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Die Geburt Griechenlands


Die Geburt Griechenlands


Kaleidoskop 1. Aufl.

von: Arnulf Zitelmann

3,99 €

Verlag: Campus Verlag
Format: EPUB
Veröffentl.: 15.05.2014
ISBN/EAN: 9783593424682
Sprache: deutsch
Anzahl Seiten: 46

Dieses eBook enthält ein Wasserzeichen.

Beschreibungen

Griechisch ist neben Chinesisch die einzige Sprache der Welt, die seit Jahrtausenden ununterbrochen gesprochen wird, praktisch unverändert bis in unsere heutige Zeit. Von den Griechen haben wir Politik und Mathematik, Philosophie und Astronomie geerbt. Es waren Griechen, die vor fast drei Jahrtausenden die semitischen Konsonantenschriften in die heute fast überall gebräuchliche Form überführten, in der auch Vokale geschrieben werden. Diese scheinbar so unspektakuläre Innovation war ein entscheidender Schritt in der Entwicklung der griechischen Kultur, denn erstmals bekamen breitere Gesellschaftsschichten Zugang zum nun erleichterten Lesen und Schreiben.
Griechenland ist zweifellos die Wiege unserer Kultur. Doch wo lagen deren Ursprünge? Woraus entstand diese bedeutende Wissensgesellschaft, die mit ihren geistigen Errungenschaften die Welt des Mittelmeeres ebenso prägte wie mit ihren militärischen? Arnulf Zitelmann führt uns zu den Vorvätern Griechenlands, nach Kreta, Mykene und in die dunkle Vorzeit der griechischen Städte.
Griechisch ist neben Chinesisch die einzige Sprache der Welt, die seit Jahrtausenden ununterbrochen gesprochen wird, praktisch unverändert bis in unsere heutige Zeit. Von den Griechen haben wir Politik und Mathematik, Philosophie und Astronomie geerbt. Es waren Griechen, die vor fast drei Jahrtausenden die semitischen Konsonantenschriften in die heute fast überall gebräuchliche Form überführten, in der auch Vokale geschrieben werden. Diese scheinbar so unspektakuläre Innovation war ein entscheidender Schritt in der Entwicklung der griechischen Kultur, denn erstmals bekamen breitere Gesellschaftsschichten Zugang zum nun erleichterten Lesen und Schreiben.
Griechenland ist zweifellos die Wiege unserer Kultur. Doch wo lagen deren Ursprünge? Woraus entstand diese bedeutende Wissensgesellschaft, die mit ihren geistigen Errungenschaften die Welt des Mittelmeeres ebenso prägte wie mit ihren militärischen? Arnulf Zitelmann führt uns zu den Vorvätern Griechenlands, nach Kreta, Mykene und in die dunkle Vorzeit der griechischen Städte.
Inhalt
Die Vorväter Griechenlands: Kreta, Mykene
und die dunklen Jahre 7
Wie Kreta zu den Griechen kam 7
Mykene. Die prächtigen ersten Griechen 12
Lichtlose Jahrhunderte 18
Geburt des "klassischen" Griechenlands:
Die Vordenker der griechischen Wissensexplosion 26
Homer erfindet die griechische Nation 27
Milet: Licht aus dem Osten 31
Phönizisch: Das erste Alpha-Bet 35
In Olympia Erster sein 39
Campus Kaleidoskop 45
Impressum 46
Arnulf Zitelmann, geboren 1929, ist Autor zahlreicher Jugendromane und Biografien für junge Leser und wurde unter anderem mit dem Gustav-Heinemann-Friedenspreis und dem Großen Preis der Akademie für Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet. Er lebt als freier Schriftsteller in der Nähe von Darmstadt. Im Campus Verlag erschienen von ihm »Die Geschichte der Christen« (2004) und »Die Weltreligionen« (2002).
Die Vorväter Griechenlands: Kreta, Mykene und die dunklen Jahre
Lange, bevor die Akropolis gebaut wurde, lange vor Sokrates und Aristoteles und lange, bevor es Städte wie Athen und Sparta gab, erblühte auf der langgestreckten Insel Kreta im östlichen Mittelmeer die früheste Hochkultur Europas. Die Minoer hatten noch nie etwas von einem "Griechenland" gehört, sprachen kein Griechisch und gebrauchten eine bis heute unbekannte Schrift. Und doch sind sie irgendwie Verwandte, man könnte sagen, kulturelle Vorläufer der Griechen. Die früheste griechische Hochkultur war die sogenannte "mykenische Kultur". Sie hat viel von der kretischen Kultur übernommen. Heute ist der Ort Mikine eine kleine Bahnstation südlich der Landenge des Peloponnes. Doch in archaischer Zeit war Mykene ein bedeutendes Kulturzentrum, mit einer ausgedehnten Palastanlage, in der die ersten Könige Griechenlands residierten. Beide Kulturen zerfielen mit der Zeit und gingen unter. Aus ihren Ruinen jedoch sollte ein Reich hervorgehen, das jahrhundertelang den Mittelmeerraum prägte und beherrschte: Griechenland.
Wie Kreta zu den Griechen kam
Eine gewaltige Explosion erschütterte die Inselwelt der griechischen Ägäis in vorgeschichtlicher Zeit. Der Santorin-Vulkan, nördlich von Kreta, öffnete sich, riss die Insel entzwei und schleuderte vulkanisches Material über das Ägäische Meer. 40 bis 60 Kubikkilometer. Die Katastrophe von Santorin bezeichnen Wissenschaftler als eine der größten Vulkan-Explosionen in den zurückliegenden 5000 Jahren.
Vulkanisches Material regnete auf die Städte von Santorin, begrub sie unter meterhohen Ascheschichten. Archäologen gruben eine der Städte, Akrotiri, im vorigen Jahrhundert aus. Und sie staunten. Überwältigt von den Resten einer großzügigen Stadtanlage, wie sie bis dahin niemand in der griechischen Inselwelt erwartet hatte.
Der Ausbruch ereignete sich um 1600 vor unserer Zeit. Akrotiri aber besaß bereits wassergespülte Toilettenanlagen, man wohnte komfortabel in bis zu drei Stockwerken hohen Häusern, die freigelegten Vorratsräume bargen gewaltige Gefäße für die Einlagerung von Getreide, Oliven und Wein. Gepflasterte Straßen führten durch die Stadt. Die Straßen säumten Werkstätten: Trauben- und Ölpressen, Mühlen, Töpfereien und metallverarbeitende Betriebe. Und unter dem Straßenpflaster legten die Ausgräber ein ausgeklügeltes Kanalsystem frei.
Akrotiri öffnet ein Zeitfenster in eine überraschend moderne Vergangenheit.
Auf sterbliche Überreste der Bewohner von Akrotiri ist man bisher nicht gestoßen. Offenbar hatten die Familien ihre Stadt noch rechtzeitig vor dem großen Ausbruch verlassen können. Unter Mitnahme ihrer wertvollsten Besitztümer, wie Schmuck und Waffen.
Doch sie hinterließen ihre Wandbilder, auf Putz gemalte Fresken. Sie geben uns Einblicke in das Leben der versunkenen Stadt. Blaue Äffchen turnen über die Wände, zwei Jungen messen sich im Faustkampf, Frauen sammeln gelbe Safranblüten zum Färben kostbarer Gewänder, stark geschminkte, festliche Damen der feinen Gesellschaft, Flusslandschaften mit Jagdszenen, Lilien, zwischen denen anmutige Schwalben segeln, ziehen an den Augen des Betrachters vorbei.
Schriftliche Hinterlassenschaften der Inselbewohner sind bislang nicht aufgetaucht. Umso wertvoller sind die Fresken von Akrotiri. Sie vermitteln uns einen anschaulichen Eindruck der farbenfrohen Inselkultur in der griechischen Ägäis.
Fast möchte man meinen, dass griechische Künstler diese Fresken malten, so typisch griechisch mutet uns die Lebenswelt der Inselstadt an, so sehr erinnern sie an Szenen aus den Epen Homers. Dieser große griechische Dichter schuf mit seinen Erzählungen Ilias und Odyssee nicht nur die ältesten erhaltenen Werke unserer Literatur, sie sind auch die einzigen überlieferten Zeugnisse aus den frühen Jahrhunderten der griechischen Geschichte.
Doch als die Fresken von Akrotiri entstanden, gab es noch kein Griechenland. Santorin lag im Einflussbereich der kretischen Kultur. Und die Kreter der Frühzeit stammten vermutlich aus einer der Regionen des Nahen Ostens, wo die junge Menschheit zuerst gelernt hatte zu siedeln, Landbau zu betreiben.
Die Paläste Kretas waren überreich mit Fresken ausgestattet, wie sie auch die Bewohner von Akrotiri liebten. Auf Kreta begegnen wir ebenfalls Blumen, Vögeln, spielenden Delfinen. Und sportlichen Wettkämpfern, Männern und Frauen der Hofgesellschaft, oft in Lebensgröße dargestellt, schlanken, anmutigen Gestalten mit sehr engen Taillen. Die Damen tragen bodenlange Zierkleider, knapp ausgeschnittene Mieder, die ihre Brüste frei lassen. Frauen wie Männer legen großen Wert auf ihre Haarpracht. Sie lassen ihr dunkles Haar lang wachsen, legen es in füllige, bis über die Ohren hängende Locken.
Eines der Palastgemälde zeigt Akrobaten, junge Männer und auch Mädchen, die einen Stier bei den Hörnern fassen, sich purzelbaumschlagend über dessen Rücken schwingen und nach dem Sprung von einem anderen Akrobaten auffangen lassen. Vermutlich sind es Tänzer, die einen rituellen Tempeltanz für den auf Kreta verehrten Gottes-Stier aufführen.
Die kretische Freskenkunst ist auf der Welt ohne Gegenbeispiel. In ihrer Blütezeit strahlte ihr naturalistischer Stil über das ganze östliche Mittelmeer aus. Bis nach Ägypten, bis in den Vorderen Orient.
Ihre Paläste errichteten die kretischen Herrscher dort, wo der Blick weit übers Meer oder über die offene Landstaft strich. Ihre Erbauer waren empfänglich für die Schönheit der Natur, was sich auch in ihren Fresken äußert.
Der Palast von Knossos, nahe der nördlichen Küste, umschloss einen Innenhof von 54 mal 27 Metern, und sein Gesamtkomplex bedeckte ein Areal von 13 000 Quadratmetern. Ein Labyrinth von Hallen, Gängen, Zimmerfluchten, Vorratsräumen und mehreren kleinen Innenhöfen, dazwischen eine Kapelle, die Quartiere des Herrschers und seiner Gemahlin, die über ein eigenes Badezimmer verfügte, alles über zwei Stockwerke mit ansteigenden und fallenden Treppen verbunden, durchzogen von einem ausgeklügelten Wasserableitungssystem, das den Palast gegen plötzliche Regenstürze absicherte. Ein unkundiger Besucher fand allein kaum aus diesem Labyrinth heraus.
So entstand wohl die Sage vom Labyrinth des Minotauros, dem gewaltigen Stiergott, dessen Abbild, der Herrscher von Knossos, inmitten eines von verwirrenden Irrwegen durchkreuzten Palastes residierte.
Merkwürdig, dass auf Kreta alle monumentalen Festungsbauten fehlen. Steile Mauern, Wehrtürme, massive Torbefestigungen. Solche Bauten prägen das Bild der umliegenden Kulturen, sei es in Ägypten oder im Zweistromland, auf Kreta sieht man sie nirgends.
Altertumswissenschaftler rätseln, warum das so ist. Fühlten sich die Kreter auf ihrer Insel so sicher, dass sie glaubten, auf mauerbewehrte Paläste und Städte verzichten zu können? Bis heute gibt es keine sichere Antwort auf diese Frage. Zumindest aber musste Kreta keine überseeischen Feinde fürchten. Ägypten war keine Seemacht. Allein schon die Holzarmut im Niltal verhinderte den Ausbau einer hochseetauglichen Kriegsflotte. Und die phönizischen Städte an der Küste des heutigen Libanon schufen erst nach dem Niedergang der kretischen Palastkultur ihre Handels- und Kriegsmarine. Also lag Kreta wie eine natürliche Festung mitten im Meer, sicher vor auswärtigen Feinden.
Die Siedlungsgeschichte Kretas reicht zurück bis in die Steinzeit. Auf zerbrechlichen und einfachen Fahrzeugen hatten Menschen immer wieder im Lauf der Jahrtausende die Insel erreicht, hatten dort in den Ebenen und auf den Hügeln gesiedelt.
Die kretische Palastkultur jedoch geht auf eine Einwanderungswelle zurück, die erst am Ende der Steinzeit, im Übergang zur Bronzezeit, die Insel in Beschlag nahm. Ungefähr um das Jahr 3000 vor unserer Zeit. Sie waren wahrscheinlich schon mit seetüchtigen Schiffen übers Meer gekommen. Womöglich brachten die Neuankömmlinge auch die ersten Haustiere mit auf die Insel und führten die Landwirtschaft in Kreta ein. Die Eroberer legten Siedlungen an, betrieben Ackerbau und Viehzucht. Doch sie blieben dem Meer treu, das sie hierher getragen hatte. Die Neukreter schufen die erste maritime Macht des Mittelmeeres. Die Wissenschaft nennt sie die "Minoer" nach ihrem sagenhaften König Minos. Dass es diesen König Minos wirklich gab, ist eher unwahrscheinlich. Die ägyptischen Hieroglyphen nannten die kretischen Handelsleute die "Keftiu". Wie sie sich selbst bezeichneten, wissen wir nicht, denn die Minoer hinterließen uns kein literarisches Vermächtnis. Wohl hatten sie schreiben gelernt. Doch ihre Schriftzeichen konnte bislang niemand entziffern. Es scheint auch, dass sie ihre Fertigkeit zu schreiben nur benutzten, um Inventarlisten von Verbrauchsgütern anzufertigen. Und so kennen wir keinen einzigen Menschen der minoischen Zeit mit Namen, der jener versunkenen Kultur ein persönliches Gesicht geben könnte.
Das Ende der kretischen Kultur kam um das Jahr 1400. Die bunten Paläste brannten aus. Nie wieder in den nachfolgenden Jahrtausenden brachte Kreta seine Stimme in das Konzert der großen Kulturen ein. Altertumsforscher suchen zu verstehen, was den Höhenflug der minoischen Kultur so plötzlich beendete. Doch ihr Niedergang bleibt ein Rätsel.
Eine griechische Sage erinnert mit Daidalos und Ikaros an zwei Kreter. Daidalos, dessen Name "der kunstfertige Mann" bedeutet, soll für König Minos das ausweglose Labyrinth entworfen und erbaut haben. Die Legenden schildern ihn als technisches Universalgenie. Er erfand so praktische Gebrauchsgegenstände wie Säge und Axt, Bohrer, Holzleim und das Bleilot, die antike Wasserwaage, war zudem ein begabter Bildhauer. Für sich und seinen Sohn Ikaros soll er Flügel aus Wachs und echten Federn angefertigt haben. Ikaros flog von Kreta aus der Sonne entgegen, kam ihrer Glut zu nahe und stürzte ins Meer.
Enthält Ikaros' Geschichte eine ferne Erinnerung an jene rätselhafte Katastrophe, die den Höhenflug der minoischen Kultur so jäh beendete? Es wäre gut möglich. Doch das minoische leichtbeschwingte Kreta, das unsere Augen gefangen nimmt, bleibt stumm. Auch die Griechen wussten nur wenig von der kretischen Palastzeit, deren Blüte fast tausend Jahre vor ihnen auf der Insel im Süden stattgefunden hatte. Herodot, einer ihrer frühesten Geschichtsschreiber (um 700), stellte jedoch zumindest fest, dass "ganz Kreta vor Zeiten von Nicht-Griechen bewohnt" war. Die Inventarlisten der Palastverwaltung belegen, dass die Minoer kein Griechisch sprachen, denn ihr Vokabular lässt sich bis heute keiner der uns bekannten Sprachen zuordnen.
Dennoch erscheint uns die Kultur der Minoer so typisch griechisch, weil die Griechen in vielfacher Hinsicht Kretas Kultur beerbten. Griechische Stämme kamen nach und nach vom Festland herüber und ließen sich auf der Insel nieder. Auf dem Festland machten sich etwa zu der Zeit, als Kretas Stern zu sinken begann, griechische Städte bereit, das minoische Erbe anzutreten. Besonders Mykene im nördlichen Peloponnes.
Mykene. Die prächtigen ersten Griechen
Noch Pausanias, der als Geograf und Schriftsteller das antike Griechenland bereiste, beschreibt in seinem Reiseführer aus dem 2. Jahrhundert unserer Zeit Mykenes Mauern und vor allem das Löwentor. "Über ihm stehen zwei Löwen und diese Mauern sollen das Werk von Kyklopen sein. In den Trümmern von Mykenai befinden sich die unterirdischen Räume des Königs Atreus und seiner Söhne, in denen sich ihre Schätze befanden." Ein Jahrtausend vor Pausanias nennt Homer Mykene die "weitgebaute", die "golderfüllte" Stadt.
Solche und ähnliche Hinweise brachten im 19. Jahrhundert den deutschen Kaufmann Heinrich Schliemann auf die Spur der verschollenen Kultur. Der Bewunderer Griechenlands reiste 1874 nach Mykene, warb Arbeitskräfte an und begann mit Grabungen. Die Fachwelt belächelte Schliemann. Für die Gelehrten war Homer ein Märchenerzähler, dessen Schilderungen einer frühen griechischen Gesellschaft und eines "golderfüllten" Mykenes ein Produkt dichterischer Phantasie. Doch Schliemann ließ sich nicht beirren. Seine Helfer gruben sich durch den Schutt der Jahrtausende, und dann "stieß etwa 6 Meter tief die Hacke auf den Grund. Auf dem Grunde aber lagen in fünf Gräbern an 15 Leichen, angetan mit einem überreichen, man darf sagen fabelhaften Goldschmucke", heißt es in Schliemanns Erinnerungen. "Dass dies die Gräber einer Herrscherfamilie waren, daran konnte der Glanz ihrer Ausstattung keinen Augenblick einen Zweifel lassen."
Die kostbaren Grabbeigaben stammten von überall her. Blauer Lapislazuli und Elfenbein aus dem Nahen Osten, Silber aus Kleinasien, Trinkgefäße aus Straußeneiern hatten aus Ägypten und Äthiopien übers Meer den Weg nach Griechenland gefunden. Tausende von Bernsteinperlen aus Nordeuropa, Glasschmuck aus Kreta und unzählige weitere Gegenstände hatten die Mykener ihren Herrschern auf dem Weg ins Jenseits mitgegeben: Trinkgefäße aus Edelmetall, eine kostbare, aus Bergkristall geschnittene Opfer-schale, Ketten mit kunstvollen Anhängern, Diademe und Kronen, dünn gehämmertes Goldblech in Gestalt von Schmetterlingen, Sternen, Tintenfischen, Blättern und Blüten, Armreifen aus massivem Gold, Gürtelschnallen - die Menschen in den Gräbern waren buchstäblich in Gold gekleidet. "Goldene Masken, welche die Züge der Verstorbenen nachbildeten, lagen über dem Antlitz der Männer, goldene Platten, reich mit Spiralen verziert, deckten die Brust. Aber damit, dass sie den Leichen das stolzeste Prachtgewand anlegten, ließen es die Hinterbliebenen nicht genug sein. Man gab dem König auch mit, was er dort drüben zum künftigen Leben nötig hatte: Kostbare Salben und Öl enthielten die irdenen, bronzenen, silbernen Krüge, silberne und goldene Becher, sein goldumsponnenes Szepter, seine kunstvoll mit Gold und Silber eingelegten Schwerter an goldenen Wehrgehängen geleiteten den Herrscher ins Grab." Und in der Auffüllung über den Grabschächten lagen die Leichen geopferter Menschen und Tiere, um die Geister der Toten zu versöhnen.
Die Schreibtischgelehrten konnten sich auf Schliemanns Funde keinen Vers machen. Sie mutmaßten, der goldene Überfluss stamme aus den Perser-kriegen, also aus der Zeit um 500, als die Perser in Griechenland eindrangen. Ein zeitgenössischer Historiker urteilte: "Höchst lächerlich war die Verlegenheit der heutigen Gelehrsamkeit, als diese wirklichen Reste von Menschen aus mythischer Zeit zum Vorschein kamen." Man konnte sich einfach nicht vorstellen, dass bereits lange vor dem klassischen Griechenland eine hoch entwickelte, märchenhaft reiche griechische Kultur existiert haben könnte. Schliemann dagegen war überzeugt, die Gräber jener Könige, von denen einst Homer erzählte, wiedergefunden zu haben. Und der Griechenland-Enthusiast kam der Wahrheit tatsächlich sehr nahe.
Die Blütezeit der mykenischen Kultur datiert man heute auf die Zeit zwischen 1600 und 1200, und sie umfasste ganz Griechenland.

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