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Carolin Kippels

Verliebt, verflucht, verzaubert

Das Buch:

 

»Ein leichtes Rot war am Horizont zu erkennen, das langsam den Himmel hinaufkletterte. Trotzdem war es größtenteils noch dunkel, bis auf die Sterne. In meinem Kopf waren tausend Fragen, und ich wusste auf keine davon eine Antwort. Das hier war das reinste Chaos, und meine Gedanken schienen sich geradezu zu überschlagen.«

Julie erkennt, dass von dem Helden, den sie aus den Büchern kannte, nicht mehr viel übrig ist. Leander quält ein Amulett, das die Schattenhexe mit einem Fluch belegte. Nicht einmal die Elfen fanden einen Weg, Leander zu helfen, weswegen Julie die letzte Hoffnung ist. Doch weder der Prinz noch die restlichen Fabelwesen machen ihr diese Aufgabe leicht. Und dann gibt es nur noch eine Chance, von der alles, auch das Schicksal des Königreiches, abhängt.

 

 

Die Autorin:

 

Carolin Kippels wurde 1995 in Gummersbach geboren. In ihrer Kindheit erkundete sie die Wälder des bergischen Landes und brachte mit klaren Strichen abenteuerliche Fantasiegebilde auf Papier. In der Schulzeit entwickelte sich ihr reges Interesse an zwischenmenschlichen Prozessen, über die sie Kurzgeschichten schrieb. Nach dem Abitur baute sie dieses Interesse aus und absolvierte ein Psychologiestudium. Deswegen dreht es sich in ihren Geschichten oft um vielschichtige Charaktere mit Ecken und Kanten, die die verschiedensten Abenteuer erleben. Und fast immer ist in den Geschichten eine kleine Botschaft versteckt. Sie ist ein Hundefreund und widmet sich in ihrer Freizeit leidenschaftlich ihren Lieblingsbüchern und einigen Serien. 

 

https://makeldermenschheit.wordpress.com/

 

 

Carolin Kippels

 

 

Roman

 

 

 

Verliebt, verflucht, verzaubert

Carolin Kippels

 

Copyright © 2019 at bookshouse Ltd.,

Ellados 3, 8549 Polemi, Cyprus

Umschlaggestaltung: © at bookshouse Ltd.

Coverfotos: www.shutterstock.com

Satz: at bookshouse Ltd.

Druck und Bindung: bookwire GmbH

Printed in Germany

 

ISBNs: 978-9925-33-110-9 (Paperback)

978-9925-33-111-6 (E-Book .pdf)

978-9925-33-112-3 (E-Book .epub)

978-9925-33-113-0 (E-Book Kindle)

 

 

www.bookshouse.de

 

 

 

Urheberrechtlich geschütztes Material

Für B.,

einer der tapfersten Menschen, die ich kenne.

Du machst deinen Weg und kannst auf dich vertrauen. Blickst du auf die Schritte, die du bereits gegangen bist, wirst du das auch immer wissen.

Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

Kapitel 1

 

 

 

Nach dem Schulabschluss hatte ich mich dazu entschieden, eine Auszeit zu nehmen. Das brauchte ich einfach, denn die letzten Prüfungen hatten an meinen Nerven gezehrt. Gerade in dieser Zeit fand ich Zuflucht in fantastischen Geschichten. Schon von klein auf fühlte ich mich in der Umgebung von Büchern wohl. Schließlich steckte in jedem Buch eine neue Welt, die es zu entdecken gab. Ich liebte den Geruch von Papier und das Gefühl, wenn die Seitenblätter durch die Finger glitten. Das gab mir immer das Gefühl eines Zuhauses. Da war es nicht verwunderlich, dass ich meiner Mutter mit ihrem Buchladen half: Der kleine, charmante Laden namens Booklover lag in der Mitte unserer Kleinstadt. Mittlerweile hatte das Geschäft einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht und war beliebt. Meine Mutter kümmerte sich um ihre Kunden mit Herz und Seele. Der Laden hätte nicht viel besser laufen können. Das einzige Problem war, dass wir mittlerweile Konkurrenz bekommen hatten. Ein neuer, moderner Buchladen, der einer großen Kette angehörte, war ein paar Straßen weitergezogen, weswegen sich auf dem Gesicht meiner Mutter immer mehr Sorgenfalten bildeten. Abgesehen davon wurde sie auch nicht jünger und brauchte meine Unterstützung mehr denn je. Der eigene Buchladen war ihr großer Traum, und den wollte sie sich nicht nehmen lassen. Deswegen investierten wir in fast jede erdenkliche Marketingaktion. Gar nicht so einfach, wenn man nicht vom Fach war. Geld konnte man so schnell ausgeben, es wieder zu verdienen, war die andere Sache.

Deswegen wunderte es mich nicht, dass sie sogar Onkel Edgar um Hilfe bat. Zugegebenermaßen sind Edgars Fantasygeschichten über Elfen wunderbar: tiefgründig, detailreich und auf merkwürdige Art realistisch. Ich hätte nie gedacht, dass ein Elfenreich mir so wahr erscheinen und mich so verzaubern könnte. Gleichzeitig musste ich zugeben, dass ich für den Hauptcharakter Leander als Teenie eine ganze Zeit geschwärmt hatte. Ja, mein Onkel war talentiert, darin bestand kein Zweifel. Aber er musste dies auch bei jeder Gelegenheit zur Schau stellen. Das hatte so manchen Familiengeburtstag unerträglich gemacht. Wenn Edgar angab und sich wichtigmachte, konnte ich nur die Augen verdrehen. Meine Mutter Greta und er hatten lange Zeit in derselben Stadt gewohnt, bis er plötzlich verschwunden war. Er war einige Jahre wie vom Erdboden verschluckt und gab kein Lebenszeichen von sich. Eine merkwürdige, unheimliche Geschichte, die mir noch immer Schauder über den Rücken jagte. Niemand hatte gewusst, wo er sich aufhielt - nicht einmal seine engsten Freunde. Das änderte sich allerdings, als er ein Buch nach dem anderen veröffentlichte. Anscheinend hatte ihn die Muse geküsst. Ich hatte jedes seiner Bücher gelesen und ihn dafür bewundert. Meine Mutter und er teilten die Liebe zu Worten. Wenn auch auf andere Weise: Er schrieb fast regelmäßig einen neuen Roman, und sie las nahezu alles, was ihr in die Hände fiel. Edgar war mit seinen Büchern durch das Land getourt, bis es stiller um ihn geworden war. Eine Weile hatte er keine Bücher veröffentlicht. Das war glücklicherweise genau zu dem Zeitpunkt, als wir ihn um Hilfe baten.

Onkel Edgar hatte uns in seinem vollen Terminkalender Zeit eingeräumt, mit uns ein Brainstorming gemacht und sogar angeboten, ein paar Lesungen durchzuführen. Und auch wenn ich seine arrogante Art nicht leiden konnte, musste ich zugeben, dass ihm das Ganze gut gelungen war. Seine Erzählungen verzauberten unsere Kunden, und die Events steigerten die Verkaufszahlen. Auch er ging dabei nicht leer aus. Schließlich verkauften wir über den Buchladen vor allem seine Bücher. Trotzdem spielte er sich als Retter auf, weswegen meine Mutter ihn kostenlos bei uns wohnen ließ. An der Hauskasse beteiligte er sich nicht. Damit mussten wir uns wohl oder übel abfinden. Auch wenn mein Onkel nervtötend sein konnte, beschlich mich immer wieder das Gefühl, dass ihn etwas bedrückte. Hinter seiner stolzen Fassade war etwas. Etwas, was ich nicht beschreiben konnte.

Ich fing an, ihn zu beobachten. Wie fast immer saß er mit finsterer Miene am Frühstückstisch, biss einmal von seinem Brot ab und legte es dann zur Seite. Sein Blick galt dem Laptop. Er starrte hinein, tippte ein paar Wörter und drückte dann sofort die Escape-Taste. Fragend schaute ich ihn an, worauf er meinen Blick erwiderte.

»Ich kann so nicht arbeiten«, beschwerte er sich und raufte sich das graue wilde Haar. Es passte zu dem wütenden Ausdruck in seinen Augen, unter denen Augenringe zu sehen waren. »Kannst du bitte aufhören, mich so anzustarren? So wird mein neues Werk über Leander nie fertig. Und das willst du sicher nicht, oder?«

Ich murmelte eine Entschuldigung, nahm meinen Tee und stand auf.

»Du solltest lieber arbeiten und deiner Mutter helfen«, bemerkte er, worauf ich wieder einmal die Augen verdrehte und die Küche verließ.

Ich wusste, dass Greta Hilfe im Laden brauchte. Das musste er mir nicht sagen. Ich atmete tief durch und versuchte meinen Ärger zu unterdrücken. Wenn Edgar einen Ort zu seinem Arbeitsgebiet erklärt hatte, störte man ihn besser nicht. Zumindest nicht, wenn man verhindern wollte, dass die Stimmung auf den Nullpunkt sank.

Außerdem half ich lieber meiner Mutter, als mich weiter von Edgar anherrschen zu lassen. Mein Weg führte also, nachdem ich mich kurz im Bad frisch gemacht hatte, direkt zum Buchladen. Meine Mutter war bereits in ein Kundengespräch vertieft, während ein paar Andere ungeduldig an der Kasse warteten. Einige sahen genervt aus, weswegen ich sofort auf die Kasse zusteuerte. Der erste Mann, dessen Buch ich abkassierte, ließ noch eine abfällige Bemerkung hören, aber ich reagierte nicht darauf, sondern wünschte ihm einen schönen Tag. Die nächste Kundin kannte ich sogar, es war eine alte Schulkameradin von mir.

»Hey, Julie. Du schaust aber gut aus. Die Arbeit hier scheint dir Spaß zu machen«, bemerkte Lara.

Ich lächelte sie dankbar an, aber sagte nichts dazu. Es war nett gemeint, aber ich fand nicht, dass ich sonderlich besser aussah als zur Schulzeit. Vielleicht ein bisschen weniger gestresst, aber das war es schon. Meine Wohlfühlpfunde hatte ich leider noch immer. Und die würden auch nicht so schnell verschwinden. Dafür hatte ich schon zu viele Diäten durchprobiert. Der Jo-Jo-Effekt war mein ungeliebter, ewiger Begleiter.

Das hatte ich wohl von meiner Mutter, auch sie war mollig. Bei ihr hatte mich das allerdings nie gestört. Bei mir selbst schon. Ein junges Mädchen sollte kein Übergewicht haben, auch kein leichtes. Zumindest nicht, wenn ich den ganzen Modelzeitschriften und -serien Glauben schenken durfte. Der Schwimmunterricht in der Schule war die Hölle gewesen. Ich hatte mein Gesicht nicht unter Kontrolle, als ich Laras Geld entgegennahm und bemerkte, dass ich rot anlief. Es gab wirklich Dinge, an die ich nicht erinnert werden wollte. Sportunterricht in der Schule war eines davon. Ich war mit dem Großteil meiner Mitschüler gut ausgekommen. Ich wusste, dass einige belächelten, dass ich »nur« in dem Buchladen meiner Mutter arbeite, aber das war mir egal. Die anderen konnten ja Karriere machen, wie sie wollten, aber ich fühlte mich dazu nicht bereit. Und irgendwie fand ich auch nicht, dass es zu mir passte. Ich sah mein Glück woanders. Wo genau und wie ich es finden würde, wusste ich noch nicht. Ich wusste bis jetzt nur, dass mir die Arbeit hier gefiel.

Mit der Kasse war ich mittlerweile fertig, deswegen beschäftigte ich mich damit, die Bücher neu einzusortieren. Dabei ließ ich meine Hand liebevoll über den Einband eines Exemplars wandern. Das Cover war interessant und zeigte eine attraktive, junge Frau, die allein auf einer Wiese lag, den Kopf in den Nacken gelegt. Sie schaute zum Sternenhimmel. Die Buchstaben des Titels standen in Prägedruck über dem Kopf der Frau. Ich konnte sie mit dem Finger nachfahren und deutlich spüren. Wie schön musste es für den Autor sein, dieses Werk in einer Buchhandlung zu wissen. Bei dem Gedanken zeichnete sich ein Lächeln auf meinem Gesicht ab. Beim Einsortieren der Bücher hatte ich leider keine Zeit, jeden Schatz einzeln zu betrachten. Als ich mit dieser Arbeit fertig war, rückte ich meine Brille zurecht und begutachtete mein Werk. Alles war ordentlich einsortiert, und ich wurde gerade zum rechten Zeitpunkt fertig, denn meine Mutter rief nach mir. Ich sollte ihr helfen, eine Kundin zu beraten. Eine Mutter, die ein Geburtstagsgeschenk für ihre zwölfjährige Tochter suchte.

Ich zögerte keinen Augenblick. »Laledhros.«

»Ich weiß nicht, ob meiner Tochter so eine Fantasygeschichte gefallen würde«, meinte die Mutter skeptisch und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Das Buch ist sehr realistisch geschrieben. Ich bin mir sicher, dass es sie so stark berühren wird, dass sie die Fantasieaspekte kaum bemerkt. In der Geschichte macht alles Sinn. Und ist nicht fast jede Geschichte erfunden und entspringt irgendeiner Fantasie?«, fragte ich und lächelte sie freundlich an. Wir hatten das Buch meines Onkels noch auf Lager, also konnte ich ihr ein Exemplar sofort zeigen. »Ich habe das Buch selbst in dem Alter Ihrer Tochter gelesen. Und ich habe es geradezu verschlungen. Es hat mich viele Jahre meines Lebens begleitet. Auch heute lese ich es noch gern. Es fühlt sich fast an, als würde ich wieder nach Hause kommen, wenn ich den Roman aufschlage und anfange zu lesen. Vielleicht werfen Sie einfach mal einen Blick hinein und entscheiden dann. Wenn es Ihnen nicht gefällt, finden wir sicher eine andere Alternative.«

Ich hielt ihr den Roman hin und ließ ihr Zeit, den Klappentext zu lesen. Der Blick der Frau änderte sich und wirkte offener, wenn nicht schon ein wenig neugierig. Sie betrachtete das Cover genau, blätterte durch die Seiten und las ein paar Zeilen, ehe sie nickte.

»Das scheint keine schlechte Idee zu sein. Ich nehme das Buch.«

Glücklich lächelte ich und geleitete die Dame zur Kasse. Meine Mutter zwinkerte mir noch einmal zu. Sie schien mit meiner Kundenberatung zufrieden zu sein. Ich packte das Geschenk für die Tochter ein und band eine kleine Schleife darum. Hoffentlich freute sich das Mädchen und störte sich nicht daran, dass es eine Fantasygeschichte war. Der Gedanke machte mich wehmütig. Natürlich war diese wundervolle Geschichte nur einer Fantasie entsprungen. Es wäre auch zu schön gewesen, wenn es Leander und sein Königreich wirklich geben würde. Diese Geschichte bedeutete mir immer noch sehr viel, regte mich zum Träumen an und ließ mich die Welt vergessen.

 

In der Mittagspause entschied ich mich, kurz nach Hause zu gehen, um mir einen kleinen Snack zu machen. Mutter würde ich natürlich auch ein Sandwich mitbringen. Vom Laden zur Wohnung war es nicht weit. Um genau zu sein, wohnten wir direkt über dem Buchladen. Wenn ich also zu spät zur Arbeit kam, hatte ich keine Ausrede. Ich musste dazu stehen, dass ich verschlafen hatte. Aber da meine Mutter meine Chefin war, hätte sie das sowieso mitbekommen. Schnell stieg ich die Treppe nach oben, suchte meinen Schlüssel heraus und steckte ihn ins Schloss. Die Tür war alt und das Schloss klemmte manchmal, ich musste also etwas dagegen drücken, ehe ich eintreten konnte. »Ich bin wieder da«, meldete ich mich kurz an, falls Onkel Edgar da war. Keine Antwort, bis ich die Dusche hörte. Er war wohl beschäftigt. Immerhin wusste ich damit, dass ich freie Bahn hatte, weil er nicht mehr die Küche besetzte. Edgar hätte sich bestimmt beschwert, wenn ich ihn wieder bei der Arbeit störte. Umso besser, dass ich diesem Konflikt aus dem Weg gehen konnte. Das stimmte mich positiv, weswegen ich leicht summte. Gerade, als ich den Käse auf den Tisch stellte, bemerkte ich, dass Edgar seinen Laptop hiergelassen hatte. Und noch spannender an der Sache war, dass der Laptop sogar eingeschaltet war. Er war auch noch nicht im Standby-Modus. Der Ordner »Laledhros 1-3« war offen. Und ganz unten war eine Datei mit dem Namen »Laledhros 4« zu sehen. Innerlich schrie ich vor Freude auf. Onkel Edgar arbeitete tatsächlich an einer Fortsetzung der Reihe. Ich spürte ein Kribbeln in meinen Fingerspitzen, als ich den Mauszeiger auf die Datei richtete. Eigentlich war es nicht richtig, sie zu öffnen. Das war noch immer Edgars Geschichte. Aber ich wusste, dass er sie mich nie lesen ließ, bevor alles geschrieben war und der Lektor einen Blick auf sie geworfen hatte. Dabei war ich so neugierig und liebte das Elfenreich.

Er wusste das, aber ignorierte es. Nervös trat ich von einem Bein auf das andere, ehe ich die Story mit einem Doppelklick öffnete. Das Schreibprogramm wurde geöffnet und ein kurzer Ladebalken erschien. Wie gebannt starrte ich auf den Laptop. Ich wartete darauf, dass Worte über Leander, seine königliche Familie und den vergangenen Krieg erschienen, aber es geschah nichts. Die Seite blieb leer. Ungeduldig klickte ich auf dem Laptop herum, aber es änderte sich nichts. Die weiße Seite starrte mich an, und ich starrte zurück. Kein einziges Wort war darauf zu lesen, was mich enttäuschte. Onkel Edgar saß jeden Tag am Computer und tippte, trotzdem schien er nichts zustande zu bringen. Vielleicht setzte er sich unter Druck und kam deswegen auf keine Idee. Das würde auch erklären, wieso er ständig so gereizt war. Die Tür vom Badezimmer schlug auf, weswegen ich zusammenzuckte. Mit einer nervösen Bewegung schloss ich die Datei und brachte Abstand zwischen den Laptop und mich. Ich konzentrierte mich wieder auf die Sandwiches. Edgar sollte mir nichts anmerken. Deswegen schmierte ich fleißig Butter auf die Brote. Dabei bemühte ich mich, so beschäftigt wie möglich auszusehen. »Na? Wie ist dein Tag heute?«, fragte ich unschuldig und sah über die Schulter.

»Ganz in Ordnung.« Edgars Tonfall klang brummig, er stellte mir auch keine Gegenfrage. Er ließ sich auf den Stuhl fallen, seufzte und drückte ungeduldig auf dem Bildschirm herum.

Ich konnte mir vorstellen, dass er von sich selbst enttäuscht war, da er anscheinend nicht so vorankam, wie er wollte. Also entschloss ich mich, ihn aufzumuntern. »Heute haben wir wieder eines deiner Bücher verkauft. Deine Trilogie wird wohl nie alt.«

Er schien aufzuhorchen und schaute zu mir hinüber. »Ach wirklich? An wen?«, fragte er. Seine Miene hellte sich auf. Wenn es positive Nachrichten über seine Werke gab, konnte er nicht länger griesgrämig sein.

»An eine Mutter, die für ihre Tochter ein Geburtstagsgeschenk gesucht hat. Sie ist genau in dem Alter, in dem ich angefangen habe, deine Bücher zu lesen.« Ich schmunzelte leicht, während ich den Käse auf die Brotscheiben verteilte.

»Das klingt hervorragend. Vielleicht hast du mir noch einen treuen Fan beschert.« Er zwinkerte kurz. »Danke, Julie. Das ist wirklich lieb, aber ich muss mich an die Arbeit machen. Du kannst dir sicher vorstellen, eine Story schreibt sich nicht von allein.«

»Allerdings«, murmelte ich und konnte nicht verhindern, dass da ein Unterton in meiner Stimme lag. Edgar schien es jedenfalls nicht zu bemerken, umso besser für mich. Ich war in der Küche fertig, und meine Mittagspause neigte sich dem Ende zu, also war es Zeit, in den Laden zurückzukehren. Mutter bedankte sich sehr für das Sandwich, doch erkannte auch gleich, dass mich etwas aufgewühlt hatte. Kein Wunder, sie kannte mich von allen Personen am besten. Ich wollte aber nicht über Edgars Geschichte reden. Zwar hätte das meine Mutter sicher interessiert, aber es war seine Sache. Es reichte ja schon, dass ich mich eingemischt hatte.

 

Am Abend steckte ich die Kopfhörer in die Ohren und genoss meine zusammengestellte Playlist. Es war die Playlist, die ich oft nach einem anstrengenden Arbeitstag hörte, um zu entspannen. Sanfte Gitarrenriffs begleiteten mich, als ich mich auf das Bett fallen ließ und erneut zu dem ersten Teil der Laledhros-Trilogie griff. Dieses Mal war es aber mein eigenes Exemplar mit Edgars Widmung. Auch wenn er schwierig war, glaubte ich schon, dass er meine Mutter und mich schätzte. Wenn auch auf seine Art. Wahllos schlug ich eine Seite auf und überflog sie. Mein Gesichtsausdruck wurde ernst. Ich hatte eine der spannendsten Stellen im Buch erwischt und sie packte mich wie eh und je. Leanders erster Kampf gegen einen Nachtelfen. Alle bedeutenden Charaktere im Buch waren der Meinung, dass er zu jung war, um bestehen zu können, doch der junge Krieger stellte sich als tapfer und klug heraus. Wieder einmal ertappte ich mich dabei, wie ich in meine frühere Schwärmerei verfiel. Ein angenehmes Gefühl von Leichtigkeit erfasste mich. Und wie es der Zufall so wollte, ertönte in meiner Playlist nun Alexander Rybacks »Fairytale«.

Das Lied war alt, aber ich mochte es nach wie vor. Leise wiederholte ich den Refrain in meinem Kopf, was dazu führte, dass mein Grinsen breiter wurde. Wie oft war ich durch dieses Buch dem langweiligen Schulalltag entkommen. Mittlerweile war ich neunzehn und damit zu alt, um für einen fiktiven Charakter zu schwärmen. Trotzdem verzauberte mich der Roman. Wenn ich einmal anfing zu lesen, fiel es mir schwer, das Buch wieder aus der Hand zu geben. Deswegen legte ich es erst beiseite, als mein Handy klingelte. Ein Blick auf das Smartphone und ich erkannte, dass es Marc war. Schnell zog ich die Kopfhörer aus den Ohren, griff nach dem Telefon und ging ran.

»Hey«, begrüßte ich ihn.

»Hi.« Seine Stimme klang ein wenig rau und angeschlagen, weswegen ich sofort alarmiert war.

»Alles okay bei dir?«

Marc schien zu zögern, zumindest antwortete er nicht sofort. »Geht so. Ich hätte gestern wohl besser auf dich gehört und wäre nicht zu der Party gegangen.«

»War der Manager nicht da?«, fragte ich überrascht.

»Nein, das war nur so ein dummes Gerücht. Mandy hat sich wohl verhört. Das hat mich ziemlich deprimiert, also haben die Jungs und ich etwas getrunken und es ist wohl ein Bier zu viel gewesen.«

»Ich verstehe schon. Tut mir leid, aber das wird schon funktionieren. Ihr müsst nur an euch glauben und Geduld haben.« Eigentlich fand ich es nicht gut, dass sich Marc gestern die Kante gegeben hatte, aber es schien ihm nicht gut zu gehen, weswegen ich ihn lieber aufmunterte. Das Ganze konnten wir ein anderes Mal bereden. Außerdem war er jetzt Musikstudent. Vielleicht gehörte das zu dem wilden Studentenleben dazu.

Am Ende der anderen Leitung hörte ich ein Schnauben.

»Das sagst du so einfach. Du hast auch noch nicht so viele Absagen erhalten«, murmelte er.

»Ach Marc, komm schon. Bald ist das große Konzert in dieser Bar. Vielleicht wird da jemand auf euch aufmerksam.«

Marc und ich waren seit einem Jahr zusammen. Im letzten Schuljahr hatte es zwischen uns gefunkt. Erst waren wir nur gute Freunde, bis mehr daraus geworden war. Ich hatte ihm oft zugehört und Trost gespendet, weil er zuvor eine sehr schwierige Beziehung geführt hatte. Leider sahen wir uns in letzter Zeit nicht oft. Für seinen Traum einer eigenen Band und das Musikstudium hatte er umziehen müssen. Dass er in unserer Kleinstadt Erfolg haben würde, war nämlich sehr unwahrscheinlich.

»Vielleicht«, brummte er am Telefon. »Wie war dein Tag?«

Ich zögerte kurz, erzählte von der Arbeit und davon, dass mein Onkel wohl nicht so schnell einen neuen Teil herausbringen würde wie zuvor angenommen.

»Das verstehe ich gut. Er will bestimmt keine Idee erzwingen. Mandy sagt immer, dass Druck Kreativität im Keim erstickt.«

Mandy. Da war wieder dieser Name. Marc erzählte immer wieder von diesem Mädchen, das erst vor Kurzem Teil der Band geworden war und bald die weibliche Stimme übernehmen sollte. Er schien sehr begeistert und sprach so oft von ihr, dass es mir einen Stich verpasste. Vor allem, nachdem ich ein Bild von den beiden auf Facebook gesehen hatte. Sie war bildhübsch, hatte eine Top-Figur und die beiden wirkten auf dem Bild vertraut, vielleicht etwas zu vertraut. Trotzdem wollte ich dieses Thema nicht ansprechen, also biss ich mir auf die Lippe und atmete durch. »Ja, ich weiß. Aber warum spricht er nicht offen darüber, dass er nicht so gut vorankommt?«

»Bestimmt ist es ihm peinlich.«

»Vor uns?«, fragte ich unsicher zurück. »Wir sind doch seine Familie.«

»Ja, schon. Aber er ist der Künstler … Ich glaub, das verstehst du nicht.«

Dieser Satz störte mich. Ich biss mir wieder auf die Lippe, allerdings tat ich es nun fester. Es stimmte, dass ich leider nicht so kreativ war wie mein Onkel. Und es stimmte auch, dass ich selbst nicht schrieb, aber Marc tat es genauso wenig. »Aber du verstehst das«, erwiderte ich patzig.

»Auch wenn ich keine Geschichten schreibe, ja. Ich schreibe Songs. Das ähnelt sich schon.«

»Na, dann. Vielleicht solltest du einfach mal mit meinem Onkel darüber reden. Ich muss auflegen, hab noch etwas zu tun.«

Marc seufzte. »Bist du jetzt sauer?«

»Nein«, antwortete ich ironisch und legte auf. Leider kam es bei unseren Gesprächen immer öfter zu Streit. Ich wollte es nicht, aber konnte es nicht verhindern. Manchmal keimte in mir der Gedanke auf, dass nicht nur die Entfernung daran schuld war. Vielleicht veränderte sich Marc durch all die neuen Erfahrungen, die er machte. Vielleicht veränderte ich mich auch, aber ich entwickelte mich nicht so stark wie Marc in eine andere Richtung. Kein Wunder, ich war noch immer in derselben Kleinstadt und wohnte bei meiner Mutter. Ein Seufzen entfuhr mir, als ich mein Handy beiseitelegte. Ich konnte den Streit heute nicht klären, dazu hatte ich auch keine Lust. Da ich morgen wieder arbeiten würde, musste ich fit sein. Morgen könnte ich mit Marc reden und dann würde sich alles klären. Das war zumindest die Hoffnung, die ich hatte, als ich das Licht löschte und die Augen schloss. In meinem Kopf war noch immer die Melodie von Alexander Rybacks »Fairytale«.

Kapitel 2

 

 

 

Die nächsten Tage verliefen relativ ereignislos. Neben der Arbeit traf ich mich mit meiner besten Freundin Kathy. Es war eindeutig wieder Zeit für ein wenig Kaffee und Tratsch in unserem Lieblingscafé. Wir kannten uns schon eine Ewigkeit, weswegen sie bemerkte, dass etwas nicht stimmte. Als sie von ihrem neuen Job in einer kleinen Bar erzählte, fragte ich dreimal dieselbe Frage. Es war mir also anzumerken, dass ich durcheinander war. Es fiel mir auch erst auf, als sie mich darauf ansprach.

»Sag mal, Julie. Was ist los mit dir?«

Ertappt schlug ich den Blick nieder und schaute auf meinen Kaffee. Ich spielte mit dem Löffel in der Hand, rührte die Sahne um, ehe ich ein leises »Nichts« über die Lippen brachte.

»Das glaub ich dir nicht«, erwiderte Kathy und verschränkte ihre dünnen Arme vor der Brust. Im Gegensatz zu mir war sie schlank. Um ehrlich zu sein, hatte ich sie darum schon immer beneidet. Sie konnte essen, was sie wollte, aber wurde nicht dick.

Jedenfalls machte es keinen Sinn, sich weiter rauszureden. Sie war meine beste Freundin und wenn es jemanden gab, mit dem ich das Problem bereden konnte, dann war sie das.

»Ich habe Streit mit Marc«, gab ich zu und matschte mit dem Löffel weiter in der Sahne herum.

»Das tut mir leid, was ist denn passiert?« Kathy beugte sich aufmerksam vor und musterte mich.

»Ich weiß nicht. Es ist wie verhext. Seitdem er nicht mehr in der Stadt wohnt, streiten wir uns sehr oft. Mal liegt es an ihm, mal an mir.« Ich nahm einen Schluck Kaffee und ließ mir das Ganze noch einmal durch den Kopf gehen. »Es hat damit angefangen, dass dieses neue Mädchen Teil der Band geworden ist. Sie verbringen viel Zeit miteinander und seitdem … habe ich das Gefühl, dass er sich sehr verändert.«

»Positiv oder negativ?«

»Eher negativ. Ich glaube, dass er sich sehr viel auf seine Musik einbildet, und ich will nicht, dass er zu einem zweiten Edgar wird. Dazu setzt er sich sehr unter Druck, und wir sprechen fast nur noch über ihn oder die Band.«

Kathy kannte meinen Onkel und wusste sofort, was ich meinte. »Verstehe, aber Marc ist wirklich talentiert und Musik ist ein hartes Business.«

Abwehrend hob ich die Hände. »Das habe ich nie bestritten. Ich liebe seine Musik und ihn. Natürlich glaube ich auch an die Band, aber mir wäre es lieber, wenn … es auch einmal um uns gehen würde.«

Kathy seufzte und warf mir einen ernsten Blick zu. »Es geht nicht nur um die Musik, oder?«

Ertappt. Ich fuhr mir durch das Haar und schaute wieder zu meinem Kaffee.

»Julie.« Kathys Blick lag noch immer auf mir, also gab ich mich geschlagen.

»Ja.« Nach einer kurzen Pause traute ich mich weiterzusprechen. Das Ganze war mir peinlich. »Es geht auch um dieses Mädchen. Sie heißt Mandy. Angeblich ist sie eine tolle Gitarristin, bald soll sie die weibliche Backgroundstimme übernehmen.«

»Hast du ein Bild? Ich will mir einen Eindruck der Gesamtsituation machen«, meinte Kathy, legte den Zeigefinger ans Kinn und wirkte wie eine Spionin.

Ich holte mein Handy heraus und zeigte ihr das Bild der beiden, auf das ich gestoßen war.

»Sie ist hübsch, schlank und musikalisch begabt. Das ist für mich wie ein Schlag ins Gesicht«, gab ich zu.

Kathy antwortete nicht. Sie war damit beschäftigt, Mandys Profil zu stalken. »Pf, die sieht aus, als würde sie sich zu ernst nehmen. Die ganze coole Fassade ist nicht echt. Und das mag ich an dir, Julie: Du bist echt von Kopf bis Fuß. Man kann so viel Spaß mit dir haben. Wenn Marc das vergessen sollte, ist er es sowieso nicht wert. Ich weiß nicht, warum du gleich nervös wirst und vergisst, wie großartig du bist.« Sie gab mir das Handy zurück und tätschelte meine Hand. »Mach dir keine Sorgen. Denk mal daran, wie ihr euch kennengelernt habt. Ihr hattet tolle Gespräche: Du hast Marc zugehört, und er hat dich schätzen gelernt. Mit all deinen Stärken und Schwächen. Rede noch einmal mit ihm darüber, dann klärt sich alles.« Sie lächelte mich noch einmal liebevoll an, ehe sie die Kellnerin zu sich winkte.

Kathy musste los und sich für ihre Schicht vorbereiten. Ich hatte keine Eile, denn ich hatte heute Nachmittag frei. Also blieb ich noch eine Weile in dem Café sitzen.

Ich starrte das bunte Gemälde mir gegenüber an, als könnte es mir die Antwort geben: Sollte ich Marc gleich jetzt schreiben? Das Bild war in hellen Tönen gehalten und zeigte einen Straus Blumen. Es wirkte so warm, dass in mir ein Harmoniebedürfnis aufkeimte. Also meldete ich mich sofort bei Marc. Es war eine kurze Nachricht, aber sie zeigte, dass ich mich versöhnen wollte:

»Hey, wollen wir heute noch einmal reden?«

Kaum war die Nachricht getippt, entschied ich mich dazu, das Café zu verlassen. Schon auf dem Heimweg wartete ich auf eine Antwort, aber es kam keine. Vielleicht war er wegen gestern noch verärgert, oder er hatte etwas Besseres zu tun.

Kaum war ich aus dem Café herausgetreten, fing es an zu regnen. Na, wunderbar. Das hatte ich jetzt gebraucht. Seufzend steckte ich den Schlüssel in die Haustür, öffnete und fuhr mir durch das klitschnasse Haar. Auf dem Fußboden hinterließen meine Schuhe ein paar kleine Pfützen.

»Ich bin da-ha«, rief ich in den Flur und streifte die Schuhe sofort ab. Anscheinend war nur meine Mutter zu Hause.

Wie so oft war sie in ein Buch vertieft und saß in unserem gemütlichen Wohnzimmer. Sie schreckte auf, als ich die Tür öffnete. »Kind erschreck mich doch nicht so.« Das Buch war ihr aus der Hand gefallen und lag nun auf dem Boden.

»Tut mir leid«, entschuldigte ich mich knapp und schaute mich um. »Wo ist Edgar? Sitzt er wieder am Manuskript?«

Mutter zuckte mit den Schultern. »Nein, ich habe keine Ahnung. Bisher hab ich ihn noch nicht gesehen. Vielleicht ist er spazieren gegangen. Das braucht er ja manchmal, um Inspiration zu bekommen.«

Gut möglich. Inspiration brauchte er, denn ich wusste ja, dass er bisher noch keinen einzigen Satz geschrieben hatte. Aber dass er bei dem Wetter unterwegs war, erschien mir unwahrscheinlich. »Was liest du gerade?«, fragte ich meine Mutter.

Sie bückte sich kurz, hob das Buch hoch und zeigte es mir.

»Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« Ich verzog das Gesicht. »Das klingt nicht sehr unterhaltsam.«

»Du bist vielleicht ein bisschen zu jung dafür. Es geht darum, wie schnell die Zeit vergeht, wenn man etwas Bedeutendes schaffen möchte und wie viel Ablenkung es im Leben gibt. Dein Vater mochte das Buch auch sehr.«

Ich lächelte über ihre Worte. Es war allerdings kein glückliches Lächeln. Es war wehmütig und gleichzeitig spürte ich, wie sich etwas in mir zusammenzog. Mein Vater fehlte mir. Er war vor einigen Jahren gestorben, aber wir sprachen nicht oft darüber. Oder besser gesagt: nicht mehr. Ich dachte oft an ihn, aber spürte dabei immer denselben Schmerz. Trauer war normal, und ich wollte sie zulassen. Das war nur leichter gesagt als getan. Den Schmerz konnte einem niemand nehmen. Ich wusste, dass der Tod dazugehörte, aber fand, dass er meinen Vater zu früh ereilt hatte.

Als ich abends auf meinem Bett saß und auf eine Nachricht von Marc wartete, fühlte ich mich miserabel. Ich fragte mich, ob er das absichtlich machte. Verärgert warf ich das Handy neben mich aufs Bett und versuchte mich abzulenken. Mit dem Computer dabei im Internet herumzuscrollen war keine gute Idee. Auf Marcs Instagramprofil tauchte ein neues Bild auf: er bei den Proben mit seiner Band, Mandy dicht neben ihm. Und da war er wieder, dieser kleine, feine Stich: die Eifersucht. Ich ballte die Hände zu Fäusten und klappte den Laptop zu. Dass er mit seiner Band proben musste, verstand ich. Aber hätte er sich nicht kurz bei mir melden können? Das war nicht fair und verletzte mich. Und gegen die negativen Gefühle, die ich gerade empfand, half nur eins: Eiscreme und ein gutes Buch. Vielleicht erklärte mein Versuch, der schlechten Laune den Kampf anzusagen, auch mein Übergewicht. Aber das war mir gerade egal. Ich verkroch mich unter meine Lieblingsdecke, das Eis neben mir und den zweiten Teil »Laledhros« vor mir. Während ich Leander mit seinen Brüdern in die fantastische Welt und Abenteuer folgte, fragte ich mich, warum sich die Männer unserer Welt nicht an der Tapferkeit, Ehrlichkeit oder Geduld dieser Helden ein Beispiel nahmen. Leander hätte seine Freundin bestimmt nicht so lange auf eine Antwort warten lassen, wenn er die Chance dazu gehabt hätte. Gut, in der Story hatte er dafür mit anderen Problemen, wie zum Beispiel der Schattenhexe, zu kämpfen, aber wenn dieser Protagonist die Chance hatte, das Richtige zu tun, tat er das. Es war dumm, meinen Freund mit einem fiktiven Buchcharakter zu vergleichen. Ich war anscheinend ein hoffnungsloser Fall. Eigentlich war ich viel zu alt dafür, meiner nicht realen Jugendliebe nachzutrauern. Und doch tat ich es.

 

Am nächsten Tag musste ich feststellen, dass Edgar noch immer verschwunden war. Das überraschte mich, aber machte mich nicht nervös. Ganz im Gegensatz zu meiner Mutter.

»Hast du Edgar gesehen? Er ist bald über vierundzwanzig Stunden vermisst«, meinte sie besorgt und durchsuchte die Zeitung gleich nach schlechten Nachrichten. Dabei warf sie ihre Kaffeetasse um und verschüttete den Inhalt auf dem Küchentisch.

»Er ist ein erwachsener Mann, er kommt schon klar«, murmelte ich, während ich mir lustlos mein Müsli machte. Ich war nun einmal ein Morgenmuffel.

Meine Mutter schien dagegen hellwach, raufte sich das Haar und schaute mich an. Sorge lag in ihrem Blick.

»Mama, wir können ihn auch noch heute Abend vermisst melden. Wenn du ganz genau darüber nachdenkst, macht Edgar das nicht das erste Mal. Er war schon einmal Jahre lang weg, ohne jemanden davon ein Sterbenswörtchen zu sagen. Danach hat er diese wunderbaren Bücher geschrieben. Vielleicht brauchte er einfach eine Auszeit.«

»Du hast recht. Vielleicht mache ich mir zu viele Sorgen.«

Lächelnd nahm ich sie in den Arm und strich sanft über ihren Rücken. »Das tust du immer.«

Sie löste sich leicht aus meiner Umarmung und lächelte zurück. »So sind Mütter eben.«

»Ist Edgar nicht dein Bruder?«

»Schon, aber er verhält sich oft wie ein Kind.«

Ein Grinsen breitete sich auf meinem Gesicht aus. Da hatte sie recht.

 

Leider tauchte Edgar auch am Abend nicht auf. Mutter wurde natürlich noch nervöser. Deswegen führte unser Weg gleich zur Polizei, um eine Vermisstenanzeige aufzugeben. Dass in unserer Kleinstadt jemand verschwand, kam nicht häufig vor, weswegen die Polizeibeamten die Sache nicht ernst nahmen. »Vielleicht hat er einen Zettel hinterlassen. Schauen Sie sich zu Hause gut um«, meinte der Polizeibeamte und tippte demotiviert auf seinem Computer herum.

 

Keine Stunde später stellten wir zu Hause die gesamte Wohnung auf den Kopf. Eine Notiz von Edgar war nicht zu finden, dabei fiel mir in seinem Gästezimmer der Laptop ins Auge. Hätte er den nicht mitgenommen? Einfach so für den Fall, dass ihm eine Idee kommen könnte? Wahrscheinlich.

Dieser Gedanke machte mich stutzig. Meiner Mutter erzählte ich aber nichts davon. Sie war schon aufgeregt genug.

 

Die Tage vergingen, und es gab noch immer keine Spur von Edgar. Auch wenn ich wusste, dass mein Onkel schon einmal verschwunden war, konnte ich nicht verhindern, dass auch mich Unruhe erfasste. Was, wenn ihm wirklich etwas zugestoßen war? Aber was konnte das sein? Sicherlich wurde er nicht von der Mafia überfallen, als er beim Bäcker Brötchen geholt hat. Ich schüttelte den Kopf und verwarf diesen abstrusen Gedanken. Für meinen Onkel konnte ich vorerst nichts tun, zumindest nicht, wenn unklar war, wo er steckte. Warum benutzte er sein Handy nicht? Es war zum Verrücktwerden.

Immerhin hatte sich Marc gemeldet und dafür entschuldigt, dass er nicht sofort geantwortet hatte. Mit Kathys Tipps gelang es mir auch tatsächlich, ruhig bei dem Gespräch zu bleiben und ihm zuzuhören. Er hatte anscheinend eine harte Woche gehabt und mich nie verletzen wollen. Marc schlug vor, dass ich ein paar Tage bei ihm verbringen könnte. Dann hätte ich auch die Gelegenheit, seine neuen Bandmitglieder, inklusive Mandy, kennenzulernen. Das war kein schlechter Gedanke. Schließlich kannte ich sie bisher nur von Bildern. Und sie löste einen Großteil meiner Ängste und Bedenken aus. Wir sprachen einige Stunden, und ich hatte endlich das Gefühl, dass alles so werden konnte wie früher. Auch Marc war über unsere Versöhnung sehr glücklich.

»Ich habe sogar eine kleine Überraschung für dich, wenn du kommst«, sagte er sanft in den Hörer, und ich war mir sicher, dass er gerade lächelte.

»Ich bin gespannt, Marc. Wirklich. Es wird schön, dich wiederzusehen.« Mein Herz machte einen kleinen Hüpfer, als ich daran dachte. Er hatte mir wirklich sehr gefehlt. Das ständige Telefonieren war eben kein Ersatz. Mit der Hoffnung, dass wir uns bald wiedersähen und dass Marc noch der junge Mann war, den ich kannte, legte ich auf. Ich schloss die Augen und atmete erleichtert aus. Wie schön, wenn sich alles zum Guten wendete. Jetzt musste nur noch Onkel Edgar wieder auftauchen.

Kapitel 3

 

 

 

Edgar tauchte tatsächlich drei Wochen später auf und war komplett aus dem Häuschen. Kaum war er durch die Tür, rannte er gleich zum Schreibtisch in dem Gästezimmer. Er holte den Laptop hervor und fing an, wie wild darauf herumzutippen. Als ich ihm über die Schulter sah, konnte ich beobachten, dass er tatsächlich schrieb und nicht nur so tat. Nach meiner letzten Enttäuschung war ich neugierig und hatte versucht, einen Blick darauf zu erhaschen. Das war mir auch gelungen, unter dem Vorwand meinem Onkel einen Kaffee zu bringen.