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Nr. 78

 

Suche nach der Erde

 

 

 

 

Pabel-Moewig Verlag GmbH, Rastatt

April 3460: Die Milchstraße ächzt unter der Herrschaft der technisch überlegenen Laren und ihrer skrupellosen Helfer, den Überschweren. Perry Rhodan blieb keine andere Wahl, als Erde und Mond in einem gewagten Manöver dem Zugriff der Invasoren zu entziehen: Die Urheimat der Terraner und ihr Trabant gingen durch einen gigantischen Sonnentransmitter, sprangen durch den Hyperraum und rematerialisierten im »Mahlstrom der Sterne«, einem Gebiet des Alls, unendlich weit von dem vorgesehenen Zielpunkt entfernt. Lordadmiral Atlan organisiert derweil den Widerstand gegen die Invasoren – und die Suche nach der verschollenen Erde. Sein Weg führt ihn nach Andromeda, zu sterbenden, von jahrzehntausendealten Ruinen übersäten Welten und zu einer mysteriösen Geisterflotte. Aber für vier seiner Begleiter erweist sich die Mission als ein Flug durch tausend Höllen ...

Vorwort

 

 

Stell dir vor, du wartest auf die Erde – und sie kommt nicht.

So erging es Lordadmiral Atlan und seinen Getreuen, den wenigen versprengten Menschen, denen es gelungen war, sich dem Zugriff der Laren zu entziehen. Sie warteten darauf, dass die Erde und ihr Mond am vorgesehenen Versteck im Zentrum der Milchstraße rematerialisierten, in einer sicheren Zuflucht vor den allgegenwärtigen Invasoren.

Doch Atlan wartet vergeblich. Er kann nicht ahnen, dass es die Erde und ihren Begleiter viele Millionen Lichtjahre weit in einen bislang unbekannten Teil des Universums verschlagen hat – den so genannten Mahlstrom der Sterne.

Aber Atlan wäre nicht Atlan, würde er jetzt aufgeben. Er heftet sich an die Spur der Erde. Es ist eine Mission, die ihn viele Millionen Lichtjahre tief in das All führen soll – und zurück zu einem schmerzlichen, längst vergessen geglaubten Abschnitt seines Lebens ...

Die diesem Buch zugrunde liegenden Originalromane sind: Strafplanet der Eroberer (680) von H. G. Francis; Das Sonnenfünfeck (681) von Kurt Mahr; Terror der Ungeborenen (682) von Hans Kneifel; Das Mädchen von Lemuria (683) von H. G. Ewers; Die Flotte der Toten (686) und Begegnung im Chaos (687) von William Voltz.

 

Ich bedanke mich, aus gegebenem Anlass, recht herzlich bei allen Lesern der Buchausgabe von PERRY RHODAN, die wieder mit konstruktiver Kritik und Vorschlägen (oder auch Warnungen vor Widersprüchen in den Originalheften) mitgeholfen haben, diesen Band zu erstellen.

 

Horst Hoffmann

Zeittafel

 

 

1971/84 – Perry Rhodan erreicht mit der STARDUST den Mond und trifft auf die Arkoniden Thora und Crest. Mit Hilfe der arkonidischen Technik gelingen die Einigung der Menschheit und der Aufbruch in die Galaxis. Das Geistwesen ES gewährt Rhodan und seinen engsten Wegbegleitern die relative Unsterblichkeit. (HC 1–7)

2040 – Das Solare Imperium entsteht und stellt einen galaktischen Wirtschafts- und Machtfaktor ersten Ranges dar. In den folgenden Jahrhunderten folgen Bedrohungen durch die Posbis sowie galaktische Großmächte wie Akonen und Blues. (HC 7–20)

2400/06 – Entdeckung der Transmitterstraße nach Andromeda; Abwehr von Invasionsversuchen von dort und Befreiung der Völker vom Terrorregime der Meister der Insel. (HC 21–32)

2435/37 – Der Riesenroboter OLD MAN und die Zweitkonditionierten bedrohen die Galaxis. Nach Rhodans Odyssee durch M 87 gelingt der Sieg über die Erste Schwingungsmacht. (HC 33–44)

2909 – Während der Second-Genesis-Krise kommen fast alle Mutanten ums Leben. (HC 45)

3430/38 – Das Solare Imperium droht in einem Bruderkrieg vernichtet zu werden. Bei Zeitreisen lernt Perry Rhodan die Cappins kennen. Expedition zur Galaxis Gruelfin, um eine Pedo-Invasion der Milchstraße zu verhindern. (HC 45–54)

3441/43 – Die MARCO POLO kehrt in die Milchstraße zurück und findet die Intelligenzen der Galaxis verdummt vor. Der Schwarm dringt in die Galaxis ein. Gleichzeitig wird das heimliche Imperium der Cynos aktiv, die am Ende den Schwarm wieder übernehmen und mit ihm die Milchstraße verlassen. (HC 55–63)

3444 – Die bei der Second-Genesis-Krise gestorbenen Mutanten kehren als Bewusstseinsinhalte zurück. In dem Planetoiden Wabe 1000 finden sie schließlich ein dauerhaftes Asyl. (HC 64–67)

3456 – Perry Rhodan gelangt im Zuge eines gescheiterten Experiments in ein paralleles Universum und muss gegen sein negatives Spiegelbild kämpfen. Nach seiner Rückkehr bricht in der Galaxis die PAD-Seuche aus. (HC 68–69)

3457/58 – Perry Rhodans Gehirn wird in die Galaxis Naupaum verschlagen. Auf der Suche nach der heimatlichen Galaxis gewinnt er neue Freunde. Schließlich gelingt ihm mit Hilfe der PTG-Anlagen auf dem Planeten Payntec die Rückkehr. (HC 70–73)

3458/59 – Die technisch überlegenen Laren treten auf den Plan und ernennen Perry Rhodan gegen seinen Willen zum Ersten Hetran der Milchstraße. (HC 74)

3459/60 – Perry Rhodan organisiert den Widerstand gegen das Konzil. Er versetzt das Solsystem in die Zukunft, um es dem Zugriff der Laren zu entziehen. Als diese das Versteck in der Zeit bedrängen, schickt er Erde und Mond durch einen Sonnentransmitter. Doch sie rematerialisieren nicht am vorgesehenen Ort, sondern weit entfernt von der Milchstraße im »Mahlstrom der Sterne«. (HC 74–77)

Prolog

 

 

Man schreibt den April des Jahres 3460.

Die technisch überlegenen Laren herrschen zusammen mit ihren Helfern, den Überschweren, unumschränkt über die Milchstraße. Perry Rhodan blieb nur ein verzweifelter Schritt, um die Menschheit vor der übermächtigen Bedrohung zu retten: Er schickte Erde und Mond durch einen gigantischen Sonnentransmitter, um sie an ein sicheres Versteck innerhalb der Milchstraße zu versetzen.

Doch der Plan misslang. Erde und Mond rematerialisierten aus ungeklärten Gründen im »Mahlstrom der Sterne«, einer Nabelschnur aus Materie und Energie, die vor Jahrmilliarden aus der Kollision zweier Galaxien entstand.

Derweil ist man aber in der Milchstraße nicht untätig. Lordadmiral Atlan und seine Spezialisten setzen alles in Bewegung, um eine Spur der verschollenen Erde zu finden ...

1.

 

Milchstraße

April 3460 Watsteyn

 

 

»Sie kommen.«

Die Worte Akter tan Hars schreckten uns alle auf. In dieser Nacht hatte jeder einen leichten Schlaf, obwohl wir am vergangenen Tag härter denn je zuvor gearbeitet hatten. Vielleicht hatten wir aber bereits einen Grad von Erschöpfung erreicht, an dem ein wirklich tiefer Schlaf nicht möglich war.

Die stampfenden Schritte der Kampfroboter ließen die leichte Plastikkuppel in ihren Grundfesten erzittern. Ich blickte mich um. Alle Männer lagen flach auf ihren Betten und taten, als ob sie schliefen. Ich lachte leise, obwohl auch ich Angst hatte.

»Da liegen sie nun, die elitären Geister der Menschheit, und zittern vor ein paar dummen Maschinen«, sagte ich zu Esto Conschex.

»Halt's Maul, Pferdegesicht!«, rief mir Akter tan Har mit gedämpfter Stimme zu. Er richtete sich etwas auf und blickte mich an. Ich fand, wenn ein Mann so hässlich war wie er, dann sollte er mit Vergleichen vorsichtig sein. Akter tan Har war ein Bolither und ein Mann, der eigentlich unsere Hochachtung verdiente. Bolith war ein kleiner, ziemlich unwichtiger Planet, der zur Zentralgalaktischen Union unter der Leitung der Kalfaktoren gehörte. Diese waren mittlerweile mit wehenden Fahnen zu Leticron, unserem Peiniger, übergelaufen. Akter tan Har jedoch nicht. Von ihm hieß es, er habe einem Überschweren eine Ohrfeige versetzt, um ihm seine Verachtung klar zu machen. Er hätte ebenso gut gegen eine Betonmauer hauen können. Jedenfalls trug er seine rechte Hand seitdem im Stützverband.

Ich verzichtete auf eine passende Antwort. Hätte ich ihm etwa sagen sollen, dass ich davon überzeugt war, dass er aus dem Liebesverhältnis eines entfernt humanoiden Wesens mit einer terranischen Bulldogge hervorgegangen war?

Die Schritte kamen näher. Bokk An schluchzte. Wir alle hatten Angst, aber keiner zeigte es so unbeherrscht wie er. Ich war versucht, ihm meine Meinung zu sagen, als es still wurde. Da wusste ich, dass die Roboter vor unserer Tür standen. Sie wollten jemanden von uns. Ich blickte Esto Conschex an. Er kaute auf den Lippen und hielt die Augen geschlossen. Sein breites Gesicht wirkte schlaff. Er hatte bereits einige »Verhöre« hinter sich. Ich hatte ihn gefragt, was dabei passiert war, aber er hatte sich ausgeschwiegen. Jetzt sah ich, wie er zusammenzuckte, als das Eingangsschott knirschend zur Seite glitt.

Wen von uns meinten sie? Bokk An? Nein, ihn bestimmt nicht. Der Marsianer war ein Feigling. Akter tan Har? Möglich. Dieser Mann war für Krehan Dunnandeier besonders ärgerlich. Ich ahnte, dass der »Gouverneur« sich ihn noch vornehmen würde. Esto Conschex? Dr. Dr. Conschex, Hypertransit-Mathematiker wie ich, dazu Abstraktmathelogiker, mein engster Mitarbeiter in der Forschungs- und Direktionsetage von Galactic-Elex-Positronics, und Transmitterexperte. Oder gar mich, Professor Dr. Goarn Den Thelnbourg, Hypertransit-Mathematiker und führender Spezialist für Großtransmitter?

Natürlich fürchtete ich mich vor einem nächtlichen Verhör ebenso wie die anderen. Zugleich aber fragte ich mich, weshalb der Gouverneur mich bislang missachtet hatte. Die Erde war aus dem Solsystem verschwunden. Für mich war längst klar, dass Leticron erkannt hatte, auf welche Weise das geschehen war. Hatte er die Erde schon wieder gefunden? Ich konnte es mir nicht vorstellen. Dennoch fragte ich mich, warum sich dieser »Erste Hetran der Milchstraße« nicht Männer wie mich holte. Ich war an dem Projekt nicht beteiligt gewesen, weil ich im privaten Sektor gearbeitet hatte. Dennoch wäre ich ohne weiteres in der Lage gewesen, Leticron darüber aufzuklären, was Rhodan mit der Erde angestellt hatte. Aber ich würde es ihm nicht sagen.

Die Roboter betraten den Schlafraum. Ich schloss die Augen und versuchte, ruhig dazuliegen. Ich hoffte, dass der Kelch an mir vorübergehen würde. Wie kam ich überhaupt darauf, dass Leticron mich schonen würde, nur weil ich einer der bedeutendsten Transmitterexperten des Solaren Imperiums war? Vielleicht hatte er längst einen anderen Mann gefunden, der mit ihm zusammenarbeitete?

»Sie da! Aufstehen!«

Die Stimme des Roboters schreckte mich auf. Ich öffnete die Augen. Meinte er mich?

Die Kampfmaschine stand vor dem Lager Akter tan Hars. Der Bolither klammerte sich mit seinen Händen an die weichen Polster. »Nein«, sagte er stammelnd. »Nein, ich komme nicht.«

Zwei Roboter gingen um das Bett herum. Ihre stählernen Klauen packten seine Arme und rissen sie hoch. Har schrie gellend auf. Ich fürchtete, dass die Automaten ihm die Knochen zermalmten. Der Bolither trat mit den Füßen nach ihnen, warf sich wild hin und her und versuchte immer wieder, ihrem grausamen Griff zu entkommen. »So helft mir doch!«, brüllte er uns zu.

Wir lagen wie gelähmt auf unseren Betten und rührten uns nicht. Wir wussten, dass wir nichts gegen die Roboter ausrichten konnten, jedenfalls nicht in dieser Situation. Esto Conschex und ich hatten bereits einen Plan entwickelt, wie wir die Maschinen auf lange Sicht umprogrammieren konnten, aber vorläufig waren wir machtlos.

Ich presste die Hände auf die Ohren. Die Angstschreie des Bolithers peinigten mich. Ich war froh, als endlich das Türschott zufiel – und hasste mich dafür. Ich wünschte, ich hätte etwas für Akter tan Har tun können. Und ich war erleichtert, dass sie nicht mich oder Conschex geholt hatten. Die wenigen Tage der Gefangenschaft auf Watsteyn hatten mich bereits verändert. Sie hatten die moralischen Grundfesten erschüttert, auf denen ich bisher so sicher stehen zu können glaubte.

Was wird aus Menschen, die tatenlos zusehen, wenn andere gequält werden, weil sie glauben, doch nichts tun zu können?

»So geht das nicht weiter«, sagte ich leise zu Conschex. »Wir müssen etwas unternehmen.«

»Was wollen Sie tun?«, fragte er verbittert. »Wollen Sie eine Revolte anzetteln?«

»Warum nicht?«

»Seien Sie nicht naiv. Dunnandeier ist ein hervorragender Psychologe. Er wird mit einer Revolte fertig, bevor wir uns überhaupt formiert haben.«

»Dann müssen wir fliehen.«

»Wohin denn? In den Busch? Die Echsen fressen Sie noch am ersten Tag auf. Nein, Professor, wir haben einen Fehler gemacht und uns selbst in die Falle manövriert. Nun ist es zu spät.«

Wie Recht er hatte. Wir hatten die Wahl gehabt. Wir hätten ohne weiteres von Titan zur Erde fliegen können. Mit der Erde hätten wir in die Galaxis hinausfliehen können. Stattdessen hatten wir es vorgezogen, uns in der Forschungsstation auf dem Saturnmond gefangen nehmen zu lassen und uns der »Versklavung« durch die Horden Leticrons zu unterwerfen. Welche Narren wir doch gewesen waren. Wir hatten uns eingebildet, »Agenten hinter der Linie« spielen und aus dem Hinterland des Feindes heraus für Rhodan arbeiten zu können.

Nun saßen wir in der Patsche.

»Vielleicht können wir eine Hyperfunkstation in unsere Gewalt bringen und einen Funkspruch an Rhodan absetzen.«

Esto Conschex lächelte ironisch. »Ich gratuliere Ihnen«, sagte er. »Wissen Sie denn, wo Rhodan ist? Und meinen Sie nicht, dass er vielleicht etwas anderes zu tun hat, als sich um zwei Leute Gedanken zu machen, die den Dienst in der Solaren Flotte quittierten, um in der Industrie viel Geld zu verdienen?«

»Sie haben Recht, Esto«, sagte ich seufzend.

»Ruhe!«, kreischte Bokk An. »Könnt ihr nicht endlich ruhig sein?« Der Marsianer saß auf seinem Bett und blickte mit flackernden Augen zu uns herüber. Wir schwiegen. Aber nicht, weil er uns angefahren hatte. Das war uns egal. Es gab nur nichts mehr zu sagen.

 

»He, du!«, rief Biran Kompagie.

Ich blieb stehen und blickte auf ihn hinab. »Hallo, Kleiner«, sagte ich.

Er ergrünte vor Wut. Viele Überschwere sind stolz auf ihre fast quadratische Figur. Biran Kompagie schien in dieser Hinsicht einige Komplexe zu haben. Der Assistent des Gouverneurs trat auf mich zu, riss die Lederpeitsche hoch und schlug sie mir quer über die Brust. Der Angriff erfolgte so schnell, dass ich nicht mehr ausweichen konnte. Schmerzgepeinigt stürzte ich zu Boden. Dennoch brachte ich es fertig, mein Gesicht so zu verzerren, dass er glaubte, mich lachen zu sehen. Das steigerte seinen Zorn noch mehr. Wiederum hob er die Peitsche.

»Das ist typisch für euch Überschwere«, spottete ich. »Ihr macht alles mit Gewalt.«

»Das hast du richtig erkannt, Terraner«, antwortete er und betonte das letzte Wort so, als sei »Terraner« ein Schimpfwort.

Ich erhob mich vorsichtig. »Unter zivilisierten Menschen heißt es, dass die Gewalt dort beginnt, wo der Geist aufhört. Das scheint bei euch recht früh der Fall zu sein.«

Er verfärbte sich noch mehr. Abermals sauste die Peitsche herab, aber dieses Mal war ich vorbereitet. Das Leder zischte an mir vorbei. Es klatschte auf den staubtrockenen Boden, fuhr sofort wieder hoch und streifte mich an der Schulter. Ich glaubte im ersten Moment, der Assistent des Gouverneurs habe mir den Arm abgetrennt. Vor meinen Augen begann es zu flimmern, und ich musste den nächsten Hieb hinnehmen, ohne mich wehren zu können. Ich brach zusammen und fiel auf die Knie.

»Das heldenhafte Verhalten der Überschweren habe ich schon immer verehrt«, stammelte ich keuchend. »Wusstest du das nicht, Dicker?«

Ich packte einen dornigen Ast, wich der Peitsche aus und hielt ihn hoch. Das Leder wickelte sich in rasendem Tempo um das Holz. Ich ließ es los. Da Biran Kompagie im gleichen Augenblick an der Peitsche zerrte, flog es ihm mitten ins Gesicht. Die Dornen gruben zwei tiefe Wunden in seine Wange.

Ich lachte verzweifelt auf. Der Überschwere raste. Er schleuderte die Peitsche zur Seite und kam mit ausgestreckten Armen auf mich zu. Seine Finger krümmten sich zu einem Würgegriff. Ich wich Schritt für Schritt zurück. Bestürzt merkte ich, dass ich den Bogen überspannt hatte.

In dieser Sekunde verließ Akter tan Har die Kuppel der Lagerverwaltung. Er kam allein. Nicht einmal ein Roboter begleitete ihn. Er sah Biran Kompagie und schrie los. Wie von Sinnen warf er sich zwischen uns und trommelte mit den Fäusten auf den Boden. Ich konnte nicht verstehen, was über seine Lippen kam. Das war auch nicht wichtig. Auf jeden Fall lenkte er den Überschweren ab. Kompagie blickte ihn verwirrt an. Dann schleuderte er ihn mit einem Fußtritt zur Seite. Das Geschrei des Bolithers steigerte sich noch. Akter tan Har sprang auf und stürzte sich erneut vor dem Assistenten des Gouverneurs in den Staub. »Gnade«, wimmerte er. »Gnade, hoher Herr!«

Ich begriff überhaupt nichts mehr. Was war mit ihm geschehen? Der Bolither war alles andere als ein Feigling, aber die zwei Stunden, die er bei den Überschweren verbracht hatte, hatten ihm das Rückgrat gebrochen.

Ich hatte nur noch Augen für den Bolither, der mir stets ein humorvoller Gesprächspartner gewesen war. Er hatte genau gewusst, wer ich war. Doch das hatte ihn nicht daran gehindert, mich von Anfang an »Pferdegesicht« zu nennen. Eine treffende Bezeichnung, wie ich hatte eingestehen müssen. Mir hatte diese Haltung imponiert, deshalb hatte ich sie akzeptiert.

Mir graute. Mit welchen Mitteln hatten die Wächter von Watsteyn tan Har vernichtet?

Die Peitschenhiebe, die mir noch immer von Biran Kompagie drohten, schienen mir plötzlich eine Lappalie. Damit konnte er meinem Körper Schmerzen zufügen. Meine Persönlichkeit aber konnte er nicht erreichen.

Was aber würde mit mir geschehen, wenn man mich zu einem »Verhör« holte, wie Akter tan Har es durchgemacht hatte? Kompagie wandte sich mir wieder zu. Er grinste mich an, seine Augen funkelten tückisch. »Du hättest es verdient, dass ich dich zu Brei schlage«, sagte er mit rauer Stimme. »Aber das werde ich nicht tun. Ich habe etwas Besseres für dich.«

Er versetzte Akter tan Har erneut einen Fußtritt, sodass der Bolither in die Dornenbüsche flog. Ich sah, dass er sich Arme und Gesicht aufriss. Es waren Wunden, die tagelang eitern würden. Die Insekten würden versuchen, ihre Eier darin abzulegen. Nichts fürchteten wir mehr als Verletzungen durch die giftigen Dornen der Heybrischbüsche.

»Komm her, Bolither!«, befahl Biran Kompagie hart. Akter tan Har gehorchte. Er kroch heran. Unmittelbar vor dem Überschweren blieb er erschöpft liegen. »Küss mir die Füße, Bolither!«

Biran Kompagie sah mich an. Ich verstand genau, was er damit erreichen wollte, dass er den Bolither in dieser Weise demütigte.

»Du kannst es dir aussuchen«, sagte er zynisch. »Ich habe keinen Einfluss mehr auf dein zukünftiges Schicksal. Du bestimmst es ganz allein. Wenn du das Bedürfnis hast, mir morgen ebenfalls die Stiefel zu lecken, dann werde ich mich deinen Wünschen nicht entgegenstellen.«

Ich ließ diese Worte über mich ergehen, ohne ihm zu zeigen, wie es in mir aussah. Ich wusste, dass die Drohung ernst zu nehmen war. Und ich verabscheute ihn, wie ich niemals zuvor einen Menschen verabscheut hatte. Er hob die Peitsche und ließ sie erneut über meine Schulter sausen. Rasender Schmerz durchzuckte mich, aber ich beherrschte mich. Ich schaffte es, so zu tun, als hätte ich nichts gespürt.

»An die Arbeit!«, schrie der Überschwere. Er war enttäuscht darüber, dass ich nicht erneut unter dem Hieb zusammengebrochen war. Ich sah es ihm an. Gehorsam wandte ich mich um und ging zu den anderen Gefangenen hinüber, die in etwa fünfzig Metern Entfernung von uns standen und alles beobachtet hatten. Jetzt knieten sie sich wieder hin und setzten ihre Arbeit mit den primitiven Werkzeugen fort, die man ihnen gegeben hatte. Der Gouverneur wünschte sich ein Landefeld für die großen Walzenraumer der Überschweren. Natürlich war es völlig sinnlos, uns damit zu beauftragen. Mit den Beilen und Hacken würden wir Monate brauchen, bis ein genügend großer Raum freigeschlagen war. Die Heybrischbüsche zu roden war eine mörderische Arbeit, die mit Hilfe einiger Desintegratorstrahler oder auch nur eines Buschfeuers innerhalb einer Stunde erledigt gewesen wäre. Darum aber ging es dem Gouverneur nicht. Er wollte uns arbeiten sehen. Und leiden.

Esto Conschex reichte mir das Beil, das er für mich mitgenommen hatte. Ich blickte zur Kuppel zurück. Akter tan Har kroch wie ein Tier über den Boden auf uns zu. Biran Kompagie ging grinsend hinter ihm her. Die panische Angst des Gefangenen amüsierte ihn.

Conschex griff nach meinem Arm. »Tun Sie, als ob Sie nichts sehen«, sagte er.

»Sind wir schon so weit?«, fragte ich bitter.

»Wenn Sie nicht morgen schon so sein wollen wie tan Har, dann müssen Sie sich beugen.«

Ich nickte. Ich wusste, dass er Recht hatte. Aber ich wusste auch, dass ich das nicht lange durchhalten konnte. Früher oder später würde ich Amok laufen.

Die rote Sonne brannte heiß vom violett verfärbten Himmel herab. Ich kniete nieder und hieb voller Zorn auf die stacheligen Äste eines Heybrischbusches ein, sorgfältig darauf bedacht, mir die Hände dabei nicht aufzureißen.

»Sie könnten uns wenigstens Handschuhe geben«, murmelte Conschex.

Ich antwortete nicht. Kompagie und tan Har hatten uns erreicht. Der Bolither griff mit bloßen Händen nach den Büschen und versuchte, sie aus dem Boden zu reißen. Natürlich zerfetzte er sich die Haut dabei. Der Überschwere warf ihm verächtlich ein Beil vor die Füße. Er nahm es auf, flüsterte mit kraftloser Stimme einige Dankesworte und setzte die Arbeit fort.

Die Hänge des Tals wurden von den gelb und rot blühenden Büschen überwuchert. Ihre Wurzeln gruben sich tief in den Boden. Überall stiegen junge Triebe von den Seitenwurzeln auf. Sie lugten als messerscharfe Stacheln aus dem Boden hervor. Immer wieder rissen sie Unvorsichtigen die Knie auf.

Am Eingang des Tals standen drei silbern schimmernde Kuppeln. In einer von ihnen waren die Gefangenen untergebracht. In der mittleren lagerten die Vorräte, und in dem Gebäude, das an der engsten Stelle des Durchbruchs errichtet worden war, wohnten Biran Kompagie, ein zweiter Überschwerer, eine Neu-Arkonidin, die ich bisher nur aus der Ferne gesehen hatte, und ein Ara, der eigentlich als Arzt für uns Gefangene vorgesehen war, sich aber nicht um uns kümmerte. Die Kampfroboter hielten sich fast immer außerhalb der Gebäude auf.

Kurz vor der Mittagspause kam die Neu-Arkonidin zu uns. Ich wusste nur, dass sie Reyke mit einem Namensteil hieß, aber nicht, ob das der Vor- oder Zuname war.

Sie zeigte mit einer Elektropeitsche auf mich. »He, du da. Komm her!«

Ich erhob mich und gehorchte. Sie war kleiner als ich und viel hübscher, als ich geglaubt hatte. Ihr Mund wirkte klein und herrisch.

»Du bist Professor Dr. Goarn Den Thelnbourg, Terraner, stimmt's?«

»So ist es«, sagte ich gleichmütig.

»Du bist Hypertransit-Mathematiker, der über eine gewisse Erfahrung mit Sonnentransmittern verfügt. Du hast mit einer Arbeit über Sonnentransmitter habilitiert.«

»So ist es.«

»Du hast deine Zeit in der Flotte abgedient, dann bist du in die Industrie gewechselt.«

»Wissen Sie auch noch etwas, das ich nicht weiß?«

Sie fuhr auf. Ihre Augen verengten sich. »Der Gouverneur erwartet, dass du ihm hilfst, einige Probleme zu bewältigen!«, fuhr sie fort, ohne mich für meinen spöttischen Hinweis zu bestrafen.

»Der Gouverneur hat Probleme?«

»Ich warne dich, Thelnbourg. Treib es nicht zu weit. Bist du bereit, mit dem Gouverneur zusammenzuarbeiten?«

»Nein.«

»Vergiss nicht, was mit Akter tan Har geschehen ist.«

»Das werde ich niemals vergessen.«

»Das Gleiche könnte auch dir passieren.«

»So? Könnte es das?«

»Du glaubst, mit dir tun wir das nicht, weil du hinterher für uns wertlos bist?«

»So ungefähr.«

»Du irrst. Wir können das Verfahren an jeder beliebigen Stelle unterbrechen. Wir können dich genauso umformen wie tan Har, ohne deine wissenschaftlichen Qualitäten zu zerstören. Aber wir würden eine freiwillige Arbeit vorziehen.«

Ich antwortete nicht. Da drehte sie sich halb ab und zeigte mit der Elektropeitsche auf meinen Freund Dr. Esto Conschex. »Wir könnten es zuerst an ihm ausprobieren. Was hältst du davon?«

Ich wandte mich ab, kniete mich nieder und setzte wortlos meine Arbeit fort. Reyke lachte höhnisch.

»Dieser Narr glaubt wirklich, uns ignorieren zu können«, sagte sie. Ich erwartete, dass sie ihre Elektropeitsche gegen mich einsetzen würde, aber sie beherrschte sich und kehrte zu der ersten Kuppel zurück.

»Es wird Zeit, dass wir von hier verschwinden«, sagte Esto Conschex leise. Ich hatte nicht gemerkt, dass er sich mir genähert hatte.

»Wie denn? Und wohin denn?«, fragte ich verzweifelt. »Das Buschland ist undurchdringlich. Und überall wimmelt es von Raubechsen. Wir kämen keine drei Kilometer weit.«

Er griff nach meinem Arm. »Hören Sie zu«, sagte er eindringlich. »Ich habe gestern Abend etwas gehört.«

»Was haben Sie gehört, Esto?«

»Im Nachbartal liegt ein Beiboot der Überschweren. Es ist leicht beschädigt und deshalb nicht flugfähig.«

»Woher wissen Sie das?«

»Von Angorn.«

Angorn war ein Terraner, der schon länger in Gefangenschaft auf Watsteyn lebte. Er brachte uns jeden Tag Verpflegung aus Dunnandeier-Center, der größten Niederlassung der Überschweren auf dem Planeten. Angorn arbeitete eng mit den Überschweren zusammen, trieb aber im Schatten scheinbarer Gefügigkeit seine Geschäfte. Er war der einzige Terraner, der sich völlig frei auf Watsteyn bewegen konnte. Wenn er behauptete, ein Raumschiff entdeckt zu haben, dann stimmte das.

»Und was ist los mit dem Schiff?«, fragte ich skeptisch.

»Der Lineargyro ist defekt.«

Ich lachte verzweifelt. »Weiter nichts? Mensch, Esto, dann können wir den Gedanken an Flucht gleich aufgeben.«

»Angorn kann uns den Gyro vielleicht besorgen.«

Ich blickte den Freund überrascht an. »Jetzt verstehe ich, Esto. Ich werde versuchen, nachher mit ihm zu reden.«

 

 

Quinto-Center

 

 

Lordadmiral Atlan ging dem Besucher entgegen, der seinen Arbeitsraum betreten hatte. »Ich bin froh, dass Sie jetzt schon da sind«, begrüßte er Solarmarschall Julian Tifflor mit Handschlag.

Atlan begleitete den Terraner zu einem Sessel und setzte sich ebenfalls. »Die Nachrichten werden immer schlimmer. So verzweifelt war unsere Lage noch nie.« Der Solarmarschall widersprach nicht.

»Die Laren beherrschen mit der Hilfe Leticrons die Galaxis«, fuhr der Chef der USO fort. »Im Augenblick sind wir ratlos. Wir wissen nicht, wo wir ansetzen sollen.«

»Haben Sie mehr über die Pyramiden gehört, die angeblich auf vielen Planeten der Galaxis errichtet worden sind?«

Atlan nickte. »Diese Pyramiden gehören offenbar zur Angriffsstrategie der Laren. Aber zunächst kann ich mich nicht um sie kümmern. Wir haben dringendere Probleme.«

»Natürlich«, sagte Tifflor. »Wir müssen die Erde finden.«

Atlan trank etwas Wasser. Er wirkte nervös und überarbeitet wie fast alle USO-Mitarbeiter in Quinto-Center. Die Ereignisse überschlugen sich förmlich. Dem Positronikverbund der Station gelang es kaum noch, die zahllosen Meldungen und Informationen auszuwerten, die pausenlos einliefen.

»Ich frage mich immer wieder, wo sie materialisiert sein kann«, sagte Julian Tifflor. »Gibt es noch immer keine Hinweise?«

»Die Wissenschaftler von Archi-Tritrans haben mir bisher keine befriedigende Antwort geben können. Die Erde kann noch innerhalb der Milchstraße sein, sagen sie, sie kann aber auch bis in unerreichbare Tiefen des Universums geschleudert worden sein. Niemand wagt es, sich auf eine klare Antwort festzulegen.«

»Aber alle glauben, dass die Erde noch existiert?«

»Ich denke schon«, sagte der Arkonide.

»Was können wir tun, Atlan?«, fragte der Solarmarschall. »Ich fühle, dass wir so nicht weiterkommen. Woran liegt das? Alle Mittel von Quinto-Center werden mobilisiert, die besten Wissenschaftler des Solaren Imperiums arbeiten mit Hochdruck an dem Problem. Warum ...?«

»Sie irren«, unterbrach ihn der Weißhaarige.

»Wie darf ich das verstehen?«

»Es ist nicht richtig, dass die besten Wissenschaftler für uns arbeiten.«

»Nicht?«

»Nein, denn ein Teil von ihnen ist den Laren und den Überschweren in die Hände gefallen.«

»Natürlich, Atlan. Ich habe die Männer und Frauen übersehen, die im privaten Sektor tätig waren. Sie hielten sich auf den Monden der anderen Planeten auf, in Forschungsstationen oder auf Imperiumswelten.«

»So ist es.«

»Jetzt verstehe ich«, sagte der Solarmarschall. »Sie haben die Information erhalten, dass irgendwo terranische Wissenschaftler entdeckt worden sind, die uns helfen könnten.«

»Genau, Julian. Die Nachricht lief vor einer Stunde ein. Es geht um zwei Männer, die ihr Leben der Transmitterforschung gewidmet haben. Sie befinden sich auf einem Gefangenenplaneten der Überschweren. Wenn es uns gelingt, sie herauszuholen und hierher zu bringen, haben wir vielleicht eine Chance, der Fehlschaltung im Archi-Tritransmitter auf die Spur zu kommen. Wenn es ihnen möglich ist, die Vorgänge zu rekonstruieren, dann lässt sich mit ein bisschen Glück berechnen, wo die Erde ist.«

»Wenn diese beiden Männer so bedeutend sind, Atlan, dann sollten wir alles tun, um sie herbeizuschaffen.«

»Das tue ich, Julian.«

Der Lordadmiral drückte einen Sensor. Einige Sekunden vergingen, dann öffnete sich die Tür, und ein hochgewachsener, narbengesichtiger Mann trat ein.

»Tekener«, sagte Julian Tifflor überrascht. »Ich dachte, Sie wären auf der Erde.«

Der Mann mit dem Narbengesicht reichte Tifflor die Hand. »Ich sah meinen Platz hier, bei der USO«, sagte er.

 

 

Watsteyn

 

 

Wider Erwarten kam Angorn gestern nicht in das Lager. Umso ungeduldiger sahen wir seinem heutigen Besuch entgegen. Die Zeit wollte nicht vergehen. Biran Kompagie quälte uns. Er trieb uns bei der Arbeit an, verhöhnte und beschimpfte uns, ohne dass wir uns gegen ihn auflehnten.

Kraftlos kauerten wir in der Sonne und würgten das Mittagessen aus Synthofleisch hinunter, als Angorn endlich mit seinem Gleiter erschien. Wie immer erhoben wir uns und umringten das Flugzeug. Unsere Wächter hatten noch nie etwas dagegen einzuwenden gehabt. Ich wusste nicht, warum sie uns diese kleine Entspannung gönnten. Vermutlich war auch das ein psychologischer Schachzug.

Angorn nahm seine Geschäfte auf. Er verkaufte Bokk An, dem Marsianer, drei Zigaretten gegen einen hochwertigen Armreif. Perk Meysch erstand eine Seine, eine zitrusartige Frucht, und musste einen Edelstein dafür hergeben, der unter normalen Umständen ganze Kisten von diesem Obst gebracht hätte. Empört verfolgte ich, dass Angorn die anderen Gefangenen förmlich ausplünderte, indem er sie mit Dingen lockte, die sonst für sie unerreichbar waren. Aber ich sagte mir, dass mich das nichts anginge.

Geduldig wartete ich ab, bis die anderen Gefangenen versorgt waren. Nur noch Conschex und ich blieben am Gleiter zurück. Wir standen so günstig, dass man uns von der Kuppel der Überschweren aus nicht sehen konnte.

»Habt ihr es euch überlegt?«, fragte er uns.

»Die Sache ist interessant, Angorn«, sagte Esto.

Er nickte. »Und ob, Freunde. Wenn ich euch den Gyro besorge, könntet ihr abhauen.«

»Warum setzt du ihn nicht selbst ein?«

Er blickte mich so überrascht an, als hätte ich ihn gefragt, ob er mir eine Million schenken wolle. »Bin ich verrückt? Erstens geht es mir hier prächtig. Ich bringe in kürzester Zeit wahre Reichtümer zusammen. Die Gefangenen stecken mir für den letzten Mist alles Mögliche in den Hals. Ist eine Sauerei, sie so auszunehmen, aber wenn ich es nicht tue, dann machen es andere. Stimmt's?«

Ich musste ihm Recht geben.

»Außerdem ist es nicht damit getan, das Schiff flottzumachen. Watsteyn wird scharf bewacht. Das System wimmelt von Wachraumern der Überschweren. Freunde, es gibt eine Reihe von wichtigen Leuten hier. Man möchte nicht, dass sie entwischen oder entführt werden. Deshalb passt man auf.« Er blickte uns an, als erwarte er einen Kommentar, aber wir schwiegen. »Mit anderen Worten: Wenn ihr gestartet seid, habt ihr es noch lange nicht geschafft. Ihr müsst auch aus dem Sonnensystem herauskommen. Und – ehrlich gesagt – warum sollte ich das Risiko eingehen, da draußen abgeknallt zu werden, wenn ich es hier so gut habe?«

Ich wischte mir mit einem Lappen den Schweiß aus dem Gesicht. Es war drückend heiß. Ich schätzte, dass die Temperaturen weit über vierzig Grad lagen.

»Also gut, Angorn«, sagte ich. »Wir werden es versuchen. Was willst du für den Gyro haben?«

»Nur eine Kleinigkeit, Professor.« Er grinste.

»Und das wäre?«

»Meine Geschäfte gehen glänzend, Professor. Sie könnten noch besser für alle sein, wenn da nicht ein Überschwerer wäre, der mich wiederum ausnimmt wie eine Weihnachtsgans. Er verlangt eine Provision von fünfzig Prozent.«

»Das ist deine Sache.«

»Stimmt! Aber der Kerl passt mir nicht. Er muss weg. Und das ist Ihre Aufgabe, Professor.«

Ich hatte das Gefühl, einen Schlag in den Magen bekommen zu haben. Dieser Mann verlangte von mir einen Mord!

»Angorn«, sagte Esto Conschex vorwurfsvoll. Er wiegte seinen kahlen Kopf und legte beide Hände an den Zopfbart, der ihm bis auf den Gürtel hinabreichte. »So geht das nicht. Du kannst doch keinen Doppelmord von uns verlangen.«

»Doppelmord?« Angorn war überrascht. Er hockte auf seinem Sitz, stützte die kleinen Hände auf die Knie und blickte uns abwechselnd an. Sein hohlwangiges Gesicht trug sieben dünne Narben, die sich vom Haaransatz bis zum Kinn hinunterzogen. Sie waren vermutlich aus kosmetischen oder kultischen Gründen angebracht worden. Angorn trug das aschblonde Kraushaar nach Art der Laren, also wie ein Vogelnest. Rote Bändchen zierten es. Er war klein. Ich schätzte ihn auf höchstens 1,45 Meter. Dennoch wirkte sein schmächtiger Körper kräftig.

Um den Hals hingen mehrere goldene Ketten, die er vermutlich Gefangenen abgenommen hatte. Und auch an seinen Handgelenken und den Fingern glitzerten Schmuckstücke. »Doppelmord?«, wiederholte er.

»Natürlich«, antwortete ich. »Wenn wir einen Überschweren umbringen, begehen wir praktisch Selbstmord.«

Er schüttelte den Kopf und grinste schlau. Dabei entblößte er seine weit vorspringenden Zähne.

»Ihr macht das natürlich so raffiniert, dass euch niemand etwas beweisen kann.«

»Niemals – ein Mord kommt nicht in Frage!«

»Eine andere Möglichkeit gibt es nicht, Professor. Und vergessen Sie bitte nicht, dass wir uns im Krieg befinden. Glauben Sie nur nicht, die Überschweren hätten Bedenken, Sie über den Haufen zu schießen.«

Da hatte er Recht. Wir handelten in Notwehr. Wenn wir hier auf Watsteyn blieben, hatten wir keine Chance. Die Überschweren würden uns so zurichten wie Akter tan Har. Der Bolither hatte seine Persönlichkeit, seine Menschenwürde und sein Ich verloren. Wenn wir nicht auch so werden wollten wie er, dann mussten wir kämpfen. Oder wir mussten unsere wissenschaftlichen Fähigkeiten in den Dienst der Laren stellen. Das aber wäre gleichbedeutend mit einem Verrat an der Erde gewesen. Uns blieb keine Wahl. Wir mussten tun, was Angorn verlangte.

»Sie hätten wirklich keine Bedenken«, gab Esto Conschex zu. »Ich gestehe jedoch, dass ich nicht weiß, ob ich es fertig bringe, auf ein intelligentes Wesen zu schießen.«

»Wer sagt denn das, Doktor? Wir machen es viel eleganter.« Er blickte sich um, erschrak und schrie: »Verschwindet endlich! Mit mir könnt ihr nicht handeln, Lumpengesindel! Haut ab!«

Esto Conschex begriff nicht sofort, obwohl er ein überaus intelligenter Mann war. Als er sich in dieser Weise beschimpft sah, ging sein cholerisches Temperament mit ihm durch. Er lief rot an. Seine dicken Hände packten Angorn und rissen ihn aus dem Gleiter.

»Auseinander!«, brüllte Biran Kompagie, der in diesem Moment um das Flugzeug herumkam.

Angorn und der korpulent wirkende Esto Conschex stürzten in den Staub. Ich hörte, wie der Händler meinem ehemaligen Mitarbeiter zuflüsterte: »Gut gemacht, Dicker.«

Der Überschwere versetzte Esto einen Fußtritt und schleuderte ihn zur Seite. Jetzt zeigte sich, dass der Mathematiker alles andere als dick war. Er wirbelte durch die Luft und federte wie ein Ball wieder hoch. Sein Gesicht glühte vor Erregung. Noch bevor der Überschwere wusste, wie ihm geschah, setzte Esto eine Beinschere bei ihm an. Die beiden Männer waren etwa gleich groß, aber Kompagie wog erheblich mehr als mein Freund. Dennoch drehte Esto seinen Gegner ruckartig herum und brachte ihn zu Fall. Bevor er jedoch einen Würgegriff ansetzen konnte, traf ihn ein fürchterlicher Fausthieb, der den Kampf augenblicklich beendete.

Ich kniete neben Esto nieder und tastete nach seinem Pulsschlag. Erleichtert atmete ich auf. Er lebte noch.

Der Überschwere lachte dröhnend. Dann hörte ich, wie er mit Angorn verhandelte. Der Terraner schob Kompagie einige Schächtelchen zu, die einen hohen Wert zu haben schienen.

Mühsam hob ich Esto Conschex hoch. Sein Gesicht war bleich. Angorn drehte uns den Rücken zu. Er beachtete uns nicht.

 

Am nächsten Tag kam Angorn erst am späten Nachmittag, als wir unsere Arbeiten schon erledigt hatten. Die anderen Gefangenen zeigten diesmal nur geringes Interesse, mit ihm zu handeln. Er brachte Proviant für die Überschweren und Kosmetika für die Neu-Arkonidin.

Als wir allein im Gleiter standen, eröffnete er uns: »Ich habe Hochprozentiges für die Bande mitgebracht. Heute Nacht werden nur die Roboter aufpassen. Vielleicht könnt ihr etwas daraus machen.«

»Wir haben die Sache durchgesprochen«, sagte ich. »Wir machen mit. Was haben wir zu tun?«

»Ihr müsst dafür sorgen, dass dieser Überschwere verunglückt. Aber das ist nicht so einfach. Eine Untersuchung darf keinen Verdacht auf mich lenken – und natürlich auch nicht auf euch. Das Ganze muss raffiniert eingefädelt werden.«

»Los doch, Angorn«, drängte ich. »Was sollen wir tun?«

»Ihr kennt Koman Okt?« Ich nickte. Natürlich kannten wir diesen Überschweren. Er kam hin und wieder zu uns ins Lager, um mit Biran Kompagie zu trainieren. Ihre Kampfspiele waren eine Mischung aus terranischem Boxen, Catchen und Judo. Ich hatte einmal aus der Ferne zugesehen, wie sie hinter der ersten Kuppel trainiert hatten. Ein normal gebauter Terraner wäre aus einem solchen Spiel-Kampf nicht lebend hervorgegangen. »Was ist mit Koman Okt?«

»Das ist der Kerl, der mich ausnimmt. Hört zu. Er muss verunglücken. Am besten stürzt er mit dem Gleiter ab.«

»Dazu müssen wir an seine Maschine herankommen«, sagte Esto Conschex.

»Das organisiere ich. Bei uns im Lager müssen die Gefangenen die Wartungsarbeiten an den Gleitern erledigen.«

»Das ist hier auch so«, antwortete ich.

»Gut. Ich werde dafür sorgen, dass Koman Okts Gleiter wartungsbedürftig ist, wenn er das nächste Mal hierher kommt – und ihr mit der Wartung betraut werdet.«

»Das ist schwierig.«

»Überhaupt nicht«, entgegnete er. »Habt ihr noch keine Reue für euer – hm – böswilliges Verhalten gezeigt?«

Esto Conschex zeigte das für ihn typische Grinsen. »Schon verstanden, Angorn. Wir werden Kompagie sagen, dass wir vernünftig geworden sind. Wir werden ihn fragen, ob er uns nicht mit kleinen Arbeiten beschäftigen kann. Das ist immerhin angenehmer, als herumzusitzen und zu grübeln.«

»Du bist ein kluges Kind, Doktor«, lobte Angorn.

Wir entfernten uns vom Gleiter und setzten uns in der Nähe unserer Haftkuppel auf den Boden. Die Sonne verschwand hinter den Bergen. Der Himmel verfärbte sich dunkelrot, und ein Schwarm von Hautflüglern zog über das Lager hinweg. Die Vögel hatten eine Spannweite von etwa drei Metern. Von den Hängen der Berge hallten die schrillen Schreie der Echsen herab. Die Natur von Watsteyn stand unseren Peinigern hilfreich zur Seite. Es war lebensgefährlich, sich unbewaffnet vom Lager zu entfernen. Wir waren uns darüber klar, dass es noch ein ganz besonderes Problem sein würde, überhaupt zu dem verlassenen Walzenraumer zu kommen.

»Wie stellen wir es an?«, fragte Esto. Er strich sich über den kahlen Schädel, fand überraschenderweise noch ein Härchen und zupfte es aus. Biran Kompagie ging an uns vorbei. Wir standen respektvoll auf. Esto Conschex brachte es allerdings nicht fertig, dabei auch noch die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen.

Der Umweltangepasste schien uns nicht zu bemerken. Ich sah jedoch, dass es um seine Mundwinkel herum zuckte. Wir setzten uns wieder.

»Mit einem Tranmit?«, schlug Esto vor.

»Das wäre eine Idee«, sagte ich nachdenklich. »Wie sieht's mit den Teilen aus?«

Esto Conschex grinste wiederum in der für ihn typischen Art, die mir sagte, dass er den Plan längst durchdacht hatte. Er konnte ungeheuer schnell und präzise denken. Das hatte ihn als Mitarbeiter für mich so wertvoll gemacht. Dabei ließ sein breites, brutal wirkendes Gesicht mit den dunklen, buschigen Augenbrauen auf einen ganz anderen Mann schließen.

»Alles, was wir benötigen, können wir in der Kuppel finden. Wir müssen heute Nacht nur ein wenig auf die Suche gehen«, sagte er.

Ich überlegte kurz und stimmte zu. Er hatte Recht. Es kam ja nicht darauf an, ein perfektes Gerät zu konstruieren, sondern nur ein ganz einfaches Ding zu bauen, das nur einmal funktionieren sollte.

Ein Tranmit war ein kleines Teil eines Transmitters. Es sorgte dafür, dass die Entstofflichung eingeleitet wurde. Mehr konnte es nicht. Wenn wir ein Tranmit an den Antigrav des Gleiters hefteten, würde es dafür sorgen, dass ein Teil des Antriebs im Nichts verschwand. Ein primitiver Funkbefehl konnte diesen Effekt auslösen. Die Vorteile eines solchen Anschlags waren nicht zu übersehen. Ein Absturz war unvermeidlich. Für eine Nanosekunde absorbierte das Tranmit die gesamte Energieleistung des Gleiters. Natürlich verdampfte es dabei, sodass keine Spuren zurückblieben.

Normalerweise dachte niemand daran, ein Tranmit als Einzelbauteil herzustellen, denn es war eigentlich zu nichts zu gebrauchen. Ein Transmittertransport ohne Rematerialisierung war sinnlos. Und wenn irgendjemand irgendetwas vernichten wollte, dann konnte er das unter viel geringerem Energieaufwand mit einem Desintegrator tun.

Der Plan Estos war einfach genial. Nach dem Absturz würde man vielleicht feststellen, dass ein Teil des Antigravs verschwunden war, aber niemand würde diese Tatsache aufklären oder gar uns anlasten können. Darüber hinaus würde niemand auf den Gedanken kommen, dass wir ein Tranmit eingesetzt hatten, denn Laien stellen sich unter solchen Teilchen ungeheuer komplizierte Dinge vor. Das aber entspricht nicht der Tatsache. Ein Tranmit zusammenzubasteln ist nicht schwer – man muss nur wissen, wie. Ich vermutete, dass es unter den Überschweren niemanden gab, der überhaupt wusste, dass es so etwas wie ein Tranmit gab. Auch ein einfaches Funkteil zu bauen war nicht schwierig.

Wieder ging Biran Kompagie an uns vorbei. Gehorsam erhoben wir uns, setzten uns jedoch nicht wieder, sondern betraten die Kuppel. Wenig später nahmen wir das spärliche Mahl ein, das uns von Robotern gereicht wurde. Wir schlangen es hinunter und legten uns anschließend auf unser Lager. Auch die anderen Gefangenen ruhten bald. Sie waren erschöpft von der harten Arbeit, die ihnen abverlangt wurde.

Als wir sicher waren, dass alle schliefen, hockten wir uns zusammen und besprachen kurz, wohin wir uns zu wenden hatten. Lautlos erhoben wir uns und schlichen zum Türschott.

2.

 

Quinto-Center

 

 

»Es geht um Professor Goarn Den Thelnbourg, Hypertransit-Mathematiker und Spezialist für Sonnentransmitter lemurischer Bauweise, sowie um seinen engsten Mitarbeiter Dr. Dr. Esto Conschex«, erklärte Lordadmiral Atlan seinen Zuhörern. »Ich setze große Hoffnungen auf diese beiden Männer. Wir haben zuverlässige Informationen darüber erhalten, wo sie sich befinden. Die Überschweren haben sie auf Titan festgenommen und zu ihrem Strafplaneten Watsteyn gebracht. Das ist eine Welt der ZGU. Dort müssen wir sie herausholen, Tek.«

Ronald Tekener nickte. Er lächelte jenes gefährliche Lächeln, das ihn berühmt gemacht hatte. Viele nannten ihn nur »the smiler«. Andere wiederum hatten ihn mit der Bezeichnung »Galaktischer Spieler« belegt, weil er nicht nur im Glücksspiel außerordentlich erfolgreich war, sondern auch Einsätze gewagt hatte, vor denen die meisten zurückgeschreckt wären. Und er hatte seine Spiele gewonnen. Wenn ein Mann für eine Befreiungsaktion auf Watsteyn geeignet war, dann Ronald Tekener.

»Wir wissen nicht, wo die beiden Wissenschaftler auf Watsteyn sind«, fuhr Atlan fort. »Es wird Ihre Aufgabe sein, Tek, das herauszufinden. Viel Zeit haben Sie nicht. Die Überschweren sind wachsam. Sie wissen genau, welch wissenschaftliche Schätze sie auf ihren Gefangenenplaneten in den Händen haben. Sie werden alles tun, um zu verhindern, dass wir einige von ihnen befreien. Sie wollen diese Fachleute für sich haben, und wir konnten erfahren, dass es ihnen bei einigen bereits gelungen ist, sie umzukehren.«

»Welchen Plan haben Sie, Atlan?« Tekener ging davon aus, dass die Planung bereits abgeschlossen war, schließlich kannte er den Freund Rhodans schon seit mehr als tausend Jahren.

»Mittlerweile gibt es über zweihundertachtzig Strafplaneten. Das macht die Sache schwierig. Doch in einigen Tagen startet ein Schiff mit Gefangenen vom Mars nach Watsteyn – und das ist unsere Chance.«

»Sie wollen mich als neuen Gefangenen nach Watsteyn einschleusen?«

»Das ist die einzige Möglichkeit, da militärische Aktionen großen Stils nicht in Frage kommen. Wir müssen unauffällig vorgehen, weil Sie die beiden Wissenschaftler suchen müssen. Darüber können unter Umständen einige Tage vergehen. Die Nachforschungen sind so diskret zu betreiben, dass die Überschweren nichts davon merken.«

»Sie fürchten, dass sie die beiden Wissenschaftler sonst töten?«, fragte Tifflor.

»Genau das haben sie in einem anderen Fall getan. Als wir versuchten, einen bedeutenden Pharmakologen herauszuholen, haben sie ihn getötet.«

Atlan aktivierte eine Holoprojektion. Ein kurzer Film lief ab, in dem Thelnbourg und Conschex zu sehen waren.

»Die beiden Männer sind wahrscheinlich leicht zu erkennen, wenn Sie erst einmal in ihrer Nähe sind«, fuhr Atlan fort. »Thelnbourg ist fast zwei Meter groß, dürr und asketisch. Er hat eingefallene Wangen mit weit vorstehenden Jochbeinen. Auffallend sind vor allem die vollen Lippen und die großen Zähne. Thelnbourg ist ein Mann, der etwas düster wirkt. Tatsächlich ist er sehr humorvoll und lacht gern, aber meistens gerade dann, wenn niemand es erwartet. Er erkennt Situationen als komisch, noch bevor sie wirklich komisch geworden sind. Daher wirkt sein Lachen manchmal deplatziert. Conschex ist gegen ihn klein. Er sieht korpulent aus, ist aber tatsächlich ein durchtrainierter Mann. Er ist ein Choleriker und ein Spötter, aber absolut zuverlässig. Inzwischen dürften diese beiden Männer längst bereut haben, dass sie nicht zur Erde zurückgekehrt und mit Perry geflohen sind.«

»Hoffen wir nur, dass sie nicht aus eigener Initiative zu entfliehen suchen«, sagte Julian Tifflor. »Eine gelungene Flucht wäre genau das, was uns nicht passieren darf.«

 

 

Watsteyn

 

 

Wir fanden, was wir brauchten. Das erste Bauteilchen entdeckte Esto Conschex in den Leuchtscheiben auf dem Gang vor unserem Schlafraum. Das zweite löste ich aus dem Interkom im Hygieneraum heraus. Dann konzentrierten wir uns auf den Antigravprojektor, der die Kuppel versorgte. Mit einem kleinen Trick schafften wir es, ihm einige Steuerelemente zu entnehmen, ohne dabei seine Funktionstüchtigkeit zu beeinträchtigen. Esto triumphierte. Alles ging viel schneller, als wir erwartet hatten. Niemand störte uns. Anders würde es werden, sobald wir die Kuppel verließen. Dann mussten wir an wenigstens einem Kampfroboter vorbei.

Wir setzten uns im Schlafraum zusammen und begannen mit der Arbeit. Sie ging uns flott von den Händen. Hin und wieder unterbrachen wir sie und diskutierten den nächsten Schritt. Esto Conschex bewies wieder einmal seine Genialität. Wahrscheinlich hätte ich ohne ihn sogar aufgeben müssen. So aber glückte uns etwas, das die Überschweren mit Sicherheit für unmöglich hielten.

Als der Morgen anbrach, legten wir uns für eine Stunde hin. Ich schlief tief und fest und konnte kaum in die Wirklichkeit zurückfinden, als die Roboter uns weckten. Wir schleppten uns hinaus, schlangen das Frühstück hinunter und hackten dann wieder sinnlos auf die dornigen Sträucher ein, um einen Raumhafen zu errichten, der vielleicht niemals benutzt werden würde. Kurz vor der Mittagspause kam Biran Kompagie zu uns. Er blieb geraume Zeit hinter mir stehen, dann setzte er mir den Fuß auf die Wade meines rechten Beines. Stöhnend richtete ich mich auf.

»Du arbeitest verdammt langsam, Professor«, sagte er drohend. In diesem Moment stellte ich mir vor, wie dumm er dreinschauen würde, wenn er unsere Flucht entdeckte. Ich lachte.

Der grünhäutige Umweltangepasste blickte mich so fassungslos an, dass ich weiterlachte, obwohl Esto Conschex mich mit der Faust anstieß. Kompagie neigte sich nach vorn und legte sein ganzes Gewicht auf seinen rechten Fuß. Ich fürchtete, dass er mir das Bein bräche. Stöhnend sackte ich zusammen. Er gab mir einen Tritt, sodass ich kopfüber in die Dornen stürzte. Aber ich hatte Glück. Ich verletzte mich kaum. Der Überschwere verzichtete darauf, mich zu fragen, worüber ich gelacht hatte. Ich hätte es ihm kaum erklären können.

»Das war unvorsichtig«, tadelte Esto mich.

»Ich weiß«, gab ich zu. »Aber Sie kennen mich doch.«

Er grinste mich an. »Allerdings«, sagte er. Dann richtete er sich auf und deutete an mir vorbei zum Taleingang. »Angorn kommt.«

Die Entscheidung stand bevor, und viele Fragen taten sich auf, die wir uns bisher gar nicht gestellt hatten. Konnten wir Angorn wirklich vertrauen? Würde er den Gyro liefern? Würde er einem Verhör standhalten, oder würde er uns verraten, wenn er sich bedroht sah? Wie würden die Überschweren auf unsere Flucht reagieren? Wie groß waren unsere Chancen überhaupt?