Von Achtsamkeit bis Zuversicht

Ein ABC des guten Lebens

Herausgegeben von Rudolf Walter

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Impressum

Titel der Originalausgabe: Von Achtsamkeit bis Zuversicht. ABC des guten Lebens © Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2017 Alle Rechte vorbehalten www.herder.de

Eine erste Auflage des Buches erschien, mit anderem Vorwort, 2005 unter dem Titel „Mit einem weiten Herzen. Haltungen, die gut tun“ zum 60. Geburtstag von Anselm Grün.

Umschlaggestaltung: Designbüro Gestaltungssaal

Umschlagmotiv: © Andrey_Kuzmin / © Franzi – shutterstock

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book): 978-3-451-81117-3

ISBN (Buch): 978-3-451-06953-6

Inhalt

VorwortVon Rudolf Walter

Achtsamkeit – Verbundenheit erfahren
Von Daniel Hell

Anerkennen – Schöpfungswort und Zauberwirkung
Von Ingrid Riedel

Barmherzig sein – Weg der Erlösung
Von Bernardin Schellenberger

Beharrlichkeit – Überraschung auf der zweiten Meile
Von Georg Sporschill

Bei sich sein – Anfang der Weisheit
Von Ulrich Schaffer

Bewahren – Gegen die Fliehkraft
Von Alois Glück

Dankbarkeit – Eine neue Sicht der Welt
Von Luise Reddemann

Demut – Erfahrung des Kleinen
Von Odilo Lechner

Dienen – Beziehungen stiften
Von Notker Wolf

Ehrfurcht – Kompass des Herzens
Von David Steindl-Rast

Feiern – Verwandelter Alltag
Von Norbert Blüm

Fragmentarisch leben – Kostbar und zerbrechlich
Von Regina Ammicht Quinn

Freiheit – Traum und Wirklichkeit
Von Ruth Pfau

Freimut – Schwache Rede wird zur Kraft
Von Hans Maier

Freude – Schöner Götterfunken …
Von Klaus Renn

Freundschaft – Wohlwollen und Zutrauen
Von Richard Rudert

Frieden stiften – Kunststück des Lebens
Von Friedrich Schorlemmer

Gastlich sein – Wer gibt, gewinnt
Von Andrea Schwarz

Geduld – Jedes Ding hat seine Zeit
Von Annette Schavan

Gelassen sein – Rückkehr zu einem inneren Ort
Von Eckhard Schiffer

Gerechtigkeit – Kritisches Prinzip
Von Wolfgang Thierse

Geschwisterlichkeit – Zugehörig und verbunden
Von Linda Jarosch

Glauben – Wissen neu durchdenken
Von Karl Lehmann

Gönnen – Wer Freude teilt, hat mehr
Von Verena Kast

Großzügigkeit – Lehren aus dem Garten
Von Gottfried Bachl

Helfen – Nach unseren Möglichkeiten
Von Horst Seehofer

Herzlichkeit – Hand aufs Herz
Von Niklaus Brantschen

Hingabe – Die Geburt der Freude
Von Johannes Pausch

Hoffen – Nicht zu wenig, nicht zu viel
Von Wolfgang Schmidbauer

Humor – Schwerelose Erleuchtung
Von Tomáš Halík

Innehalten – Kein pausenloses Glück
Von Karlheinz A Geißler

Klugheit – Wissen, was dran ist
Von Jürgen Werbick

Konfliktfähigkeit – Spannungen dürfen sein
Von Martin Werlen

Lebenslust – Kultur des Lebens, nicht des Todes
Von Leoluca Orlando

Leichtigkeit – Geerdet und beflügelt
Von Pierre Stutz

Liebe – Alles andere als gleichgültig
Von Gerd B Achenbach

Loslassen – Schlüssel zum Glück
Von Amoghavajra Karl Schmied

Maß halten – Der ganze Mensch im Blick
Von Dietrich Grönemeyer

Mitgefühl – Valse sentimentale
Von Roman Kofmann und Swetlana Geier

Nicht verurteilen – Der erste Stein
Von Ruthard Ott

Offenheit – Zusammenfall der Gegensätze
Von Máire Hickey

Risikobereitschaft – Tarifordnung für Märtyrer
Von Rupert Neudeck

Segnen – Schutzschild gegen die Kälte
Von Bärbel Wartenberg-Potter

Sehnsucht – Schöpferische Spannung
Von Paul M Zulehner

Selbsterkenntnis – Versöhnung mit dem Schatten
Von Wunibald Müller

Sich binden – Der Blick des Kindes
Von Mathias Jung

Sich einfühlen – Im Inneren berührt
Von Irmtraud Tarr

Sich einlassen – Wie Beziehung gelingt
Von Hans Jellouschek

Solidarität – Schwäche und Stärke
Von Peter Eicher

Still sein – Ruhe aushalten
Von Christine Kaufmann

Teilen – Wenn jeder gibt, was er hat
Von Peter Neher

Toleranz – Überzeugt und aktiv
Von Wolfgang Huber

Treue – Lass dich nicht verbiegen
Von Margot Käßmann

Trösten – Da sein im Leid
Von Johann-Christoph Student

Unterscheidung – Die Kunst des Entscheidens
Von Martin Maier

Versöhnen – Vergebene Schuld
Von Susanne Breit-Keßler

Vertrauen – Tragender Grund
Von Hans Küng

Verzeihen – Einbruch des Neuen
Von Johannes B Brantschen

Verzichten – Der lange Weg zum Glück
Von Horst Petri

Zivilcourage – Nicht Meute, nicht Leitwolf
Von Hans-Joachim Meyer

Zuversicht – Keine Zeit zu klagen
Von Fulbert Steffensky

Zu den Autoren

Für Anselm Grün

Vorwort

Von Rudolf Walter

Von A bis Z – das meint in der Regel, dass etwas „von vorne bis hinten“ erfasst, eingegrenzt, umfassend beschrieben, endgültig katalogisiert ist.

„Von Achtsamkeit bis Zuversicht“, der Titel dieses Buches meint natürlich keinen festen Tugendkatalog in alphabetischer Systematik. Der große Fortschritt, den das Alphabet gegenüber Hieroglyphen und Zeichenschriften in der Geschichte der menschlichen Kultur brachte, ist ja seine Offenheit: Wenige Zeichen genügen, um alles auszudrücken, was Menschen denken und zu sagen haben. Nach jüdischer Überlieferung besteht das Alphabet aus den Bausteinen, die das Leben ausmachen und umfassen das Leben in seinen unendlichen Möglichkeiten, immer neu gelebt, immer frisch erzählt und immer anders beschreibbar.

Es geht in diesem Buch aber um unser Leben, genauer, um eine besondere Perspektive darauf: darum, was ein gutes, gelingendes Leben im Alltag ausmacht. „Gutes Leben“ ist Gegenstand der Glücksforschung und der Sozialethik. Da geht es um die Frage: Was ist gut für mich und für andere? Wie kann ich ohne Angstverknotungen in mir selber, stimmig, in guten Beziehungen, frei und verbunden, offen und doch mit Halt und Stabilität leben?

„Haltung“ ist ein Wort, um zu beschreiben, wie das gehen könnte, das gute Leben.

Aber Haltung ist an sich noch kein positiver Begriff. „Haltung annehmen“, das kann heißen: sich freiwillig klein machen und unterordnen. Eine Bewegung erstarrt und friert ein. Leben stockt.

Wenn wir den Begriff „Haltung“ allerdings positiv verwenden, dann kann er ausdrücken, dass Werte sich im Verhalten und Tun, in Emotionen und in der Wahrnehmung, seelisch wie körperlich zeigen, dass sie sozusagen in Fleisch und Blut übergehen können. Haltung zeigen, das heißt, sich selber unterscheidbar machen, sich nicht verstecken hinter anderen. Das Eigene finden und es leben.

Haltung beschreibt auch ein Verhältnis: zu sich selber – verbunden mit anderen und der Welt insgesamt zugewandt: Kraftvoll, fest, sicher, voll aktiver Energie und Dauer. Haltung engt also nicht ein, aber sie konzentriert. Sie isoliert sich nicht, sondern lebt in Resonanz. Die benediktinische Tradition spricht von einem „weiten Herzen“. Ein Bild, das auch mit der Vorstellung von Glück zu tun hat.

Gutes Leben – ein Begriff aus der Glücksforschung. Aber auch ein Wort in der Alltagssprache. „Jeder ist seines Glückes Schmied“: Das Sprichwort ist alt und hat immer noch Konjunktur – aus vielerlei Gründen und in manchen Lesarten.

Verantwortung und Freiheit des Einzelnen werden gerade heute sehr hoch gehalten. Aber ist, wenn jeder nur an sich denkt, wirklich an alle gedacht? Kann das wirklich die Parole des Richtigen sein: möglichst billig, möglichst schnell und möglichst alles für mich? Die Angst, im viel zu kurzen Leben viel zu kurz zu kommen, verengt den Horizont. Der Tunnelblick der Lebensgier erklärt für gut, was dem Ego dient. Wer aber die Welt nur als Echoraum eigener Wünsche erfährt, der lebt ziemlich einsam. Man kann noch so viel in sich hineinstopfen, das macht höchstens den Magen weit – aber das Herz?

Unser eigenes Glück ist nicht unabhängig vom Befinden des Nächsten. Ich bin mehr als mein Ego. Ich bin auch Anfang und Teil der Gesellschaft. Wie ich mit anderen umgehe, das färbt auf mein Inneres ab, nicht nur umgekehrt. Und wie ich mit mir umgehe, das bekommen auch die anderen zu spüren. Wir selber sind ein Teil der ganzen Welt. Und die Welt findet in uns ihren Ort.

Die spirituelle Tradition hat diesen Schnittpunkt zwischen Ich und Welt im Symbol des „Herzens“ benannt. Das Herz ist der Bereich, „in dem wir mit allem und allen zusammenhängen“ (David Steindl-Rast). Wer sein Herz in seinen Tiefen und Untiefen kennt, der erkennt in sich auch den anderen. Er erfährt seine Verbindung und Verwandtschaft mit allen. Hier sind wir ganz – ganz bei uns, aber auch offen für die anderen.

Wenn wir „kein Herz haben“ für etwas, dann ist es uns nicht wichtig. Nur wenn uns etwas wirklich anrührt, geht es uns „zu Herzen“. Und wenn wir etwas „von Herzen“ und immer wieder tun, hat das pulsierende und antreibende Wirkung. Seele und Körper, spirituelle Kraft und Erkenntnis sind dann verbunden. Wenn wir „mit dem Herzen sehen“, erschließt sich eine Wahrheit, die einem bloß rechnenden Verstand nicht zugänglich ist. Wissen allein reicht nicht aus; es muss in einer Herzensbildung verankert sein. Nicht alles ist einfach. Aber es gibt Dinge, die sind einfach so, weil sie so sind. Wo wir intuitiv und sicher wissen, was gut ist und recht.

Das Herz ist also ein wahrnehmendes, aufnehmendes und gleichzeitig aktives Organ. Es kann einen Menschen verschließen, und es kann ihn öffnen und frei machen. Ein Wort, das wir „beherzigen“, kann unser Leben verwandeln. Mit „vollem Herzen“ etwas tun, das heißt: hier steckt unsere ganze Kraft dahinter. „Herzlichkeit“ nennen wir die Energie, die das Eis bloßen Eigeninteresses schmilzt.

Anselm Grün kommt immer wieder auf dieses Bild des Herzens zurück, wenn er über seine und unsere Suche nach dem Glück spricht und Haltungen beschreibt, die uns dabei helfen: selber inspiriert von der befreienden Botschaft der Bibel, von der scharfsichtigen Seelenbeobachtung der Wüstenväter, den Einsichten der Tiefenpsychologie oder der Weisheit der Märchen, aber auch dem Lebenswissen und der Lebenserfahrung von Menschen, die er begleitet.

„Das Glück ist im Herzen“, sagt er. Und: „Wo sich das Herz weitet, da ist der Himmel.“ Gott ist kein Gerichtsvollzieher und kein Kassationsbeamter, sondern Liebe. Auf dem Grund unseres eigenen Herzens wohnt diese geheimnisvolle Kraft, die uns, nach den Worten der Mystiker vieler Religionen, näher ist als unser eigenes Herz. Sich dieser Kraft zu öffnen, sich ihr hinzuhalten, sich von ihr verwandeln zu lassen – das macht wirklich frei. Es ist eine Kraft, die nicht nur mir, sondern allen und allem gilt. Unsere tiefste Sehnsucht führt uns weg von unseren Beengtheiten und auf diese Wirklichkeit zu, die wir nicht selber sind: den göttlichen Grund, von dem wir kommen und zu dem wir gehen. Das Herz, so Anselm Grün, ist der Ort, wo wir dies spüren. Und es ist gleichzeitig das Navigationsorgan für diese Weite. Diese pulsierende Kraft, die uns ins Weite treibt, macht uns lebendig und hält die Welt in Bewegung. Sie lässt uns aufblühen – zu unserem Glück.

Die Beiträge dieses Buches sind – aus ganz verschiedenen Richtungen – eine Art Resonanz auf diese menschenfreundliche Sicht des guten Lebens.

Würden unsere Beziehungen von einem weiten Herzen bestimmt – die Welt wäre freundlicher.

Sie würde vielleicht sogar erlöster aussehen.

Achtsamkeit

Verbundenheit erfahren

Von Daniel Hell

Achtsamkeit in allem Tun, das gibt meinem Leben einen zarten Hauch“, schreibt Anselm Grün. Für ihn geschieht Achtsamsein nicht nur im Kopf. Es ist kein rein geistiger Vorgang. Achtsamkeit hat auch mit dem Herzen zu tun. Sie führt zu einem zarten Empfinden, wie es etwa der Hauch eines leichten Luftzuges oder die Frische des Morgens vermitteln können.

Dieses Verständnis von Achtsamkeit ist in der deutschen Sprache nicht unbedingt angelegt. Das Wort „Achtsamkeit“ leitet sich von „achten“ ab. Das kann irreführen. Denn wer achtet, erweist auch Referenz. Er macht gleichsam voller Hochachtung einen Bückling oder gibt Ob-acht und geht als Be-obachter auf Distanz.

Achtsamkeit im spirituellen Sinn meint etwas anderes, nämlich ein aufmerksames Wahrnehmen, ein Anteil nehmendes Präsentsein oder eine absichtslose Wachheit. Dieses spirituelle Verständnis von Achtsamkeit (als Übersetzung des englischen Wortes „mindfulness“) hat sich in den letzten Jahrzehnten unter dem Einfluss einer weltweiten Meditationsbewegung zunehmend verbreitet. Das Wort „mindfulness“ oder Achtsamkeit wurde zunächst vor allem vom buddhistischen Mönch Thich Nhat Hanh verwendet, um auszudrücken, was in der buddhistischen Lehre mit Sati (in der Palisprache so viel wie „unreflektiertes, reines Wahrnehmen“) gemeint ist. Diese Begrifflichkeit gibt in neuer und unverbrauchter Weise wieder, was in der christlichen Tradition in dem schönen, aber vielfach abgenützten Bild des „reinen Herzens“ angesprochen ist.

Aber ist diese Gleichsetzung auch wirklich richtig? Kommt im Pali-Wort „sati“ (reines Bewusstsein) genau das Gleiche zur Sprache wie im englischen „mindfulness“ (aufmerksam sein, im Geiste tragen), im deutschen Ausdruck „Achtsamkeit“ oder gar in der Metapher vom reinen Herzen? Oder ist hier nicht eine Schwerpunktverschiebung im Gange, die auch die spätmoderne Gesellschaft prägt: Von Herz und Sinn zu Kopf und Geist, von Zärtlichkeit und Wärme zu Klarheit und Sachlichkeit?

Es scheint deshalb nicht bedeutungslos, wenn eine „Spiritualität mit Herz“, das heißt aber auch: eine „Achtsamkeit mit Zärtlichkeit“ (Anselm Grün), vertreten wird. Dann verliert Achtsamkeit nämlich den ausschließlich geistigen Charakter. Sie wird zu einem sensiblen Spüren mit dem ganzen Leib, zum ganzheitlichen Wahrnehmen mit Herz und Kopf, mit Haut und Haar, mit Bauch und Geschlecht. Ein solches Achtsamsein hebt den Menschen nicht von sich und seiner Umwelt ab, sondern führt ihn vielmehr zurück in eine tiefe Verbundenheit mit dem Umfassenderen, von dem er nur ein Teil ist.

Diese Bezogenheit auf das Universelle zeigt sich exemplarisch im Atmen. Wer achtsam ein- und ausatmet, realisiert seine Verbundenheit mit der übrigen Welt. Beim Einatmen wird Luft aus der Außenwelt aufgenommen, beim Ausatmen in transformierter Weise wieder an sie abgegeben. Im Auf und Ab der Atembewegung lässt sich spüren, wie der Atem den Leib durchdringt, wie Innen und Außen zusammenfinden. Obwohl es sich dabei um ein völlig natürliches Erleben handelt, ist es nicht einfach, die Erfahrung dieses Eingebundenseins in ein größeres Ganzes in Worte zu fassen. Was hier erlebt wird, geschieht zunächst sprachlos, vor jedem Denken und jeder Überlegung.

Deshalb kann es hilfreich sein, von einem „Innewerden“ zu sprechen. Wer innewird, nimmt (noch) nicht die Position eines Beobachters ein, sondern öffnet sein Inneres dem Äußeren. Innewerden ist ein befreiender Vorgang. Es löst das Ich aus seiner Abkapselung. Es schließt weder andere Erkenntniswege aus, noch grenzt es sich unnötig von bisher Unbekanntem und Fremdem ab. Es schenkt ein grundlegendes Gefühl der Ehrfurcht vor der Wirklichkeit und dem Leben.

Ein solches Innewerden lässt sich nicht erzwingen – auch mit dem stärksten Willen nicht. Wer innewird, reißt die Menschen und die Dinge nicht zu sich heran. Auch schneidet er die Welt nicht in Scheiben, um sie mit der Schärfe des Verstandes zu analysieren. Wer innewird, hegt keine Absichten. Er erfährt vielmehr staunend, was geschieht.

Achtsames Innewerden kann erleichtert werden, wenn sich ein Mensch dem Nächstliegenden zuwendet, eben z. B. dem eigenen Atmen, aber auch dem eigenen Gehen, Stehen oder Sitzen, überhaupt jeglichem leiblichen Tun. Hilfreich ist eine Umgebung, die Ruhe und Geborgenheit ausstrahlt. Nicht umsonst haben östliche und westliche Mönche die Stille gesucht und Gotteshäuser oder Tempel gebaut, um im Schweigen dem alles Umfassenden – dem Reich Gottes oder Brahman – innezuwerden. Im hektischen Alltag der Moderne kann ein bewusster Rückzug in eine stille Ecke oder das Aufsuchen unzerstörter Naturgebiete eine Hilfe sein.

Henry David Thoreau hat in seiner kleinen Schrift „Vom Spazieren“ den Streifzug durch die Natur als Lebensmodell beschrieben und dabei ein unprätentiöses Plädoyer für das Innewerden verfasst: „Ich gehe hinaus in eine Natur, in der sich schon die alten Dichter und Propheten Manu, Moses, Homer und Chaucer bewegten. Man mag sie Amerika nennen [wo Thoreau lebte, D. H.], doch sie ist nicht Amerika: Weder Amerigo Vespucci noch Christoph Kolumbus oder irgendein anderer haben sie entdeckt. In der Mythologie wird sie wahrheitsgemäßer beschrieben als in jedem Werk über die sogenannte amerikanische Geschichte, das mir zu Augen gekommen ist.“

Wer in die Natur eintaucht oder sich dem Augenblick anvertraut, erfährt eine andere Welt als die, welche sich dem Besitz nehmenden Blick des Alltags-Ich zeigt. Er wird einer Welt inne, die weder Leistung noch Verdienst kennt. Er spürt, dass das, was ihm geschieht, nicht einfach in seinen Händen liegt. Achtsames Innewerden ist auch ein Geschenk. Dieses Geschenk anzunehmen – das Zulassen – ist ebenso wichtig wie das vorbereitende Tun. Um diesen Zusammenhang zu illustrieren, hat Anselm Grün das mythische Bild geprägt, dass ein Engel der Achtsamkeit den Menschen das Geschenk der Verbundenheit bringe. Wer dieser Verbundenheit innewird, ist dankbar für das, was ist.

Wie aber kann ein Mensch in Not dankbar sein? Wie kann er das Geschenk des achtsamen Innewerdens annehmen? Wie kann er die innerliche Ruhelosigkeit und den abweisenden Ärger überwinden, wie deprimierende Hoffnungslosigkeit und frustrierte Sehnsucht nach einem lustvollen Leben hinter sich lassen? Dafür gibt es keine allgemein gültigen Antworten. Generelle Ratschläge laufen Gefahr, unversehen zu Schlägen zu werden. Zu offensichtlich ist z. B. die Behinderung, die eine Depression mit sich bringt, weil sie Konzentrations- und Empfindungsfähigkeit herabsetzt. Dennoch schließen auch depressive Leiden die Entwicklung hin zu größerer Achtsamkeit nicht aus. Manchmal kann die Erfahrung einer leichteren depressiven Blockade sogar dazu beitragen, dass sich ein Mensch entäußert und in das Leben „hineinstirbt“, wie sich Peter Schellenbaum ausdrückt. Teilhard de Chardin hatte in diesem Zusammenhang den Mut, von einer „glückseligen Minderung des Lebens“ zu sprechen.

Solche Aussagen setzen voraus, dass sich ein Mensch, allen gesellschaftlichen Vorurteilen zum Trotz, in depressiver Stimmung nicht selbst entwertet, sondern achtsam und vorurteilsfrei wahrnimmt, was er empfindet. Dann kann es geschehen, dass die Erfahrung von Antriebsarmut, herabgestimmten Gefühlen und innerer Leere der Entdeckung einer größeren und umfassenderen Wirklichkeit weicht.

Silja Walter dichtet:

„Red ich und red ich,

verbleibst du hinter dem Licht und

wartest

so lang in der Nacht, bis ich schweige.

Dann bläst du die Lichter rund um mich aus,

die Nacht gibt dich frei

und du kommst.“

Anerkennen

Schöpfungswort und Zauberwirkung

Von Ingrid Riedel

Anerkennen enthält ein Erkennen, ein Erkennen des Anderen in seiner Art, in seiner Leistung, in seinem Wert. Kein Anerkennen ohne Erkennen. – Wohl aber gibt es ein Erkennen, ein Wahrnehmen der Andersartigkeit des Anderen, ohne sie anzuerkennen, ohne ihn anzuerkennen. Es gibt ein Wahrnehmen des Anderen, das ihm Leistung und Wert aberkennt. Es ist allerdings zu bezweifeln, ob dies dann wirklich schon ein Erkennen des Anderen ist.

In der Bibel sind bekanntlich Erkennen und Lieben sehr eng miteinander verbunden; wirkliches Erkennen des Anderen, ihn wahrzunehmen als den, der er in Wahrheit ist, das heißt bereits: an-erkennen.

Wie in den Wortbildungen an-sprechen, an-lehnen, anempfinden bedeutet die Vorsilbe „an“ auch beim anerkennenden Erkennen zugleich eine Zuwendung, ein Zu-Erkennen. Anerkennen ist ein Würdigen des Anderen, ein Zu-Erkennen von Wert im Hinblick auf sein Tun und, viel mehr noch, im Hinblick auf sein Sein, sein So-Sein.

Anerkennen ist nahe verwandt mit Wertschätzen, den Wert des anderen, der anderen zu schätzen wissen. Anerkennen aber bedeutet darüber hinaus, die Wertschätzung nicht nur zu empfinden, sondern auch auszusprechen, auszudrücken, dem Anderen gegenüber, aber auch vor den anderen – gegenüber einem Nahestehenden, Angehörigen oder gegenüber Freunden.

Anerkennen zeigt Wirkung. Anerkennung, das ist ein Zauberwort!

Wie strahlt mein kleines Patenkind auf, wenn ich seine ersten Versuche im Schwimmen und Tauchen anerkenne – genauer gesagt: wenn ich es, dieses Kind selber, in seinen mutigen Übungen, seinen gelingenden Wagnissen sehe, erkenne und anerkenne! Wie kann es sich daraufhin gleich ein paar Meter mehr über Wasser und auch unter Wasser halten! Manche Kinder – wie auch dieses – lernen das Schwimmen ja leichter unter Wasser und überwinden gerade dabei die Angst, unterzugehen.

Wie strahlt meine türkische Zugehfrau fast noch mehr als die frisch geputzte Balkonfensterfront, wenn ich ihre Kunst, sie bis zum Dachgiebel hoch blank zu bekommen, anerkenne. Sie putzt gleich noch die Dachluken mit, die vom Sommerstaub blind geworden sind. Auch sie fühlt nicht nur ihre Arbeit, sondern eben sich anerkannt, sich, die für ihre drei inzwischen studierenden Töchter putzen geht. Sie weiß sich anerkannt, ja respektiert, wenn ich sie gelegentlich nach dem Studium ihrer Töchter frage, die ich kenne, da sie gelegentlich auch zum Putzen mitkommen. Mein Respekt ist begründet.

Zauberwort Anerkennung! Wie tauen die Mitarbeiter auf, wenn sie sich während kritischer Phasen in ihrem besonderen Einsatz gewürdigt sehen! Wie bekommt alles neuen Schwung, wenn auch der Neuanfang nach einer negativen Entwicklung entsprechend anerkannt wird. Und umgekehrt: Wie greifen Lähmung und Resignation um sich, wenn nur noch Mängel angemahnt und Differenzen aufgezählt werden, wenn vor lauter Kritik – auch wenn sie von Fall zu Fall berechtigt sein mag – die Anerkennung für die Einzelnen, für ihr Bemühen ausbleibt. Anerkennen allerdings beruht, wie wir schon gesehen haben, auf Erkennen. Es gilt, den Anderen, die anderen zu sehen in ihren Werken, die vielleicht von den unseren etwas abweichen: Es gilt, sie in ihren Werten wertschätzen zu lernen.

So steht in den südlichen Ländern, von Italien und Spanien bis Afrika die Kommunikationskultur im Stellenwert höher als etwa der formale Wert der Pünktlichkeit. Man bricht eine Begegnung, ein persönliches Gespräch nicht abrupt ab, nur weil irgendwo eine Glocke schrillt und das Ende der Arbeitspause anzeigt.

Es gilt, den Wert solcher Kommunikationskultur erst einmal zu erkennen, um sie anerkennen zu können; und dann, aus solch einem anerkennenden Verständnis heraus, wird man Menschen aus anderen Kulturen auch die Bedeutung unseres Verhältnisses zur Zeit für effektive Arbeitsprozesse nahe bringen und sie dafür gewinnen können.

Anerkennung wäre schließlich auch ein heilsames Zauberwort gegen die verfallende politische und publizistische Kultur in unserem Lande. Auch hier ginge es wohl zuerst einmal um ein Erkennen der jeweiligen Lage und um Sachverstand, ehe man „die Politiker“ oft pauschal entwertet und mit Häme überschüttet. Dabei wäre Anerkennung des Anerkennenswerten hier wie überall der viel wirksamere Anreiz, um positive Entwicklungen voran zu bringen und zu ermutigen, wie bescheiden auch immer die Anfänge sein mögen.

Anerkennung auch des politischen Gegners, sofern auch er, von seinem Standpunkt aus, das Gemeinwohl im Blick hat, sollte wieder selbstverständlich werden. Der Respekt, der charaktervollen und integren Persönlichkeiten der Gegenpartei im Allgemeinen auch heute noch gezollt wird, sollte auch schwächeren Personen nicht versagt werden – eingedenk der eigenen Schwachstellen und Schattenseiten, die jeder Einsichtige von sich selbst kennt.

Nur eine Kultur der Anerkennung, die die jeweils anderen in ihrem Einsatz, ihrer Leistung und ihrer Persönlichkeit sieht, erkennt und anerkennt, vermag aus der gegenseitigen Wertschätzung heraus die Werte neu zu schöpfen, die unserer Gesellschaft – mit ihren sozialen, demokratischen und last not least auch christlichen Basisvorstellungen – noch immer inhärent sind: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“.

Das Recht auf Anerkennung sollte zu den Grundrechten gehören – ist es doch eine anthropologische Konstante, dass wir alle von Kind auf nur dann zu einem begründeten Selbstwertgefühl gelangen, wenn wir von den wichtigsten Bezugspersonen gesehen, erkannt und anerkannt werden. Anerkennung: Es ist wirklich ein Schöpfungswort, das uns Daseinsberechtigung gibt!

Sollte dies auch innerhalb der Kirche gelten, wo es um mehr geht oder gehen sollte als nur um subjektive Spielarten der Glaubensüberzeugung? Inwieweit kann es auch hier um die Anerkennung alternativ Denkender und Glaubender gehen?

Wir sollten davon ausgehen, so meine ich, dass es keine Spielart und Klangfarbe religiöser Erfahrung gibt, die nicht zum Ganzen gehört, ohne die das Ganze nicht ärmer wäre. Auch innerhalb der Glaubenserfahrung mag es „bedrohte Arten“ geben, die schützenswert, anerkennenswert sind.

Auch hier gibt es Innovationen und Mutationen, die sich den jeweils veränderten Umweltbedingungen verdanken.

Nur Akzeptanz, nur Anerkennung verhindert, dass alternative Einzelne und kleinere Gruppierungen isoliert werden und sich zu Extrempositionen auswachsen; nur Integration und Anerkennung der Einzelfarbe in ihrer relativen Nuance dient dem Ganzen des Farbenkreises und kommt der Ganzheit zugute, die das einzige Symbol ist, das dem unbegreiflich Umfassenden des Göttlichen nahe kommt.

Barmherzig sein

Weg der Erlösung

Von Bernardin Schellenberger

Mein Vetter Richard hat die Gabe, fast überall binnen weniger Minuten mit jemandem im persönlichen Gespräch zu sein. Nur mit komplizierteren Leuten geht das nicht. Sie reagieren pikiert oder lähmen ihn, weil sie Unnahbarkeit ausstrahlen. Aber zu einfachen Menschen hat er, selbst ein einfacher Mensch, dank seines offenen Wesens und seines Humors meistens sofort einen Draht. Der Frau an der Lidl-Kasse, die bei jedem Einkaufswagen aufspringt, um zu kontrollieren, ob er leer ist, macht er ein Kompliment für ihren Arbeitgeber, dem offenbar an ihrer Fitness liege; andere müssten dafür nach Feierabend pro Stunde zwölf Euro extra hinlegen. Öfter ergeben sich daraus ernsthaftere Gespräche. Einmal hätten wir fast einen Zug verpasst, weil er am Bahnhof eine Viertelstunde lang nicht mehr aus der Toilette kam. Er war bei der Toilettenfrau hängen geblieben, die ihm ihr Familienschicksal geschildert hatte, dessentwegen sie selbst im Rentenalter noch etwas dazuverdienen müsse. Indes zwei, drei Herren vorbeihuschten, die gerade kein Kleingeld hatten oder hergeben wollten, drückte er ihr zum Abschied einen Zehn-Euro-Schein in die Hand mit der Bemerkung, so viel habe er zwar nicht abgeladen, aber das sei dafür gedacht, dass heute Abend unterm Strich mehr herauskomme. Besucht er meine Mutter im Altenheim, dann geht er zu den Stationsschwestern, sagt: „Mädels, ich bewundere euch, das könnte ich nicht, den ganzen Tag immer bloß hinter alten Leuten herlaufen!“, zückt einen Schein und fordert sie auf: „Da, trinkt zwischendurch wenigstens einen Kaffee oder holt euch ein Eis!“

Von Richard habe ich gelernt, was bei der „Barmherzigkeit“ der springende Punkt ist. Es mag überraschen, wenn ich jäh mit diesem Begriff daherkomme. Richard würde sich nicht als jemanden verstehen, der „barmherzig“ ist. Das ist sogar ein Wesensmerkmal des Barmherzigseins: Man merkt und reflektiert gar nicht, dass man es ist.

Richard geht spontan ebenerdig, von gleich zu gleich, auf seine Mitmenschen zu, weil er unwillkürlich von ihnen her, von ihrer Situation her denkt. Er fühlt nach, wie es ihnen wohl geht. Das spricht er auf seine ungezwungene Art aus, und gleich ist Resonanz da: Die übliche Fremdheit ist weg, Mensch spricht zu Mensch.

Dass er immer ziemlich rasch ein Scheinchen zückt, mag man als seine Marotte deuten; oder auch ernsthafter: dass er es nicht beim bloßen Reden bleiben lassen will mit seinem Mitgefühl. Er sagt, er könne sich das leisten, denn er selbst lebt ziemlich anspruchslos.

Weniger begüterte Menschen neigen dazu, größere Trinkgelder zu geben als besser situierte. Sie können sich aus eigener Erfahrung vorstellen, wie das ist, wenn man den Lebensunterhalt für seine Familie als Paketzusteller, Kellnerin, Müllmann oder eben Toilettenfrau verdienen muss. Wer keine Sorgen um sein tägliches Auskommen hat, kann sich in diese Lage kaum hineindenken, ja übersieht ganze Menschengruppen vollständig, verfügt also kaum über die Fähigkeit zum Barmherzigsein im genannten Sinn. In einer Wettbewerbsgesellschaft, in der alles darauf ankommt, sich selbst nach vorne zu rangeln, wäre sie ohnehin eher hemmend.

Ich weiß nicht, ob Richard an soziale Hilfsorganisationen Spenden überweist. Wahrscheinlich eher nicht. Das Anonyme ist nicht seine Art.

Seine Art von Barmherzigsein ist unzweckmäßig und ziemlich ineffizient. Aber das gilt für alle persönlichen Beziehungen und Hilfen, weil ihnen die Kategorien des Kalkulierens und der Effizienz fremd sind.

Effiziente, flächendeckende soziale Hilfe ist grundsätzlich etwas anderes als Barmherzigkeit. Jeder, der einen sozialen Beruf ausübt, von der Ärztin bis zum Streetworker, muss seine Barmherzigkeit sogar ziemlich stark drosseln, sonst wäre sie oder er spätestens beim dritten Fall überlastet. Soziale und karitative Systeme neigen dazu, umso unbarmherziger zu sein, je objektiver und effizienter sie werden.

Man muss beides nicht gegeneinander ausspielen, aber sehen, dass es parallel, auf unterschiedlichen Schienen, läuft und laufen muss. Das eine ist so notwendig wie das andere. Ausschließlich sozial betreute Menschen können den Kältetod sterben; nur barmherzig Angeschaute verhungern.

Jesus betonte einseitig die Barmherzigkeit. Man könnte sagen: Als allmächtiger Krankenheiler war er ein Ausbund an sträflicher Nachlässigkeit und Ineffizienz. Er hätte systematisch ganz Palästina durchkämmen sollen, oder noch besser hätte er mit seiner Menschwerdung bis zu unserem Jahrhundert mit seinen globalen logistischen Möglichkeiten warten können. – Es ging ihm um etwas anderes.

Bernhard von Clairvaux äußerte die Vermutung, Gott sei vielleicht deshalb Mensch geworden, damit er tatsächlich barmherzig sein konnte, misericors. Ein Gott im Himmel hätte nie persönlich ein miserum cor, ein tatsächlich, nämlich existenziell „armes Herz“ haben können. Darum sei er in Jesus „armherzig“ geworden, bis zum Tod am Kreuz.

Unser heutiges Wort „Barmherzigkeit“ ist vom althochdeutschen bi-armen abgeleitet. Das ließe sich so deuten: Wo zwei „armherzige“ Wesen zusammentreffen, entsteht unwillkürlich „Bi-armherzigkeit“, Barmherzigkeit also. Damit wird die Seligpreisung der Bergpredigt zur Beschreibung einer selbstverständlichen Erfahrung: „Selig die Barmherzigen, denn sie finden Barmherzigkeit.“ Gleich zu gleich gesellt sich bekanntlich gern. Das ist der Weg zur Erlösung; offensichtlich sogar für Gott.

Falls Richard in einen Himmel käme, wäre er unverzüglich unter seinesgleichen; falls in eine Hölle – laut Dante eher ein frostiger als ein heißer Ort –, wäre sie binnen kurzem nicht mehr das, was sie war.

Beharrlichkeit

Überraschung auf der zweiten Meile

Von Georg Sporschill

Murmelnd schlurfte Frater Höglinger im Jesuitenkolleg Innsbruck den Gang entlang. Ein schwarzer Hut bedeckte seine Glatze, tief ins Gesicht gezogen wie beim Kartenspieler im Wild-West-Film. Der alte Frater beobachtete, wer an der Pforte aus und ein ging. Alle Großen der Theologie und viele Studenten kamen hier vorbei. Karl und Hugo Rahner, J. A. Jungmann wohnten im Haus. Früher hatte Frater Höglinger jahrzehntelang im Kollegium Kalksburg Kohle geschleppt, um die Klassenzimmer zu heizen. Bis er nicht mehr konnte. Eines Tages hatte er aufgehört. Seither betete er den Rosenkranz. Gelegentlich unterbrach er mit einem Wort zu dem, was er sah. „Aushaaren ist leicht, ausharren ist schwer“, sagte er müde, wenn wieder ein Junger den Orden verließ. Das war in den sechziger Jahren.

„Was soll aus mir werden?“, fragte ich damals. Wolfgang Feneberg, der mein Lehrer wurde, machte mit mir einen Test. Er führte mir mehrere Bilder vor Augen. „Für wen willst du dein Leben einsetzen?“ Auf die Jugendlichen im Gefängnis fiel meine Wahl. Es hat mich zu den Schwierigen hingezogen. Diese Entdeckung war eine Erlösung. Nun wusste ich, ich muss Psychologie und Pädagogik studieren. Seither gehe ich in Gefängnisse. Auf der Straße fand ich meine Pfarrei. Jugendliche, Strafentlassene und Drogensüchtige, Wohlstandsverwahrloste in Wien. Nach der Wende in Europa habe ich vom Orden den Auftrag bekommen, zu den Straßenkindern in Rumänien zu gehen. Für sechs Monate. Jetzt bin ich im zweiten Jahrzehnt bei meinen Kindern.

„Aushaaren ist leicht, aber ausharren ist schwer.“ Das Wort von Frater Höglinger habe ich nie vergessen. Ich stelle mir vor, wie er jahrzehntelang Kübel um Kübel Kohle getragen hat, damit es die Kinder warm haben. So ging er die erste Meile, von der Jesus spricht. „Wenn dich einer zwingt, eine Meile mit ihm zu gehen, dann gehe zwei mit ihm“ (Mt 5,41). Ich denke auch an die Sionsschwester Bertolda, die in einem Internat Tag für Tag über tausend Knödel geformt hat. Jahrelang, bis die Schwestern über Nacht Rumänien verlassen mussten. Dann hat sie in einer Wiener Schule weiter gekocht. Ohne Verbitterung ging sie die zweite Meile. Mit über 90 Jahren hängt ihr Herz noch an Rumänien und den Kindern. Millionen Knödel sind das Geheimnis der Sozialarbeit. An den Wendepunkten kommt es auf Beharrlichkeit und Ausdauer an. Wenn dich in der Therapie ein Jugendlicher bekämpft und beschimpft, berührst du den entscheidenden Punkt. Wenn du in der Sozialarbeit siebenundsiebzigmal scheiterst, bist du dem nahe, der heilt. Wenn du jemanden findest, der dich mit deinen Fehlern trägt, ist es Liebe.

Zur Beharrlichkeit gehört die Sensibilität. „Hören, was die Jungen sagen“, hat der große Jugendseelsorger Sigmund Kripp formuliert, bevor er seine Autobiografie „Als Jesuit gescheitert“ geschrieben hat. Den Orden hat er verlassen, nicht aber die Berufung. Seither kümmert er sich in Nicaragua um Jugendliche und Opfer des Bürgerkriegs, bis zum heutigen Tag. Das Hören hat ihn weiter geführt, die Herausforderung wurde größer. Ohne das Hören wäre die Beharrlichkeit Sturheit. Ob sich deine ursprünglichen Pläne erfüllen oder nicht, ist nicht entscheidend. Hören, was die Jungen sagen, und ausharren, gerade wenn es schwierig ist – in dieser Spannung schenkt sich die Tiefe des Lebens. Ein überraschender Reichtum, von dem ich weiß, dass ich ihn weitergeben muss.

Moise ist ein Straßenkind. Am Bahnhof von Bukarest bin ich ihm 1991 zum ersten Mal begegnet, in einer Horde von vielen kleinen Dieben, missbrauchten und süchtigen Kindern, von Räubern und verzweifelten Jugendlichen. Moise ist mein besonderer Schützling. Wenn ich nicht in Bukarest bin, verlässt er unser Sozialzentrum Lazarus. Er kehrt zurück in die Hölle der Straße. Wie einen Gruß aus der Ferne schickt er manchmal kleine Kinder in das Sozialzentrum. Wenn ich ihn wiederfinde, schämt er sich und schimpft; wenn er mich im Drogenrausch erkennt. Am Morgen, wenn er aufwacht, komme ich wieder, um ihn zu holen. Moise ist kein Erfolg. Er bleibt ein Wanderer zwischen den Welten, vielleicht unser stärkster Streetworker. Er bindet mich an die Kinder, die noch auf der Straße sind. Er bringt kleinere in die schützende Herberge und auf einen guten Weg. Irgendwann kommt auch Moise wieder zu uns. Warten und Erwarten, nicht das Ergebnis und der Erfolg beschreiben das Innere der Sozialarbeit. Manchmal dürfen wir über die Wunder staunen, die der liebe Gott wirkt.

Die Beharrlichkeit ist keine Leistung, sondern eine Gnade; weil Moise mich nicht loslässt. Gerade die Schwierigen lassen dich nicht los. Sie lehren Beharrlichkeit und sie wecken Unzufriedenheit, solange das Ziel nicht erreicht ist – solange es Straßenkinder gibt, solange Wohlstandskinder ihr Leben wegwerfen, solange es Einsame, Nackte und Hungrige gibt. Auf die Beharrlichkeit – hören, was die Jungen sagen, und weitergehen – kommt es an, wenn Jugendliche ihre Selbständigkeit suchen und sich trennen müssen, wenn in der Therapie Konflikte aufbrechen und der Schmerz Heilung ankündigt. Beharrlichkeit kann heißen, mich mit dem Gegenteil von dem, was ich erwartet habe, abzufinden und mich mit dem Anderen zu freuen. Moise ist kein Modell für die anderen Kinder. Aber er ist ein Stachel in unserem Fleisch, damit wir die Verbindung mit der Straße nicht verlieren und uns nicht mit Erfolg begnügen. Moise überlistet uns immer wieder zu einer weiteren Meile.

„Wenn dich einer zwingt, eine Meile mit ihm zu gehen, dann gehe zwei mit ihm“ (Mt 5,41). Damals konnte ein römischer Soldat nach dem Besatzungsrecht jeden Galiläer zwingen, eine Meile sein Gepäck zu tragen. Allerdings nur eine Meile. Welche Überraschung, wenn der Unterdrückte freiwillig eine zweite Meile mit dem Legionär geht! Das Weitergehen am entscheidenden Punkt, das macht den Feind zum Freund.

Die Ausdauer ist ein Geschenk der Liebe. Und doch kann sie trainiert werden. Eltern müssen entscheiden, ob sie die Wünsche ihrer Kinder erfüllen sollen oder nicht; wann man die Kinder schreien lassen muss, warten lassen muss, mit einer Frage oder einem schlechten Gewissen dünsten lassen muss. Sie müssen sie lehren, sogar mit einer Ungerechtigkeit zurechtzukommen – damit die Kinder das Leben aushalten und einander zu Hilfe kommen. Auf solche Ideen bringt erst die zweite Meile. Wenn die Wirtschaftswelt schnelle Erfolge fordert und nicht Berichte über Verläufe, so gilt im sozialen Bereich das Umgekehrte: Achte auf Verläufe und nicht auf die Ergebnisse, Schritt für Schritt. Achte auf die Windungen des Weges. Lass dich auf der zweiten Meile überraschen!

Bei sich sein

Anfang der Weisheit

Von Ulrich Schaffer

Ist nicht jeder bei sich? Wo soll man sonst sein? Es gibt viele Orte, an denen wir sein können. Es ist eine Kunst, die Haltung zu entwickeln, in der man wirklich bei sich ist. Wie kommt es, dass wir nicht bei uns sind? Wir waren als Kinder bei uns. Ein Kind, besonders ein Kleinkind, kennt nichts anderes als sich selbst. Erst wenn es sich passend machen muss, um irgendwelche Regeln zu erfüllen, um die Eltern nicht zu enttäuschen oder um von Freunden gemocht zu werden, beginnt es sich selbst zu verlassen. Es kann sich selbst fremd werden. Dabei kann es passieren, dass der andere Mensch, zu dem es wird, ihm über eine Zeit hinweg näher zu sein scheint als es selbst.

Wir werden verführt. Jemand meint zu wissen, wie wir leben sollten und was das Beste für uns wäre. Verführung geschieht immer da, wo ein Mensch von sich selbst weggeführt wird. Wirkliche Liebe führt den Geliebten immer zu sich selbst. Es gibt Verführung in jedem Bereich unseres Lebens. Am schwerwiegendsten ist es, wenn wir von unserem Wesen weggeführt werden, wenn wir nicht mehr das leben, was in uns angelegt ist.

Durch Zerstreuung können wir nicht bei uns sein. Sich zu zerstreuen ist vielleicht mehr denn je zu einer Lebenshaltung geworden. Wir neigen dazu, das Schwere und Schmerzhafte nicht ansehen zu wollen und uns lieber ablenken zu lassen. Zerstreuung raubt uns den Kern, aus dem wir leben und leben müssen, wenn wir gesund bleiben wollen.

In den siebziger und achtziger Jahren wurde viel von Selbstfindung geredet. Es schien ein Nachholbedarf zu existieren. Aber manchmal wurde aus der Selbstfindung Egoismus und eine Unfähigkeit, noch an den anderen zu denken. So geriet Selbstfindung in Verruf, und auch heute sehen viele im Bei-sich-Sein eine negative Einstellung. Und doch ist psychische Gesundheit ohne diese Treue zu sich selbst nicht denkbar. Es ist eine Haltung, die nicht nur dem gut tut, der sie hat, sondern auch anderen. Bei sich zu sein ist ein Fundament, auf das man bauen kann. Immer wieder begegnet man auch der Ansicht, man könne entweder an sich oder an den andern denken. Aber nur wer wirklich bei sich ist, kann auch wirklich beim anderen sein. Und nur wer andere existenziell mit in sein Leben einbezieht, wird nicht einsam sein in seiner Selbsttreue.

Im Gleichnis vom verlorenen Sohn heißt es von dem jungen Mann, als es ihm ganz schlecht geht und er bei den Schweinen gelandet ist: „Er kam zu sich“! Er hatte sich ruiniert, indem er sich verlassen hatte. Er hatte sich vernachlässigt und sich dabei selbst zerstört. In dieser Situation denkt er an seinen Vater, an seine Berufung und „kommt zu sich“. Er beginnt darüber nachzudenken, was ihm selbst wirklich gut tun würde. Er beginnt sich zu lieben – und findet so zurück zu sich und damit nach Hause.

War es für den verlorenen Sohn nötig, das Vaterhaus zu verlassen, um dieses Bei-sich-Sein zu lernen? An seinem älteren Bruder, der zu Hause geblieben war und alles „richtig“ gemacht hatte, wird deutlich, dass man auch zuhause verloren gehen kann. Es geht nicht darum, was wir tun, sondern in welcher Haltung wir etwas tun. Zu gehen ist nicht besser als zu bleiben. Und zu bleiben heißt nicht automatisch, bei sich selbst zu bleiben. Der eine glaubt im ausschweifenden Leben sein Glück finden zu können, der andere in der Pflicht. Aber es geht weder um das eine noch um das andere. Entscheidend ist die Haltung, mit der sie ihren Weg wählen. Beide verkaufen sich an etwas außerhalb ihrer selbst und beide verlieren sich so.

Wir gehören niemandem. Das ist für viele schwer zu verstehen. Eine Frau gehört nicht ihrem Mann, die Kinder gehören nicht den Eltern, ein Mann gehört nicht seinem Chef, ein Freund nicht seinem Freund, eine Freundin nicht ihrer Freundin. Wir gehören uns selbst. Darum ist auch keiner für das Glück eines anderen Menschen verantwortlich.