten, was sie normalerweise allerdings kaum tat. Ihr einziger Luxus war im Grund ihre Tätigkeit als Amateurdetektivin, wozu auch ausgedehnte Reisen gehörten. Darüber hinaus finanzierte sie über eine anonyme Stiftung die Ausbildung und das Studium begabter junger Menschen. Wenn man sie darauf ansprach, reagierte sie unwirsch. Sie wollte nichts davon wissen und bildete sich schon gar nicht darauf etwas ein. Mylady, seit vielen Jahren schon Witwe, war ein skurriler Mensch, zu dem ein Leben in Askese eigentlich überhaupt nicht paßte.

»Ich werde mein Leben ändern«, versprach die ältere Dame nachdrücklich. »Hinweg mit allem Tand! Nur Besitzlosigkeit macht wirklich reich. Kind, wenn Sie wüßten, wie glücklich ich bin. Wahrscheinlich werde ich alles aufgeben und nach Indien ziehen. Im ›Zentrum der Versenkung‹ wartet auf mich eine bescheidene Klosterzelle.«

Parker, der aufmerksam zugehört hatte, bekam nun doch einen mittelschweren Schock. Nur durch äußerste Konzentration konnte er gerade noch verhindern, einige am Straßenrand parkende Wagen zu rammen.

*

Josuah Parker war fassungslos.

Er blieb an der Tür zu Lady Simpsons Räumen stehen, die sich im oberen Stockwerk des altehrwürdigen Hauses befanden. Dieses Haus stand im Stadtteil Shepherd’s Market und zeigte noch altes englisches Fachwerk. Es gehörte zu einer Reihe ähnlicher Häuser, die einen kleinen, fast verträumt zu nennenden Platz umstanden. Diese Häuser waren ebenfalls Eigentum von Lady Simpson, die sie an gute Freunde vermietet hatte. Die beiden Fachwerkbauten links und rechts von dem großen Haus, in dem Parkers Herrin residierte, waren nur scheinbar vermietet. In Wirklichkeit gehörten sie zum Wohnkomplex der Lady und standen mit dem Haupthaus auf raffinierte Art und Weise in Verbindung.

Die Fassungslosigkeit des Butlers hatte damit aber nichts zu tun. Sie hatte einen völlig anderen Grund. Agatha Simpson hatte ihre Räume radikal leeren lassen. Bis auf ein schmales Bett, das ein wenig verloren in ihrem ehemaligen Schlafzimmer stand, gab es kein Stück Möbel mehr.

Während Parker fassungslos war, machte Lady Simpson einen sehr zufriedenen Eindruck. Sie schritt auf ihren stämmigen Beinen durch die drei leeren Räume und nickte immer wieder nachdrücklich. Dann trat sie ans Fenster und sah hinunter auf den kleinen Platz. Die drei Möbelpacker, die die Zimmer geräumt hatten, fuhren gerade mit dem Mobiliar ab.