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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 

Buch
Wer seinen Führerschein verliert, muss sich nach einer Sperrfrist der MPU (medizinisch-psychologische Untersuchung) unterziehen und dort den Nachweis erbringen, dass er »geläutert« ist. Erst dann wird er eine erneute Fahrerlaubnis erhalten. Doch diese im Volksmund »Idiotentest« genannte Fahreignungsbegutachtung wird oft nicht bestanden. Der Verkehrspsychologe Ulli Rädler hilft dem Leser, sich richtig und gründlich vorzubereiten. Er leitet ihn an, aus dem verkehrspsychologischen Therapie- und Beratungs-»Markt« die Angebote auszuwählen, die ihm persönlich weiterhelfen. Dabei geht es dem Autor in erster Linie darum, dass der Betroffene aus der Defensive herauskommt und von Anfang an erfolgversprechende Maßnahmen plant. Mit diesem Buch wird der unfreiwillige Fußgänger seine Prüfungskompetenz steigern und nicht »auf Verdacht« zur MPU gehen.

Autor
Ulli Rädler, Jahrgang 1955, ist Diplom-Psychologe und arbeitet seit 1993 als selbstständiger Verkehrspsychologe auf dem Gebiet der MPU-Beratung in München.

Originalausgabe
Die Ratschläge in diesem Buch sind von Autor und Verlag sorgfältig erwogen und geprüft, dennoch kann eine Garantie nicht übernommen werden. Eine Haftung des Autors bzw. des Verlags und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen.

EINLEITUNG

Handeln statt leiden

Ein Führerscheinentzug ist ein Ereignis, das Ihnen gerade noch gefehlt hat. Eigentlich ist der Begriff »Ereignis« schon eine Zumutung, denn ein »Ereignis« hat nach landläufiger Vorstellung mit »Erlebnis«, möglichst mit einem »schönen Erlebnis« zu tun, mit etwas also, das man, wenn schon nicht genießen, so doch bewusst erleben kann. Eine intensive Erfahrung, die, egal ob erwünscht oder unerwünscht, nach angemessener Zeit jedenfalls auch wieder aufhört. Der Begriff »freudiges Ereignis« bestätigt dabei als Ausnahme die Regel und gehört insofern hierher, als damit immer schon viel Durst verbunden war. Der Führerscheinentzug jedoch ist so etwas wie eine »Unperson«, ein »Nichtereignis«, im höchsten Fall ein handlungsarmes Drama: Bei Nacht und Nebel bekommen Sie eine Empfangsbestätigung für etwas, das Sie gar nicht aushändigen, zumindest nicht dauerhaft hergeben wollten, die amtliche Quittung für etwas, das Sie zwar nie sonderlich lieb gewonnen haben, das aber zu Ihnen gehörte wie beispielsweise die Fähigkeit, lesen und schreiben zu können. Und nun also beim Blick in die Brieftasche ein klaffendes Nichts im Führerscheinfach, nicht mal eine Fotokopie, höchstens ein Kärtchen im Sinne von »Sie wurden bedient von PHM Fröhlich«, vielleicht noch eine Rechnung (»Speisen und Getränke«), aber sonst gähnende Leere und ein unbeschreiblicher qualitativer Mangelzustand – und der Fahrzeugschein sieht auch schon ganz komisch und überflüssig aus.
Aus diesem früher unvorstellbaren Mangelzustand (»Mach keine Witze«), dieser Leere, dieser Irritation über den plötzlichen und scheinbar sinnlosen Verlust entsteht häufig eine verhängnisvolle Entwicklung: der schleichende, stumme Übergang von Entsetzen (»Intrige! Justizirrtum!«) zu Resignation, von Wut (»Ihr dienstgeilen Blaulichtfahrer«) in Enttäuschung, von der Offensive (»Eine Runde geht schon noch«) in die Defensive, die lähmende, schweigsame, passivleidende, endlose Führerscheindefensive, der »Null Führerschein, null Bock«-Defensive mit Misserfolgsgarantie, goldener MPU-Kundenkarte und silbernem Lenkrad – zum an den Hut stecken.
Dieser Zustand, in dem der Zeithorizont verschwimmt, in dem man aus zweiter Hand von Gerüchten, Parolen und Mutmaßungen lebt, und in dem man hinsichtlich Führerscheinwiedererteilung und MPU getrieben wird von diffusen Ängsten und naiven Erwartungen – dieser Dauerzustand der resignierten Führerscheinlosigkeit ist das, was jedem Betroffenen droht und was Sie unbedingt vermeiden sollten. Denn wenn nicht mehr Sie selbst die notwendigen Schritte steuern, an deren Ende eine bestandene »medizinisch-psychologische Untersuchung«, kurz »MPU« steht, sondern wenn Sie nur noch aus der Defensive heraus reagieren (»Muss ich da wirklich hin, zum Idiotentest?«), dann besteht die Gefahr, dass Ihr Leiden chronisch wird.
Diese Chronifizierung Ihres Führerscheinleidens tritt dann ein, wenn Sie für die Wiedererteilung partout nicht mehr machen, als Ihnen unbedingt nötig erscheint: also immer wieder halbherzig eine teure Fahreignungsbegutachtung absolvieren und das negative Ergebnis mit äußerlichem Gleichmut hinnehmen. Im Lauf der Jahre stellt sich dabei aber kein stabiler Zustand ein, sondern das Führerscheinleiden verschlimmert sich. Jede nicht bestandene MPU demoralisiert Sie mehr und zieht auch Ihre Führerscheinakte bleischwer weiter hinab in den Tümpel der scheinbar Unbelehrbaren. Mit jeder neuen Bitte um Aufschub (»Chef, es hat mit dem Führerschein wieder nicht geklappt«) wird der Karriereknick mehr und mehr zum krachenden Splitterbruch. Mit jedem Verständnis, das von der falschen Seite kommt (»Papa, musst du jetzt immer ein Säufer bleiben?«) schwindet Ihre Souveränität, und manche unerbetene Hilfeleistung (»Mensch Kumpel, wir fahren dich ja«) hinterlässt den bitteren Nachhall dröhnender Schadenfreude.
Je weniger Sie unternehmen, desto schlechter wird es Ihnen gehen, desto mehr werden Sie für Ihr privates Umfeld und Ihre Arbeitskollegen zur Belastung. Je länger Sie keinen Führerschein haben, desto fraglicher wird Ihre Rolle in der Familie – von der in die Brüche gegangenen Autorität ganz zu schweigen. »Mutti fährt uns ja« ist keine Lösung, sondern ein zusätzliches Problem, ganz abgesehen davon, dass Sie und Ihre Chauffeure sich auf die Dauer garantiert wechselseitig auf die Nerven gehen.
Ein Führerscheinentzug, den Sie auszusitzen versuchen, ist also kein hinnehmbarer Dauerzustand, sondern ein chronisch-progredientes, also schlimmer werdendes Leiden. Am Ende wird die Belastung für alle so groß, dass Ihnen nach drei oder fünf Jahren irgendwer ein Ultimatum stellt (»Mach endlich etwas!«), und dann fangen Sie doch noch an, an der Wiederherstellung Ihrer Fahreignung zu arbeiten. Aber im Gegensatz zu jemandem, der damit 14 Tage nach seinem Führerscheinentzug beginnt, haben Sie dann schon jahrelang unter Ihrem Fußgängerdasein gelitten. Diese Hypothek der Defensive und Resignation lastet schwer auf jedem Neuanfang, der eigentlich hoffnungsfroh, erfolgsorientiert und unbeschwert erfolgen sollte.
Ich schreibe dieses Buch, um Ihnen Mut zu machen, den darin beschriebenen aktiven Weg zurück zum Führerschein zu gehen. Ich will, dass Sie Hoffnung und Kraft schöpfen für die konstruktive Auseinandersetzung mit den vom Hörensagen bekannten Ungeheuern, die Ihnen angeblich als erklärte Führerscheinfeinde im Weg stehen. Ich will, dass Sie daran glauben, dass Sie sich selbst, Ihre Trink- bzw. Autofahrgewohnheiten, Ihre Tat bzw. Taten und Ihre Zukunft in einem anderen Licht sehen können und sehen wollen. Ich möchte Ihr Interesse gewinnen für den kurzen, reibungsarmen und eleganten Weg zur bestandenen MPU, denn nichts ist klebriger als der Misserfolg – und den vermeiden Sie dadurch, dass Sie gleich im ersten Anlauf bestehen. Wenn Sie sich selbst einen Vertrauensvorschuss geben, den Sie deshalb verdienen, weil Sie alle relevanten Informationen zum Thema »Führerscheinwiedererteilung« verarbeitet haben, dann werden Sie an jedem Tag Ihrer führerscheinlosen Zeit das gute Gefühl haben, das Richtige zu tun. Diese begründete Erfolgszuversicht wird Ihnen die Kraft geben, vieles zu akzeptieren, was bisher nicht zu Ihrem Gedankengut gehörte, aber als objektive Realität in Zusammenhang mit der MPU berücksichtigt werden muss.
Es gibt inzwischen einen breit gefächerten Markt von Informationsangeboten und Dienstleistungen, den jeder MPU-Kandidat nach besten Kräften nutzen sollte. Dieses Buch will Sie mit den nötigen Informationen und Strategien versorgen, so dass Sie eigenverantwortlich und kompetent entscheiden können, von welchen Angeboten Sie als mündiger Bürger und zahlender Kunde Gebrauch machen wollen. Wenn Sie über die gesamte Sperrfrist hinweg mit einem Fachpsychologen für Verkehrspsychologie Ihren individuellen Weg der Auseinandersetzung mit dem Thema »MPU« gehen, dann werden Sie in der Prüfung einen überzeugenden individuellen Werdegang zur Wiederherstellung Ihrer Fahreignung schildern können. Dann haben Sie gehandelt statt gelitten. Wenn Sie aber nichts tun, außer den Führerscheinentzug nach besten Kräften zu verdrängen, dann gleicht Ihr Verhältnis zur MPU einem permanenten Blick in eine Geschützmündung – und jede nicht bestandene Prüfung ist ein Volltreffer. Dann müssen Sie leiden, und das Leiden trifft Sie, weil Sie nicht handeln wollten.

Vorsicht Sackgasse: Bluff und reine Prüfungsvorbereitung führen nur selten zum Erfolg

Im Lauf eines Jahrzehnts als Verkehrspsychologe in freier Praxis habe ich die Erfahrung gemacht, dass MPU-Bücher zumeist in ganz spezieller Weise gelesen, genauer gesagt überlesen werden. Da hat der Klient vielleicht mehrere MPU-BÜCHER in seiner führerscheinlosen Zeit empfohlen bekommen und, wie er stolz betont, auch gelesen. Dennoch kommt er wenige Wochen vor der Prüfung zum Verkehrspsychologen und fragt ganz unverbindlich an, was er denn da nun erzählen soll. Auf Nachfrage erfährt man, die Lektüre sei interessant gewesen, es habe ihm geholfen, zu wissen, um was es in der MPU geht. Dabei werden jedoch bald gravierende Versäumnisse deutlich: Weder hat er sich (im Fall eines Alkoholdelikts) über Ausmaß und Hintergründe seines Trinkverhaltens nachvollziehbare Gedanken gemacht, noch hat er es wirklich geändert. Die Beteuerung, »konsequent weniger zu trinken« ist zumeist mit der Frage verbunden, welche Mengen man »denen« denn nun mitteilen soll. Die angebliche Abstinenz wird heldenhaft durchgehalten, aber nur für den Führerschein und bis zum Führerschein, nicht weil sich damit irgendwelche Erfolge erzielen ließen. Bei der Lektüre hat er sich nie die dringend nötigen Fragen gestellt: Welche Sichtweise will der Autor anregen, was bedeutet das für mich, wie setze ich das um? Kurz und gut: Die Lektüre hat ihm das zweifelhafte Gefühl einer prinzipiellen Überlegenheit gegeben, die auf Konjunktiven und Planspielen beruht. Er meint zu wissen, was er tun müsste, falls er sich ändern wollte. Er glaubt, er könnte ja nachlesen, was er sagen müsste, falls er einmal nach all diesen schwierigen Dingen gefragt würde. Aber jetzt sitzt er erst mal beim Verkehrspsychologen, und der soll ihm in den restlichen drei Wochen die Sache in Ordnung bringen, ihn sozusagen mit rhetorischen Schwimmflügelchen ausstatten, wo er doch schon längst seinen Fahrtenschwimmer hätte erwerben können.
Dieses Buch ist der Reihe nach so aufgebaut, wie Sie den Führerscheinentzug erleben. Zuerst sollen Sie Ihren Ärger neutralisieren und Ihren Standpunkt finden, dann sich einen Verkehrspsychologen oder ein Kursangebot (oder auch beides parallel) auswählen, um damit zu einer nachvollziehbaren und belegbaren Einstellungs- und Verhaltensänderung zu kommen, die bis zum Zeitpunkt der MPU ausreichend gefestigt ist. Natürlich können und sollen Sie zum Schluss auch für die Prüfung trainieren, damit Sie sich im Ernstfall nicht unter Wert verkaufen. Wenn Sie aber dieses Buch mit der Einstellung »Das kann ich ja alles immer noch machen« lesen, ja sich vielleicht insgeheim freuen, dass Sie sich viel Zeit, Geld und unangenehme Gedanken sparen, wenn Sie all das, was Sie da lesen, nicht machen, dann wird Ihnen dieses Buch schaden, weil es Sie in trügerische Sicherheit wiegt.
Die Zeit vergeht in diesem Fall ohne substanziellen Fortschritt, und am Schluss müssen Sie dann in der MPU eine Art Weitsprung aus dem Stand versuchen, aber Ihrer Darbietung wird der Erfolg verwehrt bleiben: Man müsste nämlich noch nicht mal Psychologe sein, um auf der Basis jahrelanger Berufserfahrung einstudierte von echten Überzeugungen unterscheiden zu können. In den letzten Wochen vor der MPU, wenn dann die nagende Ungewissheit zur tagtäglich bohrenden Sorge wird, laufen Sie Gefahr, für einen wirkungslosen »Crashkurs« oder eine »Wochenend-Intensivberatung« so viel Geld auszugeben, wie Sie sonst im Lauf eines Jahres für die komplette Unterstützung bzw. verkehrspsychologische Beratung zur tatsächlichen Änderung gezahlt hätten.
Sie haben die Wahl. Dieses Buch schildert Ihnen Möglichkeiten und Strategien, und Sie entscheiden selbstständig und eigenverantwortlich, welchen Weg Sie gehen wollen. Falls Sie sich überhaupt entscheiden wollen.

ERSTVERSORGUNG

Weg ist nicht gleich weg: Ein Führerscheinentzug ist kein Fahrverbot

Dieses Buch handelt davon, wie und wann man auf einen Führerscheinentzug reagieren sollte, um die Fahrerlaubnis möglichst sicher und möglichst bald wiederzubekommen. Diese Vorstellung, man bekäme »seinen« Führerschein wieder, trifft aber auf einen Führerscheinentzug streng genommen gar nicht zu: Ein entzogener Führerschein ist ein für alle Mal weg, das heißt, er landet mit abgeschnittener Ecke in Ihrer Führerscheinakte, die das zuständige Landratsamt führt. Wenn Sie ihn dann vermeintlich »wiederbekommen«, dann bekommen Sie in Wirklichkeit einen völlig neuen Führerschein, was Sie beispielsweise am nicht mehr ganz so vorteilhaften Passbild und an den neuen Führerscheinklassen erkennen. Um also einen entzogenen Führerschein »wiederzubekommen«, müssen Sie ihn (zumeist) drei Monate vor Ablauf der Sperrfrist neu beantragen, und anlässlich Ihres Antrags, den das Landratsamt prüft, bekommt dieses häufig Zweifel an Ihrer Fahreignung. Dann macht es die Wiedererteilung vom Bestehen einer medizinisch-psychologischen Untersuchung (MPU) abhängig.
Dass diese im Volksmund als »Idiotentest« bekannt ist, liegt nicht etwa daran, dass man Trunkenheitsfahrer für Idioten gehalten hätte, sondern als solche galten in der Wirtschaftswundergesellschaft der Nachkriegsjahre die mehrfachen Prüfungsversager. Die Sitten waren hart im Adenauer-Deutschland, und wer es endlich zu einem Dreigang-Opel geschafft hatte, der hatte wenig Verständnis für Mitbürger, die dreimal durch die Fahrprüfung fielen. In solchen Fällen bestand nach landläufiger Meinung der begründete Verdacht auf »Idiotie«, denn wozu arbeitet eigentlich jemand, wenn er nicht einmal den Führerschein schafft? Ich glaube, die Autos damals waren derart lächerlich und teuer, dass viele sie nur genießen konnten, wenn sie hochnäsig auf das niedere Volk herabsahen. Über durchgefallene Fahrschüler zu spotten war für jeden Autofahrer ein Leichtes, denn Führerscheinentzüge waren extrem selten, und der Führerscheinbesitz war Grundlage eines lebenslangen Überlegenheitsgefühles. Inzwischen hat sich das ähnlich wie der Arbeitsmarkt verändert: Sicher ist nichts mehr, und für Überheblichkeit besteht kein Anlass. Heute stellen übrigens die Fahrprüfungsversager nur noch einen kleinen Teil der MPU-Kundschaft die diskriminierende Bezeichnung hat sich allerdings für das gesamte MPU-Programm gehalten. Auch Bus-, Taxi- oder Krankenwagenfahrer müssen eine Art MPU machen, ohne sich als Idioten zu sehen, und Sie sollten das auch nicht. Wenn Sie jedoch das fünfte Mal durch die MPU rasseln, ohne etwas dagegen zu unternehmen, dann könnte eine Beschäftigung mit dem volkstümlichen Begriff für »MPU« angebracht sein.
Aber zurück zu Ihrer Führerscheinwiedererteilung: Als Sie vermutlich mit 18 Jahren Ihren PKW-Führerschein beantragt haben, mussten Sie bloß Ihre Fahrkünste in einer theoretischen und praktischen Prüfung nachweisen. Eine Prüfung Ihrer gewissermaßen »charakterlichen« Eignung war damals nicht nötig, denn es lag ja kein Anfangsverdacht gegen Sie vor. Sie waren ein unbeschriebenes Blatt, man verlangte von Ihnen nur einen Befähigungsnachweis und ging ansonsten davon aus, dass Sie sich redlich bemühen werden, die Verkehrsregeln einzuhalten. Nach einem Führerscheinentzug allerdings steht jedermann gewissermaßen unter Generalverdacht, die Verwaltungsbehörde befürchtet grundsätzlich, dass Sie sich wieder erhebliche Verkehrszuwiderhandlungen leisten werden. In vielen Fällen besteht sie daher auf einer MPU, bevor Sie Ihnen den Führerschein zurückgibt. In welchen Fällen eine MPU angeordnet wird, darüber im nächsten Kapitel mehr.
Übrigens gibt es auch den Fall, dass Sie eine neue Fahrprüfung absolvieren müssen – nämlich immer dann, wenn Sie länger als zwei Jahre (auf den Tag genau!) keinen Führerschein hatten. Dies wird zumeist in Anschluss an eine bestandene MPU der Fall sein, vorher dürften Sie übrigens auch noch gar keine Fahrstunden nehmen. Es ist aber auch denkbar, dass jemand gar nicht zur MPU muss, aber aus mancherlei Gründen ein wenig herumtrödelt, was ihn dann teuer zu stehen kommen kann, wenn er die zwei Jahre überschreitet. Allzu teuer allerdings wird die neuerliche Fahrprüfung auch wieder nicht: Sie müssen nur die theoretische und praktische Fahrprüfung absolvieren, nicht irgendwelche Pflichtfahrstunden. Empfehlenswert sind allerdings auch und gerade für Geübte einige Fahrstunden vor der Prüfungsfahrt, so dass Sie mit etwa 500 Euro insgesamt rechnen sollten. Erstrebenswert ist auf alle Fälle, dass man seinen Führerschein innerhalb der 24-Monats-Frist wiederbekommt, damit man sich die Fahrprüfung sparen kann.
Wir fassen zusammen: Wenn Sie einen Führerscheinentzug haben, dann ist Ihr Führerschein auf ewig weg, und Sie müssen einen neuen beantragen. Das Gericht legt eine Sperrfrist fest, also eine Zeit, in der Sie mindestens zu Fuß gehen müssen. Die Verwaltungsbehörde darf Ihnen Ihren neuen Führerschein nicht vor Ablauf dieser Sperrfrist ausstellen. Nirgendwo steht aber, dass sie das, was sie vorher nicht darf, nach dieser Frist muss. Sie haben kein Anrecht auf einen neuen Führerschein! Nein, wirklich nicht! Natürlich müsste die Verwaltungsbehörde ihre Weigerung dann begründen. Aber wenn sie Zweifel an Ihrer Eignung hat und auf einer MPU besteht, dann haben Sie keine andere Möglichkeit, diese Zweifel auszuräumen, als ein positives MPU-Gutachten vorzulegen.
Natürlich können Sie rechtlich gegen die Anordnung einer MPU vorgehen, von Erfolg wird dieses Vorgehen allerdings selten gekrönt sein. Der Führerscheinentzug durch das Gericht ist die häufigste Version, oft führt aber auch die Verwaltungsbehörde den Entzug in Eigenregie durch, meistens dann, wenn der Betreffende 18 Punkte in der Flensburger Verkehrssünderkartei erreicht hat. Dann wird keine Sperrfrist ausgesprochen, sondern der Betreffende darf nach sechs Monaten einen Antrag auf Wiedererteilung stellen. Eine MPU folgt dann so sicher wie das Amen im Gebet.
Ganz anders verhält es sich bei einem Fahrverbot: Bei Rotlicht-, Geschwindigkeits-, Abstands- und Alkoholverstößen unter 1,1 Promille wird Ihr Führerschein bei der Polizei für zumeist ein bis drei Monate hinterlegt, anschließend bekommen Sie ihn zurück. Ganz ausgeschlossen ist eine MPU dann allerdings nicht: Hatten Sie zum Beispiel in den letzten zehn Jahren zwei alkoholbedingte Führerscheinentzüge und zuletzt ein Fahrverbot wegen 1,0 Promille, so müssen Sie als Alkohol-Wiederholungstäter damit rechnen, dass Sie nach dem Fahrverbot Ihren Führerschein zwar zurückbekommen, dann allerdings zu einer MPU aufgefordert werden. Wenn Sie die dann nicht bestehen, dann wird der Führerschein nach bereits »abgesessenem« Fahrverbot zusätzlich noch entzogen.

Nur mein Führerschein ist weg, aber nicht meine Eigeninitiative

Eine MPU kommt nicht aus heiterem Himmel

Ich möchte Sie, lieber Leser und Fußgänger, höflich und nachdrücklich ermuntern, trotz Ihres Führerscheinärgers Ihren Führerscheinentzug nicht einfach passiv hinzunehmen, sondern ihn aktiv zu bewältigen. Das ist keine wohlfeile Psychologen-Sprechblase, sondern es geht um die Frage, ob Sie am Ende Ihrer Sperrfrist in der MPU wie der sprichwörtliche Ochs am Berg dastehen, oder ob Sie den Gutachter richtig »zutexten« können mit all dem, was Sie schon zu Ihren Gunsten verändert haben. Auf eine MPU muss man also hinarbeiten, möglichst vom ersten Tag an, an dem sie als Möglichkeit, als Drohung in Ihr Leben getreten ist. Eine MPU ist keine Zustandsprüfung wie die KFZ-Hauptuntersuchung, sondern eine Prognose über Ihr zukünftiges Verkehrsverhalten. Diese Prognose lässt sich um so sicherer zu Ihren Gunsten stellen, je länger bereits das neue, gute Verhalten von Ihnen in die Tat umgesetzt wird. Also: Je länger Sie schon nichts oder weniger trinken, nicht sich unter Zeitdruck setzen oder anderen Leuten auf die Pelle rücken, nicht kiffen, niemanden anpöbeln, nicht mit zwielichtigen Elementen Ihre Zeit verbringen, desto eher kann der Gutachter Ihre Führerscheinwiedererteilung befürworten.
Um sich aber auf die MPU im Sinn einer echten Verhaltensänderung langfristig vorbereiten zu können, müssen Sie frühestmöglich herausfinden, ob Sie am Ende Ihrer Sperrfrist zu einer MPU müssen oder nicht. Das hört sich fast belanglos an, aber die Betonung liegt auf Sie! Sie selbst müssen sich etwa 14 Tage nach Ihrer Trunkenheitsfahrt, sobald Sie also Ihren genauen Promillewert wissen, schlau machen, ob der bittere Kelch der MPU an Ihnen vorübergehen wird oder nicht. Auch wenn es Ihnen als Zumutung erscheint: Zuerst werden Sie Ihren Führerschein los, und dann sollen Sie freiwillig gleich noch mal Ärger nachladen, indem Sie herausfinden, ob Sie ein »Idiotentest«-Kandidat sind oder nicht.
Sie müssen es selber tun, denn ein anderer macht es nicht für Sie, ja traut sich vielleicht auch gar nicht, das Thema anzuschneiden. Oder würden Sie es für eine lohnende Aufgabe für jemanden aus Ihrem Bekanntenkreis halten, Sie als frisch gebackenen Fußgänger zu fragen: »Hast du heute schon konstruktiv auf deinen Idiotentest hingearbeitet«? Oder, um auch die Leserinnen nicht zu vergessen: Was würde man denn erreichen mit dem Satz »Gerade Sie als Frau mit 2,5 Promille sollten sich jetzt auf das Bestehen des Idiotentests vorbereiten«? Selbst eine sehr dezente Gesprächseröffnung (beispielsweise: »Stehen Sie denn Fördermaßnahmen im Bereich der Erwachsenenbildung aufgeschlossen gegenüber, wenn sich dadurch für Sie ein Mobilitätsvorteil ergäbe«?) würde sofort zu wütendem Protest jedweden Trunkenheitsfahrers führen, wenn klar würde, dass er heute noch ein Aufbaustudium »Idiotentest« beginnen soll.
Kurz und unmissverständlich: Wenn es Ihre erste Trunkenheitsfahrt ist, dann müssen Sie zur MPU, wenn Sie 1,6 oder mehr Promille haben. Unausweichlich ist die MPU auch, wenn es Ihr zweiter Führerscheinentzug wegen Alkohol ist, also im Normalfall zweimal 1,1 Promille oder mehr. Beides bezieht sich auf einen Zeitraum von zehn Jahren plus führerscheinloser Zeit von maximal fünf Jahren. Ersttäter sind Sie also, wenn zwischen Wiedererteilung nach Ihrem ersten alkoholbedingten Führerscheinentzug bis zum jetzigen Entzug wegen Alkohols zehn Jahre vergangen sind. Ersttäter sind Sie auch, wenn zwischen erstem Führerscheinentzug und dem Zeitpunkt des Antrags auf Wiedererteilung beim zweiten Entzug mehr als 15 Jahre vergangen sind. Wiederholungstäter sind Sie, wenn zwischen Wiedererteilung nach dem ersten Entzug und dem zweiten Entzug weniger als zehn Jahre vergangen sind.
Weniger eindeutig geregelt ist die MPU-Anordnung, wenn Sie »leichtere« Alkoholdelikte haben, also im Bereich von 0,5 bis 1,1 Promille liegen und einen Bußgeldbescheid und gegebenenfalls auch ein Fahrverbot bekommen. Die Fahrerlaubnisverordnung gestattet der Verwaltungsbehörde nämlich, dass diese auch bei »wiederholten Zuwiderhandlungen im Straßenverkehr unter Alkoholeinfluss« Zweifel an Ihrer Fahreignung bekommen kann und eine MPU fordern darf. Hier wird der Spielraum der Behörde allmählich mehr und mehr ausgenutzt. Früher zählte man nur Entzüge als Zuwiderhandlung, jetzt kann schon mal ein Fahrverbot eine MPU nach sich ziehen, wenn die Behörde den Eindruck hat, dass sich jemand mit seinen Alkoholdelikten nur halbherzig bessert. Ähnliches gilt, wenn Sie beim ersten Führerscheinentzug wegen Alkohols unter 1,6 Promille liegen, also eigentlich nicht zur MPU müssten. Wenn Sie dazu aber aktuell noch einige Punkte in Flensburg haben, dann hat die Behörde einen gewissen Spielraum in Richtung MPU-Anordnung. »Spielraum« heißt aber nicht, dass man lustig und fidel nach Ihrer Nase entscheidet, sondern es werden länderspezifische oder behördeninterne Vorgaben umgesetzt.
Das ist wichtig, denn Sie wecken keine schlafenden Hunde, wenn Sie sich bei Ihrem zuständigen Straßenverkehrsamt erkundigen, wie man in Ihrem Fall entscheiden wird. In unklaren Fällen sollten Sie zuerst Ihren Anwalt befragen, dann, wenn Sie bereits Kontakt haben, einen oder mehrere Verkehrspsychologen – besonders nach ihren lokalen praktischen Erfahrungen in ähnlichen Fällen. Anschließend gehen Sie ohne Scheu in die Höhle des Löwen und fragen die Behörde selbst. Die »Hunde« sind nämlich bereits wach und würden auch ohne Ihre Nachfrage Ihren Fall nicht verschlafen.
Wenn Ihr Führerschein wegen 18 Punkten in Flensburg von der Verwaltungsbehörde entzogen wurde, dann bekommen Sie ihn frühestens nach sechs Monaten und einer bestandenen MPU zurück. Ähnlich unvermeidlich ist eine MPU, wenn Ihr Führerschein vom Gericht wegen eines offensichtlich erheblichen Punkteverstoßes entzogen wurde und noch weitere Punktedelikte in Flensburg aktuell sind: beispielsweise vorher zweimal zu wenig Abstand und zweimal zu schnell, dann ein Führerscheinentzug wegen Verkehrsgefährdung, Nötigung, Beleidigung (»Ich schlag dich tot, du Geisterfahrer«) und Sachbeschädigung.
Bei Drogendelikten ist mit einer MPU zu rechnen, wenn Sie tatsächlich unter Drogeneinfluss Auto gefahren sind. Bei allgemeinen Straftaten bzw. Aggressionsdelikten sollten Sie die MPU-Frage vor Haftantritt klären, damit Sie bereits mit einem Gefängnispsychologen an Ihrer Fahreignung nachvollziehbar und belegbar arbeiten können. Psychosen, Demenz und Anfallsleiden als MPU-Anlässe sind dann ernst zu nehmen, wenn sie vor Gericht erörtert wurden. Und noch ein Beispiel für den Undank auf dieser Welt: Sind Sie aktenkundig alkoholabhängig, inzwischen aber angeblich »geheilt«, dann kann Sie eine MPU und neuerlicher Führerscheinverlust auch dann ereilen, wenn Sie nicht am Straßenverkehr teilgenommen haben, sondern als harmloser Fußgänger mit Alkohol aufgefallen sind. Dazu ist es gar nicht nötig, mit viehischem Gebrüll nach Mitternacht zur Wohnung des Chefs zu ziehen und diesem die Tür einzutreten, sondern es reicht, wenn Sie als hilflose Person auf dem Gehweg liegen.
Klären Sie gleich zu Beginn Ihres Führerscheinentzugs, ob Sie später zur MPU müssen, damit Sie baldmöglichst zu einem Verkehrspsychologen gehen können und zum frühestmöglichen Zeitpunkt nachvollziehbare und belegbare Vorgänge schaffen können, die auf einen grundlegenden Sinneswandel Ihrerseits hindeuten und sich zu Ihren Gunsten in der MPU auswirken. Nehmen Sie in den wenigen unklaren Fällen lieber das relativ geringe Risiko in Kauf, etliche Stunden beim Verkehrspsychologen absolviert zu haben, bevor sich herausstellt, dass Sie gar nicht zur MPU müssen, als dass Sie den üblichen Weg der trägen Masse gehen: abwarten, verdrängen und hoffen, um dann doch in aller Eile kurz vor der Prüfung sich für viel Geld ein dünnes Lügensüppchen kochen zu lassen.

Fast jeder bereitet sich »irgendwie« auf die MPU vor

Sie sehen also die beiden Eckpunkte Ihrer Möglichkeiten: entweder zwei Wochen nach dem Führerscheinentzug zu einem Fachpsychologen für Verkehrspsychologie und dort im Laufe eines Jahres in ca. 20 bis 30 Stunden alles herausfinden, besprechen, verändern und schließlich rhetorisch aufbereiten, was für die MPU von Wichtigkeit ist – oder zum gleichen Preis kurz vor der MPU ein schriftliches Erfolgsprogramm (Marke »wirkungslos«) und dann, am letztmöglichen Wochenende, das Knallbonbon zur Nervenberuhigung: Der pompöse Hausbesuch eines schmierigen Führerscheinberaters, zumeist mit lächerlichem Psycho-Fuzzy-Beraterdiplom und halbseitigem Briefkopf (»Mitglied von..., empfohlen von..., tätig als... seit..., XY-Therapeut, -Berater, -ologe, Vorsitzender von...«), scheinbar ein Menschenfreund und wandelndes Kompetenzzentrum, in Wirklichkeit ein mobiles Profitcenter. Das »dünne Lügensüppchen«, das er Ihnen vorkocht, wird auch sicher Ihre Angst vor der MPU reduzieren, dem Führerschein kommen Sie auf diese Weise aber nicht näher.
Andererseits wäre es naiv und unbeholfen, »einfach so« zur MPU zu gehen. »Einfach so«, wie Sie zum Beispiel einen Sehtest absolvieren, in der Erwartung, dass Sie die dort gestellten Aufgaben im Rahmen Ihrer Möglichkeiten aus dem Stegreif absolvieren können. Oder eben so naiv, wie wenn Sie heute bei einer Autopanne die Motorhaube öffnen würden, um nicht vorhandene Vergaserdüsen durchzublasen oder den Unterbrecherkontakt nachzustellen. Jeder bereitet sich irgendwie auf die MPU vor, schon deshalb, weil die MPU-Gesellschaften selbst Informationsabende veranstalten und kostenpflichtige Einzelberatung anbieten, weil die Landrats- bzw. Straßenverkehrsämter oft ungefragt jedem Antragsteller eine Liste von Verkehrspsychologen und Vorbereitungsinstitutionen aller Art in die Hand drücken und weil sich überall Kleinanzeigen mit verführerischem Inhalt (»MPU-Seelsorge«, »MPU-Sorgenbrecher«) finden.
Es geht also nicht darum, ob Sie sich auf die MPU vorbereiten, sondern wie. Und vor allem: wann. Dabei sollten Sie aber bedenken, dass eine Prüfungs-«Vorbereitung« im Sinn einer kurzfristig einstudierten Lügengeschichte nicht viel bringen wird, weil Sie Ihr Märchen vermutlich wenig überzeugend vortragen werden. Es wird bei Nachfrage auch stellenweise recht »dünn« sein, und es wird zumeist nicht die Frage nach dem »Warum« Ihres Sinneswandels und Ihrer Verhaltensänderung beantworten. Ihre »MPU-Vorbereitung« sollte also vielmehr darauf ausgerichtet sein, von einem Fachmann, der sich selbstverständlich auch damit auskennt, was beim TÜV oder sonstwo in der MPU »ankommt«, bei einer verkehrspsychologischen Beratung rechtzeitig Anregungen zu grundsätzlicher Änderung zu erlangen und diese Änderungen langfristig in die Tat umzusetzen.
Wenn Sie aber in Sachen »MPU« gar nichts unternehmen, dann sollten Sie sich nicht der Illusion hingeben, dies sei der Normalfall und insofern kein Nachteil für Sie. Sie sollten sich nicht einreden, Sie würden »auch nicht weniger« unternehmen als »die anderen«. Ihre Lage gleicht dann jemandem, der in brenzligen Situationen Lenkung und Bremse loslässt, während seine Konkurrenten nach besten Kräften Auto fahren. Wenn Ihnen ein ehemals Betroffener voll Stolz erzählt, er hätte seinerzeit die MPU ohne jede Inanspruchnahme fachkundiger Unterstützung »auf Anhieb« bestanden, dann sollten Sie sich nicht beruhigt zurücklehnen, sondern davon ausgehen, dass höchstwahrscheinlich das Gegenteil wahr ist: Sie werden später auch nur ungern erzählen, wie viele MPU-Anläufe und wie viele Hilfsmaßnahmen Sie tatsächlich benötigt haben.

Bin ich Kunde, bin ich König

Man sieht an dieser Geheimniskrämerei aber auch, wie sehr unnötiges schlechtes Gewissen und falsche Scham der konstruktiven Bewältigung eines Führerscheinentzugs im Weg stehen. Wer sich verkriecht, auf strikte Geheimhaltung achtet, möglichst heimlich seinen Führerscheinentzug von irgendeinem Spezialisten irgendwie beseitigen lassen möchte, der wird maßgebliche Erfolgsmöglichkeiten verschenken. Sie sollten nach ausgiebigen Recherchen eine bewusste und überlegte Wahl treffen für Ihren Weg zurück zum Führerschein, damit Sie mit der richtigen Maßnahme und dem richtigen Psychologen auch erfolgreich an sich arbeiten können und nicht bei einem selbst ernannten Unsympathen bloß Ihre teuer bezahlte Zeit absitzen.
Sie würden doch Ihr Auto, wenn eine Reparatur nötig ist, auch nicht einfach an der nächsten Tankstelle abgeben, sondern Sie haben vermutlich ein Netzwerk an Hilfsangeboten ausgekundschaftet: Wo ist der Sattler für die Ledersitze, wo der billige Ölwechselfritze, wo im Ernstfall die Karrosseriewerkstatt mit Rahmenrichtbank, der geniale Lackierer, der preiswerteste Reifenhändler, wo der feinsinnige und nervenstarke Elektronikspezialist, wo der Blechdoktor Eisenbart mit dem großen Schlegel, die beste Hobbywerkstatt, der nächste Vertragshändler? Sie würden weder die Reifen beim Ausschlächter kaufen noch die Schneeketten beim Vertragshändler? Wüssten Sie Ihr Auto in der falschen Werkstatt, Sie hätten keine ruhige Minute. Aber in eigener Sache, da geben sich die Leute nach einem Führerscheinentzug, wenn sie überhaupt etwas unternehmen, einfach in ihrer Wurstigkeit an der nächstbesten »Sammelstelle« ab und bleiben dort, ähnlich, wie man mit Sperrmüll verfährt.
Sie, liebe Leserin, lieber Leser, sollten hingegen schon zuerst ein wenig die Lage sondieren und sich Ihre Möglichkeiten genau überlegen, bevor Sie sich in »MPU-Reparatur« begeben. Natürlich ist es nicht einfach, die Qualität eines Experten zu beurteilen, denn dazu müssten Sie ja eigentlich selbst Experte sein. Es gibt aber auf dem Sektor der Verkehrspsychologie klare Beurteilungskriterien, mit denen Sie das Angebot soweit eingrenzen können, dass Sie sich bei den verbleibenden Möglichkeiten nach Sympathie/Antipathie richten können, ohne damit einen Fehler zu machen.
Als Kunde sind Sie dann König, wenn Sie über ausreichende Sachkenntnis verfügen, um die Verkaufsverhandlungen aktiv zu gestalten. Wenn Sie also wissen, wie realistische Ziele für die MPU aussehen, welche Vorgehensweisen üblich sind und welches Leistungsspektrum Sie zu erwarten haben, dann können Sie vergleichen, nachfragen, persönliche Schwerpunkte setzen und somit auf rationale Weise die Basis für eine Vertrauensbeziehung zu Ihrem Verkehrspsychologen schaffen. Diese Vertrauensbeziehung ist aber auch nötig, damit Sie wirklich an sich arbeiten können und sich nicht in den letzten schlaflosen Nächten vor der Prüfung mutterseelenallein eine hölzerne Verteidigungsrede zurechtlegen müssen.
König Kunde sind Sie aber auch aus einem anderen Grund: Inzwischen ist die verkehrspsychologische Beratung ein Käufermarkt – das Angebot ist größer als die Nachfrage. Als 1990 die MPU verschärft wurde, gab es noch fast keine freiberuflichen Verkehrspsychologen in Deutschland, und das Angebot an TÜV-Kursen war recht überschaubar. Als ich 1993 in München als selbstständiger Verkehrspsychologe anfing, hatte mein Job einen Touch von »Darauf muss man erst mal kommen«, weit und breit war nur ein einziger Konkurrent in Sicht. Inzwischen hat es sich nicht nur bis in die letzte Hungerleider-Psychologenpraxis herumgesprochen, dass man sein Arbeitsgebiet vorteilhafterweise auch auf die Verkehrspsychologie ausdehnen könnte, sondern es betätigen sich auch völlig ungeniert fachfremde Berufsgruppen, eingebildete Autodidakten und arbeitslose trockene Alkoholiker auf dem Gebiet der MPU-Beratung. Sie, liebe Leserin, lieber Leser, haben also die Auswahl, Sie müssen nicht das nächstbeste Angebot wie einen rettenden Strohhalm ergreifen. Sie können aber nicht nur eine Wahl treffen, sondern Sie müssen das auch. Sonst verschenken Sie einen Großteil Ihrer Möglichkeiten.

Was ist mir da passiert? Was sehe ich, wenn ich mein »Schicksal« betrachte?

Leidensfähigkeit

Nachdem Sie nun schon so viel über die aktive Bewältigung Ihres Führerscheinentzugs gelesen haben, wird es Sie nicht verwundern, dass ich das Wort »Schicksal« in Anführungszeichen setze. Wie Sie auf Ihren Führerscheinentzug reagieren, das hat unter anderem damit zu tun, wie Sie ihn erlebt haben. Erleben Sie ihn jetzt einfach noch mal nach, passiv, schicksalsergeben, ohne große Gedanken an die Zukunft. Trotzdem werden Sie merken: In Ihrem Erleben liegt bereits der Ansatz zur Veränderung. Es ist wichtig, dass Sie selbst auf die Suche gehen und Ihren eigenen Wunsch nach Veränderung erspüren, denn liest man, was andere Verkehrspsychologen schreiben oder sagen, so gewinnt man folgenden Eindruck: Je hochrangiger der Autor, desto selbstverständlicher erscheint es ihm, dass der Bösewicht und Verkehrssünder gefälligst ab dem ersten führerscheinlosen Tag den ihm innewohnenden Saustall mit eisernem Besen auszukehren habe. Ein Missetäter ohne Motivation zu selbstkritischer Aufarbeitung seines Fehlverhaltens erscheint vielen Verkehrspsychologen unvorstellbar, zumindest aber als vernachlässigbar.
Dabei ist genau das der Normalfall, nämlich dass man nach einem Führerscheinentzug keine Lust hat, sich mit dieser unerfreulichen Sache auch noch auseinander zu setzen. Bereits der Gedanke an die Beamtenformulierung »selbstkritische Aufarbeitung aktenkundigen Fehlverhaltens« lässt einen müde bis ärgerlich abwinken, »Schafft mir den Klugscheißer hier raus« wäre noch eine moderate Reaktion. Wenn Sie aber den Normalfall der Unlust übertreiben, wenn Sie sich jetzt als Experiment richtig reinsteigern in Passivität, Selbstmitleid und Bußunwilligkeit, dann werden Sie tief im Inneren Ihrer geschundenen Autofahrerseele die Signale des Aufbruchs hören, werden unwillkürlich dem Sirenengesang der Weiterentwicklung folgen, und dann ist sie plötzlich da: Ihre eigene Motivation, die leidige Sache mit dem Führerschein aus eigener Kraft anzupacken. Also, wenn Sie nicht schon von sich aus und vernunftmäßig überzeugt sind, dass Sie sich ändern wollen, dann lassen Sie Schicksalsgöttin, Schweinehund und Schlendrian in Gedanken freien Lauf, und nehmen Sie so ein wenig Anlauf für Ihre Mobilmachung. Auch wenn Passivität und Selbstmitleid der Normalfall sind, Sie sind nicht der Normalfall (der liest nämlich auch dieses Buch nicht), und überhaupt: Was geht Sie der Normalfall eigentlich an? Nehmen Sie den Normalfall des stillen, unlustigen Duldens als Maßstab, aber keinesfalls als Leitbild – allenfalls als abschreckendes Beispiel.